Der Occultismus des Altertums

Part 47

Chapter 473,366 wordsPublic domain

Von den Chorgesängen der Frauen hat uns möglicherweise Aristophanes in jenem Stücke einige mehr oder weniger echte Beispiele überliefert. Vor dem Thesmophorentempel singt die Heroldin (6. Scene):

Still schweigt in Andacht! Still schweigt in Andacht! Der Thesmophoren Götterpaar Fleht an, Demeter und die Tochter, Auch Plutos und Kalligeneia, Und die Jugendnährerin Erde, Den Hermes und die Chariten, Daß sie diese Versammlung und die Gemeine dahier Schön und herrlich machen, Wohlersprießlich der Stadt der Athener, Und segensreich uns Frauen, Und daß Jene den Sieg gewinne, Die mit Rat und That das Beste schafft Für das Volk der Athener Und für das Volk der Frauen! Solches erfleht und was uns selber frommt! Heil über uns! Heil über uns!

Derselbe Komiker schildert uns in drastischer Weise, wie die Entdeckung gemacht wird, daß Mnesilochus, ein Freund des Weiberfeindes Euripides, über den die Frauen bei seiner Thesmophorienfeier zu Gericht sitzen, sich in Weibertracht eingeschlichen hat, und kennzeichnet diese That »als ein Beispiel trotzatmenden Hohns, unheiligen Thuns, ungöttlichen Sinns.« -- Das Schlußopfer des Festes hieß %zêmia%, nach Wellauers Vermutung, weil es zur Sühne etwaiger Vergehungen während der Feier dargebracht ward.

III. Die samothrakischen Mysterien.

Außer den eleusinischen waren die samothrakischen Mysterien in Griechenland am berühmtesten. Sie werden als Orgien der Kabiren zuerst von Herodot erwähnt; zu besonderem Ansehen gelangten sie erst im dritten und vierten Jahrhundert, wo Philipp II. von Makedonien und Olympias sich aufnehmen ließen. Freilich standen sie bei vielen Hellenen als Mysterien halbbarbarischen Ursprungs nicht im besten Rufe, und Demosthenes macht es in seiner Rede für die Krone seinem makedonisch gesinnten Gegner Aeschines zum Vorwurf, Orpheotelest oder Orphiker, -- so nannte man jene samothrakischen Mysten, in deren Geheimlehre die sagenhafte Gestalt des Sängers Orpheus eine Hauptrolle spielt, -- gewesen zu sein. »Als du zum Manne herangewachsen warest«, so redet Demosthenes den Aeschines an, »lasest du deiner Mutter bei ihren Weihungen die (orphischen) Bücher vor, und halfest ihr auch bei den übrigen Einrichtungen, indem du zur Nachtzeit die Nebris (das Hirschfell) umhingst, ihnen aus dem Mischkrug einschenktest, sie mit Thon und Kleie beschmierend sühntest, und ihnen dann nach der Reinigung gebotest aufzustehen und zu sagen: 'Ich entrann dem Übel und fand das Bessere;' -- bei Tage aber die schönen, mit Kränzen von Fenchel und Weißpappel geschmückten Festzüge durch die Straßen führtest und die dickbackigen Schlangen drücktest und über dem Kopfe schwenktest, +Evoe Saboi!+ rufend und dazu tanzend: +Hyes Attes, Attes Hyes!+; von den alten Weibern als Vorsteher und Anführer und Kistosträger begrüßt, und mit Kuchen, Bretzeln und Semmelbrod dafür belohnt.«

Im wesentlichen waren diese Mysterien offenbar eine Todesfeier des Dionysios; seine Zerreißung durch die Titanen, sein Tod und seine Bestattung, und seine Wiederauferweckung als nunmehrigen Beherrschers der Unterwelt und Totenrichters wurde mimisch dargestellt. Sie zerfielen daher ähnlich wie die eleusinischen in zwei Teile, in den ernsten und düsteren Nachtdienst und den lustigen heiteren Tagdienst.

Der erstere endete, da eine Leichenfeier nach orientalischen Begriffen verunreinigt, mit Sühnungen und Reinigungen durch Gebete und Waschungen, und hierbei wurden jene Worte gesprochen, die Demosthenes erwähnt: »Ich entrann dem Übel und fand das Bessere.«

Der Tagdienst versinnlichte die Hoffnungen einer künftigen Seligkeit, die man ausdrücklich als das glückliche Loos der Eingeweihten betrachtete. Als geheiligte Dionysosdiener (Bacchen) begaben sie sich in Festzügen zu den Tempeln, um Dankopfer darzubringen; mit Weißpappel und Fenchel bekränzt, während die begleitende Menge Nartheken- und Kistoszweige in den Händen trug (der Kistos, +cistus+, war ein Strauch mit rosenfarbigen Blüten), unter den Jubelrufen: +Hyes Attes+ usw.: »Er lebt der Vermißte, der Vermißte lebt!«

Die »Orphiker« waren, wie alle anderen Mysten zur strengen Geheimhaltung der mit ihrem mystischen Kultus verknüpften Lehre verbunden.

Daß nämlich ein bestimmter Ideenkreis mit dem samothrakischen Weihedienst verbunden war, berichtet schon +Herodot II. 51+. »Wer in die samothrakischen Mysterien eingeweiht ist, weiß, was ich meine«, ist freilich alles, was er sagt. Offenbar war er selber in sie eingeweiht und scheute sich deshalb etwas Näheres mitzuteilen. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber ist diese Lehre in dem als »_heilige Sage_« bezeichneten Gedichte niedergelegt, das man in der alexandrinischen Periode allgemein dem Pythagoras als Verfasser zuschob; die Pythagoräer jener Zeit waren sämtlich Orphiker.

Man wird sich dieses Gedicht bei der feierlichen Aufnahme in den Kreis der Mysten gesprochen zu denken haben:

»Jünglinge, horcht ehrfürchtig und still auf Alles. Ich will jetzt Zu den Geweiheten reden. Profanen schließet die Thüren, Allen zumal. Du Sprößling des leuchtenden Monds und der Musen Sohn, Du höre. Denn _Wahres_ verkünd' ich, damit nicht des Busens Früher gehegter _Wahn_ Dein liebes Leben verblende. Trachte nach göttlicher _Einsicht_ vielmehr, sie faß in das Auge, Lenke nach ihr das verständige Herz, und wandel' auf ihrem Pfad recht, einzig den Blick auf den Herrscher des Weltalls gerichtet. Einer Er, sein selbst Grund. Von dem Einen stammt alles Geschaffne. Darin tritt Er hervor; denn Ihn selbst ist der Sterblichen Keiner Anzuschauen im Stande, obgleich sie Sämmtliche Er schaut. Er ist's, der aus Gutem den Sterblichen Übles verhänget: Schauder erregenden Krieg und beweinenswürdige Trübsal; Auch ist kein Anderer ja noch außer dem großen Beherrscher. Aber Ihn kann ich nicht schau'n; denn in Dunkel ist er gehüllet, Und wir Sterblichen haben nur blöde sterbliche Augen, Zu schwach ihn zu erblicken, den Gott, der Alles regieret. Denn auf das eh'rne Gewölbe des Himmels hat er errichtet Seinen goldenen Thron, die Erde liegt ihm zu Füßen, Und bis fern zu den Grenzen des Oceans hält er die Rechte Allhin ausgestreckt; vor ihr erbeben die hohen Berg' und die Ström' und die Tiefen des bläulichen dunkelen Meeres. O Du Herrscher des Meers und des Landes, des Äthers und Abgrunds, Der Du den festen Olymp mit Deinem Donner erschütterst, Du, vor welchem die Geister erschauern, die Götter erzittern, Dem die Geschicke gehorchen, so unerweichlich sie sonst sind, Ewiger Vater der Mutter Natur, deß Willen sich Alles Beugt, der die Winde bewegt, den Himmel mit Wolken verhüllet, Deß Blitzstrahlen der Äther sich theilt, -- Dein ist der Gestirne Ordnung, sie laufen nach Deinen unwandelbaren Geheißen, Dein ist der junge Lenz, der von purpurnen Blumen erglänzet, Dein ist des Winters Sturm, der Schneegestöber heranführt, Dein ist der bacchisch jubelnde Herbst, der Früchte vertheilet. Ew'ges unsterbliches Wesen, nennbar Unsterblichen einzig, Komm, mit dem mächtigen Schicksal vereint, o erhabenste Gottheit, Furchtbar und unbezwinglich und ewig, in Äther gehüllt, und Gnad' uns, gepriesene Zahl, die du Götter und Menschen erzeuget, Heil'ge Vierfaltigkeit Du, die der ewig strömenden Schöpfung Würze enthält und Quell! Denn es gehet die heilige Urzahl[608] Aus von der Einheit[609] Tiefen, der unvermischten, bis daß sie Kommt zu der heiligen Vier[610]; die gebiehrt dann die Mutter des Alls[611], die Alles aufnehmende, Alles umgränzende, erstgebor'ne, Nie ablenkende, nimmer ermüdende, heilige Zehn, die Schlüsselhalt'rin des Alls, die der Urzahl[612] gleichet in Allem. Aber Du, säume nicht zögernd, Du Sterblicher, wechselnd gesinnter, Sondern zur Umkehr lenkend mach' huldvoll geneigt Dir die Gottheit. Ehre zuerst die unsterblichen Götter, so wie es die Sitte Lehrt; hoch halte den Eid, und dann die erlauchten Heroen. Leist' auch die bräuchlichen Pflichten den unterird'schen Dämonen! Ehre die Eltern sodann, und die Dir am nächsten verwandt sind, Und vor den Andern erwähle zum Freund, wer an Tugend hervorragt. Werde dem Freund nicht Feind um keine Fehler, so lang Du Irgend nur kannst; wohnt Können und Müssen doch nah bei einander. Dies nun halte Du so. Zu beherrschen gewöhne Dich aber Dieses: vor allem den Bauch, dann den Schlaf und die Wollust und dann den Zorn. Unsittliches sollst Du mit Anderen weder verüben, Noch auch allein; denn es ziemt Dir am meisten Scham vor Dir selber. Ferner Gerechtigkeit lern' in Werken und Worten zu üben, Und bei Nichts Dich im Leben mit Unvernunft zu betragen! Sondern erwäge, daß blos der Tod uns allen gewiß ist, Daß man den ird'schen Besitz bald aber gewinnt, bald verlieret. Drum, was des Himmels Geschick an Schmerzen den Sterblichen bringet, Wenn Du Dein Theil empfängst, so trag es und murre nicht, sondern Suche zu heilen, so viel Du vermagst, und denke, daß dessen Doch nicht allzuviel aufbürdet das Schicksal den Guten. Vielerlei ist das Gerede, bald gut und bald schlecht, das die Menschen Trifft: Drum lasse Du's weder Dich jemals erschrecken, noch jemals Gar am Handeln verhindern; und sagt man Lügen, so trags mit Gleichmuth. Was ich Dir aber jetzt sage, das thue vor Allem: Niemand mit Wort und mit That bewege Dich je, daß Du Etwas Thust oder sagst, was Du selber nicht als das Bessere billigst! Vor der That überlege, daß es nichts Thörichtes werde, Sondern Du nur vollführst, was nicht nachher Dich gereu'n wird. Tröpfe nur sagen und thun, was Unvernunft für einen Mann ist. Was Du nicht recht verstehst, unternimm nicht, sondern wo's Noth ist, Laß Dich belehren! So wird das Leben Dir heiter und leicht sein. Auch die Gesundheit des Körpers ist werth, daß Du nicht sie mißachtest, Sondern in Speis' und in Trank und in leiblichen Übungen halte Maß; und das richtige Maß heiß' ich was nie Dich erschöpfet. Sauberkeit liebend auch sei, doch fern von Üppigkeit Deine Lebensweise; vermeide dabei, was Neid Dir erreget. Keinen unpassenden Aufwand, wie der, dem feinrer Geschmack fehlt! Sei aber auch nicht knickrig! Denn Maß ist in Allem das Beste. Handle nur so, daß Du selbst nicht Dir schadest, und denke zuvor nach. Niemals lasse den Schlaf auf die zarten Augen Dir sinken, Eh' von den Werken des Tags dreimal Du jedes gemustert: Wo ward gefehlt? Was gethan? Ward keine Pflicht unterlassen? So anfangend vom Ersten geh' Alles durch, und wofern Du Schlechtes gethan, so erschrick! Wenn aber Gutes, so freu' Dich! Dem weih' Müh', dem Sorgfalt und Fleiß, deß pflege mit Liebe! Dies ist's, was auf die Fährte der göttlichen Tugend Dich bringt, bei Dem, der unserem Geist die Vielfaltigkeit lehrte, den Quell der Ewig strömenden Schöpfung. Geh' nur getrost an das Werk, und Bitte zu End' es zu führen die Götter. Wenn dies Du erlangst, so Wird der unsterblichen Götter und sterblichen Menschen Verbindung Klar Dir, wie sie durch Jedes hindurch geht und Jedes beherrscht; doch Klar auch, daß, nach Gebühr, die Natur in Allem sich gleich bleibt, So daß Du Nichts Unmögliches hoffst, und von Nichts überrascht wirst; Klar, daß die Menschen auch leiden an selbst verschuldeten Übeln. O die Unsel'gen! sie hören und sehn Nichts von dem nahegeleg'nen Guten, und auch die Erlösung vom Übel erkennen nur Wen'ge. So verblendet den Sinn die Thorheit ihnen. Vom Wirbel Lassen sie unvermerkt sich in Leid fortreißen, weil nicht sie Ahnen, daß schlimmes Gefolge, das schadende Unheil, sich ihnen Anhängt, das man nicht locken, nein fliehen muß, indem man ihm ausweicht. Vater Zeus, o wie vielfachem Weh enthübest Du Alle, Wenn Du nur Jeglichem zeigtest, was für ein Dämon ihm nachfolgt. Aber nur Muth, da göttlichen Stammes die Sterblichen sind, und Ihre geweihte Natur sie bevorzugt, Jegliches selbst lehrt! Ward Dir dies nicht versagt, so erlangst Du auch, wie ich ermahne, Daß Du die Seele Dir heilend von diesen Leiden errettest. Meide die Anfänge nur, von dem was ich sagte, zur Läut'rung Und zur Erlösung des Geists streng prüfend; erwäge nur Jedes Und erwähl' die Vernunft zum höchsten und obersten Lenker. Wenn Du den Leib dann verlassend zum freien Äther emporsteigst, Wirst Du unsterblich sein, ein seliger Gott und kein Mensch mehr.«

Hiermit endete der moralische Teil der heiligen »Sage«, den wir wohl auch nur in seinen Hauptumrissen besitzen, wenn er gleich offenbar weniger lückenhaft erhalten ist, als der erste metaphysische Teil. Es folgten nun noch einige Verse, die sogenannten »Orphischen Schwüre«, welche das Ganze abschlossen. Sie scheinen, -- denn etwas ganz Bestimmtes läßt sich aus dem kurzen, gerade der wesentlichen End-Zeilen entbehrenden Fragmente nicht festsetzen, -- den Leser beschworen zu haben, entweder nichts an dem Buche zu ändern, oder seinen Inhalt geheim zu halten. Was uns überliefert wird, lautet nach Beseitigung einiger späteren Entstellungen:

»Ja beim Himmel beschwör ich, dem weisen Werke des großen Gottes Dich, und beim Lichte des Vaters, das er zum ersten Mal' ausstrahlte, wie seinen Rathschlüssen gemäß er den Weltbau Gründete«,

und muß etwa so ergänzt werden:

»Daß Du dies Buch vor jeder Entweihung bewahrest!«

Sechstes Kapitel.

Anaxagoras.

Aus der etwas narkotischen Atmosphäre der Mysterien und ihrer symbolischen träumerischen Geheimlehre, -- wenn man überhaupt von einer mit ihnen verknüpften »_Lehre_« sprechen will --, wenden wir uns gern wieder zur Entwicklung der griechischen _Philosophie_ zurück, deren klassische Blüte in _Athen_ sich in derselben Zeit entfaltete, in der diese Stadt, das »Auge von Hellas« unter der Leitung des Perikles ihr kurzes, aber in der Weltgeschichte unvergleichlich dastehendes Ideal eines ästhetischen Gemeinwesens erfüllt. Hier war es der Philosoph _Anaxagoras_, der, wie Aristoteles (+Metaphysik I. 3+) hervorhebt, »als der Erste vor Jedermann den Satz aussprach, wie in den lebenden Wesen, so wohne auch in der Natur eine _Vernunft_, und diese sei die Ursache der gesammten Weltordnung, ein _Satz, welcher gegenüber den früheren sinn- und haltlosen Behauptungen eigentlich erst die Periode des nüchternen Denkens eröffnete_.«

Seine eigenen Zeitgenossen geben diesem Manne, der wie Plutarch, +Leben des Perikles Kap. 4+ berichtet, »den meisten Umgang mit Perikles hatte, der ihm jene Kraft, jenen festen und standhaften Muth, das Volk zu leiten, beibrachte und überhaupt seinen Charakter zu einer besonderen Würde und Vollkommenheit erhob, den Beinamen +Nus+, _Verstand_, entweder aus Bewunderung über seine großen und ungemeinen Einsichten in der Naturkunde, oder weil er zuerst als Prinzip der Einrichtung des Weltalls nicht den Zufall noch die Notwendigkeit, sondern einen reinen, lauteren _Verstand_ annahm, der aus allen anderen zusammengemischten Dingen die gleichartigen Theile absonderte.«

Anaxagoras war 500 v. Chr. Geburt zu Klazomenä in Jonien geboren; sein Vater, Hegesibulos, besaß hier ein nicht unbedeutendes Vermögen und ansehnliche politische Stellung. Anaxagoras verließ jedoch in frühem Mannesalter seine Vaterstadt und begab sich nach Athen, wo er, wie gesagt, ein Vertrauter des Perikles wurde. Die Naturforschung betrachtete er als seinen eigentlichen Lebensberuf; besonders die Astronomie. Er versuchte die Sonnenfinsternisse aus natürlichen Ursachen zu erklären und nahm der Sonne ihre Göttlichkeit, indem er sie für eine glühende Metallmasse erklärte, die größer sei als der Peloponnes. Auch soll er versucht haben, eine Kometentheorie zu liefern, und gewiß ist, daß er vom Monde behauptet hat, derselbe habe, ähnlich wie die Erde, Berge und Thäler und sei wahrscheinlich bewohnt. Vermuthlich gaben diese naturwissenschaftlichen weit mehr als seine eigentlich philosophischen Behauptungen den Feinden des Perikles, die dadurch mehr diesen, als den Philosophen selbst treffen wollten, den Anlaß, ihn kurz vor Ausbruch des peloponnesischen Krieges in eine Anklage wegen Leugnung der Staatsgötter zu verwickeln.

Sein beredter und einflußreicher Gönner vermochte ihn nicht vor einer Verurteilung zu schützen, er wurde mit einer Geldstrafe von 5 Talenten belegt und aus der Stadt verwiesen. Er begab sich darauf nach Lampsacus, wo er in hohem Alter, angeblich infolge freiwilliger Nahrungsenthaltung, sein Leben beschloß.

Seine Weltanschauung kann, sofern er ausdrücklich den Geist, Verstand oder die Vernunft, welche den Kosmos gestaltet, nicht für unbewußt erklärt, sondern sagt, daß derselbe »aus seinem Wissen und nach seiner Vorherbestimmung die Welt gebildet habe«, als _deistische_ und _dualistische_ bezeichnet werden. Übrigens machte er, wie wir aus Platos Phädon und Aristoteles erfahren, von dem teleologischen Prinzip nur einen sparsamen Gebrauch; wo er mit einer rein mechanischen Erklärung auskommen konnte, gab er dieser in echt naturwissenschaftlicher Denkart den Vorzug. Dem uranfänglichen Geist stand nach seiner Lehre als passives Prinzip die ewige Materie gegenüber; der Geist wirkte auf diese, aus deren Chaos er den Kosmos gestaltete, seit dieser ersten Schöpfungsthat nur, wie Zeller sagt, noch als »Maschinengott« ein.

Was die Konstruktion des Begriffs der Materie betrifft, so nahm er abweichend von den übrigens an seine eigene nüchterne Naturforschung anknüpfenden Atomistikern, welche die einfachsten Körper für die ursprünglichsten hielten, umgekehrt für jedes besondere Ding gleichnamige Urelemente an, so daß z. B. Erde, Stein, Gold, Blut, Knochen, aus unendlich kleinen ebenso individuell bestimmten Erd-, Stein-, Gold-, Blut-, Knochenteilchen bestehe und man in der Teilung der Körper immer auf etwas _Gleichartiges_ komme. Diese Urstoffe wurden von ihm oder seinen Nachfolgern _Homöomerien_ genannt. In der Wirklichkeit kommen diese Grundstoffe jedoch niemals ganz rein und abgesondert von allen andern vor; allen ist fremdartiges beigemischt. _In Allen ist Alles oder jeder Materienteil ist ein Universum im Kleinen._ Wenn uns ein Gegenstand irgend eine Eigenschaft mit Ausschluß anderer zu besitzen scheint, so rührt dies nur daher, weil von den entsprechenden Homöomerien _mehr_ in ihm sind, als von anderen; in Wahrheit hat aber jedes Ding Stoffe jeder Art in sich. Nur der Geist ist _nicht_ in allen Dingen; sondern nur in einigen, welche eine _Seele_ haben. Da der Geist allein das ist, was die _Bewegung_ hervorbringt, so hat jedes sich selbst bewegende Wesen eine _Seele_. Darum legt er auch schon den Pflanzen, sofern Wachstum Bewegung ist, Leben (Seele) und sogar eine schwache Empfindung bei. Bezüglich der Entstehung des organischen Lebens und der Entwicklung der Arten traf er ungeachtet seines grundsätzlich teleologischen Ausgangspunkts mit Empedocles zusammen, von dem er dagegen als Leugner aller übernatürlichen Wunder und Vorbedeutungen erheblich abwich. Er leugnete, wie es scheint, die Unsterblichkeit der geistigen Individualität, da diese körperlich bedingt sei; nur der unpersönliche Geist als solcher sei ewig.

Siebentes Kapitel.

Die Atomistiker, insbesondere Demokritos.

Die Atomistiker, welche Ritter in seiner +Geschichte der Philosophie+ sehr übelwollend behandelt und kaum noch für Philosophen gelten lassen möchte, bezeichnen in Wahrheit die besonnenste und streng wissenschaftlich genommen höchste Stufe der _Natur_-Philosophie des Altertums. Ihr eigentlicher Begründer war Leucippos, von dessen Leben und genaueren Ansichten uns aber so wenig überliefert ist, daß er nur als der Lehrer seines großen Schülers Demokrit genannt zu werden verdient. Der Zeitpunkt der Geburt des Demokrit ist ungewiß, zwischen 424 bis 460 v. Chr. Sein Geburtsort war Abdera, eine Stadt, die später zwar in den Ruf eines antiken Schilda oder Schöppenstedt gekommen ist, damals aber durch Bildung und Wohlstand ausgezeichnet war. Sein Vater war reich genug, um den Xerxes und dessen Armee auf dem Rückzuge nach der Schlacht bei Salamis einige Tage zu verpflegen. Demokrit hat jedenfalls in seiner Jugend mehrere Jahre auf Reisen zu wissenschaftlichen Zwecken in Asien und Afrika verwendet. Er soll sogar auf diesen Reisen das ererbte Dritteil des großen väterlichen Vermögens verbraucht haben. Diogenes Laertius behauptet, daß er schon als Knabe Unterricht durch Magier bekommen habe; dann Jahre lang in Egypten zugebracht, sogar Äthiopien und Indien besucht habe. Den Unterricht des Leucippos hatte er bereits vor diesen Reisen genossen. Nach der Rückkehr von denselben ließ er sich wieder in Abdera nieder, von wo aus er gelegentlich auch Athen besucht hat. Die Erzählung von seiner Selbstblendung (+Gellius N. A. X, 17+) verdankt vielleicht einer mißverständlichen Deutung seiner Äußerungen über die Unzuverlässigkeit der Sinneswahrnehmung ihre Entstehung; schon Plutarch hat sie als Lüge bezeichnet.

Demokrit starb hochbetagt in Abdera. Er hinterließ eine große Anzahl von Schriften und kann, nach dem Verzeichnis derselben zu schließen, das Laertius uns hinterlassen hat, als einer der produktivsten Denker des griechischen Altertums bezeichnet werden; auch haben wir allen Grund den Verlust seiner Schriften zu beklagen, weil dieselben nach dem Urteil kompetenter Zeitgenossen und Nachfolger sich sowohl durch ihre wissenschaftliche Strenge wie auch durch formelle Schönheit der Sprache ausgezeichnet haben sollen.

Sein Denken richtete sich nicht, wie das fast aller seiner Vorgänger in der Philosophie, besonders der Eleaten, von vornherein auf das einheitliche Sein, vielmehr zunächst auf die Bestandteile der Zusammensetzung der materiellen Wirklichkeit, welcher er den leeren Raum als Repräsentanten des Nichtseins gegenüberstellt. Allerdings faßt er auch dieses Nichtsein, diesen leeren Raum nicht als völlige Negation des Seins auf; vielmehr schreibt er ausdrücklich auch dem Leeren eine objektive Realität zu und in diesem Sinne behauptet er im Gegensatz zu den Eleaten ausdrücklich, »das Sein sei um nichts realer als das Nichts«.

Dasjenige Sein im Sinne materieller Wirklichkeit nun, welches dem leeren Raum als dessen Erfüllung gegenübersteht, ist kein zusammenhängendes, sondern besteht aus unzähligen _Atomen_: diese letzten Elemente des Seienden sind ihrer Substanz nach schlechthin einfach, qualitativ gleichartig und unveränderlich; sie unterscheiden sich aber in quantitativer Beziehung, hinsichtlich ihrer _Form_, _Größe_ und _Lage_, auch _Schwere_.

Sie sind daher keineswegs, wie dies in der neueren Gestaltung der wissenschaftlichen Atomistik vielfach behauptet wird, mathematische Punkte, sondern Körper von gewisser Größe, nur zu klein, um mit dem Sinne wahrgenommen zu werden.

Schwere, richtiger Gewicht, kommt ihnen zu, da sie eine +conditio sine qua non+ der Körperlichkeit überhaupt ist; und das Gewicht der wahrnehmbaren Körper ist eben nur das Produkt der sie zusammensetzenden Atomgewichte.

»_Wenn es scheint, ein größerer Körper sei leichter, als ein kleinerer, so rührt dies nur daher, daß er zwischen den einzelnen Atomen oder Atomverbindungen mehr leeren Zwischenraum enthält, daß also seine Masse in Wahrheit geringer ist, als die der anderen._«[613]

Das Leere dachte Demokrit sich unbegrenzt, die Zahl der von ihm umfaßten Atome unendlich.