Der persische Orden und andere Grotesken
Part 1
ANTON TSCHECHOW
Der Persische Orden
und andere Grotesken
Mit
acht Holzschnitten
von
W. N. MASSJUTIN
1922
Welt-Verlag / Berlin
Deutsch von Alexander Eliasberg
Alle Rechte vorbehalten Copyright by the Welt-Verlag 1922 Gedruckt bei Otto v. Holten, Berlin C.
Inhaltsverzeichnis
Seite
Der Persische Orden 9
Die Simulanten 14
Aus dem Tagebuch des zweiten Buchhalters 20
Ein böser Junge 25
Es war sie! 30
Ein jähzorniger Mensch 37
Eine problematische Natur 50
Intrigen 55
Der Persische Orden
In einer der diesseits des Urals gelegenen Städte verbreitete sich das Gerücht, daß dieser Tage im Hotel »Japan« der persische Würdenträger Rachat-Chelam abgestiegen sei. Dieses Gerücht machte auf die Bürger nicht den geringsten Eindruck: ein Perser ist angekommen, was ist denn dabei? Nur das Stadthaupt Stepan Iwanowitsch Kuzyn wurde, als er vom Sekretär des Magistrats über die Ankunft des Orientalen erfuhr, nachdenklich und fragte:
»Wohin reist er denn?«
»Ich glaube, nach Paris oder nach London.«
»Hm! ... Ist also ein großes Tier?«
»Das weiß der Teufel.«
Als das Stadthaupt aus dem Magistrat heimgekommen war und zu Mittag gegessen hatte, wurde es wieder nachdenklich und dachte diesmal bis zum Abend durch. Die Ankunft des vornehmen Persers intrigierte ihn außerordentlich. Er glaubte, das Schicksal selbst habe ihm diesen Rachat-Chelam gesandt und endlich sei der günstige Augenblick zur Verwirklichung seines sehnlichsten und leidenschaftlichsten Wunsches gekommen. Kuzyn besaß nämlich schon zwei Medaillen, den Stanislaus-Orden III. Klasse, die Denkmünze des Roten Kreuzes und das Abzeichen des »Vereins zur Rettung Schiffbrüchiger«; außerdem hatte er sich ein Anhängsel für die Uhrkette machen lassen, das ein mit einer Gitarre gekreuztes goldenes Gewehr darstellte und das, aus dem Knopfloch seines Uniformrocks heraushängend, aus der Ferne wie etwas Besonderes aussah und als ein Ehrenzeichen angesehen werden konnte. Es ist bekannt, daß je mehr Orden und Medaillen einer hat, er um so mehr weitere haben möchte, -- das Stadthaupt wollte aber schon längst den Persischen Sonnen- und Löwenorden haben, er wollte es leidenschaftlich, wahnsinnig. Er wußte sehr gut, daß man zur Erlangung dieses Ordens weder kämpfen, noch Gelder für Waisenanstalten spenden, noch ein Ehrenamt bekleiden muß, sondern bloß einer günstigen Gelegenheit bedarf. Nun schien es ihm, daß diese Gelegenheit eingetreten sei.
Am anderen Tag, um die Mittagsstunde, legte er alle seine Ehrenzeichen und die Uhrkette an und begab sich ins Hotel »Japan«. Das Schicksal war ihm günstig. Als er das Zimmer des vornehmen Persers betrat, war jener allein und unbeschäftigt. Rachat-Chelam, ein riesengroßer Asiate mit einer langen Schnepfennase und hervorstehenden Glotzaugen, saß, einen Fez auf dem Kopfe, auf dem Fußboden und wühlte in seinem Koffer.
»Entschuldigen Sie gütigst die Belästigung«, begann Kuzyn mit einem Lächeln. »Habe die Ehre, mich vorzustellen: erblicher Ehrenbürger und Ritter verschiedener Orden, Stepan Iwanowitsch Kuzyn, der Bürgermeister dieser Stadt. Ich halte es für meine Pflicht, in Ihrer Person den Vertreter einer uns sozusagen freundnachbarlichen Großmacht zu begrüßen.«
Der Perser wandte sich um und murmelte etwas in einem sehr schlechten Französisch, das wie Klopfen von Holz gegen Holz klang.
»Die Grenzen Persiens«, fuhr Kuzyn in seiner vorher zurechtgelegten Ansprache fort, »berühren eng die Grenzen unseres ausgedehnten Vaterlandes, und die gegenseitigen Sympathien bewegen mich daher, Ihnen unsere Solidarität auszusprechen.«
Der vornehme Perser erhob sich und murmelte wieder etwas, in seiner hölzernen Sprache. Kuzyn, der keine fremden Sprachen beherrschte, schüttelte den Kopf, um ihm zu bedeuten, daß er nichts verstehe.
-- Wie soll ich mit ihm reden? -- dachte er sich. -- Es wäre gut, einen Dolmetscher kommen zu lassen, aber es ist eine heikle Angelegenheit, und vor Zeugen kann ich darüber nicht gut sprechen. Der Dolmetscher wird es in der ganzen Stadt ausposaunen. --
Und Kuzyn fing an, alle Fremdworte zusammenzukramen, die er aus den Zeitungen wußte.
»Ich bin Stadthaupt ...« stammelte er. »Das heißt, Lord-Maire ... Municipalé ... Wui? Komprené?«
Er wollte durch Worte und Mienenspiel seine gesellschaftliche Stellung erklären und wußte nicht, wie es zu machen. Zur Hilfe kam ihm das Bild mit der Unterschrift »Stadt Venedig«, das an der Wand hing. Er zeigte mit dem Finger auf die Stadt und dann auf seinen Kopf und glaubte auf diese Weise den Satz »Ich bin das Stadthaupt« ausgedrückt zu haben. Der Perser verstand absolut nichts, lächelte aber und sagte:
»Bon, monsieur ... bon ...«
Eine halbe Stunde später klopfte das Stadthaupt den Perser bald aufs Knie, bald auf die Schulter und sprach:
»Komprené? Wui? Als Lord-Maire und Municipalé ... schlage ich Ihnen vor, eine kleine Promenade zu machen ... Komprené? Promenade ...«
Kuzyn wandte sich wieder der Ansicht Venedigs zu und stellte mittelst zweier Finger ein Paar schreitende Beine dar. Rachat-Chelam, der keinen Blick von seinen Medaillen wandte und offenbar ahnte, daß er die wichtigste Person der Stadt vor sich habe, begriff das Wort »Promenade« und grinste höflich. Dann zogen die beiden ihre Mäntel an und verließen das Zimmer. Unten vor der Tür zum Restaurant »Japan« sagte sich Kuzyn, daß es gar nicht schaden würde, den Perser zu bewirten. Er blieb stehen, zeigte auf die Tische und sagte:
»Nach russischer Sitte, es wäre nicht schlecht ... Ich meine: Purée, entre-côte ... Champagne usw. ... Komprené?«
Der vornehme Gast kapierte es, und eine Weile später saßen die beiden im besten Extrazimmer des Restaurants, tranken Sekt und aßen.
»Wollen wir auf das Gedeihen Persiens trinken!« sagte Kuzyn. »Wir Russen lieben die Perser. Wir sind zwar verschiedenen Glaubens, aber die gemeinsamen Interessen, sozusagen die gegenseitigen Sympathien ... der Fortschritt ... die asiatischen Märkte ... sozusagen die friedlichen Eroberungen ...«
Der vornehme Perser aß mit großem Appetit. Er bohrte seine Gabel in einen Störrücken, nickte mit dem Kopf und sagte:
»Gut! Bien!«
»Gefällt das Ihnen?« fragte das Stadthaupt erfreut. »Bien? Wunderschön!« Dann wandte er sich an den Kellner und sagte: »Luka, laß seiner Exzellenz zwei Störrücken aufs Zimmer bringen, von den besten!«
Das Stadthaupt und der persische Würdenträger fuhren darauf die Menagerie besichtigen. Die Bürger sahen, wie ihr Stepan Iwanowitsch, rot vom getrunkenen Sekt, lustig und sehr zufrieden den Perser durch die Hauptstraßen der Stadt und auf den Markt führte und ihm die Sehenswürdigkeiten zeigte; er bestieg mit ihm auch den Feuerwachtturm.
Die Bürger sahen u. a., wie er vor einem löwenflankierten steinernen Tore stehen blieb und dem Perser erst einen der Löwen und dann die Sonne am Himmel zeigte, sich dann auf die Brust tippte, dann wieder auf den Löwen und auf die Sonne wies, worauf der Perser bejahend mit dem Kopfe nickte und lächelnd seine weißen Zähne zeigte. Am Abend saßen die beiden im Hotel »London« und hörten einem Damenchor zu; wo sie aber in der Nacht waren, ist unbekannt.
Am nächsten Morgen kam das Stadthaupt in den Magistrat; die Angestellten schienen schon etwas zu ahnen: der Sekretär ging auf ihn zu und sagte ihm mit einem spöttischen Lächeln:
»Die Perser haben folgende Sitte: wenn zu Ihnen ein vornehmer Gast kommt, sind Sie verpflichtet, für ihn eigenhändig einen Hammel zu schlachten.«
Etwas später reichte man ihm aber einen Brief, der mit der Post gekommen war. Kuzyn öffnete den Umschlag und fand darin eine Karikatur. Sie stellte Rachat-Chelam dar und das Stadthaupt, das vor ihm auf den Knien lag und, die Hände zu ihm emporstreckend, sagte:
Um Rußlands und des Perserreichs Freundschaftsbeziehungen zu achten, Würd' ich, Herr Botschafter, respektvoll grenzenlos Mich selber gern als einen Hammel schlachten, Doch Sie verzeih'n: ein Esel bin ich bloß!
Das Stadthaupt empfand ein unangenehmes Gefühl in der Herzgrube, es hielt aber nicht lange an. Um die Mittagsstunde war er schon wieder beim vornehmen Perser, bewirtete ihn wieder im Restaurant, zeigte ihm die Sehenswürdigkeiten der Stadt, führte ihn wieder vor das Löwentor und wies wieder bald auf den Löwen, bald auf die Sonne und bald auf seine Brust. Sie speisten im Hotel »Japan« und bestiegen nach dem Essen, mit Zigarren im Munde und geröteten strahlenden Gesichtern, wieder den Feuerwachtturm. Das Stadthaupt wollte wohl dem Gast ein seltenes Schauspiel bieten und rief von oben dem unten auf und ab gehenden Wächter zu:
»Leute, Alarm!«
Aber aus dem Alarm wurde nichts, da alle Feuerwehrleute sich um diese Stunde im Dampfbade befanden.
Sie soupierten im Hotel »London«, und gleich darauf reiste der Perser ab. Stepan Iwanowitsch küßte ihn beim Abschied nach russischer Sitte dreimal und vergoß sogar einige Tränen. Als der Zug sich in Bewegung setzte, rief er ihm nach:
»Grüßen Sie von uns Persien. Sagen Sie ihm, daß wir es lieben!«
Ein Jahr und vier Monate waren vergangen. Es herrschten ein strenger Frost von etwa fünfunddreißig Grad, begleitet von einem durchdringenden Wind. Stepan Iwanowitsch ging durch die Straße, den Pelzmantel an der Brust geöffnet, und ärgerte sich furchtbar darüber, daß niemand ihm begegnete und seinen Sonnen- und Löwenorden sah. So ging er im offenen Pelz bis zum Abend und war ganz erfroren; in der Nacht aber wälzte er sich von der einen Seite auf die andere und konnte keinen Schlaf finden.
Es war ihm schwer zumute, in seinem Innern brannte es, und sein Herz klopfte unruhig: jetzt gelüstete es ihn nach dem Serbischen Takowo-Orden. Es gelüstete ihn qualvoll und leidenschaftlich.
Die Simulanten
Die Generalin Marfa Petrowna Petschonkina oder, wie die Bauern sie nennen, die Petschonkin'sche, die schon seit zehn Jahren die homöopathische Praxis ausübt, empfängt an einem Maidienstag in ihrem Kabinett Kranke. Sie hat vor sich auf dem Tisch einen homöopathischen Arzneikasten, ein Handbuch der Homöopathie und Rechnungen von der homöopathischen Apotheke. An der Wand hängen in goldenen Rahmen die Briefe irgendeines Petersburger Homöopathen, eines nach Ansicht Marfa Petrownas sehr berühmten und sogar großen Mannes und das Bildnis des Priesters P. Aristarch, dem die Generalin ihre Rettung zu verdanken hat: die Lossagung von der schädlichen Allopathie und die Erkenntnis der Wahrheit. Im Vorzimmer warten die Patienten, zum größten Teil Bauern. Sie alle sind mit Ausnahme von zwei oder drei barfuß, da die Generalin befohlen hat, die stinkenden Stiefel draußen zu lassen.
Marfa Petrowna hat schon zehn Patienten abgefertigt und ruft den elften:
»Gawrila Grusdj!«
Die Tür geht auf, und statt des Gawrila Grusdj tritt ins Zimmer der Nachbar der Generalin, der verarmte Gutsbesitzer Samuchrischin, ein kleines altes Männchen mit trüben Augen und einer Mütze mit rotem Rand. Er stellt seinen Stock in die Ecke, geht auf die Generalin zu und sinkt vor ihr stumm auf ein Knie.
»Was fällt Ihnen ein! Was fällt Ihnen ein, Kusjma Kusjmitsch!« entsetzt sich die Generalin, über und über rot. »Um Gottes Willen!«
»Solange ich lebe, stehe ich nicht auf!« sagt Samuchrischin, die Lippen an ihre Hand drückend. »Soll das ganze Volk sehen, wie ich vor Ihnen niederknie, Sie unser Schutzengel, Sie Wohltäterin des Menschengeschlechts! Sollen sie nur! Vor der wohltätigen Fee, die mir das Leben geschenkt, den wahren Weg gewiesen und mein skeptisches Klügeln erleuchtet hat, will ich nicht nur auf den Knien, sondern auch in Flammen liegen, Sie unsere wunderbare Ärztin, Mutter der Armen und Verwitweten! Ich bin gesund geworden! Ich bin auferstanden, Zauberin!«
»Es ... es freut mich ...!« murmelt die Generalin, vor Vergnügen errötend. »Es ist angenehm, so etwas zu hören ... Setzen Sie sich bitte! Am vorigen Dienstag waren Sie aber so schwer krank!«
»Ja, so schwer! Es wird mir bange, wenn ich daran zurückdenke!« sagt Samuchrischin, Platz nehmend. »In allen Körperteilen und Organen saß mir der Rheumatismus. Acht Jahre habe ich mich gequält und keine Ruhe gehabt ... Weder bei Tag, noch bei Nacht, meine Wohltäterin! Ich habe mich von Ärzten behandeln lassen, habe Professoren in Kasan konsultiert, Moorbäder genommen und Brunnen getrunken, alles, alles habe ich ausprobiert! Mein ganzes Vermögen ist draufgegangen, Mütterchen. Die Ärzte haben mir aber nur geschadet, sie haben mir meine Krankheit ins Innere getrieben. Hineintreiben können sie wohl, aber wieder heraustreiben -- das können sie nicht, so weit ist ihre Wissenschaft noch nicht ... Sie lieben nur Geld zu nehmen, diese Räuber, was aber das Wohl der Menschheit betrifft, so kümmern sie sich darum nicht viel. Er verschreibt mir irgendeine Chiromantie, und ich muß sie trinken. Mit einem Worte, es sind Mörder. Wenn Sie nicht wären, mein Engel, so läge ich schon im Grabe! Wie ich am vorigen Dienstag von Ihnen heimkomme und mir diese Streukügelchen ansehe, die Sie mir gegeben haben, denke ich mir: ›Was können die nützen? Können denn diese kaum sichtbaren Sandkörnchen meine schwere, alte Krankheit heilen?‹ So denke ich mir, Kleingläubiger, und lächele; kaum habe ich aber so ein Kügelchen eingenommen, als meine ganze Krankheit im Nu verschwunden ist. Meine Frau glotzt mich an und traut ihren Augen nicht. ›Bist du es, Kolja?‹ -- ›Ja, ich bin es.‹ Wir knieten beide vor dem Heiligenbilde nieder und beteten für unseren Engel: Herr, gib ihr alles, was wir ihr wünschen!«
Samuchrischin wischt sich mit dem Ärmel die Augen ab, erhebt sich von seinem Stuhl und zeigt die Absicht, wieder niederzuknien, aber die Generalin hindert ihn daran und läßt ihn wieder Platz nehmen.
»Danken Sie nicht mir,« sagt sie, vor Erregung errötend, mit einem Blick auf das Bildnis des P. Aristarch. »Nein, nicht mir! Ich bin hier nur ein gefügiges Werkzeug ... Es ist wirklich ein Wunder! Ein vernachlässigter achtjähriger Rheumatismus ist nach einer einzigen Pille Skrophuloso vergangen!«
»Sie waren so gütig, mir drei Kügelchen zu geben. Das eine nahm ich zu Mittag, und es wirkte sofort! Das andere nahm ich am Abend und das dritte am nächsten Tag, und seitdem spüre ich nichts mehr! Wenn es mich auch nur irgendwo zwicken wollte! Ich dachte aber schon an den Tod und hatte sogar meinem Sohne nach Moskau geschrieben, daß er kommen solle! Eine solche Weisheit hat Ihnen der Herr beschieden, Sie Wundertäterin! Jetzt fühle ich mich wie im Paradies ... Am vorigen Dienstag, als ich bei Ihnen war, hinkte ich noch, jetzt könnte ich aber wie ein Hase hüpfen ... Ich kann auch noch hundert Jahre leben. Nur eines bedrückt mich noch -- meine große Armut. Ich bin zwar gesund, aber was taugt mir meine Gesundheit, wenn ich nicht habe, wovon zu leben? Die Not bedrückt mich noch schwerer als die Krankheit ... Zum Beispiel eine solche Sache ... Jetzt ist Zeit, Hafer zu säen, wie soll ich ihn aber säen, wenn ich keine Saat habe? Ich müßte welche kaufen, aber das Geld dazu ... woher soll ich welches haben?«
»Ich will Ihnen Hafer geben, Kusjma Kusjmitsch ... Bleiben Sie nur sitzen! Sie haben mich so sehr erfreut, Sie haben mir solches Vergnügen bereitet, daß ich Ihnen danken muß, und nicht Sie mir!«
»Sie, unsere Freude! Was für eine Herzensgüte der liebe Gott manchmal in die Welt setzt! Freuen Sie sich, Mütterchen, Ihrer guten Werke! Wir Sünder haben aber nichts, dessen wir uns freuen könnten ... Wir sind kleine, kleinmütige, unnütze Menschen ... Ameisen ... Wir nennen uns nur Gutsbesitzer, in materieller Beziehung sind wir aber wie die Bauern, sogar noch schlimmer ... Wir wohnen zwar in steinernen Häusern, aber es ist nur eine Fata Morgana, denn das Dach ist undicht, so daß es hineinregnet ... Ich habe kein Geld, um Schindeln zu kaufen.«
»Ich will Ihnen Schindeln geben, Kusjma Kusjmitsch.«
Samuchrischin erbittet sich noch eine Kuh, einen Empfehlungsbrief für seine Tochter, die er ins Institut geben will, und ist von der Freigebigkeit der Generalin so gerührt, daß er vor Überfluß an Gefühlen aufschluchzt, den Mund verzieht und sein Tuch aus der Tasche holt ... Die Generalin sieht, wie zugleich mit dem Tuch aus seiner Tasche ein rotes Papierchen zum Vorschein kommt und lautlos auf den Boden fällt.
»Mein Lebtag vergesse ich es nicht ...« stammelt er. »Ich werde es auch meinen Kindern befehlen, auch meinen Enkeln ... von Geschlecht zu Geschlecht ... Kinder, das ist sie, die mich vom Tode errettet hat, sie, die ...«
Nachdem die Generalin den Patienten hinausbegleitet hat, sieht sie eine Minute lang mit tränenfeuchten Augen auf das Bild des P. Aristarch, läßt dann ihren freundlichen, andächtigen Blick über den Arzneikasten, die Handbücher, die Rechnungen und den Sessel schweifen, in dem eben der von ihr vom Tode errettete Mensch gesessen hat, und bemerkt schließlich das vom Patienten fallengelassene Papier. Die Generalin hebt das Papier auf und findet darin drei Streukügelchen, die gleichen Kügelchen, die sie am letzten Dienstag Samuchrischin gegeben hat.
»Es sind dieselben ...« sagt sie sich erstaunt. »Es ist sogar dasselbe Papier ... Er hat es nicht mal entfaltet! Was hat er dann eingenommen? Sonderbar ... Er wird mich doch nicht betrügen.«
In die Seele der Generalin schleicht sich zum ersten Male in ihrer zehnjährigen Praxis ein Zweifel ein ... Sie nimmt die folgenden Kranken vor und merkt, während sie mit ihnen über ihre Leiden spricht, manches, was sie bisher seltsamerweise überhört hat. Alle Kranken ohne Ausnahme preisen erst wie auf Verabredung ihre wunderbare Heilkunst, entzücken sich über ihre medizinische Weisheit, schimpfen auf die allopathischen Ärzte und beginnen dann, wenn sie vor Erregung rot geworden ist, mit der Schilderung ihrer Nöte. Der eine bittet um ein Stück Ackerland, der andere um Brennholz, der dritte um Erlaubnis, in ihren Waldungen zu jagen usw. Sie schaut auf das breite, gutmütige Antlitz des P. Aristarch, der ihr die Wahrheit offenbart hat, und eine neue Wahrheit beginnt ihr am Herzen zu nagen. Es ist eine unangenehme, schwere Wahrheit.
Listig ist der Mensch!
Aus dem Tagebuch des zweiten Buchhalters
1863, d. 11. Mai. Unser sechzigjähriger Buchhalter Glotkin hat anläßlich seines Hustens Milch mit Kognak getrunken und ist infolgedessen an Delirium tremens erkrankt. Die Ärzte behaupten mit der ihnen eigenen Sicherheit, daß er morgen sterben wird. Endlich werde ich erster Buchhalter werden! Diese Stelle ist mir schon längst versprochen.
Der Sekretär Kleschtschow kommt vors Gericht, weil er einen Bittsteller verprügelt hat, der ihn einen Bürokraten nannte. Das scheint beschlossene Sache zu sein.
Ich nahm eine Kräuterabkochung gegen Magenkatarrh ein.
1865, d. 3. August. Der Buchhalter Glotkin ist wieder brustkrank. Er hustet und trinkt Milch mit Kognak. Wenn er stirbt, kriege ich seine Stelle. Ich hoffe darauf, aber meine Hoffnung ist schwach, denn das Delirium tremens scheint nicht immer tödlich zu sein!
Kleschtschow hat einem Armenier einen Wechsel aus der Hand gerissen und vernichtet. Vielleicht kommt er deswegen vors Gericht.
Eine Alte (Gurjewna) sagte mir gestern, ich hätte keinen Magenkatarrh, sondern versteckte Hämorrhoiden. Es ist sehr möglich!
1867, d. 30. Juni. In Arabien herrscht, wie man berichtet, die Cholera. Vielleicht kommt sie auch nach Rußland, und dann wird es viel Vakanzen geben. Vielleicht wird der alte Glotkin sterben, und dann werde ich erster Buchhalter. Zäh ist der Mensch! So lange zu leben, ist, meiner Ansicht nach, sogar sträflich!
Was soll ich noch gegen meinen Magenkatarrh einnehmen? Vielleicht Zitwersamen?
1870, d. 2. Januar. Im Hofe bei Glotkin hat die ganze Nacht ein Hund geheult. Meine Köchin Pelageja sagt, dies sei ein sicheres Zeichen, und ich sprach mit ihr bis zwei Uhr nachts darüber, daß ich mir, wenn ich erster Buchhalter geworden bin, einen Waschbärpelz und einen Schlafrock anschaffen werde. Vielleicht werde ich auch heiraten. Natürlich kein Mädchen, denn das steht mir bei meinem Alter nicht an, sondern eine Witwe.
Gestern wurde Kleschtschow aus dem Klub hinausgeworfen, weil er einen unanständigen Witz erzählt und sich über den Patriotismus des Mitglieds der Handelsdeputation Ponjuchow lustig gemacht hat. Der letztere will ihn, wie man sagt, verklagen.
Ich will mit meinem Magenkatarrh zu Doktor Botkin gehen. Man sagt, er behandele seine Patienten mit Erfolg ...
1878, d. 4. Juni. In Wetljanka herrscht, wie man schreibt, die Pest. Die Leute sterben wie die Fliegen. Glotkin trinkt aus diesem Grunde Pfefferschnaps. Aber einem solchen Greis wird der Pfefferschnaps kaum helfen. Wenn die Pest herkommt, werde ich sicher erster Buchhalter werden.
1883, d. 4. Juni. Glotkin liegt im Sterben. Ich habe ihn besucht und ihn unter Tränen um Verzeihung gebeten, weil ich seinen Tod mit Ungeduld erwartet hatte. Er vergab es mir mit Tränen in den Augen und riet mir, gegen den Magenkatarrh Eichelkaffee zu trinken.
Kleschtschow ist aber wieder beinahe vors Gericht gekommen: er hat ein entliehenes Klavier bei einem Juden versetzt. Trotzalledem hat er schon den Stanislausorden und den Rang eines Kollegienassessors. Es ist merkwürdig, was in dieser Welt nicht alles möglich ist!
Ingwer 2 Solotnik, Galgant 1½ Solotnik, Königswasser 1 Solotnik, Drachenblut 5 Solotnik; mischen, mit einer Flasche Schnaps ansetzen und jeden Morgen ein Weinglas nüchtern gegen den Magenkatarrh einnehmen.
1883, d. 7. Juni. Gestern wurde Glotkin beerdigt. Der Tod dieses Greises gereichte mir nicht zum Segen! Er erscheint mir jede Nacht in einem weißen Gewand und winkt mit dem Finger. Wehe, wehe mir Verruchtem: erster Buchhalter bin nicht ich, sondern Tschalikow. Die Stelle bekam nicht ich, sondern ein junger Mann, der von der Tante der Geheimrätin protegiert wird. Alle meine Hoffnungen sind dahin!
1886, d. 10. Juni. Tschalikow ist seine Frau durchgebrannt. Der Ärmste ist außer sich. Vielleicht wird er vor Kummer Hand an sich legen. Wenn er es tut, bin ich erster Buchhalter. Man spricht schon darüber. Also ist die Hoffnung noch nicht verloren, man kann noch leben, vielleicht erlebe ich auch noch den Waschbärpelz.
Was die Verheiratung betrifft, so bin ich nicht abgeneigt. Warum soll ich nicht heiraten, wenn sich eine gute Partie bietet, nur müßte ich mich mit jemand beraten; denn der Schritt ist ernst.
Kleschtschow hat gestern mit dem Geheimrat Lirmans die Gummischuhe vertauscht. Ein Skandal!
Der Portier Pajissij rät mir gegen den Magenkatarrh Sublimat einzunehmen. Ich will es versuchen.
Ein böser Junge
Iwan Iwanowitsch Lapkin, ein junger Mann von angenehmem Äußeren, und Anna Ssemjonowna Samblizkaja, ein junges Mädchen mit einer Stupsnase, gingen das steile Ufer hinunter und setzten sich auf die Bank. Die Bank stand am Wasser, im dichten jungen Weidengebüsch. Ein herrliches Plätzchen! Wenn man sich hersetzt, ist man von der ganzen Welt verborgen, nur die Fische und die Spinnen, die blitzschnell über das Wasser laufen, sehen einen. Die jungen Leute waren mit Angeln, Handnetzen, Regenwürmerbehältern und sonstigen Fischereigeräten ausgerüstet. Sie setzten sich und machten sich sofort an den Fischfang.