Der Occultismus des Altertums

Part 45

Chapter 453,389 wordsPublic domain

»Wer ihn betastet Oder beschaut, nie stillet sich der die Sehnsucht des Herzens. Er auch atmete Duft, ambrosischen, gleich von dem Tag an, Daß der nysäische Gott auf dem zärtlichen Purpur geschlummert, Leise von Wein und von Nektar beseligt, als er den schönen Busen von Minos Tochter berührte.«

Umgekehrt hatte der Wein in den Dionysos-Mysterien eine sakramentale Bedeutung, die einer Transsubstantiation aus dem Zeitlichen ins Ewige. Was die erstere Bedeutung des Weins betrifft, so bietet darüber +Nork, vergleichende Mythologie S. 177ff.+ seltsame etymologische Bemerkungen. Er erinnert an den indischen Gott Shiwa, der den Palmenwein erfand und auch der Thränengott (Rutren) hieß; er weist auf die Verwandtschaft hin zwischen Bacchus und dem semitischen +bacca+ = weinen, vergißt aber merkwürdigerweise unser deutsches Weinen mit Wein zusammenzubringen. Dagegen ist ihm Ariadne das semitische +ari edna+ = Wollust des Löwen und er bemerkt +S. 178+:

»Bacchus, nachdem er mit Ariadne gebuhlt, fällt in die Gewalt der Titanen -- d. h. die Ichheit, die als Selbstheit, als Besonderheit mit selbstischem, dem Allwillen entgegenstrebenden Wollen verstanden wird, weswegen am Ende aller Dinge, in welchem die Wesen wieder in Gott übergehen, der Zustand ist, wo Niemand 'Ich' sagt.«

Ich möchte glauben, daß der Mythus von der Ariadne, der in den Mysterien mit Vorliebe pantomimisch dargestellt wird, jedenfalls auch die umgekehrte Bedeutung, nämlich das Erwachen der Seele symbolisieren sollte. Gerade auf Sarkophagen finden wir häufig Scenen dargestellt, wie den der schlafenden Ariadne nahenden Gott; oder Bacchus umarmt die schöne Ariadne, setzt ihr den Kranz auf und reicht ihr den Becher, daneben steht der schöne Knabe Staphilos, ihr gemeinschaftliches Kind, der »Traubengeist«.

Creuzer, der die Dionysos-Mysterien aus Indien stammen läßt (Dionysos ist ihm Dewanachi, der Entwilderer Indiens) giebt folgende spekulative Analyse der fraglichen indischen Ideen (+Symbolik I. S. 399+):

a) Das erste Sein vor und über Allem.

b) Die Liebe, die das erste Sein in sich aufgenommen, der es sich hingegeben hat. Mithin

c) Gott, geschieden in ein Liebendes und in ein Geliebtes.

d) Diese Spaltung ist der Urbestand der Dinge.

Die Dinge sind und sind nicht, sie sind nur in der Trennung und durch sie, sie sind nicht auf dem Standpunkte _über_ der Trennung. Die Liebe ist Weltmutter, aber was sie geboren hat, ist im bloßen Schein geboren, es ist ein Scheinbild, es sind Zaubergärten, die mit dem Beschwörungsworte in sich selbst versinken. Das Eine aber bleibt: Parabrahma, der Selbständige.

Diese spekulative Auflösung nimmt die realen Dinge als Kunstgebilde der Liebe im Scheine, mithin ist sie a) ästhetisch, b) sie hat sich aber ganz natürlich aus dem ersten _naiven Naturmythus_ entwickelt. Hiernach ist die schaffende Gottheit Welt-Lingam. Der Grund des Zeugens und Schaffens kann in nichts anderem liegen, als in der Liebe; und davon giebt sich nun die gesteigerte Spekulation die angeführte Rechenschaft.

II. Die cerealischen Mysterien.

1. Die Eleusinien.

Während die bacchischen oder dionysischen Mysterien an das männliche Naturprinzip anknüpfen, gehen die cerealischen vom weiblichen aus; sie knüpfen an die _Erntefeste_ an, während die bacchischen ursprünglich _Winzerfeste_ waren.

In Attika haben sich freilich allmählich in den Eleusinien, in denen auch Jakchos (Bacchos) seine große Rolle spielt, beide vermischt; jedoch blieb Demeter (Ceres) die Hauptgottheit der Eleusinien. Über die Eleusinischen Mysterien sind wir verhältnismäßig am besten unterrichtet, da sie im Altertum den größten Ruhm erlangten, und daher vielfache Andeutungen über ihre Feier von Dichtern, Philosophen und Historikern gegeben worden sind. Die Zulassung zu ihnen wurde allen Hellenen gewährt, von welchem Stamme oder Staate sie auch sein mochten.

Sie bestanden aus zwei durch einen halbjährigen Zwischenraum getrennten Feiern. Die erste derselben, die sog. _kleinen_ Mysterien wurden im Monat Anthesterion, der etwa unserem Februar entspricht, begangen, also im Frühling, sie waren vorzugsweise der Kora oder Persephone, der Tochter der Ceres, und dem Jakchos oder Dionysos, der als Bruder der Kora galt, gewidmet. Diese Feier wurde zu Agra, einer Vorstadt Athens, am Ilissus begangen. Ihr ging eine Reinigung vorauf, zu der das Wasser des Ilissus diente -- Die _großen_ Mysterien fielen in die Mitte des Monats Boëdromion, September, und dauerten nahezu 14 Tage. Der erste Tag hieß Tag der Versammlung. Die Mysten versammelten sich in der Stadt. Am zweiten Tag begaben sie sich mit dem Ruf %halade mystai%, »an das Meer, ihr Mysten«, an den Strand, um im Meerwasser die vorbereitende Reinigung vorzunehmen. Die folgenden Tage wurden mit mancherlei Umzügen, Opfern und Andachtsübungen in Heiligtümern der Demeter, Persephone und des Jakchos ausgefüllt. Am 20. Boëdromion begab man sich dann in feierlicher Prozession von Athen nach Eleusis. Die Prozession nahm fast einen ganzen Tag in Anspruch, da an einer großen Anzahl von »Stationen«, z. B. beim Grabmal des Eumolpos, bei dem wilden Feigenbaum, wo einst Pluto mit der geraubten Proserpina in die Unterwelt hinabgefahren sein sollte, beim Tempel des Triptolemos längerer Aufenthalt zur Vollziehung gottesdienstlicher Handlungen genommen wurde. Sie schloß damit, daß das Bild des Jakchos in den Weihetempel zu Eleusis, das Telesterion, gebracht wurde. Am folgenden Tage und in der Nacht wurden verschiedene Festakte, über die wir nichts näheres wissen, teils im Freien, teils im Peribolos des Telesterion begangen. Hierbei wechselte ausgelassene Lust und gegenseitige Neckerei beider Geschlechter, wobei die Frauen vielfach jene Handlung der Baubo oder Jambe wiederholten, durch die nach dem Mythos Ceres zuerst in ihrer Traurigkeit getröstet sein soll, mit feierlichem Ernst und andächtiger Sammlung. Einige Ahnung von diesem Treiben verschafft uns die Schilderung +Herodots I. 60+ vom egyptischen Isisfest. »Einige von den Weibern haben Klappern und klappern damit, einige Männer aber spielen die Flöte, und die übrigen Weiber und Männer singen und klatschen in die Hände; etliche verhöhnen die Weiber und etliche tanzen, etliche aber stehen auf und _heben die Kleider in die Höhe_.« (Die Baubo oder Jambe entlockte nämlich durch eine _unanständige Entblößung_ der Demeter das erste Lächeln.) In den Fröschen des Aristophanes wird uns der Chorgesang der Mysten und ihr ausgelassenes Treiben durch folgende Verse geschildert:

Chor:

O Heil, Heil, Jakchos! O Heil, Heil, Jakchos! Jakchos, der du weilst hier In dem stolzprangenden Wohnsitz, O Heil, Heil, Jakchos; Komm hierher auf die Bachwiese zum Reih'ntanz In die Schaar deiner Geweihten, Und im Schwunge walle duftig Dir der Myrtenkranz voll Beeren Um das lockige Haupt! Und kühn stampfe den Takt uns Mit dem Fuße zum neckisch Sich entfesselnden Lustreih'n, Der in holdreizender Anmut, Der in Unschuld dich umhüpft, Der Geweihten heil'gem Chortanz!

Ermuntere Dich: naht doch In der Hand schwingend die Fackeln, Er naht schon Jakchos, Stern des Lichtes, in Nacht leuchtend zum Feste! Von der Flamme glüht die Wiese; Ja, das Knie der Greise regt sich, Und sie schütteln ab die Sorgen Und die Bürde der Zeit, Die Last bleichender Haare, In der heiligen Festlust. Du, Seliger, führe Die zum Tanz rüstige Jugend Zu des Quells blumigen Auen Mit voranflammender Fackel!

Chorführer:

Voll Andacht schweig' er und halte sich fern von unseren heiligen Reigen, Wer fremd in solchen Geheimnissen ist und wer unlauteren Herzens, Wer Orgien himmlischer Kunst nicht sah noch tanzt in dem Chore der Musen, Wen nicht einweiht' in bacchantischen Ton Kratinos, der Stiereverschlinger, Und wer plumpspaßender Worte sich freut, die heran sich drängen zur Unzeit, Wer feindlichen Hader im Volk nicht dämpft, nicht hold und gefällig den Bürgern, Nein, Zwietracht sät und die Glut anschürt, nach eigenem Nutzen verlangend, Wer, Lenker des Staats, wankt dieser im Sturm, ausstreckt nach Geschenken die Hände, Wer Vesten verrät, wer Schiffe verrät und verbotene Waren versendet, Wer andre beschwatzt, für der Flotte Bedarf mit Geld zu bedienen die Feinde, Wer Hekate's Bild mit Gesängen beschmutzt, für kyklische Chöre gedichtet, Auch wer als Redner im Volke benagt den gebührenden Lohn der Poeten. Sei's diesen gesagt, sei's aber gesagt, sei's zum dritten gesagt und geboten: Hebt Euch von dem Chor der Geweihten hinweg! Ihr anderen stimmt den Gesang an, Und beginnt mit der heiligen Feier der Nacht, die dem heutigen Feste gemäß ist!

I. Halbchor:

Nun auf, zieht herzhaft alle Zu dem blumigen Schooße der Wiesen In stampfendem Schritte hinab, Mit neckendem Spott, Mit höhnendem Ruf und Gelächter! Denn fromm und ernsthaft wart ihr genug.

II. Halbchor:

Eilt, eilt nun, daß ihr der Göttin, Der Beschirmerin, heilige Lieder Anstimmt aus fröhlichem Mund, Ihr, welche das Land Auf ewig verhieß zu beschirmen, Und sei's auch gegen Thorykions Wunsch!

Chorführer:

Wohlauf, hebt Hymnen von anderem Klang jetzt an, und verherrlichet preisend Der Demeter Gewalt in begeistertem Lied, der Verleiherin frohen Gedeihens!

I. Halbchor:

Du, keuscher Orgien Herrscherin, Demeter, steh' uns gnädig bei, Und schirme selber deinen Chor! Laß ungestört den ganzen Tag In Spiel und Tanz mich freuen!

II. Halbchor:

Laß viel im Ernst und viel im Spaß Sich meine Zunge heut ergehn; Und wenn ich würdig deines Fests Gelacht, gespottet, laß mich dann Als Sieger stehn im Kranze!

Chorführer:

Auf! Eia! Nun auch den jugendschönen Gott Ruft herbei mit Liedern, Auf daß er uns Genosse sei Dieses Reigentanzes!

Einzelne des Chores:

Jakchos, vielgefeierter, der des Festes Anmutig Lied erfunden, komm, geleit uns Zur Göttin hin, Und zeige, wie du mühelos Die weite Bahn zurücklegst!

Der ganze Chor:

Jakchos, heit'rer Tänze Freund, geleite mich!

Einzelne:

Denn du zerrissest, daß wir zum Gelächter Armselig aussehn, dieses Paar Sandälchen, Dies Fetzenkleid, Und schafftest, daß wir ungestraft In Spiel und Tanz uns freuen.

Der ganze Chor:

Jakchos, heit'rer Tänze Freund, geleite mich!

Einzelne:

Denn eben, als ich nach dem Dirnchen seitwärts Hinüberblinzelte nach der allerliebsten Mittänzerin, Da sah ich des Hemdchens Schlitz Und weiße Brüstchen gucken.

Chorführer:

So wandelt Jetzt nach der Göttin heiligem Rund, Nach dem Blumenhaine, Froh scherzend, ihr, des heiligen Götterfestes Genossen! Ich, sammt den Mädchen und Frau'n, Ziehe hin zum Nachtfest Der Göttin, um die heilige Fackel dort zu tragen.

Chor:

Ja, wandeln wir zum Rosenhain, Zu blumenreichen Auen, Und scherzen in alter Art, Zum lieblichsten Tanz gesellt, Den wieder erwecken hier Die seligen Mören.

Denn uns allein strahlt Sonnenglanz Und heitern Lichtes Helle, Uns, die die Weihen wir einst Empfangen und frommen Brauch An Fremdlingen stets geübt Und Bürgern.

* * * * *

An einzelnen Tagen mußten die Mysten fasten, doch nur bis zum Anbruch der Nacht. Alsdann genossen sie zuerst den Kykeon[595], einen Mischtrank aus Mehl und Wasser, der mit Polei und anderen Zuthaten gewürzt war, und darauf, wozu sie Lust hatten mit Ausnahme gewisser verbotener Speisen.[596] Es wurde auch etwas Speise aus einer Kiste genommen, und nachdem man davon gekostet, in einen Korb und aus diesem wieder in die Kiste gelegt. Darauf bezieht sich die Formel, die als Erkennungszeichen für die Mysten gedient haben soll: »Ich fastete, ich trank den Kykeon, ich nahm aus der Kiste, ich kostete, ich legte in den Korb und aus dem Korbe in die Kiste.« Die Speise, die man der Kiste entnahm, war wahrscheinlich Sesamkuchen. Solche Kuchen wurden für die Feier in einer eigentümlichen Form, worüber später bei den Thesmophorien näheres, gebacken. Man meint, die Kiste bedeutete die Erde, aus der der Mensch seine Nahrung entnimmt, von der er einen Teil verzehrt, einen anderen in der Scheuer (dem Korbe) verwahrt, um ihn dann aus dieser, als Saatkorn, der Erde zurückzugeben.

Im Telesterion selbst, in Räumen, die nur für die Mysten selbst zugänglich waren, -- jeder einzelne wird sich hier haben legitimieren müssen, nachdem durch den Ruf des Hierokeryx, des heiligen Herolds, allen Profanen geboten war, sich zu entfernen, -- fanden dann diejenigen liturgischen Akte statt, die den eigentlichen Hauptteil der Mysterien ausmachten, -- die letzte Weihe, +epopteia+ genannt. Nach einer Wiederholung des Mysten-Eides, der Formeln, der sogen. kleinen Weihen, der Reinigung, des Glückwunsches an die Initiierten (Neueingeweihten) fand im Vortempel die letzte Vorbereitung für diese letzte Weihe statt. Darauf: »alle Schrecken der Nacht, Blitze, die durchs Dunkel zuckten« (+Saintecroix I. p. 348. Dio Chrysost. Op. XII. V. I, p. 387. Reiske+), Stimmen und furchtbare Töne, Schreckgestalten, Todesangst (+Plutarch, Fragm. de anima p. 136+). »Einige werden zu Boden geworfen, bei den Haaren ergriffen, geschlagen, ohne in der Finsternis den Thäter entdecken zu können.« (+Achill. Tatian, V. 23+). Endlich wird der Vorhang hinweggezogen, der bisher das Allerheiligste verhüllt hat. Dieser Schlußakt heißt +autopsie+ »Selbstschau«. Ein taghelles Licht strahlt aus dem Allerheiligsten hervor, die Priester stehen da in stattlichem und bedeutungsvollem Schmuck, Chöre von Sängern und Musikern im Hintergrunde: der Hierophant tritt hervor und zeigt die Heiligtümer, jedes einzeln, und offenbart, was über ihre Bedeutung nur den Eingeweihten zu wissen vergönnt ist: die Chöre lassen ihre Lieder zur Verherrlichung der Götter und ihrer Macht und Segensgaben erschallen.

»Wir mögen begreifen«, bemerkt +Schoemann, griech. Altertümer II, 376+, dessen Darstellung ich im wesentlichen folgte, »wie die Gläubigen, denen jene Heiligtümer, jene Götter wirklich als Götter gelten, aufs Tiefste davon ergriffen und von frommen Gefühlen erfüllt werden konnten. Dann aber lassen ausdrückliche Zeugnisse uns nicht daran zweifeln, daß dieses Zeigen der Heiligtümer und die sich daran schließenden Vorträge und Gesänge keineswegs alles waren, sondern, daß es auch nachahmende Darstellungen gegeben habe, durch welche, was in den heiligen Sagen von den Thaten und Leiden der Götter überliefert war, in lebendiger Vergegenwärtigung der Schauenden vor die Augen trat.« -- »Es ist übrigens wohl anzunehmen, daß die Enthüllungen der mystischen Heiligtümer und die mimischen Darstellungen der heiligen Geschichten nicht alle in einer und derselben Nacht stattfanden, und nicht alle Mysten auf einmal zugelassen wurden, um zur Epoptie zu gelangen, sondern daß sie in verschiedenen Abteilungen an die Reihe kamen.«

Vorgestellt wurden wahrscheinlich 1. das Blumenpflücken und die Entführung der Kore (Persephone). Vgl. +Ovid. Metamorph. V, v. 340-675+. Kore spielt mit den Okeaninen. Auf grüner Wiese spielen die Götterkinder, Blumen pflückend, Krokos, Veilchen, Rosen, und was sonst Griechenlands Fluren beim ersten Frühlinge Anmutiges darbieten. Da läßt Gäa den verhängnisvollen Narciß wachsen. Kore greift darnach; alsbald weicht die Erde unter ihren Füßen und sie wird eine Beute des +Hades-Aïdoneus+.

2. Das Suchen der Demeter: sie hört den letzten Schrei der Tochter, da ergreift sie heftigster Schmerz. Es ist der Schmerz einer Mutter, der man ihr Liebstes geraubt. Zerrissen der Schleier, die Locken gelöst, verhüllt in das schwarze Gewand der Trauer, eilt die Göttin in fliegender Hast über Land und Meer, immer spähend ohne Auskunft zu finden. Denn niemand wagt es, ihr die Wahrheit zu sagen, »weder ein Gott, noch ein Mensch, noch ein Vogel.«

3. Demeters Ankunft in Eleusis: Sie tilgt das Göttliche an ihrer Erscheinung und wird eine gemeine Magd, bei hohen Jahren, von adeligem Aussehen, aber leidend und des Trostes bedürftig. So war sie lange unter den Menschen umhergeirrt, ungesellig, einsam in ihrem Grame. So kommt sie nach Eleusis und setzt sich an der Landstraße, neben dem Brunnen der Jungfrauen. Hier wird sie von der Baubo aufgenommen, die auch Jambe[597] genannt wird, der Frau des Dysaules. Der Name Dysaules verrät die Unwirtlichkeit der Lebensart, die Demeter vorfand. Es waren arme Menschen, die unbekannt mit dem Segen des Ackerbaues von Beeren und Eicheln lebten. Baubo bedeutet Pflegerin, Amme des Jakchos, des eleusinischen Dionysos oder Zagreus, den Kore vor ihrer Entführung geboren hatte. Baubo ist es, die nun der Göttin den Kykeon reicht und sie durch eine unzüchtige Geberde wieder zum Lachen bringt. Daher das Kleideraufheben der Frauen und das Trinken des Mischtrankes in den ausgelassenen Episoden der Feier. Demeter übernimmt nun die Pflege des Kindes, dem sie, indem sie es ins Feuer hält, die Unsterblichkeit zu verschaffen sucht; das Fleischliche als Sitz des Sterblichen soll weggebrannt werden.

4. Das Wiederfinden der Persephone und die Stiftung des Ackerbaues. Von dem Schweinehirten Eubulos erfährt Demeter den Ort, wo Pluton mit der Kore in den Hades hinabgefahren. Eubulos und Triptolemos hatten ihre Heerden dort geweidet, darum konnten sie Bericht geben. Demeter geht darauf selbst in den Hades und führt die Kore wieder aus der Unterwelt empor. -- Aus Dankbarkeit übergiebt sie dem Eubulos und Triptolemos die ersten Cerealien und unterweist sie im Pflügen und Säen, und zwar in einem doppelten Sinne.[598]

Zum Schluß Einsetzung der Mysterien, wobei Dysaules, Eumolpos, Triptolemos die ersten Priester werden. Gegen Ende der Feierlichkeiten wurden zwei thönerne Gefäße mit Wein gefüllt und das eine nach Osten, das andere nach Westen unter Aussprechen mystischer Formeln ausgegossen. Auch bekränzten sich die Mysten mit Myrten.

Endlich erfolgte der Beschluß, indem der Hierophant die Entlassungsformel sprach. Diese Formel, welche %konx ompax% (+conx ompax+) lautete, hat zu seltsamen Deutungen Veranlassung gegeben. Die griechische Bedeutung und Herkunft der Worte ist nicht nachweisbar. Nicht geringes Aufsehen machte es nun, als Mitte dieses Jahrhunderts der Engländer Wilforce in %konx ompax% die indische Formel wiederzufinden glaubte, womit die _Braminen_ noch jetzt ihre gottesdienstlichen Versammlungen schließen. Diese lautet: +Canscha-Om-Pacsha+. +Canscha+ bezeichnet den Ort des höchsten Sehnens; +Om+ das heilige Wort, womit die höchste Gottheit, das ewige Wesen, bezeichnet wird; +Pacsha+ heißt Wechselung, Wanderung, Reihe, Ordnung, Pflicht.

Forscher, wie Muenter, Creuzer (+Symbolik IV. 399+), Schelling, glaubten hiermit sei das Rätsel gelöst und zugleich sei damit die Herkunft der Mysterien von Indien bestätigt. Dagegen machte Lobeck in seinem höchst gelehrten lateinisch geschriebenen Buche +Aglaophamus sive de theologiae mysticae graecorum causis+, diese Ableitung lächerlich. Obwohl der Versuch Lobecks seinerseits eine rein griechische Entstehung der Worte aus Naturlauten, die das Umkippen der Wasseruhr nachahmen sollen, zu versuchen, mir auch sehr zweifelhaft erscheint, möchte ich doch die Annahme einer indischen Herkunft der fraglichen Entlassungsworte für ebenso gewagt erachten.

Noch gewagter und meines Erachtens in verschiedenen Richtungen noch leichter widerlegbar ist freilich der Versuch du Prels (+die Mystik der alten Griechen S. 68-120+), zur Erklärung der Mysterien, wenigstens der _Eleusinischen_, den _Spiritismus_ heranzuziehen. Er nimmt an, daß jene geheimen Weihen, die wir eben beschrieben, nichts anderes als spiritistische Sitzungen mit allen dazu gehörigen »physikalischen« und »dämonischen« Phänomenen, »Materialisationen«, usw. gewesen seien. Schon die große Menge der Beteiligten sollte diese Annahme selbst für einen von der Möglichkeit derartiger »spiritistischer« Phänomene überzeugten »Occultisten« ausschließen. Eigentlich spiritistische oder diesen analoge hypnotische Manipulationen mögen bei einzelnen der späteren besonderen Geheim-Conventikel syrischen und egyptischen Ursprungs zumal in der Zeit des Verfalls der hellenischen Kultur üblich gewesen sein; im Rahmen der staatlich offiziellen Eleusinien erscheinen sie undenkbar. Vielmehr sind die Erscheinungen der eleusinischen Epoptie zweifellos durchweg auf theatralische Vorstellungen ohne jeden Nebengedanken bewußter Täuschung zurückzuführen und insofern den mittelalterlichen kirchlichen Mysterien, deren Reste wir z. B. in den Oberammergauer Passionsspielen vor uns haben, gleich zu stellen. Was gezeigt wurde, war wesentlich dramatische und mimische Symbolik. Vielleicht war dieselbe in der nachklassischen Zeit auch mit belehrenden, die »Allegorie« direkt erläuternden Vorträgen verbunden, für die vorchristliche Zeit steht nach den gründlichen Untersuchungen +Lobecks a. a. O.+ das Gegenteil fest; damals wurde das Verständnis des tieferen Sinnes entweder vorausgesetzt oder der privaten Erklärung, etwa durch den Mystagogen d. h. diejenige Person, welche die Einführung des Einzelnen in den Geheimkult vermittelte, überlassen. Wir dürfen uns freilich keine zu geringschätzige Ansicht über die Theatertechnik der alten Griechen machen; dieselben verfügten über außerordentlich sinnreiche Theatermaschinen. (Vgl. die Skene der Hellenen, von Gymnasiallehrer +R. Kuhlenbeck, Gymnasial-Programm, Osnabrück 1875+.) In den Fundamenten des von Perikles erbauten, 20-30000 Menschen fassenden Weihetempels zu Eleusis hat man sogar interessante Überreste der Maschinenräume, von denen aus die mystischen Phantasmagorien[599] ins Werk gesetzt worden sind, nachgewiesen. (+S. Wheler, Chandler Reisen in Griechenland, Leipzig 1777.+) Die gewaltige Wirkung ästhetisch-sinnlicher Symbolik, die wir ja heutzutage noch an der Eindrucksfähigkeit des katholischen Kultus beobachten können, erklärt aber auch genügend den überzeugenden unvergeßlichen Eindruck der heiligen Handlungen auf die einer ästhetischen Entzückung mit allem künstlerischen Raffinement durch eine Reihe von systematisch darauf abzielenden Festlichkeiten immer näher geführten Epopten. Vgl. Schillers Marie Stuart:

Mortimer:

»Wie ward mir, Königin! Als mir der Säulen Pracht und Siegesbogen Entgegenstieg, des Kolosseums Herrlichkeit Den Staunenden umfing, ein hoher Bildnergeist In seine heitre Wunderwelt mich einschloß.«

Wie wurde mir, als ich ins Innre nun Der Kirchen trat, und die Musik der Himmel Herunterstieg, und der Gestalten Fülle Verschwenderisch aus Wand und Decke quoll, _Das Herrlichste und Höchste gegenwärtig, Vor den entzückten Sinnen sich bewegte, Als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen, Den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn, Die heil'ge Mutter, die herabgestieg'ne Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklärung_, usw.

So wird es uns begreiflich, wenn Pindar[600] singt:

»Glücklich ist, wer der eleusinischen Wahrheiten Kenner In die Gruft des Todes hinabsteigt. Er kennt den Ausgang des Lebens, Kennt den gottverliehenen Anfang.«

oder Sophokles:

»Wie höchstbeglückt gelangen die ins Schattenreich, Die eingeweiht sind. Sie leben dort allein, Den andern ist nur Not und Ungemach bestimmt.«

oder wenn Isocrates schreibt, daß die, welche in die eleusinischen Mysterien eingeweiht sind, beseligende Hoffnungen bezüglich des Lebensendes und der ganzen Ewigkeit erlangen; und Cicero: »Athen hat zwar manches Vortreffliche geschaffen, aber gewiß nichts Besseres, als jene Mysterien, durch die wir aus einer rohen und uncivilisierten Lebensweise zur wahren Bildung geführt sind und in die wahren Prinzipien des Lebens eingeweiht, über das Rätsel des Lebens aufgeklärt werden, sodaß wir nicht nur mit größerer Freude das Leben zu genießen, sondern auch mit besserer Hoffnung zu sterben gelernt haben.«