Part 70
Wenn Porphyrius behauptete, die Götter würden durch den Gehorsam gegen die magische Einwirkung des Theurgen in einen leidenden Zustand versetzt, so macht ihm Jamblichus den Vorwurf, daß er dabei einen Unterschied zwischen dem Leidenden und dem Leidenlosen mache, welcher auf die höhern Wesen nicht passe. Die Lehre von der mystisch-theurgischen Vereinigung mit dem absolut Guten dehnt er so aus, daß daraus auch die »Henosis« mit allen höhern Wesen folgt, für deren Dasein kein Beweis erbracht zu werden brauche, weil wir dasselbe eben unmittelbar durch die Vereinigung erfahren.[839] Die Götter sind nicht nur im Himmel, sondern überall, teilen sich also auch dem Theurgen mit und belehren ihn über ihr Wesen und ihre Verehrung. Auf diese göttliche Mitteilung, welche Hermes den Priestern machte, werden alle Mysterien mit ihrer geheimen Bedeutung zurückgeführt.[840] Darauf beruht auch der heilige Enthusiasmus, in welchem der Mensch nicht mehr das tierische, nicht mehr das menschliche, sondern ein höheres Dasein lebt, wie Jamblichus an Beispielen zeigt, welche beweisen, daß er die Abänderung der organischen Gesetze sehr gut kennt, welche magisch-mediumistische Zustände im Gefolge haben. Er spricht[841] von den vom »göttlichen Hauch Berührten«, welche vom Feuer weder Brandwunden noch Schmerzempfindung erleiden; welche es nicht fühlen, wenn sie durch Schwerter, Beile, Lanzen und Messer verwundet werden; die ohne Schaden zu nehmen ins Feuer fallen oder -- wie der Priester bei den castabalischen Festen -- auf wunderbare Weise über Flüsse schwimmen. Im (folgenden) 5. Kapitel schildert Jamblichus noch einige fein beobachtete Merkmale der Ekstase: »Einige von den Begeisterten werden am ganzen Leibe bewegt, einige an gewissen Gliedern, andere hingegen bleiben völlig in Ruhe, zuweilen vernahmen sie eine wohlgeordnete Musik, einen Tanz oder harmonischen Gesang, zuweilen das Gegenteil; zuweilen scheint ihr Körper in die Höhe zu wachsen, zuweilen in die Breite, zuweilen scheint er in der Luft zu schweben. Zuweilen vernehmen sie eine wohlklingende Stimme und wiederum durch Zwischenräume oder Stillschweigen getrennte Töne und vieles andere.«[842]
Die Vereinigung mit dem Göttlichen beruht wesentlich darauf, daß die vom Körper abgetrennte Seele leidenfrei ist. Selbst wenn sie in den Körper hinabsteigt, leidet sie nicht, noch auch ihre Gedanken, welche Ideeen, d. h. geistige Wesenheiten sind. In ihnen sind wir mit den Göttern vereinigt. Die innige Vereinigung aber zwischen der menschlichen Seele und Gott vermag kein Gedanke auszudrücken. Der, welcher dieses göttliche Werk vollzieht, ist nicht verschieden von dem, auf welchen er es richtet, von der Gottheit, es ist kein Unterschied vorhanden von dem Rufenden und dem Gerufenen, dem Befehlenden und dem Ausführer der Befehle, zwischen dem Höheren und Geringeren.[843]
In dieser Weise spricht sich Jamblichus ganz übereinstimmend mit den indischen Mystikern aus. Es heben sich auf diese Art alle Zweifel des Porphyrius über die Macht, welche die Theurgen über die Götter ausüben würden. Die Götter werden nicht zu uns herabgerufen, sondern wir heben uns durch Askese, Gebet, Betrachtung und Anrufung zu ihnen empor. Die alles zusammenhaltende Liebe verbindet uns mit ihnen.[844]
»Wenn die Seele sich mit den Göttern zu vereinigen strebt, so erhält sie die Macht und Fähigkeit alles zu erkennen, was war und was sein wird, sie durchschaut alle Zeiten, betrachtet alles in ihnen Geschehende und ordnet es in gebührender Weise; sie empfängt die Macht zu heilen und zu verbessern. Kranke Körper heilt sie und richtet es zum Guten, wenn die Menschen Unordnungen und Fehler begehen. Sie erfindet Künste, spricht Recht und erfindet Gesetze. So werden im Tempel des Aeskulap durch göttliche Träume Heilmittel offenbart. -- Das ganze Heer Alexanders wäre zu Grunde gegangen, wenn nicht nächtlicherweile Dionysius erschienen wäre und Heilmittel gegen das schwere Übel gezeigt hätte.«[845]
Wie man sieht, kannte Jamblichus den Somnambulismus in seinem ganzen Umfang und legte besonders Wert auf dessen heilend wirkende Äußerungen, auf den »Traum als Arzt«, wie sie du Prel kurz und treffend bezeichnet.
Alle Mantik ist eine Gabe der Gottheit, und die menschliche Seele besitzt an sich keine intuitiven Fähigkeiten, sondern nur die Gabe, sich mit der Gottheit vereinigen zu können und dann in und mit ihr das Geschehende zu erschauen. Es giebt aber auch eine trügerische Pseudomantik, bei welcher die Idole trügerische Bilder in Spiegeln hervorrufen. Diese Idole sind Schattenbilder, welche auf wunderbare Weise (+fabrica prodigiosa+) durch den Lauf des Himmels und nicht durch die menschliche Seele, welche tierische Materie in sich aufgenommen hat, geschaffen werden. Jamblichus bestreitet hierin die obige Annahme des Porphyrius, die menschliche Seele sei göttlicher Natur und könne nur Wahres und Gutes schaffen; auch nähren sich die Idole nicht vom Dampf der Materie, sondern werden durch Räucherungen vertrieben.[846]
Jamblichus war der erste Neuplatoniker, bei welchem sich die sichere Spur von der Annahme eines Astralleibes findet. Er schreibt diesem auch die Vermittelung des divinatorischen Vermögens zu, indem er von der künstlich bewirkten Mantik spricht. Er sagt[847]: »Diese ganze so vielgestaltige Gattung der Mantik kann man -- wie irgendwo gethan -- mit dem Begriff Erleuchtung bezeichnen, denn sie erfüllt mit göttlichem Licht das ätherische und glänzende Vehikel (%augoeides ochêma%), welches die Seele umgiebt.« Hier finden wir auch zum erstenmale den Körper der Seele als eine Art Licht bezeichnet, ein Gedanke, welcher, wie wir bald sehen werden, von den späteren Neuplatonikern weiter ausgebildet wurde.
Die bis in den modernen Spiritismus hinein spukende Lehre der Truggeister wurde zuerst von Jamblichus (gest. 333), aufgenommen, welcher die Einmischung der Truggeister von theurgischen Kunstfehlern abhängig macht, indem er in seiner den Brief an Anebo beantwortenden Schrift +De mysteriis Aegyptiorum+ sagt[848]:
»Götter, Engel und gute Dämonen erscheinen nur unter angenommenen wahren Bildern; denn so wesentlich das Licht mit der Sonne vereinigt ist, so wesentlich ist mit ihnen Wahrheit, Güte und Vollkommenheit verbunden. Die bösen Dämonen bedienen sich aber öfter falscher Bilder, um in höherem Rang zu erscheinen und die Theurgen zu täuschen. -- Wenn etwas in der theurgischen Kunst versehen worden und anstatt der verlangten wahren Erscheinungen falsche zum Vorschein kommen, so nehmen in diesem Fall die untern und unvollkommenen Geister leicht die Gestalt der höhern an. So entstehen oft eine Menge großer und gefährlicher Irrtümer beim Citieren der Geister. Wer solchen falschen Erscheinungen traut, wird in Irrtümer und Täuschungen gestürzt und von der wahren Erkenntnis Gottes abgeführt. Denn warum erscheinen sie? Etwa um denen, die sie citieren, einen Vorteil zu gewähren? Nein, sondern um sie zu hintergehen und ihnen zu schaden, denn aus einer Lüge kann kein Nutzen erwartet werden. Die göttliche Natur, als die ewige Quelle des Seins und der Wahrheit, läßt in kein anderes Objekt ein täuschendes Bild von sich übergehen.«[849]
Im übrigen ist die Schrift des Jamblichus +De mysteriis Aegyptiorum+ nur eine Beantwortung der von Porphyrius in seinem Brief an Anebo aufgeworfenen Zweifelsfragen, worin die Theurgie nicht als Ausfluß philosophischer Spekulation, sondern als Erfahrungswissenschaft, welche die »drastische Vereinigung« mit Gott und der Geisterwelt hervorbringt und direktes Erkennen im Gefolge hat, dargestellt wird:
»Es giebt eine reale, innige, wirksame Vereinigung mit Gott und der gesamten ihm unterworfenen oder von ihm ausfließenden Geisterwelt der Untergottheiten, Dämonen, Engel, Heroen und Seelen, welche durch keine Vernunfterkenntnis erlangt werden kann, sondern allein durch gewisse geheimnisvolle theurgische Handlungen, Ceremonien und Worte, die eben deshalb, weil diese Wirkungen auf keiner Vernunfterkenntnis beruhen, Symbole und Synthemata (also magische Charaktere &c.) genannt werden, deren Kenntnis und Anwendung durch die Theurgie den Priestern allein als Vorrecht zukommt, ein göttliches Geschenk und Offenbarung ist und deshalb den Menschen weiter aufwärts führt als alle Erkenntnis durch Vernunft und Philosophie.«[850]
Die Götter bilden die höchste und die menschlichen Seelen die niedrigste Stufe in der Geisterhierarchie des Jamblichus; die Mittelstufe nehmen die Dämonen ein.
Die Dämonen sind von den Göttern abhängig und ihrer Natur nach viel geringer und unvollkommener; sie sind Diener der Götter und Vollstrecker ihres Willens. Sie haben einen weiten Wirkungskreis und stellen das Unsichtbare und Unaussprechliche der Götter in Worten und Werken dar, gestalten das Formlose in Formen und offenbaren in Begriffen das alle Begriffe Übersteigende. Sie empfangen alles Gute, dessen sie teilhaftig oder ihrer Natur nach fähig sind, von den Göttern und teilen es wieder den unter ihnen stehenden Geschlechtern der Dinge mit. Somit erfüllen die Dämonen samt den Heroen den Zwischenraum zwischen den Göttern und Menschen und verbinden sie miteinander.[851]
Die verschiedenen Geisterwelten offenbaren sich dem Menschen, welcher im Besitz der wahren Praxis der rechten Theurgie ist, und ihre Erscheinungen sind ihrem Rang nach verschieden.[852] -- Sie entsprechen dem Wesen, den Kräften und Wirkungen der verschiedenen Götter- und Geisterarten, wonach sich die Art und Weise richtet, wie sie durch Beschwörungen sichtbar werden, Wirkungen äußern und die ihnen angemessenen Gestalten, sowie die ihnen eigentümlichen Unterscheidungsmerkmale erblicken lassen.
Die Mitteilung dieser charakteristischen Kennzeichen der verschiedenen Geisterklassen ist nun das Prachtstück der theurgischen Weisheit des Jamblichus.
Die Erscheinungen der Götter sind in ihrer Art homogen, die der Dämonen mannigfaltig, die der Engel einartiger als die der Dämonen, jedoch unvollkommener als die der Götter. Die Erscheinungen der Erzengel kommen denen der Götter am nächsten. Die Erscheinungen der Fürsten der Elemente unter dem Mond sind zwar mannigfaltig, aber doch einer gewissen Bestimmtheit und Ordnung nicht entbehrend; die Erscheinungen der Fürsten der Materie jedoch sind mannigfaltiger als jene; die der Seelen sind die mannigfaltigsten.
Die Erscheinungen der Götter bestrahlen das Gesicht mit einem wohlthätigen Licht; die der Erzengel sind zugleich kraftvoll und mild, lieblich die der Engel, furchtbar die der Dämonen, milder die der Heroen. Die Erscheinungen der Fürsten der Elemente betäuben, die der Fürsten der Materie sind widrig und öfter den sie Schauenden gefährlich[853]; die Erscheinungen der Seelen sind denen der Heroen ähnlich, aber schwächer.
Die Götter zeigen in ihren Erscheinungen eine gewisse Stetigkeit und Ordnung, die Erzengel dabei noch eine gewisse Kraft, die Engel Anmut und Ruhe mit einiger Beweglichkeit vereinigt; die Dämonen zeigen stürmische Bewegung und Unordnung, die Weltfürsten (Fürsten der Elemente) eine in sich ruhende Stätigkeit, die Fürsten der Materie Tumult, die der Heroen Nachgiebigkeit gegen die Bewegung, während die der Seelen noch beweglicher sind.
Die Erscheinungen der Götter sind zuweilen so groß, daß sie Sonne und Mond verhüllen, und bei ihrem Herabsteigen ruht die Erde nicht mehr fest. Wenn die Erzengel erscheinen, so werden einige Teile der Welt bewegt, und ein Licht geht als Vorläufer vor ihnen her. Kleiner und beschränkter ist die die Engel begleitende Lichterscheinung, noch kleiner stufenweise die der Fürsten der Welt und der Materie, der Heroen, der Seelen.
Die Bilder der Weltfürsten sind unermeßlich groß, die der Fürsten der Materie prahlerisch und aufgeblasen; die Bilder der Seelen sind ungleich groß, jedoch kleiner als die der Heroen. Überhaupt richtet sich die Größe und Beschaffenheit der Erscheinungen stets nach der Größe der Kräfte oder Gewalten, welche sie repräsentieren. An den Erscheinungen der Götter zeigen sich die Bilder der Wahrheit deutlich, glänzend und bestimmt ausgeprägt. Die Bilder der Erzengel sind wahr und erhaben. Die Engel behalten zwar immer die bestimmte Gestalt, welcher jedoch vollständige Bestimmtheit mangelt. Die Bilder der Dämonen sind undeutlich und noch unbestimmter die der Heroen. Die Bilder der Weltfürsten sind deutlich, die der Fürsten der Materie dunkel und verworren, beide aber gebieterisch. Die Bilder der Seelen sind schattenartig.[854]
In den Göttererscheinungen liegt die Kraft, die Seele vollkommen zu reinigen. Die Erzengel erheben die Seelen, die Engel lösen sie von den Banden der Materie, die Dämonen ziehen sie in das Naturgetriebe herab, die Heroen verwickeln sie in Sorgen und zeitliche Dinge, die Weltfürsten verhelfen ihr zur Herrschaft über die weltlichen und die Elementarfürsten zu der über die materiellen Dinge.[855] Die erscheinenden Seelen streben zur Erzeugung und Fortbildung (also Reincarnation).
Die Götter besitzen die Kraft, die Materie auf einmal zu verzehren; die Erzengel, solche nach und nach aufzuzehren; die Engel, von derselben loszumachen und die Menschen davon abzuziehen; die Dämonen, sie täuschend auszuschmücken; die Heroen, ihr das rechte Maß anzupassen; die Weltfürsten zeigen sie in ihrer Erhabenheit; die Fürsten der Materie sind ganz mit Materie erfüllt. Die reinen Seelen kommen von aller Materie rein und die unreinen als von Materie erfüllt zur Anschauung.[856]
Die Gegenwart der Götter schenkt unserm Körper Gesundheit, der Seele Tugend, der Vernunft Reinheit, höhere Kräfte, göttliche Liebe, überschwängliche Freude; sie stellt das, was nicht Körper ist, den Augen der Seele durch die Augen des Körpers dar, als wäre es Körper. Die Erscheinungen der Erzengel gewähren dasselbe, jedoch nicht jedesmal und nicht Allen, ebenso nicht Allen in gleichem Grade. Weiter geben sie intellektuelle Betrachtung und ausdauernde Kraft. -- Die Erscheinung der Engel ist von beschränkter Wirkung, denn die Kraft, womit sie erscheinen, steht noch weiter von dem vollkommenen Licht ab, welches alle Kraft in sich erhält. Jedoch gewährt sie uns Weisheit, Forschungstrieb, Tugend, Ordnung und Ebenmaß. Die Erscheinung der Dämonen beschwert den Körper, plagt ihn mit Krankheiten, zieht die Seele in die Natur herab, reißt sie nicht vom Körper und der ihm anhängenden Sinnlichkeit los und befreit nicht von den Banden des Fatum. -- Die Erscheinung der Heroen erweckt zu einzelnen großen und edlen Thaten. Die Weltfürsten geben bei ihrem Erscheinen die Güter der Welt[857] und die glänzenden Auszeichnungen dieses Lebens; die Fürsten der Materie dagegen materielle und irdische Güter, Schätze, Geld usw.[858] -- Das Anschauen der reinen und in die Ordnung der Engel aufgenommenen Seelen ist für den Geist erhebend und heilsam, es erweckt die heilige Hoffnung und schenkt Alles, wonach diese strebt. Die Erscheinung der unreinen Seele dagegen zieht zum Vergänglichen herab, verdirbt die Kräfte der Hoffnung und erfüllt mit Leidenschaften, welche an den Körper fesseln.[859]
Das Gefolge der Geisterhierarchie richtet sich bei den Erscheinungen nach dem Rang und der Würde der erscheinenden Geister. Die Götter erscheinen in der Umgebung der Götter und Erzengel; die Erzengel in der Begleitung von Engeln, welche ihnen als Vorläufer, Diener und Trabanten beigegeben sind. Die guten Dämonen stellen uns die weltlichen Güter dar, mit denen sie uns begaben; die bösen und rächenden Dämonen jedoch die verschiedenen Arten der Übel und Strafen. Außerdem werden sie noch von einem Gewimmel wilder, grauenerregender, schädlicher und blutsaugender Tiere umgeben.[860]
Das Licht, welches die Götter bei ihren Erscheinungen umfließt, ist so fein, daß die Theurgen bei der Anschauung dieses göttlichen Feuers gewöhnlich in Ohnmacht fallen. Auch die Erzengel strahlen ein so feines Licht aus, daß es dem dasselbe Einatmenden beschwerlich fällt. Die Engel dagegen teilen der Luft keine beschwerlichen Eigenschaften mehr mit. Bei der Erscheinung der Dämonen wird die Luft nicht verändert, auch begleitet sie nur so viel Licht, als nötig ist, ihr Bild zur Darstellung zu bringen. Bei der Erscheinung der Heroen werden zuweilen einzelne Landstriche erschüttert, jedoch wird die Luft nicht dünner und für den Theurgen nicht atembar. Die Erscheinung der Weltfürsten umschwärmt auf eine dem Theurgen fast unerträgliche Weise ein Gewühl von weltlichen und irdischen Bildern, ohne daß jedoch die Luft eine merkliche Veränderung erlitte. Bei der Erscheinung der Seelen ist die sie umfließende sichtbare Luft mit ihnen verwandt und nimmt, indem sie sich an sie schmiegt, gleichsam ihre Umrisse an, weshalb sie denn auch luft- und schattenartig erscheinen.[861]
Dies ist der Kern des theurgisch-dämonologischen Systems von Jamblichus, in welchem alle späteren Systeme bis auf Allan Kardecs »+Echelle spirite+« vorhanden sind. Ist bei den älteren Theurgen das Streben nach der mystischen Henosis vorherrschend, so tritt bei Jamblichus der eigentliche Geisterverkehr lebhaft hervor, und auch der Verkehr mit den bösen Dämonen wird eingehend besprochen, welcher von jetzt an in aller späteren Theurgie der vorherrschende bleibt.
Der bedeutendste Neuplatoniker der spätern Zeit ist der von lykischen Eltern zu Byzanz 412 geborene _Proklus_, welcher zu Alexandria und später zu Athen durch den jüngern _Plutarch_ und _Syrianos_ eine gründliche Erziehung genoß. Sein Leben war ganz der neuplatonischen Lehre gewidmet, und nach dem Tode des Syrianos war er dessen Nachfolger und die Hauptstütze seiner Schule. Er zeichnete sich durch große schriftstellerische Thätigkeit auf dem Gebiete der heidnischen Theologie und durch strenge Askese aus. Er nahm bis zu seinem 485 erfolgten Tode monatlich mehrmals reinigende Bäder im Meer, fastete am letzten Tage der Monate und feierte die Zeit des Neumondes aufs prächtigste. Auch beobachtete Proklus genau die heiligen Tage der Ägypter, sang orphische und chaldäische Hymnen und diente den Göttern aller Völker, denn er pflegte zu sagen, der Philosoph solle nicht allein ein Verehrer der Götter seiner Stadt oder einiger Völker, sondern ein Priester der ganzen Welt sein.
Infolge seiner Frömmigkeit gelangte Proklus zur Anschauung allerdings nicht des Einen Höchsten, aber doch der Athene, des Apollo, des Asklepios, der Hekate und der platonischen Ideeen. Er hatte zahlreiche vorbedeutende, oft in Gedichten sich kundgebende Träume, in deren einem ihm offenbart wurde, daß er zur hermetischen Kette der Philosophen gehöre und in früherer Incarnation der Pythagoräer Nikomachos gewesen sei. Sein Gebet war heilkräftig und soll sowohl einen wohlthätigen Regen haben herbeiziehen, wie auch schädliche Erdbeben abwenden können.
Darum genoß auch Proklus bei seinen Anhängern hohe Verehrung. Ein hoher Staatsbeamter mit Namen _Rufinus_ wohnte einstmals einer Vorlesung des Philosophen bei und sah dessen Haupt von göttlichem Lichte umstrahlt. Sobald der Meister aufhörte zu reden, fiel Rufinus vor ihm wie vor einem Gotte nieder und beteuerte mit heiligem Eide sein gehabtes Gesicht.
Da jedoch die Gesetze der christlichen Kaiser gegen die Ausübung der heidnischen Religionen sehr streng waren, so war Proklus genötigt, seine Lehren in geheimer abendlicher Versammlung vorzutragen und mußte sogar einmal eine Zeit lang aus Athen flüchten. -- So berichtet sein Schüler _Marinos_ in der +Vita Procli+.
Von der Philosophie des Proklus können uns nur einige psychologische Spekulationen interessieren. Er denkt sich ähnlich den indischen Philosophen der Vedantalehre, die Seele mit feinern und gröbern Hüllen umgeben, welche göttliche, von der ersten unveränderlichen Ursache herrührende, unveränderliche Körper sind, die immer dieselbe Gestalt und Größe haben, obgleich sie durch Zusatz oder Ausscheidung von anderen Körpern veränderlich erscheinen. -- Er führt keinen Grund an, weshalb die Seele mit solchen Hüllen umgeben sei, und macht auch weiter keinen praktischen Gebrauch von dieser Annahme außer um gewisse sichtbare Erscheinungen der Seele (die Doppelgänger?) und die Notwendigkeit der Reincarnation zu erklären.
Proklus spricht nur an einigen Stellen seines Alcibiades von der Reincarnation auf eine beiläufige Weise; wahrscheinlich gehörte die Lehre von der Reincarnation zu den esoterisch vorgetragenen. Er sagt: »Wie würde die Seele fehlen und sündigen und sich wieder zum Göttlichen erheben können, wenn nicht sie und ihre Vernunft und die Freiheit ihres Willens an der Vermischung mit den Leiden teil hätten, wenn sie nicht im Zeitlichen wäre und die materiellen Kleider umnähme und wieder ablegte nach gewissen Perioden der Zeit.«[862] Je mehr sich die Seele von den äußeren Hüllen befreit hat, desto höher steigt sie.[863]
Beiläufig verdient noch erwähnt zu werden, daß Proklus die Dämonen in fünf Klassen teilte, welche der schon genannte Psellus noch um eine vermehrte; außerdem machte Proklus einen Geschlechtsunterschied bei den Dämonen, wobei sich wieder orientalischer Einfluß geltend macht.
Kurze Erwähnung müssen wir noch der »allsehenden« _Sosipatra_, der Gattin des sonst unbedeutenden Neuplatonikers _Eustathius_ schenken, welche in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts lebte.
Eustathius wählte _Sosipatra_ zu seiner Gattin, ward aber, wie Eunap sich ausdrückt, durch deren unbeschreibliche Weisheit so sehr in Schatten gestellt, daß er an ihrer Seite nicht als ein Denker und Philosoph, sondern als ein äußerst unbedeutender Mann erschien. Ihr Vaterland war Asien, die Gegend um Ephesus, welche den Fluß Kayfar bewässerte. Als kleines Kind schon veredelte sie gleichsam alles um sich her durch ihre ausnehmende Schönheit und Schamhaftigkeit, und ihr Vater, der sehr reich war, that alles, was er vermochte, ihr die beste Erziehung zu geben.[864]
»Da kamen«, heißt es nun am eben angeführten Orte wörtlich weiter, »in ihrem fünften Jahre zwei in Pelz gekleidete und große Taschen tragende Greise auf eines der Landgüter ihres Vaters, und überredeten den Verwalter desselben, ihnen die Besorgung des Weinbergs allein zu überlassen.« Der überaus reichliche Ertrag erweckte den Gedanken bei ihm, es müsse ein Wunder und eine Gottheit dabei im Spiele sein. Der Vater der Sosipatra ehrte die beiden Fremden durch eine treffliche Mahlzeit, und bezeigte seine Unzufriedenheit über die übrigen Arbeiter, daß sie nicht eben so viel Fleiß auf die ihnen obliegenden Zweige der Landwirtschaft gewendet hätten. Hierauf nahmen die Fremdlinge, welche durch die Gestalt und das liebenswürdige Benehmen der beim Mahle anwesenden _Sosipatra_ bezaubert waren, das Wort. »Die übrigen Geheimnisse und Schätze verborgener Weisheit«, sagten sie, »behalten wir für uns. Das alles, was du soeben von uns als eine empfangene Wohlthat, oder als Probe von unserer Geschicklichkeit so sehr rühmtest, ist nur eine Kleinigkeit und ein geringes Kinderspiel im Vergleich mit dem, was wir sonst noch vermögen. Willst du, daß wir dir für die Ehre, welche du uns erzeigest, und für die Geschenke, welche wir von dir empfangen haben, ein Gegengeschenk machen, nicht mit vergänglichen Gütern, sondern mit etwas Höherem, das über dich und dein Leben hinausgeht, und bis an den Himmel und die Sterne reichet, so übergieb uns, als den wahren Eltern und Erziehern, fünf Jahre lang diese Sosipatra. Du sollst und darfst dich aber diese ganze Zeit hindurch nicht um sie bekümmern, noch jenes Landgut auch nur mit einem Fuße betreten. Alsdann wird nach Verlauf dieser Zeit deine Tochter nicht allein ein hochgebildetes weibliches und menschliches Wesen sein, sondern du wirst unfehlbar in ihr auch noch etwas Anderes und Höheres ahnen. Hast du nun guten Mut und Vertrauen zu uns, so nimm unseren Vorschlag willig an, bist du aber mißtrauisch, so wollen wir -- _nichts gesagt haben_.«