Part 75
Die Druiden scheinen zwar meistens verheiratet gewesen zu sein und einzeln unter ihren Mitbürgern gewohnt zu haben, obwohl andererseits auch klösterliche Vereinigungen erwähnt werden[870], jedenfalls aber standen sie in strenger Ordenszucht. Sie trugen eine besondere Ordenstracht; kurzes Haupthaar, den Bart aber lang. Die höheren Grade trugen golddurchwirkte Kleider, goldene Halsketten, Armspangen. Ihre Insignien waren ein weißer Stab, +Slatan drui eachd+ oder Zauberstab genannt; ferner die Druidenknöpfe, deren Verschiedenheit vielleicht mit der Höhe des Grades zusammenhing, und das in Gold gefaßte Schlangenei, vermutlich die Auszeichnung des höchsten Grades.
In einzelnen uns bewahrten Darstellungen trägt der Druide auch das Bild des gehörnten Mondes, wie er sechs Tage nach dem Neumonde erscheint, in der Hand, oder ein Füllhorn mit darüberschwebendem Monde. In allen Abbildungen erblickt man aber auf den Schuhen des Druiden das sog. _Pentalpha_, nämlich zwei sich durchkreuzende Dreiecke:
Jeder freie und edle Jüngling konnte in den Druidenorden aufgenommen werden. Der Unterricht wurde durchweg nur mündlich erteilt, weil man den Gebrauch der Schrift, den man selbstverständlich sehr wohl kannte, bei dem Charakter der _Geheimlehre_, der durch die Schrift bedroht ward, für unerlaubt und schädlich hielt. Auch meinte man, daß nur durch das lebendige Wort, nicht durch den toten Buchstaben sich das Heilige tief und unvertilgbar dem Geiste einpräge. Durch den Gebrauch der Schrift würde auch das Gedächtnis geschwächt und eine oberflächliche Buchgelehrsamkeit gezüchtet. Sofern die Druiden sich der Schrift bedienten, benutzten sie die griechischen Schriftzeichen, die ja auch auf dem Pentalpha erscheinen. Außerdem bedienten sie sich der Runen- oder Stabschrift. -- Die Unterrichtsplätze waren abgelegene Wälder und Höhlen, und der Unterricht selbst dauert zwanzig Jahre. Ihr Wissen muß in manchen Richtungen von großer Tiefe gewesen sein; so spricht sich z. B. Quintus Cicero, der bekannte Unterfeldherr Cäsars und Bruder des Redners, indem er sich seines vertrauten Umgangs mit dem Druiden Divitiacus rühmt, voll Bewunderung darüber aus. Da indeß ihre Wissenschaft Geheimlehre war, ist uns wenig Zuverlässiges darüber erhalten. Aus +Macrob. Sat. I, 21+ läßt sich schließen, daß sie die Kugelgestalt der Erde gelehrt haben.
Astronomie war eine ihrer Hauptwissenschaften; Cäsar sagt, daß sie über die Größe und Gestalt der Erde Untersuchungen anstellten. Sie zählten die Zeit nicht nach Tagen, sondern nach Nächten, was sich in der englischen Sprache (+fortnight+) noch erhalten hat. Nach Diodor, der uns mitteilt, daß sie in Übereinstimmung mit dem Jahre des Meton, den Mondcyklus auf 19 Jahre berechnet haben und sich eingehend mit den Erhöhungen der Mondkugel beschäftigen, möchte man annehmen, daß ihnen schon der Gebrauch vergrößernder Linsen zur Fernsicht bekannt gewesen. Richter bei +Ersch und Gruber S. 490+ möchte die sog. Druidenknöpfe, aus Krystall oder Glas geschliffene Linsen, die man bis zu 1 1/2 Zoll Durchmesser findet, damit in Zusammenhang bringen.
Nach Strabon (+IV, 4+) nahmen sie an, die Welt sei aus Nichts entstanden, sie sei unvergänglich, aber Feuer und Wasser werde dereinst alles überwältigen.
Dies sowie das symbolische Schlangenei, ein Sinnbild der Welt, erinnert sowohl an den indischen wie an den ägyptischen Occultismus.
Besondere Achtung genoß ihre ärztliche Kenntnis.
Unter den mannigfachen Heilkräutern, deren Entdeckung ihnen Plinius (+H. N. VIII, 41. XXV. XXV. XXX. XXXII.+) zuschreibt, nahm die _Mistel_[871] die erste Stelle ein.
»Unbekannt mit der Natur der Schmarotzerpflanzen«, meint Richter a. a. O., »mußte es ihnen als ein Wunder erscheinen, daß dieselbe nicht auf dem Boden, wie alle anderen Pflanzen, sondern auf Bäumen wuchs und hier ohne Samen erzeugt zu sein schien.« »Vorzüglich gesucht war die auf _Eichen_ wachsende Mistel. Denn die Eiche war im gallischen Glauben der heiligste Baum, Eichenlaub ward bei jedem Gottesdienste gebraucht; in Eichenwäldern wohnten die Druiden, unter Eichen hielten sie ihre Gerichtsstätte. Was aus ihr hervorkam, war ein Zeichen göttlicher Gnade, und da überdies die Mistel selten auf Eichen gefunden wird, so galt eine solche umsomehr als göttliches Geschenk. Sie wurde mit großer Feierlichkeit abgenommen und zwar am sechsten Tage nach dem Neumonde; unter dem Baume wurde zuerst ein Opfer und ein Mahl bereitet und nach dem Schmause ein zum ersten Male unter das Joch gekommenes Rinderpaar herbeigeführt. Dann stieg der Druide im weißen Gewande auf den Baum, schnitt die Mistel mit einer goldenen Sichel ab und ließ sie in einem weißen Manteltuche auffangen. Nun wurden die Rinder geschlachtet und die Götter angerufen, daß sie denen, welchen sie diese Gabe erteilt, dieselbe zum Heile gedeihen lassen möchten. Die Mistel wurde teils allein, teils mit anderen Stoffen gemischt gebraucht, so wohl äußerlich als innerlich. Man wandte sie gegen Geschwulst, Verhärtung, Kröpfe, Geschwüre, und Klauenfäule an; sie reinigte das Rindvieh und machte es fett, sie war ein Mittel gegen alle Gifte, und war sie im Neumonde gesammelt und zwar ohne Gebrauch des Messers und ohne daß sie die Erde berührte, so half sie gegen die fallende Sucht. Sie machte sogar alle Tiere und die Weiber fruchtbar, wenn sie dieselbe bei sich trugen. Daher hieß sie in der Sprache der Druiden die _Alles Heilende_.«
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Die Druiden sollen ihre Lehrsätze immer in _Triaden_, d. h. in drei miteinander verbundenen Sätzen geordnet haben.
Bezüglich der _Seele_ soll die druidische Triade in folgenden drei Sätzen bestanden haben: 1. die Seele ist unsterblich; 2. sie wandert nach dem Tode in andere Körper; 3. nach einem bestimmten Zeitraum von Jahren wird sie wieder leben und wiedergeboren werden.
Richter meint, daß dieser bestimmte Zeitraum dem Ortschilong oder Geburtswechsel im Buddhismus entspreche, nach dessen Vollendung die gereinigte Seele wieder in den göttlichen Schooß zurückkehrt. Jedenfalls fiel den Römern die außerordentliche Festigkeit des Glaubens der Gallier an Fortdauer nach dem Tode auf; die Druiden lehrten vor allem, so berichten sie, daß man den Tod nicht zu scheuen habe, da die Seele nicht sterben könne. Daher müsse der Mensch im Kampfe mit den Feinden nicht feig sich zurückziehen, sondern mutig und tapfer streiten. Mit den Toten verbrannte oder begrub man alles, was ihm im Leben lieb gewesen war, Tiere, Sklaven, Klienten. Auch Angehörige folgten ihm freiwillig auf den Scheiterhaufen, um in der anderen Welt wieder mit ihm zu leben. Vergl. +Caesar de bello Gallico, VI, 18.+ +Pomp. Mel. III, 2.+ Man gab den Toten sogar Briefe mit an verstorbene Freunde, und wenn geborgtes Geld vom Schuldner bei seinem Leben nicht wieder bezahlt werden konnte, so nahm man gar eine Anweisung auf das Jenseits an, in der Überzeugung, daß ihr der Schuldner dort wenigstens gerecht werden werde. +Diod. Sic. V, 28.+ +Valer. Maximus II, 6.+
Die Druiden im weiteren Sinn zerfielen in drei Abteilungen: 1. die Druiden im engeren Sinn, die eigentlichen Priester, 2. die Barden, heilige Sänger, 3. die Vates oder Seher.
An der Spitze des ganzen Ordens stand ein _Oberdruide_, Hoherpriester, +Coibhi+ oder +Coibhi Druidh+. Dieser regierte unumschränkt und lebenslänglich, wurde aber gewählt, wie es scheint, gewöhnlich durch allgemeinen Zuruf, Akklamation, eine Wahlart, die ja auch jetzt noch bei der Papstwahl zulässig ist und hier als besonders heilig erscheint, da man annimmt, daß sie auf Veranlassung des heiligen Geistes stattfindet. -- Waren die Stimmen geteilt, so entschied die Mehrzahl oder das Los, oder auch gar der bei den Kelten beliebte Zweikampf.
Der Oberdruide wählte zur Besorgung der weltlichen Angelegenheiten den Vergobret. Dieses keltische Wort = +feargobreith+ ist nach Möbius zusammengesetzt aus +fear+ = +vir+, +go+ = +ad+, +breith, bread, brawd+ = +judicium+, so daß es nach dieser Ableitung einen Richter bedeutet. Noch bis zur französischen Revolution führte der Maire von Autun den Titel +Verg+ oder +Vierg+. Um sich ein würdigeres Aussehen zu geben, sollen die Vergobreten ihren Bart mit Goldstaub gepudert haben.
Die gallischen Druiden wurden unter der späteren Zeit der römischen Herrschaft Professoren, wodurch ein hauptsächlicher Teil ihres früheren Amtes, der Unterricht ihnen blieb. Sie bildeten in denselben Städten, die früher ihre heiligen Örter waren, Lehrerkollegien, die an Stelle der früheren Druidenklöster traten. Noch zu Ausonius Zeiten hatten manche gallische Professoren ihre Abstammung nicht vergessen; darum nannten sie sich romanisiert nach jenen Gottheiten, deren Tempel ihre Vorfahren zu besorgen gehabt, z. B. +Apollinaris+, +Delphidius+, +Phoebicius+, Namen, die anzeigen, daß solche Männer aus Priestergeschlechtern stammen, die dem gallischen +Apollo-Belen+ ergeben waren. Vergl. +Ausonius, professores IV, v. 7.+
Zweites Kapitel.
Gottesdienst und Geheimlehre der Druiden.
Ein häßlicher Makel, der an dem Gottesdienst der sonst anscheinend geistig so hoch stehenden Druiden klebt, ist die Vorliebe für _Menschenopfer_.
»Das ganze gallische Volk«, schreibt Cäsar, »ist außerordentlich dem Opferdienst ergeben. Darum schlachten oder geloben diejenigen, die in schweren Krankheiten liegen oder in Schlachten und Gefahren sich befinden, Menschen zu Opfern, welche die Druiden verrichten. Denn sie glauben, daß der Geist der unsterblichen Götter nicht anders befriedigt und versöhnt werden könne, als wenn für das Leben des einen Menschen das des andern hingegeben würde. Sie haben daher auch Staatsopfer dieser Art. Bei einigen gallischen Völkern giebt es Bilder von ungeheurer Größe, deren Gliedmaßen mit Weiden geflochten sind und mit lebendigen Menschen angefüllt werden, die dann durch Verbrennung des hölzernen Bildes getötet werden. Sie glauben, daß die Todesstrafe der auf der That ergriffenen Diebe, Räuber und Verbrecher überhaupt den Göttern angenehm sei, aber, wenn sie dergleichen Leute nicht haben, so geht es auch an die Unschuldigen.« +Caesar, de bello Gallico VI, c. 16.+
Die Staatsopfer wurden nach +Diodor Sic. V, 31. 32.+ zum Zweck der Erforschung der Zukunft dargebracht; man hieb dem Opfer mit einem Schwert in die Herzgrube und ließ ihn fallen, aus dem Fall, den krampfhaften Zuckungen der Glieder und der Blutung glaubte man die Zukunft erschließen zu können.
Die Hauptgottheit, die in der _exoterischen_ Druidenreligion verehrt wurde, nennt Cäsar _Merkur_. Der gallische Name scheint +Teutates+ gewesen zu sein.
Die römische Bezeichnung desselben als Merkur wird begreiflich, wenn wir erfahren, daß +Teutates+ _Seelenführer_ war.
Die Seelenlehre aber, insbesondere die Lehre von der Seelenwanderung bildete die Hauptsache im keltischen Volksglauben.
Nach dem Vordersatz der über Teutates berichteten druidischen Triade war er der allgemeine oder Weltgeist, nach dem Mittelsatz Seelenführer und nach dem Schlußsatze das Getriebe der lebendigen Welt.
Die zweite Gottheit war +Esus+ oder +Hesus+, romanisiert Mars. Die Triade über ihn lautet: 1. Vor der Schlacht wird ihm meistens die Kriegsbeute gelobt; 2. nach derselben die gefangenen Tiere geopfert; 3. das Übrige (Waffen und Geräte) auf Einen Ort zusammengetragen.
Die dritte allgemeine Gottheit hieß +Taranis+ (vom keltischen +Taran+, der Donner), von den Römern als Jupiter gedeutet.
Nächst dieser Trias, die meistens auf die Ober-, Mittel- und Unterwelt bezogen wird, war der von Cäsar als Apollo bezeichnete _Belin_, Belen oder _Abelio_ der wichtigste. Orakelwesen und Heilkunst war seine Hauptfunktion. Eine Mondgöttin, Belisana, scheint der egyptischen Isis oder der Minerva ähnlich gedacht zu sein.
Eine große Rolle im keltischen Volksglauben spielten die Geister und Gespenster, besonders eine Art von Incubi, gallisch +Dusii+ genannt, ein Wort, das noch im englischen +Duce+ oder +Dewce+, Teufel, nachklingt. Die Gallier gaben ihnen eine Gestalt wie den Frauen und glaubten, sie beschliefen die Frauen unter der Gestalt ihrer Liebhaber.
Schon zu Cäsars Zeit war der Hauptsitz des Druidentums England; ganz besonders heilig war ihm die Insel Mona.[872] Hier, und abgesehen von Man, in Wales haben sich auch die meisten Denkmäler des keltischen Glaubens erhalten; und zwar nicht nur die berühmten Steindenkmäler; auch das _Bardentum_ hat sich wenigstens in Wales unter oberflächlicher christlicher Gewandung bis weit in die christliche Ära hinein erhalten und es soll nach den Nachrichten von W. Owen und Williams (vergl. +Mona, S. 468+) das Druidentum in dieser Form sogar bis auf unsere Zeit fortgesetzt worden sein (Neo-Druidism). Es soll nämlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts von alten Anhängern der druidischen Geheimlehren des sog. bardischen Kollegium in Glamorgan gestiftet sein. Owen freilich bemerkt dazu, es sei zwar Thatsache, daß die wälischen Barden nicht ausgerottet worden und insbesondere, daß sich neue Gesellschaften, die an das alte Bardentum der Druiden anknüpften, im dreizehnten Jahrhundert gebildet haben, daß jedoch der Stuhl von Glamorgan sich weit überschätzt und kein alt-druidisches Bardentum mehr bewahrt habe.[873]
Doch mag dem sein, wie ihm wolle, so verdanken wir wenigstens dem wälischen Bardentum die Rettung uralter keltischer Litteraturstücke, unter denen eine Art keltischer Edda, +The Myvyrian, archaeology of Wales, collected out _of ancient manuscripts_, London 1801-1807+, an der Spitze steht.
Und aus dieser Litteratur lassen sich Rückschlüsse auf einige Teile druidischer Geheimlehren machen. Fast alle der uns erhaltenen Bardenlieder sind Triaden, d. h. ihr Inhalt ist in drei Teilen geordnet. Eine der interessantesten mythologischen Triaden ist die von +Hu gadarn+, dem mächtigen Hu.
Hu (sprich Hy) war ein Führer, der der Tyrannei widerstrebte und daher das Volk von Defrobani, aus dem Lande ewiger Feindschaft, nach Wales brachte. Er lehrte das Volk den Ackerbau und war einer von den drei großen Werkmeistern, weil er sein Volk in gesellschaftliche Ordnung brachte. Er bestimmte als einer von den drei Meistern des Gesanges die Dichtkunst zur Bewahrerin der Wissenschaft. Mit seinen Buckelochsen (+Yehain Banaweg+) verrichtete Hu eine der drei großen Heldenthaten, er ließ nämlich den Avanc (Biber) aus dem Llyn Llion (der Wasserflut) herausziehen, wodurch die Überschwemmung der Erde aufhörte.
Nach Owen heißt Defrobani Sommerland und soll darunter, weil die Triaden den Zusatz haben »wo nun Konstantinopel steht«, die heutige Krim(?) verstanden werden. Andere wollen Hu, da von einer Überschwemmung die Rede ist, mit der Sintflut in Verbindung bringen. Mone legt dem Mythus eine tiefere Bedeutung zu Grunde: Nicht eine Flut-, sondern eine _Schöpfungssage_ ist im Hu gadarn aufbewahrt. Wasser ist der Anfang aller Dinge, der Biber (Avanc) ein heimatliches Wassertier Bild für die Ursache des Wassers; so lange er in demselben lebt, nimmt er nicht ab, nur der starke Hu war imstande, ihn mit seinen drei Ochsen herauszuziehen, wodurch die Flut sank und die Welt erschaffen ward. Er hat also die Natur der Schöpfungsstoffe geteilt in Festes und Flüssiges, wofür der Biber, der mit dem Leibe dem Lande, mit dem Schwanze dem Wasser angehört, ein zutreffendes Bild bietet. Die Welt erhebt sich auch bei den Kelten, wie bei den Germanen im Frühjahr; denn der Stier (Buckelochse) ist das Sternbild des Frühlings; er trieb den Biber heraus, d. h. er brachte den Kern der Welt zur Krystallisation. Nach Erschaffung der Welt, d. h. nach der Teilung der Weltkräfte ordnet sie der weise Hu; der Stier, der die Welt erschaffen half, wird nun von seinem Herrn zur Jahresordnung bestimmt; er bringt das Jahr, zieht den Pflug wie der Biber und ruft dadurch Heil und Segen aus der Erde, wie einst aus dem Wasser hervor. Die Ordnung der Welt ist die Harmonie der Sphären, das himmlische Saitenspiel, darum Hu auch der Erfinder des Gesanges, und dieser soll ein Sinnbild des Einklangs der Welt sein. Auch Staat und Gesellschaft sind Anstalten des mächtigen Hu; denn sie sind Folgen der Weltordnung, und seine Feindschaft gegen die Tyrannei, d. h. gegen die über ihre Grenzen getretenen Kräfte, hängt damit zusammen. Darum ist er auch der Eroberung feind, denn sie schreitet über Maß und Ordnung, und sein Volk soll in Gerechtigkeit und Frieden leben.
»Hu«, singt der Barde Jolo Goch, »ist der Herr, der bereitwillige Beschützer, der König und Geber des Weines und Ruhmes, Kaiser über Land und Meere und des Leben alles dessen, was in der Welt ist. Er ist der größte, der Herr über uns, wie wir redlich glauben, und der Gott des Geheimnisses. Licht ist sein Weg und Rad, ein Teil desselben Sonnenscheins sein Wagen, groß ist er in Land und Meeren, der größte, den ich sehen werde, größer als die Welten.«
Darnach war Hu die Gotteinheit der britischen Kelten. Im Tode heißt er Aeddon; dieser Name erinnert an Adonai und Adonis; sein Tod ist eine bloße Verwandlung, keine Zerstörung. Es gab Mysterien vom Tode des Hu, ähnlich den griechisch-thrakischen Mysterien vom Tode des Zagreus-Dionys.
In Verbindung mit diesem Mysterium stand die Geschichte des _Taliesin_. Taliesin bezeichnet eine ganze druidische Priesterschaft, deren Orden sich »vom Kessel der Ceridwen« nannte.
_Ceridwen_ war nach dieser Geschichte ein zauberkräftiges Weib, das um seinen Sohn, einen ungestalten Menschen, schöner zu machen, einen Zauberkessel bereitete. Aber Gwion, der Sohn der Gevreang, störte sie in diesem Beginnen. Eines Tages, während Ceridwen Kräuter suchte und mit sich selber murmelte, begab es sich, daß drei Tropfen des kräftigen Wassers (aus dem Kessel) flogen und auf den Finger Gwions niederfielen, sie brannten ihn und er steckte den Finger in den Mund. Wie diese köstlichen Tropfen seine Lippen berührten, so waren seinem Blick alle Ereignisse der Zukunft geöffnet und er sah klar ein, daß seine größte Sorge sein mußte, sich vor der List Ceridwens zu bewahren, deren Kenntnis so groß war. Er floh heimwärts mit der größten Furcht. Der Kessel teilte sich in zwei Hälften; denn alles Wasser darin, außer den drei kräftigen Tropfen, war giftig, so daß es die Rosse des Gwyddno Garanhir vergiftete, die aus der Rinne tranken, worein sich der Kessel von selbst entleert hatte. (Darum hieß nachher dieser Ablauf das Gift der Rosse des Gwyddno.) In dem Augenblicke kam Ceridwen herein und sah, daß ihre ganze Jahresarbeit verloren sei, sie nahm einen Rührstock und schlug dem blinden Morda so aufs Haupt, daß eines seiner Augen auf seine Wange fiel. »Du hast mich ungerecht verunstaltet«, rief Morda, »du siehst ja, daß ich unschuldig bin, dein Verlust ist nicht durch meinen Fehler verursacht.« »Wahrlich, sprach Ceridwen, Gwion der Kleine war es, der mich beraubte.« Sogleich verfolgte sie ihn, aber Gwion sah sie aus der Ferne, verwandelte sich in einen Hasen und verdoppelte seine Schnelligkeit; allein Ceridwen wurde sogleich eine Jagdhündin, zwang ihn umzuwenden und jagte ihn gegen einen Fluß. Er lief hinein und wurde ein Fisch, aber seine schlaue Feindin ein Otterweibchen und verfolgte ihn im Wasser, so daß er genötigt ward, Vogelgestalt anzunehmen und sich in die Luft zu erheben. Aber dies Element gab ihm keinen Zufluchtsort, denn das Weib ward ein flinker Falk, kam ihm nach und wollte ihn erfassen. Zitternd vor Todesfurcht sah er grad einen Haufen glatten Weizen auf einer Tenne, er ließ sich mitten hineinfallen und ward ein Weizenkorn. Ceridwen aber nahm die Gestalt einer schwarzen Henne mit hohem Kamm, flog zum Weizen herab, scharrte ihn auseinander, erkannte das Korn und verschlang es. Und, wie die Geschichte weiter sagt, sie ward schwanger von ihm neun Monate, und als sie von ihm entbunden wurde, so fand sie ein so liebliches Kind an ihm, daß sie keinen Gedanken mehr hatte, es umzubringen. Sie setzte ihn daher in ein Boot, bedeckt mit einem Fell, und auf Anstiften ihres Mannes warf sie das Schifflein ins Meer am 29. April. Um diese Zeit stand das Fischwehr des Gwyddno zwischen Dyve und Aberystwyth bei seinem eigenen Schlosse. Es war herkömmlich, in diesem Wehre jedes Jahr am ersten Mai Fische von hundert Pfund Wert zu fangen. Gwyddno hatte einen einzigen Sohn, Elphin, den unglücklichsten und ärmsten Jüngling. Dies war ein großes Herzeleid für seinen Vater, welcher nach und nach glaubte, daß er zur Unglücksstunde geboren sei. Die Ratgeber überredeten indeß den Vater, seinen Sohn diesmal die Reuse ziehen zu lassen, gleichsam zur Probe, ob denn irgend einmal ein gutes Schicksal seiner warte, und er doch etwas bekäme, um in der Welt aufzutreten. Am nächsten Tage, es war der erste Mai, untersuchte Elphin die Reuse und fand nichts, doch als er wegging, sah er das Boot bedeckt mit dem Fell auf dem Pfade des Dammes ruhen. Einer der Fischer sagte zu ihm: »So ganz und gar unglücklich bist du noch nicht gewesen, als du diese Nacht geworden, aber nun hast du die Kraft der Reuse zerstört, worin man am ersten Mai jedesmal hundert Pfund Wert fing.« »Wie so?« sprach Elphin, »das Boot mag leicht den Wert von hundert Pfund enthalten.« Das Fell ward aufgehoben, und der Öffner erblickte den Vorderkopf eines Kindes, und sagte zu Elphin: »sieh die strahlende Stirne!« »Strahlenstirne (Taliesin) sei denn sein Namen!« erwiderte der Fürst, der das Kind in seine Arme nahm und es seines eigenen Unglücks wegen bemitleidete. Er setzte es hinter sich auf sein Roß, als wenn es im bequemsten Stuhl säße. Gleich darauf dichtete das Kind ein Lied zum Trost und Lobe des Elphin, und zu gleicher Zeit weissagte es ihm seinen künftigen Ruhm. (Die Tröstung war das erste Lied, das Taliesin sang, um den Elphin zu erheitern, der über sein Mißgeschick beim Reusenzug sich grämte, noch mehr, weil er dachte, daß die Welt das Mißlingen und Unglück ihm allein zuschieben würde.)