Der Occultismus des Altertums

Part 6

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Leider sind wir bei dem gänzlichen Mangel an Keilschrifttexten nicht im Stande, etwas Näheres über die Vogelschau der Chaldäer zu sagen; nur soviel ergiebt sich -- wie schon erwähnt --, daß dieselben dem Gesang und Geschrei der Vögel große Bedeutung beimaßen, wie dies die Griechen, Etrusker und Römer ebenfalls thaten.

Nach Festus teilten die Etrusker und Römer die Vögel in +alites+ und +oscines+, je nachdem man ihren Flug oder Ruf für bedeutungsvoll hielt. Bei den Griechen war die Kunst der %oinôpoloi% schon in sehr früher Zeit im Gebrauch und kommt bereits bei Homer völlig ausgebildet vor. Wahrscheinlich war sie von Chaldäa nach Griechenland gekommen. Wie Suidas angiebt, sei sie eine Erfindung des Telegonus, des Sohnes des Odysseus und der Circe gewesen, Clemens von Alexandrien hingegen sagt, daß sie aus Phrygien stamme, womit Cicero übereinstimmt, der Phrygien, Cilicien, Pisidien und Pamphylien als die Länder nennt, in welchen diese Divinationsgattung besonders im Schwang sei. Diese Gegenden hatten aber bereits in sehr früher Zeit die Kultur der Euphratländer angenommen und mit andern babylonisch-chaldäischen Elementen auch diese Wahrsagungsart nach Griechenland getragen. Auch die nach Cicero[44] in hohem Grad entwickelte Auguralwissenschaft der Araber ist wohl auf babylonische Einflüsse zurückzuführen ebenso wie die Spuren, die sich bei den Maçudi und Juden[45] finden. Auch das Haruspicium kennen die Juden, und zwar spricht Hesekiel an der bekannten Stelle davon[46], wo Nabukudurussur das Pfeilorakel befragt und sich aus der Leber der Opfertiere weissagen läßt.

Nach den Fragmenten des großen auguralwissenschaftlichen Werkes von König Sargon I. suchten die Chaldäer in den Eingeweiden der verschiedensten Tiere vorbedeutende Anzeichen. Ein Fragment handelt von einem leider nicht näher angegebenen Vorzeichen, welches man in den Herzen junger Hunde, Füchse, wilder und zahmer Schafe, Pferde, Esel, Rinder, Löwen, Bären, Fische, Schlangen u. a. m. beobachten könne. Doch hatte die betreffende Erscheinung bei jeder Tierart eine besondere Vorbedeutung. Ein zweites Fragment bezieht sich auf Wahrzeichen, welche man aus der Farbe und dem Ansehen der Eingeweide der Opfertiere besonders der Esel und Maultiere entnehmen wollte. So heißt es z. B.: »Sind die Eingeweide des Esels auf der rechten Seite schwarz, -- auf der rechten Seite bläulich, desgleichen ihre Windungen, -- auf der rechten Seite dunkelfarbig, -- auf der rechten Seite kupferfarbig, -- auf der linken Seite kupferfarbig«, so sind diese Erscheinungen ebenso viele Vorbedeutungen für die Jahreszeiten sowie die Schicksale des Landes und des Landesherrn. Die gleichen Erscheinungen, welche auf der rechten Seite günstig waren, waren auf der linken Seite ungünstig und umgekehrt. Die auf der linken Seite auftretenden Erscheinungen waren im allgemeinen ungünstiger als die auf der rechten vorkommenden.

Andere Vorbedeutungen suchten die chaldäischen Haruspices im Innern der Eingeweide, welche nach vorausgegangener äußerer Besichtigung geöffnet wurden. So heißt es z. B.:

»Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken Seite Risse, so tritt Hader und Zwietracht ein.«

»Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken und rechten Seite Risse, so tritt ebenfalls Hader und Zwietracht ein.«

»Ist das Innere der Eingeweide auf der rechten und linken Seite schwarz, so tritt Zwietracht ein.«

Von den noch unveröffentlichten Fragmenten bezieht sich nach Lenormant eines auf die Hepatoskopie, die Leberschau, welche bekanntlich außer bei den Babyloniern bei den Völkern des klassischen Altertums eine große Rolle spielte. Das erhaltene keilschriftliche Fragment ist klein und verstümmelt und enthält nur die Aufzählung der Fälle, welche mit der größeren oder geringeren Entwickelung des einen oder anderen Lappens der Leber oder beider zugleich sowie mit dem völligen Schwund des rechten oder linken Lappens oder aber mit der schwarzen, bläulichen, kupferigen oder roten Färbung eines oder beider Lappen zusammenhängen, worauf die aus dem Aussehen und der Entwickelung der Gallenblase gezogenen Schlüsse folgen.

Die Opferschau verbreitete sich von Babylonien aus über alle Länder der alten Welt: im Norden über Armenien und Komagene, im Westen über Phönizien und Palästina (die O. wird den Juden ausdrücklich verboten[47]) bis nach Karthago. Vorzugsweise wurde sie in Kleinasien betrieben, wo namentlich die Einwohner von Telmessos als geschickte Haruspices berühmt waren. Von Kleinasien kam das Haruspicium sehr frühzeitig nach Griechenland, wo die Familienangehörigen der Damiden und Klytiaden als Haruspices in großem Ansehen standen. Der griechischen Tradition zufolge soll Delphos, der Sohn des Apollo, der Erfinder des Haruspicium gewesen sein, was indessen wohl nur darauf hindeutet, daß die Opferschau vorzugsweise in Delphi ausgeübt wurde. In Italien war diese Divinationsgattung besonders in Etrurien gebräuchlich und erlangte in Rom selbst niemals den offiziellen Charakter, den die Beobachtung der Auspicien und sonstigen Naturerscheinungen trug. Zur Zeit, als der Senat die +haruspices+ befragte[48], wurden dieselben aus Etrurien berufen und bildeten eine besondere Körperschaft, welche gesetzlich anerkannt war.[49] Die +libri haruspicini+ waren ebenso wie die +libri fulgurales+ und +tonitruales+[50] etruskische Bücher, deren Vorschriften und Lehren man für Offenbarungen des der Erde entstiegenen Tages hielt.[51]

Außer den Regengüssen wurde die Gestalt und Farbe der bei Tage erscheinenden Wolken eifrig beobachtet und gedeutet, während die Deutung der Beziehungen der nächtlichen Wolken zu den Sternen Sache der Astrologen war.

Über die erstere Wolkengattung heißt es z. B.:

»Steigt bläulichschwarzes Gewölk am Himmel auf, so wird im Verlaufe des Tages der Wind wehen.

Ausgefertigt durch Nabu-akha-irib.«

Wie man sieht, tragen diese kindlich naiven Beobachtungen einen meteorologischen Charakter.

Moses[52] und Jeremias[53] verbieten den Juden die wahrsagerische Beobachtung der Wolken und atmosphärischen Erscheinungen.

Die Fulguration scheint bei den Chaldäern sehr ausgebildet gewesen zu sein. Wie die klassischen Schriftsteller berichten, unterschieden die Chaldäer im allgemeinen zwei Arten von Blitzen: 1. auf die Erde herabfallende und 2. nur in den Wolken leuchtende. Nach der Versicherung des Plinius[54] nahmen die Chaldäer an, daß diese Blitze von den Planeten Saturn, Jupiter und Mars herrührten und beobachteten sie vorzugsweise. Die zweite Art, die +fulgura fortuita+ des Plinius »verkündeten durch ihren Donner die Stimme der atmosphärischen Wächter, deren Pfad sie durch ihre Leuchtkraft bezeichneten«.[55]

Es ist nur ein einziges und zwar sehr verstümmeltes keilschriftliches Fragment über die Einteilung der Blitze bei den Chaldäern erhalten[56], das aber trotz seiner Verstümmelung sehr wichtig ist, insofern es die Richtigkeit der Angaben des Plinius beweist. Dasselbe lautet:

»Der Blitz . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Blitz der Sterne . . . . . . . . . . . . Der Blitz des Gottes Bin . . . . . . . . . . Der Blitz der Erde . . . . . . . . . . . . . Der Blitz des Wassers . . . . . . . . . . . . Der Blitz der Nacht, welcher leuchtet . . . . Der Blitz des Gottes Mamna . . . . . . . . . Der Blitz des Gottes Baluv . . . . . . . . . Der Blitz des Gestirnes . . . . . . . . . . . Der Blitz . . . . . . . . . . . . . . . . . .«

Vergleichen wir nun die Blitze der Planeten und die +fulgura fortuita+ des Plinius mit den Angaben des Fragments, so finden wir, daß die Blitze des Ersteren mit dem »Blitz der Gestirne« und dem »Blitz des Gottes Bin« (assyr. Rimmon) zusammenfallen. Bin ist der Gott der Luft und des Donners und wird deshalb mit einem Donnerkeil oder einem zackigen Blitz dargestellt.

Die Blitze der Götter Mamna und Baluv sind verschiedenen Erscheinungsphasen des Planeten Mars zugeeignet und waren wegen ihrer zündenden Kraft berüchtigt.[57]

Die übrigen auf dem Fragment genannten Blitzarten waren den Etruskern ebenfalls bekannt, welche dieselben auch zum Teil den obern Planeten zuschrieben.[58] Dieselben kannten auch eine Art dem Saturn geweihte Blitze, welche von der Erde zum Himmel emporstiegen.[59] Dies ist wohl »der Blitz der Erde« des Fragments, welcher mit dem Blitz des Bel oder Mul-ge identisch ist. Endlich kannten die Etrusker noch »die Blitze der Nacht«, welche der Gott Summanus erzeugen sollte, während die Römer die komplizierte etruskische Fulgurallehre einfacher gestalteten und nur »Blitze des Tages« und »Blitze der Nacht« annahmen, die sie dem Jupiter oder dem Summanus zuschrieben. Dagegen findet sich in den Berichten über die etruskische Fulguration nichts, was sich mit dem rätselhaften »Blitz des Wassers« der Chaldäer vergleichen ließe.

Über die Wahrsagerei der Chaldäer aus Erdbeben, welche Diodorus Siculus erwähnt[60], wissen wir nichts näheres, ebensowenig als über die chaldäische Kapnomantie und Pyromantie. In Griechenland war die Pyromantie, deren Erfindung dem Amphiaraus zugeschrieben wurde, allgemein gebräuchlich. Man warf unter Gebeten Weihrauch in die Flamme und beobachtete, ob derselbe verzehrt oder zerstreut wurde, worauf man dann Schlüsse auf günstige oder ungünstige Vorbedeutung schloß. Diese auch Libanomantie genannte Wahrsagungsart war besonders in Apollonia gebräuchlich, wo die heiligen Feuer durch dem Boden entströmende Kohlenwasserstoffgase genährt wurden.

Da oben ein mitgeteiltes Fragment einer Kapitelüberschrift des Sargonschen Auguralwerkes lautet: »Zinnober ist über der Flamme verbrannt«, so scheint es, daß die Akkader ein ähnliches Verfahren kannten; auch dürften sie, weil sie ihrem Feuergott eine so große Bedeutung als Bekämpfer der bösen Dämonen beilegten, auch auf das äußere Ansehen der Feuerflammen geachtet haben.

Nach einigen Bruchstücken des Sargonschen Werkes schrieben die Akkader auch Quellen und Flüssen prophetische Bedeutung zu und weissagten aus der Menge, dem Aussehen und der Strömung des Wassers.

Nach Psellus[61] sind die Assyrer die Erfinder der Lekanomantie, welche bei ihnen jedoch anders als in späterer Zeit ausgeübt wurde. Psellus sagt:

»Die Lekanomantie wird mittelst einer Schale ausgeübt, welche man mit prophetischem Wasser anfüllt und vor sich stehen hat. -- Dieses Wasser unterscheidet sich äußerlich durch nichts vom gewöhnlichen Wasser, aber die Handlungen und Beschwörungen, welche über dem Gefäß vorgenommen werden, beschenken es mit einer prophetischen Kraft, welche im Schoße der Erde entspringt und sich eigenartig äußert: Denn während sie sich dem Wasser mitteilt, ruft sie ein unbestimmtes Rauschen hervor, welchem die Anwesenden zunächst keinen rechten Sinn abgewinnen können; hat sie sich aber in der Flüssigkeit nach allen Seiten hin gleichmäßig ausgebreitet, so vernimmt man gewisse seltsame Töne, aus denen man die Prophezeiung der Zukunft schöpft. Diese der materiellen Wirklichkeit angehörenden Klänge haben aber stets etwas Rätselhaftes und Geheimnisvolles an sich[62], daher denn auch die Weissager, welche diesen Umstand möglichst ausbeuten, niemals eines Betrugs überführt werden können.«

Nach einigen Tafeln der Bibliothek zu Niniveh legte man auch dem größern oder geringeren Glanz edler Steine divinatorische Bedeutung bei, wie denn z. B., um über das Gelingen oder Fehlschlagen eines feindlichen Angriffs zu prophezeien, geprüft wurde, ob »der Diamant am Finger« seine Strahlen nach rechts oder links warf.

Unter den Akkadern wie unter allen Völkern des Altertums war die Phyllomantie, die Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der Bäume sehr gebräuchlich[63] und von ihnen zu den Juden übergegangen; bei ihnen finden wir die Zaubereiche in Sichem[64]; die Maulbeerbäume, aus deren Rauschen David prophezeite[65], und die Palme, unter welcher Deborah weissagte.[66] Auch die vorislamitischen Araber hatten heilige Palmen und verehrten auch den Sumurahstrauch (+Spina aegyptiaca+) als göttlich. Überhaupt war es ein sehr verbreiteter Glaube der Araber, daß sie aus allen möglichen Arten dorniger Sträucher prophetische Laute zu vernehmen glaubten, und dieser Anschauung dürfte auch die Erscheinung Jehovahs im brennenden Dornbusch ihren Ursprung verdanken. -- Die Etrusker, deren Kultur entschieden von der chaldäischen abhängig ist, unterschieden günstige und ungünstige Bäume je nach den Prophezeiungen, welche sie denselben entnahmen.[67] Die Griechen hatten redende Eichen (%prosêgoroi dryes%), wie zu Dodona, der ältesten pelasgischen Orakelstätte, und weissagende Lorbeerbäume zu Delphi und Delos. -- Auf den Baumkultus der Germanen werde ich später zurückkommen.

Die den Tieren entnommene Orakel anlangend, so betrachteten die Chaldäer vorzugsweise die Schlange als wahrsagendes Tier, was die alten Philosophen damit zu erklären suchen, daß die kriechende Schlange am meisten von allen Tieren mit der Erde, dem Urquell aller Inspiration, in Verbindung stehe. Auch ist darauf aufmerksam zu machen, daß in den semitischen Sprachen die Worte »Schlange« und »weissagen« der gleichen Wurzel +nahasch+ entspringen.

Die Schlange ist bei den Chaldäo-Babyloniern und Assyriern das Sinnbild des Ea, der höchsten Einsicht wie des Inhabers der höchsten Weisheit, weshalb sie auch als Sinnbild alles magischen Wissens betrachtet wird. Die Genesis hält sie für listiger denn alle Tiere, die Jehovah erschaffen und die alten Araber glaubten, daß man durch den Genuß eines Schlangenherzens und einer Schlangenleber die Sprache der Tiere verstehen lerne, eine Anschauung, welche bekanntlich noch in der deutschen Volkssage fortlebt. -- Es scheint sogar, daß man in einigen babylonischen Tempeln Schlangen züchtete, welche man als Mittler zwischen den Göttern und Menschen ansah und aus ihren Gebahren orakelte. -- Auf Ähnliches scheint auch die biblische Erzählung »vom Drachen zu Babel« hinzudeuten.

Ein anderes prophetisches Tier war der Hund, und Lenormant teilt eine ganze Reihe von Regeln mit, nach welchen die Chaldäo-Babylonier aus der Farbe und dem Exkrementieren eines fremd in den Königspalast oder ein Privathaus gelaufenen Hundes wahrsagten.

Eine leider nur lückenhaft erhaltene Inschrift giebt an, daß Fliegen (+zumbi+) von den Chaldäo-Babyloniern zum Wahrsagen benutzt wurden. Dieser Umstand beleuchtet einen wichtigen Punkt der semitischen Mythologie, nämlich die Rolle, welche der große Gott von Akkaron (Ekron) spielt. Derselbe hieß bei den Philistern bekanntlich Baal-Zebub, »Baal-Fliege« oder »Herr der Fliege«; die Septuaginta nennt ihn %Baal myia%, Josephus %theos myia%, und die Juden machten ihn später zum Obersten der Teufel. Dieser Baal-Zebub besaß ein berühmtes Orakel, welches nach dem alttestamentarischen Bericht selbst Achasja, König von Israel, über den Ausgang seiner Krankheit um Rat befragte und dadurch den Zeloteneifer des Elias entflammte. Berücksichtigen wir nun obige keilschriftliche Nachricht, so bleibt kein Zweifel, daß zwischen dem Namen des großen Gottes von Akkaron und der Art und Weise der Ausübung seines Orakels Zusammenhang herrscht, und daß die semitischen Völker so gut wie die Chaldäer Fliegenorakel besaßen. Daß Bienen und Ameisen als wahrsagende Tiere auch bei den klassischen Völkern eine Rolle spielten, beweist die Erzählung von der Kindheit Platos und die Midassage.

Nach dem Bericht des Jamblichus[68] weissagten die Babylonier sogar aus dem Verhalten der Ratten, Heuschrecken &c., und endlich wurden nach Angabe des Sargonschen Auguralwerks auch »die Fische der Teiche« zu den prophetischen Tieren der Chaldäer gerechnet, worunter wahrscheinlich heilige Fische zu verstehen sind, die man zum Behuf der Wahrsagung züchtete. So gab es z. B. in Lycien heilige Fische, welche durch Flötenspiel an die Oberfläche des Wassers gelockt wurden, worauf man aus ihrem Verhalten orakelte; das Gleiche war nach Varro[69] auch in Lydien der Fall. Auch dürften die in einem Teiche beim Tempel des Zeus Labrandeus zu Mylasa in Karien gezüchteten Fische, welche Ohrgehänge an den Kiemen trugen, zu Wahrsagezwecken gehalten worden sein, wie ferner die zu Ehren der Göttin Atargatis oder Derketo zu Askalon gezüchteten, wo bekanntlich ein dem babylonischen verwandter Kultus herrschte.

Auch war die chaldäische Mantik bemüht, aus spontanen Bewegungen oder Tönen von Hausgeräten und Möbeln wahrzusagen, und es ist ein Fragment erhalten, welches eine ganze Reihe von hölzernen Möbeln und Teilen des Hauses nennt, aus denen prophetische Laute hervortönen (+assaput+, +ku-a+), »geeignet, das Menschenherz fröhlich zu stimmen«. Die einzelnen Deutungen sind jedoch verloren gegangen. Ich habe schon oft darauf hingewiesen, daß wir es hier wohl mit den Anfängen des Tischklopfens und Tischrückens zu thun haben.

Auch zufällig gehörten Worten wurde prophetische Bedeutung beigelegt; es sind dies die von den Juden +bath-kol+ genannten Stimmen.

Hingegen läßt sich im Sargonschen Auguralwerk nicht die Ausübung der im Buche Hiob erwähnten Chiromantie, der Onychomantie sowie der Kranioskopie nachweisen.

Die Beschäftigung der Chaldäer mit der Astrologie brachte es mit sich, daß sie den Mißgeburten große Aufmerksamkeit zuwendeten. Nach ihren Behauptungen rechtfertigten 470000 jahrelang angestellte Beobachtungen die Annahme, daß der bei der Geburt eines Menschen vorhandene Sternenstand dessen Geschick bestimmen. Da aber Gebrechen und Mißgestaltungen neugeborener Kinder ebenfalls von diesem Sternenstand abhängig seien, so lasse sich aus Mißgeburten ebenso gut die Zukunft entschleiern als aus den Sternen selbst.[70] Deshalb legte man den Mißgeburten eine ungeheuere Wichtigkeit bei und behandelte deren Deutung sehr ausführlich in dem Sargonschen Auguralwerk. Von den 72 diesbezüglichen Texten, welche Lenormant beibringt, will ich nur folgenden anführen, welcher beweist, daß man schon in jener altersgrauen Vorzeit der »Glückshaube« eines neugeborenen Kindes eine ebenso große Wichtigkeit beilegte als heute:

»Gebiert eine Frau ein Kind, dessen Haupt mit einer Haube bedeckt ist, so wird beim Anblick desselben ein günstiges Vorzeichen im Hause walten.«

Namentlich wurde den Mißgeburten fürstlicher Frauen große Bedeutung beigelegt, und auch die Mißgeburten mancher Tiere -- wie z. B. der Stuten -- galten als besonders ominös.

Der Glaube an die Vorbedeutung der +Portenta+ ging auf Etrusker und Römer über, und noch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts schrieb Caspar Schott +De mirabilibus portentorum+.

Mit die wichtigste Rolle im chaldäischen Divinationswesen spielt die Traumdeutung. Nach Diodorus Siculus rechneten die Chaldäer die Träume zu den tellurischen Vorzeichen und deuteten sie nach den Vorschriften des Sargonschen Auguralwerks. Ein Fragment desselben lautet[71]:

»Sieht einer im Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einen männlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Gestalt eines Hundes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Gestalt eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . . . . Das Vordertheil eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . . Die Gestalt eines Hundes mit den Füßen eines andern Thiers . . . . Einen todten Hund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Den Gott Nin-kistu (Nergal) todtschlagen . . . . . . . . . . . . . Leichen großer Thiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einen Mann auf sich harnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .«

Das Urinlassen als Traumsymbol dünkte den Chaldäern ganz besonders wichtig und wird auch noch von einem Weib, Bären, Hunde usw. angeführt. Herodot berichtet bekanntlich von einem hierhergehörigen Traum des Astyages, dessen Tochter Mandane auf diese Weise ganz Asien überschwemmte und so die Herrschaft des Cyrus prognostizierte.

Von den Kapiteln des Auguralwerkes scheint besonders das von der Traumdeutung gehandelt zu haben, dessen Anfang lautet:

»Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer . . . . Ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen . . .«

Bekanntlich spielen Träume von Feuer und Flammen noch in der modernen Traumdeutung eine große Rolle.

Nach Jamblichus begaben sich die babylonischen Frauen absichtlich in den Tempel der Zirpanit oder Aphrodite, um divinatorische Träume zu erhalten, welche sie sofort von den Traumdeutern auslegen ließen. Bekanntlich wurde dieser +incubatio+ oder %enkoimêsis% genannte Brauch auch in Ägypten oder Griechenland ausgeübt.

In Chaldäa und wahrscheinlich auch in Assyrien, da ja die Assyrier in diesen Dingen nur die Schüler und Nachbeter der Chaldäer waren, gab es nach den Keilschrifttexten Seher (+sabru+), welchen die Götter vorzugsweise prophetische Träume zu Teil werden ließen. Derartige Seher und Seherinnen scheint es, wie die oben mitgeteilte Nachricht Herodots vom Tempel zu Borsippa andeutet, in manchen Tempeln ständig gegeben zu haben. -- Zweifellos wurden bei den Chaldäern prophetische Träume auch durch narkotische Mittel hervorgerufen wie bei andern Völkern des Altertums und noch bei vielen wilden Völkerschaften.

Der Eingang des obersten -- siebenten -- Stockwerks des Turmes von Borsippa war dem Gott Nebo (Prophet) geweiht und hieß +bab assaput+, »Thor des Orakels«. Ein ähnliches Orakelgemach, +bil assaput+, existierte noch nach inschriftlichen Angaben in der Pyramide des königlichen Stadtviertels zu Babylon. Ob jedoch die Art und Weise, wie die Orakel in diesem erteilt wurden, die gleiche war wie im Turme von Borsippa, ist aus den Inschriften nicht ersichtlich. Gewiß ist nur, daß dieses Gemach als Grabkammer des Bel-Maruduk galt, was vermuten läßt, daß daselbst Incubation stattfand, weil man im Altertum häufig Grabstätten aufsuchte, um in ihnen prophetische Träume zu erhalten. Auch ist bekannt, daß das Orakel des Belus oder Bel-Maruduk in der Geschichte Alexanders des Großen insofern eine Rolle spielt, als die Chaldäer den siegreichen Eroberer im Namen dieses Heiligtums zu bestimmen suchten, von Babylon fern zu bleiben. Allerdings blieb dieser Versuch erfolglos, weil Alexander die egoistischen Beweggründe der Chaldäer wohl erkannte.

Das Gebet, welches Incubation im Grab des Bel-Maruduk einleitete, ist teilweise erhalten und enthält folgende charakteristische Stellen:

»Gewähre mir den Eintritt, daß mir ein Glückstraum zu Theil werde! Der Traum, den ich träume, daß er günstig sei! Der Traum, den ich träumen werde, daß er wahrhaft sei! Der Traum, den ich träumen werde, laß ihn ausfallen zu meinen Gunsten! Makhir, der Traumgott, möge walten über meinem Haupt! Gewähre mir Eintritt in den E-saggal, in das Götterschloß, den Wohnsitz des Herrn! Auf daß ich mich nähere Maruduk, dem Erbarmer, dem Glückspender und den gesegneten Händen seiner Allmacht! Möge ich rühmen können deine Größe, lobpreisen deine Gottheit! Mögen die Bewohner meiner Stadt rühmen können deine Werke!«

In der Zeit vom 8. bis 6. Jahrhundert erreichte die Traumdeutung ihren Höhepunkt in Vorderasien und Ägypten, woselbst sie sogar die Politik und Kriegsführung beeinflußte. Durch einen siegverheißenden Traum wurde Assurbanhabal zum Kriege gegen Te-Umman angeregt, und durch Träume wurde mehrfach sein Heer zur Ausdauer ermuntert. Ein Traum bewog Gyges zur Anerkennung der assyrischen Oberherrschaft. Träume waren es, welche Krösus den Tod seines Sohnes Atys, Astyages die Herrschaft seines Enkels und Cyrus die des Darius verkündeten. Ein Traum führte Sebek, König von Ägypten, zum Entschluß, seine Regierung niederzulegen; auch war es wiederum ein Traum, welcher dem König Seti die endliche Vernichtung des assyrischen Heeres unter Senacherib zusicherte und ihn so zum Ausharren in der Gegenwehr ermunterte. Endlich hatte der äthiopische Fürst Ta-nuat-Amen einen Traum, welcher ihm seine zukünftige Macht offenbarte und ihn zur Eroberung Ägyptens anspornte.