Der Occultismus des Altertums

Part 5

Chapter 53,387 wordsPublic domain

Ea ist »der gewaltige Fisch des Oceans« (+gal-chana-abzu+), den er bewohnt, der Oannes (+ea-chan+) des Berosus. Derselbe nennt Ea den Beschützer und Retter des Xisuthros (+khasisatra+), des chaldäischen Noah und sagt, nachdem er erzählt hat, wie das Schiff des Gerechten auf einem hohen Berge stehen geblieben war: »Ein Theil dieses gestrandeten Schiffes ist noch vorhanden in den korydäischen Bergen in Armenien, und Wallfahrer holen von da Asphalt, den sie vom Wrack abkratzen, um es als Mittel gegen Bezauberung zu gebrauchen.« Ähnlich sagt der Auszug des Abydenus: »Aus dem Holze des Schiffes machen die Bewohner des Landes Amulette, welche sie zum Schutz gegen Bezauberung um den Hals hängen.«

Über die Vorstellungen, welche die Akkader von der Gestalt der Erde hatten, wurde bereits das Nötige gesagt; es bleibt nur noch übrig, die Anschauungen derselben von der Unterwelt, dem »Abgrund« und »Land ohne Heimkehr« zu entwickeln. In der Höllenfahrt der Istar wird dasselbe ähnlich dem hebräischen Scheol folgendermaßen geschildert:

»Die Tochter des Sin (Istar) hat ihren Geist gerichtet Auf die Stätten der Auflösung, den Sitz des Gottes Irkalla, Auf die Stätte, in die man eintritt, ohne wiederzukommen[35], Auf den Pfad, den man wandelt, ohne wiederzukehren, Auf die Stätte, wo Allen, die da eintreten, das Licht durch Blindheit ersetzt wird, Wo die Menge nur Staub für ihren Hunger, nur Schlamm zu ihrer Nahrung hat, Wo man das Licht nicht erblickt und im Finstern wohnt, Wo die Schatten gleich Vögeln gekleidet sind in ein Gewand von Flügeln, Wo auf der Thür und den Thürflügeln der Staub sich anhäuft.«

In Istars Höllenfahrt wird eine »Quelle des Lebenswassers« erwähnt, welche sich im Hintergrund des Landes ohne Heimkehr befindet und von den unterirdischen Mächten eifersüchtig vor der Annäherung der Schatten (+utuk+) der Verstorbenen bewacht wird. Nur ein Befehl der himmlischen Götter kann sie veranlassen, eine Annäherung zu gestatten; wer aber »das Wasser des Lebens« getrunken, kehrt lebend an das Tageslicht zurück. -- Eine ähnliche Vorstellung hat wohl schon zur Zeit der Abfassung der magischen Texte existiert, weil ein Hymnus auch dem Silik-mulu-khi, dem Mittler zwischen Gott und Mensch, die Macht zuschreibt, »die Todten ins Leben zurückzuführen«. -- Auch Diogenes Laërtius berichtet ausdrücklich, daß die Chaldäer an eine Auferstehung glaubten, nach welcher die Menschen unsterblich sein sollten.

In dem genannten chaldäischen Epos wird das Land ohne Heimkehr nach dem Vorbilde der Planetensphären in sieben konzentrische Kreise geteilt, zu welchen »sieben Thore und Verschlüsse der Welt« führen, die man sich vermutlich rings um den Saum der Erde verteilt dachte. Der Haupteingang in die Unterwelt, welchen der Gott Negab (Thürhüter), »der große Thürhüter der Welt« bewachte, lag im Westen in der Nähe des »großen Berges«, welcher dem »Berge des Ostens«, der »Wiege des Menschengeschlechts« und dem »Versammlungsort der Götter« gegenüberliegt.

Während die Pelasger die Götter der Unterwelt als die Erzeuger der Fruchtbarkeit verehrten, verehrten die Akkader die Sonne der Unterwelt[36] als den Gott der glänzenden Steine und Metalle, aus welchen die Talismane gefertigt wurden. Die magischen Bücher kennen einen Gott des Goldes, des Silbers und Kupfers, einen »Gott und Herrn des Ostens in seinem Berg von Edelsteinen« und einen »Gott der Ceder«, welcher namentlich bösen Zauber abwendete.

In einem Hymnus an Nin-dara werden öfter kostbare Steine erwähnt, deren talismanische Kräfte ihr Besitzer Nin-dara gegen das feindliche Land richtet, woraus sich wohl die Thatsache erklären läßt, daß das Altertum den Ursprung des talismanischen Zaubers nach Chaldäa verlegt. Das Buch, welches nach Angabe des Plinius der Babylonier Zacharias über Talismane verfaßte und dem König Mithridates widmete, gehörte wahrscheinlich zu den Produkten der griechisch-babylonischen Litteratur, welche zu den alten akkadischen Zauberbüchern in einem ähnlichen Verhältnis standen wie die hermetischen Bücher zu den Schriften der alten Ägypter.

Die der Hölle entsprossenen Dämonen hegen wie die Schwarzkünstler eine große Vorliebe für die Finsternis und schleichen unter dem Schutz der Finsternis als Plagegeister umher, welche die Menschen überall belästigen und heimsuchen. Die Finsternis galt deshalb als sichtbare Offenbarung des bösen Prinzips ebenso wie das Licht als Offenbarung des guten. Utu, die Tagessonne, verscheucht die Dämonen und Zauberer:

»Du machst die Lüge schwinden, du vernichtest den bösen Einfluß Der Wunder, Vorbedeutungen, Zaubereien, Träume und schädlichen Erscheinungen.«

Ein anderer Gegner der Dämonen und Zauberer ist Ini oder Mermer, der Gott der Winde und fruchtbaren Regen, welcher später in den chaldäischen Bin oder Ramann, den Gott aller atmosphärischen Erscheinungen umgewandelt wurde.

Auch der Feuergott Bil-gi ist ein mächtiger Widersacher der Zaubereien und Bekämpfer der bösen Dämonen, als welchen ihn folgendes Fragment preist:

»Der du die bösen Maskim verjagst, Der du gedeihen läßt die Wohlfahrt des Lebens, Der du des Bösen Brust in Schrecken bannst, Hüter des Orakels des Mul-Gelal. Feuer, Vernichter des Feindes, Schreckliche Waffe, welche die Pest vertreibt, Welche befruchtet und leuchten läßt, Welche unter den sieben Göttern die Bösen vernichtet.«

Ini, der altakkadische Feuergott, nahm bei den Babyloniern einen solaren Charakter an und wird als Izdhubar der Held eines der bedeutendsten chaldäischen Epen, in welchem auch die Sintflutmythe eine besondere Episode bildet. Er wird wie Bil-gi der Herr der Talismane genannt, und seine hauptsächlichsten Prädikate sind: +puvalu+, Riese, und +puvalu-emuki+, Riese an Macht. Sein Abzeichen ist das Schilfrohr, welchem wir als Zauberstab schon oben begegneten, und das später an Silik-mulu-khi übergeht.

Silik-mulu-khi, der Verkünder des Willens und der Ratschläge Eas, der Mittler zwischen ihm und der Menschheit, ist eng mit dem Erzengel Çraoscha, »dem Heiligen und Gerechten« des Zoroastrismus verwandt, ebenso mit Mithra, wie man denselben am Ende der Periode der Achämeniden unter dem Einfluß des medischen Magismus zur Zeit der Zersetzung der alten mazdeischen Lehre auffaßte.

Eine andere Analogie zwischen der Magie der Akkader und der spätern mazdeischen Religion findet sich in der Lehre von den Feruern, welche im Zoroastrismus die reinen Formen der Dinge, himmlische Urbilder der irdischen Wesen sind. Jeder Engel, jeder Mensch, jeder Stern, ja jedes Tier und jede Pflanze hat seinen eigenen Feruer, seinen unsichtbaren Schutzgeist, welcher beständig über ihm wacht, und den der Mensch durch Gebet und Opfer um Gnade anfleht. Diese Feruer sind offenbar die den Einzelwesen vorstehenden Geister der Akkader, welche in den spätern Parsismus Aufnahme fanden und hier ihren Platz auf den untern Stufen der Hierarchie des guten Prinzips fanden.

Wie im Zendavesta jeder Mensch seinen Feruer besitzt, so ist bei den Akkadern einem jeden von Geburt an ein besonderer Gott zugeeignet, welcher ihn beschützt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist.[37] Nach einer Vorstellung entspricht jedem Menschen sogar »ein Gott und dessen Göttin, reine Geister über ihm«. Daher heißt es auch so häufig anstatt z. B. der fromme Mensch, der fromme König: »der Mensch, Sohn seines Gottes«, »der König, Sohn seines Gottes«. Daher ruft auch z. B. in einer Beschwörung der Priester dem Feuergott zu: »Mit dir sei in Frieden das Herz meines Gottes und meiner Göttin, der reinen Geister!« und deshalb heißt es: »Er werde zurückversetzt in die gnädigen Hände seines Gottes!«

Diese Schutzgötter sind übrigens keineswegs vollkommene Wesen, sondern teilen die menschliche Natur ihrer Schutzbefohlenen mit ihren Unvollkommenheiten und Schwächen. Sie können samt den mit ihnen verbundenen Menschen von den Dämonen und Zauberern bezwungen und dienstbar gemacht und sogar dahin gebracht werden, alles Böse im Menschen zu bewirken und zu veranlassen, was Dämonen und Zauberer befehlen. Wenn z. B. der Pestdämon Namtar einen Menschen ergriffen hat, so befinden sich der Gott und die Göttin des Menschen ebensogut in der Gewalt des Geistes der Krankheit als dessen Körper. Es läßt sich mithin sagen, daß der besondere Gott und die besondere Göttin eines Menschen einen Teil seiner Seele bilden, was auch von den zoroastrischen Feruern gilt, nur daß die Auffassung der letzteren eine dem »transcendentalen Subjekt« entsprechende höhere war und sich von der Stofflichkeit und Unvollkommenheit des irdischen Menschen besser abgelöst hatte.

Zweites Kapitel.

Das Divinationswesen der Chaldäer.

Das chaldäische Divinationswesen gehört der sechzehn Jahrhunderte umfassenden Periode an, welche von Sargon I., König von Agane, bis zu Alexander dem Großen reicht.

Aus den im vorigen Kapitel angegebenen Elementen hatte sich die chaldäische Staatsreligion herausgebildet und war in den in Babylonien, Assyrien und Chaldäa gleich einflußreichen Priesterschulen nach einem einheitlichen philosophischen System geregelt worden. Ihre ein zusammenhängendes Ganze bildenden Lehren waren in den heiligen Büchern codifiziert und wurden in den Tempeln und Priesterschulen, deren einflußreichste sich zu Erech befand, gelehrt.

Wie schon gesagt, nahm die akkadische Magie in dieser Staatsreligion nur eine niedere Stufe ein, denn die den forschenden Geist der Priester der neuen Religion belebenden Ideen waren ganz anderer Natur. Die Basis derselben war die Astrologie, welche die im Altertum sprichwörtlich gewordene Hauptbeschäftigung der Chaldäer bildete. Die Bezeichnung Chaldäer hat hier jedoch keine ethnische Bedeutung, sondern wird im Sinne der Bibel wie der Griechen für die Angehörigen jener großen Priesterkaste gebraucht, welche sich nach der eingangs erwähnten großen Reformation um das Jahr 2000 v. Chr. über Babylonien wie Chaldäa verbreitete und ihren allgewaltigen Einfluß auch auf die assyrische Kultur ausübte.

Philo sagt: »Die Chaldäer scheinen die Sternkunde und Wahrsagerei vor allen andern Völkern gepflegt und befördert zu haben. Sie brachten die irdischen Dinge mit den himmlischen, mit andern Worten den Himmel mit der Erde in Verbindung und suchten dann aus den wechselseitigen Beziehungen dieser nur räumlich, nicht wesentlich geschiedenen Theile des Weltalls auch den harmonischen Einklang derselben nachzuweisen. Sie stellten die Vermuthung auf, daß die sinnliche Welt an sich oder doch wenigstens durch die sie belebende Kraft Gott sei, und riefen, indem sie diese Kraft unter dem Namen Verhängniß oder Nothwendigkeit vergöttlichten, den reinen Atheismus hervor, denn sie erweckten den Glauben, daß alle Naturerscheinungen nur eine sichtbare Ursache hätten, und daß von der Sonne, dem Mond und dem Laufe der Gestirne das Glück oder Unglück eines jeden Menschen abhänge.«

Der Kern der chaldäischen Lehren, ihre Licht- und Schattenseiten können wohl kaum treffender charakterisiert werden; nur ist das, was Philo über den Atheismus und Materialismus der Chaldäer sagt, eben so wenig wörtlich zu nehmen als eine ähnliche Stelle des Diodorus Siculus[38]:

»Die Chaldäer behaupten, daß die Welt ihrem Wesen nach ewig sei, daß sie keinen Anfang gehabt habe und kein Ende haben werde. Die Schönheit und die Ordnung des Weltalls schreiben sie einer göttlichen Vorsehung zu und behaupten dennoch, daß auf Erden keine Erscheinung, kein Vorkommniß zufällig oder spontan, sondern schon im Voraus von den Göttern bestimmt sei.«

Die von Diodorus gemeinte Vorsehung ist nicht die schaffende, sondern die ordnende Urkraft, welche einerseits mit der Ewigkeit der Welt verbunden ist, andererseits aber nach einem höheren Willen den Lauf der Gestirne in den bestimmten Bahnen regelt. Dieses Gesetz aber ist nichts anderes als das Verhängnis oder die Notwendigkeit des Philo, das Gesetz und die Harmonie, welche Sanchuniathon personifiziert[39], die Thuro-Chusartis der phönizischen Theologie, das Sinnbild der Einheit der unwandelbaren Ordnung und wunderbaren Harmonie des Weltalls. Die Bezeichnung Atheismus ist insofern unzutreffend, als die Chaldäer ein göttliches Urwesen oder eine allgemeine Weltseele, aus welcher alle niederen Gottheiten emanierten, annahmen. Nur leiten sie dieses göttliche Urwesen von der Materie ab, welche sie sich niemals völlig von ihm getrennt dachten. Deshalb war auch ihr Gott weder ein Wesen an sich, noch rein geistiger Natur, noch auch unumschränkt. Er war als Ordner und Leiter der Welt doch durch das unbeugsame Gesetz der Notwendigkeit gebunden, nach dessen Bestimmungen er durch seine oberste Emanation die Schöpfung der Welt hatte vollbringen lassen.

Die Neigung zur Astrologie erwuchs den Chaldäern aus ihren eigentümlichen, den nördlichen Semitenvölkern entlehnten religiösen Anschauungen. Indem sie den Himmel, die Harmonie seiner Bewegung und die Einwirkung der Sonne auf alle Lebewesen beobachteten, waren sie in durchaus naheliegender Weise dahin gekommen, alle Naturerscheinungen mit den Sternen, namentlich mit den Planeten, in Verbindung zu bringen; sie führten den Gestirndienst ein. Die Chaldäer verehrten die Gestirne nicht nur als die glänzendste Offenbarung der göttlichen Macht, sondern verehrten sie als Gottheiten. Auch führten sie zuerst systematische astronomische Beobachtungen ein, wie sie zur Einteilung der Zeit und Innehaltung ihrer religiösen Feste unbedingt notwendig waren.

Diese Beobachtungen nahmen sie auf ihren Pyramiden vor, welche in Stockwerke geteilt und wie die ägyptischen mit den Seiten nach den Himmelsgegenden orientiert waren. Die Zahl der Stockwerke schwankt zwischen drei zu Ur und sieben zu Borsippa am großen Turm, den Nabukudurussur wieder herstellen ließ. Die drei Stockwerke zu Ur entsprechen der Trias der Götter der Sonne, des Mondes und der Luft, Samas, Sin und Bin. Fünf Stockwerke, welche ebenfalls vorkommen, entsprechen den Planeten, und sieben den Planeten samt den Lichtern. Alle Pyramiden von sieben Stockwerken sind mit den Farben der Planeten übertüncht.[40] Sie waren sowohl die Stätten des Gestirnkultus als auch wirkliche Observatorien, wie Diodorus Siculus von der großen Pyramide zu Babylon ausdrücklich sagt. Man glaubte sich durch sie den Göttern stufenweise zu nähern, und auch auf einem Basrelief von Denderah ist die in den Geheimlehren des Altertums eine so große Rolle spielende Leiter in dieser Gestalt abgebildet, und auch Celsus bedient sich bei der Beschreibung der Mithrasmysterien des Wortes %klimax%, Leiter, in entsprechender Weise.[41] Die Himmelsleiter Jakobs ist ebenfalls als eine solche Pyramide zu betrachten.

Die Chaldäer zeichneten die auf diesen Pyramiden beobachteten Himmelserscheinungen, Konstellationen, Mondphasen usw. samt ihrem Zusammenfallen mit irdischen Ereignissen auf und glaubten, indem sie von der Ähnlichkeit und Gleichheit der Erscheinungen auf den Parallelismus der Geschicke schlossen, den Schlüssel zu den Rätseln der Zukunft gefunden zu haben.

Lenormant sagt: »Die unabänderliche Regelmäßigkeit des Laufes der Sterne und ihr Einfluß auf den Wechsel der Jahreszeiten rief die Vorstellung vom Walten eines unabänderlichen und ewigen Gesetzes hervor, welches durch ein festes solidarisches Verhältniß alle Erscheinungen und Ereignisse verbinden und die irdischen Dinge von den himmlischen abhängig mache. Und daraufhin wurde angenommen, daß alle beobachteten Coincidenzen sich mit nothwendiger Gleichheit wiederholen müßten.

Die Astrologie nahm allmählich eine immer bestimmtere Form an, ja sie machte sogar auf wissenschaftliche Genauigkeit Anspruch, da sie mittelst der fortgesetzten alltäglichen Beobachtungen eine Reihe astronomischer Wahrheiten erhärtet hatte. Die menschlichen Geschicke und geschichtlichen Begebenheiten wurden lediglich in die Kategorie der gewöhnlichen Naturereignisse gerechnet, und daher suchte man denn auch das Geheimniß derselben in den complicirten wechselnden Stellungen derselben, sowohl unter einander als in Bezug auf Sonne und Mond zu ergründen. Die Gestirne waren nicht allein Lenker des Weltalls, die bestimmende Ursache aller Vorkommnisse und Begebenheiten, sondern auch die Verkünder derselben. Denn ihre Stellungen und Erscheinungsphasen hatten sämmtlich eine bestimmte Bedeutung, und wie die ersteren die Ereignisse bestimmten, so waren die letzteren auch sichere Vorzeichen derselben. Man reihte deshalb alle wahrgenommenen Coincidenzen der verschiedenen Begebenheiten mit den Erscheinungen der Sonne, des Mondes, der Planeten und Fixsterne in ein bestimmtes System ein, unterließ aber gleichzeitig nicht, aus den allgemeinen Beziehungen der wechselnden Erscheinungen zur Atmosphäre neben den politischen und historischen Prophezeiungen auch manche sich nicht selten als richtig erweisende Vermuthungen über das Wetter abzuleiten. Endlich wurden derartige Beobachtungen und Erfahrungen tabellarisch verzeichnet, um eben in allen vorkommenden Fällen befragt und als Richtschnur beobachtet zu werden.«

Hier einige Proben derartiger Aufzeichnungen der Keilschriftlitteratur:

»Erscheint der Mond auffällig groß, so wird eine Finsterniß eintreten. Erscheint er dagegen auffällig klein, so wird die Ernte des Landes gesegnet sein.« (Unvollkommene Beobachtungen von Perigäum und Apogäum des Mondes, welche zufällig mit einer Finsternis und guten Ernte zusammenfielen.)

»Zeigt der Mond am 1. und 28. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies ein verhängnißvolles Zeichen für Syrien. -- Ist der Mond am 30. sichtbar, so ist dies ein gutes Zeichen für das Land Akkad und ein böses für Syrien.«

»Zeigt der Mond am 1. und 27. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies ein verhängnißvolles Zeichen für Elam.«

»Jupiter geht auf, und sein Licht ist hell wie der Tag; in einem Glanze bildet er hinter sich einen Schweif, ähnlich dem Stachel der Scorpione. Es ist dies ein günstiges Vorzeichen, welches Glück verkündet dem Herrn des Hauses und dem ganzen ihm unterthänigen Lande.«

»Leuchtet im Monat Duz der Stern Entemaslun (Aldebaran) bei seinem Aufgang sehr hell, so wird die Ernte des Landes sehr gut, und ihr Ertrag ein reichlicher sein. -- Ist dagegen dieser bei seinem Aufgange verhüllt, so wird die Ernte des Landes mißrathen.«

»Wird der Mond von dichtem Gewölk verhüllt, so stehen Überschwemmungen bevor. -- Trinkt der Mond in den Wolken, so wird es regnen.«

Man sieht, daß diese Aufzeichnungen der frühesten Kindheit der Beobachtung entstammen und mit Ausnahme der letzten Schlüsse vom Prügel auf den Winkel sind.

Außer den astronomischen Erscheinungen wurden noch die tellurischen eifrig beobachtet, und es hat sich das Inhaltsverzeichnis eines augurallitterarischen Werkes aus der Bibliothek des Statthalters von Niniveh erhalten, welches fünfundzwanzig Tafeln und Kapitel stark war. Von diesen fünfundzwanzig Kapiteln handelten vierzehn von günstigen und ungünstigen tellurischen Erscheinungen, elf von Astrologie. Der Text selbst ist verloren, und von den Kapitelüberschriften sind folgende Reste erhalten:

»1. Also, die Prophezeiungen von Glück und ihr Gegentheil, -- die Anzeichen von Freude und Trübsal für das Menschenherz.«

»2. Also: der Herr des Geldes, der Erklärer der Regengüsse --.«

Es handelt sich hier offenbar um die Wahrsagung aus den Regen, welche als Brechomantie noch heute in der Türkei eine große Rolle spielt.

»3. Von den Sternwarten der Stadt.«

Die Überschrift des vierten Kapitels ist schwer verständlich; es scheint von der Deutung des Gesanges oder Geschreis, des Erscheinens und des Fluges »der Vögel des Himmels, der Gewässer und der Erde« gehandelt zu haben. Den diesbezüglichen Beobachtungen scheint man besonders dann eine große Wichtigkeit beigelegt zu haben, wenn sie »in der Stadt und den Straßen derselben« gemacht wurden.

»6. Zinnober ist über der Flamme verbrannt.«

»7. Wird das Aussehen eines Hauses alterthümlich, so ist dies für die Bewohner des Hauses ein verhängnißvolles Zeichen.«

Über diese sogenannte Ökoskopie schrieb bei den Griechen ein gewisser Xenokrates, und auch der heilige Basilius spricht in seinen Schriften darüber.

»13. Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer, -- ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen.«

»14. Ein Seedrache mit den Vögeln des Himmels . . .«

Aus den astrologischen Kapitelüberschriften sind folgende hervorzuheben.

»3. Der Venusstern erhebt sich bei Tagesanbruch . . .«

»4. Der Marsstern mit sieben Namen in . . . . . . . .«

»5. Das gleichmäßige Aussehen von Sonne und Mond . .«

»6. Der gleichzeitige Anblick von Sonne und Mond . .«

»7. Vom 1. und 5. des Monats, der Mond . . . . .«

»8. Der Stern, welcher vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat . . . .«

»10. Der Stern +iku+ . . . .«

»11. Der Polarstern, der am Scheitelpunkt (des Himmels) sich um sich selbst dreht . . . .«

»Elf Tafeln, betreffend Himmelserscheinungen, unter ihnen der Stern, der vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat, -- die Himmelserscheinungen . . . . Die Erscheinungen auf Erden und am Himmel . . . . Himmel und Erde . . . .«

Die Schlußzeilen der Vorderseite dieser Tafel sind nur fragmentarisch erhalten und betreffen irgend eine Himmelserscheinung, deren verhängnisvolle Bedeutung auf der Rückseite folgendermaßen angegeben wird:

»Diese Erscheinung lehrt, daß die Stadt des Landesfürsten samt ihren Einwohnern in die Gewalt des Feindes gerathen wird; Sterblichkeit und Hungersnoth . . . . auf der Tafel, die Zahl, welche du genannt, dir verkünden wird, und wie . . . . .«

»Diese Sammlung von fünfundzwanzig Tafeln betrifft die Erscheinungen am Himmel und auf Erden, sowie ihre günstigen und ungünstigen Vorbedeutungen . . . . alle Erscheinungen am Himmel und auf Erden . . . . hierin ist ihre Deutung verzeichnet.«

König Sargon I. ließ diese Sammlung sowie ein großes Werk von siebenzig Tafeln über alle bis auf seine Zeit erhaltenen astrologischen Resultate anlegen, welches das Hauptwerk der chaldäischen Astrologie und anscheinend von Berosus ins Griechische übersetzt wurde.

Neben der bienenfleißig getriebenen Beobachtung der astronomischen und tellurischen Erscheinungen und Vorzeichen übten die Chaldäer auch das einfachste und unentwickeltste Divinationsverfahren, die Loswahrsagung. Ich habe dieselbe in meinen »Geheimwissenschaften« ausführlich beschrieben und muß darauf zurückverweisen. Hier will ich nur kurz rekapitulieren, daß man in einem Köcher sieben mit Schriftzeichen versehene Pfeilschäfte durcheinander schüttelte und aus dem zuerst herausspringenden wahrsagte. Mit diesen Stäben ist nicht das »Rohr des Schicksals, der Offenbarung, der Enthüllung« (akkad. +gi-namekirru+, +qan-mamiti+, +qan pasari+, assyr. +kil-killuo+) zu verwechseln, welches durch Bewegungen in der Hand der Magier Orakel erteilte.

Neben dieser Art Belomantie kannten die Chaldäer noch ein anderes Verfahren, welches in einem besonderen Kapitel eines Werkes der Bibliothek von Niniveh besprochen wird.[42] Es wurden wirkliche Pfeile nach verschiedenen Richtungen hin abgeschossen und sodann aus der größeren und geringeren Entfernung derselben vom Schützen, sowie aus der Art und Weise ihres Niederfallens Schlüsse auf die Zukunft gezogen.

Bekanntlich wird diese Wahrsagungsart im alten Testament mehrfach erwähnt.

Über die chaldäischen Auguren und Haruspices sagt Diodorus Siculus[43]: »Die Chaldäer sind erfahren in der Deutung des Vogelfluges und in der Auslegung von Träumen und Wunderzeichen, auch hält man sie für geschickte Opferschauer, welche genau das Richtige treffen.«

Die Auguralwissenschaft der Chaldäer war demnach, und wie sich aus den Keilschriften ergiebt, in vier Abteilungen geteilt: in die Beobachtung des Vogelflugs, in die Wahrsagung aus den Eingeweiden der Opfertiere, in die Auslegung aller Arten von Naturerscheinungen (%terata%) und in die Traumdeutung.