Part 71
»Stillschweigend und bestürzt übergab ihnen der Vater hierauf seine Tochter. Dann rief er seinen Verwalter und befahl ihm, den Fremdlingen alles zu reichen, was sie nur immer verlangen würden, und sich um nichts weiter zu bekümmern, machte sich als ein Flüchtiger noch vor Anbruch des Tages auf, und verließ die Tochter und das Landgut. Die Männer, _es mögen nun Heroen oder Dämonen, oder noch höhere Geister gewesen sein_, nahmen das Mädchen und weiheten es ein -- in welche _Mysterien_? und _Wozu_? das vermochte niemand, auch der Allerneugierigste nicht, jemals zu erforschen.«
»Als nun die festgesetzte Zeit herum war, kam der Vater auf das Landgut. Er kannte seine Tochter nicht mehr, so außerordentlich hatte sie sich in Absicht auf Größe, Wuchs und äußerliche Schönheit verändert. Auch sie erkannte ihren Vater kaum mehr. Er fiel vor ihr nieder auf seine Kniee, so sehr glaubte er ein anderes Wesen vor sich zu sehen. Jetzt erschienen auch die beiden Lehrer. Du kannst, sagten sie, deine Tochter alles fragen, was du immer willst. Ach! Vater, fiel Sosipatra ihnen in die Rede, frage mich doch etwas, frage mich doch, wie dir's auf dem Wege gegangen ist. Sie erzählte ihm darauf alle Vorfälle, Reden, Besorgnisse, Drohungen u. s. f., kurz alles, was auf der Reise vorgekommen war, so genau, als wenn sie selbst mit in dem Wagen gesessen hätte.«
»Der Vater war ganz außer sich vor Erstaunen, und glaubte fest, _seine Tochter sei -- eine Göttin_. Er fiel vor den Männern nieder und bat, sie möchten doch sagen, wer sie wären (damit er sie auf gehörige Weise verehren könne). Nach langem Zögern, denn so gefiel es vielleicht der Gottheit, sagten sie endlich, aber nur durch dunkle Andeutungen und mit niedergeschlagenem Gesicht, sie wären nicht ganz uneingeweiht in die chaldäische Weisheit. Hierauf fiel er abermals auf seine Kniee und bat, sie möchten doch geruhen, die Herren von dem Gute zu sein, und seine Tochter bei sich zu behalten, um derselben ihre Bildung noch länger angedeihen zu lassen, und sie noch vollkommener einzuweihen. Sie nickten mit dem Kopfe, sagten es aber nicht mit Worten zu. Der Vater glaubte indessen, ihr Versprechen erhalten zu haben, und war darüber so froh und vergnügt, als wäre ihm ein Orakelspruch zu teil geworden. Was er aber aus der ganzen Sache machen sollte, das wußte er durchaus nicht. Mit Begeisterung pries er den Homer, daß er ein großes und herrliches Geheimnis ausgesprochen habe in den Worten:
_Die Götter wandern in mancherlei Gestalten, Reisenden aus fremden Ländern ähnlich, umher._«
»Denn auch er glaubte von Göttern in Gestalt von Fremdlingen einen Besuch erhalten zu haben. Voll von diesen Gedanken schlief er vergnügt ein. Die Greise aber führten nach der Mahlzeit das Mädchen auf ihr Zimmer, übergaben ihr sorgfältig das Gewand, in welchem sie eingeweiht worden war, nebst noch einigen andern Sachen, ließen ihr ein Kästchen versiegeln und thaten noch einige Bücher hinzu. Sosipatra freute sich ungemein darüber, und liebte überhaupt die fremden Männer wie ihren eigenen Vater.«
»Am folgenden Tage morgens frühe, als die Thüren geöffnet wurden, und jedermann an seine Arbeit ging, gingen auch die zwei Greise, wie gewöhnlich aus, das Mädchen aber lief zu dem Vater mit der fröhlichen Nachricht, und ließ das Kästchen und die Bücher zu ihm tragen. Der Vater erstaunte über die kostbaren Schätze, welche er fand, und ließ die Männer rufen. Aber sie waren nirgends zu finden. Was ist das? sagte er zur Tochter. Nachsinnend eine Weile, erwiderte diese: Ach, jetzt verstehe ich, was sie mir sagten, als sie mir dies Alles mit Thränen in den Augen übergaben. Betrachte dieses öfters, sagten sie, wir werden bald eine Reise auf das westliche Meer machen, und alsdann sofort wieder zurückkehren.«
»Alles dieses beweist offenbar, daß die Fremdlinge Geister oder höhere Wesen waren. Der Vater nahm diese eingeweihte und divinatorische Tochter zu sich, ließ sie ganz nach ihrem Willen leben, und bekümmerte sich um ihr Thun und Lassen weiter nicht im Geringsten; nur war er mit ihrem stillen Wesen nicht ganz zufrieden. Als sie das reifere Alter erreicht hatte, wußte sie, ohne andere Lehrer gehabt zu haben, die Schriften der Dichter, Philosophen und Redner alle auswendig, und was andere mit großer Anstrengung und vielem Schweiße kaum mittelmäßig erlernen und begreifen, darüber wußte sie sich so leicht und gewandt auszudrücken, als ob es nur ganz unbedeutende Aufgaben wären. Die Fremdlinge aber kehrten niemals wieder zurück« usw.[865]
Drittes Kapitel.
Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprüchen des Pythagoras. -- Die letzten Neuplatoniker.
Durch die Litteratur des Occultismus zieht sich eine Reihe von Schriften, in welchen die mystische Entwickelung des Menschengeistes esoterisch dargestellt und systematisch gelehrt wird. Da es nun unsere Aufgabe ist, das Feld der Mystik in seinem ganzen Umfang zu durchstreifen, so dürfte es vielleicht am Platze sein, diese heute meist vergessenen Schriften aus dem Staube der Jahrhunderte und Jahrtausende hervorzuziehen und der theoretischen wie der praktischen Forschung zugänglich zu machen; vielleicht erregt dieses Unternehmen um so mehr das Interesse der Beteiligten, als die neuere hierher gehörige Litteratur, wie sie z. B. von Kerening vertreten wird, kaum etwas Besseres aufzuweisen hat.
In erster Reihe sind die sogenannten goldenen Sprüche des Pythagoras hierher zu rechnen, welche, wenn auch vielleicht nicht in ihrer Gesamtheit von Pythagoras selbst herstammend, doch ganz zweifelsohne geistiges Eigentum der alten und neuen pythagoräischen Schule waren. Sie lehren die mystische Entwickelung des Geistes und hier treffen alle Kennzeichen zusammen, mit denen Cornelius Agrippa die letztere charakterisiert, indem er sagt[866]: »Dieser (höhere) Einfluß wird uns aber nur dann zu teil, wenn wir uns von den die Seele niederdrückenden Hindernissen, von den fleischlichen und irdischen Beschäftigungen und von jeder von außen kommenden Aufregung frei machen. Wie ein triefendes und unreines Auge die allzustark leuchtenden Gegenstände nicht anschauen kann, so wird auch der das Göttliche nicht fassen können, der die Reinigung der Seele vernachlässigt. Man muß aber schritt- und gleichsam stufenweise zu dieser Reinheit des Herzens gelangen, denn nicht jeder Neueingeweihte wird sogleich den vollen Glanz dieser Mysterien fassen, sondern die Seele ist allmählich daran zu gewöhnen, bis in uns die Kraft des Verstandes sich entfaltet, und dieser, dem göttlichen Lichte zugekehrt, sich mit ihm vereinigt. Wenn nun die menschliche Seele gehörig gereinigt und geheiligt ist, so tritt sie von allen störenden Einflüssen ungehindert in freier Bewegung hervor, erhebt sich nach oben, erkennt das Göttliche und unterrichtet sich sogar selbst, wenn sie gleich den Unterricht anderswoher zu erhalten scheint. Sie bedarf alsdann weder einer Erinnerung noch Belehrung, sondern durch ihren Geist, welcher das Haupt und der Lenker der Seele ist, ahmt sie von selbst die Engel nach und erreicht nicht erst allmählich, nicht in einer bestimmten Zeit, sondern in einem Augenblicke das, was sie wünscht.«
In den ersten vierundfünfzig Strophen der goldenen Sprüche wird nun diese »stufenweise Reinigung des Herzens« gelehrt, während in den letzten zweiunddreißig die durch Selbstzucht erreichte geistige Macht und Freiheit des Adepten geschildert wird. -- Unser moralisch-mystisches Lehrgedicht hat nach den etwas modernisierten Übersetzungen von Schultheß[867] folgenden Wortlaut:
»Die unsterblichen Götter, wie das Gesetz ihren Rang zeigt, Ehre zuvorderst, und heilig sei dir der Eid. Den erhab'nen Helden des Äthers zunächst, dann auch der Erde Dämonen Gieb nach Gesetz und heiligem Brauch ihre Ehre. Die Eltern Halte in Ehren zumeist, dann auch Verwandte des Blutes. 5. Unter den andern erwirb durch Tugend jeden Rechtschaff'nen Dir zum Freunde, und sei empfänglich für gütige Reden, Nützliche Thaten zumal; um kleiner Vergehungen willen Zürne nicht mit dem Freund; so lange du kannst, übe Nachsicht; Ist ja das Können so oft Nachbar des Müssens. Behalte 10. Dieses nun wohl und gewöhne durch fleißige Übung dich dazu, Daß du die Lüste des Gaumens, Neigung und Trieb zu dem Schlafe, Daß du die Wollust und Zorn beherrschen männiglich könnest. Thu' nichts Schändlich's allein, noch auch im Beisein von andern; Scham vor dir selbst soll dich strenger als alles bewahren. 15. Sei du gerecht gegen alle in Worten sowohl als in Thaten, Und erlaube dir nie der Vernunft dich blöde zu entäußern, Sondern halte im Aug', daß gemeinsam den Menschen der Tod ist. Laß' nicht nur den Gewinn, laß auch Verlust dir gefallen. Was für Leiden die Menschen nach göttlicher Schickung bedrücken, 20. Trage du sanft deine Last und hadere nicht mit dem Himmel. Hilf dir so gut als du kannst, das fordert die Pflicht; und bedenke, Daß das Schicksal dem Guten nicht allzuviel Leiden verhänge, Wirst du Reden verschiedene, gute und schlimme vernehmen, Haß' und bewundere von ihnen keine, und mußt du zuweilen 25. Thorheit, Unvernunft hören, so übe Geduld. Eine Regel Geb' ich dir jetzt, und die sollst du zu allen Zeiten befolgen: Niemand müsse dich weder durch Worte noch Thaten bewegen, Etwas zu reden, zu thun, das deinem Besten zuwider; Handle nicht ohne Bedacht, um thöricht nimmer zu handeln, 30. Elend ein Mann, der redet und handelt ohn' Überlegung. Setze nur das in das Werk, was nun und nimmer dich reu'n kann. Schreite zu keiner That, wo Kenntnis gänzlich dir mangelt. Laß dich von deinen Pflichten erst gründlich belehren, dann wirst du Freudig, zufriedengestellt, in Ruhe dein Leben vollbringen. 35. Auch die Gesundheit des Leibes sollst unbesorgt du nicht lassen. Halte nur Maß in Trunk, in Speise und Übung des Leibes. Meide, was Schaden gebiert, das wird dir das richtige Maß sein. Reinlich, jedoch ohne Pracht, gewöhn' dich zu leben. Vermeide Alles was Neid weckt, mit Fleiß, und laß unnötigen Aufwand 40. Denen, die wirkliches Gut nicht kennen, doch fern auch sei von dir Kargheit. Das Beste in allen ist rechtes Maß stets gewesen. Thu' nichts, was Schaden dir bringt, und denke, noch ehe du handelst. Eher darfst du auch nicht dem Auge zu schlafen gestatten, Bis du der Thaten des Tages dreifach dir Rechnung gegeben: 45. Wo übertrat ich das Maß? Was ward gebührend verrichtet? Was unterlassen, was Pflicht von mir erheischen hätt' müssen? Laß' dieser Musterung nichts vom Ersten bis Letzten entgehen; Straf dich begangenen Fehl's und freu' dich bewiesener Tugend. Siehe, hierin sollst du üben, und dieses sollst du studieren, 50. Das ist, was von Herzen zu lieben dir ist geboten, Diese Dinge, sie führen zum Pfad' der göttlichen Tugend, Bei dem göttlichen Mann schwör ich's, der unserer Seele In der Tetrade den Quell der ew'gen Natur hat gewiesen! Aber du schreite zum Werk mit flehender Bitt' an die Götter, 55. Daß du vollenden es magst. Bist du jetzt mächtig geworden Jener menschlichen Tugend, so soll dir die Kenntnis dann werden Von der Geister System und auch der unsterblichen Götter, Sterblichen Menschengeschlechts auch; wie weit sich erstrecken die Kräfte Jedes Geschlechtes und was zu Einem sie alle verbinde. 60. Weiter die Kenntnis, wie die Natur nach ewigen Rechten Bleibt stets selber ihr gleich. Dann hoffest du niemals, Was zu hoffen nicht ist; dann bleibt dir nichts mehr verborgen. Kenntnis erlangst du, erkorenes Übel plage die Menschen, Plage die Thoren, die wahr es nicht nehmen, die hören nicht wollen, 65. Wie sie das Gut in der Nähe hätten. Nur wenige wissen, Sich von den Übeln zu lösen: Ein trauriges Schicksal, Daß sie gedankenlos sind; sie rollen wie wirbelnde Walzen Dahin, dorthin, bedrängt von Kummer und Plagen ohn' Ende. Denn das merken sie nicht, daß der Streit, der schlimme Gefährte, 70. Anvertraut ihnen von Kind an, ihr Schaden ist, daß sie Ihn nicht reizen, dagegen durch Nachsicht entgehen ihm sollten. Vater Zeus, o du würdest vom Übel sie alle erlösen, Wenn du allen zeigtest den Dämon, der sie bewohnet. Sei nur getrost, denn die Sterblichen sind auch von Gottes Geschlechte; 75. Alles wird die Natur, die heilige Mutter sie lehren. Bist du nun auch der getreuen Lehrerin fleißiger Schüler, Wird es dir meine Gebote zu halten an Kräften nicht fehlen, Heilen wirst du alsdann die Seel' und von Elend erretten. Aber enthalte dich auch verbotener Speisen, entscheide 80. Nach den Gesetzen der Läut'rung wie auch der Befreiung der Seele, Was ihr schadet und nützt, und lasse das nie unerwogen. Laß der Vernunft als dem besten Fuhrmann die Zügel in Händen. Scheidest du früh oder spät aus diesem, dem sterblichen Leibe, Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben, 85. Vom Tod auf ewig befreit bist du unsterblicher Gott dann!«
Diese pythagoräischen Verse wurden von dem Neuplatoniker _Hierokles_ ausführlich kommentiert. Derselbe wurde 410 geboren, war ein Schüler des Plutarch von Athen, lehrte zu Alexandria und starb um das Jahr 476. Von seinem Leben ist so gut wie nichts bekannt, und nur Suidas überliefert uns einen einzigen Zug aus seinem Leben, welcher jedoch unsern Philosophen in stoischer Größe erscheinen läßt: Auf einer Reise nach Byzanz wurde er in dieser Stadt von der Regierung (vermutlich wegen Streitigkeiten mit christlichen Priestern) zur Geißelung verurteilt, welche auf das strengste an ihm vollzogen wurde. Als nun ein Gerichtsbeamter voll Wohlgefallen der Exekution zusah, fing Hierokles eine Hand voll seines den Riemen der Peitschenhiebe entströmenden Blutes auf und warf es demselben mit homerischen Worten ins Gesicht: »Nimm, Cyklop, und trink eins; auf Menschenfleisch ist der Wein gut.«
Der Erfolg dieser That war, daß Hierokles sofort aus Byzanz verbannt wurde und nach Alexandria zurückkehrte, wo er unter dem Beifall seiner Schüler ungehindert wie früher Philosophie weiter lehrte.
Wenden wir uns zu dem Kommentar des Hierokles. Nach ihm besteht die Philosophie in der Reinigung und der Vervollkommnung des menschlichen Lebens; in der Reinigung von der Sinnlichkeit und dem materiellen Leibe, in der Vervollkommnung des unsterblichen Menschen zur Gottheit, wodurch der Mensch der wahren Glückseligkeit teilhaftig wird. Auf den Weg zur Vergöttlichung führen den Philosophen gewisse kurzgefaßte Grundsätze oder Kunstregeln, unter denen die pythagoräischen Verse den ersten Rang einnahmen, weil sie sowohl die Grundbegriffe der thätigen als der beschaulichen Philosophie enthalten und den Menschen -- nach den Worten des »Timäus« -- in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen.
Die Gebote der thätigen Tugend werden zuerst genannt, weil Trägheit und Sinnlichkeit überwunden sein müssen, bevor sich der Mensch mit den höheren göttlichen Tugenden bekannt machen kann; denn ebensowenig als ein unreines Auge den Glanz der Sonne erträgt, ebensowenig vermag eine Seele ohne Besitz praktischer Tugend ihren Blick auf den Glanz der Wahrheit zu richten.
Die thätige (politische) Tugend wird die menschliche genannt, die Befolgung ihrer Gebote führt uns auf den Weg der beschaulichen göttlichen Tugend und Philosophie (V. 50-54). Man muß also zunächst Mensch werden, um sich zum Gott entwickeln zu können; zu dem ersten machen uns die thätigen, und zum letzteren -- vom Leichteren zum Schwereren emporsteigend -- die beschaulichen Tugenden.
Die Vorschriften der thätigen Tugend sind so vielfach und reden in so hohem Grade für sich selbst, daß wir den zu ihnen gehörigen langen Kommentar bis zu den Versen 36-38 übergehen können, worin Pflege der Gesundheit und Mäßigkeit empfohlen wird, um den Körper zu einem brauchbaren Instrument der Weisheit zu machen. Hierokles sagt: »Damit dann sein (des Philosophen) Leib ein Instrument der Weisheit abgeben möge, wird er denselben durchaus also nähren und gewöhnen, daß dabei vorzüglich für die Seele, zunächst aber und um ihretwillen für den Leib gesorgt sei. Denn er wird niemals den Leib, die Maschine, in größeren Ehren halten als die Seele, welche dieselbe braucht. Er wird aber eben darum die Maschine durchaus nicht vernachlässigen, weil die Seele sie braucht, sondern er wird in der rechten Ordnung für die Gesundheit des Leibes, mit Rücksicht auf die Seele, deren Werkzeug er ist, Sorge tragen. Er wird sich deshalb nicht aller Speisen ohne Unterschied bedienen, sondern nur solcher, die erlaubt sind zu essen[868]; denn es giebt Speisen, die nicht erlaubt sind zu essen, weil sie den Leib beschweren und _den Geist der Seele, mit dem sie in engerem Bande steht, in gröbere Leidenschaften hinschleppen_.«
Unter diesem Geist der Seele verstehen die Neuplatoniker einen inneren, mit der vernünftigen Seele in engerem Zusammenhang als der äußere Zellenleib stehenden geistigen oder ätherischen Leib, welcher Glanzleib oder der geistige Wagen der Seele genannt wird. Nach neuplatonischer Ansicht verliert der Astralleib seinen Glanz und seine Leichtigkeit, wenn er zu salzige oder zu fette Speisen genießt; durch diesen Genuß wird der Glanzleib getrübt, und der Wagen, auf welchem die Seele zur Gottheit emporfahren soll, versagt seinen Dienst. -- Zum Verständnis der durch gesperrten Druck hervorgehobenen Stelle des Hierokles diene die Anmerkung, daß Pythagoras und Plato nach Diogenes Laërtius die Seele in zwei Teile teilten, in einen vernünftigen -- %logon% -- und einen unvernünftigen Teil -- %alogon% -- welch letzterer wieder in den zornigen -- %thymikon% -- und begierigen -- %epithymikon% -- zerfiel und sich also mit obigem »Geist der Seele« deckt.
Derartige Speisen wird also der Philosoph meiden und hinsichtlich der erlaubten Jahreszeit, Land, Alter und Gesundheit berücksichtigen, sowie auch bedenken, »ob er ein Anfänger im philosophischen Leben sei, oder schon die Höhe desselben erstiegen habe; er wird also durch Maßhalten allen Schaden vermeiden und alle Vorteile für die nach Vollkommenheit strebende Seele zu erringen suchen.« »Denn wenn sie (auf ihrem glänzenden Wagen) zur Vernunft hinauffährt, muß es um sie her von Leidenschaften ganz windstille sein, ihre untern Triebe müssen sich in der besten Ordnung und tiefsten Unterthänigkeit befinden, damit die höheren Seelenkräfte in ihren Betrachtungen ungestört bleiben.«
Die Verse 50-55 stellen den Jünger auf die Grenze zwischen der praktischen und theoretischen Tugend, zwischen den niedern Zustand eines Menschen und den höheren eines Gottes. Daß aber die theoretische Wahrheit zu diesem hohen Ziele führe, bezeugen die Verse ausdrücklich, mit welchen unser Dichter dieses Lehrgedicht beschließt:
»Scheidest du früh oder spät aus diesem sterblichen Leibe, Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben, Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!«
Diese Dinge führen auf den Weg zur göttlichen Tugend, sie »werden dich Gott ähnlich machen vermittelst der wissenschaftlichen Erkenntnis der Dinge, den die Erforschung der Ursachen der wirklichen Dinge führt, weil die ersten Ursachen in der Weisheit und Kraft des Schöpfergottes liegen, zum höchsten Gipfel der Gotteserkenntnis, welche die Ähnlichkeit mit Gott mit sich bringt.«
Der Verfasser verheißt den in praktischer und theoretischer Tugend Geübten nicht nur die Kenntnis aller von der Tetrade geschaffenen Wesen, sondern auch ihrer unterscheidenden und gemeinsamen Merkmale und sagt: »Eine wissenschaftliche Kenntnis aber von diesen Wesen gelingt denen, welche die praktische Tugend mit theoretischer Wahrheit ausschmücken und ihre menschliche Rechtschaffenheit zu göttlicher Tugend erhöhen; denn dadurch erlangt man Ähnlichkeit mit Gott, wenn man die Dinge kennt, wie sie ihr Dasein und ihren Rang von Gott selbst erhalten haben. Weil aber die körperliche Natur diese sichtbare Welt ausmacht und der Herrschaft der vernünftigen Wesen untergeordnet ist, so kündigt unser Lehrer in den folgenden Versen (61-64) an, daß man in der gehörigen Ordnung nun auch zu dem Gut der physiologischen Wissenschaft gelangen werde.«
Die höheren Regionen der Welt sind mit Gestirnen geziert und mit reinen Intelligenzen bevölkert, die Erde aber ist mit Leben und Empfindung besitzenden Tieren und Pflanzen besetzt. Zwischen jene Intelligenzen und diese bloßen Lebewesen ist der Mensch als Amphibium, als das letzte Wesen der obern und das erste Wesen der untern Klassen gesetzt. Bald pflegt er Umgang mit den Unsterblichen und tritt durch die Rückkehr zur Vernunft (%nous%) wieder in seinen ursprünglichen Stand ein; bald gesellt er sich zu den sterblichen Wesen, läßt die göttlichen Gesetze außer acht und sinkt von der ihm zukommenden Würde herab. Weil er der untersten Klasse der denkenden Wesen angehört, so besitzt er von Natur aus das Vermögen nicht, zu jeder Zeit und stets gleich vernünftig zu denken, und steht deshalb an Rang unter höheren Intelligenzen, denen er sich jedoch zu assimilieren vermag, obschon er »von Natur ist und bleibt ein niedrigeres Wesen als die unsterblichen Götter und Helden des Äthers«.
Gerade infolge seiner Doppelstellung aber vermag der Mensch die Stufenfolge der Klassen der denkenden Wesen zu erkennen und wahrzunehmen, daß die Natur überall sich selber gleich bleibt, daß dem so sei »nach ewigen Rechten, nach dem göttlichen Ideal, weil ihnen (allen Geschöpfen) Gott diese und keine andere Wirklichkeit gegeben hat, weil er alles, seien es körperliche oder unkörperliche Wesen, nach den Maßregeln seines Planes angeordnet hat«.
Aus der Kenntnis der körperlichen und unkörperlichen Schöpfung erwächst dem Weisen der Gewinn, daß er nichts Eitles hofft und daß ihm nichts verborgen bleibt.
Wer nun aber zur Erkenntnis der Doppelnatur des Menschen, die ihn hinauf und hinab zieht, gelangt ist, der versteht, »wie selbst erwähltes Übel die Menschen plage, daß sie aus eigenem Entschluß elend und mühselig sind«; denn sie lassen sich sowohl durch einen jähen Trieb in das körperliche Leben herabziehen, als auch im körperlichen Leben in Leidenschaften verstricken, die sie an die Erde binden, während sie sich doch zeitig von ihr loslösen könnten; sie nehmen das Gute nicht wahr und wollen sich auch nicht belehren lassen. Diejenigen aber, denen es ernst ist, Gutes zu lernen oder zu entdecken, die sich von dem Übel frei zu machen wissen, diese werden der Plagen des irdischen Lebens los und ledig und »wandern hinüber in den reinen Äther«.
Die Thoren gleichen Walzen, die bergab rollen und überall auf Hindernisse stoßen; sie geraten durch ihre erdwärts treibenden Handlungen in tausend Übel und wissen sich weder zu raten noch zu helfen, weil sie stets grundsatzlos handeln. Es giebt keinen Zufall des menschlichen Lebens, der dem Thoren nicht Anlaß zum Bösen werde, weil das Laster sein selbstgewähltes Teil ist, und er weder auf das göttliche Licht schauen, noch auch von den wahren Gütern hören will. Unsere Erlösung wird aber sicher erfolgen, wenn wir zur Selbsterkenntnis gelangen und einsehen lernen, daß ein göttliches Wesen in uns wohne. Diese Befreiung von allen Übeln ist jedoch denen möglich, welche sich mit der Betrachtung der wahren Güter befassen und von der Philosophie, »der heiligen Mutter«, in der Befolgung ihrer Pflichten unterweisen lassen.
Das vernünftige Geisteswesen ist -- nach neuplatonischer Anschauung -- ursprünglich mit einem (Astral-) Leib vereinigt geschaffen worden und zwar derart, daß es weder der Leib selbst, noch ohne Leib ist, sondern an sich zwar etwas Unkörperliches ist, daß er aber doch ein Körper mit seinem ganzen Wesen und zu seiner Beschaffenheit gehört. Höhere Intelligenzen und Menschen, beide sind Wesen, die aus einer vernünftigen Seele und einem anerschaffenen Lichtleibe bestehen.