Der Occultismus des Altertums

Part 74

Chapter 743,366 wordsPublic domain

Da beide Schriften veröffentlicht wurden, dürfen wir vielleicht annehmen, daß Hypatia sie als in ihrem Geiste geschrieben genehmigt und gut geheißen hat. Die Abhandlung über die Träume geht aus von einer Betrachtung des Wesens und der Arten magischer Divination überhaupt (1). Die verschiedensten Mittel lassen sich benutzen, um die Zukunft zu erschließen. Der Astrologe glaubt sie aus den Sternen, der Opferpriester aus den Eingeweiden der Tiere, der Augur aus dem Fluge der Vögel, der Chiromantiker aus den Linien der Handfläche, und mancher andere aus allerlei zufälligen Vorfällen (+omina+) entziffern zu können (2). Die Divination oder wenigstens der Wunsch, eine solche Kunst zu üben, ist ein unvertilgbares Merkmal der Menschennatur, gerade dadurch unterscheiden sich die Menschen von den in dumpfem Genuß des Augenblicks aufgehenden Tieren, indem sie sich so der reinen, Zeit und Ewigkeit überschauenden Intelligenz der Götter zu nähern suchen (3). An und für sich muß die Möglichkeit der Divination und jeder einzelnen ihrer gedachten Arten aus dem Monismus des Weltalls erhellen. Die Welt ist ein Organismus, in dem alles mit allem, räumlich und zeitlich in ursächlichem und sympathischen Zusammenhang steht. Nun empfindet ja auch innerhalb des menschlichen Sonder-Organismus, wenn irgend eines seiner Glieder erkrankt, z. B. ein Finger, oftmals ein von diesem sehr entfernter Körperteil, z. B. die Hüfte einen sympathischen Schmerz (4). Das berühmte Wort des Archimedes: »Gieb mir einen Punkt außerhalb der Welt, wenn ich auf sie wirken soll«, gilt nicht für die Magie und Divination. Die Seele muß passiv mitleiden, muß innerhalb des Ganzen stehen, um magische Einflüsse zu wirken oder zu empfinden. Dagegen von den reinen Göttern, den erhabensten Intelligenzen, die sich überhalb dieser Erscheinungswelt befinden, gilt eher das homerische Wort vom Zeus:

»Fern weilt er, ihn kümmert durchaus nichts, Und er achtet nicht d'rauf --«

Ein kaiserliches Gesetz verbietet freilich, die auf äußerlichen Mitteln beruhende Magie und Divination auch nur zu besprechen. Doch ist die vollkommenste Art der Divination eine innerliche, subjektive, nämlich die Divination des Traumes (6). Die Fähigkeit dieser Prophetie schlummert in jedermanns Seele. Während nämlich der vernünftige Geist (%nous%) die Formen des Seins enthält, schließt die Seele (%psychê%) die Formen des Werdens ein. Der Geist ist ein ewig seiendes, die Seele ein ewig werdendes Wesen. Die Seele nun enthält zwar sämtliche Formen des Werdens, die meisten jedoch in zeitlich latenter Weise; nur die jedesmal zuträglichen läßt sie dem Bewußtsein erscheinen. Der Spiegel aber, in dem sich die Bilder, welche ihren Sitz in der Seele haben, zeigen, heißt Phantasie. Ebenso wie wir von der organisierenden Thätigkeit der unbewußten Vernunft in uns nur soweit ein Bewußtsein haben, als letztere uns freiwillig davon mitzuteilen für gut befindet, erhalten wir auch von den Vorstellungen, Bildern, die in der »ersten« Seele vorhanden sind, Kenntnis nur, soviel und soweit die Phantasie, welche ihre Bilder von dort empfängt, solche uns widerspiegelt. Die Phantasie ist eine das Gebiet der Natur berührende, niedere, vermittelnde Form des Seelenwesens. Die Phantasie ist eigentlich die Sinnlichkeit selber. Wir können Farben sehen, Töne hören, überhaupt alle sinnlichen Empfindungen haben, auch wenn die dafür geschaffenen körperlichen Organe unthätig sind. Das wenigstens beweist der Traum. Die Phantasie also ist sowohl das Organ, das für den wachenden Organismus dessen Verkehr mit der Außenwelt vermittelt, als auch das eigentliche Traumorgan, und sofern letzteres der Körperorgane nicht bedarf, können wir durch sie in direkten Verkehr mit der körperlosen Geisterwelt treten. So ist denn auch schon manch' einer unwissend eingeschlafen und hat, im Traume von den Musen belehrt, wissenschaftliche Probleme gelöst oder poetische Leistungen zu Tage gebracht, deren er vorhin nicht fähig erschien, weshalb auch schon ein sibyllinischer Spruch behauptet:

»Lehrbares Wissen zu finden im Lichte des Tagesbewußtseins Ward dem einen verliehen, doch mancher findet auch schlafend Mühelos köstliche Früchte, beschenkt von der Gnade des Traumgotts.«

Wie alle einzelnen Sinne, so muß auch die seelische Grundlage der Sinnlichkeit überhaupt, die Phantasie in verschiedenen Graden der Gesundheit und Stärke vorhanden sein. Sie kann zu gröberer Stofflichkeit und Dunkelheit herabsinken, sie kann aber auch gereinigt und geläutert werden. Im ersteren Fall wird sie nur trübe und ungewisse, im letzteren klare und bestimmte Abbilder zeigen. Die Phantasie ist eigentlich der Seelenleib, der Wagen, welcher die Seele aufwärts oder abwärts fährt, oder auch das Fittichpaar, welches die Seele trägt. Die tugendhafte Seele wird leicht und schwebt mit den Schwingen ihrer geläuterten Phantasie aufwärts, indes die sündhafte, deren Phantasie von unreinen stofflichen Bildern beschwert ist, tiefer sinkt (9). Schlimmer ist es für sie, wenn sie dieses Sinken gar nicht einmal mehr empfindet. Glücklich sind noch diejenigen Seelen zu schätzen, denen der dumpfe Schmerz der Reue und Gewissensqual einen Stachel zur Umkehr nach oben, eine Erinnerung an die verlassene Heimat und Heimweh schafft. Denn nicht im Sterben, beim Austritt aus diesem Erdenleben, trinkt nach des Synesios Ansicht die Seele aus dem Lethestrom die Vergessenheit ihres Vorlebens, sondern umgekehrt bei der Geburt, bei dem Eintritt in dieses niedere Dasein, trinkt sie das Vergessen ihrer göttlichen Herkunft und ihrer Bestimmung aus dem Becher der Sinnlichkeit. Freigeboren verkauft sie sich auf bestimmte Zeit in die Sklaverei, wehe ihr, wenn sie nun, vielleicht gefesselt von der Schönheit eines Mitsklaven, ihrer angeborenen Freiheit ganz vergißt, und um bei jener zu bleiben, auch nach Ablauf der gesetzten Frist es vorzieht, als Sklavin bei dem gemeinschaftlichen Herrn zu bleiben. Dagegen haben die Arbeiten des Herakles und ähnliche Heroensagen keine andere esoterische Bedeutung, als das Bemühen der edleren, ihres Ursprungs instinktiv eingedenken Seele, die Knechtschaft durch ehrliche Arbeit abzuverdienen.

Die Seele dagegen, welche zum reineren Ursprung zurückkehrt, führt auch die Phantasie, die sich Synesios zugleich als Astralleib oder Ätherleib zu denken scheint, mit aufwärts. Daß die seelische Leiblichkeit, die Phantasie-Gestalt der Seele selber bestimmt sei, des göttlichen Daseins teilhaftig zu werden, findet seinen Ausdruck auch in den Versen der Sibylle:

»Laß nicht den Mächten der Tiefe zur Beute die Blume des Stoffes, Hoch in den Strahlen des Lichts soll die ätherische blühn!«

Die Blume des Stoffes ist eben nichts anderes, als die Gestalt der Seele, ihr Phantasie- oder Ätherleib, welcher unsterblich ist, wie die Seele selbst (11).

Mit den Schwingen der Phantasie vermag die Seele den ganzen unendlichen Raum zu durchschweben, indem sie mit den Örtern die Zustände und Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten wechselt und umgekehrt. Wenn sie aber ihren ursprünglichen Adel und ihre völlige Unschuld wieder zurückerlangt, wird sie das Gefäß der reinen Wahrheit, die auch die vollendete Schönheit ist, rein, licht und unvergänglich. Göttlich, wie sie alsdann wieder ist, braucht sie nur zu wollen, um die Zukunft zu erkennen. Sinkt sie dagegen in die tieferen Regionen, so wird sie umhüllt mit Finsternis, Unwissenheit, Irrtum und Lüge, und wird immer unfähiger, die Dinge zu unterscheiden (12).

Das beste Mittel nun, die Phantasie zu läutern und ihre Schwingen zu kräftigen, ist ein spekulatives Leben. Wahre Philosophie verfeinert die Seele und nähert sie Gott nach dem Gesetze fortschreitender Entwicklung und zunehmender Anziehungskraft und Wahlverwandtschaft; eine solche Seele tritt in immer unmittelbareren Verkehr mit Gott. Wessen Einbildungskraft rein und gut geregelt ist, der erhält sowohl wachend wie träumend nur getreue Abbilder der Dinge, und wessen Phantasie nur getreue Abbilder der Dinge zumal im Traume erhält, der kann zugleich ruhig sein über den Zustand und das Los seiner Seele, er ist der Gottheit näher (13).

Im Vorstehenden ist die philosophische Bedeutung der Träume gegeben. Die Träume sind aber auch für das praktische Leben vom größten Wert. Denn wer wahre Träume haben will, muß ein nüchternes und keusches Leben führen, wer sein Bett zu einem delphischen Dreifuß machen will, muß sich hüten, es zum Zeugen nächtlicher Ausschweifungen zu machen, er bereite seinen Schlaf durch Gebete vor (14).

Auch macht der Verkehr der Seele mit Gott im Traum die Seele mit nichten ungeschickter für das irdische praktische Leben, umgekehrt wird die Seele von der Höhe aus weit besser alles überschauen, was darunten ist, als wenn sie selber stets nur am Boden klebt. Darum wünscht Synesios die Kunst der Traumdivination vor allem seinen Kindern zu hinterlassen, sie werden dann niemals nötig haben, die weite und beschwerliche Reise nach Delphi zu machen, sie brauchen nur den Schlaf so aufzusuchen, wie die keusche Penelope, von der Homer (+Odyssee XVII, 48+) sagt:

»Und nachdem sie die Waschung vollbracht und ein reines Gewand auch Angezogen zur Nacht, rief zuvor im Gebet sie Athena.«

Während Hierophanten und Magier sich unter dem Vorwande äußerlicher Mittel, deren sie dazu bedürfen, für ihre Weissagungen oft schwere Summen bezahlen lassen, bedarf man zur Traum-Divination keines ägyptischen Vogels, keines Knochens aus Iberien, keiner Pflanze aus Kreta noch auch irgend einer Rarität vom tiefsten Meeresgrunde, man bedarf überhaupt keines Talismans, man legt sich schlafen, -- das ist alles; im übrigen ist man sein eigenes Werkzeug. Auch kennt die Gottheit, die sich im Traum der reinen Seele offenbart, keine Unterschiede des Standes und Reichtums. Und, was das beste ist, kein Tyrann hat je daran gedacht, das Träumen innerhalb seines Staates zu verbieten und mit Strafe zu belegen (15).

Der Unglückliche wird durch Träume getröstet und erquickt, und faßt neue Hoffnungen, selbst der Gefesselte im Kerker, im Traume fühlt er sich seiner Bande entledigt und genießt eine unbeschränkte Freiheit (16). Die Träume sind entweder unmittelbare Wahrträume, -- solche haben schon manchem Denker ein Problem gelöst, das er wachend zu denken sich vergeblich bemüht hatte. Auch Synesios selbst hat solchen Träumen vieles zu verdanken gehabt; besonders während seines dreijährigen Aufenthalts in Konstantinopel haben sie ihm viel genützt, indem sie ihm die Ränke und Intriguen der Gegner seiner diplomatischen Mission enthüllten; aber selbst in seiner Lieblingsbeschäftigung, der Jagd, haben sie sich ihm häufig dienstbar erwiesen, indem sie ihm die Fährten und Schlupfwinkel des Wildes entdeckten, ihm auch besondere Mittel und Wege zeigten, dasselbe zu finden und zu stellen.

Die meisten Träume sind jedoch symbolischer Natur und erfordern eine besondere Kunst, die Kunst der Traumdeutung. Diese Kunst ist nur durch eigene Erfahrung und Beobachtung zu finden (19). Wie wir einen bevorstehenden Wechsel der Witterung aus gewissen Anzeichen folgern können, so können wir aus bestimmten Symbolen des Traumlebens bevorstehende Ereignisse entnehmen. Wir brauchen einen Feldherrn oder König nicht selber zu sehen, um seine Ankunft zu erfahren; Vorreiter eilen ihm voraus und kündigen sie an; ebenso werfen bedeutende Ereignisse ihre Schatten voraus. Auch der Schiffer entnimmt ja aus bestimmten Anzeichen, künstlichen oder natürlichen Merkzeichen des Fahrwassers die Nähe eines Hafens oder einer gefährlichen Stelle (20, 21).

Diese Traumsymbolik ist aber durchaus _individueller_ Natur, auf allgemeine Traumregeln ist kein Verlaß. »Es giebt Menschen, die sich kleine Bibliotheken über Traumdeutung anschaffen. Ich für mein Teil lache über alle diese Abhandlungen und halte sie für völlig wertlos. Die Phantasie der Menschen ist nicht einmal so gleichartig wie der Bau und die Physiognomie ihrer Leiber, welche immerhin noch den Gegenstand einer allgemein wissenschaftlichen Beobachtung bilden kann. Wenn eine Phemonoe oder ein Melampus oder sonst ein Wahrsager allgemeine Regeln der Traumdeutung aufzustellen wagt, möchte ich fragen, ob denn etwa auf konvexe oder konkave Linsen, oder Spiegel aus verschiedenem Stoffe die Gegenstände auf gleiche Weise widerspiegeln. Da jeder von uns seine ganz besondere Sinnesart hat, ist es unmöglich, daß dieselbe Traumvision für alle dieselbe Bedeutung habe.« (22, 23).

Um sich nun eine individuell gültige Traumsymbolik zu verschaffen, soll man ein Tagebuch führen, in das man alle Erlebnisse verzeichnet, die nach irgend einem Traumbilde sich ereignen. Ein solches Tagebuch wird nicht nur ein unmittelbares und psychologisches Interesse erhalten, es wird auch sonst von praktischem Nutzen sein, uns in der Selbsterkenntnis fördern und selbst zur stilistischen Bildung und zur Unterstützung unseres Gedächtnisses dienlich sein können (24). Synesios berichtet nun, daß er ein solches Traumtagebuch seit langen Jahren mit größter Genauigkeit und nicht ohne häufigen praktischen Nutzen geführt habe.

* * * * *

Dies der wesentliche Inhalt der Abhandlung des Synesios über die Träume. Wenn ich dieselben hier für mitteilungswert halte, so liegt der Grund nicht nur in dem rein geschichtlichen Interesse, daß wir in ihr die einzige auf uns gekommene Schrift der neuplatonischen Philosophie besitzen, welche sich +ex professo+ mit diesem Gegenstande, wenigstens mit seiner psychologischen Deduktion befaßt. Denn das gelehrte Werk des Artemidorus, +Oneirocriticon+, enthält zwar eine umfassende Sammlung der antiken Ansichten über die Traumsymbolik, vertieft sich aber nicht in die psychologische Ursache der Traumbildung und vertritt keine besondere philosophische Lehrmeinung. Es ist nicht ohne Interesse zu bemerken, daß Synesios in seiner Auffassung der Phantasie als des Traumorgans und als eines zugleich gestaltenden Grundvermögens der Seele dieselbe Ansicht vertritt, welche erst kürzlich der jüngere Fichte in seiner heutzutage viel zu wenig gewürdigten Anthropologie und Psychologie mit großem Aufwande deutscher Gelehrtengründlichkeit und empirischer Beobachtung zu begründen versucht hat. Auch Fichte (vergl. dessen Psychologie, Kap. III ff., ferner dessen Seelenfrage, +pag.+ 108ff.) kennzeichnet die Phantasie als die eigentliche zugleich vorstellende und gestaltende Triebkraft der Seele, _sie_ ist ihm, ebenso wie dem Synesios, der eigentliche Urleib oder »Ätherleib« des Menschen. Als solche bethätigt sie sich (1) in der vorbewußten Leibesgestaltung und Mimik.

Daß sie zugleich in hohem Grade der Sympathie unterliegt, erklärt sich durch die Ansteckung der Phantasiethätigkeit, durch den seelischen Rapport zwischen Mutter und Kind, auch der unleugbare Einfluß, den das Phantasieleben der Mutter auf die Leibesgestaltung des Kindes ausübt (Versehen, Ähnlichkeit und Vererbung). Andererseits aber rechtfertigt sich durch ihren individuellen Charakter auch wiederum die aller Vererbung zum Trotz so oft auffallende besondere Individualität der Gestaltung.

2) Sodann bethätigt sie sich als unwillkürliche, aber doch die Bewußtseinsschwelle häufig überschreitende traumbildende Triebkraft.

Ihre Darstellungsform ist, abgesehen von den hellsehenden Wahrträumen, die der Symbolik; die Leibesform ist nichts als ein Symbol der Seele.

3) Ihre höchste Leistungsfähigkeit erreicht sie in der bewußten ästhetischen Bildungskraft des Dichters und Künstlers.

Man vergleiche ferner »die Symbolik des Traumes« von Fr. G. H. v. Schubert. Leipzig (Brockhaus), 1840.

Fünftes Kapitel.

Die Gnostiker und Manichäer.

Die Persönlichkeit des Synesios bildete in gewissem Sinne ein Bindeglied zwischen heidnischer Philosophie und dem Christentum. Es wäre aber irrig, anzunehmen, daß Synesios eine Ausnahme mit seiner eigentümlichen Mischung antik-heidnischer Philosophie und christlicher Theologie gebildet habe. Im Gegenteil ist diese Spezies von Heiden-Christen so alt wie die Geschichte der christlichen Kirche, welche in den ersten Jahrhunderten geradezu eine ihrer bedenklichsten Gefahren in dieser Verwirrung gesehen hat. Allgemein pflegt man die philosophisch-heidnische Verunstaltung christlicher Gedanken als _Gnosticismus_ zu bezeichnen. Man bezeichnete Christen, welche %gnôsis% = Erkenntnis, nicht bloß %pistis% = Glauben wollten, als Gnostiker. Wahrscheinlich wird schon im neuen Testament davor gewarnt; das Evangelium Johannis wird nur unter diesem Gesichtspunkt ganz verständlich. In den Pastoralbriefen finden sich zahlreiche Stellen, die darauf hinweisen. Die Hauptquellen des Gnosticismus sind: +Irenaeus+, Widerlegung des fälschlich sich so nennenden Gnosticismus; ferner die sog. +philosophumena Originis+. Letztere Schrift ist wahrscheinlich verfaßt von einem Schüler des Irenäus, namens Hyppolitus.

Die occultistisch-philosophischen Gedanken des Gnosticismus sind folgende: Er nimmt den Begriff vom Menschen, wie ihn das Christentum voraussetzt, an; der Mensch als moralisch-religiöses Wesen stammt von Gott und ist Gottes Ebenbild. Gott ist Güte und Geist. Wenn aber Gott Güte und Geist ist, woher kommt die Materie und das Böse? Haben sie irgendwelchen Zusammenhang mit Gott? Nein; sie können nicht von Gott sein. Denn die Wirkung muß der Ursache ähnlich sein. Das Böse und die Materie sind aber Gott entgegengesetzt, das Böse dem Guten, die Materie dem Geist. Woher sind sie denn? Nach der _einen_ Richtung ist die Materie von Ewigkeit her, und die Materie ist zugleich der Grund der Unvollkommenheit.

Andere Gnostiker geben eine andere Antwort; sie knüpfen an die Emanationsvorstellung an: nach ihr gehen von Gott Geister hervor und aus den Geistern wieder andere u. s. w. Jede folgende Emanation ist aber geringer, als die vorhergehende, wie ja auch das Licht, je mehr es sich vom Mittelpunkte entfernt, desto schwächer wird. Die Grenze der Emanation ist die Materie. Durch diese Lehre vermied man die Schöpfung aus Nichts. Diese ist der denkenden Menschheit von jeher ein harter Gedanke gewesen, da er keine Analogie hat. -- Eine andere Frage war: Wie kommt der Geist in die Materie? Denn diese ist ja nicht von Gott oder doch unendlich entfernt von Gott. -- Antwort: Er kommt auf die Erde durch eine sittliche That, er kommt darauf durch einen Abfall, er ist ein Fremdling auf der Erde. Zur Erlösung der gefallenen Geister erscheint dann _Christus_, er, ein reiner Geist, kommt aus Erbarmen hernieder, er bringt die wahre Gotteserkenntnis; diese macht selig, und diese allein.

Die Moral der Gnostiker war meist sehr streng, strenger, als die Kirche verlangte. Sie war Askese, unbedingte Entfernung von der Materie und allen sinnlichen Genüssen. Denn die Verstrickung in der Materie war es ja, die den edlen Geist des Menschen hemmt und fern hält von Gott. Nach den Gnostikern ist der Gott der Juden nicht der höchste. Er hat ja die Welt erschaffen, diese Materie. Ferner ist der Gott der Juden ja der Gott des Zornes. Der wahre Gott ist der Gott der Liebe. -- Damit verbunden war der Doketismus, die Lehre, daß Christus nur einen Scheinleib gehabt und nur zum Scheine gelitten habe und gekreuzigt sei. Denn als reiner Geist dürfte er sich mit der Materie nicht beflecken.

Die Darstellung der Gnostiker war mythologischer Art, wüst und für uns ungenießbar, ähnlich der des Juden Philo. Aber für die damalige Geschmacklosigkeit der philosophastrischen Schriftstellerei fiel das nicht auf; auch der Neuplatonismus kleidet sich ja mit Vorliebe in ein mythologisches Gewand.

Die Namen der Gnostiker aufzuzählen, lohnt sich nicht der Mühe. Einer der berühmtesten war Valentin, der um 140 n. Chr. in Rom lehrte.

Nächst diesem war der bedeutendste _Mani_, der Stifter der _Manichäersekte_. Mani stammte aus Persien, er lebte und lehrte gegen Ende des 3. Jahrhunderts. Sein Dualismus beruht auf demselben Gedanken, wie der Zarathustras, dessen Lehre er mit dem Christentum zu verschmelzen suchte.

Der Kirchenvater Augustin ist zehn Jahre lang Manichäer gewesen.

Neuntes Buch.

Der Occultismus der Kelten und Germanen.

Erste Abteilung.

Die Kelten.

Erstes Kapitel.

Die Druiden.

Wir bringen Kelten und Germanen unter einem »Buche« zusammen, weil beide Rassen innerhalb der arischen Gesammtrasse sich nicht nur räumlich, sondern auch verwandtschaftlich _besonders nahe_ gestanden haben. Die _Kelten_ werden uns von den alten Schriftstellern als hochgewachsene Menschen mit blauen Augen und blondem oder rötlichem Haar geschildert. Menschen von kampflustiger, ritterlicher Gesinnung, aber deren unbändige Leidenschaftlichkeit und Rivalitätssucht, wie besonders Cäsars Kommentarien beweisen, zum Untergang ihrer staatlichen Bildungen und somit zuletzt zum Untergang der Art und Sprache führte, so daß das Keltenblut jetzt nur noch als allerdings erheblicher Mischbestandteil im Franzosen und Briten von Bedeutung ist.

Abgesehen von einzelnen seltsamen Absplitterungen, z. B. den Galatern in Kleinasien, nahmen die Kelten oder Galler, wie sie selbst sich nannten, -- jetzt hat sich das Stammwort nur noch in den »Gäler« erhalten, -- zur Zeit, wo die erste historische Kunde von ihnen auftritt, etwa das Gebiet des heutigen Frankreich, Nordspanien, Nord-Italien und Britannien und Irland ein.

Offenbar standen sie, ebenso wie die vielfach auch gar zu barbarisch aufgefaßten Germanen, deren höhere Gesittung schon Justus Möser nachgewiesen hat, auf einer nicht unverächtlichen Zivilisationsstufe. Das beweist schon ihr Äußeres. Ihre Kleidung bestand aus bunten wollenen Leibröcken, über die sie einen Gürtel von Gold oder Silber trugen, aus langen Hosen und kurzem Flausmantel; goldene Bänder zierten die Handwurzeln und den Arm, goldene Ringe die Finger und Ketten von gleichem Metall den Hals. Mannshohe Lederschilde mit bunten Malereien, eherne Helme mit wappenmäßigen Zierraten, eiserne Panzer, oft aus Draht geflochten, lange starke Schwerter, an eisernen Ketten an der Seite getragen, und Stoßlanzen ihre Waffen. Sie waren berühmt wegen ihrer Geschicklichkeit in der Herstellung von Glaswaren, auch als Goldschmiede und Münzmeister.

Das _Religionssystem_ der Kelten würde gewiß, da es eine besonders hochentwickelte _Geheimlehre_ dieser hocharistokratisch angelegten Rasse war, vom occultistischen Gesichtspunkte aus unser Interesse ganz besonders in Anspruch nehmen, wenn wir nur mehr glaubwürdige Berichte über seine Einzelheiten besäßen. So aber liegt die Gefahr nahe, den sog. _Neo_-Druidismus, der von einigen modernen wälischen Schriftstellern erfunden ist, kritiklos mit der _alten_ Geheimlehre der Kelten zu verwechseln.

Wir werden uns daher zunächst lieber mit einer zwar allgemeinen, aber zuverlässig getreuen Skizzierung ihres Systems begnügen.

Die echten Kelten zerfielen in die beiden Stände der Druiden und Krieger. Das gemeine Volk, auch seinem Äußeren nach teilweise als von anderem Aussehen geschildert, -- schwarzhaarig, kleiner gebaut, -- bestand wohl größtenteils aus der autochthonen unterworfenen Rasse.

Während der Krieger-Adel sich ausschließlich der Waffenübung und der Jagd widmete, waren die _Druiden_ im Besitz aller religiösen und profanen Wissenschaften, Priester, Rechtsgelehrte, Naturforscher und Philosophen in einer Person. Dies erinnert auffällig an das indische Verhältnis der Braminenkaste zur Kriegerkaste der Kschatriyas.

Der Name »_Druiden_« wird meistens, aber mit Unwahrscheinlichkeit, von dem griechischen %drys% = Eiche hergeleitet, da die keltischen Heiligtümer mit Vorliebe in Eichenhainen angelegt seien; wahrscheinlicher stammt er vom keltischen Dryw, wälisch Derwydd, in Wallis heute noch das Wort für einen »weisen Mann«.