Der Occultismus des Altertums

Part 60

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d. h. ein Vogel (weissagender Vogel) ist der beste, zu kämpfen für den vaterländischen Boden! Voß, dessen Übersetzung ich citiere, hat eben von der schon im Griechischen üblichen Verallgemeinerung der Wortbedeutung Gebrauch gemacht.

Bei den Römern scheint dieser starke Geist Hektors anfänglich nicht geherrscht zu haben und erst allmählich und zwar, wie wir bereits im vierten Kapitel zu Anfang hervorhoben, auf Umwegen zur Geltung gebracht zu sein. Der römische Staat hatte im Priesterkollegium der _Auguren_ öffentliche Diener angestellt, die bei jeder wichtigen Staatsangelegenheit, als »Ausleger und Verkündiger des höchsten Jupiters« alle Arten von Himmelszeichen, insbesondere aber den Flug der Vögel zu beobachten hatten. Auf den ersten Blick muß die Macht dieser Priester sehr groß erscheinen, da weder in inneren noch in äußeren Angelegenheiten irgend etwas ohne die Bestätigung ihrer Zeichen vollführt werden durfte, und sie jedem Beginnen die Weihe gaben, weshalb der Ausdruck unter den _Auspicien_ jemandes fungieren, der ja noch heutzutage nicht ungewöhnlich ist, geradezu gleichbedeutend wurde mit »in jemandes Diensten stehen«. Cicero (+de leg. II, 8 und 12+) sagt von ihnen: »Es müssen zwei Arten von Priestern vorhanden sein, die eine für den Gottesdienst, die andere zur Auslegung der vom Staat anerkannten Weissagungen. Aber die Ausleger des höchsten und besten Jupiters, die öffentlichen _Auguren_, sollen in Zeichen und Vorbedeutungen das Zukünftige sehen, die Disziplin festhalten, Priester, Felder und Wälder und das Heil des Volkes weihen, allen Volksvertretern im Krieg und Frieden die beobachteten Zeichen ankündigen, und diese ihnen gehorchen, vorhersehen, was die Götter erzürnt, und demselben begegnen, des Himmels Blitze nach abgemessenen Räumen bestimmen, Stadt und Land in Tempel ausgeschieden und geweiht haben, und was ein Augur für unrecht, sündhaft, fehlerhaft und greuelhaft bezeichnet hat, das soll ungültig und nichtig sein, und wer dawider handelt des Todes schuldig.« -- »Groß und herrlich ist im Staate das Recht der Auguren, wo es mit Ansehen und Einfluß begabt ist. Denn was ist höher, als Versammlungen, die von den höchsten Gewalten im Heere und den höchsten Mächten im Staate angeordnet sind, während ihrer Dauer auflösen oder nach ihrer Schließung verwerfen? Was ist würdevoller als die Vereitlung eines Unternehmens durch das Wort eines einzigen Augurs 'Ein ander Mal!' Was ist erhabener als die Macht zu bestimmen, daß Konsuln ihr Amt niederlegen? Was ist heiliger als das Recht, die Erlaubnis zu Verhandlungen mit dem Volke geben und nehmen, und ein nicht nach Gebühr beantragtes Gesetz ungültig machen zu können?«

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Der Glaube der _alten_ Römer an die Unfehlbarkeit der Auspicien war so unerschütterlich, daß sie, wenn ein Unternehmen trotz guter Zeichen nicht glücklich von Statten ging, lieber eine fehlerhafte Beobachtung voraussetzten. Oft mußten daher die Feldherrn, wenn ihnen ein Unfall begegnet war, um neue Zeichen einzuholen (+nova auspicia captare+), nach Rom zurückkehren.

Die Kunst der Auguren galt als Geheimwissenschaft.

Über ihr Verfahren ist uns folgendes bekannt: Man unterschied städtische und ländliche Auspicien. Die ersteren wurden innerhalb des +pomoeriums+ vorgenommen, d. h. innerhalb des Umkreises, den Romulus und Remus in der uralten Form der Städtegründung mittelst eines Pfluges gezogen hatten. Die städtischen Auspicien wurden in der Regel auf einem bestimmten Platze des Kapitols, der ein für allemal diesem Zwecke geweiht war, dem sog. +auguraculum+, vorgenommen. -- Nur Feldherrn durften außerhalb des Stadtkreises sog. ländliche Auspicien anstellen lassen. Auch dann mußte der Augur erst einen bestimmten Platz einweihen, den man +templum+ nannte. Innerhalb dieses Raumes schied er wieder einen kleineren zur Aufschlagung seines Zeltes aus. Auf letzteren bezieht sich die Äußerung des Servius: »Andere verstehen unter +templum+ nicht bloß einen verschließbaren, sondern auch einen mit Pfählen oder Spießen und dergleichen abgesteckten und mit Fellen oder etwas Ähnlichem verhängten Raum, der durch Spruchformeln geweiht ist (+ecfatus+). Mehr als _einen_ Ausgang darf derselbe nicht haben, weil dort der Auspicierende sich lagern muß.« Man wählte dafür am liebsten hohe, selten von Menschen besuchte Berggipfel, die man wegen der weiten Aussicht +tesca+ (von +tueri+) nannte.

Sodann wurde der ganze von hieraus sichtbare Himmelsraum mittels des _Krummstabes_ (+lituus+)[633], dem Vorbilde des noch jetzt von den katholischen Bischöfen geführten Bischofsstabes, in zwei Teile gedanklich zerlegt. Den Krummstab in der Hand, das Haupt verhüllt, wendete der Augur zuerst sein Gesicht nach Osten und grenzte unter Gebeten die Gegend von Westen nach Osten ab, indem er von sich aus zu einem am Horizonte hervorragenden Punkte eine Linie gezogen dachte. Was nördlich dieser Linie lag, nannte er die linke, was südlich, die rechte Seite. In den meisten Fällen galten die Vögel, die von rechts kamen, für günstige (+dextra auspicia prospera+). Doch kam es auch auf die Gattung an; z. B. gewährte die Krähe, wenn sie von links kam, der Rabe, wenn er von rechts kam, Zustimmung. Der beste Vogel war der Vogel Jupiters, der Adler, wenn er von rechts kam.

Übrigens beobachtete man nicht nur den _Flug_ der Vögel, sondern auch das Fressen der eigens zum Zwecke der Auspicien gehaltenen _heiligen Hühner_. Von letzteren bemerkt daher mit feiner Ironie Plinius (+H. N. X. 21+): »Sie sind es, welche unsere Beamten alltäglich regieren, und ihnen ihre Behausungen verschließen oder aufriegeln, die die römischen Fasces antreiben oder zurückhalten, Schlachten gebieten oder verhindern, die Einleiter aller errungenen Siege auf dem ganzen Erdkreise: sie zumal sind es, die den Gebietern dieser Welt gebieten.« -- Wir haben freilich schon angedeutet, wie diese Bedeutung des Vogelflugs und der heiligen Hühner wenigstens in der historischen Zeit nur eine sehr scheinbare gewesen ist. Wenn auch das Beispiel jenes Claudiers, der, als ihm vor Beginn einer Schlacht gemeldet wurde, die heiligen Hühner wollten nicht fressen, diese mit der Bemerkung, nun so mögen sie saufen, ins Meer werfen ließ, keine Billigung fand, so pflegte man doch kein Auspicium mehr als dieses in seiner Hand zu haben. Dasselbe war günstig, wenn die Hühner recht hurtig aus dem Käfig sprangen, sich munter geberdeten und so gierig über das Fressen herfielen, daß ihnen ganze Brocken des vorgesetzten zähen Breies (+puls+) aus den Schnäbeln fielen.

Cicero, _der selber Augur war_, schreibt über die Auspicien in seinem Buche über die Weissagung (+de divinatione II, 33+): »Doch sehen wir zuerst die Auspicien. Ein schwer zu bekämpfender Punkt für einen Augur. Für einen Marsischen vielleicht; aber für einen Römischen äußerst leicht. Denn wir sind nicht Auguren der Art, daß wir aus der Beobachtung der Vögel und sonstigen Zeichen die Zukunft verkündigten. Wiewohl ich dennoch glaube, Romulus, der die Stadt mit Auspicien erbaute, habe die Meinung gehabt, daß es für das Vorhersehen der Dinge eine Augurenwissenschaft gebe, -- denn das Altertum hat in vielen Punkten geirrt, -- die wir jetzt teils durch Gebrauch, teils durch die Lehre, teils durch die Zeit verändert sehen. Es wird aber wegen des Volksglaubens und zum großen Vorteil des Staats Brauch, Religion, Wissenschaft, Recht der Auguren und die Würde des Kollegiums beibehalten. Allerdings sind die Konsuln P. Claudius und L. Junius höchst strafwürdig, indem sie gegen die Auspicien ausschifften. Sie hätten der Regierung gehorchen sollen und die väterliche Sitte nicht so hartnäckig verschmähen. Mit Recht hat also den einen das Weltgericht verurteilt, und der andere sich selbst entleibt. Flaminius gehorchte den Auspicien nicht; er ging daher mit dem Heer zu Grunde. Aber ein Jahr später gehorchte Paulus: ist er darum weniger im Treffen bei Cannae samt dem Heere gefallen? Und, gebe es Auspicien, wie es keine giebt: so sind wenigstens die, deren wir uns bedienen, Tripudium oder Wetterzeichen, Schatten von Auspicien, Auspicien auf keine Weise.

'O, Fabius, ich begehre, daß du mir auspicieren helfest.' Er antwortet: 'Ich hab's gehört.' Hierzu wurde bei unsern Vätern ein Sachverständiger genommen, jetzt ein jeder. Notwendig muß aber der ein Sachverständiger sein, der wissen will, was +Silentium+ ist. Denn +Silentium+ nennen wir bei den Auspicien dasjenige, was frei von allem Mangel ist. Dieß zu verstehen ist Eigenschaft eines vollkommenen Augurs. Wenn aber der Auspicierende dem, der zum Auspicium genommen wird, also geboten hat: 'Sage, ob dir +Silentium+ vorhanden zu sein scheint?' so sieht dieser weder rechts noch links, und antwortet sogleich: Es scheine +Silentium+ vorhanden zu sein. Darauf spricht jener: 'Sage, ob die Vögel fressen?' 'Sie fressen?' Welche Vögel? oder wo? Es hat, heißt es, in einem Käfig Hühner gebracht der Mann, der davon der Hühnermann (+pullarius+) heißt. Diese Vögel sind also die Boten Jupiters. Ob sie fressen oder nicht? was kommt darauf an? Für die Auspicien nichts. Weil aber, wenn sie fressen, es notwendig ist, daß ihnen etwas aus dem Maul fällt und auf die Erde schlägt, +terram pavire+, so hat man dies zuerst +Terripavium+, hierauf +Terripudium+ genannt, und das heißt jetzo +Tripudium+. Wenn also der Brocken dem Huhn aus dem Maul fällt, so verkündigen sie dem Auspicierenden das +Tripudium faustissimum+.«

»Kann nun ein solches Auspicium etwas göttliches haben, das so erzwungen und abgepreßt ist? Daß die ältesten Auguren sich dessen nicht bedient, dafür ist Beweis ein alter Spruch des Kollegiums, den wir haben, daß jeder Vogel ein Tripudium machen könne. Dann wäre es also wohl ein Auspicium, wenn es ihm frei stünde, sich anzuzeichen: dann könnte jener Vogel Dolmetscher und Trabant Jupiters scheinen. Jetzt aber, wenn er in einen Käfig eingeschlossen und vor Hunger ohnmächtig, auf die Mußbrocken stürzt, und wenn ihm etwas aus dem Schnabel fällt, hältst du das für ein Auspicium, oder glaubst du, daß Romulus auf diese Art zu auspicieren gepflegt habe? Glaubst du nicht, daß diejenigen, welche auspicierten, auch die Wetterzeichen zu beobachten pflegten? Nun befehlen sie dem Hühnermann. Der sagt ihnen Antwort.«

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Eine andere in Rom minder geachtete, nichtsdestoweniger aber eben so oft in Funktion tretende Gattung von offiziellen Weissagern waren die _Opferschauer_ oder +haruspices+.

Es scheint, daß das +haruspicium+ nach Rom von den Etruskern eingeführt worden ist, wenngleich daneben dieselbe Praxis der Eingeweideschau beim Opfern auch bei vielen asiatischen Völkern und bei den Griechen bestanden hat. Jedenfalls beweist der Umstand, daß die Haruspices gedungene Ausländer waren, daß es sich um eine nicht ursprünglich nationale Übung handelte. Die Römer wollten eben nichts entbehren, was in Fällen der Not von Bedeutung sein konnte. Übrigens soll schon der ältere Cato, ein Mann von sonst streng religiöser Gesinnung geäußert haben, er wundere sich, wie ein Haruspex den andern ohne Lachen ansehen könne. Erwähnung verdient auch ein von Cicero überliefertes Wort Hannibals; als der König Prusias, bei dem Hannibal in der Verbannung lebte, sich weigerte, ein nach Hannibals Rat günstiges Terrain zu einem Treffen zu benutzen, weil »die Eingeweide es verböten«, sagte er: »Willst du einem Stückchen Kalbfleisch lieber als einem ergrauten Feldherrn glauben?« -- Ungeachtet aller Aufklärung und alles Gespöttes hielt sich der Brauch gleichwohl noch lange im römischen Heere; Cäsar zwar gab wenig darauf und setzte, obwohl von dem vornehmsten Haruspex gewarnt, im Bürgerkriege gegen Pompejus nach Afrika über. Während desselben stand bekanntlich Cicero auf des Pompejus Seite, und er schreibt seinem Bruder: »In diesem Bürgerkrieg, o ihr Unsterblichen! wie vieles trog! welche Antworten der Haruspices wurden uns von Rom geschickt! was hat man nicht dem Pompejus gesagt! Denn dieser glaubte stark an Eingeweide und Wunderzeichen. Ich habe nicht Lust zu erzählen und es ist auch nicht nötig, am wenigsten dir, der du dabei warst. Du siehst inzwischen, daß alles den entgegengesetzten Ausgang von den Prophezeiungen genommen.«

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Interessant ist es schließlich noch, auf die Beobachtung der _Blitze_ zu kommen. Denn aus einer Stelle in den naturwissenschaftlichen Untersuchungen des Seneca (+quaest. nat. 49+) müssen wir folgern, daß bereits die alten _Etrusker_, die Lehrmeister der Römer in dieser Art von Auspicien, es verstanden haben, _durch gewisse uns genauer nicht bekannte elektrische Experimente Blitze herabzuziehen oder gar zu erzeugen_. Sonderbarerweise taucht hier der Jahrtausende später in der Geschichte der Elektrizitätslehre so berühmt gewordene Name _Volta_ -- die Geschichte macht manchmal derartige Witze, -- zum erstenmale auf. Plinius berichtet nämlich über diese Sache folgende (+H. N. II, 54+): »In den Annalen wird berichtet, daß man durch gewisse Ceremonien und Sprüche den Blitz erzwingen oder entlocken könne. Es ist eine alte Sage Etruriens, daß man ihn entlockt habe, als ein Zauberer, namens _Volta_, nach Verheerung des Landes endlich sogar die Stadt Volsinii damit bedrohte: auch sei er vom König Porsenna herabgezogen worden und vor diesem öfters durch Numa, wie L. Piso im ersten Buche seiner Annalen meldet, und Tullus Hostilius sei, als er dies nachmachen wollte und in der Ceremonie fehlte, vom Blitz erschlagen worden. Wir haben ferner Haine, Altäre und Ceremonien, in denen man neben einem Jupiter Stator, Tonans und Feretrius auch einen _Elicius_ genannt hört.« Feretrius ist der _einschlagende_ Jupiter, Elicius der herabgelockte, also etwa der mittels Blitzleiters aufgefangene Blitz.

Die Operation des Numa beschreibt uns Ovid (+Fast. III, 325ff.+) in folgender Weise: »Dich Jupiter locken sie vom Himmel herab. Daher verehren dich auch die Nachkommen unter dem Namen Elicius (der Herabzulockende). Die Wipfel des aventinischen Waldes, so erzählt man allgemein, zitterten, und niedersank die Erde von Jupiters Last gebeugt. Des Königs Herz klopft, blutlos wird seine ganze Brust, und sträubend starren die Haare. Sobald sein Mut wiederkehrte, sprach er: '_König und Vater der erhabenen Götter, entdecke sichere Versöhnungsmittel deines Blitzes_, wenn wir immer mit heiligen Händen die dir geweihten Altäre berührt haben, und wenn auch das, was ich wünsche, geheiligt meine Zunge fleht!' Durch Wink versprach er's dem Flehenden, doch mit entferntem Umschweife verbarg er die Wahrheit, und schreckte durch schwankenden Ausspruch den König. 'Einen Kopf haue ab', sprach er. Und ihm erwiderte der König: 'Ich will gehorchen: Ein Zwiebelkopf aus meinen Gärten gegraben, soll abgehauen werden.' Jener setzte hinzu: 'Von einem Menschen!' Und er erwiderte ihm: 'das oberste Haupthaar.' Er forderte eine Seele und ihm antwortete Numa: 'die eines Fisches.' Er lachte und sprach: 'Damit versühne, o Mann, würdig der Teilnahme an meiner Unterredung, meine Geschosse. Doch, wenn morgen der Gott von Cynthos seine ganze Scheibe dargestellt hat, so will ich dir sichere Pfänder eurer Herrschaft senden.' _Sprachs, und oben der Äther wurde, sagt man, von gewaltigem Donner erschüttert_; und nun verließ er den betenden Numa. Seelenfroh kehrt dieser wieder und erzählt den Quiriten den Vorfall. Zaudernd und schwer war ihr Glaube an diese Erzählung. 'Wahrlich glauben wird man nur, sprach er, wenn meine Rede Erfüllung begleitet.' Siehe, höre wer da ist, was morgen geschieht. _Wenn der Gott von Cynthos ganz seine Scheibe dem Erdball dargestellt hat, will uns Jupiter sichere Pfänder unserer Herrschaft senden._ Voller Zweifel gehen sie heim, und zögernd dünkt ihnen die Versprechung: vom kommenden Tage hängt die Gewißheit der Rede ab. Noch weich und vom Frühthau bereift war die Erde, als vor seines Königs Schwelle das Volk erschien. Er trat hervor und setzte sich mitten im Kreise auf einen ehernen Thron. Unzählbar standen die Männer um ihn stillschweigend. Soeben erschien am äußersten Rande Phöbus, und schon zagten von Hoffnung und Furcht geängstigt ihre Seelen. _Er erhub sich, und das Haupt umhüllt mit schneeweißer Hülle, reckte er empor seine Hände, die die Götter schon kannten_, und rief nun also: '_Es ist gekommen die Zeit des verheißenen Geschenkes: gewähre Jupiter deiner Rede die versprochene Wahrheit!_' Indeß er so spricht, hatte die Sonne ihre ganze Scheibe aufgetaucht, und es _ertönte von der Axe des Äthers ein furchtbares Krachen. Dreimal donnerte der Gott vom hohen Gewölbe, dreimal loderten Blitze. Glaubet meiner Erzählung: Wunder berichte ich, aber doch geschehene Wunder._«

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Wenn man also nicht entweder an thatsächliche Wettermagie (Wetterhexen usw.) glauben, oder annehmen kann, daß jene Berichte der Annalen auf leeren Fabeln beruhen, so liegt die Vermutung nahe, daß den alten Etruskern und den in deren Geheimlehre eingeweihten römischen Priestern auf Grund zufälliger empirischer Beobachtung einige elektrische Phänomene bekannt gewesen sind, wie sie später einen Franklin zur Erfindung des Blitzableiters führten. Diese geringen Keime wirklicher naturwissenschaftlicher Kenntnis können sich sehr wohl mit einem System des rohsten Aberglaubens verquickt haben, so daß die Praktiker jener einfachen Manipulationen selber ihre Wirksamkeit für eine magische ansahen und den dabei gebrauchten Formeln und Ceremonien ebenso große Bedeutung beilegten, wie den wirklich kausal wirksamen Operationen. Auch heutzutage wiederholt sich ja noch auf dem Gebiete des Hypnotismus dieselbe Erscheinung, und was war die Alchemie und Astrologie des Mittelalters anderes, als ein sonderbares Gemisch wüster Vorstellungen und Phantasien aus einigen wenigen zufällig erlangten Kenntnissen von chemischer und astronomischer Bedeutung.

Wenn man nun auch aus geschichts-wissenschaftlichem Interesse bedauern mag, daß uns nichts Genaueres über die Methode des Blitzableitens der Alten überliefert ist, so würde man doch jedenfalls sehr fehlgreifen, wollte man im übrigen all zu tiefe Geheimnisse in der etruskischen Lehre von den Blitzen wittern. Nach Plinius sollen die Etrusker _zwölferlei_ verschiedene Blitze unterschieden haben; Seneca dagegen schreibt (+naturales quaestiones II, 41+): »Die Etrusker legen dem Jupiter _dreierlei_ Blitze bei; die erste Gattung warne und sei gnädig, und Jupiter werfe sie auf eigenen Rat; die zweite werfe er gleichfalls, doch nur nach Beschluß seines Staatsrats (+ex consilii sententia+), indem er die zwölf Götter berufe, und dieselbe fromme zwar, doch nicht ohne Ahndung; die dritte vollends werfe er nur nach Befragung der sog. _höheren_ oder _verhüllten_ Mächte, und dieselbe verheere und hemme und verwandle unbarmherzig den jedesmaligen Zustand der Einzelnen wie des Ganzen; denn das Feuer lasse nichts bestehen.«

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Es geht übrigens aus sonstigen Angaben der alten Schriftsteller (Plinius, Festus, Ammianus) hervor, daß die Blitze, welche die Etrusker in ihrer Blitztheorie behandelten, durchaus nicht blos eigentliche Blitze waren, daß sie vielmehr auch Sternschnuppen, Irrlichter, plötzliche Lähmungen oder Schlagflüsse als verschiedene Gattungen von Blitzen betrachtet haben.

Die Römer hatten von den zwölferlei Blitzen der etruskischen Lehre nur zwei oder drei angenommen, deren Unterschied lediglich durch die Zeiten -- Nacht, Tag und Zwielicht -- bestimmt wurde.

Alle Gegenstände, die vom Blitze berührt waren, galten als heilig. Vom Blitze getroffenes Erdreich faßte der Pontifex zusammen (+ignes colligere+), verbarg es unter Flüstern gewisser Gebetsformeln unter dem Boden und grub einen Stein, in den sich der Blitz verwandelt haben sollte, ohne Zweifel einen Kiesel, mit hinein (+fulgur condere+). Man umgab dann den Ort zum Schutze mit einer Mauer und versah ihn mit einem Altar, um zu opfern; der Ort, der +puteal+ genannt wurde, durfte nicht überdacht werden. Man glaubte, wer ein so geheiligtes Erdreich aufwühle, werde von den Göttern mit Wahnsinn gestraft werden.

Wenn Bäume vom Blitz getroffen waren, ohne zu verbrennen, so trug man Sorge, daß sie nicht ausstarben. Ein solcher Baum war der schon erwähnte Feigenbaum, +ficus ruminalis+, auf dem Forum. »Wenn dieser Baum verdorrt«, sagt Plinius, »so tragen die Priester immer wieder Sorge, daß er erneuert wird.«[634]

Ein anderer derartiger Baum, eine Kornelkirsche, stand am Palatinischen Hügel. Wenn jemand bemerkte, daß derselbe der Feuchtigkeit entbehre, so brauchte er nur »Wasser« zu rufen, und auf der Stelle kamen diejenigen, die es vernommen hatten, mit Gefäßen herbei, um ihn zu begießen.[635]

War gar ein Mensch vom Blitze berührt worden ohne getötet zu werden, so galt er als ganz besonderer Liebling der Götter; wurde er aber getötet, so durfte seine Leiche weder verbrannt noch anderswo bestattet werden; sie wurde auf der Stelle, wo man sie fand, beerdigt.

Achtes Buch.

Der Occultismus der Alexandriner, Neupythagoräer und Neuplatoniker.

Von

Karl Kiesewetter.

Vorbemerkung.

Wie bereits im Vorwort bemerkt, ist das folgende achte Buch das einzige, das der leider so plötzlich aus seiner Arbeit abgerufene Herausgeber des Gesamtwerkes über die Geschichte des Occultismus für diesen zweiten Band bereits im Manuskript fertiggestellt hatte. Meine Arbeit an diesem achten Buch beschränkt sich auf die Ordnung der mir allerdings in sehr ungeordnetem Zustande übersandten Manuskripte in die im folgenden gewahrte Reihenfolge, die der vom Verfasser beabsichtigten Disposition entsprechen dürfte; stellenweise habe ich einige Lücken aus früheren Einzelaufsätzen Kiesewetters (+Sphinx+) ergänzt. Dagegen ist sonst der ganze Inhalt des achten Buchs geistiger Nachlaß Kiesewetters; ich muß daher auch die _wissenschaftliche_ Verantwortung für den Inhalt ablehnen. Wenn hierdurch der einheitliche Charakter dieses Bandes des »Occultismus des Altertums« unterbrochen wird, da selbstverständlich die Auffassung Kiesewetters mit der meinigen nicht immer kongruiert, so wird dies der Leser gern in den Kauf nehmen in Anbetracht der unzweifelhaften Gründlichkeit und Belesenheit des verstorbenen Gelehrten, dessen posthume Arbeit hier eingeschaltet wird. Die Wertschätzung, welche Kiesewetter den offenbar von ihm mit besonderer Vorliebe und daher antizipatorisch behandelten Alexandrinern, Neupythagoräern und Neuplatonikern angedeihen ließ, kann ich persönlich nicht teilen; ich würde mich daher zu einer so eingehenden Berücksichtigung dieser Mystiker niemals haben entschließen können. Umsomehr freue ich mich, anstatt einer eigenen Bearbeitung derselben die äußerst gründliche Berichterstattung Kiesewetters über diese Periode der Philosophie den Lesern bieten zu können. Denn wenn ich auch diese Periode als diejenige des äußersten Verfalls des ursprünglich hoffnungsreicheren philosophischen Geistes des griechischen Altertums betrachte, so verdient sie vielleicht doch trotzdem eine gewisse Beachtung. Und je unerquicklicher das Studium der konfusen und geschmacklosen Originalwerke, besonders der wüsten Exsudate eines Philo, ist, um so dankbarer dürfen wir einer bei aller subjektiven Vorliebe doch so objektiv gehaltenen auszugsweisen Darstellung sein, wie sie der leider so früh dahingeschiedene fleißige Gelehrte uns im folgenden bietet.

L. K.

Erste Abteilung.

Die Alexandriner.

I.

Philo von Alexandria.

Erstes Kapitel.

Philos Leben und Lehrweise.