Der Occultismus des Altertums

Part 46

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Was war denn nun der wesentliche Inhalt der Lehre, die der Eingeweihte aus den Symbolen und dramatischen Handlungen der eleusinischen Mysterien entnahm? Zunächst allerdings nichts »occultistisches«, sondern die civilisatorische Bedeutung des Ackerbaues, wie sie Schiller in seinem Gedicht: das »eleusinische Fest« so unübertrefflich schildert.

»Ceres«, singt Ovid, »Ceres zuerst hat Schollen mit hackigem Pfluge gewühlet, Ceres zuerst gab Früchte dem Land' und mildere Nahrung; Ceres gab die Gesetze; durch Ceres Geschenk sind wir Alles!«

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Vor allem verehrte man in der Demeter die unerschöpfliche üppige ewig jugendliche Naturkraft, die starke, nährende Mutter der lebenden Wesen; und _dementsprechend trug die Feier vorwiegend den Charakter des freudigen Erntefestes_.

»Deo, du göttliche _Mutter_ des All's, vielnamiges Wesen, _Jugendernährerin_ du, Glückspenderin, hehre Demeter, Segenquell', im Ährengesproß, allgebende Gottheit, Welche der Frieden ergötzt und die Mühsal ihres Berufes; _Dein ist die Saat, dein Garben und Tenn'_, o Göttin des _Fruchtgrüns_, Die Du Dir Wohnung erkorst in Eleusis heiligen Hallen! _Anmutsvoll, liebreizend, der Menschen Ernährerin allwärts_; Welche zuerst zum Pflügen gebeugt den Nacken des Stieres, _Und dem Sterblichen gab den lieblichen Segen der Nahrung_; Wuchernder Blüte, Genossin des Bromios, glänzender Ehre Fackel umstrahlt, urrein, die im Sommer sich freute der Sichel, Jetzt in der Tief', aufsteigend anjetzt, jetzt jeglichem milde, _Kinderbeglückt, den Jünglingen hold, du Nährerin, Männin_, Welche mit Drachengebiß den rollenden Wagen bespannt hat, Und in kreisendem Lauf um den eigenen Thron froh jauchzet! Eingeburt, _an Sprößlingen reich_, voll waltender Obmacht, In der Gestalten Gedräng' hehrblühender, buntes Geblümes, Selige, komm, urreine, _beladen mit Früchten der Ernte_; Frieden bringe zurück und des Rechtes gefällige Satzung, _Überströmende Füll' und königliche Gesundheit_.«[601]

Soweit geht die Lehre auf vollste Lebensbejahung, auf einen genußreichen Optimismus.

Aber dem Herbste folgt der Winter, dem Leben der Tod. Und so hat das Erntefest auch seine Kehrseite. Hier nun setzt der Mythus vom Raub der Persephone ein, und damit zugleich der tiefere »occultistische« Kern der Geheimlehre. Die Vegetation der Erde verfällt dem Tode; allein gleichzeitig ist die Hoffnung auf ihre _Wiederkehr_ im Kreislauf des Jahres, die Hoffnung auf das neue Erwachen im Frühling begründet. Die Saat wird in die Erde gesenkt, aber nur um aus scheinbarer Verwesung aufs Neue zu erblühen. So entnimmt der Mensch für sich selber aus der Natur die Hoffnung der eigenen Unsterblichkeit, der Wiederkehr zum Leben. Aus dem einfachen Erntefeste wird so eine Feier der Unsterblichkeit. In welcher Weise man sich diese Unsterblichkeit denken wollte, das wurde in der klassischen Zeit dem einzelnen überlassen. Vgl. +Preller, Demeter und Persephone, S. 233+. Man zog nach dem uralten Symbol des Saatkorns auch andere Natur-Analogien z. B. die der Raupe, aus deren Puppe der Schmetterling des nächsten Jahres entsteht, herbei, und nachweislich ist ja die reizende Sage von Eros und Psyche ebenfalls ein Zubehör des eleusinischen Dichtungskreises.

Später nahm man zumeist das irdische Dasein selber für das niedere, aus dem der Tod für die Eingeweihten wenigstens den Aufgang zu einem besseren himmlischen Dasein eröffnet. »Was der Mythus Unterwelt nennt«, schreibt +W. Menzel a. a. O. S. 29+, »ist unsere sichtbare mit Menschen und anderen Geschöpfen erfüllte Oberwelt und als untere nur deshalb bezeichnet, weil die himmlische Welt über ihr liegt. Das in die Erde begrabene Saatkorn, welches wieder zum Licht emporgrünt, ist nur ein Sinnbild der aus dem Himmel ins irdische Dasein gefallenen, aber wieder zu ihm zurückkehrenden Seele.« Persephone wird damit eine Personifikation der Menschheit, die vom Himmel herabsank. »Demeter wird die _himmlische_ Mutter, welche über ihre in unsere irdische Natur verbannten Kinder wacht, ganz wie die deutsche Göttin Bertha über ihre Heimchen.«

Wie sich der dionysische Geheimdienst (durch Jakchos) allmählich mit der eleusinischen, ursprünglich rein cerealischen Feier verquickt, so wird auch Ceres, Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter, wie Dionys, eine Gottheit der Erniedrigung und Erhöhung. Es giebt einen Aufgang und Niedergang der Geister, und über diesem waltet die Allmutter, Demeter und die Königin der Geister, die Manenkönigin Persephone. Ob man sich nach dem Tode wieder zu weiterem Niedergang oder zum Aufgang wendet, das hängt von der Erkenntnis ab, vom Wiedererinnern des göttlichen Ursprungs, aus dem Neugierde zum Fall und Vergessenheit führte (Eros und Psyche). Diese Erkenntnis verschafft die Weihe. »Nur die in den Mysterien Eingeweihten, die durch Reinigungen und Belehrungen sich der Erreichung höherer Erkenntnisstufen würdig gemacht haben, erfreuen sich schon in diesem Leben aller Vorteile der Gesetzlichkeit und Civilisation, und werden die Einzigen sein, denen die Unsterblichkeit und die ewigen Freuden im Himmel zu teil werden«; ihnen allein »strahlt Sonnenglanz und Lichtes Helle.«

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+Creuzer, Symbolik IV § 21+ giebt folgende _spekulative_ Analyse des Inhalts der eleusinischen Lehre auf Grund der Theologumenen des Nicomachus: Die Pythagoräer haben die Zweiheit (Dyas) auch Demetra und Eleusinia genannt. -- Darum ist sie die heilige Zahl der _Ehe_ und heißt auch Mutter und Amme (Maria). Nach Plotinos ist die Seele eine Zahl, hervorgetreten und abgefallen aus dem Einen. Warum, fragt er, ist das Eins nicht in sich geblieben, und warum das Viele daraus hervorgeflossen? -- Die Weltseele ist schon ein Abfall aus der Einheit, die Menschenseele wird gar, durch eine Trunkenheit schwindelnd gemacht, herabgezogen in den Leib, Ceres (Demeter) aber ist die Erdseele, und heißt bestimmt Dyas. Die Dyas ist die Mutter der Zahl und heißt weiblich, und als solche +alma mater+, Nährmutter. Insofern aber das weibliche Prinzip nicht außer, sondern noch in der Einheit ist, ist es die Kraft in Zeus (%aretê%); es ist Hecate (Kore), die das Jungfräuliche nicht lassen will, Artemis die reine Jungfrau, Minerva in Jupiters Haupt. Das sind die drei Jungfrauen der alten Mysterien. Aber wenn Kore sich mit Zeus und Pluto begattet, so heißt das nach Eleusinischer Lehre: Die Kore ist _Lebensquell im Weltall_. Sie webt; ihr Gewebe ist die Schöpfung beseelter Wesen. Aber Minerva ist auch ganz in ihr. Minerva ist in ihr %philosophos philopolemos%, Krieg- und Weisheit liebende, und sie in der Minerva. Kore ist aber auch die Kraft, die von der Demeter _nach unten_ wirkt, die _zeugende Seele_; als Jungfräuliche aber in der Höhe die Zurückführerin der Seelen _nach oben_. Nun werden wir wohl von selbst die verschiedenen Namen der Dyas bei den Pythagoräern (offenbar Orphische Lehre und zugleich Lehre der Eleusinien) verstehen, welche nichts als mythische Ausdrücke für theologische sind: %hê mythoplastia theologei%, sagt Nicomachus.

Diese Namengebung ist aber nicht blindlings ersonnen, sondern sie hat sich an _Tradition_ und _alte Lehre_ gehalten. Wir wissen jetzt den _Grund_, warum die Dyas _Demeter_ hieß und _Eleusinia_. _Das war die Weltmutter, die einst den bunten Becher der geteilten Natur ausgeleert hatte; Isis, die ihrem Sohne Horus den Naturbecher reicht. Es war die Erdseele, die Materie, die Weberin materieller Leiber; die Nährmutter, die das Samenkorn und mit ihm geteilten Besitz und Hader und Tod gebracht. Die Toten sind Demetrier._ Die obere Kore führt sie wieder aus dem Vielen durch das Zwei in das Eine zurück. Das Widerstreben des sich in der bunten Welt gestaltenden Menschengeistes stellt die Eleusinische Lehre in Bildern dar. Es bedarf Kämpfe und Reinigungen: Das ist der Kampf und Krieg von Eleusis, und darum nannte, von der Haderstadt Eleusis, der Pythagoräer die Zweiheit und Zwietracht Demeter und Eleusine.

2. Die Thesmophorien.

Zu den cerealischen Mysterien gehörten auch die Thesmophorien. Die Feier derselben verdient sowohl ihres eigentümlichen Charakters wegen, der sie vor den Eleusinien auszeichnet, -- es handelt sich nämlich um ein _ausschließlich von Frauen begangenes Fest_ --, als auch deshalb noch besonders dargestellt zu werden, weil in ihr eine von den bloß agrarischen und auf das Jenseits bezüglichen Symbolen sehr verschiedene, sozusagen soziale Beziehung des Demeterkultus zu Tage tritt. Sie bietet interessante kulturgeschichtliche Momente. Der Beiname Thesmophoros, d. h. _Gesetzgeberin_[602], kennzeichnet die Demeter als Stifterin des Gesetzes. %Thesmoi%, Satzungen, heißen die ältesten Gesetze, z. B. die des Draco. In den Thesmophorien wird der Ackerbau als das _fruchtbarste Prinzip der Humanität_, als Anfang allseitiger Veredelung, als Grenze zwischen dem unstäten Nomadenleben und zwischen dem auf feste Wohnsitze gegründeten _geordneten Familien- und Staatsleben_ gefeiert. Die Gedanken, welchen Schiller in seiner Ballade: »_Das Eleusische Fest_« eine so klassische poetische Einkleidung gegeben hat, bilden eigentlich weniger den Hintergrund der eigentlichen Eleusinien, als vielmehr der Thesmophorien.

»Daß der Mensch zum Menschen werde, Stift er einen ew'gen Bund, Gläubig mit der frommen Erde, Seinem mütterlichen Grund, Ehre das Gesetz der Zeiten Und der Monde heil'gen Gang, Welche still gemessen schreiten Im melodischen Gesang.

Freiheit liebt das Tier der Wüste, Frei im Äther herrscht der Gott, Ihrer Brust gewalt'ge Lüste Zähmet das Naturgebot; Doch der Mensch in ihrer Mitte Soll sich an den Menschen reihn, Und allein durch seine Sitte Kann er frei und mächtig sein.«

Als wichtigste Satzung aber, als Fundament des geordneten Familienlebens und des Staates galt auch den Griechen die _Ehe_.

Darum ist es vor allem die Ehe und alles, was mit dieser zusammenhängt, was den Gegenstand der Thesmophorien bildet. Man kann sie als das _Mysterium der Ehe_ bezeichnen. »Die rechtmäßige, gesetzliche Ehe«, schreibt W. Menzel, a. a. O. S. 19, »verhielt sich zur wilden Ehe oder zum Concubinat, wie die geregelt auf dem Acker stehende goldne Saat zum wilden Unkraut der Steppe und des Waldes. Die edlere Gesittung, die aus der ehelichen Pflicht erwächst, wurde so hoch angeschlagen, als sie es verdient, und lange, bevor Schiller sang: Ehret die Frauen! wurden sie in Hellas auf die würdigste Weise verehrt.«

Dabei vergißt freilich W. Menzel zu bemerken, daß die _natürlich-geschlechtliche_ Basis der Ehe in den Thesmophorien in einer so unzweideutigen Weise hervorgekehrt und in den Vordergrund gestellt wurde, wie es unserer germanischen _christlich gesitteten_ Anschauung fast unbegreiflich erscheinen muß.

»Willst du genau erfahren, was sich ziemt, So frage nur bei edlen Frauen an!«

sagt zwar Goethe.

Einige Einzelheiten der Thesmophorien müssen uns aber bezweifeln lassen, ob dieses Dichterwort auch schon für die edlen Frauen des Altertums Geltung beanspruchen darf; -- jedenfalls werden etwaige Leserinnen, denen übrigens geraten werden darf, diesen Abschnitt über die Thesmophorien zu überschlagen, falls sie ihn dennoch lesen, stellenweise Veranlassung haben, über den Mangel an Dezenz bei den althellenischen Frauen sich zu entrüsten. Wenn ich selbst keinen Anstand nehme, auch über diese grobsinnlichen Natürlichkeiten der Thesmophorien Bericht zu erstatten, so bedarf ich wohl bei dem vorwiegend kulturgeschichtlichen Standpunkte meiner Arbeit keiner Entschuldigung. Es ist von nicht geringem Interesse, den gewaltigen Fortschritt zu konstatieren, den die christliche Religion und daneben vor allem der _bessere Volkstypus der Germanen_, der für die christliche Religion erst den angemessenen Boden bot, für die Erziehung und Würde des Weibes bezeichnet. In unserer dem Christentum leider nicht eben sehr günstig gesinnten Zeit kann eine getreue Schilderung der Thesmophorien als Warnungszeichen gelten dafür, wie weit eine rein _naturalistische_ Weltanschauung, -- eine solche war ja diejenige des heidnischen Altertums im vollsten Sinne, -- selbst dann, wenn sie die _Heiligkeit_ der Ehe feiern will, das Weib erniedrigte.

Die Thesmophorien waren eine uralte Feier; ihre Stiftung war in mythisches Dunkel gehüllt, nach Herodot (+II, 171+) ist sie noch vor diejenige der Eleusinien, mindestens 1568 Jahre vor Christi Geburt zurückzudatieren. »Auch über die Weihen der Demeter, die bei den Hellenen Thesmophoria oder Gesetzgebung heißen«, schreibt Herodot, »auch darüber halte ich reinen Mund, ohne was zu sagen davon erlaubt ist. _Die Töchter des Danaos brachten dieselben aus Egypten mit und lehrten sie den pelasgischen Weibern._«

Die Thesmophorien waren ein Saatfest; sie fielen in den Monat Pyanepsion, nach dem herbstlichen Äquinoktium, in dem der Acker neugepflügt und das Winterkorn gesät wurde.

Das Pflügen und Säen hatte bei den alten Hellenen von jeher die Nebenbedeutung der geschlechtlichen Vereinigung. So sagt Kreon in der Antigone des Sophokles unter Anspielung auf diese Zweideutigkeit zum Hämon:

»Noch andre Fluren giebt es, die du pflügen kannst.«

Und Demeter galt daher ganz besonders auch als die Göttin dieses Schluß-Mysteriums der »Liebe«, in weit bevorzugterem Sinne, als selbst Afrodite, die in ihrer hellenischen Idealisierung viel mehr eine Göttin der Schönheit und des Liebreizes, als der bloßen Fortpflanzung ist. Darum unterweist sie selber nach dem Mythos ihre Schützlinge, den Celeus, den Jasion oder Triptolemos nicht nur im Pflügen und Säen in rein agronomischer, sondern auch in dieser _übertragenen_ Bedeutung, wie es Goethe in der 12. seiner römischen Elegieen mit folgenden Versen beschreibt:

»Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht. Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet, Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg. Und was war das Geheimnis? als daß Demeter, die Große, Sich gefällig einmal auch einem Helden bequemt, Als sie dem Jasion einst, dem rüstigen König der Kreter, Ihres unsterblichen Leibs holdes Verborgne gegönnt. Da war Kreta beglückt! Das Hochzeitsbette der Göttin Schwoll von Ähren; und reich drückte den Acker die Saat.«

Um dieses »Geheimnis« nun drehte sich das ganze Thun und Treiben des Frauenfestes der Herbstsaat, allerdings mit der Einschränkung, daß zugleich die gesetzlich geheiligte _eheliche_ Form derselben gefeiert, die ungesetzliche aber verpönt wurde.[603]

So soll nach Clemens (+Alex. Strom. IV. p. 619+) die athenische Priesterin Theano, gefragt: wie viel Tage eine Frau, die ihrem Manne beigewohnt habe, warten müsse, ehe sie dem Fest der Thesmophorien vorstehen dürfe, geantwortet haben: keinen. Als man sie aber frug, an welchem Tage sie dem Feste beiwohnen dürfe, nachdem sie einen andern Mann umarmt hätte, antwortete sie: niemals.

Mit dieser Anekdote ist freilich der sicher beglaubigte Umstand nicht gut zu vereinigen, daß zur Vorbereitung des Festes (+paraskeve+) vorerst neuntägige Enthaltung von geschlechtlichem Verkehr überhaupt gehört hat. So schreibt z. B. +Ovid. Metam. X. 430ff.+:

Demeters Jahresfest begehen die Matronen, Den Leib in weißen Kleidern eingehüllt, Und opfern Erstlingsfrüchte von der Ernte, Den Ährenkranz im wohlgepflegten Haar, Neun Nächte lang nun achten sie's für Sünde, Dem Manne sich in Liebe zu vereinen.

Creuzer (+Symbolik IV. 374+) findet darin eine Anspielung auf die neuntägige Ungewißheit und Trauer der Ceres über das Verschwinden der Persephone.

Ein eigenartiges Licht auf die natürliche Sinnlichkeit der griechischen Frau wirft nun dabei die Nachricht, daß die Frauen sich diese Enthaltsamkeit erleichterten, indem sie auf allerlei Kräutern saßen und ruhten, denen besondere Kräfte zur Abstumpfung des Geschlechtstriebes zugeschrieben wurden. Unter andern zählte man dazu das %kneôron%, aus der Gattung +Daphne+, den %lygos%, eine Weidenart (+agnus castus+, Keuschlamm), %konyza% oder %knyza% (+erigeron graveolens+). In Milet war die Fichte der Demeter heilig und wurden deren Zweige zu demselben Gebrauche verwandt. (+Vgl. Preller, Demeter und Persephone S. 345 Nr. 36.+) Den Genuß der Granate mußten die Frauen in dieser Vorbereitungszeit meiden, da derselben eine entgegengesetzte Wirkung beigelegt wurde, weshalb sie gerade umgekehrt als Symbol bei der Hochzeit ihre Rolle spielte und gemeinsam von den Neuverehelichten genossen wurde. Als Persephone in der Unterwelt von der Granate gekostet hat, verliert sie die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr:

»Nach dem Apfel greift sie, und es bindet Ewig sie des Orkus Pflicht.« (Schiller.)

Seltsamerweise aber bucken sie in derselben Zeit Festkuchen aus feinem Weizenmehl, Sesam und Honig, sog. %mylloi%, die eine sehr _obscöne_ Form hatten, nämlich teils die männliche des +Phallus+, teils die des weiblichen Organs. Vgl. +Athenaeus XIV. 647+. Nach +Delaur, Des divinités generatrices p. 226+ hat diese Sitte sich in einigen Gegenden Frankreichs erhalten: +Dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus. On en trouve de cette forme dans le ci-devans Bas-Limousin et notamment à Brires. Quelque fois ces pains on »miches« out les formes du sexe feminin; tels sont ceux que l'on fabrique à Clermont en Auvergne et ailleurs.+ Näheres bei +Lobeck, Aglaophamus p. 1067ff.+ +Bryerinus Campagius (de re cibar. VII. 7. 402. 1560)+ rügt, daß sich diese Unsitte auch in den christlichen Zeiten noch erhalten hat, »+adeo degeneravere boni mores, ut etiam Christianis obscoena et pudenda in cibis placeant; sunt enim quos _cunnos saccharatos_ appellent+.«

Das eigentliche Fest, zu dem man sich so vorbereitete, dauerte fünf[604], oder nach Wellauer (+De Thesmophor.+) drei Tage. Wie bereits gesagt, nahmen nur Frauen an der Feier teil, _kein Mann durfte nahen, bei strenger Strafe_. Am ersten Festtage, dem 9. Pyanepsion (Oktober?) zogen die Frauen in zwanglosen einzelnen Zügen nach Halimus. Dieser Ort lag am Strande des Meeres. Vermutlich nahmen sie hier zum Zwecke der Reinigung und Entsühnung Bäder und Waschungen im Meere vor.[605]

Der Tag hieß %stêniai% (Sthenien) angeblich wegen der Neckereien und Scherze, welche die einzelnen sich begegnenden Züge miteinander ausübten. Vermutlich sangen sie keineswegs immer sehr anständige Lieder, die sogar mit allerlei unanständigen Geberden illustriert wurden. Man versammelte sich vor und in dem uralten Tempel der Göttin, wo dann eine nächtliche Orgie gefeiert wurde. Einiges Licht auf die Art der Feier in Halimus wirft ein erst im Jahre 1870 entdecktes Scholion zu +Lucian, Dial. meretr. II. 1 (Rohde, Rhein. Museum N. F. 25)+. Die Frauen versenkten neben den Backwerken der vorhin geschilderten Gestalt lebende Ferkel in eine Grube. Angeblich geschah letzteres zur Erinnerung daran, daß Eubulos an der Stelle, wo Pluto die Proserpina zur Unterwelt entführte, gerade eine Schweineheerde hütete und daß diese in den sich öffnenden Erdschlund mit hinabgerissen wurde. Das Ferkel hat aber im Griechischen auch noch eine andere den bildlichen Darstellungen der genannten Backwerke durchaus kongruente Nebenbedeutung, wie aus des Aristophanes +Acharnern V. 755-785+ deutlich erhellt. Darum wurde es mit Vorliebe der Demeter geopfert. Es ist ein Sinnbild der Fruchtbarkeit.

Die Orgie in Halimus zeichnete sich durch große Ausgelassenheit aus. Man denke sich die Frauen Athens, in der übrigen Zeit des Jahres meist in ihrer Häuslichkeit eingeschlossen, jetzt plötzlich für einige Tage völlig der strengen Obhut entledigt und unter sich beim Opfermahl schwelgend, wobei fast aller Witz sich um den einen, durch eine neuntägige Enthaltsamkeit nur um so mehr erregten, Gedanken des Festes drehte. Besonders wird allseitig berichtet, daß die Handlung der Baubo, durch welche diese die Ceres zuerst in ihrer Trauer erheiterte, von den Weibern mit Vorliebe bei dieser Gelegenheit nachgeahmt wurde. Daß dies auch bei dem Jakchoszuge der Eleusinien vorkam, wurde schon oben erwähnt. Hier, wo nur Frauen unter sich waren, geschah es in weit rückhaltloserer Weise. Genaueres darüber hat der Philologe Lobeck in seinem klassischen leider lateinisch geschriebenen Werke +Aglaophamus II. e. 6+ zusammengestellt. Das deutlichste Licht darauf werfen einige Kirchenväter, die gerade diese schamlose Seite altheidnischer Feste in geschicktester Weise zum Angriffspunkte gegen den Paganismus benutzt haben. Ich citiere den Arnobius, ohne mich jedoch aus begreiflichen Gründen zu einer Übersetzung der von jeder modernen Prüderie allzuweit entfernten Stelle zu bequemen: +Baubo accipit hospitio Cererem; sitienti ad ores oggerit potionem cinnum; aversatur et respuit dea. -- Tum vertit Baubo artes et quam serio non quibat (poterat) allicere, ludibriorum statuit exhilarare miraculis; _partem illam corporis, per quam sexus femineum sobolem solet prodere, facit in speciem laevigari (levigari) nondum duri atque striculi pusionis, redit ad deam tristem et retegit se ipsam_,

Sic effata sinu vestem contraxit ab imo _Objecitque oculis formatas inguinibus res, Quas cava succutiens Baubo manu_, nam puerilis Ollis vultus erat, plaudit, _contrectat amice_. Tum Dea defigens augusti luminis orbes, Tristitias animi paulum mollita reponit; Inde manu poculum sumit, risuque sequenti Producit totum cyceonis laeta liquorem.+

Etwas anders heißt es in den angeblichen Versen des Orpheus:

%hos eipousa peplous anesyrato, deixe te panta sômatos oude preponta typon. pais d'êen Iakchos cheiri te min rhiptaske gelôn Baubous hypo kolpois. hê d'epei eidêse thea, meidês' eni thymô dexato d'aiolon angos, en hô kykeôn enekeito.%

Auch belustigte man sich mit Tänzen, über deren Charakter schon die Benennung derselben nicht den mindesten Zweifel gestattet. Einer dieser Tänze hieß %knismos% (Reiz und Lüsternheit), ein anderer %oklasma% (Niederkauern und Spreizen der Beine). Man spielte das %chalkidikon diôgma% (Greifspiel). Vor allem wurden auch Scenen aus der heiligen Geschichte der Demeter, der Raub der Kore, die Scenen mit Eubulos usw. mimisch aufgeführt. Am folgenden Tag begab man sich in feierlicher Prozession zur Stadt zurück. Hierbei trugen ausgewählte Frauen die Satzungen der Demeter, welche sich auf das eheliche Mysterium bezogen, Schriftrollen in Kapseln auf den Köpfen. Unter anderen Bildern und Symbolen, Phallus usw., trug man dabei ein Kolossalbild der %kteis%[606] (+kteis+) voran, welches nichts anderes war als eine keineswegs bloß symbolische, sondern äußerst naturalistische Abbildung des »holden Geheimnisses« der Ceres, der »weiblichen Scham«.

Creuzer bemerkt (+Symbolik IV+) zu diesen Schamlosigkeiten: »Man darf die naive Freiheit dieser Gebräuche nicht mit unserem Maßstabe des Schicklichen messen.«

Am folgenden Festtage schlug die Ausgelassenheit in höchste Andacht um; man nannte ihn %Nêsteia% von dem strengen Fasten, das an diesem Tage bis zum Eintritt der Nacht gewahrt wurde. In der Nacht begann dann wieder der Orgiasmus, Chorgesänge und Reigen unter Fackelbeleuchtung. Der dritte Tag hieß %kalligeneia% (+Calligeneia+) vielleicht wegen der von Demeter erflehten Geburt schöner Kinder. »Die ganze Gruppe der von den Thesmophoriazusen gefeierten Gottheiten nennt Aristophanes in seiner gleichnamigen Komödie: Demeter und Kore, beide unter dem Epithet Thesmophoros, Plutos, Kalligeneia, Ge Kurotrophos, Hermes und die Chariten. Daraus kann man auf den Inhalt der Gebete schließen, um Segen der Flur und des Ackers, besonders aber der Kindererzeugung und Geburt. Dahin gehört auch die Kalligeneia. Sie wird als Tochter oder Dienerin der Demeter oder sonst erklärt, ist aber wohl weiter nichts, als die Demeter selbst in einer besonderen Beziehung, als die Mutter des schönen Kindes nämlich, der lieblichen Kore, darum vornehmlich von den Frauen gerufen, welche ihren Geburten gleiche Anmut wünschen.«[607]