Part 67
In einer folgenden Unterhaltung bezeichnet Jarchas als den Grundpfeiler aller Weisheit die Selbsterkenntnis des Pythagoras und bekennt sich zur Reincarnationstheorie dieser Philosophen und der Ägypter. Sich selbst soll Jarchas als den reincarnierten Achilles und einen seiner Gefährten für Palamedes gehalten haben. Bei einem Gastmahl, dem auch Damis beiwohnte, gab Jarchas eine interessante Zusammenfassung seiner Lebensanschauung und erwähnte dem Apollonius gegenüber u. a. den Akasa: »Den Äther, aus welchem die Götter geboren sein müssen, denn alles, was Luft atmet, ist sterblich, aber das Ätherische ist unsterblich und göttlich.« »So soll ich das All als Lebendiges betrachten?« frug Apollonius. »Allerdings«, sagte Jarchas, »wenigstens, wenn du gesunde Einsicht hast, denn alles Leben kommt von ihm.« -- »Sollen wir nun das All weiblicher oder männlicher Natur erachten?« »Beides«, erwiderte Jarchas, »denn indem es sich selbst befruchtet, ist es Vater und Mutter zugleich und liebt sich selbst heißer, als eines das andre jemals. Dies ist aber durchaus nicht widersinnig. Denn wie Hände und Füße zur Bewegung des Lebendigen mitwirken, und zu der Seele, die es bewegt, so glauben wir, daß auch alle Teile des Alls durch die Weltseele zu allem mitwirken, was einen Anfang nimmt und geboren wird. Denn auch die Leiden einer Dürre werden durch diese Weltseele bewirkt, wenn die sinkende Tugend der Menschen ehrlos handelt. Aber das lebendige All behandelt nicht mit _einer_ Hand, sondern mit vielen, unsagbar vielen, und -- unbeweglich durch seine Größe -- ist es doch leicht zu zügeln und zu lenken.«[768]
In folgendem Vorfall haben wir die erste, rein mediumistische Thatsache, welche uns in der Geschichte des Apollonius berichtet wird: Zu den Brahmanen kam eine Frau und bat dieselben, daß sie ihrem sechzehnjährigen Sohne helfen möchten, welcher seit zwei Jahren besessen sei. Der Dämon treibe den Knaben hinaus in die Einöde, wo derselbe seine Mutter nicht mehr erkenne, mit rauher Mannesstimme spreche und mit »fremden Augen« dareinschaue.[769] Alles bekannte charakteristische Erscheinungen.
Auf die Frage der Brahmanen, ob die Mutter versucht habe, den Knaben mitzubringen, entgegnete dieselbe, daß sie es nicht gewagt habe, weil der Dämon den Knaben diesfalls zu töten drohe. -- Auch hier haben wir einen Zug, welcher sich bei den Besessenen und Somnambulen aller Zeiten wiederholt. Jarchas giebt der Mutter einen Brief mit Drohungen an den Geist mit, durch welchen der Knabe von seiner Besessenheit befreit wird.
In den folgenden Zeilen haben wir unzweifelhaft einen der ältesten Fälle der Ausübung des Heilmesmerismus, welcher nur selten citiert wird: »Auch ein Lahmer kam, dreißig Jahre alt, ein eifriger Löwenjäger. Als ihn ein Löwe anfiel, hatte er sich einen Schenkel ausgerenkt, und das Bein war krank; aber durch Streichen mit der Hand wurde er wieder in den Stand gesetzt ordentlich zu gehen.«[770]
Dem Jarchas werden u. a. auch mancherlei Auslassungen über die Sehergabe in den Mund gelegt, sie habe für den Menschen viel Gutes, ihre größte Leistung aber sei die Heilkunde. »Die weisen Asklepiaden würden zu ihrer Kenntnis nie gelangt sein, wäre Asklepios nicht ein Sohn Apollos gewesen, nach dessen Offenbarungen er die in Krankheiten dienlichen Mittel bereitet (Heilinstinkt der Somnambulen), seine Kinder belehrt und seinen Genossen gezeigt hätte, was bei eiternden Wunden und was bei trockenen angewendet werden muß, durch welche trinkbare Arznei Wassersucht abgewendet, wie Blutfluß gestillt, Auszehrung und andere innere Leiden geheilt werden können. Auch die Heilungen durch Gifte, und deren bewußte Anwendung in Krankheitsfällen sind nur der Sehergabe zu danken. Ohne die Gabe des Voraussehens, meine ich, würden die Menschen nie gewagt haben, den heilsamen Mitteln die allergiftigsten beizumischen.«[771]
Nach viermonatlichem Aufenthalt verließ Apollonius die Brahmanen und begab sich längs des Indus an die Küste des erythräischen Meeres.
Er fuhr sodann über dieses und das persische Meer, sowie den Euphrat hinauf nach Babylon zu Bardanes, begab sich über Ninive nach Antiochien und Seleucia und segelte von dort nach Cypern und Jonien, »vielbewundert und hochgeehrt von denen, welche Weisheit zu schätzen wissen«.[772]
Über die nächstfolgenden Ereignisse im Leben des Apollonius ist wenig zu sagen, denn die bekannte Erzählung, laut welcher unser Seher »aus der Sprache der Sperlinge« ersehen haben soll, daß in einer Gasse zu Ephesus ein Sack Weizen aufgegangen war, läßt eine so einfache Erklärung zu, daß wir nicht nötig haben, zum Hellsehen behufs Aufstellung dieser Begebenheit zu greifen. Ist dieses nun wahrscheinlich ein ganz natürliches Ereignis, so ist offenbar der Bericht von der Vertreibung der Pest zu Ephesus, wo Apollonius den in Gestalt eines Bettlers erscheinenden Pestdämon steinigen ließ, worauf unter den Steinhaufen anstatt des Leichnams des Bettlers der eines Molosserhundes zum Vorschein kam, entweder nur ein Mythus oder die Entstellung irgend eines nicht mehr erkennbaren Vorfalls. Ebenso haben wir es wohl im Nachstehenden nur mit einem, vielleicht etwas übertriebenen Traumbild zu thun.
Apollonius hatte sich nach Pergamon begeben, wo er die Beter im Aeskulaptempel belehrte, was sie zu thun hätten, um günstige Träume zu erhalten, und wo er auf dem Grabhügel des Achilles nächtigte, um sich mit dessen Geist zu unterreden. Derselbe erschien ihm in überirdischer Schönheit achtunggebietend und von heiterem Angesicht, glänzend, in einer übermenschlichen Größe usw.[773] Wenn die Wesenheit des Achilles in Jarchas reincarniert gewesen sein soll, so könnte sie füglich dem Apollonius nur als eine rein subjektive Vision erscheinen.
In Athen traf Apollonius einen besessenen Jüngling, zu dem er sagte: »Nicht du frevelst hier, sondern der böse Geist, von dem du besessen bist, ohne daß du es weißt.« -- Als nun Apollonius ihn scharf und zornig anblickte, schrie der Dämon auf wie ein Gebrannter oder Gefolterter und schwur, den Jüngling loszulassen und nie wieder einen Menschen zu überfallen. Als aber Apollonius zu ihm sprach wie ein zorniger Herr zu einem schamlos bösen Knecht und ihm befahl, sichtbar auszufahren, da rief er aus: »Das Standbild will ich umwerfen!« und wies auf eine Statue bei der Königshalle. Wirklich geriet diese in Bewegung und stürzte um.[774] Welches Schrecken und welches Staunen! Wer mags beschreiben! Der Jüngling aber rieb sich die Augen wie ein Erwachender, sah nach der Sonne und war verlegen, weil aller Augen auf ihn sahen. Von da an aber erschien er nicht mehr so wild und maßlos wie vorher, sondern seine gesunde Natur kam wieder hervor, wie nach dem Gebrauch eines Heilmittels.[775]
Diese Erzählung gleicht so vollkommen den Mitteilungen aller Zeiten über vorgenommene Exorcismen, daß man kein Wort zu ihrer Erläuterung nötig hat. Nur zu dem Umwerfen der Statue wollen wir eine Parallele aus der Autobiographie des Bürgermeisters Barth. Sastrow zu Stralsund beibringen, welche Gustav Freitag im 5. Bande seiner »Bilder aus der deutschen Vergangenheit« mitteilt. Der Vorfall trug sich im Jahre 1529 zu und betrifft eine besessene Magd Sastrows: »Mit dem Exorcismo trieb er (der Teufel) sein lautes Gespött; denn als der Priester ihn beschwor, daß er ausfahren sollte, sagte er: ja er wolle weichen, er müsse ja wohl das Feld räumen, aber er forderte allerlei, was man ihm mitzunehmen erlauben sollte; wenn ihm das Geforderte abgeschlagen würde, stünde ihm das Bleiben frei. Es stand einer unter den Anwesenden, welcher den Hut aufbehielt, als diese beteten, da begehrte er von den Predigern, ihm zu erlauben, daß er den Hut vom Kopfe nehmen dürfte, den Hut wollte er mit sich nehmen und weichen. Ich trage Sorge, wäre es ihm von Gott gestattet worden, Haut und Haar hätten mit dem Hut gehen müssen. Zuletzt, als er wußte, daß seine Zeit, die Magd zu plagen, verflossen war, und vermerkte, daß unser Herrgott das demütige Gebet der gegenwärtigen Leute gnädiglich erhörte, forderte er gar spöttlich eine Tafel Glas aus dem Fenster über der Turmuhr, und als ihm eine Raute aus demselben erlaubt wurde, _hat sich dieselbe zusehends mit einem Klange abgelöst und ist davon geflogen_. Nach der Zeit hat man nichts Böses bei der Magd vermerkt. Sie hat auf dem Dorfe einen Mann bekommen und von ihm Kinder erhalten.«[776]
Auf Kreta gab Apollonius abermals eine Probe seines Fernsehens, denn als ein Erdbeben entstand, rief er den Leuten zu: »Fürchtet euch nicht, denn das Meer hat ein Land geboren.« Nach einigen Tagen kamen Leute aus Kydonia, welche berichteten, daß während des Erdbebens sich in der Meerenge zwischen Thera und Kreta eine neue Insel gebildet habe.[777]
Ein weiterer hierher gehöriger Fall ereignete sich in Rom, wohin sich Apollonius von Kreta aus begeben hatte. »Als es nämlich bei einer Sonnenfinsternis donnerte, was bei Finsternissen selten zu geschehen scheint, hatte er zum Himmel aufblickend gesagt: 'Etwas Großes wird geschehen.' Niemand verstand das Wort, aber drei Tage später verstanden es alle. Als nämlich Nero gerade bei Tische saß, fuhr ein Blitz auf die Tafel und schlug ihm den Becher aus der Hand, den er gerade zum Munde führte. Daß der Kaiser so mit dem Tode bedroht und doch nicht getroffen wurde, hatte Apollonius mit dem 'geschehen und nicht geschehen' gemeint.«[778]
Durch diese Prophezeiung hatte Apollonius den Verdacht des Tigellinus erweckt, welcher ihn einkerkern ließ. Als dieser Präfekt jedoch die Anklageschrift verlesen wollte, fand er zu seinem Erstaunen das von ihm selbst geschriebene Blatt leer. Nach Philostratus hat sich ein gleicher Fall in dem spätern Prozeß des Apollonius unter Domitian zugetragen.[779] Dieser mythisch erscheinende Zug findet Parallelen in zahlreichen Heiligenlegenden und Sagen.
Wir können hier Apollonius nicht auf allen seinen Kreuz- und Querzügen begleiten, sondern müssen uns darauf beschränken, die in das Gebiet des Übersinnlichen gehörenden Berichte aus seinem Leben mitzuteilen, soweit wir dazu Parallelen in der Kulturgeschichte oder in der gegenwärtigen Erfahrung nachweisen können. Deshalb wenden wir uns zu folgender Voraussage des Philosophen: Als Nero geflohen und Vindex tot war, fragten seine Gefährten: »Wem wird nun die Herrschaft zufallen?« »Vielen Thebanern«, antwortete Apollonius, denn er verglich Vitellius, Galba und Otho, welche die Macht nur kurze Zeit an sich rissen, mit jenen Thebanern, welche auch nur sehr kurze Zeit an der Spitze Griechenlands gestanden hatten.[780] Apollonius sagte dann zu seinen Freunden: »Sehet Roms drei Herrscher, die ich neulich Thebaner nannte! Keiner wird Alleinherrscher werden, sondern in und um Rom werden sie herrschen und umkommen und schneller ihre Rollen wechseln als die Tyrannen auf der Bühne.« -- Das Wort erfüllte sich bald: Galba kam in Rom um, kaum zur Herrschaft gelangt, Vitellius starb nach einem Herrschaftstraume; Otho starb im westlichen Gallien, und nicht einmal ein glänzendes Begräbnis ward ihm zu teil, denn er liegt bestattet wie ein gewöhnlicher Mensch; so wandte sich das Geschick dieser drei innerhalb eines einzigen Jahres.[781]
Apollonius begab sich über Ägypten, wo er durch seine Sehergabe einen wegen Straßenraubes unschuldig Verurteilten befreite[782], nach Äthiopien, um die Weisheit der dortigen Gymnosophisten kennen zu lernen, von welchen er jedoch sehr enttäuscht wurde. In dem ganzen Abschnitte ist nur die Rede des Apollonius an seinen Schüler Thespesion merkwürdig, in welcher er die geistige Entwickelung an der Hand der Askese lehrt[783], und in deren Verlauf er seinem Schüler bezüglich der Wundersucht seiner Zeit das auch heute noch geltende Mahnwort zuruft: »_Mit dem Glauben an Unglaubliches entsagt man der Vernunft!_«[784]
Beiläufige Erwähnung verdient noch die Erzählung von dem durch Apollonius gebannten Satyrgespenst, welches in einem Dorf an den oberen Nilkatarakten die Frauen unsichtbarerweise mit seiner Liebe verfolgte und dann tötete. Apollonius befahl, um das Gespenst zu bannen, einen Trog mit Wein zu füllen, den der Satyr trinken und sich darauf entfernen würde. Als der Satyr zur Stelle beschworen worden war, »blieb er zwar unsichtbar, aber der Wein verschwand, als ob er getrunken würde«.[785] Dieser Bericht ist offenbar wieder fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, erinnert aber auffallend an den slavischen Vampyrglauben und die sogenannten Incubusvorgänge, sowie besonders an die von Horst im ersten Band seiner »Zauberbibliothek« mitgeteilte Geschichte des Arnod Paole. Das eigentümliche Verschwinden von Flüssigkeiten kommt auch im modernen Mediumismus vor.
Von Ägypten nach Griechenland zurückgekehrt, sagte er dem Titus voraus, daß ihm »der Tod aus dem Meere kommen werde«, wie dem Odysseus, was seine Schüler so deuteten, als ob der Kaiser wie Odysseus durch den Stachel eines Rochens tödlich verletzt werde.[786] Angeblich aber wurde Titus durch Domitian mit einem Seehasen vergiftet.
In Smyrna hatte Apollonius geweissagt, daß Nerva der Nachfolger Domitians sein werde, was durch einen Schüler des Philosophen, Euphrates, nach Rom verraten worden war, worauf der Kaiser die Verhaftung und Transportation des Apollonius nach Rom befahl. Der Weise aber sah dies »auf übersinnliche Weise wie gewöhnlich voraus«, ging unter Segel und fuhr nach Rom.[787]
Von dem Aufenthalt des Apollonius in Rom und seinen Schicksalen im Gefängnis und vor Gericht ist hier nur zu erwähnen, daß Philostratus beiläufig erzählt, Apollonius habe sich einmal im Gefängnisse seiner Fesseln auf übersinnliche Weise[788] entledigt. Dies gehört bekanntlich zu den am häufigsten vorkommenden mediumistischen Erscheinungen.
Der Prozeß endigte damit, daß Apollonius vom Kaiser freigesprochen und aufgefordert wurde, an seinem Hofe zu bleiben. Der Philosoph aber bat um seine Unabhängigkeit, forderte vom Kaiser eine bessere Führung der Regierung und »verschwand aus dem Gerichtssaal«.[789] -- Als gegen Abend desselben Tages seine Schüler im Nymphäum zu Dikäarchia um ihren Lehrer wehklagten und verzweifelten, ihn wiederzusehen, erschien er plötzlich unter ihnen und überzeugte sie, die ihn für einen Geist hielten, von seiner leiblichen Existenz.[790]
Man hat in dieser gewiß sehr ausgeschmückten Begebenheit eine Parallele zum Wiedererscheinen Christi unter den Jüngern sehen wollen, aber offenbar -- weil ja Apollonius nicht gestorben war -- mit Unrecht. Eher dürfte sie eine Parallele zur Befreiung des Petrus und der andern Apostel aus dem Gefängnis sein, wie sie die Apostelgeschichte mehrfach erzählt.[791] -- Mythisch ist ebenfalls der Zug, daß Apollonius sieben Tage in der Höhle des Trophonius geweilt und als Kern aller Weisheit ein die Lehren des Pythagoras enthaltendes Buch herausgebracht habe.[792] Auf geschichtlicher Grundlage beruht aber wahrscheinlich die Aufgabe, daß Apollonius zu Ephesus die Ermordung des Domitian in dem Augenblick verkündete, als sie zu Rom vor sich ging. Diese Voraussage erregte Zweifel der Ungewißheit, aber bald belehrten Eilboten die Epheser über die Wahrheit des Gesichtes.[793]
Mit dieser Erzählung schließt Philostratus die Biographie des Philosophen. Über dessen Tod teilt er keine näheren Umstände mit. Apollonius wird einerseits als Gott und Wundermann überschätzt, andererseits als Betrüger oder Narr unterschätzt. Wir aber sehen in ihm nur einen nach pythagoräischer Weise lebenden Philosophen. Er entwickelte offenbar in sich die in jedem Menschen vorhandenen übersinnlichen Kräfte und Fähigkeiten.
Dritte Abteilung.
Die Neuplatoniker.
Erstes Kapitel.
Plotinos.
Schon die Schüler des Sokrates sprachen gern von einem schöneren Leben in der Vergangenheit fremder Völker und sahen in demselben ihr Ideal, welches sie mit der jünglingsfrischen Kraft des Hellenentums in die Wirklichkeit zu übertragen suchten. Als nun die Griechen unter Alexander einen großen Teil Asiens unterjocht hatten und mit der wunderbaren Kultur des Orients bekannt geworden waren, da begann die Philosophie Indiens allmählich Einfluß auf die Lehren des Abendlandes zu gewinnen, und die bildungsstolzen Griechen sahen mit Staunen, daß ihre hochgerühmte Kultur nur der schwache Abglanz einer früheren viel höher entwickelten war, an welche alte halbverklungene Sagen noch erinnerten. Diesen konnte aber auch vor allem Plato eine innere Wahrheit nicht absprechen.
So entstand und verbreitete sich die hohe Meinung von dem heiligen Leben und der tiefen Weisheit der Inder; auch dachte man sich diese mit den phönicischen, ägyptischen und jüdischen Priestern in einem gewissen Zusammenhang stehend, der vielleicht durch eine besondere Geheimlehre vermittelt würde. Jener äußere Anstoß, welcher durch die Feldzüge Alexanders gegeben wurde, hat wohl am meisten zum Kulturaustausch des Orients und Occidents mitgewirkt, wobei wir freilich nicht übersehen dürfen, daß auch die Mysterien und sonstige von Osten herüberkommende Geheimkulte als wichtige Faktoren zur Vermittelung des religiösen und philosophischen Lebens beider Weltteile beitrugen; jedoch weiß man noch immer zu wenig über die Geheimnisse, als daß man ihren Einfluß auf das geistige Streben jener Zeiten mit Sicherheit bestimmen könnte.
Endlich aber wirkt noch ein drittes sehr zu beachtendes Moment mit an dieser so merkwürdigen Verschmelzung entgegengesetzter Anschauungen, nämlich der Zerfall der religiösen Vorstellungen und wissenschaftlichen Begriffe, die Trennung der Philosophie und der Religion bei den Griechen. Die griechische Religion hatte durch ihre dem Künstlerischen sich zuneigende Ausbildung das Bedeutsame ihrer alten Formen verloren, und eine willkürliche Deutung der alten Bilder konnte ihren wirklichen Sinn nicht ersetzen. Es war also das Bedürfnis nach religiösen Neuerungen, welche dem Herzen wie dem Verstande genügten, das Bedürfnis nach einer Versöhnung der Wissenschaft mit der Religion gegeben, und in der Erkenntnis der tiefen orientalischen Weisheit glaubte man die Befriedigung desselben finden zu können. Daher rührt es denn auch, daß je länger, desto häufiger Griechen von gelehrter Bildung Zugang zu den öffentlichen und geheimen Kulten der Orientalen suchten und fanden, wobei sie die alt-orientalischen Lehren mit den eigenen Überlieferungen verglichen, sie vertieften und zu verschmelzen suchten. Es war die Zeit der Ausbildung der Kabbala und des Keimes der grundlegenden Anschauungen der späteren neupythagoräischen, gnostischen und neuplatonischen Schulen. Kleinasien und Alexandria waren der Hauptschauplatz dieses Ringens und endlichen Verschmelzens der entgegengesetzten Weltanschauungen.
Solange jedoch das Römerreich noch innerlich gesund war und das Griechentum sich einer verhältnismäßigen Blüte erfreute, kamen diese eklektischen Systeme zu keiner größeren Bedeutung. Erst als der Kaiserzeit die Kultur der alten Welt verfaulte und einem übertünchten Grabe glich, als eine Stütze der alten Gesellschaft nach der andern brach und alle Welt Rettung aus dem Chaos suchte, erst dann gelangten die genannten in den innersten Bedürfnissen der Menschennatur wurzelnden philosophischen Richtungen durch die gleichen Umstände zur Geltung, welche auch dem Christentum seine welthistorische Stellung erobern halfen.
Unter den bedeutendern Schriftstellern älterer Zeit, die dem Neoplatonismus die Bahn brachen und bei welchen die diesem angehörige und eigentümliche Geistesrichtung offen zu Tage trat, sind in erster Linie _Plutarch_ (ca. 50-120 n. Chr.) und der zur Zeit der Antonine lebende _L. Apulejus_ zu nennen. Von diesem Zeitalter an gelangte die mystische eklektische Philosophie zu immer größerer Bedeutung und verkündete sich besonders in der Sehnsucht nach einer mystischen Vereinigung mit dem Göttlichen, die teils durch Askese, teils durch Theurgie gewonnen werden sollte und gegen welche das äußere Leben als ein leeres Schattenbild zurücktrat.
Die Aufgabe der mystisch-eklektischen Philosophie war die Erschließung jener dunkeln Gebiete, an deren Grenzen die Logik der Schulen eben noch heranreicht, welche uns aber verläßt, sobald wir die Schwelle des Avernus überschritten haben. Über diese Gebiete fand man bei den Philosophen teils nur Andeutungen in Bildern oder Mythen, teils auch bestimmte geäußerte Meinungen, welche, wie jene Andeutungen nicht verkennen ließen, nicht in ihrem buchstäblichen Sinne aufgefaßt sein wollten. Je mehr man nun bei der Betrachtung der »letzten Dinge« -- um hier vergleichungsweise diesen christlich-dogmatischen Ausdruck zu gebrauchen -- sich genötigt sah, die Aussprüche der Philosophen allegorisch aufzufassen, um so mehr kam man zu der Überzeugung, daß im Grunde alle oder doch die tiefsten Philosophen miteinander einig seien und nur denselben Sinn in verschiedenen Formeln ausgedrückt hätten. Und in der That finden wir bei den alten Philosophen an den äußersten Grenzen der Forschung mehr Einigkeit als bei Untersuchungen, welche sich der Mannigfaltigkeit weltlicher Erscheinungen zuwenden. In dem Drang, das Geheimnis des Absoluten und seines Verhältnisses zum Relativen, des Göttlichen zum Weltlichen anschaulich zu machen, näherte sich der griechische Philosoph den Quellen orientalischer Mystik, und der orientalische Priester bediente sich zur Verbreitung seines transscendentalen Wissens der Waffen, welche griechische Rhetorik und Dialektik geschliffen hatten. Es bildete sich eine rhetorische Lehre aus, welche den Kern der älteren Systeme eklektisch umfaßte und ihre Weisheit zum Teil unter symbolischer Hülle offenbarte.
Da ferner nun das Abendland und der Orient ganz verschiedene Forschungsmethoden befolgen, indem nämlich der europäische Philosoph und besonders der auf alle Künste der Dialektik eingehetzte Altgrieche an der Hand des logischen Beweises Schritt vor Schritt vorwärts geht und das als nicht existierend betrachtet, was nicht logisch bewiesen werden kann, indem er vom Besondern auf das Allgemeine schließt, sucht der Mystiker des Orients durch Autopsie zur Vereinigung mit dem Allgemeinen und zur Erkenntnis und Beherrschung des Besondern zu gelangen; durch das Anschauen des Absoluten ist der Mystiker individuell überzeugt, und der logische Beweis wird für ihn überflüssig. Der Weg und das Mittel zur Autopsie ist die Askese, die möglichste Vermeidung aller Verunreinigung durch die Materie. Die möglichste Steigerung in der Enthaltsamkeit vor sinnlichen Genüssen, die gänzliche Abtötung der sinnlichen Triebe, die Kasteiung des Fleisches wird zum Mittel, durch Anschauung des Heils wie des Wissens teilhaftig zu werden, denn jemehr der Mensch dem Sinnlichen erstirbt, desto mehr lebt er im Geistigen. Damit ist zugleich die innere Notwendigkeit der für den Neoplatonismus so charakteristischen Verachtung aller Außendinge, welche wir -- allerdings aus ganz anderen Gründen -- auch bei den Cynikern und Stoikern finden, gegeben, die in ihrer extremen Auffassung die neoplatonische Lehre nicht lebensfähig werden ließ.
Es erhellt, daß bei dem vorwiegend mystisch-kontemplativen Charakter der neuplatonischen Philosophie die Fähigkeiten und Kräfte des transscendentalen Bewußtseins in hohem Grade ausgebildet und die auf diese Ausbildung hinzielenden Mittel sowie die davon abhängigen Beobachtungen sehr zahlreich werden mußten. Auf diese bisher meist als Aberglaube und Schwärmerei verlachten Dinge, welche durch die Thatsachen des Occultismus und Mediumismus erklärt werden, wollen wir hier besonders die Aufmerksamkeit unserer Leser richten, indem wir kurz das schildern, was vom Leben der wichtigsten Neuplatoniker bekannt ist, und dabei ihre Lehre berücksichtigen, soweit sie unserem hier verfolgten Zwecke dient.