Part 59
»Es ist eine große und noch immer unentschiedene Frage, ob Worte und Zaubersprüche eine Wirkung haben. Zwar die persönliche Überzeugung aller Vernünftigen verwirft sie, allein im Allgemeinen beharrt die Praxis jeder Zeit fest auf dem Glauben, ohne sich daran zu kehren. Hält man doch die Schlachtung der Opfer, sowie auch die Befragung der Götter ohne Gebet für ungültig. Man hat obendrein besondere Formeln für Erforschungsopfer, besondere für Abwendungsopfer, besondere für Erflehungsopfer, und wir sahen, wie die höchsten Obrigkeiten bestimmte Gebete sprachen, so daß einer die Worte aus dem Buch vorsagte, damit nichts ausgelassen oder verstellt würde, ein zweiter als Hüter aufgestellt war, welcher aufmerkte, ein dritter den Anwesenden gebieten mußte, daß sie auf ihre Worte Acht geben sollten: zugleich spielte der Pfeifer, damit man ja keinen unrechten Laut vernehmen möchte; und man weiß von beiderlei Fällen merkwürdige Beispiele, daß nämlich, so oft ein widerwärtiger Laut störend dazwischentönte oder der Betende irr wurde, plötzlich von den Eingeweiden der Kopf (der Leber) oder das Herz verschwand, oder sich verdoppelte in der Zeit, wo das Opfertier dastand. Erhalten ist als ein ungeheures Beispiel, der Spruch der Decier, des Vaters und des Sohnes, mit dem sie sich weihten; vorhanden ist das Gebet der der Unzucht beschuldigten Vestalin Tuccia, mittelst dessen sie im Jahr der Stadt 609 (140 vor Chr.) _Wasser im Sieb trug_; ja selbst unsere Zeit hat es noch erlebt, daß auf dem Rindermarkt ein Grieche und eine Griechin, oder Mitglieder anderer Nationen, mit denen man damals zu thun hatte, lebendig eingegraben wurden, und wer die Gebetsformel solcher Opfer liest, welche der Vorsteher des Kollegiums der fünfzehn dabei vorzusprechen pflegt, der wird wahrlich die Wirksamkeit der Sprüche, die durch eine achthundertunddreißig-jährige Erfahrung bestätigt ist, nicht leugnen mögen. Wir glauben noch heutzutage, daß unsere Vestalinnen entlaufene Sklaven, wenn sie die Stadt noch nicht verlassen haben, durch Gebete zu bannen vermögen: und giebt man nur einmal dem Grundsatze Raum, daß die Götter Gebete erhören und sich durch sie bewegen lassen, so kann man dasselbe nicht mehr in Abrede stellen. Rücksichtlich dieser ganzen Streitfrage haben unsere Vorfahren stets nur diese Überzeugung gehegt, und sogar das Schwerste nicht für unmöglich gehalten, nämlich Blitze zu entlocken, wie seines Orts von uns gezeigt worden ist. Lucius Piso meldet im ersten Buch seiner Annalen, der König Tullus Hostilius habe nach Numa's Vorschrift den Jupiter durch dieselben Ceremonien, wie dieser vom Himmel herabzuziehen versucht: weil er aber im Ritus etwas versah, so sei er vom Blitze erschlagen worden; viele andere melden, daß durch Worte das Schicksal mächtiger Staaten und die Bedeutung der sie betreffenden Anzeichen verändert zu werden vermögen. Als man z. B. den Grund zum Tarpeischen Tempel grabend, einen Menschenkopf gefunden hatte, so versuchte der berühmte Etrurische Seher Olenus Calenus, an den man darum Gesandte geschickt hatte, dieses vortreffliche und glückliche Anzeichen durch die zweideutige Einrichtung seiner Fragen auf sein Volk hinüberzuspielen. Er beschrieb nämlich erst den Umriß des Tempels vor sich im Sande, und sprach dann: 'Also hier, sagt ihr, Römer, hier soll der Tempel des besten und höchsten Jupiters stehen? Hier hat man den Kopf gefunden': und die Annalen behaupten einstimmig, daß das Anzeichen auf Etrurien übergegangen wäre, hätten nicht die römischen Gesandten, durch des Sehers einen Sohn im Voraus gewarnt, geantwortet: 'Nicht eben hier, sondern zu Rom, sagen wir, ist der Kopf gefunden worden.' Dasselbe geschah noch ein anderes Mal, als das thönerne Viergespann, welches für das Giebelfeld desselben Heiligtums bestimmt war, im Ofen so anschwoll, und auch damals wurde das Anzeichen auf gleiche Weise für Rom gerettet. Dies möge genug sein, um durch Beispiele darzuthun, daß die Bedeutung der Anzeichen erstlich in unserer Gewalt ist, und zweitens nur in der Art stattfindet, als man sie angenommen hat. Denn in der Disciplin der Auguren wenigstens gilt es für ausgemacht, daß weder ein widerwärtiges noch auch irgend ein anderes Anzeichen Wirkung für den habe, welcher bei dem Beginn irgend eines Geschäftes sagt, daß er es nicht bemerkt habe: und dies ist eine der größten Wohlthaten der göttlichen Gnade. Stehen nicht ferner schon in den zwölf Tafelgesetzen die Worte: wer Früchte behext, und wieder an einer anderen Stelle: wer einen bösen Zauberspruch spricht? Verrius Flaccus führt glaubwürdige Gewährsmänner dafür an, daß man bei der Bestürmung von Städten vor allem die Schutzgottheiten durch die römischen Priester herauszubeschwören pflegte, und ihnen einen gleichen oder noch ansehnlicheren Dienst als zu Rom versprach. Und diese Ceremonie ist in der Disciplin der Auguren noch erhalten, auch ist bekannt, daß eben darum die Schutzgottheit Roms verheimlicht wurde, damit von den Feinden nicht ein gleiches vorgenommen werden möchte. Der Furcht, durch Verwünschungen behext werden zu können, entschlägt sich niemand: Beweis dafür ist, daß jedermann die Schalen der Eier und Austern, die er ausgeschlürft hat, sogleich zerbricht oder mit dem Löffel durchstößt. Darum haben Theocrit im Griechischen, Catull und zuletzt Vergil im Lateinischen Nachahmungen von Liebeszauberliedern gegeben. Viele glauben, daß man auf diese Weise Töpferwaren bersten machen kann, etliche sogar, daß die Schlangen ihrerseits einen Gegenzauber anzuwenden verstünden, welches die einzige Verstandesäußerung dieser Tiere sei, und daß sich dieselben bei dem Liede der Marsen zusammenziehen, selbst während der Nachtruhe. Auch Wände werden _durch Besprechung des Feuers demselben zur Grenze gesetzt_. Dabei ist es schwer zu sagen, ob die schwerauszusprechenden fremden Wörter oder die seltsamen lateinischen dem Glauben mehr Eintrag thun, die der Geschmack nicht umhin kann lächerlich zu finden, während man etwas Großartiges erwartet, das da würdig wäre, einen Gott zu rühren, ja zu nötigen. Homer erzählt, wie Odysseus das rinnende Blut an einer Schenkelwunde durch einen Spruch gestillt habe; Theophrast lehrt, daß sich das Hüftweh damit heilen lasse; Cato hat einen Spruch hinterlassen, der gegen Verrenkung helfen soll, Marcus Varro einen gegen das Podagra; der Diktator Cäsar soll, nachdem er einmal mit dem Wagen gefährlich umgeworfen worden war, jedesmal nach dem Einsteigen durch dreimaliges Hersagen eines Spruches Gefahrlosigkeit seiner Reise eingeleitet haben, was jetzt bekanntlich von den meisten geschieht. Wir wollen diesen Punkt noch durch Berufung auf das persönliche Bewußtsein eines jeden zu erweisen suchen. Warum weihen wir nämlich den ersten Tag des Jahres durch gegenseitige Glückwünschungen ein? warum wählen wir bei öffentlichen Sühnopfern sogar zu Führern der Schlachtopfer nur solche, welche glückbedeutende Namen tragen? warum begegnet man zum Teil den Behexungen durch einen ganz eigentümlichen Gottesdienst, indem man die griechische Nemesis anruft, deren Bildnis zu dem Behuf in Rom auf dem Kapitolium aufgestellt ist, ohngeachtet der Name nicht einmal lateinisch ist? warum beteuert man, wenn man von Verstorbenen spricht, daß man ihr Andenken nicht verunglimpfen wolle? warum glaubt man, daß die ungeraden Zahlen zu allen Dingen wirksamer seien, und erkennt dies beim Fieber in dem Einhalten der Tage? warum sprechen wir bei den Erstlingen des Obstes: dies sei altes, wir möchten neues? warum wünschen wir beim Niesen Wohlsein? was auch Cäsar Tiberius, der doch bekanntlich ein sehr unfreundlicher Mann war, im Wagen beobachtet wissen wollte; und manche halten es für besser, wenn man beim Grüßen den Namen dazu sage. Es wird angenommen, daß sogar die Abwesenden es durch das Klingen der Ohren spüren, wenn von ihnen gesprochen wird. Attalus behauptet, wenn man beim Erblicken eines Skorpions die Zahl zwei spreche, so sei er gebannt und könne nicht stechen. -- --
Es ist ferner offenbar, daß auch viele ceremoniöse Handlungen von Wirksamkeit sind. Einer besänftigt die Herzensangst, indem er Speichel hinter das Ohr streicht: das Sprichwort heißt uns, wenn wir jemand wohlwollen, den Daumen drücken: beim Beten legen wir die Rechte an den Mund und drehen uns mit dem ganzen Körper herum: das Wetterleuchten durch den Ton zu verehren, welcher durch das Einziehen der Luft bei zusammengedrückten Lippen entsteht, ist übereinstimmende Sitte der Völker. Wenn beim Essen eine Feuersbrunst genannt wird, so gießt man, um die Vorbedeutung abzuwenden, Wasser unter den Tisch: den Boden zu kehren, während ein Gast auf dem Heimwege begriffen ist, den Tisch oder das Gestell wegzutragen, während er trinkt, wird für eine sehr schlimme Vorbedeutung gehalten. Es ist von einem sehr vornehmen Manne, Servius Sulpicius, eine Abhandlung darüber vorhanden, warum man den Tisch nicht stehen lassen soll: denn noch zählte man nicht mehr Tische als Gäste. Sodann gilt es für ein widerwärtiges Anzeichen, ein Gerücht oder den Tisch durch Niesen zurückzurufen, im Fall man nachher nicht noch etwas kostet, oder überhaupt gar nichts ißt. Diese Gebräuche schreiben sich aus einer Zeit her, welche die Götter bei jedem Geschäft und zu jeder Stunde gegenwärtig glaubte, und deren Verdienst sie auch unserem verderbten Geschlechte noch gnädig erhält. Wenn die Tafel plötzlich schwieg, so fiel dies nicht auf, außer bei gleicher Zahl der Gäste, und der Schaden ging an dem Rufe dessen aus, der daran schuld war: eine aus der Hand gefallene Speise wurde jedenfalls wieder über die Tafel gereicht, und man durfte nicht, um sie zu reinigen, daran blasen; ja es sind eigens dafür Augurien eingerichtet, bei welchen Worten oder Gedanken einem dies begegnet ist. Zu dem Verwünschtesten gehört es z. B., wenn es einem Pontifex beim Festmahle des Dis widerfährt. Etwa das Gefallene wieder auf den Tisch zu legen oder den Lar zu verbrennen, fordert Sühne. -- -- Ein ländliches Gesetz verbietet auf den meisten italienischen Landgütern, daß die Weiber, wenn sie über die Straße gehen, die Spindel nicht drehen und überhaupt nicht aufgedeckt tragen sollen, weil dies den allgemeinen Erwartungen, besonders von den Feldfrüchten, zuwider ist. Der Konsul M. Servilius Nonianus pflegte vor nicht langer Zeit, wenn er eine Augenkrankheit besorgte, ehe er noch davon sprach oder jemand anderes sie ihm ankündigte, die zwei griechischen Buchstaben %P% und %A% auf ein Papier zu schreiben, und dieses, mit einem Faden umwickelt, um den Hals zu hängen; der dreimalige Konsul Mucianus nahm das nämliche mit einer lebendigen Mücke in einem weißen Stückchen Leinwand vor, und sie rühmten beide, daß dies sie von der Krankheit bewahre. Man hat Sprüche gegen den Hagel, gegen alle Gattungen von Krankheiten und gegen Brandschäden, deren manche bewährt sind: aber sie mitzuteilen hält uns eine starke Scheu ab wegen der großen Verschiedenheit der Ansichten. _Darum halte es mit diesen Dingen ein jeder nach seinem Gutdünken!_«
Fünftes Kapitel.
Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bücher.
Wie in Griechenland, so sah sich also auch in Rom der Staat selber genötigt, dem allgemeinen Volksglauben an Vorzeichen, Weissagungen und Prophetenkünste Rechnung zu tragen. Während aber in Griechenland vielfach ein unabhängiges Priestertum durch die Orakel einen oft recht bedenklichen Einfluß auf die Politik erlangte, so daß gerade die hervorragendsten Staatsmänner, ich erinnere an Themistokles und Demosthenes nur in offener Opposition gegen den religiösen Glauben der Menge und durch Verdächtigung des Orakels, dem z. B. Demosthenes Bestechlichkeit vorwirft, ihre Zwecke behaupten konnten, hat es die römische Staatskunst verstanden, das gesamte Orakel- und Zeichenwesen schließlich zu einem gefügigen Werkzeug ihrer eigenen Zwecke herabzudrücken. Alle mit der Überwachung desselben betrauten Personen, die Pontifices, die Auguren, die Fetialen und die Bewahrer der sibyllinischen Bücher standen unter ihrer Aufsicht; alle diese Personen hatten großen Einfluß auf das Volk, aber derselbe war bedingt durch eine von der Staatsbehörde an sie gerichtete Aufforderung, in Funktion zu treten; sie antworteten nur, wenn sie gefragt wurden; ihnen selbst fehlte jede Initiative. Der Beamte konnte, wenn er wollte, die Auspicien allein vornehmen oder einen Zeichendeuter zuziehen, der nicht zum Kollegium der Auguren gehörte; eine ohne seine Aufforderung von einem Augur vorgenommene Beobachtung band ihn nicht.
Alles in Allem, die römische Staatskunst hat es verstanden, die Lehre und das »Recht« der Vorzeichen, -- dem Römer gestaltet sich alles zum _Recht_, -- so einzurichten, daß nicht die Menschen den Zeichen, sondern die Zeichen den Menschen untergeben waren.
Diese Bemerkung muß den »Occultismus« der Römer in den Augen des modernen, gläubigen »Occultisten« degradieren, in demselben Grade, in dem sie die Staatsklugheit der Römer in den Augen des Politikers erhöht. Allein ich darf ihre Schärfe dadurch abstumpfen, daß ich zugebe, in der älteren Zeit, in der das Staats- und Rechtsprinzip, das wesentlichste Charakteristikum des Römers, das bei ihm schließlich geradezu, wie v. Ihering sagt, an Stelle der Religion trat, noch nicht zum völligen Durchbruch gelangt war, muß selbstverständlich die Sache anders gelegen haben. »Jene Augurenkunst des Romulus«, dies giebt sogar der feine Spötter Cicero zu, »war ländlich, nicht politisch und nicht erdichtet für den Glauben des Pöbels, sondern von Kundigen empfangen und den Nachkommen überliefert.« Darum bleibt dies ganze Gebiet nicht nur für den eigentlichen »Occultisten«, sondern auch für den Kulturhistoriker und Psychologen interessant. Denn so leicht es auch ist, die Divination überhaupt aus dem naiven Wunsche des Menschen abzuleiten, den Schleier der Zukunft zu lichten und in der Umgebung überall bedeutsame Zeichen der Götter zu wittern, so rätselhaft bleiben doch die besonderen Formen, die einzelnen, oft so bizarren Wege und Methoden, durch welche dieser allgemeine Trieb sich zu befriedigen versucht.
Das eigentliche _Orakelwesen_, meint +Mommsen, röm. Geschichte I, 177+, sei nach Latium erst durch die Griechen eingeführt. »Die Sprache der römischen Götter beschränkte sich im Ganzen auf Ja und Nein und höchstens auf die Darlegung ihres Willens durch das -- wie es scheint, ursprünglich italische -- _Werfen der Loose_[631]; während seit sehr alter Zeit, wenngleich dennoch wohl erst infolge der aus dem Osten empfangenen Anregung die redseligeren Griechengötter wirkliche Wahlsprüche erteilten.«
Ein solches uraltes Loosorakel, Orakel der Fortuna, befand sich in Präneste, während sich in Antium ein anderes Orakel der Fortuna befand, wo das Bildnis dieser Göttin -- +o diva, gratum quae regis Antium+, singt Horaz, -- auf Fragen nickend antwortete.
Doch erscheint es mir zweifelhaft, ob Mommsen mit der Herleitung der übrigen italischen Orakel von den Griechen Recht hat, und zwar deshalb, weil nicht der Gott Apoll, wie bei den Griechen, sondern der zweifellos echt latinische Hirtengott Faunus und seine Gemahlin, die aus diesem Grunde die Beinamen +fatuus+ und +fatua+[632] trugen, nach römischer Auffassung die vorzugsweise weissagenden Gottheiten waren. Darum fanden sich die Standpunkte der altitalischen Orakel in Wäldern. Eines der ältesten und berühmtesten dieser Orakel war dasjenige zu _Tibur_, dem heutigen Tivoli. +Vergil, Aeneis VII, 85ff.+ beschreibt die hier übliche Methode der Wahrsagung in folgenden Versen:
»Aber der König erschrak, ob der Schau, _und zu Faunus Orakel_ Geht er und forscht in den Hainen _des schicksalredenden Vaters_, An der Albunea Schlund, die groß vor den Nymphen der Wälder, _Rauscht_ mit _heiligem Quell_ und _dumpf mephitischen Dunst haucht_, Wo der Italer Stämm' und rings die önotrischen Lande, Wankend in Not, Antworten erspähn. Wenn Gaben der Priester Dartrug und _in der Stille der Nacht_ auf geopferter Schafe Ausgebreitete Vließ hinsank und pflegte des _Schlummers_, Siehet er schweben umher viel seltsame Wundererscheinung, Und er vernimmt vielfaches Getön und hält mit den Göttern Hehres Gespräch und redet zum Acheron tief im Avernus.«
Daß es sich hier um _somnambule_ Zustände handelte, ist unzweifelhaft; der Befragende, wie der Priester, mußte sich vorher des Fleischgenusses und des Beischlafs enthalten, die Finger von Ringen befreit haben und in ein schlichtes Gewand kleiden. Der Priester brachte dann ein Schaf und andere Gaben zum Opfer, der Befragende legte sich, nachdem zuvor sein Haupt dreimal mit reinem Quellwasser besprengt war, auf das Vließ des Schafes zur Nachtzeit in der Nähe des rauschenden Wasserfalls und im Bereich der betäubenden (mephitischen) Bodenausdünstung nieder, um somnambule Träume zu erlangen.
Ein anderes seit der Urzeit berühmtes Orakel war zu _Cumae_, wo der Gott sich durch eine alte aber jungfräuliche Frau, die Sibylle, offenbarte, welche übrigens ihre Verkündungen der Regel nach nicht, wie die Priesterin in Delfi mündlich, sondern schriftlich überlieferte. Dieses beschreibt ebenfalls Vergil (+Aeneis III, 441ff.+):
»Wenn hierher du gelangt der kumäischen Stadt dich genähert, Und dem begeisternden See und dem waldumrauschten Avernus, Wirst du die Seherin schaun, die rasende, die in der Felskluft Schicksal singt und dem Laube die redenden Zeichen vertrauet. Welche Verkündungen nun in das Laub einritzte die Jungfrau, Ordnet sie alle nach Zahl und läßt sie verschlossen im Felsen. Jene ruhn unbewegt an dem Ort und behaupten die Ordnung. Doch wenn heran nur leise bei umgedreheter Angel Hauchte der Wind, und die Pforte die luftigen Blätter verwirrte, Nimmer die flatternden dann im gehöhleten Felsen zu haschen, Noch zu erneuern die Lag' und die Sprüche zu einigen, sorgt sie. Ratlos fliegen sie weg und hassen das Haus der Sibylle.«
* * * * *
Vorzugsweise auf eine Cumäische Sibylle Amalthea führte man die Orakel zurück, die der römische Senat als »_sibyllinische Weissagungen_« aufbewahrte und von Zeit zu Zeit zu konsultieren pflegte. Schon einem der Tarquinier soll einst ein geheimnisvolles Weib genaht sein und ihm neun Bücher Weissagungen zum Ankauf angeboten haben, und als er nicht sogleich auf ihre Forderung einging, erst drei und dann wieder drei jener Bücher verbrannt haben, bis schließlich der König die drei übrig gebliebenen aus ihren Händen nahm, worauf sie auf unerklärliche Weise vor seinen Augen verschwand. -- Einzelne der in den sibyllinischen Büchern überlieferten Orakel wurden aber auch von Albunea, einer ehemaligen Sibylle zu Tibur hergeleitet, die ihre Aufzeichnungen in das Wasser des gleichnamigen Bergstroms warf, wo sie von Fragenden aufgefischt wurden.
Die sog. _sibyllinischen Bücher_ verwahrte man bis zum Jahre 670 im Erdgeschoß des Jupitertempels in einem steinernen Kasten. Zur Lesung und Ausdeutung derselben wurde in frühester Zeit ein eigenes nur den Augurn und Pontifices im Range nachstehendes Kollegium von zwei Sachverständigen (+duoviri sacris faciundis+) bestellt. Leider wurden sie in diesem Jahre mit dem Tempel selbst ein Raub der Flammen. Man stellte aber jetzt alsbald aus den allenthalben verbreiteten angeblichen Abschriften eine neue, gesichtete und gereinigte Sammlung zusammen. Um dem Mißbrauch, der mit den übrigen im Volke kursierenden unechten sibyllinischen Büchern getrieben wurde, zu steuern, befahl noch Kaiser Augustus an einem Tage dieselben sämtlich dem städtischen Prätor auszuliefern, er ließ dann 2000 für unecht erkannte verbrennen, die echten aber in zwei vergoldeten Schränken im Apollotempel niederlegen, und er setzte statt der frühern +duoviri s. f.+ eine neue Kommission von fünfzehn Männern ein, um sie zu beaufsichtigen.
Die zwei Priester, die früher, und die Fünfzehner, die seit Augustus die Obhut über die sibyllinischen Bücher hatten, durften nur auf Befehl des Senats und im Beisein obrigkeitlicher Personen in denselben nachschlagen und dem Volke keine Orakel eigenmächtig mitteilen. Nur in Zeiten der Gefahr und Not, zumal wenn ungewöhnliche Zeichen die Gemüter aufregten, nahm man zu ihnen die Zuflucht. Vermutlich fand dabei kein Durchlesen und keine Auswahl des passend erscheinenden statt, sondern ließ man, indem man nach einiger ceremoniöser Vorbereitung die Schriftrolle aufs Geradewohl öffnete, den Zufall walten, wobei es natürlich immer möglich blieb, das zufällig entgegenkommende als ungeeignet abzulehnen. Die Orakel waren ja, wie alle Orakel, unbestimmt genug abgefaßt, um so ziemlich auf alle Fälle zu passen. Übrigens sollen sie sogar Prophezeiungen von den Weltaltern und einer schließlichen Rückkehr zum Anfangszustande (+apocatastasis+), die sich ebensowohl in den Bewegungen der Weltkörper wie in dem Zustande der Menschheit vollziehen werde, enthalten haben. Nach Tacitus soll in ihnen die Prophezeiung sich gefunden haben, daß einem aus Judäa Kommenden die Weltherrschaft beschieden sei, was allgemein schon von den Kirchenvätern auf Christus bezogen worden ist. Wahrscheinlich zitiert auch Vergil nur eine sibyllinische Weissagung in den Versen:
»Siehe von Neuem beginnt der Zeiten gewaltiger Kreislauf, Goldenes Alter kehret zurück, es kehret die Jungfrau, Und schon steiget ein neues Geschlecht vom erhabenen Himmel«,
Verse, die ja ebenfalls frühzeitig auf Christus und die mit ihm begonnene neue Weltperiode gedeutet worden sind.
Übrigens wandte man sich auch frühzeitig an den _delfischen_ Apollo; italische Städte wie Spina und Cäre hatten im delfischen Heiligtum wie viele andere mit demselben in regelmäßigem Verkehr stehende Gemeinden ihre eigenen Schatzhäuser. Außerdem zeugt dafür die frühe Aufnahme des mit dem delfischen Orakel eng zusammenhängenden griechischen Wortes +thesaurus+ in die lateinische Sprache und die älteste römische Form des Namens Apollon Aperta, der Eröffner, eine etymologisierende Entstellung des dorischen Apollon, deren Barbarei eben ihr hohes Alter verrät.
Sechstes Kapitel.
Beobachtung der Himmelszeichen, Vögel, Blitze u. s. w., und Opferschau.
Da nach der Anschauung der Alten Zeus-Jupiter, der _Himmelsvater_, der Beherrscher der Atmosphäre, der höchste Gott und Lenker aller irdischen Geschicke war, so wird es begreiflich, daß sie den Erscheinungen des Luftraums die größte Aufmerksamkeit zuwenden zu müssen glaubten, weil sie nun einmal von dem Glauben beseelt waren, daß der Gott ihnen seinen Willen durch Zeichen kundgeben wolle. Erklärlich wird es daher auch, daß die Segler der Lüfte, die Vögel, in ihren Augen als bevorzugte Boten dieses höchsten Gottes erschienen und neben anderen eigentlich meteorologischen Phänomenen zwar nicht immer als die vornehmsten, so doch als die häufigsten Träger der göttlichen Zeichensprache betrachtet wurden. +Denominatio fit a potiori.+ Man nannte jedes Himmelszeichen +auspicium+, wenn es sich ungesucht darbot, +augurium+, wenn es absichtlich eingeholt und erbeten war. Beide Worte aber sind Zusammensetzungen mit +avis+ = der Vogel. +Avis+ wurde geradezu mit +omen+ gleichbedeutend gebracht. -- Diesen Brauch, der offenbar in die dunkle arische Vorzeit zurückreicht, in der Italiker und Griechen sich noch nicht auf ihrer Wanderung getrennt hatten, finden wir bereits bei den Homerischen Griechen; und daß es schon damals im edelsten Sinne _starke Geister_ gab, die diese Superstition verachteten, beweisen die unsterblichen Worte Hektors (+Ilias XII, 236-243+):
»Du hingegen ermahnst, den weitgeflügelten Vögeln Mehr zu vertraun. Ich achte sie nicht, noch kümmert mich solches, Ob sie rechts hinfliegen zum Tageslicht und zu der Sonne, Oder auch links dorthin zum nächtlichen Dunkel gewendet. Wir vertrauen auf Zeus, des Hocherhabenen, Ratschluß, Der die Sterblichen all' und die ewigen Götter beherrschet! _Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten!_«
Wörtlich heißt hier der letzte berühmte Vers im Griechischen:
%heis oiônos aristos machein peri patridos aiês%.