Der Occultismus des Altertums

Part 73

Chapter 733,433 wordsPublic domain

»Wenn der Verstorbenen man auch vergißt in des Hades Behausung, so werde ich dagegen auch dort meiner lieben Hypatia gedenken, ich, der ich jetzt von den Leiden meines Vaterlandes umringt seiner überdrüssig bin, weil ich täglich feindliche Waffen sehe, Menschen hingeschlachtet wie Opfervieh, und eine von der Verwesung der Leichen verpestete Luft einatme, und selbst erwarten muß, daß es mir ebenso geht; denn wer kann noch froher Hoffnung sein, wenn sogar die uns umgebende Luft so schaudervoll ist, verdunkelt vom Schatten der leichenfressenden Vögel; -- und dennoch hänge ich mit Liebe an meiner Heimat. Was soll ich auch machen, als geborener Lybier, wenn ich die nicht unrühmlichen Gräber meiner Vorfahren vor Augen habe? doch deinetwegen, glaube ich fest, könnte ich mein Vaterland verlassen, und sobald ich dazu Zeit gewinne, auswandern.« -- Allmählich verzogen sich die Kriegsstürme etwas vor der mannhaften Führung der neugebildeten Landwehr, und Synesios kaufte sich sogar ein Landgut in unmittelbarer Nähe der feindlichen Grenze. Er führte ein Weib heim und lebte Jahre lang einer zwischen Jagd, Ackerbau und Philosophie geteilten, nur von vereinzelten Fehden mit jenem Wüstenvolk gestörten Muße. Jetzt schrieb er auch sein verloren gegangenes Werk über die _Jagd_. Den in dieser ländlichen Zurückgezogenheit freilich zu entbehrenden persönlichen Verkehr mit gebildeten Freunden ersetzte er durch einen ausgebreiteten regen Briefwechsel. Die 154 uns erhaltenen Briefe des Synesios sind ein wertvoller Schatz der hellenistischen Litteratur und ihr Verfasser muß für einen der geistvollsten Briefsteller aller Zeiten gelten; jeder seiner Briefe, so natürlich und naiv er der Feder entflossen zu sein scheint, ist doch ein kleines Kunstwerk, dessen Lesen auch heute noch einen inhaltlich und formell begründeten Reiz gewährt. Sieben dieser Briefe sind an Hypatia gerichtet, die meisten übrigen an seinen Freund Herculian oder seinen Bruder Euoptius, mit welchen beiden ihn das Bewußtsein verbindet, den Trank der Weisheit aus der lautersten Quelle geschöpft zu haben. Aus einem an Euoptius, der in Phykus, der Hafenstadt von Cyrene, wohnte, gerichteten Briefe, in welchem er denselben einladet zur Erholung nach seinem Landgut zu kommen, entnehme ich folgende idyllische Schilderung dieses Tuskulums: »Was ist es auch besonderes, sich im Ufersand auszustrecken, der einzige Zeitvertreib, den Ihr habt! Denn wohin wollt Ihr Euch sonst wenden? Wie schön ist es hier dagegen, sich unter den Schatten eines Baumes zu begeben! Und wenn es einem nicht mehr behagt, dann kann man Baum mit Baum, ja einen ganzen Hain mit einem anderen vertauschen. Wie schön ist es hier, das vorbeifließende Flüßchen zu durchschreiten! Wie lieblich, wenn der Zephyr sanft die Zweige bewegt! Welche Mannigfaltigkeit im Gesange der Vögel, in der Färbung der Blumen, in dem Strauch- und Buschwerk der Wiese, alles duftet in Wohlgerüchen, es sind die Säfte eines gesunden Bodens. Und die Grotte der Nymphen vermag ich nicht zu preisen, dazu bedarf es eines Theokrit.« Weiter schildert er seinen Umgang mit dem naiv biederen Landvolk, das sich von den großen Seeschiffen keine Vorstellung machen kann, das einen Kaiser nur vom Steuerzahlen kennt, »von denen einige noch glauben, es herrsche der Atride Agamemnon, der einst nach Troja zog«, und das sich am abendlichen Herdfeuer mit Vorliebe vom schlauen Odysseus erzählt, »als habe er den Cyklopen erst kürzlich geblendet und sich vom Widder aus der Höhle schleppen lassen.« In dieser Muße fand er auch Zeit und Stimmung, eine sophistische Abhandlung »_Das Lob der Kahlheit_« zu schreiben, eine von attischem Witz sprühende Trostschrift für alle, denen »eigener Mondschein vom Haupte zu leuchten beginnt«. Seine Sophistik gipfelt darin, die Kahlköpfigkeit ein göttliches Prädikat zu nennen: »Kahlköpfige können als gottähnlich bezeichnet werden, und wenn man von einem Mondchen spricht bei beginnender Glatze, so könnte man einen vollkommenen Kahlkopf ebenso gut eine Sonne nennen, denn er strahlt in vollkommenem Kreise fortwährend dem Himmel entgegen, und dieser Glanz ist entschieden etwas den Göttern verwandtes. Warum auch sonst trüge der katholische Priester seine Rasur?«

Die wichtigsten seiner damals verfaßten Schriften sind der Dion und die Abhandlung über die _Träume_. Beide Schriften hat er vor der Veröffentlichung der Hypatia zur Prüfung vorgelegt. Das Begleitschreiben, mit welchem er sie der geliebten Lehrerin einsandte, giebt eine persönliche Begründung ihrer Abfassung, und da ich dieses zur Einleitung einer besonderen Besprechung der Abhandlung über die Träume voraussenden werde, darf hier auch bezüglich des Dion einstweilen die Bemerkung genügen, daß diese Schrift einem Sohne gewidmet ist, dessen Geburt Synesios damals auf Grund eines Traumes erst erwartete. Da wir wissen, daß ihm im Jahre 404 bei Belagerung seines Landhauses durch die Maceten ein Sohn geboren wurde, dürfen wir ihre Abfassung vielleicht in das Jahr 403 zurückverlegen. Sie enthält in der Einkleidung eines Essay's über den Stoiker Dio Chrysostomus, (lebte zur Zeit Trajans,) einem Lieblings-Autor des Synesios, welcher seiner allgemeinen Bildung und schönen Darstellung wegen von vielen nicht unter die Philosophen, sondern unter die Sophisten gerechnet wurde, eine maßvolle Polemik gegen das Christentum vom ästhetisch-kulturfreundlichen Standpunkt aus und eine Verteidigungsrede für die Musen gegen ihre Verächter.

Doch bald riß den Philosophen wieder der Strom des praktischen Lebens in seine Fluten und Wirbel. Zunächst verstärkten sich aufs neue die kriegerischen Einfälle der Maceten, denen sich nun gar der weit gefährlichere Stamm der Isaurier anschloß, und Synesios ward genötigt, die Feder und den Bogen mit schwereren Waffen zu vertauschen, ja er mußte seinen Landsitz an der Grenze dauernd preisgeben, ohne daß wir mit Sicherheit wüßten, ob er jetzt seinen Wohnsitz nach der Stadt Cyrene oder nach Ptolemais verlegt habe.

Aber eine vollständige Wendung seines Lebenslaufes trat alsbald mit einem Ereignis ein, welches, wie wir aus seinen Briefen ersehen, sein Lebensglück dauernd vernichtete. Auf das Jahr 409 hatte ihm sein Traum-Orakel den Tod prophezeit. Dieses Orakel verwirklichte sich in anderer Weise, als er gedacht.

Es geschah in diesem Jahre, daß man ihn, den kriegstüchtigen Herakliden, den Liebhaber der Jagd, den freimütigen Philosophen, den begeisterten Anhänger der Hypatia und Anwalt des klassischen Heidentums, trotz allen Widerstrebens zum katholischen Bischof preßte, fast wie der ihm auch sonst nicht ganz unähnliche Ritter Götz von Berlichingen von aufständischen Bauern zu ihrem Anführer gepreßt sein soll.

Um die Möglichkeit dieser Wendung nur einigermaßen verständlich zu machen, ist daran zu erinnern, daß in jenen Zeiten des staatlichen Verfalles, wenn irgendwo, so besonders in einer solchen, vor dem Beginn der rings anflutenden Völkerwanderung militärisch entblößten Provinz des römischen Reiches, wie Cyrenaica, die Bischofswürde von größerer politischer als kirchlicher Bedeutung war. Jene Präfekten, die der ohnmächtige kaiserliche Absolutismus über die Provinzen stellte, waren in der Regel eben mächtig genug, das ihnen verliehene Amt zu schamloser Selbstbereicherung und Erpressung zu mißbrauchen, und standen nicht selten gar in hochverräterischen Beziehungen zu feindlichen Barbarenhäuptlingen. Die überwiegend bereits christliche Bevölkerung suchte und fand ihren einzigen Schutz und Zusammenhang innerhalb der so gewaltig erstarkten kirchlichen Gemeinschaft; die Kirche war ihr +forum+ und +comitium+; noch lag die Wahl des Bischofs, wenn auch oberpriesterlicher Bestätigung bedürfend, bei den Gemeinden.

Die Pentapolis aber bedurfte in jenen Zeiten dringend eines Mannes, der einerseits einem gewaltthätigen Ungeheuer, dem Präfekten Andronicus, und andererseits den räuberischen Grenznachbarn streitbar entgegenträte; auch fand man ja noch im Mittelalter keinen Anstoß daran, daß ein Bischof nicht nur den Krummstab und die Monstranz zu halten, sondern auch unter Umständen Schwert und Schild zu führen verstehe. Der wackerste Mann, ein wahrer %anêr kalos kagathos%, in der ganzen Provinz war Synesios, und Synesios war ein Patriot. So hatten ihn dann seine Mitbürger, welche, »sehend, wie viel Unrecht geschieht, indem sie Recht suchen, und wie viel Unheil durch wütende Menschen angerichtet wird«, einen Hauptmann suchten, der das Volk in Ordnung halte, aufgefaßt.

Dies und eine diplomatische Connivenz des Patriarchen zu Alexandria mag das Rätsel lösen. Es ist sicher, daß Synesios an einem und demselben Tage die Taufe und Ordination erhalten hat. Eine Conjectural-Biographie, wie sie der Theologe Neander und Dr. Volkmann in ihren Schriften über die allmähliche innerliche Bekehrung des Philosophen auf hundert Druckseiten entwickeln, dürfte sich ganz einfach durch einen ausführlichen Brief des Neugetauften an seinen Bruder Euoptius erledigen, aus welchem ich nur folgende allgemein interessante Stelle hervorhebe. Nachdem er zuvor seine wesentlichsten Abweichungen von der christlichen Dogmatik, den Glauben an die Ewigkeit der Welt und die Unerschaffenheit, Präexistenz der Seele, betont hat, schreibt er: »Die priesterliche Stellung also kann ich nur übernehmen, indem ich zu Hause philosophiere, äußerlich aber mich den Mythen anbequeme, so daß ich zwar nicht ausdrücklich lehre, aber auch nichts an der Lehre ändere und es bei der vorhandenen Lehre bewenden lasse. Denn was haben Volk und Philosophie mit einander zu schaffen?« -- »Wie das Auge nur zu seinem Nachteile der vollen Einwirkung des Lichts ausgesetzt wird, und wie für Leute mit kranken Augen die Dunkelheit nützlicher ist, so mag auch der Irrtum für das Volk von Nutzen sein.(?) Verlangen sie aber, daß ich mich selbst in diesem Sinne ändern soll, daß der Priester die Vorstellungen des Volks teilen müsse, so erkläre ich, daß ich in Betreff der Dogmen keinen falschen Schein auf mich laden mag. Die Wahrheit ist Gott verwandt, dem gegenüber ich in allen Stücken ohne Schuld sein will. In diesem einen Punkte will ich keine falsche Rolle spielen. Denn, da ich ein Freund des Sports bin, von Kindheit an hat man mir meine leidenschaftliche Vorliebe für Waffen und Pferde vorgeworfen, so wird es mich betrüben, -- ja, wie wird mir zu Mute sein, wenn ich meine liebsten Hunde ohne Jagd sehe, meinen Bogen von Würmern zerfressen, -- aber ich werde es ertragen, wenn Gott es mir auferlegt, -- meine Überzeugungen aber werde ich nicht verleugnen und zwischen meiner Zunge und meinem Denken soll kein Widerspruch sein.« Zum Schluß heißt es dann: »Sorge dafür, daß mein Brief in die Kanzlei kommt und jenem mitgeteilt wird!« Mit der Kanzlei kann nur die Kanzlei des Patriarchen gemeint sein.

Der Patriarch also scheint diesen esoterischen Vorbehalt zugelassen zu haben: Synesios wurde als Bischof und zwar als Metropolit, der erste von 15 Bischöfen in der Pentapolis bestätigt.

Unmöglich konnte jedoch dieser unvermittelte Übergang vom heidnischen Philosophen zum christlich-katholischen Bischof ohne schwerere äußerliche und innerliche Konflikte und tragischere Folgen bleiben, als den in jenem Briefe so schmerzlich betonten Verzicht auf die Freuden der Jagd. Zwar den rein politischen Erwartungen seiner Mitbürger suchte er in uneigennützigster Pflichttreue genug zu thun. Jenem Präfekten Andronicus, der, wie das Exkommunikationsdekret sagt, »zur härtesten Plage der Pentapolis geworden war, härter als Erdbeben, Heuschrecken, Pest, Feuer und Krieg, indem er sich begierig auf das stürzte, was sie übrig gelassen hatten, und zuerst ganz unerhörte Arten von Marterwerkzeugen in das Land eingeführt hatte, Werkzeuge zum Zerfleischen der Finger und Füße, ja des ganzen Leibes, mit denen er alle Glieder seiner Schlachtopfer auf das grausamste verrenkte und verstümmelte«, diesem Tyrannen konnte er jetzt mit der ganzen Machtfülle seines hohen Kirchenamts entgegentreten. Er belegte ihn mit dem Interdict. Als der Bösewicht hierdurch gebrochen und gedemütigt nun seinerseits bei Synesios um Schutz gegen allzu harte Verfolger bat, vergaß er jedoch nicht, in wahrhaft christlicher Feindesliebe, sein Unglück zu erleichtern, und legte sogar eine Fürbitte beim Patriarchen ein. Ward es ihm somit auch leicht, die christliche Moral in vorbildlicher Reinheit zu üben, so fiel es ihm doch um so schwerer, sich in die christlichen Dogmen und priesterlichen Formen zu schicken, vor allem sich in seinen amtlichen Äußerungen die geforderte priesterliche Salbung zu geben und sich des Kanzeltons zu bedienen.

»Wenn ich euch nichts von allem zu sagen habe, was ihr sonst zu hören gewohnt seid, so müßt ihr es mir zu gute halten und vielmehr euch selbst anklagen, daß ihr einem in der heiligen Schrift unbewanderten Manne vor solchen, die derselben kundig sind, den Vorzug gegeben habt«, schreibt er an seine Amtsgenossen. Auch trug er, als einst ein Priester durch Errichtung einer Kapelle und Mißbrauch der Kirchenweihe einen strategisch zur Landesverteidigung unentbehrlichen Punkt in seinen Besitz gebracht hatte, kein Bedenken, gegen die abergläubische Scheu seiner Amtsbrüder, welche glaubten diese Weihe trotz ihrer gemeinschädlichen und rechtswidrigen Entstehung respektieren zu müssen, mit folgenden Worten zu eifern: »Man muß den Aberglauben von der Frömmigkeit unterscheiden. Er ist ein Laster, das mit der Maske einer Tugend auftritt, aber von der Philosophie als die dritte Form der Gottlosigkeit längst erkannt ist. Heilig ist, was gerecht und gut ist. Vor der bloßen Einweihung kann ich keine ehrfurchtsvolle Scheu empfinden.«

Ernstere innere Konflikte mit seiner Überzeugung scheinen doch nicht ausgeblieben zu sein; die Taufe hatte, wie denn auch Luther sagt: »Wasser thut's freilich nicht«, den alten Heiden nicht ertränkt. Nur so wird der Wunsch erklärlich, den er in einem seiner Briefe ausdrückt, daß er doch in jenem Jahre lieber wirklich gestorben wäre, wie sein Traum es verheißen, als Bischof geworden.

Ein begeisterter Verehrer Hypatias blieb er bis zuletzt. Dagegen scheint allerdings das Interesse der letzteren für ihn seit seinem Übertritt zum Christentum erkaltet zu sein, wie er sich dann als Bischof in seinen Briefen überhaupt beklagt, daß seine alten Freunde ihn verlassen haben, obgleich er derselbe geblieben sei. Dies und harte Familienschicksale -- er verlor seine Gattin und sämtliche Kinder -- brachen ihn geistig und körperlich. Recht deutlich spiegelt sein letzter Brief an Hypatia diesen Zustand. »Vom Krankenlager aus datiere ich diesen Brief an dich und wünsche, daß du ihn gesund empfangen mögest, du meine Mutter, meine Schwester und Lehrerin, und durch dies alles meine Wohlthäterin, der Inbegriff alles dessen, was es für mich ehrwürdiges giebt. Meine körperliche Schwäche rührt von meinem Seelenleiden her. Die Erinnerung an den Verlust meiner Kinder reibt mich allmählich auf. Nur so lange hätte Synesios am Leben bleiben sollen, wie er frei war von den Leiden des Lebens. Die sind nun auf einmal wie ein aufgehaltener Strom über mich hereingebrochen, und die Annehmlichkeit meines Lebens ist umgeschlagen. O, daß doch mein Leben oder die Erinnerung an das Grab meiner Kinder ein Ende nähme! Bleib du nur gesund und empfiehl mich deinen glücklichen Freunden, vom Vater Theon und dem Bruder Anastasios ab der Reihe nach, und wenn einer dazu getreten ist, der dir lieb ist. Ich muß es ihm Dank wissen, daß er dir lieb ist. Grüße auch ihn, wie meinen liebsten Freund. Wenn du dir noch etwas aus meinen Angelegenheiten machst, so thust du wohl daran! Wo nicht, -- so mache auch ich mir nichts daraus.«

Wir kennen nicht das genaue Datum seines Todes und wissen daher auch nicht, ob das grauenvolle Ende seiner geliebten Hypatia noch zu seinen Ohren gekommen. Wenn, -- so wird es nach dem so schmerzlich beklagten Verlust seiner Söhne gewiß der härteste Schlag gewesen sein, der sein Herz getroffen.

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Welche Kontraste vereinigt doch diese Periode der Geschichte! Dieselbe Zeit, welche diesen männlichen, kriegsgeübten Philosophen, der neben dem Schwert von Eisen doch auch das Schwert des Geistes zu führen verstanden, zum Bischof machte, ja dasselbe Patriarchat, das diese Bischofswahl trotz des offenen esoterischen Vorbehaltes gegen wesentliche Glaubenssätze betätigte, ließ dessen Lehrerin, Hypatia, ein Weib, in Stücke zerreißen! Oder welch' ein Weib muß jene gewesen sein, die nicht nur einen solchen Schüler gebildet hat, sondern auch solchen Hasses und solchen Martyriums gewürdigt worden ist!

In seiner bischöflichen Lebensperiode hat Synesios, wenn wir von den Briefen absehen, prosaische Schriften nicht mehr verfaßt. Wohl aber stammen aus dieser Zeit seine Hymnen, die ihn zwar keineswegs als bedeutenden Dichter, doch als einen gefühlsinnigen Mystiker kennzeichnen.

In den sog. »Geschichten der Philosophie« wird Synesios meistens nicht mit gezählt. Auch bieten seine Schriften nach denjenigen eines Plotinos und Jamblichos, deren Werke uns größtenteils erhalten sind, kein erhebliches wissenschaftliches Interesse, da sie der philosophischen Originalität und Tiefe entbehren. Litterarisch jedoch müssen sie als einige der besten Erzeugnisse des spätesten Hellenismus gelten. Derjenige aber, der nicht nur in den Systemen der Schulen, sondern auch in Thaten und Gesinnungen Philosophie zu würdigen weiß, wird in seiner Geschichte der Philosophie auch einem Synesios einen Platz vergönnen. In ihm lebte eine schöne Seele im Sinne platonischer Philosophie, und sein vorwiegendster Charakterzug ist ein durchaus liebenswürdiger Heroismus.

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Insbesondere die Schrift über die Träume.

»Denn es sind zwo Pforten der nichtigen Traumgebilde: Diese von Elfenbeine gebaut und jene von Horne. Die nun gehn aus der Pforte geschnittenen Elfenbeines, Solche täuschen den Geist durch wahrheitlose Verkündigung; Aber die aus des Hornes geglätteter Pforte herausgehn, Wirklichkeit deuten sie an, wenn der Sterblichen einer sie schaut.«

Unter den uns erhaltenen Schriften des Synesios verdient neben dem philosophischen Roman »Dion« seine Abhandlung »über die Träume« am meisten Beachtung.

Aus der letzteren ersehen wir, daß merkwürdigerweise Synesios, diese entschieden auf praktische Unternehmungen angelegte Natur, der seinem eigenen Geständnis nach den Harnisch dem Bischofsmantel, das Roß dem Schreibstuhl und die Lanze der Feder vorzog, ein »Träumer« gewesen ist, der das »Träumen« systematisch betrieb und darüber Buch führte. Und es ist nur zu bedauern, daß das Traumtagebuch dieses interessanten Mannes sich nicht als Supplement seiner Abhandlung über die Träume auf die Nachwelt gerettet hat.

Synesios widmet seine Schrift über die Träume zugleich mit dem ungefähr gleichzeitig vollendeten Essay über Dio seiner geliebten und verehrten Lehrerin Hypatia. Vor der Veröffentlichung übersandte er sie derselben zur Begutachtung mit einem ausführlichen Briefe, aus dem ich, er ist uns ganz erhalten, -- folgendes hier der Wiedergabe für wert achten möchte: »Ich habe in diesem Jahre zwei Bücher fertig bekommen, zu dem einen durch Gott, zu dem andern durch die Schmähung der Menschen veranlaßt. Denn sowohl unter den Leuten, die den weißen Mantel tragen, als unter denen, welche in der schwarzen Kutte einhergehen, haben mich einige eines Vergehens gegen die Philosophie beschuldigt, weil ich auf Schönheit im Ausdruck und auf Rhythmus achte, auf die rhetorischen Figuren, und etwas über Homer sagen will. Als ob ein Freund der Weisheit ein Feind der Rede sein müßte, und sich nur mit den göttlichen Dingen befassen dürfte. Sie selbst befassen sich freilich nur mit der beschaulichen Betrachtung des Intelligiblen. -- Sie erklären, ich sei nur zu litterarischen Spielereien befähigt, und sind zu diesem ungünstigen Urteil veranlaßt worden, seitdem meine Schrift über die Jagd, ich weiß nicht wie, in die Öffentlichkeit gelangt ist und bei einigen jungen Leuten, die auf korrekte, geschmackvolle Darstellung etwas geben, großen Beifall gefunden hat, ebenso wie einige sorgfältig gearbeitete Gedichte. -- Unter diesen Gegnern sind die einen, deren Frechheit in ihrer Unwissenheit ihren Grund hat, sofort bei der Hand, über Gott zu reden. Kommt man mit ihnen zusammen, so bekommt man von ihnen allerlei verkehrte Syllogismen zu hören, und auch, wenn man kein Verlangen darnach hat, so überschütten sie einen doch mit ihren Reden, wobei sie, wie ich glaube, ihre ganz besonderen Interessen verfolgen; aus ihrer Zahl werden nämlich in den Städten die Schulmeister und Priester genommen. Du kennst wohl diesen oberflächlichen Menschenschlag, der ein wirkliches wissenschaftliches Streben scheel ansieht. Sie möchten mich gern zu ihrem Schüler haben und versichern, sie würden mich dann in kurzer Zeit zu einem ausgezeichneten Theologen machen, der Tag und Nacht in einem fort zu reden vermöchte.

Die anderen haben zwar mehr Einsicht, sind aber noch viel erbärmlichere Sophisten, als diese. Du weißt, daß manche Leute, die sich in den Schulen völlig ausgegeben haben, oder durch irgend sonst einen Einfall dazu veranlaßt wurden, im Mittag ihres Lebens als Philosophen aufzutreten, -- sich einen gewaltigen Anstrich zu geben wissen. Wie ist doch ihre Augenbraue hoch emporgezogen. Die Hand stützt das bärtige Kinn, und der ehrwürdige Ausdruck ihres Gesichts übertrifft die Bildnisse des Xenocrates. -- Diese Leute betrachten es als einen gegen sie gerichteten Angriff, wenn einer, der für einen Philosophen gilt, auch zu reden versteht. Denn nur so lange können sie ihre angenommene Rolle behaupten, solange man glaubt, daß sie innerlich voller Weisheit stecken.

Beide Klassen von Leuten haben mir also vorgeworfen, daß ich mich mit wertlosen Dingen beschäftige, die einen, weil ich nicht dasselbe schwatze, wie sie, die andern, weil ich meinen Mund nicht verschlossen halte und mir keinen Ochsen auf die Zunge gelegt habe, wie es im Sprichwort heißt. Gegen sie habe ich den Dion verfaßt und bin dem Reden der einen und dem Schweigen der andern entgegengetreten. Die andere Schrift (über die Träume) habe ich auf Gottes Veranlassung geschrieben und Gott hat sie gut geheißen. Sie ist ein Denkmal meiner Dankbarkeit gegen das Vermögen der Phantasie? Ich habe in ihr Untersuchungen über den ganzen vorstellenden Teil der Seele angestellt und einige andere Punkte behandelt, mit denen sich bis jetzt die Philosophie der Hellenen noch nicht befaßt hat. Doch wozu bedarf es weiterer Worte über dieselbe? Die ganze Schrift ist in einer Nacht ausgearbeitet oder vielmehr in dem übrigen Teile einer Nacht, die mir ein Traumbild gebracht hatte, daß ich sie eben schreiben sollte. An einigen Stellen, etwa zwei oder dreimal, bin ich gleichsam ein anderer gewesen, zugleich mit dem Anwesenden mein eigener Zuhörer. Und jetzt, so oft ich an die Schrift herantrete, wird mir ganz wunderbar zu Mute, und es umtönt mich, wie der Dichter sagt, eine Art göttlicher Stimme. Ob dies nun eine Empfindung ist, die ich allein dabei habe, oder ob sie auch bei einem anderen Leser sich einstellt, das sollst du mir gleichfalls mitteilen; denn du sollst sie zuerst unter den Hellenen nach mir lesen. Ich schicke dir also diese beiden bis jetzt unveröffentlichten Schriften.«

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