Der persische Orden und andere Grotesken
Part 2
»Ich bin so froh, daß wir endlich allein sind,« begann Lapkin, sich umsehend. »Ich habe Ihnen viel zu sagen, Anna Ssemjonowna ... Sehr viel ... Als ich Sie zum ersten Male sah ... Eben beißt es bei Ihnen an ... Ich begriff damals, wozu ich lebe, ich begriff, wo das Idol ist, dem ich mein ehrliches Arbeitsleben weihen muß ... Ist wohl ein großer Fisch ... er beißt an ... Als ich Sie erblickte, lernte ich zum ersten Male die Liebe kennen, ich gewann Sie leidenschaftlich lieb! Ziehen Sie noch nicht ... lassen Sie ihn noch einmal anbeißen ... Sagen Sie mir, meine Teure, ich beschwöre Sie: darf ich auf Gegenliebe hoffen -- nein, nicht auf Gegenliebe, das verdiene ich gar nicht, ich wage daran nicht mal zu denken, -- sondern auf ... Ziehen Sie!«
Anna Ssemjonowna hob die Hand mit der Angelrute, zog sie mit einem Ruck heraus und schrie auf. In der Luft blitzte ein silberig-grünes Fischchen.
»Mein Gott, ein Barsch! Ach, ach ... Schneller! Er hat sich losgerissen!«
Der Barsch riß sich vom Haken los, hüpfte über den Rasen zu seinem heimatlichen Element ... und patsch -- da war er schon im Wasser!
Auf der Jagd nach dem Fisch ergriff Lapkin, statt des Fisches, aus Versehen die Hand Anna Ssemjonownas und drückte sie, gleichfalls aus Versehen, an seine Lippen ... Sie versuchte, die Hand zurückzuziehen, aber es war schon zu spät: ihre Lippen trafen sich aus Versehen in einem Kuß. Das kam irgendwie ganz von selbst. Auf den ersten Kuß folgte ein zweiter, dann kamen Liebesschwüre und Versicherungen ... Glückliche Augenblicke! In diesem Erdenleben gibt es übrigens kein absolutes Glück. Das Glück trägt gewöhnlich das Gift in sich selbst oder wird durch irgend etwas von außen vergiftet. So war es auch diesmal. Als die jungen Leute sich küßten, ertönte plötzlich ein Lachen. Sie blickten auf den Fluß und erstarrten: Im Flusse stand bis an die Hüften im Wasser ein nackter Junge. Es war der Gymnasiast Kolja, der Bruder Anna Ssemjonownas. Er stand im Wasser, sah die jungen Leute an und lächelte giftig.
»Aha ... ihr küßt euch?« sagte er. »Schön! Ich will es der Mama sagen.«
»Ich hoffe, daß Sie als anständiger Mensch ...« stammelte Lapkin errötend.
»Spionieren ist gemein, denunzieren ist aber niederträchtig, häßlich und abscheulich ... Ich nehme an, daß Sie als edler und anständiger Mensch ...«
»Geben Sie mir einen Rubel, dann sage ich es nicht!« antwortete der anständige Mensch. »Sonst sage ich es.«
Lapkin holte aus der Tasche einen Rubel und gab ihn Kolja. Jener drückte den Rubel in der nassen Faust zusammen, stieß einen Pfiff aus und schwamm davon. Aber die jungen Leute küßten sich diesmal nicht mehr.
Am anderen Tage brachte Lapkin Kolja aus der Stadt einen Tuschkasten und einen Ball, die Schwester schenkte ihm aber alle ihre leeren Pillenschachteln. Dann mußte man ihm auch noch die Manschettenknöpfe mit den Hundeköpfen schenken. Dem bösen Jungen gefiel es wohl sehr gut, und er fing an, um noch mehr zu kriegen, zu beobachten. Wohin sich auch Lapkin und Anna Ssemjonowna wandten, er folgte ihnen überall. Für keinen Augenblick ließ er sie allein.
»Schuft«, sagte Lapkin zähneknirschend. »So klein und ein so großer Schuft! Was wird noch aus ihm werden?!«
Kolja ließ den ganzen Juni den armen Verliebten keine Ruhe. Er drohte mit einer Anzeige, beobachtete sie und forderte Geschenke; alles war ihm zu wenig, und zuletzt brachte er die Rede auf eine Taschenuhr. Nun, man mußte ihm die Taschenuhr versprechen.
Einmal beim Mittagessen, als eben Waffeln gereicht wurden, lachte er plötzlich auf, blinzelte mit einem Auge und fragte Lapkin:
»Soll ich es sagen? Was?«
Lapkin errötete furchtbar und begann statt an der Waffel an der Serviette zu kauen.
Anna Ssemjonowna sprang auf und lief ins andere Zimmer.
In dieser Lage blieben die jungen Leute bis Ende August, bis zu dem Tag, als Lapkin Anna Ssemjonowna endlich den Antrag machte. Was war das für ein glücklicher Tag! Nachdem er mit den Eltern der Braut alles besprochen und ihre Einwilligung erhalten hatte, lief Lapkin sofort in den Garten und begann Kolja zu suchen. Als er ihn fand, brach er vor Freude schier in Tränen aus und packte den bösen Jungen am Ohr. Auch Anna Ssemjonowna, die gleichfalls Kolja suchte, kam herbei und packte ihn am anderen Ohr. Man muß das Entzücken gesehen haben, das die Gesichter der Verliebten ausdrückten, als Kolja weinte und flehte:
»Meine Lieben, meine Guten, ich tue es nicht mehr! Au, au, verzeiht mir!«
Die beiden gestanden später, daß sie, solange sie heimlich verliebt gewesen waren, kein einziges Mal solches Glück, solche atembeklemmende Seligkeit empfunden hätten, wie in den Augenblicken, als sie den bösen Jungen an den Ohren rissen.
Es war sie!
»Erzählen Sie uns etwas, Pjotr Iwanowitsch!« sagten die jungen Mädchen.
Der Oberst drehte seinen ergrauten Schnurrbart, räusperte sich und begann:
»Es war im Jahre 1843, als unser Regiment bei Czenstochowa lag. Ich muß Ihnen sagen, meine Damen, der Winter war in jenem Jahre so streng, daß kein Tag verging, wo sich die Wachtposten nicht die Nasen abfroren oder der Sturm die Straßen nicht mit Schnee verschüttete. Der Frost hatte Ende Oktober eingesetzt und hielt bis zum April an. Damals, müssen Sie wissen, war ich nicht der alte verrauchte Pfeifenkopf wie jetzt, sondern ein junger Bursche wie Blut und Milch, mit einem Worte, ein schöner Mann. Ich zierte mich wie ein Pfau, gab das Geld mit beiden Händen aus und drehte meinen Schnurrbart wie kein anderer Fähnrich auf der Welt. Ich brauchte oft nur mit einem Auge zu blinzeln, mit der Spore zu klirren und einmal den Schnurrbart zu streichen, damit die stolzeste Schöne sich sofort in ein sanftes Lamm verwandle. Ich war scharf auf die Weiber, wie eine Spinne auf die Fliegen, und wenn ich jetzt Ihnen, meine Damen, alle die Polinnen und Jüdinnen aufzählen wollte, die mir seinerzeit an den Hals flogen, so würden, ich versichere Sie, alle Zahlen der Mathematik nicht reichen ... Fügen Sie dem noch hinzu, daß ich Regimentsadjutant war, vorzüglich die Mazurka tanzte und mit einer allerliebsten Frau verheiratet war, Gott hab sie selig. Was ich für ein Taugenichts und ausgelassener Kerl war, -- davon können Sie sich keinen Begriff machen! Wenn im Landkreise irgendeine tolle Liebesgeschichte passierte, wenn jemand einem Juden die Schläfenlocken ausriß oder einem polnischen Edelmann in die Fresse haute, so wußten alle sofort, daß Leutnant Wywertow es angestellt hatte.
»Als Regimentsadjutant mußte ich mich viel im ganzen Landkreise herumtreiben. Bald kaufte ich Hafer oder Heu ein, bald verkaufte ich den Juden und Gutsbesitzern unsere ausgemusterten Pferde, meistens aber fuhr ich, meine Damen, eine Dienstreise vortäuschend, zu einem Stelldichein mit irgendeinem polnischen Edelfräulein oder zu einem reichen Gutsbesitzer, bei dem man Karten spielte ... In der Nacht vor Weihnachten fuhr ich einmal, ich erinnere mich, als wäre es eben gewesen, aus Czenstochowa ins Dorf Schewelki, wohin man mich in einer dienstlichen Angelegenheit geschickt hatte ... Der Frost war so grimmig, daß sogar die Pferde husteten und ich und mein Fuhrmann in einer halben Stunde zu zwei Eiszapfen geworden waren ... Mit dem Frost konnte man sich noch befreunden, aber denken Sie sich nur, auf dem halben Wege erhebt sich plötzlich ein Schneesturm. Der Schnee wirbelte und kreiste wie der Teufel vor der Ostermesse, der Wind heulte, als hätte man ihm seine Frau genommen, die Straße war verschwunden ... In kaum zehn Minuten waren wir alle -- ich, der Fuhrmann und die Pferde -- über und über mit Schnee bedeckt.
›Euer Wohlgeboren, wir haben den Weg verloren!‹ sagte der Fuhrmann.
›Hol dich der Teufel! Wie hast du aufgepaßt, du Tölpel? Nun, fahre jetzt geradeaus, vielleicht stoßen wir auf eine Menschenwohnung!‹
»Wir fuhren und fuhren, immer im Kreise herum, und so gegen Mitternacht stießen unsere Pferde an das Tor eines Gutshofes, der, ich erinnere mich noch, einem Grafen Bojadlowski, einem reichen Polen gehörte. Die Polen und die Juden sind für mich dasselbe wie Meerrettich nach dem Essen, aber ich muß die Wahrheit sagen: die polnischen Edelleute sind gastfreundlich, und es gibt keine heißeren Weiber als junge Polinnen ...
»Man ließ uns ein ... Der Graf Bojadlowski lebte damals in Paris, und uns empfing sein Verwalter, der Pole Kasimir Chapzinski. Ich erinnere mich, es war keine Stunde vergangen, als ich schon in der Wohnung des Verwalters saß, seiner Frau den Hof machte, trank und Karten spielte. Als ich fünf Dukaten gewonnen und genug getrunken hatte, bat ich um ein Nachtlager. Da es im Verwalterflügel keinen Platz gab, wies man mir ein Zimmer im gräflichen Herrenhause an.
›Fürchten Sie Gespenster?‹ fragte mich der Verwalter, mich in ein kleines Zimmer geleitend, das neben einem riesengroßen Saal voller Kälte und Finsternis lag.
›Gibt es denn hier Gespenster?‹ fragte ich, während ein dumpfes Echo meine Worte und Schritte wiederholte.
›Ich weiß es nicht,‹ antwortete der Pole lachend, ›aber mir scheint, daß es ein für Gespenster und unsaubere Geister außerordentlich geeigneter Ort ist.‹
»Ich hatte ordentlich getrunken und war besoffen wie vierzigtausend Schuster, aber diese Worte machten mich, offen gestanden, erschauern. Hol mich der Teufel, lieber sind mir hundert Tscherkessen als ein einziges Gespenst! Es war aber nichts zu machen, ich zog mich aus und legte mich hin ... Meine Kerze erleuchtete die Wände mit schwachem Lichte, an den Wänden hingen aber, stellen Sie es sich nur vor, Ahnenbilder, eines schrecklicher als das andere, altertümliche Waffen, Jagdhörner und ähnliche phantastische Dinge ... Es herrschte eine Grabesstille, nur im Nebensaale piepsten die Mäuse und knisterten die trockenen Möbel. Draußen war aber die Hölle los ... Der Wind sang jemand die Totenmesse, die Bäume bogen sich heulend und weinend; irgendein Teufelsding, wahrscheinlich ein Laden, quietschte jämmerlich und klopfte gegen den Fensterrahmen. Denken Sie sich hinzu, daß mir der Kopf schwindelte und sich zugleich mit meinem Kopf die ganze Welt drehte ... Wenn ich die Augen schloß, war es mir, als flöge mein Bett durch das ganze leere Haus und tanze mit den Gespenstern einen Reigen. Um meine Angst zu vermindern, blies ich vor allen Dingen die Kerze aus, da die leeren Zimmer bei Licht viel schrecklicher erscheinen als im Finsteren ...«
Die drei jungen Mädchen, die dem Oberst zuhörten, rückten zu ihm näher heran und bohrten in ihn ihre unbeweglichen Blicke.
»Nun«, fuhr der Oberst fort, »wie sehr ich mich auch bemühte, einzuschlafen, der Schlaf floh meine Lider. Bald schien es mir, daß Diebe durchs Fenster eindringen, bald hörte ich ein Flüstern, bald berührte jemand meine Schulter, -- kurz, mir schwebte der ganze Teufelsspuk vor, den jedermann kennt, der einmal nervös erregt war. Nun stellen Sie sich vor, daß ich plötzlich mitten in diesem Teufelsspuk und Chaos von Tönen deutlich ein Geräusch erkenne, das wie Schlürfen von Pantoffeln klingt. Ich spitze die Ohren und, -- was glauben Sie wohl? -- ich höre, wie jemand vor meine Türe tritt, hustet, die Türe aufmacht ...
›Wer ist da?‹ frage ich, mich aufrichtend.
›Ich bin es ... fürchte dich nicht!‹ antwortet eine weibliche Stimme.
»Ich ging zur Tür ... Es vergingen einige Sekunden, und plötzlich fühlte ich, wie sich mir zwei Frauenarme, so weich wie Eiderdaunen, auf die Schultern legten.
›Ich liebe dich ... Du bist mir teurer als das Leben,‹ sagte eine melodische Frauenstimme.
»Heißer Atem berührte meine Wange ... Ich vergaß den Schneesturm, die Gespenster und alles in der Welt und umschlang mit meiner Hand eine Taille ... was für eine Taille! Eine solche Taille kann die Natur nur auf besondere Bestellung, einmal in zehn Jahren anfertigen ... Schlank, wie gedrechselt, heiß und leicht wie der Atem eines Säuglings! Ich konnte mich nicht beherrschen und drückte sie fest in meinen Armen zusammen ... Unsere Lippen vereinigten sich in einem festen, langen Kusse, und ... ich schwöre Ihnen bei allen Frauen der Welt, ich werde jenen Kuß bis an mein Ende nicht vergessen.«
Der Oberst verstummte, trank ein halbes Glas Wasser aus und fuhr mit gedämpfter Stimme fort:
»Als ich am nächsten Morgen zum Fenster hinausblickte, sah ich, daß der Schneesturm noch stärker geworden war ... Weiterfahren war ganz unmöglich. So mußte ich den ganzen Tag beim Verwalter sitzen, Karten spielen und trinken. Abends war ich wieder im leeren Hause und umschlang Schlag Mitternacht wieder die mir bekannte Taille ... Ja, meine Damen, wenn nicht die Liebe, so wäre ich wohl vor Langeweile verreckt. Oder hätte mich zu Tode gesoffen.«
Der Oberst seufzte, stand auf und ging schweigend durchs Zimmer.
»Nun ... und weiter?« fragte eines der jungen Mädchen, ganz atemlos vor Erwartung.
»Gar nichts. Am anderen Tage war ich schon unterwegs.«
»Aber ... wer war denn die Dame?« fragten die jungen Mädchen zögernd.
»Es versteht sich doch von selbst, wer es war!«
»Nein, nichts versteht sich von selbst!«
»Es war meine Frau!«
Alle drei junge Mädchen sprangen wie von einer Schlange gebissen auf.
»Das heißt ... wieso denn?« fragten sie.
»Ach, mein Gott, was ist denn daran so unverständlich?« fragte der Oberst ärgerlich und zuckte die Achseln. »Ich glaube, ich habe mich klar genug ausgedrückt! Ich war doch mit meiner Frau nach Schewelki gefahren ... Sie übernachtete im leeren Hause im Nebenzimmer ... Es ist doch vollkommen klar!«
»Hm ...« versetzten die jungen Mädchen und ließen enttäuscht die Arme sinken.
»Die Geschichte hat so schön angefangen, aber das Ende ist Gott weiß wie ... Ihre Frau ... Entschuldigen Sie, es ist so gar nicht interessant und ... auch gar nicht geistreich.«
»Sonderbar! Sie wollen also, daß es nicht meine rechtmäßige Frau gewesen sei, sondern irgendeine Fremde! Ach, meine Damen! Wenn Sie jetzt so urteilen, was werden Sie erst sagen, wenn Sie einmal verheiratet sind?«
Die jungen Mädchen wurden verlegen und verstummten. Sie machten unzufriedene Mienen, zogen die Stirnen kraus und fingen an, gänzlich enttäuscht, laut zu gähnen ... Beim Abendbrot aßen sie nichts, kneteten Kügelchen aus Brot und schwiegen.
»Nein, es ist sogar ... gewissenslos!« platzte eine von ihnen heraus. »Was brauchten Sie es uns erzählen, wenn die Geschichte ein solches Ende hat? Es ist gar nicht schön ... Es ist sogar unerhört!«
»Sie haben so vielversprechend angefangen und plötzlich abgebrochen ...« fügte eine andere hinzu. »Es ist einfach Hohn und sonst nichts.«
»Na, na, na ... ich habe nur gescherzt ...« versetzte der Oberst. »Seien Sie nicht böse, meine Damen, ich habe nur Spaß gemacht. Es war nicht meine Frau, sondern die des Verwalters ...«
»Ja?!«
Die jungen Mädchen wurden plötzlich lustig, ihre Augen fingen zu leuchten an ... Sie rückten zum Obersten heran, schenkten ihm immer neuen Wein ein und überschütteten ihn mit Fragen. Die Langweile war verschwunden, auch das Abendbrot war bald verschwunden, denn die jungen Mädchen aßen plötzlich mit großem Appetit.
Ein jähzorniger Mensch
Ich bin ein ernster Mensch, und mein Geist hat eine philosophische Richtung. Von Beruf bin ich Finanzwissenschaftler, ich studiere Finanzrecht und schreibe eine Dissertation über das Thema: »Vergangenheit und Zukunft der Hundesteuer«. Man wird mir zugeben müssen, daß mich alle die jungen Mädchen, die Lieder, der Mond und sonstige Dummheiten absolut nichts angehen.
Zehn Uhr früh. Meine Mama schenkt mir Kaffee ein. Ich trinke ihn aus und gehe auf den Balkon, um mich sofort an meine Dissertation zu machen. Ich nehme einen reinen Bogen, tauche die Feder ins Tintenfaß und male die Überschrift: »Vergangenheit und Zukunft der Hundesteuer«. Ich überlege eine Weile und schreibe: »Historischer Überblick. Aus einigen Andeutungen bei Herodot und Xenophon zu schließen, datieren die Anfänge der Hundesteuer ...«
In diesem Augenblick höre ich aber höchst verdächtige Schritte. Ich schaue von meinem Balkon hinunter und erblicke ein junges Mädchen mit langem Gesicht und langer Taille. Sie heißt, glaube ich, Nadenjka oder Warenjka; übrigens ist es mir vollkommen gleich. Sie sucht etwas, tut so, als sähe sie mich nicht und summt vor sich hin:
»Gedenkst du noch der Weise voller Sehnsucht ...«
Ich lese das Geschriebene durch und will fortfahren, aber das junge Mädchen tut so, als hätte sie mich plötzlich bemerkt und spricht mit trauriger Stimme:
»Guten Morgen, Nikolai Andrejewitsch! Denken Sie sich nur, dieses Unglück! Gestern beim Spazierengehen verlor ich ein Anhängsel von meinem Armband.«
Ich lese den Anfang meiner Dissertation noch einmal durch, korrigiere die Öse beim Buchstaben »b« und will weiter schreiben, aber das junge Mädchen läßt nicht locker.
»Nikolai Andrejewitsch,« sagt sie, »seien Sie so gut und begleiten Sie mich nach Hause. Die Karelins haben einen großen Hund, und ich kann mich nicht entschließen, allein vorbeizugehen.«
Nichts zumachen. Ich lege die Feder weg und gehe hinunter. Nadenjka oder Warenjka nimmt mich unter den Arm, und wir schlagen den Weg zu ihrer Landwohnung ein.
Wenn mich die Pflicht trifft, mit einer Dame oder mit einem Mädchen Arm in Arm zu gehen, so fühle ich mich aus irgendeinem Grunde immer wie ein Haken, an den man einen schweren Pelz gehängt hat; Nadenjka oder Warenjka ist aber, unter uns gesagt, leidenschaftlicher Natur (ihr Großvater war Armenier), sie hat die Fähigkeit, sich mit der ganzen Schwere ihres Körpers an meinen Arm zu hängen und schmiegt sich an meine Seite wie ein Blutegel. So gehen wir ...
Wie wir am Landhause der Karelins vorbeikommen, sehe ich einen großen Hund, und dieser ruft mir die Hundesteuer in Erinnerung. Ich denke mit Sehnsucht an die angefangene Arbeit und seufze.
»Warum seufzen Sie?« fragt mich Nadenjka oder Warenjka und stößt auch selbst einen Seufzer aus.
Hier muß ich etwas einschalten. Nadenjka oder Warenjka (jetzt besinne ich mich, daß sie Maschenjka heißt) hat sich aus irgendeinem Grunde eingebildet, daß ich in sie verliebt sei, und hält es daher für eine Pflicht der Menschenliebe, mich immer mitleidsvoll anzublicken und meine Herzenswunde durch Worte zu heilen.
»Hören Sie einmal,« sagt sie stehenbleibend, »ich weiß, warum Sie seufzen. Sie sind verliebt, ja! Aber ich bitte Sie bei unserer Freundschaft, versichert zu sein, daß das Mädchen, das Sie lieben, Sie tief achtet! Sie kann Ihnen Ihre Liebe nicht mit dem gleichen Gefühl beantworten, aber ist es denn ihre Schuld, daß ihr Herz schon längst einem anderen gehört?«
Maschenjkas Nase wird rot und schwillt an, ihre Augen füllen sich mit Tränen; sie scheint auf meine Antwort zu warten, aber zum Glück sind wir schon am Ziel ... Auf der Veranda sitzt Maschenjkas Mama, eine gute Frau, doch voller Vorurteile; als sie das erregte Gesicht ihrer Tochter sieht, heftet sie einen langen Blick auf mich und seufzt, als wollte sie sagen: »Ach, diese Jugend versteht sich nicht mal zu verstellen!« Außer ihr sitzen auf der Veranda mehrere junge bunte Mädchen und unter ihnen mein Sommernachbar, der verabschiedete Offizier, der im letzten Kriege an der linken Schläfe und an der rechten Hüfte verwundet worden ist. Dieser Unglückliche will gleich mir den Sommer einer literarischen Arbeit weihen. Er schreibt an den »Memoiren eines Militärs«. Gleich mir macht er sich jeden Morgen an seine jede Achtung verdienende Arbeit, aber kaum hat er die Worte geschrieben: »Ich bin geboren im Jahre ...«, als unter seinem Balkon irgendeine Warenjka oder Maschenjka erscheint und den armen Kerl mit Beschlag belegt.
Alle, die auf der Veranda sitzen, sind mit dem Putzen irgendwelcher dummer, zum Einkochen bestimmter Beeren beschäftigt. Ich grüße und will mich entfernen, aber die bunten jungen Mädchen nehmen mir quietschend meinen Hut und Stock weg und verlangen, daß ich bleibe. Ich setze mich. Man gibt mir einen Teller mit Beeren und eine Haarnadel. Ich beginne zu putzen.
Die bunten jungen Mädchen sprechen über die Männer. Der eine sei nett, der andere hübsch, aber unsympathisch, der dritte häßlich, der vierte wäre nicht übel, wenn seine Nase nicht einem Fingerhut gliche usw.
»Und Sie, Monsieur Nicolas,« wendet sich an mich Maschenjkas Mama, »sind nicht hübsch, aber sympathisch ... In Ihrem Gesicht ist etwas ... Übrigens,« seufzt sie, »ist die Hauptsache am Manne nicht die Schönheit, sondern der Geist.«
Die jungen Mädchen seufzen und schlagen die Augen nieder. Auch sie sind damit einverstanden, daß die Hauptsache am Manne nicht die Schönheit, sondern der Geist sei. Ich schiele nach dem Spiegel, um mich zu überzeugen, inwiefern ich sympathisch bin. Ich sehe einen zerzausten Kopf, einen zerzausten Bart und Schnurrbart, Augenbrauen, Haare an den Wangen, Haare unter den Augen, ein ganzer Wald, aus dem wie ein Turm meine solide Nase ragt. Hübsch, das muß man sagen!
»Dafür schlagen Sie die anderen mit dem Seelischen, Nicolas,« seufzt Maschenjkas Mama, als bekräftige sie einen heimlichen Gedanken.
Maschenjka leidet mit mir mit, zugleich scheint ihr aber das Bewußtsein, daß ihr gegenüber ein in sie verliebter Mensch sitzt, einen großen Genuß zu verschaffen.
Als die Männer erledigt sind, beginnen die jungen Mädchen über die Liebe zu sprechen. Nachdem dieses Gespräch eine Weile gedauert hat, steht eines der jungen Mädchen auf und geht. Die Zurückgebliebenen beginnen sie sofort durchzuhecheln. Alle finden, sie sei dumm, unerträglich und abstoßend häßlich und eines ihrer Schulterblätter sitze nicht an der richtigen Stelle.
Da kommt aber, Gott sei Dank, das von meiner Mama geschickte Dienstmädchen und ruft mich zum Essen. Nun darf ich die unangenehme Gesellschaft verlassen und heimgehen, um meine Dissertation weiter zu schreiben. Ich stehe auf und mache eine Verbeugung. Maschenjkas Mama, Maschenjka selbst und alle die bunten jungen Mädchen umringen mich und erklären, daß ich kein Recht habe, heimzugehen, da ich ihnen gestern mein Ehrenwort gegeben hätte, mit ihnen zu Mittag zu essen und nach dem Essen in den Wald auf die Pilzsuche zu gehen. Ich verbeuge mich und setze mich wieder ... In meiner Seele kocht der Haß, und ich fühle, daß ich bald für mich nicht mehr einstehen können werde, daß es gleich zu einer Explosion kommen müsse, aber meine Höflichkeit und die Angst, den guten Ton zu verletzen, zwingen mich, mich den Damen zu fügen. Und ich füge mich.
Wir setzen uns an den Tisch. Der verwundete Offizier, der infolge der Verwundung an der Schläfe eine Kontraktion der Kiefern hat, ißt mit einer Miene, als wäre er aufgezäumt und hätte eine Kandare im Munde. Ich knete Kügelchen aus Brot, denke an die Hundesteuer und bemühe mich, da ich meinen jähzornigen Charakter kenne, zu schweigen. Maschenjka blickt mich voller Mitleid an. Es gibt eine kalte Sauerampfersuppe, Zunge mit jungen Erbsen, Brathuhn und Kompott. Ich habe keinen Appetit, esse aber aus Höflichkeit. Wie ich nach dem Essen allein auf der Veranda stehe und rauche, kommt auf mich Maschenjkas Mama zu, drückt mir die Hände und spricht um Atem ringend:
»Verzweifeln Sie aber nicht, Nicolas ... Sie hat ein so empfindsames Herz ... ein solches Herz!«
Wir gehen in den Wald auf die Pilzsuche ... Maschenjka hängt an meinem Arm und saugt sich an meiner Seite fest. Ich leide unmenschlich, dulde es aber.
Wir kommen in den Wald.
»Hören Sie einmal, Monsieur Nicolas,« beginnt Maschenjka seufzend: »Warum sind Sie so traurig? Warum schweigen Sie?«
Ein sonderbares Mädchen: worüber könnte ich denn mit ihr sprechen? Was haben wir gemein?
»Sagen Sie doch etwas ...« bittet sie.
Ich bemühe mich, etwas Populäres auszudenken, was ihren Begriffen zugänglich wäre. Nachdem ich eine Weile nachgedacht habe, sage ich:
»Die Ausrottung der Wälder fügt Rußland einen großen Schaden zu ...«