Der Occultismus des Altertums

Part 77

Chapter 773,664 wordsPublic domain

Die Edda (Wöluspa) schildert uns 12 Weltteile oder Himmelsfesten, die vermutlich den 12 Sternbildern des Tierkreises entsprechen. 1) _Midgard_, die Erde, ist schon genannt. Auf und über der Erde ist 2) _Wanaheim_, der Wohnplatz eines jüngeren Göttergeschlechts, in denen sich die Natur der Asen vermischte mit der Natur der Jötunen. Wahn war ihr Wesen, d. h. unbewußtes Schauen und Sinnen. Man erklärt sie vielfach für die Götter des Gemüts, der sinnlichen Triebe, einzelne halten sie auch für die Götter der Wasserwelt, unter deren Herrschaft das Meer und die Flüsse standen. Unter der Erde ist 3) _Schwarzelfenheim_, der Aufenthalt der von Loki geschaffenen Zwerge. Durch dieses gelangt man zum Totenreich, 4) _Helheim_, welches von 5) _Niflheim_ begrenzt wird. Südwärts liegt das erwähnte 6) _Muspelheim_, wo Surtur mit dem Flammenschwert herrscht und Muspels Söhne wohnen. Über Midgard im sonnenhellen Raum liegt 7) _Lichtelfenheim_, der Aufenthalt der Lichtelfen, Zwerge, die sich von den Erdzwergen durch ihre lichte Hautfarbe unterscheiden und die Gefilde Asgards schmücken und für die Asen arbeiten, wie die Erdzwerge für Widar und Hödur. Über diesem aber wölbt sich 8) _Asgard_, die Burg der Asen, von Gold und glänzendem Gestein erglänzend und in ewigem Frühling grünend. Dieses trennt ein breiter Strom von 9) _Jötunheim_, dem Aufenthalt der zauberkundigen Joten. Daneben werden noch genannt 10) _Glidskialf_, der Hochsitz Odins, 11) _Gladsheim_ (Glanzheim), der Hof Odins, der auch Walhall umschließt, und 12) _Himmelsburg_, wo Heimdal wohnt, der Wächter der Götter.

Der höchste der Asen, der Göttervater, der nächst dem ungeschaffenen Allvater die von ihm geschaffene Welt während ihrer ganzen Dauer regiert, ist _Odin_, von Wolfgang Menzel treffend als eine Personifikation der Zeit und zugleich des absoluten freien Willens charakterisiert, ein Gott, der an sich weder gut noch böse, doch im Verlaufe der Zeitlichkeit mancherlei Unrecht verübt und schließlich nicht ohne Schuld den Untergang dieser Welt herbeiführen muß. Odin ist der deutsche _Wodan_, der Himmelsgott, gewöhnlich _einäugig_ gedacht; denn der Himmel hat nur _ein_ Auge, die Sonne; ein breiter Hut beschattet seine Stirn, die Wolke, sein Mantel ist blau mit goldenen Sternen bestickt.

Die Römer (Cäsar und Tacitus) identifizierten ihn mit Merkur; denn sie berichten, Merkur sei der höchste Gott der Germanen. Dies wird nur erklärlich, wenn man bedenkt, daß bei den Römern Merkur als Totenführer gilt. Ein _Führer der Seelen_ war aber auch Odin-Wodan; denn die Seele dachte man sich als ein luftartiges Wesen. Nach dem Tode führt Odin sie in sein luftiges Reich. -- In dieser Eigenschaft als Luftgeist und Führer abgeschiedener Seelen hat Wodan sich am längsten in der deutschen Volkssage erhalten. Es ist der im Sturm jagende Wode, der wilde Jäger, der in lokalen Sagen noch jetzt als Hackelbaraud, Rodensteiner erscheint und das Gespensterheer über die Wälder dahin führt.

Während aber in den späteren vom Christentum beeinflußten Sagen die Seelenführung Odins einen unheimlichen Charakter angenommen hat, war sie im Heidentum vor allem eine Führung der heldenhaften Seelen. Odin ist der große Heerführer. »Gieb uns den Sieg, Heervater«, flehten betend und opfernd die Fürsten der Vandalen zu Wodan.

In Odins Himmelsburg war ja auch Walhalla, eine ungeheuere große Totenhalle, in die alle Könige, Helden und zur Waffenehre berechtigten freien Männer nach ihrem Tode aufgenommen wurden, als die sog. Einherier (Genossen des Heeres, Waffenbrüder). Sie werden an der Tafel, an der Odin allein Wein trinkt, sie aber Bier, von den schönen Walkyren (Totenwählerinnen, Wunschmädchen) bedient, ziehen dann auch abwechselnd hinaus auf die Ebene Ida, um männliche Spiele zu treiben und miteinander zu kämpfen, weil ihnen schon im Leben Kampf immer das liebste gewesen. -- Außer der Walhalla gab es nach der Edda noch andere Himmel, einen der Frauen, der Jungfrauen und einen sehr großen für das gemeine Volk. Nach Walhall gelangten nur Helden und diese auch nur, wenn sie im Kampfe gefallen waren oder sich auf dem Sterbebette wenigstens noch mit einer Lanze verwundet hatten.

Derselbe Odin, der Führer der Helden, ist nur bezeichnend für die germanische Schätzung der Dichtkunst -- »es soll der Dichter mit dem König (Helden) gehen«, -- noch der _Gott der Dichtkunst_, und wieder bezeichnend für das Volk der Dichter und _Denker_, der Gott der Weisheit. Eigentümlich ist die Erzählung der Edda vom _Dichtertrank_, in dessen Besitz Odin sich mit Unrecht und Arglist zu setzen wußte. Die Asen und Vanen, d. h. vielleicht die sittlichen und physischen Mächte, hatten sich zu Anfang bekämpft. Es wurde aber zuletzt Frieden geschlossen, und dies geschah, indem beide Teile in ein Gefäß spuckten. Dieses Friedenszeichen schufen die Asen nachher in einen Mann um, namens Quasir, der so weise war, daß er auf alle Fragen, die man an ihn richtete, Antwort zu geben wußte. Quasir fuhr nun weit im Lande umher, die Menschen zu unterrichten und überall rühmte man seine Weisheit und seinen Verstand, so daß sein Ruhm sich weithin verbreitete. Einstmals kam er zu zwei Zwergen, namens Fialar und Galar; diese waren neidisch auf seinen Ruhm, und töteten ihn deshalb. Sein Blut ließen sie in zwei Fässer rinnen, die Son und Boden hießen, und in einem Kessel, den sie Odrärer nannten. In dieses Blut mischten sie Honig, und daraus entstand ein herrlicher Met, welcher die Eigenschaft hatte, daß er die, welche davon tranken, zu Dichtern und weisen Männern machte.

Dieser Zaubertrank kam schließlich in den Besitz des Riesen Suttang, der ihn in einem Felsen, namens Huitberg verbarg. Er selbst kostete nicht einmal davon, denn er war zu geizig dazu. Seine Tochter, die schöne Gunlödi, stellte er als Wächterin bei dem Met und verbot ihr streng, davon etwas zu genießen. Davon hat die Dichtkunst auch die Namen: Quasirs Blut, Zwergtrank, Odreers oder Bodens oder Sons Naß, Huitbergs Met oder Naß.

Odin hatte von diesem wunderbaren Getränk gehört, und obschon er selbst die Gabe der Dichtkunst und die Weisheit in einem hohen Grade besaß, wollte er doch von diesem Met kosten, um noch weiser zu werden.

Er machte sich daher auf den Weg nach dem Riesenlande, und zwar ohne alle Begleitung, und kam an einen Ort, an dem neun Riesen das Heu abmäheten. Obgleich der mächtigste Gott, getrauete er sich doch nicht, die neun Riesen zu bekämpfen, und suchte daher durch List ihrer Herr zu werden.

Er fragte sie nämlich, ob er ihnen mit seinem kostbaren Wetzsteine die Sensen wetzen solle, und die Riesen willigten ein. Odin nahm darauf einen Wetzstein aus der Tasche, und machte die Sensen darauf so scharf, daß die Riesen darüber sehr erfreut waren; aber nun wollten sie auch den Wetzstein haben. Odin sagte, wer ihn kaufen wolle, solle geben, was billig sei. Jeder sagte darauf, daß er ihn kaufen wolle, und sie gerieten darüber in Streit. Da warf Odin den Stein in die Luft, und nun griffen alle darnach, und sie kamen derart ins Handgemenge, daß sie sich mit ihrem Eisen töteten.

Odin setzte nun seinen Weg fort und kam des Abends zu einem Riesen, namens Bangi, einem Bruder Suttangs; er hatte hier wieder eine andere Gestalt angenommen und nannte sich Bölwerk.

Bangi, der den Götterfürsten nicht erkannte, nahm ihn sehr gut auf, und erzählte ihm, auf welche Weise er neun seiner Knechte verloren habe, und wie er nun nicht wisse, woher er Arbeiter nehmen solle. Da erbot sich Bölwerk, bei ihm zu bleiben während des ganzen Sommers, und ebensoviel zu arbeiten, als die neun Knechte gearbeitet hatten; doch sollte ihm Bangi zum Lohne dafür am Ende des Sommers einen Trunk aus Suttangs Met verschaffen. Bangi antwortete, daß er nicht Herr über den Met sei, versprach ihm jedoch, mit ihm zu seinem Bruder zu gehen und diesen darum zu bitten, denn einen so tüchtigen Arbeiter wollte er nicht so leicht wieder ziehen lassen.

Während des Sommers arbeitete Bölwerk für neun; als aber der Winter herankam, verlangte er seinen Lohn. Beide begaben sich nun zu Suttang; Bangi erzählte seinem Bruder, was Bölwerk für ihn gethan und was er ihm versprochen hatte, und bat ihn nun um einen Trunk von dem Dichtermet, aber Suttang schlug die Bitte geradezu ab, und sagte, daß niemand von seinem Met kosten solle.

Darauf sagte dann Bölwerk zu Bangi, daß sie es nun durch List versuchen müßten, um den Met zu bekommen, und Bangi war damit zufrieden.

Beide machten sich nun auf den Weg zu dem Felsen, in welchem der Dichtertrank eingeschlossen war. Als sie dort angekommen waren, zog Bölwerk einen Bohrer hervor, der Rati genannt war, und gebot Bangi, mit diesem scharfen Bohrer den Felsen zu durchbohren. Bangi that es, und nach einiger Zeit sagte er, der Fels sei nun durchbohrt. Aber Bölwerk blies in das gebohrte Loch, und da ihm die Spähne ins Gesicht flogen, merkte er, daß ihn Bangi betrügen wolle. Er verlangte daher, daß Bangi den Felsen vollständig durchbohren solle, und er mußte es thun. Als Bölwerk nun wieder hineinblies, flogen die Spähne ins Innere des Felsens. Schnell verwandelte sich nun Bölwerk in eine Schlange, und kroch durch das Loch. Bangi stieß ihm den Bohrer nach, aber ohne ihn zu treffen.

Als Bölwerk nun in dem Felsen angekommen war, nahm er eine Gestalt an, in welcher er der Gunlödi so außerordentlich gefiel, daß sie ihm nichts verweigern konnte. Während dreier Tage und dreier Nächte blieb er in dem Felsen. Beim ersten Trank leerte er den Kessel Odrärer, beim zweiten das Faß Boden und beim dritten das Faß Son. Hierauf verwandelte er sich in einen Adler, flog eiligst davon, und ließ die betrogene Gunlödi in Verzweiflung zurück.

Unterdeß hatte Suttang Kunde erhalten von dem, was geschehen war. Schnell verwandelte er sich ebenfalls in einen Adler, und flog ihm nach. Die Asen sahen Odin schon in weiter Ferne; sie bemerkten aber auch, daß Suttang ihn verfolgte, und daß Odin durch den in reichlichem Maße genossenen Met schwerfällig geworden. Sie setzten deshalb schnell Gefäße in den Hof, in welche Odin, als er den Asgard erreichte, den Met ausspie. So gelangte Odin zu dem Dichtermet. Odin gab davon den Asen und allen guten Dichtern. Dies ist der Ursprung von dem, was wir Dichtkunst, Odins Fang oder Fund, oder der Asen Gabe und Trank nennen.

So weit die Erzählung in der jüngeren Edda. In der Havamal wird dieselbe Mythe wenn auch nicht so vollständig erzählt, aber weit schöner ausgeschmückt:

»Sobald es tagte, Gingen die Riesen In die erhabene Halle hinein, Und jeder fragte Und forschte den Bölwerk, Ob die Mäher mit ihm Gekommen seien.

Lange hielt ich, Was ich versprach, Und vollendet die Arbeit So gut als einer, Daß nichts gebrach. Darauf sucht er Suttang Zu überlisten Beim fröhlichen Mahl, Allein er mußte noch Gunlödens Thränen kosten.

Gunlöde reichte Im goldenen Keller Mir einen Trunk Des kostbaren Mets dar, Aber mit Schmerzen Vergalt ich ihn Ihrem heiligen Herzen Ihrem züchtigen Sinn.

Über Flüsse mußt' ich schwimmen, Über Felsen mußt' ich gehen; Oben und unten Hab' ich der Riesen Wege gefunden, Und setzte da meinen Kopf auf's Spiel.

Nun hab' ich zum Dank Den teuren Trank. Ihn werden die Weisen Ein Kleinod heißen. Aus ihm entsprang Lied und Gesang Im Himmel und auf Erden.

Niemals würd' ich Den Riesenhöhlen Entkommen sein, Hätt' ich nicht Gunlöde, Das gute Mädchen, Umarmt und geliebkost.«

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Ähnlich raubt nach _indischen_ Mythen der Gott Indra den im Wolkenberge gefesselten Met und bringt ihn in Falkengestalt zu den Sterblichen.

»Ich weiß«, so spricht in einer der _rätselhaftesten_ und tiefsinnigsten Dichtungen der Edda Odin, »daß ich hing am Baume der Welt neun lange Nächte, vom Speer verwundet, den Odin geweiht, ich selber mir selbst. Am Baume hing ich, des Wurzel keiner kennt. Man bot mir nicht Brot noch Trank. Da, in die Tiefe spähend, empfing ich Runen und sank vom Baume nieder. Vom Ahn, dem Urriesen, lernt' ich der Lieder neun, und trinkend den Mut aus Odrörers Born, gewann ich Gestalt und Bildung und begann zu denken. Wort aus dem Wort verlieh mir das Wort; Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk. -- Runen sollst Du finden, o Menschenkind, Ratstäbe, mächtige Stäbe, die Götter schufen, und die der allwaltende Herrscher eingeschnitten hat. Er schnitt sie ein zur Richtschnur den Völkern, dann entwich er von wannen er wiederkehrt.« -- Dieser Mythus wird von Mannhardt folgendermaßen gedeutet: »Der sinnende Gottesgeist, -- Odin, -- schwebt am Weltbaum außerweltlich über der zeitlich-materiellen Welt. Er blickt nieder in die Tiefen der Schöpfung und sucht Runen, d. h. die Eigenart, die Wesenheit der Dinge zu erforschen. Er leidet Pein: vom Speer verwundet, ohne Brot und Trank neun lange Nächte. Denn jede Geburt bringt Schmerz und bedarf der Zeit, um zu reifen. Wie er die Runen erkennt und erfaßt, sinkt er herab, er sich selbst zum Opfer bringend. Der Geist taucht in die unbeseelte Materie, wird innerweltlich, wächst und gedeiht im endlosen Leben durch das Leben, Wort aus dem Wort und Werk aus dem Werk. Er durchdringt und beherrscht die Welt, da er aller Dinge eigenste Art erkannt hat. Er beherrscht sie durch Lieder, welche die Runen lebendig, zauberkräftig machen; denn neun Hauptlieder hat er von dem urweltlichen Riesen erlernt und hat von Gunlöds Wundermet getrunken. Es ist die Sprache des Gesanges, die, wie in der hellenischen _Orpheussage_ nicht bloß das menschliche Gemüt, sondern sogar leblose, unbeseelte Dinge belebt.« -- Der _runen_kundige Gott ist zugleich der _Zauberkundige_. Eins der ältesten altdeutschen Sprachdenkmale ist jener Zauberspruch:

+phol unde uuôdan+ -- Phol (Balder) und Wodan +uuorum zi holza;+ -- fuhren ins Holz. +dô uuart demo balders uolon+ -- da ward des Balders Fohlen +zin uuoz birenkit:+ -- sein Fuß verrenket; +thu biguolen sinthgunt+ -- da besprach ihn Sintgunt +Sunnâ, erâ suister+ -- und Sonne, ihre Schwester; +thu biguolen uuôdan+ -- Da besprach ihn Wodan, +sô he uuola conda:+ -- Wie er wohl konnte; +sôse bînrenki+ -- So die Beinrenkung, +sôse bluotrenki+ -- So die Blutrenkung. +sôse lidirenki.+ -- So die Gliederrenkung. +bên zi bêna+ -- Bein zu Beine, +bluot zi bluoda+ -- Blut zu Blute, +lid zi geliden+ -- Glied zu Gliedern, +sôse gelîmida sên.+ -- Als ob sie geleimet seien!

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Sogar zu Mimirs Born war Odin hinabgestiegen, um den Grund aller Dinge zu erfahren. Heimlich fuhr er dahin und begehrte einen Trunk aus Mimirs Born. Aber der Riese verlangte dafür ein Auge des Gottes. So groß war dessen Durst nach Erkenntnis, daß er das eine Auge dafür gab. Mimir hatte vordem wohl Kunde von den _ältesten_ Zeiten gehabt; allein die Einsicht in das Geschehende hatte ihm gefehlt; von nun ab benutzte er das Auge Odins als Trinkhorn, und aus des _Geistes Auge trank er Einsicht vom Quell des Gedächtnisses_. -- Odin aber kehrte grübelnd und sinnend zurück. Vieles war ihm klar geworden; doch sah er ein, daß niemand Allvaters Ratschlüsse aus der Natur endlicher Wesen erschließen kann, und wenn er die Schöpfung bis zum ersten Keimpunkt zurückverfolgt. Als die Asen ihn fragten, wodurch er sein Auge verloren, zeigte er auf die großen Lichter, welche Tag und Nacht erhellen, und »Wißt ihr«, fragte er sie, »warum nur _eine_ Sonne und _ein_ Mond an meinem Himmel steht? Seht, ihr Ebenbild schaut euch aus dem Gewässer entgegen. _Ein Auge des Himmels wacht über der Welt; das andere ist versenkt in das Meer der Zeiten, in den Urstoff der Dinge._«

Ein tieferer Sinn dieses Mythus vom _einen_ Auge Odins, dessen _anderes_ er bei Mimir zum Pfande ließ, scheint mir durch die spekulative Hypothese vom transscendentalen Ich gegeben zu sein, die wir bereits bei Plato und Aristoteles berührten, die Kant und endlich du Prel in der Lehre vom Doppel-Ich, dessen eine Hälfte im Transscendenten liegt, modernisiert hat. (Vergl. S. 832 und 613 oben.)

Nächst Odin-Wodan nehmen _Thor_ und _Loki_ die bedeutendste Stelle im germanischen Götterhimmel ein.

Thor, Thunaras, ahd. Donar, ist ebenfalls Himmelsherrscher, aber eine von dem höheren umfassenden Begriffe Odins abgespaltene Rolle, nämlich als Herr des Gewitters. Nach ihm trägt der Donnerstag noch heute seinen Namen. Auf einem von Böcken gezogenen Wagen fuhr er durch die Wolken dahin, der einschlagende Blitz war sein Geschoß, gedacht als steinerner Wurfhammer. Sein Charakter vereint Kampflust und Gutmütigkeit; letztere läßt ihn oftmals das Opfer von Trug und Lug werden. Ihm galt vor allem das Gebet und der Kriegsgesang der Germanen beim Auszug in die Schlacht.

Nach Mone (S. 404) ist Thor »das Übergewicht der allgemeinen organischen Lebenskraft über die unorganische Materie oder mit anderen Worten der kämpfende Sonnenheld«. Letzteres würde uns begreiflich machen, warum die Römer in ihm nicht nur ihren +Jupiter tonans+, sondern mehrfach auch ihren Herkules wiederzuerkennen glaubten.

Er war ein Sohn Odins und der Erde, was ganz physikalisch durch die aus der Erde aufsteigenden Gewitterwolken gedeutet werden könnte. Er versinnbildlicht auch die Fruchtbarkeit, als zeugendes Prinzip; denn die blonde Sif, die Ernte ist sein Weib, nämlich im Sommer; im Winter heißt sein Weib Jarasaxa (Eisenschwert oder Pflugschar). Kraft ist seine hervorstechendste Eigenschaft. Thrudheimr (Kraftwald) ist der Name seines Wohnsitzes, er wandert gern mit einem Tragkorb auf dem Rücken zu Fuß einher, ißt und trinkt unmäßig, ist leidenschaftlich, und wenn er zürnt, schnaubt er in seinen roten Bart, daß es wie Donner durch die Wolken schallt.

Er ist der Hauptfeind des Riesengeschlechts. Als er einst schlief, -- im Winter ist seine Kraft abwesend --, stahl ihm der Riese Thrymr, der Starke, seinen Hammer (Mjöllnir) und verbarg ihn tief in der Erde. Er wollte durch Vorenthaltung des Hammers sich die Göttin Freyja zur Frau erpressen. Auf Heimdallrs Rat legte nun Thor Freyjas Gewand an und nahm den listigen Loki, der sich als Magd verkleidet hatte, mit ins Thursenland, das Thrymr beherrschte. Von Thrymr sehnsuchtsvoll empfangen, fiel er diesem auf durch unmäßiges Trinken und Essen, einen ganzen Ochsen aß er und acht Lachse und alle Kuchen, die den Weibern bestimmt waren. Da hob Thrymr seinen Schleier und prallte entsetzt zurück, da er Thors furchtbar funkelnde Augen erblickte. Doch gebot er, den Hammer zu bringen um die Braut zu weihen.

Da lacht dem verkleideten Thor das Herz, als er seinen Hammer wiedersieht; er ergreift ihn, erschlägt den Riesenfürsten und zerschmettert das ganze Geschlecht.

Mone findet in dieser Sage eine Anspielung auf die Idee der Wiedergeburt: »da Heimdallr die Seelen zur Wiedergeburt der Frau (Freyja) überliefert, so muß Thor selbst eine Frau werden, wenn er (der Winterschlaf ist der Tod) wiedergeboren sein, d. h. zu seinem Hammer gelangen will.« Einfacher und natürlicher scheint es mir, darin nichts anderes als das Erwachen des Frühlings zu finden.

»Noch schläft die Mutter Erde, Träumend vom Auferstehn; Da ruft ein mächtig Werde Der Gott; es muß gescheh'n. Er spaltet mit dem Hammer Des Eises starres Thor. Da tritt sie aus der Kammer, Bräutlich geschmückt hervor.«

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_Loki_, der Endiger, von riesischer Abkunft, ist der Anstifter jeglichen Unheils bei Göttern und Menschen, scheinbar zunächst ein treuer Gefährte der anderen Asen, schön wie Lucifer, hat er im Anfang der Zeiten mit Odin Blutsbrüderschaft getrunken. Doch weil er vom Herzen eines bösen Weibes getrunken, ist er schwanger geworden und hat die Ungeheuer, den Fenriswolf, die Midgardschlange und die Totengöttin Hel geboren. Er selbst pflegt sich unter den verschiedensten Verwandlungen zu zeigen, ein Geist, der stets dem Widerspruch und der Verneinung dient. Er heißt auch Loptr (Luft) und Lodorr (Hitze); Funkenspiel und zitternde Luftbewegung bringt heute noch nordischer Volksglaube mit Lokis Namen in Verbindung. Loki ist das Feuer, das der Sturm aus dem Holze entfacht. Denn seine Eltern heißen Farbauti, der gefährlich Schlagende und Nal, Nadel am Nadelbaum.

Loki ist es, der bekanntlich den _Balder_, diese reinste Lichtgestalt unter den Asen, den _guten_ Gott durch den blinden _Hödur_ töten läßt, wie es die jüngere Edda 49 schildert: Balder, der Gute, hatte schwere Träume, sein Leben sei in Gefahr. Da hielten die Asen Rat, um ihn zu schützen, und Frigg, seine Mutter, nahm Eide von allen Elementen, Steinen, Pflanzen, Tieren, Krankheiten und Giften, daß sie Balder verschonen sollten. Die Asen stellten darauf den Balder in die Mitte, warfen und schlugen nach ihm mit allen möglichen Werkzeugen und konnten ihn nicht verletzen. Loki aber, der die Gestalt eines alten Weibes angenommen hatte, lockte der Frigg das Geheimnis ab, ob ihrem Sohn doch vielleicht etwas schaden könne. Unvorsichtig vertraute ihm Frigg, von einer Mistel allein, die auf einem gewissen Baum wachse, habe sie keinen Eid genommen, da dieselbe ihr zu jung vorgekommen sei. Da pflückte Loki die Mistel ab und gab sie dem Hödur, der ein Bruder des Balder und von großer Stärke, aber blind war. Als nun alle Asen schon versucht hatten, den Balder zu verletzen, sollte es auch der blinde Hödur versuchen; kaum aber berührte er ihn mit der Mistel, so fiel der schöne Bruder tot zu Boden. Seine Leiche wurde von den Asen in ein großes Schiff gebracht und verbrannt. -- Die Götter entsandten Hermordr, einen anderen Bruder Balders, nach Hel, der Totengöttin, um den Gestorbenen aus ihrer Macht zurückzulösen. Hel knüpfte die Auslösung an die Bedingung, daß alle Wesen, lebende und tote, um Balder weinen. Das thaten sie auch mit Ausnahme des Riesenweibes Tök, einer Vermummung Lokis, und somit konnte Balder nicht wieder zur Welt kommen.

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Die Deutung dieses Mythus bietet viele Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann Uhlands Erklärung, +Sagenforschungen I, 144ff.+ als die natürlichste gelten, der Balder als das Licht und den Sommer, den blinden Hödur als die Nacht und den Winter, Balders Tod als die Schwächung der Sonne in der Sonnenmitte, Nanna als die Pflanzenwelt, die mit dem Sommer stirbt, deutet. Aber unerklärlich steht die in der Druidenlehre so wichtige Mistel da. -- Nach Professor Kauffmann und Professor Golther haben wir es nur mit einer erst spät zur Göttersage umgewandelten Heldensage zu thun, die ursprünglicher und echter bei Grammaticus überliefert ist, wo Balder, ein Held, mit Kriegsmacht in das Land des Gevarus eindringt, um sich Nanna, seine Geliebte zu erkämpfen. Er fällt hier durch das Schwert Hothers, welches Mistilteinn heißt. Dies Wort sei später als Mistelzweig mißverstanden.

Indeß erscheint mir diese Hypothese schon anticipatorisch bei W. Menzel, vorchristl. Unsterblichkeitslehre widerlegt zu sein. Wahrscheinlich ist doch, daß der esoterische Kern der Mythe ähnlich wie derjenige des Osiris- und Zagreus-Dionysios-Mysteriums die Wiedergeburt und die Wiederbringung aller Dinge betrifft. -- Die Asen wollten den Loki für seine Frevel sofort töten. Aber Odin, der schon vorher den Tod Balders bei seinem Ritt nach Niflheim erkundet hatte, hindert die Ermordung Lokis. Er weiß, daß alles sich nach dem Schicksal erfüllen muß, daß Loki dereinst diese Welt zerstören wird, daß aber in der darnach erstehenden neuen Welt Balder herrschen soll. Loki ward nun, wie sein Sohn, der Fenriswolf, gebunden mit einem Geisterbande. So lange diese Bande nicht reißen, so lange besteht die Welt. Nach dem nordischen Glauben sind wir aber schon im sechsten Alter der Welt, eine Idee, die im ganzen Mittelalter Volksglaube war, wonach sieben Weltalter einander folgen sollen. Wenn Loki oder der Teufel wieder los wird, dann kommt das Ende der Welt.