Part 76
Elphin brachte das Kind in die Burg und zeigte es seinem Vater, der es fragte: ob es ein menschliches Wesen oder ein Geist sei? Hierauf antwortete es in folgendem Liede. »Ich bin Elphin's erster Hausbarde und meine Urheimat ist das Land der Cherubim; der himmlische Johannes nannte mich Herddin, zuletzt jeder König Taliesin. Ich war neun volle Monate im Leibe der Mutter Ceridwen, vorher war ich der kleine Gwion, jetzt bin ich Taliesin. Mit meinem Herren war ich in der höheren Welt, als Lucifer fiel in die höllische Tiefe. Ich trug vor Alexander ein Banner; ich kenne die Namen der Sterne von Nord nach Süd; ich war im Kreise des Gwdion (Gwydion), im Tetragrammaton; ich begleitete den Hean in die Tiefe des Thales Ebron; ich war in Canaan, als Absalon erschlagen ward; ich war im Hofe von Don, ehe Gwdion geboren wurde, ein Geselle des Heli und Henoch; ich war beim Kreuzverdammungsurteil des gnadenreichen Gottessohnes; ich war Oberaufseher beim Werke vom Nimrods Thurm; ich war die dreifache Umwälzung im Kreise des Arianod; ich war in der Arche mit Noah und Alpha; ich sah die Zerstörung von Sodoma und Gomorra. Ich war in Afrika, ehe Rom erbauet ward, ich kam hierher zu den Überresten von Troja (d. h. nach Britannien). Ich war mit meinem Herrn in der Eselskrippe; ich stärkte den Moses durch des Jordans Fluß; ich war am Firmament mit Maria Magdalena. Ich wurde mit Geist begabt vom Kessel der Ceridwen; ich war ein Harfenbarde zu Teon (oder Lleon) in Lochlyn. Ich litt Hunger für den Sohn der Jungfrau. Ich war im weißen Berge (dem Tower in London) im Hofe des Cynvelyn in Ketten und Banden Jahr und Tag. Ich wohnte im Königreich der Dreieinigkeit. Es ist unbekannt, ob mein Leib Fleisch oder Fisch. Ich war ein Lehrer der ganzen Welt und bleibe bis zum jüngsten Tag im Angesicht der Erde. Ich saß auf dem erschütterten Stuhl zu Caer Sidin, der beständig sich umdrehte zwischen drei Elementen; ist es nicht ein Weltwunder, daß er nicht einen Glanz zurückstrahlt?« Gwyddno, erstaunt über des Knaben Entwickelung, begehrte einen anderen Gesang und bekam zur Antwort: »Wasser hat die Eigenschaft, daß es Segen bringt; es ist nützlich, recht an Gott zu denken; es ist gut, inbrünstig zu Gott zu beten, weil die Gnaden, die von ihm ausgehen, nicht gehindert werden können. Dreimal bin ich geboren; ich weiß, wie man nachzudenken hat; es ist traurig, daß die Menschen nicht kommen, all die Wissenschaften der Welt zu suchen, die in meiner Brust gesammelt sind, denn ich kenne alles, das gewesen, und alles, das sein wird.«
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Diese Geschichte des Taliesin ist einmal der Stufengang des Lehrlings bis zur höchsten Weihe, sodann die Geschichte des geheimen Ordens vom Kessel der Ceridwen und endlich die Naturgeschichte selbst. Gwyddno ist offenbar der höchste Einweiher in das Mysterium der Ceridwen.
Die Wasserfahrt war demnach ein Abbild der Fahrt des Hu und des Taliesin, die dritte Geburt, die jeder Eingeweihte erfahren mußte, wie der Meister des Ordens Taliesin. Der zweiten Geburt gingen manche schwere Prüfungen voraus, und von der ersten oder natürlichen Geburt bis zur zweiten war der Mensch als ungestaltet und schwarz angesehen, nach seinem Vorbilde, dem Avayddu, bis ihm nach jahrelangem Unterricht die drei Lebenstropfen zu Teil wurden, bis der Durst nach Wissenschaft bei ihm eintrat. Dagegen Ceridwen ist Wrach, oder Hexe, eine Furie, sie ist die Materie, die gewaltsam ihr Teil vom erwachten Geiste zurückfordert, sie ist der Tod, und ihr Kessel oder Schiff die Erde, worin der Mensch begraben wird. Sie ist die Mutter Natur, die das hilflose und ungeistige Kind (Avayddu) zur Schönheit, d. h. zur Geistigkeit entwickelt, dieser Entwickelung Bild ist der jahrelang kochende Kessel, aber der erwachte Geist entflieht der Materie, er kennt ihre Nachstellungen und entkommt ihr. Gwion ist dieser erwachte Geist, und heißt nicht mit Unrecht der kleine, nämlich der Jüngling, der in die Schule der Druiden geht. Seine Verwandlungen sind eben so viele Läuterungen, bis er als reines Weizenkorn von der schwarzen Henne, von der Mutter Erde aufgenommen wird. Nun ist er leiblich tot, bei seiner ersten Wiedergeburt tritt er in einen höheren Grad geistiger Wirksamkeit ein. Die erste Wiedergeburt geschah durch feierliches Hervortreten aus dem Cromlech, der etwa bildlich der Kamm der schwarzen Henne war. Die dritte Geburt des Lehrlings war an das Wiederaufleben der Erde, an den ersten Mai geknüpft, also durch die Frühlingsnachtgleiche bedingt. Wie tief diese Mysterien gegründet und wie viel umfassend ihre Lehren gewesen, zeigt nicht nur die Menge der dabei beteiligten Wesen, sondern auch deren weitgreifende Verwandtschaft durch die ganze Sage, und muß jeden zu dem Geständnis nötigen, daß von dem großen Lehrgebäude des Kesselordens uns nur wenig erklärlich und verständlich geblieben.
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Diese Beispiele aus dem reichhaltigen Inhalt der keltischen Bardendichtungen mögen genügen, um das Urteil Mones zu verstehen, der seine Mitteilungen daraus mit den Sätzen schließt:
»Es ist eine weite Aussicht, die sich uns eröffnet, eine vielgestaltige Welt, an deren Thoren wir stehen, ein heiliger Tempelkreis, in den wir treten. Wir müssen mit reinem Herzen, das nicht auf Schlechtigkeit ausgeht, mit gelehrigem Geiste, dem nicht Hochmut und Vorurteil das höhere Licht verschlossen, kommen, wie Arthur und Cri, die in das Heiligtum aufgenommen wurden. Unglauben, wie er auch durch Unverständigkeit beschönigt wird, zerstört ebenso die Einsicht in das geistige Leben der Vorwelt, als der Glauben ohne Gründlichkeit, der, wenn er in der Nacht des Altertums einige Lichter erblickt, nun frohlockend meint, es bedürfe nur seiner Ansicht und Einbildung, um aus den zerstreuten und von ferne gesehenen Lichtern der Mitwelt einen Tag hinzuzaubern, wie er im Altertum gewesen. Bewahre sich vor beidem, wem es um die Sache ernst ist! Man braucht in sie weder Liebe noch Haß hineinzutragen, _da Ein Ergebnis, das nicht mehr bestritten und bezweifelt werden kann, mehr als hinreichend ist, uns gerecht im Urteil zu machen, dieses nämlich, daß mit dem nordeuropäischen Heidentum, vorzüglich mit dem deutschen und keltischen, eine große Menge und Tiefe der Wissenschaften der Vorwelt verloren gegangen ist_.«
Zweite Abteilung.
Der Occultismus der Germanen.
Unsere Aufgabe, den Occultismus der Germanen darzustellen, würde eine sehr komplizierte sein, wenn wir uns dabei genau an die _Entwicklungsgeschichte_ der germanischen Mythologie halten und die Vorstellungen und Bezeichnungen der einzelnen germanischen Stämme getrennt halten wollten.
Die kritische Forschung ist in dieser Richtung noch keineswegs zu allgemein anerkannten Ergebnissen gelangt.
Unsere Quellen über die vorchristliche Zeit sind äußerst dürftig. Erst die _nordische_ Forschung, insbesondere die durch die Edda angeregte, hat uns reichhaltigeren Stoff gebracht. Über diese aber äußert sich wohl mit Recht _Golther_, Götterglaube und Göttersagen der Germanen, S. 1, dahin: »Gerade diejenige Götterlehre, welche im Aufbau abgerundet und vollkommen, von erhabenen Gedanken erfüllt, von sittlicher Anschauung getragen erscheint, die norwegisch-isländische, die auch den Deutschen und überhaupt einmal allen Germanen angehört haben sollte, gilt jetzt vielmehr als eine eigentümliche Neuschöpfung der Nordleute, als der letzte krönende _Abschluß einer Entwicklung_, an deren Anfang eine irrige Ansicht sie gestellt hatte.« Dennoch ziehen wir es vor, unseren Lesern diesen Abschluß der Entwicklung zu bieten, anstatt ihn mit zweifelhaften Hypothesen darüber zu behelligen, wie viel von dem hier Gebotenen zur Zeit Cäsars, oder zur Zeit der Völkerwanderung bei dem oder jenem Zweige der germanischen Völkerfamilie schon ausgebildet gewesen sein mag. Denn jedenfalls ist im _Keime_ mehr oder weniger Alles, was uns die Edda in vollendeter poetischer Ausgestaltung bietet, bei den Germanen gemeinsames Stammgut gewesen.
Erstes Kapitel.
Die Weltschöpfung der Edda. Yggdrasil.
Die germanische Mythologie verleugnet ihren uralten arischen Ursprung nirgends, es finden sich sogar Anklänge an die altindische Weltanschauung, die größte Verwandtschaft aber bezeugt sie zu den Glaubenslehren der Perser. Denn der Dualismus eines bösen und guten Weltprinzips, ewiger Kampf zwischen Licht und Finsternis kennzeichnet die germanische Weltauffassung nicht minder wie die persische; nur daß sich in der Ausprägung derselben im Einzelnen überall ein _besserer_, heroischer und poetischer _Typus_ bewährt, dem man auch anmerkt, daß frühzeitige Auswanderung in die nordischen Breiten Europas ihn vor der unreinen Infektion mit dem schlechten Asiatismus bewahrte, der die Perser als Magismus entnervt hat.
Als einheitliches Weltprinzip waltet auch _über_ dem Dualismus _Allvater_, der für die Ewigkeit den Sieg des Guten verbürgt, wenngleich er, ähnlich dem persischen Urgeist +Zaruana akarana+ sich aus der zeitlichen Schöpfung zurückzieht und diese Welt dem Kampf der unteren, selber vergänglichen Götter überläßt.
Lassen wir den Skalden (der Edda) die Schöpfung schildern: Abgrund (Ginnungagap) war, und war nicht Tag und war nicht Nacht, und der Abgrund war gähnende Kluft, ohne Anfang und ohne Ende. _Allvater_, der Ungeschaffene, Unangeschaute, wohnte in der Tiefe und sann, und was er sann, das ward.
Da entstand nordwärts im Unermeßlichen, wo Finsternis ist und Eiseskälte, _Niflheim_ (Nebelheim) und südwärts _Muspelheim_ (Glutheim), feurig glühend von unendlichen Gluten. In Niflheim that sich auf der Brunnen Hwergelmir, der brausende Kessel, und daraus ergossen zwölf Höllenflüsse (Eliwagar) ihre eiskalten Wogen. -- _Das flüssige Element ist der Urstoff der Welt._ -- Aber die wilden Wasser erstarrten bald in der grimmigen Kälte zu Eis, und die Schollen rollten übereinander und hinunter in die unermeßliche Kluft und weiter südwärts gen Muspelheim. Über ihnen brausten, die Eisberge aufwühlend Sturmwetter von Niflheim her; doch strahlte wohlthätige Wärme von Glutheim herüber in Ginnungagap, und wie die wallenden Schollen davon erweicht wurden, da belebte sich, was vorher ohne Leben war, und es entstand ein Ungeheuer, ein roher und ungeschlachter Riese; Ymir nannten ihn die Alten, d. h. den Tosenden; er war zweigeschlechtig, entsetzlich dem Anblick. Er schuf aus eigener Kraft andere Ungetüme, die ihm glichen, die Hrimthursen oder Frostriesen (Eisriesen, Reifriesen).
»Unter des Reifriesen Arm, Rühmt die Sage, Wuchsen Mann und Magd; Des Joten Fuß mit dem Fuß erzeugte Den sechshäuptigen Sohn.«
_Ungeheure und ungefüge Naturgewalten herrschten in der Urzeit der Welt._
Zugleich mit Ymir war aus dem schmelzenden Eise eine große Kuh entstanden, _Audhumla_ (die Milchreiche). Aus ihren Eutern rannen vier Milchströme, Nahrung spendend dem schrecklichen Ymir und den Hrimthursen. (Er ist die _allnährende Natur_.) Sie fand nicht andere Weide als an dem Salze der Eisfelsen, die sie leckte. Darauf erschienen von ihrem Lecken am ersten Tage Haupthaar, am zweiten das Haupt, am dritten das ganze Menschengebild. Es war Buri oder Bör (der Geborene), die erste _geschaffene, geistige, vollkommene Gestalt_, welche sich nun mit der rohen Naturkraft vermählt und den Geist ordnend und regierend hervortreten läßt. Er erzeugt nämlich mit der Hrimthursentochter _Bestla_ drei Söhne: Odin (Geist, beseelende Lebenskraft), Wile (Verstand und Willen), We (Empfindung und Gefühl).
Sofort entbrennt zwischen diesen Söhnen des Bör und dem Ymir ein Kampf; Ymir wird erschlagen und in seinem Blute ertrinken alle anderen Hrimthursen, bis auf einen, _Bergelmir_, der sich mit seiner Familie (wie Noah) auf einem Boote rettet und Stammvater der Jötunen wird, eines Riesengeschlechts, das im fernen Osten haust.
Die neuen Alleinherrscher, Börs Söhne, die sich _Asen_ nannten, d. h. Stützen und Pfeiler der Welt, schufen nun nach _Allvaters Willen_, aus Ymirs Fleische die Erde, aus dem Blute die See, aus den Gebeinen die Berge, aus dem krausen Haare die Bäume. Die Hirnschale wölbten sie hoch empor zum Himmelsgewölbe, unter dem als Gehirn das Gewölke schwimmt. Dann bauten die Asen aus des Riesen Brauen Midgard (das Reich der Mitte) zur Wohnung den Menschenkindern, die noch ungeboren im Schoße der Zeit schliefen, wie es im Grimnismal der älteren Edda heißt.
Denn noch herrschte die Allmutter Nacht, eines Riesen Tochter und dunkel wie das Riesengeschlecht. Flammende Funken von Muspelheim sprühten irr und wirr durcheinander; denn die Sonne wußte nicht ihren Sitz, noch der Mond seinen Malweg, noch die Sterne ihre Stätte. Die Asen wandelten die Lichtfunken in Sterne und festigten sie am Himmelsbogen, die dunkle Nacht aber hob Allvater zum Himmel empor und gab ihr das Roß Hrimfaxi (Reifmähne), von dessen Gebiß reichlich Tau in die Thäler rinnt, damit es ihren dunklen Wagen ziehe, wenn sie über das Weltall fahrend den duldenden Wesen Schlummer bringt. Ihrem dritten Gatten Dallinger (Dämmerung), der von Asen stammte, gebar sie den glänzenden Tag.
Zu dieser Zeit wuchsen auf in der Halle des Vaters, der Mundilföri (Achsenschwinger) zwei liebliche Kinder, Sol (Sonne) und Mani (Mond). Als sie zur Jugendblüte heranreiften wunderte sich alle Welt über ihre Schönheit, und der Vater in seinem Stolze verglich sie mit den seligen Göttern. Aber die Asen, dem Übermute zürnend, nahmen die blühenden Geschwister von der Erde weg, damit sie am Himmel in schönerem Glanze leuchten möchten. Also fährt Sol im Sonnenwagen, den die Asen von Muspels sprühenden Funken erbauten. Zwei edle Hengste, Armaker (Frühwach) und Alswider (Allgeschwind), ziehen ihren feurigen Wagen, dessen Gluten der Schild Swalin (Kühlung) dämpft, damit nicht vor der Zeit Himmel und Erde in Flammen vergehen, denn
»Berge und Brandung verbrannten gewiß Vor der glühenden Gottheit der Sonne, Fiel er davor herunter.« (Grimnismal der Edda.)
So folgt die schöne Sol dem lichten Tage, wenn er, Liebesworte mit ihr tauschend, durch die Wogen des Himmels eilt. Skinfaxi (Lichtmähne), das edle Roß, zieht des Gebieters goldenen Wagen in raschem Fluge dahin und seine Mähne erleuchtet Luft und Erde.
Der dunklen Nacht folgt Mani mit dem Mondwagen. Als er nun einstmals über ein ödes Waldland hinfuhr, sah er zwei Kinder, Bil (die Schwindende, der abnehmende Mond) und Hyuki (der Belebte, der zunehmende Mond). Sie trugen schwere Wassereimer und schienen ganz erschöpft. Doch schleppten sie die Last mühsam fort, weil ihr harter Vater sie noch in später Nacht zur Arbeit zwang. Mitleidig umfing sie Mani mit seinen Strahlen und nahm sie zu sich in seinen himmlischen Wagen, wo man sie noch von der Erde aus sehen kann.
Sol und Mani dürfen in ihrem Fluge nicht weilen; denn der grimmige Wolf Sköll verfolgt sie durch die Himmelsräume, bis sie sich am Abend in die Fluten des Meeres birgt, und der entsetzliche Hati jagt dem Meere nach. Wenn die Wölfe der ersehnten Beute nahe kommen, so erblassen die leuchtenden Himmelsbewohner und verlieren ihren Schein, das nennen unkundige Menschen Sonnen- oder Mondfinsternis. Den schrecklichen Hati gebar und mästet mit andern Wölfen seiner Art ein Riesenweib, das weit östlich in Jarwider sitzt und Göttern und Menschen ein Grauen ist. Von ihrer Brut ist Managarm (Mondhund) der furchtbarste, der einst am Ende der Tage den Mond würgt und die Säle der Himmlischen mit Blut bespritzt, wie es in der dunklen Orakelsprache der Völnspa heißt:
»Östlich saß die Alte im Eibengebüsch Und füttert dort Fenrirs Geschlecht, Von ihnen allen wird eins das schlimmste: Des Mondes Mörder übermenschlicher Gestalt.
Ihn mästet das Mark gefällter Männer, Der Seligen Saal besudelt das Blut. Der Sonne Schein dunkelt im kommenden Sommer, Alle Wetter wüten: wißt ihr, was das bedeutet?«
Linde Lüfte bringt säuselnd Swasuder (Sanft-Süd) holdselig von Angesicht; sein Sohn ist der blumenbekränzte Sommer. Doch folgt ihm bald der grimmige Riese Windswaler, mit dem Winter, seinem Erzeugten. Die ziehen fort und fort nacheinander durch alle Zeiten, bis die Götter vergehen. Auch sitzt am Ende des Himmels der ungeheure Riese Hräswelger (Leichenschwelger) im Adlerkleid und schlägt die Schwingen, davon der Sturmwind über die Völker der Erde tost.
»Hräswelg' nennt sich, der an Himmels Ende sitzt Im Adlerkleid ein Jötun. Mit seinen Fittichen facht er den Wind, Über alle Völker.« (Edda, Vasthrudnismal.)
Wir sehen, daß die Sonne früher auch bei den Germanen als männliches Wesen personifiziert wurde; indeß erscheint an Stelle Sols schon frühzeitig die weibliche _Sunna_.
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Allvater, fährt die Sage fort, wohnte in der Tiefe und sann, und was er sann, das ward. Da erstand, unberührt von der Faust dieser Gewalt, die Esche Yggdrasil, der Baum der Welten, der Zeiten und des Lebens. Ihre Zweige breitet sie aus bis in den Himmel, ihr Wipfel überschattet Walhalla, die Halle der seligen Helden. Drei mächtige Wurzeln nähren und tragen den Stamm; die eine reicht gen Niflheim; unter ihr herrscht über das Reich der Schatten die bleiche finstere Hel, und da sprudelt der urweltliche Brunnen _Hwergelmir_, in dessen Tiefen die Geheimnisse der vorweltlichen Dinge verborgen ruhen, die weder Menschen noch Götter noch Riesen zu ergründen vermögen. Die andere Wurzel zieht gen _Jötenheim_, wo Mimirs Born quillt, in dem die Kunde von der Urwelt, von der Entstehung, dem Werden der Dinge sich birgt. Da sitzt _Mimir_ (Erinnerung), der weise Jote, und trinkt alle Tage von der Flut, die er mit Walhallas Pfande schöpft. Denn er selbst, Odin, der sinnende Ase, kam einstmals zu dem Wächter des Brunnens, einen Trunk begehrend, und Mimir verlangte und erhielt dafür ein Auge des nach urweltlicher Weisheit spähenden Gottes zum Pfand. Die dritte Wurzel breitet sich gen _Midgard_ aus, der Stätte der sterblichen Menschen.
Daselbst quillt und wallt das Wasser des _Urd-Borns_, der die Geheimnisse des Entstehens und Vergehens der _irdischen_ Dinge umschließt. Wenn die Völker und ihre Herrscher die Tiefen ergründen und den plaudernden Fluten lauschen wollten, würden sie mit verjüngter Kraft zu neuen Thaten schreiten. Auch ziehen in dem Brunnen zwei silberne Schwäne ihre Kreise; die sind still und stumm, wie die Vergangenheit, die nicht gehört, wie die Zukunft, die nicht beachtet wird.
Dem Urd-Born entstiegen, sitzen am Ufer ernst und schweigend die drei Nornen: _Urd_ (Vergangenheit), _Werdandi_ (Gegenwart) und _Skuld_ (Zukunft). »Sie spinnen und weben der Neugeborenen Fäden, härene und seidene und etliche von Gold, einen aber gen Norden, der unzerreißbar, unentrinnbar des Lebens Leid bedeutet und den Niedergang zur Hel.«
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Der Mythus vom Weltbaum ist unverkennbar uralten arischen Ursprungs. Er erinnert an Platons Weltachse, +Republik X. 619+. Vgl. S. 582 oben. Offenbar haben wir hier den indischen Lingam, dessen sinnbildliche Darstellung sich noch in der berühmten Irminsäule, dem Heiligtum der Sachsen, das Karl der Große zerstörte, wiederfindet.
»Der Todesgöttin sind die Schicksalsschwestern verwandt. In grauer Urzeit geboren, wurden sie von Joten aufgepflegt, bis sie ans Licht des Tages traten und nun, am Urd-Born sitzend, den Wechsel der Zeit verkündigen. Sie begießen den Lebensbaum mit dem heiligen Wasser der Quelle, daß er nicht der Fäulnis erliege; aber sie wissen und verkündigen es auch, wie alles Leben dem Untergang sich zuneigt, dem auch die seligen Götter nicht entrinnen können.« -- »An den Blättern der Weltesche zehrt der Hirsch Eikthyrner, gleichwie das umrollende Jahr an der Dauer der Welt und der endlosen Zeit; vier andere Hirsche, Dain und Dwalin, Dumaier und Durnthor, nähren sich von den Knospen und Sprossen, wie die Jahreszeiten Stunden und Tage verzehren und sie doch nicht mindern. Von Helheim herab aber bäumt sich der Drache _Nidhöggr_ und unzähliges Gewürm, die Wurzel benagend.«
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»Können wir nichts thun, um den Lebensbaum zu schützen?« fragten einst Odin die anderen Asen.
»Gegen den großen Hirsch und die übrigen genügt die Arbeit der Nornen«, antwortete Jener, »denn was die Schwäche der Weltlenker und das beständige Schwinden der erschaffenen Wesen dem Werke des Geistes schadet, das wird durch das Walten der Weltgeschichte ersetzt. Aber das Grundübel ist unheilbar; dem Werke klebt der vergängliche Stoff an. Zwar nur _eine_ Wurzel des Baumes steht in Niflheim, allein, wenn es Nidhöggr erst gelungen ist, diese zu untergraben, so werden andere, geistige Feinde den Stamm leicht zum Wanken bringen. Gegen sie, welche bald hereinbrechen werden, habe ich einen treuen Wächter auf die Spitze des Baumes gestellt. Ihr seht dort meinen Adler horsten und zwischen seinen Augen sitzt ein Falke. So schaut er ohne Unterlaß mit doppelter Sehkraft aus. Damit er nie einschlummere, läuft jenes Eichhörnchen beständig am Stamme auf und ab.«
Sonderbarer Weise findet man auch im deutschen Aberglauben eine hohe Bedeutung des Tannenwipfels und eine Beziehung des Eichbaumes auf denselben. In dem »sympathetischen Mischmasch« (1715, S. 82) und in den 138 Geheimnissen (Frankfurt und Leipzig 1726) heißt es, der höchste Tannenzapfen am Baum mache schußfrei und, wenn ein Eichhörnchen davon es esse, könne es auf keine Weise getroffen werden. Daher trage man auch solche Zapfen im Kriege bei sich, um schußfest zu werden. (+W. Menzel, vorchristl. Unsterblichkeitslehre S. 71.+)
»Nidhöggr«, fährt Odin fort, »läßt dem Wächter keine Ruhe: denn der Lindwurm ist grimmig, daß durch die Wachsamkeit des Adlers seinem dereinstigen Verbündeten und dadurch auch ihm das Werk erschwert wird. Wilde Lästerungen stößt er deswegen unaufhörlich gegen die Asen aus; das Eichhörnchen hinterbringt sie dem Adler, der ihm kräftige Drohungen zurückschickt. Der _Zorn_ über die frevle Zerstörungswut hält das Auge des Geistes wach gegen die nahende Versuchung; dieser Zorn wird aber nur unterhalten, wenn schnelle Gedanken beständig zwischen Himmel und Erde hin und her eilen und Himmlisches und Irdisches gegen einander halten. Was der Adler nicht erschaut, das werden mir meine beiden Raben künden. Sie heißen _Hugin_, d. h. der Gedanke und _Mimir_, d. h. Erinnerung. Täglich sollen sie _um_ die Welt fliegen und mir alles melden, was vorgeht. Gegen unsere zukünftigen Feinde bin ich gerüstet; bisher beherrschte Liebe die Welt; von nun an muß Furcht hinzukommen. _Yggr_, d. h. Schrecken, wird bald mein Name sein, und der Baum, der mich getragen, heiße Baum des Schreckens: Yggr drasil.«
Zweites Kapitel.
Der Götterhimmel der Germanen.