Part 43
»Thörichte sind's, denn sie reichen nicht weit in ihren Gedanken, Die da wähnen, es könne Zuvor-nicht-Seiendes werden, Oder auch etwas ganz hinsterben und völlig verschwinden. Aus Nicht-Seiendem ist durchaus ein Entstehen nicht möglich; Ganz unmöglich auch ist, daß Seiendes völlig vergehe; Denn stets bleibt es ja da, wohin man es eben verdränget.«
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»Aber erforsche mit allem Vermögen, wie Jegliches klar sei; Weder vertrau dem, was du erschaust, mehr, als dem Gehöre, Nach dem Getön des Gehörs mehr, als der Empfindung der Zunge, Auch zu den anderen Gliedern, soviel da Wege des Wissens, Halte zurück das Vertrauen, doch sieh, wie Jegliches klar ist.«
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»Vier Urwurzeln zuvörderst vernimm von sämtlichen Dingen, Feuer und Wasser und Erd' und der Luft unermeßliche Höhe; Denn aus diesen ist alles, was war und was ist und was sein wird.«
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»Aber indem sie sich mischen, entsteh'n unzählige Wesen, Mit manchfachen Gestalten geschmückt, ein Wunder dem Anblick.«
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»Wie da geschieht, wenn Maler ein prächtig Gemäld' ausführen, Männer, die wohl in der Kunst von göttlicher Weisheit belehrt sind; Diese, nachdem sie der Farben verschiedene Stoffe genommen Und sie passend gemischt, die mehr und weniger jene, Bilden daraus sie Gestalten, den sämmtlichen Dingen vergleichbar. Bringen sie Bäum' aus ihnen hervor und Männer und Frauen, Tiere des Feld's und Vögel und wasserbewohnende Fische Und langlebende Götter zumal, an Ehren die Höchsten. Also täusche dich nicht, als kämen die sterblichen Wesen, Die da entsteh'n unendlich an Zahl, aus anderer Quelle, Sondern gewiß glaub' dieses, dieweil's eine Gottheit dich lehret.«
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Er beschreibt das Feuer als warm und glänzend, die Luft als flüssig und durchsichtig, das Wasser als dunkel und kalt, die Erde als schwer und hart; er legt der Erde eine natürliche Bewegung nach unten, dem Feuer nach oben bei. Erst Giordano Bruno, der übrigens selber bis über die Ohren in Empedocleischen Vorstellungen steckte, hat in seiner naturphilosophischen Hauptschrift vom Unendlichen, dem All und den Welten, diese Lehre von den 4 Elementen, soweit sie gegen die Aristotelisch-Kopernikanische Weltanschauung verwertet wurde, zu erschüttern versucht. (+Vgl. S. 192 meiner Übersetzung dieser Dialoge.+) Er bemerkt: »Die alte Unterscheidung der Elemente beruht nicht auf natürlichen, sondern logischen Unterschieden.« Ich möchte freilich diese Bemerkung dahin berichtigen, daß sie auch nicht auf logischen Erwägungen, sondern neben einer oberflächlichen Beobachtung wohl in erster Linie auf mystischen Ideen, nämlich auf der Pythagoräischen Wertschätzung der Vierzahl beruhte. Eine solche langdauernde Bedeutung konnten zahlensymbolische Spielereien in der Geschichte des menschlichen Wissens erhalten! Noch heute hat ja der vulgäre Sprachgebrauch die Tradition des griechischen Dichter-Philosophen nicht verlassen. Empedocles bezeichnet die Elemente mit mythologischen Namen, das Feuer ist für ihn Zeus oder Hephästus, die anderen erhalten die Namen Here, Aidoneus und Nestis.
»Vier Urwurzeln zuvörderst vernimm von sämtlichen Dingen Zeus im Glanz und Here, die Nährerin, und Aidoneus, Nestis dazu, die in Thränen den Sterblichen Fließendes ausgießt.«
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Als treibende Kräfte aber für die stetige Bewegung der Elemente in der Mischung und Entmischung setzt Empedocles zwei, die wir als Attraktionskraft einerseits und Repulsionskraft andrerseits bezeichnen würden; er aber nennt sie in affektiver Auffassung _Liebe_ und _Haß_.
Wenn man sich nicht mit der rein objektiven Auffassung der Kräfte begnügen will, so liegt in der That in dieser Auffassung der Kraftbeziehungen ein auch heute noch naturphilosophisch zulässiger Gedanke, nämlich die Voraussetzung, daß in den realen Elementen _innere_ Zustände irgend welcher nach Analogie der psychischen _Triebe_ zu denkenden Art vorhanden sind, welche den räumlichen Entfernungen entsprechen und das nächste wirksame Glied sind, von dem die Größen der bewegenden Kräfte, welche die Elemente ausüben, in jedem Augenblicke entspringen. Denn wenn die Entfernung +z y+ zwischen den Atomen +z+ und +y+ zunächst nichts weiter ist, als die Vorstellung, die ein Beobachter sich bildet, indem er den räumlichen Ort des +y+ durch Ausgehen von dem Orte des +z+ zu erreichen sucht und sich dabei der Größe der Veränderung bewußt wird, die der Zustand seiner Sinne dabei erfährt; -- so muß doch auch +z+ selbst, wenn es sich nach der Entfernung richten soll, etwas von ihr _merken_, d. h. es selber muß _innerlich_ anders affiziert sein, wenn ihre Größe +p+ und anders, wenn sie +q+ beträgt. Was soll es sonst heißen, die Entfernung bestehe _für_ +z+ und +y+? (+Vgl. Lotze, Grundzüge der Naturphilosophie S. 25.+)
Die Attraktion oder Liebe personifiziert unser Dichter als Afrodite.
»Wie durch Mischung des Wassers, der Erd' und der Luft und des Feuers Hier die Gestalten entsteh'n und Farben der sterblichen Wesen, Alle, soviele da sind, hat _Afrodite_ gebildet.«
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»Sie selbst (die Elemente) bleiben dieselben, doch durcheinander verlaufend, Werden sie Menschen und all die unzähligen andern Wesen, Jetzt durch der Liebe Gewalt sich zu Einem Gebilde versammelnd, Jetzo durch Haß und Streit sich als einzelne wieder zerstreuend.«
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Im Urwesen freilich, dem Sphairos (er denkt es sich kugelförmig, da die Kugel das vollkommenste stereometrische Gebilde), oder der Gottheit, sind die 4 Elemente, die Urwurzeln aller Dinge, noch in vollkommener Unterschiedslosigkeit und Einheit beisammen, kraft der in ihm waltenden Liebe, und die Schöpfung der Welt ist nichts anderes, als Entwickelung und Zerrissenwerden der Gottheit aus der Einheit in die Vielheit.
Zunächst geht durch die hereintretende Zwietracht die Einheit des Sphairos auseinander in die Vierheit der Elemente, aus denen dann Afrodite oder die Liebe die ganze harmonische Weltbildung und die Einzelwesen hervorbringt.
In der ursprünglichen Einheit:
»Da sind weder des Feuers bewegliche Glieder gesondert«
noch die Erde, das Wasser und die Luft;
»Also ist sie durch heimliche Kraft der Verbindung gehalten, Eine gerundete Kugel, sich ruhender Kreisung erfreuend.«
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»Aber nachdem ihr der mächtige Streit in den Gliedern erwachsen, Und zu Macht und Ehren gelangt, da die Zeit sich erfüllet, Die abwechselnd den beiden erscheint nach gewaltigem Eidschwur, Sämtlich da nacheinander erbebten die Glieder der Gottheit.«
Indem sich die Elemente trennen, wird der Leib der Gottheit zerrissen, oder, wie der Dichter Claudian[577] sagt: Empedocles:
»Streuet umher und erneuert den Gott und knüpfet von neuem Wieder durch Liebe zusammen, soviel auflöste die Zwietracht.«
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»Bald wächst aus Vielem zu Einem Alles heran, bald wieder zergeht's aus Einem in Vieles, Feuer und Wasser und Erd' und der Luft unermeßliche Höhe, Und von diesem gesondert der Streit, jedwedem gewachsen, Und in diesen die Liebe, die gleich an Läng' und an Breite. Und nie hörte es auf, in Ewigkeit immer zu wechseln, Bald durch Liebe sich alles in Eins zusammen verbindend, Bald durch Hader und Streit sich in Einzelnes wieder zerstreuend.«
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Die kosmischen Vorstellungen des Empedocles sind wüst und kindisch, obwohl sie einzelne _für die damalige Zeit_ auffällige Ahnungen wahrer Sachverhalte einschließen.
_So soll er behauptet haben, daß das Licht der Sonne eine gewisse Zeit gebraucht, um zu uns zu gelangen._[578] Im übrigen aber hält er die Sonne für einen gasartigen Körper, der, angeblich so groß wie die Erde, die Strahlen des Feuers aus der ihn umgebenden lichten Hemisphäre wie ein Brennspiegel sammle und zurückstrahle; ähnlich sollte der Mond aus krystallartig gehärteter Luft bestehen; seine Gestalt jedoch sei die einer Scheibe. Daß der Mond sein Licht von der Sonne erhält, war ihm bekannt; auch wurden von ihm die Sonnenfinsternisse durch Dazwischentreten des Mondes erklärt.
Geradezu wie eine antizipatorische Persiflage auf die zur Zeit noch moderne Darwinistische Theorie aber nimmt sich die Anschauung des Empedocles von der Entstehung der organischen Wesen und ihrer Gattungen aus. Er ist ein Anhänger der Urzeugung: Die organischen Wesen sind aus dem Schlamm entstanden, und Ovid hatte jedenfalls nicht Pythagoras, sondern Empedocles in der Vorstellung, wenn er +Metam. I, 422ff.+, schreibt:
»So, wenn das triefende Land der sich siebenfach mündende Nilstrom Wieder verläßt und in's frühere Bett die Gewässer zurückzieht, Und von dem hohen Gestirn der entstandene Schlamm sich erwärmet, Findet der Bauer, nachdem er die Schollen des Bodens gewendet, Vielerlei Tier', und erblickt da die einen soeben begonnen, Grad' im Entstehen, und andere noch nicht völlig entwickelt, Einiger Glieder beraubt, und oft in demselben Körper Lebet ein Teil und der andere Teil ist lauter Erde.«
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Ferner +XV, 374ff.+:
»Samen besitzet der Schlamm, die grünliche Frösche erzeugen, Und er gebiert sie zuerst fußlos, d'rauf leihet er ihnen Schenkel, zum Schwimmen geschickt, und damit die auch dienen zu langen Sprüngen, erhebt sich der hinteren Maaß weit über die vorderen; Auch ein Junges nicht ist, was eben die Bärin gebieret, Sondern noch kaum lebendiges Fleisch; durch Lecken erst bringet D'raus sie die Glieder hervor und Gestalt, die ihr selber zu Teil wird.«
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Ebenso »dichtet« Empedocles:
»Rohe, noch formlose Bilder entsprangen zuerst aus dem Boden, Beiderlei, Wasser sowohl wie Erde, besitzend als Anteil; Diese bewirkte das Feuer, indem es zum Gleichen empordrang, Ganz noch an ihnen verhüllt die gefällige Bildung der Glieder, Weder mit Laut, noch gar mit der üblichen Rede der Menschen.«
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Was wird man aber erst zu folgender Antizipation der Lehre von der _indirekten Auslese_ oder Selektion des Zweckmäßigen sagen, die ja, um die Voraussetzung eines bewußten Schöpfers zu umgehen, als Hauptstütze der modernen Entwickelungslehre gilt?
»Also geschah's, daß Häupter, des Nackens beraubt, aufsproßten; Bloß auch irrten da Arme herum, die der Schultern entbehrten; Augen auch schweiften vereinzelt noch unteilhaftig der Stirnen, Vieles erwuchs mit doppelter Brust und doppeltem Antlitz; Rind mit Menschengesicht ward dieses, dagegen ein anderes Mensch mit dem Haupte des Stiers, und Gemischtes zum Teil von dem Manne, Teils in des Weibes Natur aus zarten Gliedern gebildet.«
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Ueberweg[579] meint wohl mit Recht, der Unterschied dieser Hypothese des Empedocles von derjenigen Häckels sei nur ein relativer; jedenfalls liegt die Erinnerung an den Häckelschen Urschleim und dessen Bathybius bei Lektüre dieser grotesken Schöpfungspoesie sehr nahe.
Auch einige sonstige physiologische Lehren des Empedocles bieten ein ähnliches Interesse für eine vergleichende Theorie spekulativer Naturphilosopheme, wie sie sich zu allen Zeiten, auch heute noch bei Leuten, denen die Elemente der Physik ein kabbalistisches Geheimnis geblieben sind, wiederholt finden. So z. B. seine Theorie des Sehens. Zufolge dieser Theorie müßten wir eigentlich im Dunkeln am besten sehen können. Er meint nämlich, daß das Sehen durch eine Ausströmung von Strahlen aus dem Auge zu den Gegenständen hin geschehe, »feine Netze halten im Auge die Masse des umherschwimmenden Wassers zurück, die Feuerteilchen aber springen in langen Strahlen heraus, bis sie den Gegenstand erreichen und ihn gewissermaßen wie weit vorgestreckte Fühlhörner betasten.« Er vergleicht deshalb das Auge mit einer Laterne.
»Wie wenn ein Mann, um ins Freie zu gehen, sich bereitet die Leuchte, Daß sie die stürmische Nacht mit dem Scheine des Feuers erhelle, Und die Latern' anzündet, die jeglichem Winde verschlossen; Diese bewahret das Feu'r vor dem Hauche der blasenden Winde; Aber das Licht dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner, Und es beleuchtet den Boden mit nimmer ermüdenden Strahlen: Also lagert von Häutchen umschlossen das ewige Feuer, Von ganz feinen Gewändern umhüllt, in der runden Pupille, Diese verhegen die Flut ihm des rings anspülenden Wassers, Aber das Feu'r dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner.«
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Auch spätere Naturphilosophen, wie Bruno, sehen wir noch diese seltsame Optik, die das Sehen auf eine aktive +per radios ab oculo+ statt +per radios ad oculum+ vermittelte Thätigkeit zurückführt, lehren und damit gleichzeitig allerhand occultistische Annahmen über die Wirkung des bösen Blicks u. s. w. als thatsächliche Verhältnisse und Naturerscheinungen erklären. Auch Bruno lehrt, daß das Sehen eine Thätigkeit des »Nervengeistes« ist, der zuerst mittels der vom Auge ausgehenden Strahlen sich nach außen hin verbreitet und von den verschiedensten, mit verschiedenen Empfindungen beseelten Objekten berührt wird, und sich dann wieder zusammenzieht (wie wenn z. B. eine Schnecke ihre Fühlhörner nach der Berührung wieder einzieht).
Bekanntlich ist diese +ante+-Newtonische Optik auch den modernen Spiritisten außerordentlich bequem. Denn da die schwierigeren spiritistischen Experimente, wie z. B. die sog. Materialisationen, der Apport von Gegenständen u. s. w. niemals zu stande kommen, wenn ein kritischer Zuschauer ein Auge auf den +modus operandi+ des sog. Mediums hat, so sagt die moderne spiritistische Theorie, daß der feindselige Magnetismus des Auges, also jene _vom_ Auge ausgehenden Sehstrahlen +à la+ Empedocles-Bruno die Entwickelung der mediumistischen Kräfte verhindern; man muß vielmehr solange die Augen schließen oder nach einer anderen Richtung schauen, bis eins, zwei, drei, +hocus pocus fidibus+, die phänomenale Aktion des Mediums in die dreidimensionale Sphäre einzugreifen Zeit und Gelegenheit gefunden hat.
Ich komme nun endlich auf die Krone der Empedocleischen Philosophie, auf seine _Seelenwanderungslehre_. Man wird allerdings erstaunt sein, wie so dem bisher geschilderten Rumpfe ein solches Haupt (einem Pferde das Haupt der Ziege) entwachsen konnte. Denn gewiß hat man alle Veranlassung, nach den bisherigen Prämissen zu erwarten, daß Empedocles so etwas wie eine unsterbliche Einzelseele nicht kenne und vielmehr nur die Unsterblichkeit der 4 Elemente annehme. Allein, es giebt eben auch individuelle notwendige Inkonsequenzen! Für Empedocles ist das Dogma von der Seele und ihren Wanderungen eine solche notwendige Inkonsequenz, sei es nun, daß ihn das Bedürfnis seines Herzens oder die bei Leugnung der Seelensubstanz schwer zu rechtfertigende Goëtie oder Nekromantik, d. h. der antike Spiritismus, zur Annahme derselben führte. Schon im Altertum haben Schriftsteller, welche die Seelenwanderung für eine so tiefsinnige Idee erachteten, wie beispielsweise unter den modernen Denkern der Verfasser der 100 Thesen über die Erziehung des Menschengeschlechts, Ephraim Lessing, die Frage aufgeworfen, ob dieselbe bei Empedocles auch eine originale Konzeption war; ja einige gingen soweit, ihn des _geistigen Diebstahls_ (%logoklopeia%) an der occultistischen Ideenschatzkammer der Pythagoräer zu beschuldigen[580]; und neuerdings hat noch Professor Gladisch gemeint, auch Empedocles könne diese Lehre, wie manches andere, z. B. seine Kosmogonie und Optik, nur der Weisheit der Egypter entlehnt haben.[581] Aber warum sollte die Wahrscheinlichkeit einer solchen Superstition nicht gerade dadurch gewinnen, daß die verschiedensten großen Denker ganz _selbständig_ zu derselben Vorstellungsweise gelangt wären?
Empedocles also schreibt:
»Nimmer wohl wird, wer darin belehrt ist, solches verneinen, Daß nur so lange sie leben, was man nun Leben benennet, Nur so lange sie sind und Leiden empfangen und Freuden, Doch eh' Menschen sie wurden und wann sie gestorben, sie Nichts sind.«
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»Also besteht ein Verhängnis, ein alter Beschluß von den Göttern, Der für die Ewigkeit gilt, durch mächtige Eide besiegelt; Wer mit Frevel im Sinn, hat seine Gebeine beflecket, Von den Dämonen, so vielen verliehen langdauerndes Leben, Muß unzählige Horen entfernt von den Seligen irren, Sich umwandeln im Wechsel in allerlei Formen der Wesen. So leb' ich jetzo verbannt von Gott und ein Flüchtling, Dienstbar dem rasenden Zwist.«
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Dann ruft er aus:
»O! aus was für Ehr' und aus was für Höhe des Glückes Fiel ich herab, und verkehre nun hier mit sterblichen Wesen!«
Und er betrachtet die Welt als eine finstere Höhle, indem er die Mächte, welche die Seele hierher geleiten, sagen läßt:
»Also gelangten wir hier in die dunkele Grotte«
und er schreibt von seinem ersten Eintritte in dieselbe, von seiner Geburt:
»Und ich weinet' und schrie, da ich sah den unheimlichen Wohnsitz.«
(Shakespeare beging also vielleicht eine %logoklopeia% an Empedocles, als er schrieb:
»Wenn wir geboren werden, weinen wir, Weil wir die Narrenbühne Welt betreten.«)
Nachdem aber die Seele in das irdische Dasein verbannt ist, muß sie hier durch alle Arten der sterblichen Geschöpfe wandern, selbst in Pflanzen eingehen:
»Denn ich selber (+scilicet+ Empedocles) war auch vordem schon Jüngling und Jungfrau, Auch schon Strauch und Vogel und lautloser Fisch in dem Meere.«
Aber während andere Seelen auf dem Wege nach unten sind und immer schlimmeren Metamorphosen entgegengehen, z. B.:
»Werden zu Leu'n, die Bewohner die Berg', auf der Erde sich lagern, Unter dem Wild und zu Lorbeern unter den laubigen Bäumen;«
hat Empedocles auf dem Wege nach oben schon die nächsthöchste Stufe des »Mahatma« erlangt, nämlich:
»Aber zuletzt als Seher und heilige Sänger und Ärzte, Und als Lenker der Völker erstehen sie unter den Menschen. Und aus ihnen erblüh'n dann Götter, an Ehren die Höchsten.«
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Und so ruft er denn schließlich gar, seine Göttlichkeit vorausnehmend seinen Mitbürgern zu:
»Heil Euch! ich als unsterblicher Gott, kein Sterblicher fürder Wandle bei Euch!«
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Aus seinem Seelenwanderungsglauben entsprang -- insofern war er anscheinend konsequenter als Pythagoras -- auch sein strenger Vegetarismus. Mit Hinsicht auf das Fleischessen ruft er aus:
»Steht ihr nicht ab vom Morden, dem greulichen? Sehet ihr denn nicht, Daß ihr Einer den Andern verzehrt gleichgültigen Sinnes?«
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»Siehe, den eigenen Sohn, den verwandelten, bringet der Vater Dar zum Opfer mit Beten, der Thörichte; jener nun schreitet Flehend daher, doch er hört ihn nicht, und treibet ihn scheltend, Schlachtet ihn, richtet sodann sich im Haus ein scheußliches Mahl zu; Auch so der Vater den Sohn, und die Mütter ergreifen die Kinder, Morden sie hin und schlingen herunter die teuren Gebeine.«
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So soll denn auch Empedocles einmal, als er dem gewöhnlichen Gebrauche nach hätte einen Ochsen opfern müssen, einen solchen aus Myrrhen und sonstigen kostbaren Salben haben herstellen und nach der Opferung unter das Volk verteilen lassen.
Da nach seiner Seelenwanderungstheorie auch die Pflanzen von Menschenseelen bewohnt werden können, so war freilich auch sein Vegetarismus wiederum nur eine Halbheit.
Möglicherweise erleben wir es noch, wenn erst einmal die moderne Chemie das große Problem der Herstellung von Nahrungsmitteln auf chemischem Wege aus Mineralien, aus Steinen und Erde gelöst haben wird, daß dann sogar der Vegetarier einer fortgeschrittenen Sekte von Mineralophagen oder Chemikalienessern in demselben grausamen Lichte erscheinen wird, in welchem jetzt dem theosophisch gebildeten Vegetarier der Fleischesser oder Tierleichenverzehrer dasteht.
II.
Pherekydes.
Eine Mittelstellung zwischen Philosophie und »Theologie« (in antikem Sinne) oder auch Priestertum und einem Sehertum, wie es Empedocles vertrat, nimmt auch Pherekydes von der Insel Syros ein, welchen Cicero den ersten Lehrer der Unsterblichkeit nennt.[582] Seine Geburt setzt Suidas in die Zeit zwischen 600-596 v. Chr. (+Ol. 45+). Diogenes nennt ihn einen Schüler des Weisen Pittakus. Derselbe berichtet folgende Geschichten über seine Sehergabe: Als er einst am Strande von Samos wandelte und ein Schiff mit vollen Segeln vorbeifahren sah, weissagte er, dasselbe werde binnen kurzer Frist zu Grunde gehen; und so geschah es alsbald vor seinen Augen. Ein anderes Mal soll er aus dem Geschmack des Brunnenwassers ein Erdbeben vorausgesagt haben. Einem Gastfreunde in Messina riet er, möglichst bald mit seiner Familie auszuwandern. Dieser befolgte den Rat nicht, und kurze Zeit darauf wurde Messina von Feinden erobert und jener mit der ganzen Einwohnerschaft als Kriegsgefangener verkauft.
Er soll ein Alter von 83 Jahren erreicht haben, und für das Ansehen, das er genoß, bürgt der Bericht, daß ihm als Grabschrift folgende Worte gesetzt seien:
%Tês sophias pasês en emoi telos% = Aller Weisheit Vollendung war in mir.
Eine Schrift »über den Ursprung der Dinge« von ihm scheint noch dem Cicero bekannt gewesen zu sein. In derselben bezeichnete er als das erste, was immer war, Zeus, Chronos und Chthon.
Zeus ist der höchste weltschöpferische Gott und zugleich der höchste Himmel, vielleicht der Äther.
Unter Chthon, meint Conrad (+De Pherecydis Syrii aetate atque cosmologia, Koblenz 1857+), ist das Chaos, der Urstoff, zu verstehen, der alle Stoffe, außer dem Äther, in sich enthalten habe; Zeller dagegen nimmt an, es sei dabei nur an die Erde als solche zu denken. Unter dem Chronos versteht man gewöhnlich die _Zeit_. +Zeller, a. a. O., S. 73+ bemerkt jedoch, daß es kaum glaublich sei, daß ein so altertümlicher Denker den abstrakten Begriff der Zeit unter den ersten Urgründen aufgeführt hatte; Chronos bringt nämlich aus seinem Samen Feuer, Wind und Wasser hervor. Schwerlich soll damit nur gesagt sein, diese seien im Laufe der Zeit entstanden. Daher meint Zeller, im Widerspruch mit Conrad und Brandis (+Gesch. der Entw. der griech. Philosophie+), daß Chronos richtiger Kronos zu schreiben und als Gott der heißen Jahreszeit und des Sonnenbrandes zu denken sei, jedenfalls als ein realer Bestandteil der Welt.
Diese drei Urwesen erzeugten zahlreiche weitere Götter in fünf Geschlechtern. Preller glaubt (+Rh. Museum 382+), es sollen damit fünf Mischungsverhältnisse der Elementarsubstanzen (Äther, Feuer, Luft, Wasser, Erde) bezeichnet werden, in denen je eine derselben vorherrschend sei. Zeus verwandelt sich zum Zwecke der Weltbildung in Eros. Die weltbildende Kraft ist die Liebe. Er machte ein großes Gewand, in das er die Erde und den Okeanos einwob und spannte dieses über einen von Flügeln getragenen Eichbaum, d. h. er bekleidete das im Weltraum schwebende Erdgerüst (daher die Flügel des Eichbaums) mit der mannigfach wechselnden Oberfläche des Landes und der Seeen. Dieser Weltbildung widerstrebte Ophioneus, als Repräsentant der untergeordneten Naturkräfte, aber das Götterheer unter Chronos stürzt ihn in die Meerestiefe und behauptet den Himmel.