Part 41
Interessante Anticipationen bieten seine kosmischen Ansichten. Die Sonne ist, sagt er, eine brennende Dunstmasse, deren Feuer durch die aufsteigenden Dünste genährt wird; es findet ein stetiger Zu- und Abfluß an ihrem Körper statt. Man wird versucht, dabei an Robert Mayers Theorie vom Wiederersatz der Sonnenwärme durch Meteormassen zu denken.[535]
Die Welt als Ganzes ist zwar ohne Anfang und Ende; allein die einzelnen Weltsysteme haben ihren Anfang und ihr Ende, aus Feuer entstanden gehen sie in Feuer wieder unter, und zwar, da alles in der Welt sein festes Maß, auch Zeitmaß, hat, nach Ablauf gewisser Perioden. Eine solche Periode nennt Heraclit _ein großes Jahr_, das er zu 18000 Sonnenjahren angenommen haben soll.[536]
Man sollte nun glauben, daß ein Monist, wie Heraclit, die Selbständigkeit und Substantialität der Menschenseele konsequent habe leugnen müssen. Aber dem ist nicht so. Sein Pantheismus schließt den Individualismus, wenigstens als relativen, nicht aus, sondern ein.
Der Leib an sich ist starr und leblos, erst durch die Seele wird er bewegt; die Seele aber ist ein unendlicher Teil des menschlichen Wesens, in ihr hat sich das göttliche Feuer in relativ reinster Form erhalten. Je »trockener« dieses Feuer ist, um so weiser und besser ist die Seele[537], durch Feuchtigkeit wird dagegen das Seelenfeuer verunreinigt und geht die Vernunft verloren, wie die Erscheinungen des Rausches, der »angefeuchteten Seele« beweisen. Wie übrigens jedes Ding in unablässiger Umwandlung begriffen ist, so auch die Seele, auch sie muß sich vom Feuer außer ihr nähren, das sie durch die Sinnesorgane empfängt. Dieses beweist der Schlaf, der das Licht des Bewußtseins verdunkelt. Und dennoch bewahrt die Seele ihre Identität im Tode. Die Menschen, sagt er, sind sterbliche Götter, die Götter unsterbliche Menschen; unser Leben der Tod der Götter, unser Tod ihr Leben; denn solange der Mensch lebt, ist der göttliche Teil seines Wesens mit den niederen Stoffen verbunden, von denen er im Tode wieder frei wird; die Seelen durchwandern ebenfalls den »Weg nach unten« und »den Weg nach oben«, sie treten in Leiber ein, weil sie der Veränderung bedürftig sind, und ebenso verlassen sie die Leiber wieder.[538]
_Des Menschen wartet nach seinem Tode, was er nicht zu hoffen noch zu glauben wagt._[539]
_Die besseren Menschen kehren nach dem Tode als Dämonen in ein reineres Leben zurück_, die gewöhnlichen aber sinken weiter zum Hades herab.[540] _Übrigens ist alles voll von Seelen und Dämonen._[541]
»_Wenn wir leben, sind unsere Seelen tot und in unseren Leibern begraben; erst wenn wir sterben, erwachen sie zum vollen Bewußtsein und Leben._«[542]
Der Dämon des Menschen ist sein Gemüt. Von diesem hängt es allein ab, glücklich zu leben und sich in die Weltordnung zu finden.[543] Die Meinung, daß die Gottheit nach Belieben Glück oder Unglück verhänge, vertrug sich nicht mit Heraclits Einsicht in die Gesetzmäßigkeit des Naturlaufs. Wohl aber glaubte er an die Möglichkeit der Weissagung und erkannte z. B. in den Sprüchen der Sibylle eine höhere Eingebung.[544]
In politischer Hinsicht war Heraclit ein Freund der Freiheit, und eben darum ein schroffer Gegner der Demokratie, die auch den Besten nicht zu gehorchen und keine hervorragende Größe zu ertragen weiß.[545]
Er legte seine Bücher über die Natur als ein frommes Opfer im Tempel der großen Diana zu Ephesus nieder.[546]
Creuzer, +Symbolik und Mythologie II. 196+, hat zuerst die Vermutung ausgesprochen, daß Heraclit ein Schüler der _Zoroastrischen_ Lehre gewesen. »Was ihm der Orient und Egypten in der Religion seines Vaterlandes dargeboten, was er aus eigenem dort erleichterten Verkehr mit dem Morgenlande geschöpft hatte, durchdrang er mit griechischem, scharfen Geiste, begründete er durch eigenes tiefes Denken, brachte es in systematischen Zusammenhang, und machte es fruchtbar für sein Volk.«
»Aus _sich_ hat er also vieles genommen; aber daß er alles aus sich genommen, daß er im strengsten Sinne Erfinder seiner Lehre sei, ist nicht zu glauben.« »Heraclit geht sichtbar von der Priesterlehre und von Symbolen der Lichtreligionen aus.«
Auch bei Zoroaster ist die Feindschaft, der Streit, der Grund der endlichen Dinge. »Bedeutet doch des Bogens Namen (%bios%) Leben, sein Geschäft aber ist der Tod.«[547] Daß diese Sätze in die Ephesische Priesterdogmatik aufgenommen waren, wäre schon aus dem nachgewiesenen Zusammenhange der Artemisischen Religion mit dem Feuerdienste Oberasiens wahrscheinlich. »Die ganze Feuerlehre des Ephesers ist in Prinzip und Folgerungen Magismus, besonders sein Satz von der Geburt der Götter aus dem Feuer.«[548] Freilich auch bei den Egyptern finden wir Phtha, das Urfeuer, und selbst die Sonnentheorie des Heraclit.
»Aus den Lichttheorien des Orients hatte er den Inhalt seiner Lehren genommen, von dort nahm er auch seine Bilder.«
»Ob nun dieser Heraclitus einen Zoroaster geschrieben, wie spätere Zeugen wollen, oder nicht, ist gleichgültig. Es ist genug, daß er Zoroastrisch philosophiert hat, daß er gelehrt hat, wie der alte große Lichtlehrer Zerethoschtro, der Stern des Goldes.«
Der Beiname des Dunklen, weil er »nicht redet, nicht verbirgt, sondern andeutet«, findet sich zuerst in der pseudo-aristotelischen Schrift +de mundo (c. 5)+. Sokrates soll gesagt haben, es bedürfe zum Verständnis seiner Schreibweise eines delischen (tüchtigen) Tauchers. Könnte man ihn aber mit Hinsicht auf den Inhalt seiner Lehre, einer Licht- und Feuer-Religion, nicht vielmehr auch den _lichten_ nennen? Auch dadurch würde sich für ihn die Coincidenz des Gegensatzes bestätigen.
Zweites Kapitel.
Pythagoras und die Alt-Pythagoräer.
Pythagoras gehörte einer etwas früheren Zeit an, als Heraclit. Er steht als _Dorer_ schon dem Stamme nach in einem gewissen Gegensatz zu den Jonischen Philosophen.
Leider ist die Geschichte seines Lebens in ein solches mystisches Dunkel gehüllt, daß in unseren Tagen, wo ja die historische Skepsis auf die denkbar feinste Spitze getrieben worden ist, einzelne Forscher sogar seine Existenz bezweifelt und die Möglichkeit bejaht haben, daß er ein bloßer Kollektivname, eine Personifikation der ganzen orientalischen und nordischen Weisheit sei.[549] Wir sind weit entfernt, diese, ja auch auf vielen anderen Gebieten und besonders durch David Strauß an der Geschichte Jesu bis zur Selbstironie übertriebene Skepsis, welche zum großen Teil der aprioristischen negativen Voreingenommenheit des Materialismus gegen mystische Berichte entspringt, unbedingt zu teilen, müssen aber zugeben, daß die zweifellos historische Persönlichkeit dieses dorischen Denkers dermaßen von Mythen umrankt ist, daß es schwer fällt, einen thatsächlichen Kern aus dem Sagengewirr herauszuschälen. Fest steht, daß er ein Sohn des Mnesarchus war und zu Samos, etwa um 582 v. Chr. geboren ist, von wo aus er erst in späteren Jahren, vielleicht 529 v. Chr. nach Kroton in Unteritalien übersiedelte und hier einen politisch-ethisch-religiösen Geheimbund stiftete. Im übrigen wächst die Reichhaltigkeit der Mitteilungen über ihn nahezu im quadratischen Verhältnisse der zeitlichen Entfernung und somit im umgekehrten der Zuverlässigkeit. Am meisten wissen die fast ein Jahrtausend später lebenden sog. Neupythagoräer und Neuplatoniker von ihm zu erzählen, unter denen Jamblichus und Porphyrius sogar eine ausführliche Lebensbeschreibung des Pythagoras liefern.
Von dem ihm zeitlich am nächsten stehenden Heraclit ist uns eine Äußerung über Pythagoras erhalten[550], die eben keine wohlwollende Beurteilung einschließt. Er sagt: »Pythagoras, der Sohn des Mnesarchus, hat Forschung geübt von allen Menschen zumeist, und eklektisch sich _seine eigene_ Wahrheit gebildet, eine _Vielwisserei_ und _gelehrte Kunst_.«
Nicht unwahrscheinlich ist es daher, daß er, wie dies ja wißbegierige Hellenen, z. B. Solon und Herodot vielfach thaten, auch große Reisen gemacht und insbesondere sich auch in Egypten aufgehalten hat, um sich in die dortige Priesterweisheit einführen zu lassen. Dadurch würde sich sein mit dem, was als logische Grundlage seiner Philosophie berichtet wird, nur unorganisch verknüpfter Glaube an die Seelenwanderung erklären. Jedenfalls aber sind seine Reisen von den Späteren, deren einige ihn sogar bis nach Indien zu den Brahmanen führen[551], sehr übertrieben, und Zeller bemerkt wohl mit Recht, daß »nicht die bestimmte Kenntnis von seinem Verkehr mit auswärtigen Völkern zu der Annahme über den Ursprung seiner Lehre, sondern vielmehr umgekehrt die Voraussetzung von dem auswärtigen Ursprung seiner Lehre zu den Erzählungen über seinen Verkehr mit Barbaren den Anstoß gegeben haben wird.« Einige bringen ihn sogar mit dem mythischen König der im Norden Griechenlands wohnenden Geten Zamolxis in Verbindung.[552]
Jedenfalls hat er keine Schriften hinterlassen, und die Behauptung des Jamblichus, es seien wohl Schriften vorhanden gewesen, aber bis auf Philolaos streng als Geheimnis der Schule bewahrt worden, verdient wenig Glauben.[553]
Für den von ihm gestifteten Geheimbund wurde dessen politische (aristokratische) Richtung verhängnisvoll. Derselbe wurde durch eine blutige demokratische Revolution, den Aufstand der sog. »Kyloner« vernichtet; bei einer Beratung im Hause des Milo zu Metapont sollen seine sämtlichen Anhänger mit Ausnahme der Tarentiner Archippus und Lysis umgekommen sein, da die Gegner das Haus umstellten und anzündeten. Unwahrscheinlich ist der Bericht, daß Pythagoras selbst bei dieser Veranlassung geendet habe, da diese sog. Kylonischen Unruhen mindestens 100 Jahre nach seiner Geburt datiert werden müssen.
Zuverlässige Mitteilungen über seine Lehre bieten uns nur Plato und Aristoteles.
Darnach scheint dieselbe rationelle und mystische Elemente in wunderlichstem Grade verquickt zu haben. Einerseits müssen wir annehmen, daß die Mathematik und zwar die Geometrie in erster Linie ihm nicht unbedeutende Fortschritte verdankt. Bekannt ist ja die Erzählung, daß er den wichtigen nach ihm benannten Satz von der Flächengleichheit des Hypotenusenquadrats und der Kathetenquadrate entdeckt und zum Dank dafür den Göttern eine Stierhekatombe geopfert hat, woher das +bon mot+, daß seitdem alle Ochsen zittern, so oft eine neue Wahrheit entdeckt wird.
Auch werden die einfachsten Zahlenbestimmungen der musikalischen Harmonie auf ihn zurückgeführt. Die Beobachtung der letzteren hat vermutlich den Ausgangspunkt seiner Grundlehre gebildet.
Weil die Pythagoräer zwischen den Zahlen und den Dingen manche Ähnlichkeit entdeckten, sagt Aristoteles[554], so hielten sie die Elemente der Zahlen für die Elemente der Dinge selbst; sie sahen in der Zahl sowohl den Stoff als die Eigenschaften der Dinge. Das Rationelle an dieser Einsicht beschränkt sich auf die Erheblichkeit der quantitativen Beziehungen in der Konstitution der Dinge und in der Beschaffenheit der Phänomene, die ja in der That eine Grundlage des Verständnisses alles Daseins ist.
Alles weitere ist nur aus der im Anfange der menschlichen Denkarbeit, wie es scheint, ganz unvermeidlich gewesenen und auch für uns Modernen immer noch eine bedenkliche Klippe des Verstandes bildenden Hypostasierung oder Verdinglichung abstrakter Begriffe zu erklären. In der Ausführung dieser Zahlenphilosophie treffen wir nur auf zahlenmystische Spielereien und Deuteleien. So ist die sog. Tetraktys, die Zahlengruppe 1, 2, 3, 4, deren Summe 10 giebt, Gegenstand besonderer Heilighaltung gewesen, da sie die Grundzahl der Menschenseele bilde. Diese spielerische Symbolik wurde besonders auf die moralischen Erscheinungen übertragen; so sollen sie die Gerechtigkeit bald auf die Zahl 3, bald auf die 4, bald auf die 5, bald auf die 9 zurückgeführt haben. Weil alle Zahlen sich in ungerade und gerade teilen, so fand man darin einen weiteren grundlegenden Wesensunterschied, indem man das Ungerade dem Begrenzten, das Gerade dem Unbegrenzten gleichsetzte. Das Begrenzte ist das Bessere und Vollkommene, das Unbegrenzte und Gerade das Unvollkommene.
In 10 Gegengrundsätzen stellten sie die erste, höchst willkürliche Tafel sogenannter Kategorien auf:
1. Grenze und Unbegrenztes. 2. Ungerades und Gerades. 3. Eins und Vielheit. 4. Rechtes und Linkes. 5. Männliches und Weibliches. 6. Ruhendes und Bewegtes. 7. Gerades und Krummes. 8. Licht und Finsternis. 9. Gutes und Böses. 10. Quadrat und Rechteck.
Über die _Theologie_ der alten Pythagoräer läßt sich nichts Sicheres feststellen. »So unleugbar die Pythagoräer an Götter geglaubt haben, und so wahrscheinlich es ist, daß auch sie der monotheistischen Richtung, welche seit Xenophanes in der griechischen Philosophie so bedeutenden Einfluß gewann, soweit gefolgt sind, um aus der Vielheit der Götter die Einheit (%ho theos, to theion%) stärker, als die gewöhnliche Volksreligion, herauszuheben, so gering scheint doch die Bedeutung der Gottesidee für ihr _philosophisches_ System gewesen zu sein, und in die Untersuchung über die letzten Gründe scheinen sie dieselbe nicht tiefer verflochten zu haben.«[555]
Auch die _kosmologischen_ Einsichten des Pythagoras bezw. der ältesten Pythagoräer werden vielfach mit Rücksicht auf spätere Unterschiebungen und infolge allzu günstiger Deutung der wenigen unklaren Überlieferungen stark überschätzt.
Das Weltgebäude selbst dachten sich die Pythagoräer als eine Kugel. Im Mittelpunkt derselben nahmen sie ein Centralfeuer an. Um dieses sollen _zehn_ himmlische Körper sich von West nach Ost bewegen, zunächst die 5 Planeten Merkur, Venus, Mars, Saturn und Jupiter, dann die Sonne, der Mond und die Erde. Als zehnten Himmelskörper, wohl nur, um die heilige Zehnzahl voll zu machen, setzten sie dann eine sog. Gegenerde, +antichthon+; der äußerste Umkreis aber wird durch eine feurige Region, das Empyreum, gebildet.[556] Das ganze System erhält sein Licht und seine Wärme mittelbar vom Centralfeuer und unmittelbar von der Sonne.
Wenn einzelne Historiker der Astronomie in der sog. Gegenerde die andere Halbkugel der Erde sehen wollen und dem Pythagoras schon die nachweisbar erst von Heraclides Ponticus, Ekphant, Plato und Hicetas behauptete Axendrehung der Erde als bekannt zuschreiben, so ist das, wie gesagt, eine zu günstige Auslegung. Nur die Kugelform der Erde ist den alten Pythagoräern bekannt gewesen. Mit dieser Anschauung vom Bau der Welt verband sich nun die berühmte Lehre von der _Harmonie der Sphären_.
Jedes der Gestirne bringt durch seinen Umschwung um das im Mittelpunkt stehende Centralfeuer einen eigenartigen Ton hervor, da jeder schnell bewegte Körper einen Ton erzeugt. Diese Töne der Planeten setzen sich zu einer Harmonie zusammen; daß wir von dieser Sphärenharmonie, die man sich durch eine Anzahl verschieden abgestimmter Brummkreisel veranschaulichen könnte, nichts hören, erklärte man durch die Bemerkung, es gehe uns damit wie den Bewohnern einer Mühle; da wir das gleiche Geräusch von Geburt an unausgesetzt vernehmen, so kämen wir nie in den Fall, sein Dasein am Gegensatz der Stille zu bemerken.
Was die _Psychologie_ des Pythagoras betrifft, so ist unstreitig zunächst seine Lehre von der Seelenwanderung, die man unrichtig gewöhnlich als _Metempsychose_, also wörtlich übersetzt »Umbeseelung« bezeichnet, während man richtiger von einer _Metensomatose_, d. h. Umkörperung reden sollte. Pythagoras wurde dieser Lehre wegen schon von Xenophanes verspottet[557]; und in der That scheint die Seelenwanderungslehre der alten Pythagoräer sich von der krassesten Form dieses Aberglaubens, der sogar eine Wanderung der Menschenseele in Tier- und Pflanzenleiber für möglich hielt, nicht sehr weit entfernt zu haben. Andererseits berichtet auch Aristoteles in seiner Psychologie, einige von den Pythagoräern hätten die Seelen in den Sonnenstäubchen oder auch in dem, was diese bewege, gesucht.[558]
Gleichzeitig wurde auch der Glaube an unterirdische Wohnsitze der Abgeschiedenen festgehalten, und nach Aelian +V. H. IV. 17+ soll Pythagoras sogar die Erdbeben von Wanderungen (%synodoi%) der Toten hergeleitet haben. Vielleicht läßt sich der Seelenwanderungsglauben und der an einen Aufenthalt im Hades so zusammenreimen, wie dies später bei Plato und Vergil geschieht, daß nämlich ein Teil der Seelen vor dem Wiedereintritt in einen Körper sich durch Strafen und Qualen im Hades, der dann also als Fegefeuer dient, läutern muß.
Ob die Pythagorärer sich die Verbindung der Seele mit ihrem Leibe durch Wahl, wie später Plato, oder durch natürliche Verwandtschaft oder durch den Willen der Gottheit bestimmt dachten, ist nicht klar zu stellen. Wahrscheinlich war ihre Lehre in dieser Richtung noch nicht fest ausgebildet. Ebenso wenig wissen wir, ob und wieso sie ihre Seelenwanderungslehre mit der Grundlehre des Systems, wofern man ihnen überhaupt ein System zuschreiben darf, von den Zahlen in Verbindung gebracht haben.
Wenn nämlich einerseits berichtet wird, Pythagoras habe die Seele als Harmonie des Körpers aufgefaßt, so könnte man daraus auf eine die Unvergänglichkeit der Seele leugnende materialistische Psychologie schließen.
Denn sofern die Harmonie das Produkt einer Zusammensetzung ist, muß sie ja zweifellos mit der Auflösung des Zusammenhangs untergehen. Andererseits ist aber doch der Pythagoräische Unsterblichkeitsglaube zu gut beglaubigt. Da sie die Zahl hypostasierten, wird man bei ihnen vielleicht den Keim jener späteren neuplatonischen Definition der Seele als einer idealen oder sich selbst »bewegenden« Zahl voraussetzen dürfen, die eine große Rolle bei Plotin und später noch bei Bruno spielt.[559] Dem modernen Kritizismus freilich, dem die Zahl ein subjektiver Beziehungsbegriff ist, muß eine solche Verdinglichung derselben ganz unverständlich erscheinen. Allein die Hypostasierung der Gedankenbewegung ist ja eben das eigentliche Element aller Spekulationsdichtung.
Endlich haben nach Angabe des Aristotelikers Eudemos[560] die Pythagoräer schon jene eigentümliche Lehre von einer Wiederbringung aller Dinge und Ereignisse aufgestellt, die dann mit besonderer Vorliebe von einigen Stoikern und Neuplatonikern kultiviert worden ist und die in unserem Jahrhundert eine der Beachtung meistens infolge der abstrakten Fassung entgangene merkwürdige Neubegründung durch einen deutschen Philosophen erhalten hat, bei dem man eine solche mystische Konzeption am allerwenigsten vermuten möchte, nämlich durch den Realisten v. Kirchmann. Vergl. dessen Schrift: +Die Unsterblichkeit, Berlin 1865. IV, 3.+ +Die Wiederkehr des Wissens. S. 130+: »Wenn irgend ein Wirksames fortschreitend das Wissen in dem Sein erweckt, so ist es sehr wohl möglich, daß solcher Ursachen nicht bloß _eine_ besteht, sondern daß _mehrere_ in gewissen Abständen einander folgen. Die Wirkung würde dann _die_ sein, daß das Sein des Menschen nach seinem Tode nicht für alle Ewigkeit zur Bewußtlosigkeit verdammt bliebe, sondern daß mit dem Eintritt eines zweiten Lichtstreifens, welcher in gleicher Weise fortschritte, das Sein des Menschen wieder mit dem Bewußtsein sich verbinden würde. Wäre dieser zweite Lichtstreifen dem ersten durchaus gleich, so würde das bewußte Leben des Menschen ganz in derselben Weise sich dann wiederholen, wie er es bereits das erste Mal durchlebt hat; dieselbe Jugend, dasselbe Alter, dieselben Handlungen, dieselben Freuden und Leiden würden noch einmal von ihm wiederholt werden. Dies zweite Leben wäre nur eine genaue Wiederholung des ersten.« -- Eine wenig verlockende Aussicht! Man sieht, es kann nichts so Wunderliches erdacht werden, was nicht irgend ein Philosoph auch einmal alles Ernstes für erwiesen oder wenigstens probabel erkennte! Die ausführlichste Darstellung dieser Idee giebt »Synesios, die Aegypter oder die Vorsehung«. Vergl. auch Bruno, +de Triplici minimo, c. l. v. 170-174+.
Die ägyptische, pythagoräische Seelenwanderungslehre, die wir als Metensomatose (Umkörperung) bezeichnet haben, mußte bei den gebildeten Griechen schon früh Anstoß erregen. Man versuchte ihr daher allmählich eine bloß allegorische Deutung zu geben, unter Anspielung auf die homerische Wendung von der Zauberin Kirke, welche Menschen in Tierleiber verwandelte. So erzählt Xenophon in seinen Memorabilien des Sokrates 3, 7, daß letzterer oft scherzend geäußert habe, er glaube »Kirke habe dadurch Leute zu Schweinen gemacht, daß sie ihnen vieles vorgesetzt habe, Odysseus aber sei darum nicht zum Schweine geworden, weil er auf die Warnung des Hermes und aus eigener Enthaltsamkeit sich vor dem übermäßigen Genusse der Speisen gehütet habe.«
Plato entwickelte hieraus die feinere und mehr pantheistisch zu denkende Lehre von der _Palingenesie_, deren Unterschied von der groben Umkörperung darin besteht, daß sie nur annimmt, daß die _allgemeine_ oder die Weltseele in allen wechselnden Erscheinungen der Körperwelt wirksam bleibe.[561]
Als der erste Pythagoräer, der die Lehre seines Meisters in einer Schrift dargestellt hat, gilt Philolaos, ein Zeitgenosse des Sokrates. Die von dieser Schrift überlieferten Fragmente, denen aber fremdartige Elemente beigemischt zu sein scheinen, hat Boeckh zusammengestellt. (+Philolaos des Pythagoräers Lehren nebst den Bruchstücken seines Werkes. Berlin 1819.+) Ein anderer Jünger des Pythagoras, der Arzt und Anatom Alkmäon, ein Krotoniate, wird von Aristoteles und Theophrast erwähnt und soll zuerst den Sitz der Seele in's Gehirn verlegt haben, zu dem alle Empfindungen von den Sinnesorganen aus durch Kanäle hingeleitet würden. Der schon erwähnte Lysis, der sich beim Brande des Milonischen Hauses rettete, begab sich nach Theben und wurde dort der Lehrer des Epaminondas. Vielleicht war dieser Lysis Verfasser der sog. goldenen Sprüche des Pythagoras. Außerdem werden als ältere Pythagoräer noch genannt der Tarentiner Eurytus, der Architekt Hippodamus aus Milet, ein Zeitgenosse des Sokrates und Epicharmus von Kos, endlich jener Tarentiner Archytas, dessen mathematisch-physikalische Kenntnisse und Tod auf dem Meere Horaz in der +Ode 18, Buch I+, mit den Versen verewigt hat:
+Te maris et terrae numeroque carentis arenae Mensorem cohibent, Archyta, Pulveris exigui prope litus parva Matinum Munera, nec quicquam tibi prodest Aërias temptasse domos animoque rotundum Percurrisse polum morituro.+
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Die Pythagoräer sollen sich durch besondere Mäßigkeit im Genuß von Nahrungsmitteln und einfache Kleidung ausgezeichnet haben. Ob sie, wie später behauptet worden ist, ganz vegetarisch lebten und sexuelle Enthaltsamkeit forderten, ist zweifelhaft.[562] Wenigstens Gellius, +Noctes Atticae IV, 11+ schreibt: Es ist eine alte, aber falsche Ansicht, der Philosoph Pythagoras habe keine Fleischspeisen genossen und sich auch jener Bohne enthalten, welche die Griechen +cyamus+ nennen (sog. große oder Saubohne, ein besonders bei den Westfalen mit Schinken oder Speck beliebtes Gemüse). In dieser unrichtigen Meinung hat Cicero im ersten Buch von dem Ahnungsvermögen folgendes geschrieben:
Plato schreibt daher vor, daß man sich in solcher Leibesverfassung schlafen legen solle, daß alles, was die Seele in Irrtum und Unruhe bringen könne, vermieden sei. Und deshalb soll auch den Pythagoräern verboten sein, Bohnen zu essen, da diese leicht starke Blähungen erzeugen, was für Leute, die nach geistiger Ruhe trachten, widerwärtig sein muß. So zwar Cicero. Aber Aristoxenos, ein in der alten Litteraturgeschichte sehr gelehrter Mann, der Hörer des Philosophen Aristoteles, behauptet, daß Pythagoras gerade keine andere Hülsenfrucht öfter gegessen habe, als die Bohne, da dieselben langsam abführend und erleichternd wirkten. Die eigenen Worte des Aristoteles lauten: »Pythagoras liebte unter den Hülsenfrüchten am meisten die Bohne. Denn sie sei abführend und erleichternd. Deshalb aß er sie am meisten.«