Der Occultismus des Altertums

Part 42

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Derselbe Aristoxenos berichtet auch, daß er gern Schweinefleisch und Lammfleisch gegessen. Er scheint dies von dem Pythagoräer Xenophilus, seinem Freunde, und einigen anderen Zeitgenossen des Pythagoras erfahren zu haben. Die Ursache des Irrtums hinsichtlich des Bohnenverbots wird in einem Gedichte des Empedocles, das die Pythagoräische Lehre betrifft, gefunden:

»Elende Welt, enthalte dich doch des Genusses der Bohne!«

Hier haben die meisten angenommen, sei die Hülsenfrucht der Bohne gemeint. Die aber, welche die Verse des Empedocles scharfsinniger auslegen, wollen an dieser Stelle unter Bohnen die Geschlechtsteile verstanden wissen, welche von den Pythagoräern wegen der (im Griechischen) auffälligen etymologischen Verwandtschaft (%kyamoi%, +quod sint+ %aitioi tou kyein%) so genannt seien.

Empedocles habe daher die Menschen nicht vor dem Genuß der Bohnen, sondern vor der geschlechtlichen Ausschweifung warnen wollen.

Allgemein bekannt ist, daß Pythagoras behauptet haben soll, er sei in einem früheren Leben Euphorbus gewesen; weniger, was Clearchus berichtet, daß er später als Pyrrhus, dann als Aethalides und zuletzt als ein schönes Weib, namens Alco, das sich der Prostitution ergeben habe, sich wieder verkörpert habe.

Die zuletzt von Gellius erwähnte Fabel zeigt deutlich, bis zu welchem Grade in späteren Zeiten die Person des Pythagoras zum Gestell abgeschmacktester Fabeleien mißbraucht wurde, gewiß kein beneidenswertes posthumes Schicksal für einen Philosophen.

Vielleicht aber hat Pythagoras selbst einige Veranlassung zu den über ihn berichteten Mythen gegeben. Denn nach einer Äußerung des Plutarch, der ihn übrigens sogar in ganz unhistorischer Weise mit Numa in Verbindung bringt, möchte man annehmen, daß er es nicht verschmäht hat, ungefähr wie die modernen Theosophen, seinen theoretischen Lehren durch »magische« Künste Nachdruck zu verschaffen. Plutarch erzählt, daß er einen Adler abgerichtet und ihn durch gewisse Worte mitten im Fluge aufgehalten und zu sich herabgelockt habe, -- wir hätten in ihm also das historische Vorbild des bekannten Mannes »mit Speck unterm Hut«; -- nach Aelian +IV, 17+ hätte schon Aristoteles erzählt, daß Pythagoras einmal gleichzeitig in Kroton und Metapont gesehen worden sei (also Doppelgängerei oder sog. Majavi-Rupa nach Art der berüchtigten Blavatzki-Mahatmas +fin de siècle+), aus dem Wasser eines Brunnens soll er ein Erdbeben drei Tage vor seinem Eintritt prophezeit haben; mit der Seele eines Freundes soll er nach dessen Tode in fortwährendem Verkehr gestanden und +last not least+ eine goldene Hüfte gehabt haben und einmal von einem veritablen Flußgott angeredet worden sein.[563]

Der um das Jahr 270 vor Christi Geburt lebende Epigrammendichter Timon von Phlius, ein Freund des Königs Antigonus von Makedonien widmete ihm daher folgende Denkschrift:

Pythagoras hascht nur nach dem eitlen Ruhme des Gauklers, Menschen weiß er geschickt durch blendende Reden zu fangen.

Drittes Kapitel.

Die Eleaten.

Als Eleaten bezeichnet man vornehmlich drei Philosophen, die sämmtlich in Elea, einer Stadt Unteritaliens lebten und lehrten. Der Gedankenkreis dieser Männer ist, wie Eugen Dühring[564] mit Recht bemerkt, der subtilste, dessen die gesammte griechische Philosophie sich rühmen kann.

Wir finden bei ihnen bereits erkenntniskritische und weltschematische Probleme erörtert, wie sie die moderne Philosophie erst mit Kant ernstlich wieder aufgenommen hat. Im allgemeinen läßt sich die Eleatik als der erste unbeholfene Versuch eines _idealistischen_ Monismus bezeichnen. Ihr einziges Endziel bildet die Erkenntnis des »reinen Sein«, welches der bestimmungslose Grund alles Werdens ist, während das empirische Sein, das räumlich-zeitliche Dasein nur Erscheinung ist. Indem sie damit schließlich zu dem Satze kommt: »Nur das Sein ist und das Nichtsein, das _Werden_, ist gar nicht«, bildet sie die dialektische Antithese zu der geschilderten objektiv-realistischen Weltanschauung des Joniers Heraclit.

Durch ihre entschieden logische Richtung blieb die Eleatik mehr als der Pythagoräismus und Platonismus vor occultistischen Trübungen bewahrt. In einer Geschichte des Occultismus in demjenigen Sinne, in welchem Kiesewetter dieses Werk auffaßte, können sie daher keinen »Ehrenplatz« beanspruchen. Wenn ich ihnen gleichwohl eine Stelle in diesem Bande einräume, so geschieht dies nicht sowohl aus meiner persönlichen, größeren Sympathie mit diesen wirklich rationellen Denkern, welche zugleich in wohlthuendem Gegensatz zu den Pythagoräern von jeder Wichtigthuerei mit »Geheimwissen« und jeder »Geheimbündelei« sich frei hielten, als um darauf hinzuweisen, daß der griechische Geist ursprünglich in der That kräftig genug gewesen ist, die größten Probleme des philosophischen Denkens wenigstens festzustellen, sodaß wir nur bedauern müssen, daß sein vorzeitiges Altern und die durch orientalische Einflüsse in Verbindung mit der zersetzenden Sophistik verursachte Entartung die Gedankenkeime der Eleatik nicht zur Entwickelung gelangen ließ.

I.

Xenophanes.

Der Begründer der eleatischen Schule ist Xenophanes. Als seine Vaterstadt wird Kolophon genannt. Er wanderte frühzeitig in die phokäische Kolonie Elea, deren Gründung er in einem aus 2000 Hexametern bestehenden Gedicht besungen haben soll, aus. Der größere Teil seiner langjährigen Wirksamkeit ist in die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. zu versetzen. Lucian giebt seine Lebensdauer auf 91 Jahre an. Seine philosophischen Ansichten legte er in einem Lehrgedicht »über die Natur« nieder, von dem uns zerstreute Fragmente erhalten sind.[565]

Xenophanes ist zwar von einer allen Forschungswert und die Wahrheitsliebe selbst vernichtenden Skepsis weit entfernt; allein er meint, daß die Wahrheit nur allmählich und mühsam entdeckt werden kann; er glaubt, daß eine vollkommene Sicherheit des Wissens selbstverständlich nur in philosophischen, besonders metaphysischen Dingen unmöglich ist und will deshalb auch seine eigenen Ansichten nur als wahrscheinlich bezeichnen.[566]

Nichts genaues hat jemals ein Mensch gewußt noch auch wird je Wissen ein Mensch über Götter und übernatürliches Wesen, Sollt' auch in vielerlei Richtung er Richtiges treffend behaupten, Wissen kann er es nicht. Zu meinen ist allen beschieden.

In diesem Sinne behauptet er zunächst die Einheit der Welt und nennt das Weltganze Gott. Er ist der Urheber des %hen kai pan%, des »Eins und Alles«. Er scheint sich aber diese Einheit der Welt nicht in gewöhnlicher pantheistischer (unbewußter), sondern in theistischer Wesenheit gedacht zu haben; denn der Eine Gott ist ihm »ganz Auge, ganz Ohr, ganz Sinn und Bewußtsein.«[567] Entschieden tritt sein reiner Monotheismus der Vielgötterei entgegen und besonders tadelt er, fast wie ein Apostel des Christentums, daß die alten Dichter den »Göttern« so mancherlei Unsittlichkeiten angedichtet haben.[568]

Die Menschen scheinen sich ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde geschaffen zu haben.

Jeder stellt sich die Götter so vor, wie er selbst ist, der Neger schwarz und plattnasig, der Thracier blauäugig und rothhaarig, und wenn die Pferde und Ochsen malen könnten, so würden sie dieselben ohne Zweifel als Pferde und Ochsen darstellen.

Von seinen physikalischen Ansichten wird mitgeteilt, daß er angenommen habe, daß die Erde sich nach unten, wie auch die Luft nach oben hin unbegrenzt weit hin erstrecke; wahrscheinlich hat er indeß die Kugelform der Erde gelehrt. Das Vorkommen versteinerter Seetiere in den Bergwerken von Syrakus führte ihn zu der Annahme, daß das Meer das Land bedeckt haben müsse.

II.

Parmenides.

Parmenides war ein Schüler des Xenophanes (geboren etwa 515 v. Chr. zu Elea). Auch er legte seine philosophischen Gedanken in poetischer Form nieder, indem er ein Lehrgedicht »über die Natur« verfaßte.

Dasselbe zerfiel in zwei Hauptteile, in die Lehre vom Sein (der Wahrheit) und vom Schein. Das Nichts kann kein Objekt des Denkens sein. Folglich ist Denken und Sein identisch. Das Seiende kann ferner nicht anfangen oder aufhören, zu sein. Denn es kann doch aus dem Nichtseienden nicht entstanden sein und also auch nicht in Nichtsein übergehen. Es ist ferner unteilbar und unbeweglich, _und da es nicht unvollendet und mangelhaft sein kann, muß es begrenzt sein_. Obwohl nun Parmenides für seiend nur dieses Eine unteilbare, den Raum ausfüllende, unbewegliche Wesen erklärt, geht er doch im zweiten Teil seines Gedichtes auf die »nichtseiende« Erscheinungswelt über, um seine »Ansichten« über dieselbe darzustellen. Er betont dabei ausdrücklich, daß diese Ansichten keine philosophische Wahrheit im engsten Sinne, sondern nur die Gestalt bieten, in welcher in dem denkenden Geiste die nicht seiende Erscheinungswelt sich spiegelt.

Seine kosmologische Anschauung scheint sich von der pythagoräischen nicht unterschieden zu haben.

Doch werden uns neben diesen einige nicht uninteressante anthropologische Bemerkungen überliefert. So soll er sich die erste Entstehung des Menschen als eine Entwickelung aus dem Erdschlamm durch die Sonnenwärme herbeigeführt gedacht haben.

Überhaupt aber scheint er, insofern der Vorläufer der Naturphilosophie des Telesius[569], alle Erscheinungen der Natur aus zwei unveränderlichen Gegensätzen, die Aristoteles als Warmes und Kaltes, als Feuer und Erde bezeichnet, abgeleitet zu haben. Von diesen beiden, bemerkt Aristoteles weiter, stellte er das Warme mit dem Seienden, das Kalte mit dem Nichtseienden in Parallele. Alle Dinge sind ihm aus diesen Gegensätzen gemischt; je mehr Feuer, destomehr Sein, Leben und Bewußtsein.

III.

Zeno, der Eleat.

Zeno, der Eleat, wohl zu unterscheiden von dem etwa ein Jahrhundert später geborenen Begründer der stoischen Schule Zeno aus Cittium, ist durch seine bekannten logischen Argumente zur indirekten Beweisführung der eleatischen Hauptlehre von der Einheit des Seins berühmt:

1. Wenn vieles wäre, so müßte dasselbe zugleich unendlich _klein_ und unendlich _groß_ sein, jenes wegen der Größelosigkeit der letzten Teile, dieses wegen der unendlichen Vielheit derselben. Ferner müßte ja das Viele der Zahl nach begrenzt und doch auch unbegrenzt sein.

2. Die Realität des Raumes leugnet Zeno; denn, wenn alles Seiende in einem Raume wäre, so müßte der Raum auch wieder in einem Raume sein, und so fort ins Unendliche.

3. Die Bewegung ist nichts Wirkliches. Denn:

a) Die Bewegung kann nicht beginnen, weil der Körper nicht an einen anderen Ort gelangen kann, ohne zuvor eine unbegrenzte Zahl von Zwischenorten durchlaufen zu haben.

b) Achilleus kann die Schildkröte nicht einholen, weil dieselbe, so oft er an ihren bisherigen Ort gelangt ist, trotz ihrer langsameren Bewegung auch diesen immer schon wieder verlassen hat.

c) Der fliegende Pfeil ruht. Denn er ist in jedem Moment nur an _einem_ Orte.

d) Der halbe Zeitabschnitt ist gleich einem ganzen; denn der nämliche Punkt durchläuft mit der nämlichen Geschwindigkeit einen gleichen Weg, das eine Mal in dem halben, das andere Mal in dem ganzen Zeitabschnitt.[570]

* * * * *

Wir können nur bedauern, daß uns die eleatische Philosophie nur bruchstückweise, besonders in den Schriften des Aristoteles, der sich eingehend mit ihrer Widerlegung beschäftigt, erhalten ist. Denn wir sehen, daß in ihr der menschliche Geist zum ersten Male mit echt philosophischer Besonnenheit die höchsten Probleme des rein logischen und erkenntniskritischen Denkens, die Frage nach der Einheit des Seins, dem Wesen von Raum und Zeit, dem Verhältnis von Wirklichkeit und Erscheinung, dem Begriff der Unendlichkeit sich wenigstens formuliert hat. Die deutliche Formulierung der Aufgabe ist aber der erste große Schritt zur Lösung. Es kann nun hier nicht der Ort sein, auch noch zu untersuchen, wie weit die ersten Schritte zur Lösung der Aufgabe selbst von den Eleaten in der Richtung des selbst heute noch keineswegs _erreichten_ Endziels geführt haben; selbstverständlich können diese ersten Schritte nur höchst unsicher und unbeholfen gewesen sein. Eine vortreffliche Würdigung der Eleatischen Gedanken bietet Dühring in seiner +Geschichte der Philosophie I, S. 34-50+, und ich hebe aus den Bemerkungen dieses eminent kritischen Philosophen nur folgende Sätze hervor: »Der Begriff des einheitlichen Seins repräsentiert die höchste zusammenfassende Kraft des Denkens und die größte Energie der spekulativen Synthese.« -- Die Hauptschwierigkeit, auf welche zuerst aufmerksam gemacht zu haben, ein besonderes Verdienst der Eleaten ist, liegt in der Idee des Unendlichen. »Die zwingende Kraft und die eigentliche Schlüssigkeit der Eleatischen Wendungen ist in der That in jener logischen Notwendigkeit zu suchen, die nicht gestattet, das Unendliche als vollendet, die Unzahl als gleichsam abgezählt und abgeschlossen zu denken. Hier liegt die Kraft und Schärfe der Eleatischen Dialektik verborgen, nicht aber in anderen untergeordneten Umständen und Hilfsmitteln der Darlegung. Es ist der falsche Unendlichkeitsbegriff, der sich überall und auch da, wo er zunächst garnicht sichtbar ist, als die wahre Ursache der Unvereinbarkeiten erweist. Er ist es, der die Idee der Veränderung und Vielheit verdächtig macht. Er verschuldet die Unzerlegbarkeit der Bewegung. Auf seine Fassung wird in letzter Instanz bei jeder Wendung zurückgegriffen, und der Widersinn einer absolvierten Unendlichkeit ist der logische Obersatz und das leitende Prinzip aller gegen die gemeine Vorstellung gerichteten Ansprüche.«

Das nun, was Dühring in seinen philosophischen Systemschriften als »Gesetz der bestimmten Anzahl« erwiesen hat und wodurch sich der bisher herrschende falsche Unendlichkeitsbegriff ausgemerzt findet, ist auch der Schlüssel, zu den Rätseln der Eleaten, überdies aber, was mehr bedeutet, _der Eröffner eines richtigen logischen Seins- und Weltschematismus_.

Hierin liegt auch von dem kritischen Standpunkte aus, den der Herausgeber zum »Occultismus« einnimmt, schließlich die Berechtigung, den Eleaten einen Platz innerhalb einer Geschichte des »Occultismus« einzuräumen. Denn bei denjenigen feineren Wendungen der occultistischen oder »mystischen« Geistesrichtung, die sich über das wüste Ideendelirium der Kabbalisten und ähnlicher »Offenbarungen« einer intellektuellen Anschauung (+lucus a non lucendo+) zum Versuche einer logischen Rechtfertigung erheben, ist es ja allemal der falsche Unendlichkeitsbegriff, der den Ausgangspunkt oder richtiger Eingangspunkt in ein Labyrinth bildet, aus dem kein Ausweg möglich ist. Mit vollem Rechte hat daher du Prel selbst Kant, der auf die eleatischen Fragen auch nur eine traum-idealistische Antwort zu geben verstand, als Mystiker in Anspruch nehmen können.[571] Auch ist ja das Sinnbild jener falschen Unendlichkeit, _die sich selber in den Schwanz beißende Schlange_, das Symbol der neubuddhistischen Theosophie. Von der ernsten Rechenschaft freilich, welche sich die Eleaten über die angedeuteten Probleme zu geben versuchten, findet man bei diesen Neu-Buddhisten europäischer Abstammung keine Spur. Vielmehr dient ihnen der Hinweis auf die bloß phänomenale Seite der Wirklichkeit nur zur Rechtfertigung jeglicher, auch der wüstesten _traumhaften_ Lebensauffassung. Die Eleaten aber sind, wie richtig Dühring bemerkt, ungeachtet ihrer noch nicht genügenden Klärung über den Begriff des Seins und seines Verhältnisses zum Denken, doch weit entfernt gewesen, die gegenständliche Existenz der Dinge zu leugnen. Sie waren empirisch Realisten und nur transcendentale Idealisten.

Vergl. Kant, +Kritik der reinen Vernunft (Kehrbach S. 55, 56)+. »Offenbar kann es sich in keiner philosophischen Vorstellung um die Leugnung der Existenz überhaupt, sondern stets nur um die _Rangordnung_ der Realitäten handeln.«[572]

Viertes Kapitel.

Empedocles, Pherekydes, Epimenides von Kreta.

I.

Empedocles.

Mit Empedocles tritt uns ein »Philosoph«, wenn wir ihn so nennen dürfen, entgegen, der zwischen Heraclit und der eleatischen Schule eine selbständige Stelle einnimmt und die anscheinend unversöhnbaren Gegensätze dieser beiden Richtungen, sofern ersterer alle Beharrlichkeit der Substanz aufhob und das Sein als ewiges Werden bezeichnet, letztere aber die Bewegung und Veränderung leugnete, augenscheinlich zu überbrücken versucht. »Occultistisch« ist Empedocles jedenfalls interessant, weil die über ihn erhaltenen biographischen Notizen ähnlich, wie diejenigen über Pythagoras, ganz abnorme Dinge bieten, die in der That, soweit sie nicht, wie bei Pythagoras, großenteils auf fabuloser Übertreibung beruhen, die Vermutung nahe legen, daß Empedocles ein Praktiker auf dem Gebiete der sog. Geheimwissenschaften gewesen ist, und zwar eine Faust-Natur, die es sich nicht versagen konnte, sich ein wenig als Wundermann aufzuspielen, was freilich seine moralische Qualität in weniger günstigem Lichte erscheinen läßt.

Empedocles ist um 490 v. Chr. zu Agrigent auf Sizilien geboren. Er entstammte einem reichen und vornehmen Geschlecht. Dies geht schon daraus hervor, daß sein gleichnamiger Großvater bei den olympischen Festspielen mit einem Viergespann den Sieg davontrug, bekanntlich bei den alten Hellenen nicht nur ein Zeichen feinster Aristokratie, sondern auch eine der unvergeßlichsten Auszeichnungen, würdig plastischer und poetischer Verewigung. Irrtümlich haben spätere diesen Sieg dem »Philosophen« selber zugeschrieben.

Ungeachtet seiner aristokratischen Abstammung und entgegen der sonstigen Haltung griechischer Denker scheint er sich politisch zur demokratischen Fraktion gehalten zu haben. Er soll die ihm angebotene Tyrannis verschmäht haben[573]; mußte aber gleichwohl die Wandelbarkeit der Volksgunst erfahren und verließ wahrscheinlich infolge eines Verbannungsbeschlusses Agrigent, um dann im Peloponnes, vielleicht durch einen Sturz vom Wagen, sein Leben zu enden.

Empedocles scheint stellenweise weniger ein Philosoph als vielmehr ein richtiger Medizin-Mann im Sinne des Indianer-Jargons gewesen zu sein, und zwar ein solcher, der eine teilweise vielleicht ganz rationelle hygienische Technik, um sich ein größeres Ansehen bei der gläubigen Masse zu verschaffen, mit dem Humbug eines Paracelsus vereinigte.

Ein historischer Kern steckt gewiß in der Erzählung, daß er die Stadt Selinunt, die infolge von Verjauchung eines sie durchströmenden Flüßchens durch Pestilenz heimgesucht wurde, dadurch von dieser Pestilenz befreite, daß er, und zwar, wie hinzugefügt wird, auf eigene Kosten zwei Nachbarflüsse mit dem verjauchten Flußbett durch Kanäle vereinigte und so durch vermehrten Zufluß das verpestete Wasser aus der Stadt ableitete. Die Selinuntier haben zum Andenken daran Denkmünzen geprägt, deren zwei uns erhalten sind. Eine Abbildung derselben, welche das Ereignis sinnbildlich darstellen und den Philosophen neben dem Fernhintreffer Apollo, den Erreger der Epidemie, auf einem Wagen zeigen, wie er dem unheilstiftenden Gotte in die Zügel fällt, findet man in Karstens +Empedoclis Carminum reliquiae S. 23+.

Das höchste Interesse gläubiger Occultisten fordert aber die Erzählung heraus, daß er seine Vaterstadt, die von trockenen Winden dermaßen heimgesucht wurde, daß alle Früchte verdarben, _von diesen schädlichen Winden befreite_, eine That, die ihm sogar den Ehrennamen %kôlysanemas% oder +ventos arcendi artifex+ eintrug. Nach einer Mitteilung des Thimaeus soll er dies durch Einfangen der Winde in Eselhäuten erreicht haben, was beinahe an eine bekannte Erzählung von den Schöppenstedtern erinnert. Mir persönlich erscheint die Erzählung der angeblich wunderbaren Heilung eines hysterischen Frauenzimmers namens Panthea von Atemlosigkeit (%apnoia%) und totenähnlicher Starre glaubhafter, die, wie Heraclides berichtet, ihn in den Ruf brachte, Tote zum Leben erwecken zu können.[574] Über die hypnotische Technik muß er in hohem Grade verfügt haben. Denn als einst in seiner Gegenwart ein rasender junger Mann einen seiner Gastfreunde mit gezücktem Schwerte durchbohren wollte, soll er denselben durch bloßes Anstimmen eines besänftigenden Zaubersangs sofort entwaffnet haben.[575]

Es ist unleugbar, daß Empedocles selber sich den Besitz übernatürlicher Weisheit und magischer Kräfte und zwar mit ziemlich charlatanmäßiger Großsprecherei zugeschrieben hat, er suchte schon durch seine äußerliche Erscheinung Aufsehen zu erregen, trug, wie auch heute noch gern derartige »Brüder«, ungeschorenes langes Haupthaar, affektierte in stets salbungsvoller Rede eine tragische schauspielerische Würde und kleidete sich nur in langen Purpurgewändern, die er mit weithin klingenden Erzschellen besetzt hatte, stets hatte er bei öffentlichem Auftreten einen Lorbeerzweig in der Hand und das Haupt mit einer Priesterbinde umwunden. Er schreibt sich in seinen »Gedichten« selber die Macht zu, Alter und Krankheit zu heilen, Winde zu beschwichtigen und zu erregen, Regen und Trockenheit herbeizuführen, ja er sagt:

%chairet', egô d'hymin theos ambrotos, ouk eti thnêtos pôleumai.% »Freut Euch, ich bin ein unsterblicher Gott, kein sterblicher Mensch mehr!«

Er ist wenn nicht gar der Begründer, so doch einer der bedeutendsten Vertreter einer noch zu Platos Zeit in Griechenland häufigen Klasse von Charlatanen, der sog. Goëten. Unter Goëtie[576] verstand man die Kunst, mittelst gewisser in _heulendem Tone_ gesungener Beschwörungsformeln allerhand Zauber zu verüben, die Seelen Verstorbener zu citieren, die Götter zu bewegen, dem Menschen dienstbar zu sein und eventuell, wie wir sehen, selbst Wetter zu machen; sie erinnert lebhaft an den +modus operandi+ der indianischen Medizin-Männer.

Aus diesem Auftreten wird uns denn auch der Mythus über seinen Tod erklärlich, er soll nämlich nach einer Erzählung plötzlich bei einem Gastmahl verschwunden sein und durch eine übernatürliche Stimme verkündet haben, er sei zu den Göttern entrückt, nach einer anderen bekannteren Anekdote soll er sich in den Krater des Ätna gestürzt haben.

Die wenig ansprechende, aber nach den Berichten unzweifelhafte Charlatanerie des Empedocles ist psychologisch um so auffälliger, als wir, sobald wir seinem Gedankenkreise näher treten, Symptome einer oft genialen, wenn auch unreinen und wüsten Denker-Phantasie nicht verkennen können. Empedocles fordert insofern unwillkürlich zur Vergleichung mit einem viel späteren »Dichter«-Philosophen, nämlich mit Giordano Bruno, heraus, dem ja bei aller intellektuellen und moralischen Größe im übrigen ebenfalls ein kleiner Hang zur Großsprecherei und Überschwenglichkeit anhaftet. Wie Bruno vereinigt Empedocles abgesehen von der poetischen Darstellungsform mit interessanten allgemeinen Gesichtspunkten einzelne überraschende Treffer einer wissenschaftlichen Phantasie in Einzelheiten. Zunächst erklärt er die Entstehung für einen leeren Namen und weist hierdurch die gemeine Vorstellung von einer Schöpfung aus nichts zurück.

Es ist ein grobsinnlicher Irrtum, meint er, wenn man ein Wesen ins Leben treten sieht, anzunehmen, es sei etwas, was vorher nicht da war, es sei entstanden; und umgekehrt, wenn man es untergehen sieht, zu glauben, ein Seiendes habe aufgehört zu sein. Denn woher könnte der Gesamtheit des Wirklichen etwas hinzukommen, und wo sollte das, was ist, hinkommen? Es ist ja nirgends ein Leeres, in das es sich auflösen könnte, und was es auch werde, immer wird wieder _etwas_ daraus werden.

Was wir Entstehung nennen, ist in Wahrheit nur Verbindung, Mischung, was wir Vergehen nennen, in Wahrheit nur Trennung der Stoffe. Immer wird nur entweder (im Fall des Entstehens) Eines aus Vielem, oder umgekehrt (im Fall des Vergehens) Vieles aus Einem. Der _Kreislauf des Stoffwechsels_ ist also vielleicht zum ersten Male von Empedocles deutlich erkannt. Aus 4 Elementen, Erde, Wasser, Luft und Feuer, ist alles zusammengesetzt. Diese 4 Grundstoffe sind gleich ursprünglich, ungeworden und unvergänglich, sie bestehen aus qualitativ gleichartigen Teilen, ohne sich selbst in ihrer Beschaffenheit zu ändern, durchlaufen sie die verschiedenen Verbindungen, in die sie durch den Kreislauf des Stoffes gebracht werden.