Der Occultismus des Altertums

Part 58

Chapter 583,050 wordsPublic domain

Das Sinnbild des Genius war die Schlange, die, weil sie sich mit jedem Jahre verjüngt, das sich immer erneuernde Leben verdeutlicht. Hierdurch wird uns eine mehrfach verbürgte Erzählung vom Tode des Vaters der Gracchen, als Muster römischer Gattenliebe verständlich. Jener erblickte einst in seinem Ehebette ein Schlangenpaar und befragte die Weissager wegen der Bedeutung des Zeichens. Diese rieten ihm, eine davon zu töten, mit dem Bemerken, wenn er die männliche töte, würde _er_, wenn er die weibliche töte, seine Gattin, die berühmte Cornelia, binnen kurzem sterben. Er tötete die männliche und starb bald darnach an einer plötzlichen Krankheit. Cicero, der (+de divinatione+) diese Erzählung erwähnt, wirft allerdings die nicht unmotivierte Frage auf, warum er nicht _beide_ entgegen dem Rate der Seher am Leben gelassen. Übrigens wurde der Genius auch als angehender Jüngling, geflügelt, nackt oder mit einem gestirnten Gewande, mit Blumen oder einem Wachholderzweige dargestellt.

_Manen_, wohl nicht von +manere+ = bleiben, sondern von +manis+ = milde, sind die frommen _guten Seelen_ der _Abgeschiedenen_, also die wieder mit dem Genius vereinten, um den Inhalt des Erdenlebens bereicherten Geister. Sie sind dasselbe, was die Genien, aber vom postmortalen Standpunkt aus. Darum wird auch ihnen göttliche Verehrung zu teil. »Wenn ich einst tot bin«, schreibt Cornelia, die Tochter des großen Scipio, des eben erwähnten Vaters der Gracchen Gattin, an ihren Sohn Cajus, »so wirst du mir opfern (+parentabis+) und die Gottheit deiner Mutter anrufen. Wird es dich dann nicht beschämen, die Bitten eines Geistes anzuflehen, den du, als er noch lebte und gegenwärtig war, nicht beachtet und verschmäht hast?« (+Cornelius Nepos fragm.+) Der berühmte Rechtsgelehrte Labeo, der zur Zeit des Augustus lebte, Begründer der bedeutenden Rechtsschule der sog. Prokulejaner, hat eine besondere, leider nicht erhaltene Schrift über die Manen und ihre Verehrung verfaßt (+de diis, quibus origo animalis est+) d. h. über die in göttliche Geister verwandelten Menschenseelen.

Die göttliche Verehrung der Abgeschiedenen begann am achten Tage nach dem Tode, wenigstens erst _nach_ der Bestattungsfeierlichkeit. Denn bis zur Bestattung, die eben den Zweck hatte, den letzten noch vorhandenen magischen oder »magnetischen« Zusammenhang der Seele mit der unreinen Leiche zu lösen, konnte sich der Geist noch nicht in die himmlischen Höhen begeben. Die Leiche pflegte man sieben Tage lang in einem nur diesem Zwecke bestimmten Nebenraume des Vestibüls im römischen Hause aufgebahrt zu halten. Während dieser Zeit galt das Haus als unrein, ein Cypressenbaum vor der Thür warnte diejenigen, die Befleckung zu scheuen hatten, vor dem Eintritt. Am achten Tage wurde die Leiche in feierlichem Zuge zur Brandstätte, -- Feuerbestattung bildete die, jedoch nicht ausnahmslose, Regel, -- getragen, wo der Scheiterhaufen in Form eines Altars errichtet war. Die Verbrennung hatte denselben Sinn, wie diejenige des Herkules auf dem Oeta, damit sich das Ewige zum Himmel erheben möge,

»Wenn der Gott, des Irdischen entkleidet, Flammend sich vom Menschen scheidet Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.«

Darum sprach man, sobald die Verbrennung beendet war: unser Vater, Bruder, Gatte usw. ist allbereits ein Gott. Die Reste wurden dann unter Thränen und Klagen und Anrufung der Hingeschiedenen mit Wein gelöscht, in den Schooß gesammelt, mit Milch abgespült, in einem reinen Leinentuche gelüftet, in die Urne gelegt und nebst Thränenfläschchen, Weihrauch und Spezereien in der Grabstätte beigesetzt. -- Nunmehr kehrte man nach Haus zurück, welches inzwischen gründlich gefegt und gescheuert war, schritt über ein Feuer und ließ sich durch Lorbeerwedel mit Wasser besprengen und war gereinigt. Der große Wert, den die Römer, wie die Griechen, auf eine angemessene Bestattung legten (+justa facere+), wird verständlich durch den Glauben, daß die Seele vorher keine endgültige Ruhe finde; die Erde beherbergte keinen, der ihr nicht durch feierliche Ceremonien von symbolischer Kraft übergeben war. Nach Ablauf einer Woche wurde dann das erste Totenfest der Hinterbliebenen gefeiert, die sog. +feriae denicales+, zu dem selbst einem Soldaten der Urlaub nicht verweigert werden konnte. Man ehrte die Verstorbenen durch einen Leichenschmaus, durch Absingung von Lobliedern, durch Anzündung von Räucherkerzen und Weinspenden auf ihrem Grabe und Bekränzung desselben mit Blumengewinden.

»Dieses Fest«, sagt Cicero (+de legibus II, 22+) »darf nur auf solche Tage verlegt werden, an welchen nicht bereits ein anderes Fest stattfindet, und die ganze priesterliche Einrichtung des Kultus zeugt von seiner großen _Wichtigkeit und Heiligkeit_.«

Aber neben diesem besonderen Totenfest fand am 19. Februar jeden Jahres ein allgemeines Totenfest statt, die sog. Feralia oder Parentalia, ein Vorbild unserer »Aller-Seelenfeier«. Allgemein brachte man an diesem Tage den lieben Toten Opfer dar. Doch waren die Manen genügsam. »Leicht versöhnt sind die Seelen der Väter«, sagt Ovid (+Fast. II, 535+), »nur kleines begehren die Manen. Hinreichend ist die Platte des Altars bedeckt mit hingestreuten Kränzen, und gestreute Früchte und wenige Körner von Salz, auch in Wein getränktes Getreide und ungebundene Veilchen. Doch größere Geschenke verbiete ich nicht: aber auch schon hierdurch ist der Schatten versöhnbar. Füge, wenn der Altar erbaut ist, noch Gebete und die üblichen Formeln hinzu.« -- »So lange dieses Fest währt (sechs Tage), so lange weilt, ehelose Mädchen: es erwarte die fichtene Fackel heilige Tage, verbirg, Gott Hymen deine Fackeln und entferne sie von jenen traurigen Flammen: denn andere Fackeln haben die traurigen Gräber. Auch verschließe man die Tempel und verberge die Götter: von Weihrauch sollen deren Altäre nicht rauchen und die Herde vom Feuer nicht lodern. Denn jetzt irren umher die luftigen Seelen: jetzt nähren sich die Schatten von dargebrachten Speisen.« Man ging eben von der Überzeugung aus, _daß der Zusammenhang und die Sympathie der Verwandtschaft und Liebe keineswegs durch das Band des Todes zerrissen sei, einerseits bedurfte die Seele, um zu dem höheren Zustande empor zu steigen, der magischen Beihülfe ihrer hinterbliebenen Angehörigen, die durch Opfer, Ceremonien und vor allem durch Gebete ihre Gewissen beruhigten in dem Bewußtsein dadurch noch etwas für die verstorbenen Lieben zu thun; andererseits aber glaubte man, daß die Seelen der Hingeschiedenen selber noch den vollsten Anteil am Heile ihrer Hinterbliebenen nähmen, und wenn man sie um Schutz und Beistand anflehe, hilfreich mit ihrer geistigen Kraft in der Nähe weilten_. Aus diesem Grunde und da man zugleich annahm, daß die Reliquien und Überreste der Toten ein magisches Band seien, um ihre Gegenwart zu sichern, liebte man es, die Toten, wenn nicht gar im eigenen Hause, so doch in möglichster Nähe, auf der eigenen Besitzung zu bestatten. Wo immer ein Toter bestattet war, war der Ort heilig und schied aus dem Rechtsverkehr aus, durfte weder verkauft noch vertauscht werden; er stand im _Eigentum der Toten_. Der Verehrung der Ahnen (+lares domestici+) war im Atrium der Altar und das kleine Oratorium gewidmet, das wir fast in jedem pompejanischen Hause finden.

An allen Festtagen, die Kalenden, Nonen und Iden jedes Monats nicht ausgenommen, wurde den Toten geopfert und ein frischer Kranz um ihren Herd gelegt. Nichts liebten die Toten mehr als Blumen. Lieblich schildert ein solches Larenopfer und die davon gehoffte Wirkung für das Glück des Hauses die Ode von Horaz:

»Wenn du die Arme flehend zum Himmel hebst Bei jungem Mondlicht, ländliche Phidyle, Und fromm die Laren sühnst durch Weihrauch, Heurige Frucht und ein rundes Ferklein,

Dann spürt des Südwinds giftigen Odem nicht Der schwang're Rebstock, noch den verderblichen Mehlthau die Saatflur; nicht das junge Saugende Lamm die Beschwer der Obstzeit.

Der Opferstier, der kräftige Weide fand Im Eichenforst am schneeigen Algidus, Den Albas Grasflur üppig nährte, Röthe mit blutig getroff'nem Nacken

Das Beil des Priesters. Aber für _Dich bedarfs Nicht vielen Bluts unschuldiger Lämmer erst; Nur Rosmarin und zarte Myrten Winde den Göttern des Herds zum Kranze_!

Denn _deine_ Hand, die fromm den Altar berührt, Versöhnt, auch arm an Gaben, wie köstlicher Brandopfer Duft den Zorn der Götter, Spendet sie knisterndes Salz und Mehl nur.«

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Nichts ist abgeschmackter und unrichtiger, als wenn man hin und wieder einen besser in der Geschichte der Juden, deren Pietätlosigkeit gegen Tote so groß war, daß die Gelehrten noch nicht eins sind, ob das alte Testament überall die Unsterblichkeit der Seele gelehrt habe, als in der des klassischen Altertums bewanderten christlichen Geistlichen predigen hört, wie z. B. Luther, von den »unseligen Heiden, die keinen Trost für des Todes Bitterkeit wußten«. Umgekehrt ist es eine kulturgeschichtliche Thatsache, daß die Pietät gegen die Hingeschiedenen zuerst durch die Christen, welche, so uneinig sie auch über den Zustand der Seelen nach dem Tode augenscheinlich gewesen sind, meistens dem aus persisch-pharisäischen Vorstellungskreisen entnommenen Glauben an _fleischliche_ Auferstehung anhingen und bis dahin einen sog. Seelenschlaf (+pannychie+) voraussetzten, aus der Mode kam; den ersten Christen erschien der Manen- und Penatenkult als _Abgötterei_. Der Tote wurde begraben und bald vergessen; vor allem aber gab man den Zusammenhang mit den nicht christlich gewesenen und somit ewiger Verdammnis verfallenen Ahnen auf, soweit nicht etwa stellenweise griechische und römische Pietät, die auch das Dogma der sog. Höllenfahrt Christi motiviert haben wird, den übrigens sehr zweifelhaften Ausweg ergriffen haben mag, sich »über«, wie Luther schlecht übersetzt, richtiger wohl »für« oder »im Namen« der Toten taufen zu lassen. (+Corinth. I. 15, V. 29.+) Erst _später_ gab die römische Kirche dem im Volke nachhaltig wurzelnden Glauben an einen unzerreißbaren Zusammenhang der Liebe zwischen den Verstorbenen und Hinterbliebenen insoweit nach, als sie das »Aller-Seelenfest« und die »Totenmessen« einführte. Es blieb aber jetzt die _düstere_ Vorstellung von einem _qualvollen_ Zustande der abgeschiedenen Seelen im Fegefeuer maßgebend, der durch diese kirchlichen Gnadenmittel gemildert werden könnte. Immerhin hat die katholische Kirche durch diese, kulturgeschichtlich an den alten Römerglauben anzuknüpfende Institution einen das Gemüt sehr ansprechenden Vorzug vor dem Protestantismus, der den Glauben an die Unsterblichkeit zu einer kalten Abstraktion verflüchtigt und ebenfalls erst lange nach Luther, dessen grobsinnliche und wenig logische Natur niemals zu einer ganz klaren Lehre über das Jenseits gelangte, wieder in der Feier des sog. Totensonntags ein schwächliches Surrogat für die Allerseelenfeier gesucht hat.

Die jetzt im Katholizismus vorherrschende düstere Auffassung des jenseitigen Seelenzustandes war übrigens auch den Römern nicht fremd. Ihr entspricht die dritte Klasse der Abgeschiedenen, der sog. _Lemuren_, d. h. der friedlosen _Gespenster_, zu deren Beruhigung das Fest der Lemuralien (vom 9. bis 13. Mai) gefeiert ward.

»Wenn schon Mitternacht ist und dem Schlafe Stille darbeut,« sagt Ovid (+Fasten V. 430ff.+), »und der Hund und ihr mancherlei Vögel stille schweigt, so erhebt sich, wer eingedenk des alten Brauchs und gottesfürchtig ist: seine beiden Füße fesseln keine Bande. Er giebt Zeichen mit den Fingern dicht angefügt, den Daumen in der Mitte, damit nicht ein leichter Schatten, wenn er ruhig wäre, ihm entgegen käme. Dreimal bespritzt er mit dem Wasser eines Gottes die reinen Hände, dreht sich um, und nimmt in den Mund schwarze Bohnen. Er wirft sie umgedreht; aber während er wirft, spricht er: das hier bringe ich: mit diesen Bohnen löse ich mich und die Meinen. Das spricht er neunmal, nicht zurückschauend. Der Schatten, glaubt man, lese sie auf und folge, wenn keiner zurückblickt. Darauf wieder besprengt er sich mit Wasser, und schlägt klirrend temesäische Erze zusammen, und fleht, daß der Schatten aus seiner Wohnung gehen möchte. Hat er neunmal gesprochen: Geht heraus, ihr Männer der Väter! so blickt er zurück, und hält die Opfer für heilig geendigt. Woher der Tag benannt ist, und woher der Ursprung des Namens, weiß ich nicht. Von einem Gotte müssen wir's erfahren. Du der Pleiade Erzeugter, belehre uns, ehrwürdig durch deinen mächtigen Stab! Oft hast du den Königspalast des stygischen Zeus gesehen. Erfleht erschien der Träger des Stabs: Vernimm die Ursach des Namens! Von ihm selbst, dem Gotte, hab' ich die Ursache erfahren. Wie Romulus die Schatten seines Bruders im Leichenhügel verborgen, und dem unglücklichen Springer Remus das Todtenopfer vollendet, so besprengte der unglückliche Faustulus und Acca mit fliegenden Haaren die verbrannten Gebeine mit ihren Thränen. Drauf kehrten sie traurig beim Anfang der Dämmerung nach Hause zurück, und legten sich in diesem Zustande nieder aufs harte Lager. Remus blutiger Schatten schien vor dem Lager zu stehen, und mit leisem Gemurmel diese Worte zu reden: Auf dann, sehet, was ich nun sei, ich die Hälfte von euch und der andere Teil des Gelübdes; wie und wer ich soeben war, während ich, hätte ich nur Vögel gesehen, die mir Herrschaft verhießen, der größte in meinem Volke sein konnte. Jetzt bin ich entflohen den Flammen des Scheiterhaufens, bin ein leeres Schattenbild. Das ist die Gestalt von jenem Remus zurückgelassen. Ach! wo ist Vater Mars? wenn ihr anders die Wahrheit geredet habt, und jener den Ausgesetzten die Euter einer Wölfin vergönnte? Den eine Wölfin erhielt, den hat eine frevelnde Hand eines Mitbürgers gemordet. O wie viel sanfter war _sie_? Wüthrich Celer, unter Wunden gieb deinen grausamen Geist auf, und betritt, wie ich, das Unterreich mit Blut befleckt! Das war der Wille meines Bruders nicht: auch er besaß, wie ich, gleiche Liebe. Thränen, nur das vermocht er, vergoß er um meinen Tod. Ihn fleht bei seinen Thränen, ihn bei eurer Erhaltung, daß er feierlich mit festlicher Ehre den Tag auszeichne! Wie er den Auftrag gab, wünschten sie ihn zu umfassen, und streckten aus die Arme. Den greifenden Händen entfloh der flüchtige Schatten. Sobald das fliehende Bild den Schlaf mit sich entführte, so berichten beide dem König den Befehl seines Bruders. Romulus gehorchte und nannte den Tag Remuria, an dem den begrabenen Ahnen Todtenopfer gebracht werden. Der harte Buchstabe, der erste im ganzen Namen, ist in der langen Zeit in einen gelinden verändert worden. Bald auch nannte man der Schweigenden Seelen Lemuren, das ist des Wortes Sinn, das seine Bedeutung. Doch die Tempel verschlossen die Alten an jenen Tagen, so wie man sie noch jetzt zur Leichenzeit verschlossen sieht. Auch war dies nicht die Zeit schicklich zu fackeln einer Verwittweten noch einem Mädchen. Lange lebte die nicht, die hier sich verhüllte. Darum sagt auch der große Haufe: (wenn dir Sprichwörter gefallen): Schlechter Mädchen Ehe fällt in den Monat Mai.«

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Während Jupiter Herr der Genien ist, ist Saturn Herr der übrigen guten Geister. Im übrigen steht die gesamte Unterwelt unter dem Szepter des _Orcus_, der auch Dis, Jupiter Stygius heißt, identisch mit dem Pluton der Griechen. Dessen Gattin, von den späteren Dichtern mit Proserpina identifiziert und gewöhnlich auch so genannt, hieß mit ihrem altlateinischen Namen Libitina, Lubentia oder Lubia. Ihr Tempel diente zur Aufbewahrung aller zu Leichenbegängnissen erforderlichen Gerätschaften; ihre Priester, die +libitinarii+ fungierten als Leichenführer, führten auch das Totenregister. Sonderbarerweise wird diese Libitina vielfach mit der Lustgöttin Venus identifiziert, so daß man von einer _Venus_ Libitina liest, was an die gleichzeitige Beziehung der griechischen Demeter zum Tode und zur Zeugung erinnert.

Viertes Kapitel.

Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen.

Noch heutzutage muß dem Nordländer, der Italien zum ersten Male bereist, die große Verbreitung des Glaubens an schwarze Magie, insbesondere den bösen Blick (+mal occhio+), ferner an die Bedeutsamkeit gewisser Tage, Stunden, Zahlen u. s. w., und an bedeutsame symbolische Handlungen auffallen. Es ist ein Erbteil der alten Latiner und Etrusker. Nirgends werden, selbst von Angehörigen der sog. gebildeten Stände, besonders freilich von Frauen mehr Amulette gegen Zauber, Behexung u. s. w. getragen, als in Italien. Man kann sich denken, wie viel verbreiteter dieser, durch das Christentum einigermaßen gedämpfte Aberglauben in der heidnischen Zeit gewesen ist. Hatte doch selbst der allgemeine Brauch der _Bulla_ bei den römischen Jünglingen nur in diesem Glauben seinen Grund. Die Bulla war eine hohle, runde, inwendig mit magischen Präservativmitteln gegen Behexung und Neid gefüllte goldene Kugel. Eine solche trugen auch die Triumphatoren, die ja ganz besonders dem Neid und bösen Blick ausgesetzt zu sein besorgen mußten.

Beim Anfange eines jeden wichtigeren Geschäftes achtete man auf alle nur erdenklichen Zeichen (+omina+), die man teils für günstig, teils für ungünstig hielt. Da ein ungünstiges Zeichen, das von dem Handelnden nicht beobachtet wurde, auch keine Bedeutung für ihn hatte, so pflegte der Römer beim Opfer sich das Gesicht zu verhüllen, um kein Zeichen wahrzunehmen und beim Aussprechen feierlicher Gebete, Eidesformeln u. s. w. einen Flötenbläser spielen zu lassen, um auch die Ohren zu sichern.

So gingen dem Opferkönig und den Priestern Herolde (+praeclamitatores+) vorauf, welche mit dem Rufe: +hoc age!+ »Habt Acht!« die Leute, bis der Priester vorüber wäre, von der Arbeit abzulassen mahnten; denn abgesehen davon, daß die Arbeit an sich nicht zur Feier paßte, war die Einstellung derselben nötig, weil bei vielen Beschäftigungen, z. B. beim Schlagen, Hämmern und Sägen Mißtöne erzeugt werden konnten, die unheilkündend waren und ein Fest entheiligten, ebenso wie Klage und Wehrufe, Hader, Zank, Scheltworte und Flüche. Darum ertönte auch vor jedem Opfer der Ruf des Herolds: »Habet Acht auf Gedanken und Worte!«

Doch war glücklicher Weise die Zahl glückverheißender Omina nicht geringer, als die der ungünstigen; und das Beste war, daß nach römischer Auffassung die Geistesgegenwart des Beobachtenden es durchaus in ihrer Gewalt hatte, ein Zeichen anzunehmen (+accipio omen+) oder zurückzuweisen (+ad me non pertinet+). So war z. B. das Niesen ein göttliches Zeichen. Der Römer pflegte es sofort mit einem +accipio omen+ aufzunehmen. Ich bin überzeugt, daß die Römer, hätten sie den Schnupftaback schon gekannt, reichlich von ihm bei wichtigen Angelegenheiten, im Senat oder in der Volksversammlung, selbst bei Opfern und religiösen Handlungen Gebrauch gemacht haben würden. Gewiß würde jeder Senator seine Schnupftabacksdose bei sich geführt haben. Auch konnte man der sich zunächst aufdrängenden ungünstigen Bedeutung eine passende günstige substituieren, die Kraft des bösen Zeichens brechen und seine anscheinende Drohung in eine Verheißung verwandeln. Durch solche Geistesgegenwart haben große Männer sich nicht selten zu Herren der Situation gemacht, indem sie es verstanden, den schlechten Eindruck, den irgend ein anscheinend ungünstiges Omen auf ihre Umgebung machte, in sein Gegenteil umzukehren. Bekannt ist z. B., daß Cäsar, als er an der afrikanischen Küste aus dem Schiff springend zu Boden stürzte, die Worte sprach: »Ich fasse Dich, Afrika!« Der Legat Marcellus rief, als beim Beginn einer von ihm geleiteten Attacke gegen Viridomarus sein Pferd, vom Waffenblitz geblendet und vom Getöse scheu geworden auf die Seite sprang, frohlockend aus: sein Pferd habe gegen die Sonne zu die Schwenkung des Betens gemacht.

Durch Schlauheit und Betrug konnte man sich sogar ein Zeichen aneignen, das einem Anderen zu teil geworden war. Ein Beispiel der Art erzählt +Livius I, 45+ und Plinius (siehe folgende Seite!).

Kein Römer hat diesen Aberglauben witziger verspottet, als Cicero in seiner Schrift über die Weissagung.

»O, unglaublicher Unsinn!« ruft er aus, »Wie kannst Du, wenn du darauf achtest, freien Mutes sein, um zu einer Unternehmung nicht den Aberglauben, sondern die Vernunft zum Führer zu haben? -- Sollen wir bei unseren Handlungen auf das Anstoßen des Fußes, auf das Zerreißen eines Fußriemens und auf das Niesen Acht geben?« -- Wie tief dieser Aberglaube gleichwohl auch in den gebildeten Römern der späteren Zeit wurzelte, beweist nichts mehr als die folgende Ausführung des Naturforschers Plinius, desselben, der den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele mehrfach verspottet, der aber in seiner Naturgeschichte (+H. N. XXVIII, 3+) _über die Kraft symbolischer Sprüche und Handlungen_ folgendes bemerkt: