Part 79
Bei der ersten Geburt der Planetenwelt waren alle Kräfte vereinigt, daher keine Erinnerung, so wird jeder auf diese Welt geboren, er weiß nicht, wie und wo er vorher gewesen. Aber die Einheit der Kräfte bleibt in jedem Menschen ungetrennt (als das Weltganze Ymir getötet wurde), darum blieb die Selbständigkeit und Persönlichkeit. Die Stoffe, die zur Wiedergeburt kommen, sind also nicht eine Masse von Kräften, sondern Persönlichkeiten. Bei der _Wiedergeburt_ bleibt daher die Erinnerung des vorigen Zustandes, darum heißt es, die Asen, die übrig bleiben, hätten Urteil und Erinnerung über die Vergangenheit, jenes bezieht sich auf den mächtigen Weltbaum, die Materie, welche verurteilt, d. h. aufs neue einer höheren Schöpferkraft in der verjüngten Erde gebeugt wird, dieses geht auf die Krafturstoffe, die Schöpfung selbst, welche durch die Zauberei, die Runen Fimbultyrs (Odins) hervorgebracht wurde (+moldthinur, megin dómar, rúnar+ Vol. 60). Die wundersamen Spieltafeln, welche sie finden, sind das Gegenstück zu dem Spiel der Asen am Anfang der Welt, aber jetzt kommen keine Riesenmägde mehr, welche die Asen verderben, denn die Tafeln sind schon selbst von Gold, und die Asen bekommen dadurch keinen Mangel mehr. Darum werden auch nicht mehr Zwerge geschaffen, die der Fruchtbarkeit des Bodens vorstehen und die Saat herauftreiben, sondern es heißt sogleich weiter, daß die Früchte ungesäet wachsen, darum verschwindet auch alles Böse, denn Müh' und Sorge und Kampf haben aufgehört. Darum kommt auch Balder und Hödur wieder, die den irdischen Tod ausgehalten, der Erde sich zum Opfer gebracht, darum jetzt auch das Heiligtum der Seelengötter bewohnen, wo kein Tod mehr ist. Von den alten Göttern bleibt niemand übrig als Odins Söhne und Enkel, in ihnen ist er wiedergeboren, darum ist ihr Überleben im Grunde auch das seinige. Weil er durch seinen Schöpferdrang ganz in die Materie versunken, so ist er auch dem Untergang ausgesetzt und nur seine reinen Emanationen Balder die Güte, Vidar die Ewigkeit, Vali die Seele, Havdr die Besserung überleben ihn.
Der Welttod ist ein Zurückgehen in einen dem ersten Chaos ähnlichen Zustand, die Wiedergeburt eine höhere Schöpfung.
Zehntes Buch.
Der Occultismus der barbarischen Völker.
Nach der von Kiesewetter zu Grunde gelegten Disposition sollte das X. Buch seines Occultismus des _Altertums_ über den Occultismus der barbarischen Völker handeln. Dem Wunsche des Herrn Verlegers, die Disposition des verstorbenen Gelehrten zu respektieren und auch dieses X. Buch mit einem der im Prospekt angekündigten Überschrift entsprechenden Inhalt zu versehen, stemmte sich bei mir zunächst das Bedenken entgegen, daß ja doch als »barbarische« Völker im _Sinne des Altertums_ die Mehrzahl der bereits von Kiesewetter im I. Bande und von mir im II. Bande behandelten Nationen zu gelten haben. Zweifellos galt dem Griechen und Römer der Babylonier, Chaldäer, Assyrer, Meder, Perser, Inder, Ägypter und Hebräer (I. Band) und mehr noch der im II. Bande von mir behandelte Kelte und Germane als Barbar. Ursprünglich bedeutete Barbar ja wohl nichts anderes als Fremdling. Dieser Begriff hat sich dann allmählich mit dem der Unkultur verknüpft. Will man nun den eben genannten Nationen des Altertums einen gewissen Grad von Kultur nicht absprechen und sie als primitive Kulturvölker gelten lassen, so kann man allerdings von ihnen noch eine zweite Klasse von Völkern selbstverständlich auch im Altertum unterscheiden, die dann als »barbarische« im prägnanten Sinne bezeichnet werden könnten; allein es ist dabei zu beachten, daß dann dieser Begriff doch ein recht relativer und unsicherer ist. Es scheint noch das Beste, ihn mit demjenigen der »Naturvölker« zu identifizieren. Will man dies, so hat es aber eigentlich keinen Sinn, die Naturvölker des Altertums, von denen wir fast gar nichts wissen, besonders zu behandeln.
Der »Occultismus der Naturvölker« überhaupt würde nun eine kulturwissenschaftlich gewiß dankbare und interessante Aufgabe darstellen, aber eine solche, die im Rahmen einer Unterabteilung eines Werkes, wie es im »Occultismus des Altertums« vorliegt, unmöglich ihren entsprechenden Raum finden kann.
Aus diesem Grunde darf und muß ich mich wohl begnügen, hier mit _einigen Notizen_, wie sie uns in der wenig reichhaltigen und unsicheren alten Litteratur über die den Griechen und Römern bekannten Naturvölker des Altertums, abgesehen von den schon behandelten, offenbar bereits einen gewissen Kulturgrad aufweisenden, geboten werden, _aufzuwarten_.
Auf dem Niveau des Naturvolkes haben wir uns augenscheinlich vor allem die _Skythen_ zu denken, von denen uns Herodot wohl die ältesten fabelhaften Berichte bringt.
Nach +Müllenhoff, deutsche Altertumskunde III, S. 30ff.+ waren die Skythen Slawen: »Da die Slawen erst nach dem Anfang unserer Zeitrechnung als Ostnachbarn der Germanen genannt werden, so scheint es möglich, daß die Skythen oder Sarmaten, oder wenn beide Völker eines Stammes, daß beide ihre Ahnen und Vorfahren die West- und Ostslawen waren.«
Nach Ansicht anderer Forscher waren es Mongolen. Dies erscheint mir wahrscheinlicher, obwohl die Frage wissenschaftlich genau schwer zu entscheiden ist. Sie werden uns nämlich, Männer wie Weiber, die im Äußeren kaum zu unterscheiden waren, als dicke, schlaffe, aufgedunsene Gestalten geschildert, von braungelber Farbe. Ihre Kleidung, Winter und Sommer dieselbe, bestand aus weiten Hosen, Gürteln oder Wehrgehenken und spitzigen oft bis auf die Schultern herabhängenden Mützen. Offenbar ist die von Herodot geschilderte Kopfbedeckung dieselbe, die jetzt noch bei den Baschkiren und Kirgisen üblich ist. Ihre Nahrung war höchst einfach und bestand aus den Fleisch ihres Herdenviehs, auch der Pferde, das noch jetzt bei Kalmücken und Baschkiren als Leckerbissen gilt, und vor allem aus Stutenmilch, aus der sie auch Butter und Käse bereiteten, wie noch jetzt jene Steppenvölker. Wenn Herodot erzählt, daß sie dem Weingenuß sehr ergeben waren, so kann dies nur das aus Stutenmilch bereitete berauschende Getränk gewesen sein, jener Milchbranntwein, der noch jetzt bei den Kalmücken beliebt ist. -- Sie bauten unter anderem mit Vorliebe Hanf, dessen sie sich zu den bei ihnen üblichen Schwitzbädern bedienten.
»Städte und Festungen haben die Skythen nicht, ihre wandernden Wohnungen befinden sich vielmehr auf kleinen vier- oder sechsrädrigen mit zwei oder drei Paar Ochsen bespannten und mit Filz bezogenen Wagen« (+Herodot IV, 46+), also eine treue Schilderung der heutigen Kibitken der nomadischen Steppenvölker, in welchen Weiber und Kinder den ganzen Tag über hocken, während die Männer zu Pferde umherschweifen.
Nach +Herodot I, 215+ lebten sie monogamisch, und nur die Könige hatten noch Nebenweiber; nach +Hippokrates, I, 1, p. 560+ aber lebten sie polygamisch, sofern sie sich der Sklavinnen als Nebenweiber bedienten, übrigens war nach Hippokrates teils wegen des beständigen Reitens der Männer und der sitzenden Lebensweise der Frauen, teils wegen der ganzen Körperkonstitution überhaupt, ihr Fortpflanzungstrieb sowohl als ihre Zeugungskraft sehr gering.
Ihre Verfassung war monarchisch; und zwar herrschte über sämtliche Skythen _ein_ König; doch scheinen unter demselben auch Unter-Könige über die einzelnen Stämme geherrscht zu haben.
Die _Religion_ der Skythen war ein primitiver Polytheismus. Herodot nennt uns folgende Götternamen: %Papaios% (Papa = Zeus), %Thamimasadas% (= Poseidon), dem bloß die königlichen Mythen opfern, %Oitosyros% (= Apollo), %Artimpasa% (= Afrodite), %Tabiti% (= Hestia), und %Apia% (= Gäla) und bemerkt, daß sie außerdem noch den Ares und Herakles, am meisten aber unter allen die Vesta und nächst ihr den Zeus und die Erde verehrt hätten, während nach anderen Angaben der Kultus des Ares (dessen skythischen Namen er nicht nennt) der verbreitetste war. Diesem brachten sie unter dem Symbol eines auf einem ungeheuer großen Gerüste von Reisig aufgestellten eisernen Schwertes feierliche Opfer, und zwar mit Vorliebe _Menschenopfer_. Von besonderen Priestern ist nirgends die Rede. Dagegen spielen _Wahrsager_ eine wichtige Rolle. Diese, die augenscheinlich den heutigen _Schamanen_ entsprechen, beschreibt +Herodot IV, 6. 7. 68+ wie folgt: »Wahrsager haben die Skythen viele, die wahrsagen aus einer Menge Weidenruten auf folgende Art: sie bringen große Bündel Ruten herbei, die legen sie auf die Erde und machen sie auseinander und legen jede Rute besonders und nun weissagen sie. Und indem sie also sprechen, wickeln sie die Ruten wieder zusammen und legen sie wieder auf einen Haufen, eine nach der anderen. Das ist ihre Weissagung von ihren Vätern her; die Enareer aber, die Mannweiber, wollen ihre Wahrsagung von der Aphrodite haben. Sie wahrsagen aber aus Lindenrinde. Die Rinde nämlich schneidet er in drei Stücke und flicht sie sich durch die Finger und wickelt sie wieder ab, und dann sagt er seinen Spruch. Wenn aber der König der Skythen krank wird, so läßt er drei der angesehensten von allen Wahrsagern zu sich rufen, die ihm auf die beschriebene Art wahrsagen. Und sie sagen gewöhnlich immer, der und der, und dabei nennen sie dann einen Bürger, der bei des Königs Hausgöttern einen falschen Schwur gethan hätte. Es ist aber allgemeiner Brauch bei den Skythen, bei des Königs Hausgöttern zu schwören, wenn sie einen recht hohen Schwur thun wollen. Alsobald wird der, den sie des Meineides geziehen, ergriffen und vorgeführt, und wenn er ankommt, sagen ihm die Wahrsager auf den Kopf, es wäre offenbar aus der Wahrsagung, daß er einen falschen Schwur gethan bei des Königs Hausgöttern, und deswegen wäre der König krank und beklagte sich bitterlich. Der aber leugnet und sagt, er habe nicht falsch geschworen. Und wenn dieser leugnet, so läßt der König ein Paar andere Weissager holen, und wenn nun auch diese, nachdem sie in die Wahrsagung gesehen, ihn des Meineides verurteilen, so schneiden sie jenem gleich den Kopf ab, und seine Güter teilen die ersten Wahrsager unter sich. Wenn aber die dazu berufenen Wahrsager ihn freisprechen, so müssen andere Wahrsager kommen, und immer wieder andere. Wenn nun die meisten Stimmen den Menschen freisprechen, so trifft jene ersten Wahrsager selber das Todesurteil. Man bringt dieselben nun auf folgende Art zu Tode: Sie packen einen Wagen voll Reisig und spannen Ochsen davor und binden den Wahrsagern die Füße und binden ihnen die Hände auf den Rücken und knebeln ihnen den Mund zu und stecken sie mitten in das Reisig. Dann zünden sie dasselbe an und machen die Ochsen wild und jagen sie von dannen. Viele von den Ochsen nun verbrennen mit den Wahrsagern, viele aber kommen mit einer Versengung davon, wenn die Deichsel verbrannt ist. Auf diese Art verbrennen sie auch aus anderen Gründen die Wahrsager und nennen sie Lügenwahrsager. Die aber der König umbringen läßt, deren Söhne werden auch nicht verschont, sondern das, was männlich ist, tötet er; den Weibern aber thut er nichts zu Leide.«
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Offenbar haben wir hier dieselbe Rolle, welche noch heute bei den afrikanischen Negern der Fetischpriester spielt. Diejenigen, die neuerdings den Gebrauch sog. Medien, hypnotisierter oder somnambuler angeblicher hellsehender Individuen oder auch nur des Hypnotismus zur Erzwingung von Geständnissen im Dienste der Polizei und Kriminalrechtspflege vorgeschlagen haben, ahnen schwerlich, zu welchen primitiven Brutalitäten des sog. Gottesurteils sie damit die Rechtspflege zurückführen würden.
Aus dem Volke der Skythen hat die griechische Litteratur zwei Namen die Unsterblichkeit gesichert, weil ihre Träger nach Griechenland kamen und dort durch den Kontrast ihrer Naturwüchsigkeit mit der griechischen Kultur Aufsehen erregten, _Toxaris_ und _Anacharsis_. Beide sollen zur Zeit Solons nach Athen gekommen sein. Toxaris ist durch ein Gespräch Lukians, das jedoch wohl mehr den bloßen Namen zur Etikette eigener witziger Einfälle gebraucht, verewigt. Geschichtlicher erscheint die Persönlichkeit des Anacharsis, der sogar zu der Ehre gelangte, den sog. sieben Weisen beigezählt zu werden.
Anacharsis war der Sohn des Skythenkönigs Gaurus und einer griechischen Mutter, von letzterer mit der griechischen Sprache bekannt gemacht, verließ er sein Vaterland, das am schwarzen Meere lag, und begab sich (589 v. Chr.) nach Athen. Hier soll ihn sein Landsmann Toxaris mit Solon bekannt gemacht haben, und die Reinheit seiner Sitten, sein Scharfsinn, seine Wißbegierde soll ihn so beliebt gemacht haben, daß er das athenische Bürgerrecht erlangte. Ja, er soll sogar in die eleusinischen Mysterien eingeweiht worden sein. Nach Herodots Erzählung kam er nach seiner Rückkehr ins Vaterland durch die Hand seines eigenen Bruders Saulius, der inzwischen König geworden war, ums Leben, weil er durch seine Neigung zu den Mysterien Mißfallen erregte.
Unter den naiven Aussprüchen, durch die er in Athen Aufsehen erregte, sind folgende bemerkenswert: Solons Gesetze nannte er Spinnweben, worin die Schwachen sich fingen, die aber die Starken leicht zerrissen. Über die Einrichtung, wichtige Angelegenheiten von den Prytanen untersuchen zu lassen, ehe sie an die Volksversammlung gebracht würden, bemerkte er, daß demnach die Klugen beratschlagten und die Dummen entschieden. »Der Weinstock«, sagte er, »trägt dreierlei Trauben, die Trunkenheit, die Wollust und die Reue.« Als ihm jemand seine Herkunft aus Skythien vorwarf, erwiderte er: »Du hast Recht, mir gereicht mein Vaterland, Du aber gereichst Deinem Vaterlande zur Schande.« Die Abbildungen, die sich von ihm auf alten Kunstdenkmälern finden, tragen die Inschrift: +Linguam, ventrem, veretrum, contine.+[874]
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Bekanntlich bildet seine Figur den Gegenstand der geistvollen +voyage d'Anacharsis+ von J. J. Barthélémy, welche 1788 erschien und zu den beliebtesten Schriften gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zählte.
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Ausdrücklich unterscheidet Herodot von den Skythen, welche der Perserkönig Darius bekriegte, die ebenfalls nomadischen _Massageten_, im Kampf gegen welche Kyros fiel.
Wahrscheinlich waren dies die Vorfahren der Turkomannen; ihr Gebiet lag zwischen dem Aralsee und dem Kaspischen Meere.
Über die Religion derselben berichtet er nur, daß sie die Sonne anbeteten, der sie mit Vorliebe Pferde opferten, »weil man dem schnellsten Gott das schnellste Geschöpf darbringen müsse«.
Anscheinend lebte dieses Volk noch zur Zeit des Herodot im Zustande des sog. Mutterrechts. Denn es herrschte bei ihnen als Königin ein Weib, zur Zeit des Kyros die Tomyris, die des gefallenen Kyros Kopf in einen Schlauch mit Menschenblut tauchen ließ mit den Worten: »Nun sättige dich endlich in Menschenblut.«
»Ein jeglicher«, schreibt Herodot, »freit ein Weib, aber doch sind die Weiber Gemeingut. Denn was die Hellenen von den Skythen erzählen, das thun nicht die Skythen, sondern die Massageten. Nämlich, wenn ein Massaget Lust hat zu einer Frau, so hängt er seinen Köcher an den Wagen und beschläft sie ohne alle Scham.«
Sehr zweifelhaft ist die Rassenqualität der _Geten_.
Man hat diese vielfach mit dem germanischen Volke der _Gothen_ identifiziert; allein Müllenhoff (+a. a. O. S. 125ff.+) hat wohl ausreichend nachgewiesen, daß die Gründe dafür nicht stichhaltig sind, daß vielmehr ihre Verwandtschaft mit den Slawen, wenn auch allenfalls nicht streng erweislich, doch wahrscheinlicher ist. Die Geten waren eine thrakische Völkerschaft auf der Nordseite des Haemus bis zur Donau und werden zuerst von Herodot (+IV, 93-96+) erwähnt. Herodot kennzeichnet sie als die sich für unsterblich haltenden -- %tous athanatizontas% -- und dieses Epitheton wurde später fast zu einem Beinamen für sie. »Sie meinen«, sagt Herodot, »daß sie nicht sterben, sondern mit dem Tode zum Gott (%daimôn%) _Zamolxis_ kommen; einige von ihnen halten diesen für Gebeleizis. Alle fünf Jahre senden sie einen Boten, den sie durch das Los erwählen, an den Zamolxis ab und tragen ihm ihr jedesmaliges Anliegen auf. Dies machen sie so: Einige stellen sich mit drei Speeren hin, andere fassen den Abzusendenden, nachdem er seinen Auftrag erhalten, an Händen und Füßen und werfen ihn in die Höhe auf die Lanzen; stirbt er, so scheint der Gott gnädig zu sein; stirbt er nicht, so schelten sie den Boten einen schlechten Mann und senden einen Andern ab.« Dieselben Thraker, setzt Herodot noch hinzu, schießen mit Pfeilen gegen Donner und Blitz, hierauf gegen den Himmel und drohen dem Gott (Zeus), indem sie glauben, es gebe keinen andern, als den ihrigen. -- Die Griechen am Hellespont und Pontus hatten von Zamolxis schon ein halbes Märchen ausgebildet: er sei in Wahrheit ein Sklave des Pythagoras auf Samos gewesen, habe nach seiner Freilassung viele Schätze erworben und zurückgekehrt in sein Vaterland seine rohen Landsleute mit den Annehmlichkeiten des griechischen Lebens bekannt gemacht. Aber indem er einen Saal gebaut und die vornehmsten des Landes darin bewirtete, habe er sie zugleich belehrt, daß sie und ihre Nachkommen nicht stürben, sondern dereinst an einen Ort kämen, wo sie in Ewigkeit sein und alles Gute haben würden. Um sie davon zu überzeugen, hätte er sich drei Jahre lang in einem unterirdischen Gemache verborgen gehalten, während welcher Zeit die Thraker ihn wie einen Verstorbenen vermißt und betrauert, dann aber sei er im vierten Jahre wieder zum Vorschein gekommen. »Ich will«, sagt Herodot 4, 96, »dagegen gerade nicht ungläubig sein, aber auch nicht zu sehr daran glauben; ich meine, daß Zalmoxis um viele Jahre früher war als Pythagoras. Ich lasse es aber gut sein, ob er ein Mensch war oder ob er ein bei den Geten einheimischer Gott ist.« Daß diese Erzählung abgesehen von den Elementen des getischen Volksglaubens, die sie aufnahm, im wesentlichen eine Erfindung der Griechen ist, liegt auf der Hand, es müßte denn Zamolxis die Fremden in das Geheimnis eingeweiht haben, das seine Landsleute überführen und täuschen sollte. War der Kern der getischen Religion ein eigentümlicher Unsterblichkeitsglaube, so lag für die Griechen der Gedanke an Pythagoras, den Unsterblichkeits- und Metempsychosenlehrer, nahe, und die Vermittelung konnte dann nicht natürlicher als durch einen thrakischen Sklaven geschehen sein. Den Gott aber mochte man um so eher als Menschen auffassen, weil offenbar ihre Glaubenssätze bei den Geten selbst für seine Lehren und Satzungen galten. Platon im +Charmides p. 157+ läßt den aus dem Heerlager vor Potidaea zu Anfang des peloponnesischen Krieges heimkehrenden Sokrates sagen, er habe dort im Heere von einem der thrakischen Ärzte des Zamolxis -- so lautet der Name bei allen spätern -- die ja, wie man sage, sogar unsterblich machen könnten, einen Krankheitssegen kennen gelernt. Es sagte dieser Thraker, daß die hellenischen Ärzte Recht hätten, wenn sie behaupteten, _ein Glied könne, ohne daß man zugleich den ganzen Körper in Behandlung nehme, nicht geheilt werden_. »Aber Zamolxis, unser König, der ein Gott ist, sprach er, sagt, daß wie man die Augen nicht ohne den Kopf und den Kopf nicht ohne den Leib zu heilen anfangen muß, so auch nicht den Leib ohne die Seele; denn alles gehe von der Seele aus, Gutes und Böses; die Segen aber und Lieder, mit denen man die Seele behandeln müsse, das seien gute Lehren.« Und weiterhin +p. 158+ heißt es noch »wenn Du nüchtern und mäßig bist, so bedarf es weder der Segen des Zamolxis noch der des hyperboreischen Abaris.« Mag die Anekdote wahr oder erst von Plato erfunden sein, so setzt sie die Vorstellung von einem Lehrmeister Zamolxis voraus. Bei Diodor 1, 94, dessen Quelle hier aller Wahrscheinlichkeit nach die Aegyptiaca des Hecataeus von Abdera (um 320) waren, stehen daher auch Zamolxis und die %koinê Hestia%, die gemeine Herdgöttin, bei den sogenannten Geten, die unsterblich machen, neben Zoroaster, Moses und ähnlichen Nomotheten. Mnaseas von Patrae (um 200) sagte, daß die Geten den Kronos, d. h. den Herrscher im goldenen Zeitalter und über die Inseln der Seligen (+D. A. 1, 63f.+) verehrten und ihn Zamolxis nannten, +Müller T. H. G. 3, p. 153+, vgl. +Diog. Laert. 8, 1+; +Hesych. s. v. Zamolxis+, ferner +Strabo p. 297f.+ Endlich finden wir aus einer unbekannten Quelle eine Relation, die zwar in Betreff des Pythagoras mit der Erzählung der pontischen Griechen bei Herodot übereinstimmt, ja sogar die Reisen des Zamolxis bis Ägypten ausdehnt, im übrigen aber selbständig und offenbar aus unmittelbarer Kunde den Bericht Herodots ergänzt. Es wird erzählt, ein Gete namens Zamolxis habe dem Pythagoras als Knecht gedient und von ihm einiges von der Himmelskunde erlernt, anderes von den Ägyptern, bis zu welchen er streifte. Nach Hause zurückgekehrt, sei er von den Fürsten und dem Volke hoch geehrt, da er ihnen die Vorzeichen vorhersagte; zuletzt habe er den König beredet, ihn zum Genossen seiner Herrschaft anzunehmen als einen, der den Willen der Götter zu verkündigen im Stande sei. Anfangs sei er nur zum Priester des am meisten bei ihnen geehrten Gottes bestellt, darnach selbst Gott genannt worden. Er habe sich in einer allen andern unzugänglichen Höhlenfeste angesiedelt und dort gelebt, wenig in Verkehr mit der Außenwelt, nur mit dem Könige und seinen Dienern. Der König aber habe mit ihm zusammengehalten, weil er gesehen, daß die Leute ihm viel besser als früher gehorchten, seit er seine Befehle nach dem Rate der Götter erteilte. (»Diese Sitte dauerte fort sogar bis auf unsere Zeit, indem sich immer einer fand, der dem Könige als Rat zur Seite stand und bei den Geten Gott hieß.«) Auch der Berg wurde heilig gehalten und so benannt; er heißt aber %kôgaionon%, wie der vorbeifließende Fluß. Es ist schon von Mannert (+alte Geogr. 2. 203+) und Uckert (+Skythien S. 602+) bemerkt, daß diese Stelle -- etwa bis auf den eingeklammerten Satz, der mindestens eine Modifikation von Strabos Hand erfahren hat -- auf die alten Geten am Haemus, nicht aber wie Strabo meint auf Daken zu beziehen ist. Sieht man von der pragmatisierenden, euhemeristischen Auffassung ab, -- denn diese bleibt, auch wenn man mit Herodot die Frage, ob Zamolxis ein Gott oder ein Mensch gewesen, unentschieden läßt, was bei dem Stande der Überlieferung in der That das Rätlichste scheint, sie sieht so aus als wenn Zamolxis dem höhern Gott Gebeleizis nur substituiert, nicht eine Hypostase in mythologischem Sinne von ihm ist, -- so ergiebt sich die Thatsache, daß wie für die Thraker südlich von Haemus bei den Bessern oder freien Thrakern ein Heiligtum und Orakel des Dionisos (+Herod. 7, 111+, vgl. +Thuc. 2, 96+, +Plin. 4. § 40+, +Strabo p. 318, 331 fr. 48+, +Sueton Aug. 94+, +Dio 51, 25+), so bei den Geten auf der Nordseite des Gebirges und für die zu ihnen gehörenden Völkerschaften ein ähnliches des Zamolxis bestand. Antonius Diogenes (bei +Phot. cod. 166 p. 110 Bekk.+) erzählte, daß Astraeus, ein Genosse des Zamolxis, zu diesem, als er schon bei den Geten für einen Gott galt, mit zwei andern gereist sei und daß diese Orakel über ihr Geschick erhalten hätten, daß Astraeus aber beim Zamolxis zurückgeblieben und von den Geten hochgeehrt sei. Der Name Astraeus soll wohl die Stern- und Himmelskunde des Gottes andeuten, die bei Strabo ihm zugeschrieben wird. Ähnlich bezieht sich auf eine andere Seite seines Wesens wohl die Hestia, die wie wir sahen bei Diodor neben ihm steht; +Suidas s. v.+ nennt sogar eine Göttin Zamolxis.