Part 78
Erwähnung verdient unter den männlichen Asen neben _Hoenir_, _Uller_, _Bragi, dem Skaldengott_, _Aegir_, der die Ruhe des Meeres personificiert. In Aegirs durch Frieden geheiligter Halle sind die Götter gern zu Gast und zechen; statt des erleuchtenden Feuers dient hier strahlendes Gold. Im Leuchten des windstillen Meeres mochte man, meint Uhland, den Glanz des versunkenen Goldes spielen sehen. Erwähnung verdient sodann noch _Freyr_, welcher die Sehnsucht des Mannes nach dem Weibe darstellt. Er wirbt lange vergeblich um _Gerdur_, deren Wesen am besten als weibliche Schamhaftigkeit bezeichnet wird, bis er schließlich mit Hilfe magischer Mittel, die sein Diener Skirnir anwendet, sie überwindet. Endlich ist noch _Heimdallr_ zu erwähnen, eine nordische Form des deutschen _Ziu_, der über die Welt leuchtende. Auf den Himmelsbergen am Regenbogen, der als Brücke Himmel und Erde verbindet, ist sein Wohnsitz. Er hütet diese Brücke, daß diese bösen Riesen von der Erde nicht hinaufsteigen, um den Himmel zu stürmen. Wie Loki das zerstörende, ist Heimdallr das erhaltende Prinzip. Nach W. Menzel vertritt er innerhalb der Zeitlichkeit die Beziehung zur Ewigkeit, die Fortdauer, das Leben der Menschheit überhaupt. Deshalb wird er auch unter dem Namen Rigr als Vater des Menschengeschlechts gedacht.
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Unter den _weiblichen_ Gottheiten steht als Urgöttin, als die große Lebensmutter, an der Spitze _Frigg_, das Weib Odin-Wodans, von der der Freitag (+dies Veneris+) seinen Namen hat. Sie ist die Göttin der _Liebe_ und des _Kindersegens_. Als jüngere Schöpfung der isländischen Dichtung (nach Golther) steht ihr _Freyja_ zur Seite, die vielfach mit ihr verwechselt wird. Freyja ist das weibliche Seitenstück zu Freyr. Ihr Mann war Odr, ihr Saal heißt Saßrymnir, sie fährt aus mit zwei Katzen, nimmt huldvoll die Bitten der Menschen auf und ist eine Freundin der Liebeslieder. Odr ist die stürmische und feurige Begierde (dem Wort nach die Wut, der Sache nach die Geilheit), Freyja aber die Wollust, +Venus libitina+. Der gemeinsame Kinder, eine Tochter, heißt Hnoß (Genuß). Um den kostbaren Halsschmuck Brisingamen zu erwerben, gab sie sich dem Volk der Zwerge preis (+Venus pandemos+). Dagegen haßt sie die Riesen, die eben so sehr nach ihr begehren, aber von Loki durch ein Wolkenbild getäuscht werden. Wie Venus (+libitina+) ist sie auch eine Todesgöttin, welche die Gestorbenen mit Odin teilt, und weil sehr viele den Tod der Wollust sterben, d. h. die Lust genießen, so heißt ihre Wohnung Fólkwángar (Volksaufnahme). Freyja selbst dagegen kann gar nicht sterben; es heißt vielmehr, sie wird alle Götter überleben.
W. Menzel erklärt sie daher als die _Sonne_, welche nach dem Weltende wieder scheinen soll, also in Ewigkeit fortdauert, wenn Odin mit allen Asen längst todt sind. Sie heißt auch Mardöll, Gefen (Hingebung), Hörn (Hure). Durch den durch ihre Buhlerei mit den Zwergen erworbenen Halsschmuck fesselte sie ihren Gatten ganz an sich, bis er einmal erfuhr, um welchen Preis sie denselben erlangt hatte, worauf er sie entrüstet verließ. Als sie erwachte, fand sie ihn nicht mehr, aber auch ihr Halsschmuck war verschwunden und im tiefsten Jammer suchte sie nun den entflohenen Gatten alle Länder durchirrend. Die Thränen, die sie weinte, wurden Perlen und Gold. Endlich nach langen Jahren fand sie den Gatten wieder, er gab ihr den Schmuck zurück und nahm sie wieder zu sich, weil er in der ganzen Welt keine Schönere gefunden. Als umherirrende Bertha erkennt man sie in den deutschen Sagen wieder.
Als Frühlingssonne wird Freyja zur _Ostara_, die wir am besten durch F. Dahns schöne Verse charakterisieren:
»Es kam der Hirt vom Anger und sprach: Der Lenz ist da; Ich sah sie in den Wolken, die Göttin Ostara; Ich sah das Reh, das falbe, der Göttin rasch Gespann, Ich hörte, wie die Schwalbe den Botenruf begann. Es brach das Eis im Strome, es knosp't der Schlehdornstrauch; So grüßt die hohe Göttin, grüßt sie nach altem Brauch!
Da zieh'n sie mit den Gaben zum Hain und zum Altar, Die Mädchen und die Knaben, der Lenz von diesem Jahr; Das Mädchen, das noch niemals im Reigentanz sich schwang Und doch vom Knabenspiele schon fernt ein scheuer Drang. Der Knabe, der noch niemals den Speer im Kampfe schwang Und dem der Glanz der Schönheit doch schon zum Herzen drang. Sie spenden gold'nen Honig und Milch im Weiheguß Und fassen und umfangen sich in dem ersten Kuß; Und durch den Wald, den stillen, frohlockt es: Sie ist da! Wir grüßen Dich mit Freuden, o Göttin Ostara!«
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Prof. Kaufmann freilich (deutsche Mythologie S. 106) behauptet, daß von einer Göttin Ostara in der Überlieferung des Altertums eine Spur nicht zu finden sei.
Dagegen berichtet uns die Edda von _Iduna_, der »vorwissenden Göttin«, daß sie von der Esche Yggdrasil, die sie mit ihrem heiligen Wasser zu bethauen pflegte, herabgesunken sei.
»Schwer verträgt sie Dies Niedersinken, Unter des Laubbaums Stamm gebannt, Nicht behagt es ihr Bei Nörvis Tochter (der Nacht) So lange gewöhnt An heitere Wohnung.«
Auch Iduna ist nichts anderes, als die immer wiederkehrende (+id+ = wieder) Sonne. Nachdem die Asen vergebens alle Mühe erschöpft haben, Iduna zum Himmel zurückzurufen, sagt die Edda (im Rabenzauber) weiter, will Odin die Asen nicht schlafen lassen, sondern versammelt sie noch in der Nacht zu neuer Beratung. Aber Nörvi, der Vater der Nacht, schlägt mit dorniger Rute (dem Schlafdorn) die Völker ringsumher, und auch die Asen nicken unwillkürlich ein, selbst der Wächter Heimdallr wird schlaftrunken. Am Morgen aber geht die Sonne prächtig am Himmel auf, die Nacht entflieht und froh und erfrischt steigt Heimdallr wieder zu den Himmelsbergen.
Iduna verwahrt wunderbare Äpfel, von denen die Götter essen, um sich ewig jung zu erhalten. Einst hatte mit Lokis Hilfe der mächtige Riese Thiassi Iduna nebst ihren Äpfeln geraubt. Da fingen die Götter sämtlich zu altern an und zwangen Loki, um jeden Preis die Iduna mit ihren Äpfeln zurückzubringen. Er unternahm es, indem er als Falke in Thiassis Wohnung flog, Iduna in eine Nuß verwandelte und sie in seinen Klauen forttrug. Zwar verfolgte ihn der Riese Thiassi, als Adler, die Götter aber hielten ihn durch ein Feuer auf, worin er verbrannte. Uhland deutet diesen Mythus, indem er unter Thiassi, der alles kleben d. h. gefrieren macht, den Winter, unter Iduna und ihren Äpfeln die Vegetationskraft, das Naturleben versteht, welches im Winter verschwindet, und unter dem Falken den heiteren Frühlingshimmel, unter der Nuß den Keim der wiederverjüngten Pflanzenwelt. Darum liebt man es noch heute, den Tannenbaum am Weihnachtsfest, der winterlichen Sonnenwende, mit vergoldeten Nüssen zu schmücken.
Die Äpfel erinnern an die von Herakles den Hesperiden geraubten Äpfel, die Athene wieder in den Garten derselben zurückversetzt. Auch Athene ist das ewige, jungfräuliche Licht der Sonne, und W. Menzel (vorchristl. Unsterblichkeitslehre S. 99) glaubt sogar auf den Gleichklang der Namen Iduna, Athene aufmerksam machen zu sollen.
Drittes Kapitel.
Götterdämmerung und Wiedergeburt.
Die eigenartigste Idee der altgermanischen Glaubenslehre ist die Götterdämmerung oder _Ragnarök_ (der letzte Weltbrand).
Gemeinsame Überzeugung aller deutschen Völker war, daß Welt, Völker und Menschen dereinst im Feuer untergehen werden, um einer neuen besseren Weltschöpfung Platz zu machen.
Dieser Glaube an einen Weltuntergang findet sich freilich auch bei andern Rassen, aber der germanische Weltuntergangsglaube hat einen _heroischen_ Charakter. Unsere Vorfahren meinten nämlich nicht, sie würden wie Schafe im Stalle verbrennen, sondern mitten im Brande wollten sie noch kämpfen.
»Nun lese mit Bedacht der Nibelungen Not«, schreibt Mone, a. a. O. S. 447, »wenn man schaudert über einen nicht durch Zufall, sondern durch Freiheit herbeigeführten Untergang, so muß man erstaunen über die Unerschütterlichkeit der Heldenseelen, die der Edelmut ihres Feindes bis zu Thränen rührt, die aber vor keinem Tode, vor keiner Qual zittern, die durch Not wohl bis zur Gräßlichkeit getrieben werden, daß sie das Blut der gefallenen Feinde trinken; die aber, weit entfernt sich der Feigheit und Verzweiflung zu überlassen, lachend den Tod verhöhnen, und bis auf den letzten Hauch ihren Mut bewahren. _Ist je eine Religion geeignet, allem Schicksal Trotz zu bieten, ist je der Satz der Freiheit zu einer durchdringenden und großartigen Überzeugung geworden, so ist es im deutschen Glauben geschehen, wo die Welt aus Gottes Freiheit hervorgegangen und darum durch ihre eigene Freiheit zertrümmert wird. Kein europäisches Volk, selbst die Griechen und Römer nicht, haben einen Volksglauben von dieser Größe aufzuweisen._«
Der Anfang des Endes wird der Fimbulwinter sein, da fällt Schnee von allen Seiten, große Kälte, scharfe Winde, kein Blick der Sonne, so folgen drei Winter nacheinander. Dann folgen drei Jahre voll Krieg, die Menschen bringen sich untereinander um, der Bruder schont des Bruders, der Vater des Sohnes nicht.
»Brüder werden streiten Und einander morden; Verwandte werden durch Das Blutbad sich trennen. Es wird hart in der Welt! Der Ehebruch waltet Im Zeitalter der Beile, Der Schwerter, Wo Schilde krachen. Es kommt die Windzeit, Die Wolfszeit, Ehe die Welt vergeht. Kein Mann wird sein, Der das andere schaut.«
Dann verbrennt die Weltesche Yggdrasil, die große Achse, die Erde und Himmel zusammenhält.
Doch lassen wir die Edda selber reden:
»Hrymr fährt von Osten, vor sich hält er den Schild, Hormungandr wälzet sich mit Riesenzorn, die Wogen schlägt die Schlange, der Adler schreit und zerreißt die Leichen, Naglfar wird los. Dies Schiff fährt von Osten, kommen werden Muspells Leute auf das Meer, und Loki steuert. Der Thorheit Kinder fahren alle mit Fenrir und ihn begleitet auf der Fahrt Bifrosts Bruder. Surtur fährt von Süden mit schweifender Flamme, die Sonne scheint vom Schwerte der Schlachtgötter; die Erde bebt und alle Gebirge, ausgerissen werden die Bäume, die Felsenberge zerklüpften, alle Fesseln und Bande brechen und reißen, das Meer strömt auf das Land, die Riesenweiber stürzen zusammen, Menschen betreten den Höllenweg und der Himmel zerspaltet. Wie dann mit den Asen, wie dann mit den Alfen? Die ganze Riesenwelt erschallt, die Asen sitzen im Gericht, die wegweisen Zwerge stöhnen vor den Steinthüren. Wisset ihr etwas mehr? Mit gaffendem Rachen kommt Fenrir, der Oberkiefer steht am Himmel an, der untere auf der Erde, Feuer brennen ihm aus Augen und Nase, die Midgardschlange bläst so viel Gift aus, daß alle Luft und See verpestet wird, sie ist ein grausenhafter Anblick und steht dem Wolfe zur Seite. Muspells Söhne reiten über Bifröst, Surtur voran, um ihn brennendes Feuer, worauf die Brücke zerbricht. Sie kommen auf das Feld Vigride, da erscheinen auch Fenrir, Midgardzormr, Loki mit allem Gesinde der Held und Hrymr mit allen Hrimthursen.
Die Asen ziehen ihr Kriegskleid an und alle Einherier und reiten hinaus auf das Schlachtfeld, Odin voran mit dem goldenen Helm, der schönen Brünne und dem Zauberspieß Gungmirs. Ihm zur Seite ziehen Thor und Freyr, keiner kann aber dem andern helfen, weil jeder die letzte Kraft gegen seinen eigenen Feind anstrengen muß. Odin kämpft mit Fenrir lang und hart, Thor mit der Erdschlange, die er mit seinem Hammer erschlägt; aber neun Fuß davon fällt er selbst todt nieder vom Gifte, das sie gegen ihn ausgeblasen. Freyr steht gegen den Surtur, aber da er sein gutes Schwert weggegeben, so fällt er nach furchtbarem Streite, Tyr gegen den Hund Garmr und der Kampf mit diesem Ungeheuer endet mit dem Tode beider. Fenrir verschlingt den Odin lebendig, aber der gewaltige Sohn Sigföders, Widar tritt mit seinem Schuh dem Ungetüm in den Unterkiefer, zerreißt ihm den Rachen, stößt ihm sein Schwert ins Herz und rächet so seinen Vater Odin. Zuletzt fallen Heimdallr und Loki im Zweikampf, Surtur verbrennt dann die ganze Welt, die Sonne wird schwarz, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel fallen die heiteren Sterne, Rauch wallt auf vom Feuer, die hohe Flamme fliegt bis zum Himmel.«
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Nach diesem Weltuntergang _wird Allvater einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen_.
Die tiefe esoterische Idee, welche auch der Mythe vom Weltbrande zu Grunde liegt, ist die der _Wiedergeburt_.
»Wenn Himmel und Erde«, fährt die Edda fort, »und alle Welt verbrannt ist, wenn alle Götter, alle Einherier und alles Menschengeschlecht tot, so wird jeder Mensch in einer der (neuen) Welten leben alle Zeiten hindurch. Denn es giebt manche guten und manche bösen Stätten; da sind drei Säle, der des Sindri-Geschlechtes steht nordwärts von rotem Golde gemacht, der andere ist ein Biersaal der Riesen, steht auf Okolnir und heißt Brimir; in diesen Sälen werden die guten und gerechten Menschen wohnen. Fern von der Sonne steht der dritte Saal am Leichenstrand (Naströnd), die Thüre gen Norden gekehrt. Gifttropfen fallen zum Fenster hinein, geflochten ist der Saal von Schlangenrücken, die Köpfe aber stehen einwärts und blasen Gift aus, sodaß Giftströme durch den Saal fließen, Mörder und solche, die eines anderen Braut ins Ohr raunen. Da saugt der Nidhöggr hingegangene Leichen aus und zerreißt der Wolf die Menschen.«
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Sindri entspricht dem Urdaborn und ist mit Gold gedeckt zur Anspielung auf das leuchtende Muspelheim; Brimir ist ein Trinksaal der Riesen zur Erinnerung an Ymirs Entstehung und entspricht dem Mimirs Born und Ginnungagap; der Schlangensaal weist auf die Schlangen im Hvergelmir und Niflheim zurück. Zur Erklärung schreibt Mone (a. a. O. S. 468): In der Schöpfung ist Bewußtlosigkeit der erschaffenen Wesen, im Leben entwickelt sich das Bewußtsein, darum ist es ein beständiger Streit zwischen Wahrheit und Wahn, der Weltbrand ist die Vollendung des Bewußtseins. Da die Lebenspflicht Kampf, und dieser, wie oben gezeigt, sowohl leiblich als geistig ist, so tritt mit dem Bewußtsein die Überzeugung von Verdienst und Schuld und die Notwendigkeit von Lohn und Strafe ein, die drei Säle der Wiedergeburt sind also die Orte des Lohnes, des Zwischenzustandes oder der Vorbereitung zum Lohne, und der Strafe (im Christentum Himmel, Fegfeuer, Hölle), Gedanken, die natürlich bei den drei Brunnen des Lebens noch nicht vorkommen konnten. Aus den obigen Worten der Edda erhellt, daß die guten Menschen in den Sindri, die gerechten in den Brimir, die sündhaften in den Schlangensaal kommen. Umsonst wird dieser Unterschied nicht sein, in ihm liegen folgende Gedanken. Die Güte ist die wahre Tugend, die allein belohnt wird, die ihr Vorbild am Balder hat, der darum ausdrücklich der Gute genannt ist. Sie besteht in dem durch sittlichen Kampf errungenen thätigen Willen zur Tugend, die Gerechtigkeit aber erwirbt durch den Kampf mit dem Bösen kein größeres sittliches Eigentum, sondern bewahret nur ihren Besitz, wer sich aber feig vom Bösen überwinden läßt, der ist ein Sünder und verspielt sein sittliches Vermögen an den Teufel. Derselbe Gedanke ist im Evangelium durch die Knechte und ihre Talente bezeichnet. Auf drei Sünden wird der Nachdruck gelegt, auf Meineid, Mord, Ehebruch, dieser ist zwar ein Zusatz, aber so gültig wie die Quelle. Die drei Sünden heben die Grundlagen des Lebens, Wahrheit, Persönlichkeit und Fortpflanzung auf; da die Strafe im Aussaugen und Zerreißen der Leichen besteht, so heißt dies mit anderen Worten, die Sünder verlieren in der anderen Welt ihre Selbständigkeit oder Persönlichkeit, ihr Körperliches wird aufgelöst und in die allgemeine Materie zurückgeworfen, ihre Seele ist dadurch in der Wanderung gehemmt, weil ihr Leib, statt vollkommen zu werden, wieder in seine Urstoffe aufgelöst wird. Solche Seelen irren deswegen als Gespenster umher, bis ihre Strafzeit vorüber und sie wieder einen Leib finden. Die Gespenster sind also eine mikrokosmische Folgerung aus dem Weltbrande und der Wiedergeburt. Von den Guten heißt es nie, daß ihr Körper in jener Welt zerstört würde, im Gegenteil haben schon die Einherier einen so vollkommenen Leib, daß er durch Wunden nicht getötet wird, und die Gerechten trinken in voller Gesundheit Bier im Saale Brimir, während Nidhöggr Leichen aussaugt, denen die Seele entflohen (+nair framgeingnir+, Vol. 45). Man kann hieraus die Stufen der Seelenwanderung erkennen: wer nach seinem Tode Einherier wird, kommt nach dem Weltbrand in den Sindri, wen die Hel verwahrte, der gelangt in den Brimir, wo Bier getrunken wird wie in Walhall. Also kommen die Gerechten erst nach dem Weltbrand auf jene Stufe, auf der die Einherier schon vor demselben standen; die Verbrecher aber, die nach dem Tode an den Leichenstrand gelangen, gehen nach dem Weltbrand in den Schlangensaal und müssen die irdische Laufbahn und Prüfung von vorn wieder anfangen. Hieraus folgt, daß die Guten nicht mehr auf die Erde zurückkommen, wohl aber die Gerechten und Bösen, daß also die Welt notwendig immer schlechter wird und die Vorzeit besser war, was beides noch jetzt vielfach deutscher Volksglauben ist. Es scheint ein altgermanischer Glaubenssatz gewesen zu sein, daß jeder Gerechte und Verbrecher wiedergeboren werde, bis die Welt untergehe, welcher Sünder sich bis dahin nicht gebessert hätte, der würde in den Schlangensaal kommen. Dies bestärkt auch eine Stelle im Havamal, wo nur zwei Dinge, der gute Ruf (die Tugend) und der Urteilsspruch über den Toten als unsterblich angeführt werden:
»Mäßige Weisheit wahre der Mann, Er werde nicht allzu weise: Wer, was er weiß, auch gründlich weiß, Hat's immer leicht im Leben. Mangelt dem Manne Gemüt und Verstand, Bespaßt und verspottet er alles. Wissen soll er und weiß es nicht, Daß selber nicht frei er von Fehlern. Ein Thor nur wähnt, man ward ihm Freund, Wenn ein Mensch nach dem Munde ihm redet. Doch fehlen ihm Fürsprecher vor Gericht, Dann merkt er, daß Mancher ihn täuschte. Zum Thoren verschwatz sich, wer Schweigen verlernt In lautem losen Gerede. Die Zunge, die ohne Zügel rennt, Redet sich oft ins Unglück. Früh wache, wer wenig Werkleute hat, Um selbst nach dem Rechten zu sehen, Manches versäumt, wer den Morgen verschläft; Hurtig ist halb gewonnen. Fettling hatte volle Hürden, Und die Kinder kaun an den Fingern, Reichtum, der falsche Freund verschwand So schnell, wie ein Wink der Wimpern. Gütig Gemüt und munterer Geist Hat leichtes, sorgloses Leben. Der Ängstliche kommt zu keinem Genuß Und kargt auch scheu mit Geschenken. Die Gabe braucht nicht groß zu sein, Oft kauft man Dank mit der kleinsten; Ein Stückchen Brot und Becher der Rest, Gewann mir schon manchen Gesellen.
Trau nicht zu viel der Frühsaat im Feld, Trau nicht zu viel dem Frühwitz beim Kind, Die Saat braucht Zeit, Erziehung das Kind, Unsichere Dinge dünken sie sonst. Trau nicht des Mädchens traulichem Wort, Trau nicht des Weibes traulichem Wort, Ihr Herz ward geschaffen auf schwingendem Rad, Wankelmuts Wohnung ist weibliche Brust.
Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund, Dann soll man selber sterben. _Doch nimmer stirbt der Nachruhm dem, Der schönen sich geschaffen._ Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund, Dann soll man selber sterben; _Eines nur weiß ich, das nimmer stirbt; Das Urteil über den Toten_.«
Den ferneren Verlauf der Wiedergeburt erzählen die Urkunden mit vieler Bedeutsamkeit: »Auf steigt die Erde zum zweitenmal, herrlich grün aus dem Meere, Wasserfälle stürzen, Adler fliegt darüber, fängt Fische an Felsen. Sich versammeln die Asen auf dem Idafelde, urteilen über den mächtigen Staub, erinnern sich an die Machtbeschlüsse und an Fimbultyrs alte Runen. Da werden die Asen die wunderbaren goldenen Tafeln im Grase finden, die in den Urtagen die Geschlechter hatten, der Volksheer der Götter und Fjölnirs Kind. Ungesäet werden die Ackerfrüchte wachsen, alles Übel vergehen, Balder kommen und bewohnen mit Hödur Hropters Siegessaal und das Heiligtum der Seelengötter. Da kann Hönir sein Loos wählen und es bewohnen die Söhne zweier Brüder das weite Windheim. Schöner als die Sonne ist ein Saal mit Gold gedeckt am hohen Gimli, darin werden gute Seelen wohnen und durch die Tage der Zeiten Seligkeit genießen. Da kommt der Reiche zum Göttergerichte, der Starke von oben, der alles regiert, versöhnet die Gerichte, schlichtet die Streite, setzet Wehrgelt, wie es sein soll. Fliegend kommt der dunkle Drache, die glänzende Natter der Tiefe von den Nithafelsen, Nidhöggr trägt in den Flügeln die Leichen und fliegt über den Grund.«
Nach der jüngeren Edda treten Vidar und Vali zuerst nach dem Weltbrand auf, unversehrt und unbeschädigt von Surturs Flamme bewohnen sie den Idawall, wo vordem Asgard gewesen. Darauf kommen Thors Söhne Möthi und Magni mit dem Mjöllnir, sodann Balder und Hödur von der Hel, alle setzen sich zusammen, erzählen einander, erinnern sich an ihre Runen und reden von den Geschichten, die vorher waren, vom Midgardzorne und Fenriswolf. Da finden sie im Grase die Goldtafeln, welche die Asen gehabt. Zwei Menschen, Lif und Lifthrasir, bleiben verborgen im Hügel des Hoddmimir und nähren sich vom Morgenthau, von ihnen kommt das künftige Menschengeschlecht. Auch die Sonne gebiert eine Tochter vor ihrem Untergang, welche die Laufbahn der Mutter einnimmt. Drei Gesellschaften der Jungfrauen des Mavgthrasir schweifen über das Land, sie sind allein Schutzgeister derer, die in der Welt sind, obschon sie bei den Joten erzogen werden. Von den alten Göttern bleibt nur Njördr übrig, er kommt aber nicht zu den Göttersöhnen auf das Idafeld, sondern kehrt nach Wanaheim zurück. Auch der zweite Himmel Andlängr und der dritte Vidblainn, den die Lichtelfen bewohnen, bleibt von Surturs Flamme unversehrt. Da die guten Menschen in den Saal Gimli kommen und dieser am südlichen Ende des untersten oder ersten Himmels steht, so muß man ihn wohl als das Thor und den Eingang zu den höheren Himmeln ansehen.