Der Occultismus des Altertums

Part 44

Chapter 443,495 wordsPublic domain

Pherekydes ist nur um deswillen interessant, weil wir aus den wenigen abgerissenen Sätzen, die uns von seiner Lehre überliefert sind, entnehmen können, daß man sich bemühte den mythologischen Vorstellungen, insbesondere der sog. Theogonie eine esoterische Deutung zu geben. Doch geht +Conrad, a. a. O.+, wohl zu weit, wenn er dem Pherekydes geradezu eine der aristotelischen nahestehende Naturansicht beilegt. Inwieweit egyptische Einflüsse auf seine Anschauungen gewirkt haben, ist schwer festzustellen; Suidas läßt ihn die Geheimschriften der Phöniker benutzen, Josephus (+e. Ap. I 2+) zählt ihn zu den Schülern der Egypter und Chaldäer.

III.

Epimenides von Kreta.

Zu den hervorragendsten _praktischen_ Mystikern der antiken Welt hat unstreitig jener Epimenides von Kreta gehört, dessen historische Existenz ebenso unzweifelhaft ist, wie einzelne über sein Leben berichtete Wunderdinge auf Übertreibungen beruhen werden. Die Alten nennen ihn einen Jatromanten, einen Seher-Arzt. Er soll in Knossus auf Kreta geboren sein. Sein Vater, den einige Phaestios, andere Dosiades, noch andere Agesarkos nennen, soll ihn einmal fortgeschickt haben, um ein Schaf zu holen; auf diesem Wege soll er vor der Mittagshitze in einer Höhle Schatten und Erholung gesucht haben und hier, wo niemand ihn suchte und fand, in einen _tiefen Schlaf_ gesunken sein, _aus dem er erst nach 57 Jahren erwacht sein soll_. Als er nach Ablauf dieser Zeit erwachte, berichtet die Sage[583], suchte er erst, den Zeitverlauf nicht ahnend, das Schaf und kehrte, als er es nicht fand, nach der Stadt zurück. Sein Erstaunen war nicht gering, als er alles verändert fand und zu Hause nur noch seinen jüngsten Bruder, der mittlerweile ein Greis geworden war, antraf, der ihn nicht wiedererkannte.

Das etwaige Wahre an dieser Geschichte, die an die Erzählungen indischer Reisender von den »schlafenden Fakiren« erinnert, wird freilich für immer der kritischen Forschung entzogen bleiben. Ein Mediziner könnte vielleicht an einen eklatanten Fall der in unseren Tagen vielfach beobachteten sog. +Nona+ denken, einer auf noch unerforschten centralen Störungen beruhenden Schlafsucht, von der man Fälle registriert hat, die sich über viele Jahre hinaus erstreckt haben.[584]

Die Geschichte oder Fabel hat Goethe zum Stoff eines Festspiels gedient:

Des Epimenides Erwachen.

Die Entwicklung der Sehergabe wird hier auf den fraglichen Tiefschlaf in folgenden Versen zurückgeführt:

»Auf Kretas Höh'n, des Vaters Herde weidend, Die Insel unter mir, ringsum das Meer, Den Tageshimmel von der einzigen Sonne, Von tausenden den nächtigen erleuchtet; Da strebt's in meiner Seele, dieses All, Das herrliche zu kennen; doch umsonst: Der Kindheit Bande fesselten mein Haupt. Da nahmen sich die Götter meiner an, Zur Höhle führten sie den Sinnenden, Versenkten mich in tiefen, langen Schlaf. Als ich erwachte, hört' ich einen Gott: »Bist vorbereitet«, sprach er, »wähle nun! Willst du die Gegenwart und das, was ist, Willst du die Zukunft sehn, was sein wird?« -- Gleich Mit heiterm Sinn verlangt' ich zu verstehn, Was mir das Auge, was das Ohr mir beut. Und gleich erschien durchsichtig mir die Welt, Wie ein Kristallgefäß mit seinem Inhalt. -- Den schau ich nun so viele Jahre schon; Was aber künftig ist, bleibt mir verborgen. Soll ich vielleicht nun schlafen, sagt mir an, Daß ich zugleich auch Künftiges gewahre.«

Historisch beglaubigt ist, daß er von Kreta nach Athen berufen wurde, um hier eine epidemische Geisteskrankheit zu heilen, wie auf dieselbe Art ein anderer Jatromant, sein Landsmann und Zeitgenosse Phaletas einige Jahre zuvor nach Sparta berufen war, um durch die Wirkung seiner Musik und religiöse Hymnen eine Pestilenz aufhören zu machen. Die Athener beunruhigten sich nämlich wegen des sog. Kylonischen Frevels, über den uns +Thucydides I. 126+ folgendes erzählt:

»Es lebte in Athen ein gewisser Kylon, ein Mann, der in den olympischen Spielen gesiegt hatte und aus einem der ältesten und mächtigsten Häuser war und die Tochter eines Megarers, namens Theagenes, geheiratet hatte, welcher damals als Tyrann zu Megara herrschte. Dieser hatte von dem Orakel zu Delphi auf Befragen die Antwort erhalten, er sollte sich an dem größten Feste des Zeus der Burg zu Athen bemächtigen. Er ließ demzufolge sich von Theagenes Söldner geben, vermochte seine Freunde, seinen Absichten beizutreten und wartete sodann nur, bis die in der Peloponnes gefeierten olympischen Spiele wieder herankamen; da besetzte er die Burg in der Absicht, die Herrschaft an sich zu reißen. Dies hielt er nämlich als das größte Fest des Zeus, welches ihn gewissermaßen noch näher anginge, da er in den olympischen Spielen den Preis erhalten habe. Ob aber das größte Fest in Attika oder sonst wo gemeint sein sollte, darüber hatte er sich weiter keine Gedanken gemacht, und das Orakel hatte auch nichts davon gesagt, indem sonst auch die Athener dem Zeus Meilichios außerhalb der Stadt ein großes Fest unter dem Namen Diasia feiern, an welchem alles Volk in der Stadt haufenweise opfert, und zwar viele keine Schlachtopfer, sondern Opfer von den eigenen Landesfrüchten. Kylon griff also, ohne an der Richtigkeit seiner Gedanken zu zweifeln, das Werk an. Die Athener vom Lande eilten zwar auf die erste Nachricht davon mit gesamter Hand zur Gegenwehr herbei und sperrten sie auf der Burg ein; allein nach Verlauf einiger Zeit ließen sie sich durch Beschwerden bei der Belagerung ermüden und zogen größtenteils ab, bevollmächtigten dagegen die neuen Archonten, die Wachen zur Besetzung der Zugänge sammt allen übrigen Veranstaltungen nach eigenem Belieben und Gutdünken einzurichten. Diese neun Regenten hatten diese Zeit über den größten Teil der Regierungsgeschäfte unter Händen. Kylon und diejenigen, welche mit ihm eingesperrt waren, befanden sich durch den Abgang von Wasser und Lebensmitteln gar bald in schlechten Umständen. Inzwischen fand er selbst nebst seinem Bruder Mittel zu entkommen. Die übrigen, die immer mehr ins Gedränge gerieten, so daß auch schon einige Hungers starben, setzten sich als Schutzflehende an den auf der Burg befindlichen Altar. Die Athener, welche die Wache hatten, hießen sie davon weggehen; und als sie sahen, daß sie in dem Tempel sterben wollten, _führten sie dieselben unter dem Versprechen, ihnen kein Leid anthun zu wollen, hinaus und töteten sie; andere, welche zu den Altären der ehrwürdigen Göttinnen ihre Zuflucht genommen hatten, richteten sie im Vorbeigehen ebenfalls hin_.«

Die Folge dieses Frevels am Heiligtum des Asylrechts war eine epidemische Gewissensangst, die besonders bei dem weiblichen Teile der Bevölkerung sehr beängstigende Formen angenommen haben soll. Die Frauen wurden durch Hallucinationen, Visionen, Auditionen beängstigt, und es traten alle nur denkbaren Symptome hysterischer Melancholie und Krämpfe massenhaft auf.

Epimenides kam nun nach Athen, um die Stadt zu »reinigen und zu entsühnen«. Er gründete zu dem Ende neue Kapellen und richtete verschiedene Reinigungsceremonien ein, ganz besonders aber regelte er den Dienst der Frauen so, daß er die heftigen Impulse, die diese aufgeregt hatten, beruhigte. Grote in seiner griechischen Geschichte bemerkt dazu: »Wir wissen kaum etwas Genaueres über sein Thun; aber die Thatsache seines Besuchs und die heilsame Wirkung, die er durch Wegschaffung der religiösen Verzweiflung, welche die Athener niederdrückte, hervorgebracht, sind wohl bezeugt. Überdies besaß Epimenides die Klugheit, sich mit Solon zu vereinigen, und während er so viele wertvolle Ratschläge erhalten mochte, unterstützte er indirekt die Erhöhung des Rufes des Solon selbst, dessen konstitutionelle Reform sich jetzt schnell vollendete. Er blieb lange genug in Athen, um einen gemütlicheren Ton der religiösen Gefühle vollständig wieder herzustellen, und reiste dann ab, allgemeine Dankbarkeit und Bewunderung mit sich nehmend, _schlug aber mit Ausnahme eines Zweiges vom heiligen Ölbaum auf der Akropolis jede andere Belohnung aus_«.

Nach einer Angabe, welche schon während der Zeit des Xenophanes von Kolophon gangbar war, soll er das ungewöhnliche Alter von 154 Jahren erreicht haben; und die Kreter (sprüchwörtlich »böse Lügner und faule Bäuche«) wagten sogar zu behaupten, er habe 300 Jahre gelebt. Sie rühmten ihn nicht nur als Weisen und geistigen Purifikator, sondern auch als Dichter; sehr lange »Dichtungen« mystischen Inhalts wurden ihm zugeschrieben. Sowohl Plato, als auch Cicero betrachten den Epimenides in demselben Lichte, als einen Seher, der unter _temporären ekstatischen Zufällen_ die Zukunft habe vorausverkünden können. Nach Aristoteles dagegen gab Epimenides selber an, von den Göttern keine höhere Gabe empfangen zu haben, als die unbekannten Phänomene der Vergangenheit zu erraten.[585]

Plato (+Kratyl. p. 905+, +Phaedr. p. 244+) glaubte fest an Epimenides als gottbegeisterten Seher in der vergangenen Zeit, in Bezug auf die jedoch, welche zu seinen Lebzeiten Ansprüche auf übersinnliche Kräfte vorbrachten, war er weniger leichtgläubig. Er, wie Euripides und Theophrast, behandelten die Orpheotelesten der späteren Zeit mit gebührender Verachtung.[586]

Wäre Epimenides selbst in jenen Tagen, in welchen die Aufklärung der Massen große Fortschritte gemacht hatte, nach Athen gekommen, so würde wahrscheinlich das Wunder suggestiver Massenheilung auch ausgeblieben sein, und er würde sich nur vereinzelter Erfolge bei älteren Weibern und in rückständigen entlegenen Dörfern haben rühmen können, wie dieselben Bauchredner und Medizinleute, welche Plato verspottet.

Nur die Vergangenheit ist es, die solche Erscheinungen idealisiert.

Über die Lehren des Epimenides berichtet Damascius[587] und Eudemus, er habe zwei erste Gründe angenommen, die Luft und die Nacht[588], von diesen sei als drittes der Tartarus erzeugt worden. Von ihnen sollen, wie es scheint, zwei weitere nicht näher bezeichnete Wesen hervorgebracht sein, aus deren Verbindung das Weltei entstanden sei; eine Bezeichnung der Himmelskugel, die in vielen Kosmogonieen vorkommt, und die sich sehr natürlich ergab, wenn die Weltentstehung einmal der tierischen Lebensentwickelung analog vorgestellt wurde. Aus dem Weltei seien dann weitere Erzeugungen hervorgegangen.

Fünftes Kapitel.

Die Geheimlehre der Mysterien.

Persönlichkeiten, wie Empedocles, Pherekydes von Syros und Epimenides bilden ein Mittelglied zwischen der Philosophie und dem Esoterismus der griechischen Religionslehren, der bekanntlich seinen Sitz in den verschiedenen Mysterien oder Geheimkulten hatte.

Diese Mysterien bilden immer noch eins der größten kulturhistorischen und psychologischen Probleme des Altertums.

Die Berufung des Epimenides von Kreta nach Athen hatte vermutlich nebenbei den Zweck, die übrigens uralten, möglicherweise bis in das 15. Jahrhundert v. Chr. zurückdatierenden cerealischen Mysterien wieder zu reorganisieren.

Man hat nämlich ursprünglich die _bacchischen_ und _cerealischen_ Mysterien zu unterscheiden.

Die allgemeine religiöse Idee beider war zwar dieselbe. Beide führen auch auf orientalische, sehr weit, vielleicht bis Indien reichende Einflüsse zurück. Der Geheimdienst der Ceres und Proserpina ist aber nach Attika jedenfalls von Kreta, dem Vaterlande des Epimenides aus importiert worden. Kreta hat für die Verbindung mit dem Orient die glücklichste Lage, es war eine der ersten Niederlassungen phönizischer Kolonisten, es empfing früh egyptische Lehren, und vermutlich hat die Kultur der Hellenen von hier aus ihre erste Anregung erhalten. Thucydides berichtet, daß _Minos_ der erste gewesen, »der eine Flotte in See hatte, wie er denn das jetzt sog. griechische Meer größtenteils beherrschte, auch die cykladischen Inseln unter seiner Botmäßigkeit standen, von welchen er die meisten zuerst angebaut hat, indem er die Karier daraus vertrieb und seine Söhne als Häupter der neuen Kolonien einsetzte.«[589]

Cadmus, Phönix und Cilix, angeblich Oheime des Minos, schlagen dem orientalischen Mystizismus die Brücke von Asien nach Europa.

Wolfgang Menzel[590] meint, daß die Mysterien mit einer demokratischen Tendenz verbunden gewesen, daß sie einen geheimen Kampf der Humanität gegen Priester- und Kriegerkaste, des Liberalismus gegen die Vorrechte, etwa nach Art unserer modernen Freimaurerei, geführt hätten. So paradox diese Behauptung klingt und so übertrieben sie in ihrer modernen Ausdrucksweise erscheinen muß, so kann ich nicht in Abrede stellen, daß wenigstens die Geschichte Athens und Thebens einen gewissen inneren Zusammenhang zwischen der (älteren) Demokratie, die man wohl als Liberalismus bezeichnen kann, und den Geheimkulten aufweist. Ich erinnerte schon an die Beziehungen Solons, der ja im Sinne einer gemäßigten Demokratie reformierte, zu Epimenides. Ferner ist sicher, daß die demokratische Verschwörung des Pelopidas und Epaminondas ihren Ausgangspunkt in _Eleusis_ nahm[591] und beinahe durch einen Hierophanten vorzeitig verraten wäre.

Auch der Buddhismus hatte ja eine soziale Nebentendenz. Uns interessieren jedoch hier nicht die politisch-sozialen Nebenbeziehungen, sondern die Lehren.

I. Die bacchischen Mysterien.

In der Schöpfungslehre der _bacchischen_ Mysterien erscheint zunächst Chronos, die niemals alternde Zeit in Schlangengestalt. Dieser _Chronos_ zeugte das unbegrenzte Chaos nebst dem feuchten _Äther_ und dem finstern Erebus, und darin erzeugte er ein Ei, das in eine Wolke oder in ein Gewand gehüllt war, welches nachher zerriß. Aus dem Ei ging Phanes hervor, ein Mannweib, auch Protogonos und _Pan_ genannt. Man stellte ihn dar mit goldenen Flügeln, auf den Schultern mit Stierköpfen und auf dem Kopfe mit einer Schlange. Als »Aeon« wird er auch mit Osiris identifiziert. Er ist die demiurgische Ursache oder der Anlaß zur Weltschöpfung. Er wird nämlich vom Zeus, den er erzeugte, verschlungen, die Urbilder aller Dinge, die Phanes in sich hatte, werden jetzt alle in Zeus sichtbar, d. h. Zeus bringt alles Lebendige aus sich hervor. In der sog. hieratischen Poesie, in jenen Versen, die dem sagenhaften Sänger Orpheus zugeschrieben wurden, heißt es daher:

»Zeus wurde der erste, Zeus der letzte Herrscher des Blitzes; Zeus das Haupt, Zeus die Mitte; aus Zeus ist Alles bereitet; Zeus ward Mann und Zeus ward unsterbliche Jungfrau. Zeus der Erde Wurzel und des gestirneten Himmels, Zeus das Wesen der Winde, Zeus die Kraft des unverlöschlichen Feuers, Zeus des Meeres Wurzel, und Zeus der Mond und die Sonne, Zeus der König, Zeus, der selber Alles geboren.«

Die Ahnung der göttlichen Einheit wird also in dem Bilde eines körperlichen Ganzen, eines Riesenkörpers ausgeprägt. Übrigens werden in fast allen heidnischen Religionen die ältesten Gottheiten androgyn mannweiblich gedacht.

Das zweifellos nach Egypten zurückweisende Symbol dieser aus sich selbst alles Lebendige hervorbringenden Gottheit war seltsamer Weise der Scarabäus, d. h. der Mist-Käfer; weshalb der Dichter Pamphos sogar singt:

»Zeus, hehrester, größter der Götter, eingewickelt In Mist von Schafen, Rossen und Mäulern!«

Erst später zeigt die Trennung der Geschlechter, indem dem Zeus ein weibliches Wesen untergeordnet wird, einen unmerklichen Übergang zum Anthropomorphismus.

Dieses weibliche Urwesen heißt Chthonia (von %chthôn% = unbegrenzter Grund und Boden, Materie), das dann durch Zeus' Umarmungen befruchtet, Mutter Erde (Gäa) wird und im Jahreslaufe Alles hervorbringt.

So sangen die Peleiaden, jene Wahrsagerinnen des Orakels zu Dodona, wo Pelasger und Hellenen unter der heiligen Eiche Belehrungen über Jupiters Ratschluß einholten:

»Zeus war, Zeus wird sein, o großer Zeus! Die Erde bringt Früchte hervor, drum preiset die Mutter Erde!«

Von diesem Zeus und der Gäa geht nun Dionysos aus, der übrigens seinem Wesen nach identisch ist mit Zeus selber.

Zeus soll nach einer alten Mythe als Schlange zu der unter einem Felsen verborgenen und von zwei Drachen bewachten Persephone eingeschlichen sein und mit ihr den Zagreus gezeugt haben.

Sehr bemerkenswert für die Herkunft dieser Götterbegriffe ist der naive Bericht des +Herodot II. 52+: »Es brachten die Pelasger, wie ich zu Dodona vernommen, anfänglich unter Gebeten den Göttern Opfer aller Art. Jedoch legten sie keinem von jenen einen _Beinamen_ oder _Namen_ bei, dieweil sie noch niemals dergleichen gehört hatten. Götter benannten sie dieselben und deshalb, weil sie alle Dinge in Harmonie gesetzt und alle Einteilungen gemacht. Später, nach Ablauf geraumer Zeit, erfuhren sie die aus _Egypten_ gekommenen Namen der übrigen Götter, des _Dionysius Namen erfuhren sie aber viel später_.«

Möglicherweise ist der Dionysische Geheimkult indischen Ursprungs.[592] Nach +Arrian Ind. Kap. 5+ zieht Dionysios nach Indien. Bei seiner Rückkunft nach Griechenland weiht er dem Apollo eine Schale mit der Inschrift: »Dionysos, der Sohn der Semele und des Zeus _von Indien_ her weihet sie dem Apollo, dem Delphier.«

Nachdem Zeus den Zagreus erzeugt hat, trachtet die eifersüchtige Here, ihn zu verderben und sendet Titanen aus, ihn umzubringen. Zagreus betrachtete sich gerade als Stier in einem Spiegel, als die Titanen kamen, und verwandelte sich dann vergeblich in alle mögliche Gestalten, er wurde von den _Titanen zerrissen_. (Dieselbe Sage vom Zerreißen wiederholt sich bei dem mythischen Sänger Orpheus selbst, den die bacchantischen Weiber, die Mänaden zerreißen.) Nur sein Herz rettet Pallas Athene und bringt es dem Vater Zeus, der dann aus Zorn mit seinen Blitzen die ganze Erde verbrennt, so daß erst die Sündflut das Feuer wieder löschen kann. Das Herz des Zagreus wird in einen Becher gelegt, und als Semele daraus trinkt, wird sie Mutter des Dionysos.

Dieser Dionysos-Zagreus ist die Vielheit d. h. das in vielen Formen sich darstellende All, in Luft, Wasser, Erde, Pflanzen und Tieren.

Apollo sammelt die Glieder des Dionysos wieder: er ist die Einheit, die der Natur in ihrer Entwickelung vorsteht, um sie vor Zersplitterung zu bewahren und wieder an das Eine zu befestigen.

In sieben Teile war Zagreus zerstückelt. Die Siebenzahl ist daher gleicher Weise dem Dionysos und dem Apoll heilig. Dionysos ist nach Macrob[593] der Inbegriff aller Seelen. Der Becher, aus dem die Semele trinkt, heißt auch Quelle der Seelen. Man unterschied übrigens zwei solcher Becher. Die Alten haben sie auch als Sternbilder an den Himmel versetzt, den einen nahe am Zeichen des Krebses, den andern sahen sie in der Urne des Wassermanns. Der erste heißt Dionysoskelch, bei den Platonikern der Leben erzeugende Becher. Manilius (+astron. V. 116+) nennt ihn den Becher der Geburt. Durch den Trunk aus ihm vergißt die Seele ihre höhere Natur und sinkt in die Zeitlichkeit hinab, indem sie in einen irdischen Leib eingeschlossen wird. Aus dem zweiten Becher trinkt man wiederum die Vergessenheit des Irdischen und findet sich dadurch in der alten Heimat wieder.

Der erste Becher heißt auch der Teilungsbecher, die aus ihm geflossenen Seelen müssen in die _Individualität_ treten, sie müssen in die Geburt herab. Einige Seelen kommen herab, weil sie noch nicht hienieden waren, zur Erhaltung der Weltökonomie; das sind die Neulingsseelen (+mentes novellae+).[594] Andere müssen zur Strafe herab; andere geben sich freiwillig der Neigung zur Erde hin. Diese Neigung ist Folge des Blicks in den Spiegel, in den Dionysos gesehen, ehe er sich zum Schaffen der Dinge gewendet. Der Becher wird auch mit dem Spiegel selbst identifiziert; und bei Nonnus ist es die Liebesgöttin Afrodite, die dem Dionysos den Becher reicht. Ob Afrodite oder Persephone genannt wird, ist übrigens gleichgültig. Das Wesentliche ist die Einführung eines passiven, die Erschaffung bedingenden, weiblichen Prinzips. Der Spiegelbecher ist das Organ dieses Prinzips und wird daher realistischer auch durch das weibliche Organ dargestellt, wie umgekehrt der Phallus, das männliche Zeugungsorgan, das Symbol des Dionysos ist. Wir treffen hier lediglich die rohe indische Natursymbolik des Lingam und der Yoni wieder.

Je mehr die Seelen aus dem Becher der (sinnlichen) Liebe trinken, um so mehr werden sie berauscht, um so mehr erblaßt das Andenken an ihre höhere Abkunft. Edlere Seelen nippen nur an dem Kelch der Sinnlichkeit und sinken daher nicht so tief in tierische Gemeinheit herab, wie die meisten anderen Menschen. -- Anders die unedlen, die das _Feuchte_, (die Materie) lieben, die daher auch wohl Najaden genannt werden. Diese »feuchten« Seelen weilen gerne in dieser sinnlichen, formenreichen Welt, wie in einer Grotte, die in tausendfarbigem Gestein das volle Leben zurückspiegelt. Diese Welt der Sinnlichkeit, die Welt des Scheins, ist die täuschende Maja, indisch Maya-Bharani; in der Priestersprache wird Proserpina auch Maja genannt. Sie wird auch als Weberin bezeichnet, welche den materiellen Leib webt. Je mehr die Seelen am irdischen Dasein hängen, desto mehr Leiber, wie Kleider. Plato, Gorgias 523. Die Seele hängt sich gleichsam an den zuerst gesponnenen Lebensfaden; dann spinnt die Göttin weiter und webt das Kleid fertig. Das unfertige Gespinnst aber ist der bloße Schattenleib als Gespenst, das eben daher seinen Namen hat. Von Persephone (Maja, Proserpina) kommt das Leiblichwerden der Seele, von Dionysos die Beseelung des Leibes.

Als zeugendes Prinzip ist Dionysos in der Mysterienlehre auch Sonnengott. Und so wird die Vorstellung von der Seelenbahn auch mit der Sonnenbahn durch den Tierkreis verknüpft. Dionysos als Sonnengott wandelt jährlich die doppelte Bahn, den Weg des Winters und den des Sommers. Und dieselbe Bahn ist den Seelen vorgezeichnet. Aus dem Centrum des Himmels treten sie im Zeichen des Krebses in der Sommersonnenwende in die Erdenwelt ein, nach dem Tode aber steigen sie im Zeichen des Steinbocks wieder durch dieselbe Milchstraße zur himmlischen Welt empor.

Hier trinken sie dann aus dem schon erwähnten zweiten Becher, dem Becher der Reinigung oder Wiedergeburt, der als die Urne des Wassermanns am Sternenhimmel dargestellt ist. Wenn nämlich die Sonne in dieses Zeichen tritt, wird die Natur im Frühling wiedergeboren und damit wird die Wiedergeburt der verstorbenen Menschen im Himmel verglichen.

Dionysos hat also einen _doppelten_ Charakter. Er ist einmal das Prinzip der Zeugung, der Versinnlichung, der »Wille zum Leben«, der Gott der Weltbejahung, sodann aber auch der mystische Vertreter der Weltverneinung, der Entsinnlichung, der Erlösung, welche letztere ja in allen mystischen Systemen als Wiedergeburt oder zweite Geburt bezeichnet wird.

Daher finden wir in seinen Mysterien die beiden Gegensätze, auf die _alle Mystik_ hinausläuft, Lust und Unlust, Sünde und Entsühnung eng aneinander gerückt. Bacchantische Ausgelassenheit wird von leidenschaftlicher Trauer und Klage abgelöst und umgekehrt.

In Verbindung damit steht seine spezielle Bedeutung als Gott des _Weines_ und der Liebe. Man vergleiche hierüber die geistreichen Bemerkungen Wolfgang Menzels (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, S. 90-96.) Auch der Wein spielt ja eine doppelte Rolle, er begeistert und steigert die Seelen zu »dithyrambischer« Ekstase, verwandelt Wasser in Feuer, er berauscht und läßt im Rausche die Welt schöner erscheinen, andrerseits wirkt der Rausch Vergessenheit auch der sittlichen Pflichten. Aus dem Weindunst wird ein zweiter Schleier der Maja gewebt.

Gleichzeitig hat der Wein selber in der Gärung eine Art Wiedergeburt durchgemacht. Aus dem sich zersetzenden Traubensaft entsteht der edlere feurige Trank, und wenn der Mensch davon trinkt, erhebt er sich über seine gemeine Wirklichkeit:

»Die kummerbelastenden Sorgen Fliehen aus der Brust des Menschen, Sie schiffen auf dem Meer der goldreichen Fülle Allhin zum Strande der Täuschung. Der Arme wird reich, der Reiche Durch neuen Reichtum bereichert, Das Herz von den Pfeilen des Weinstocks gebändigt«

singt Pindar, und in reizender Weise deutet Apollonius den Zusammenhang zwischen dem Becher der Lust und dem Schleier der Maja an, wenn er von letzterem singt: