Part 40
Anaximander, um 610 v. Chr. geboren, soll ein Schüler des Thales gewesen sein. Jedenfalls stand er, als sein Mitbürger und jüngerer Zeitgenosse, unter der geistigen _Anregung_ der Lehren des Thales. Er hat aber einen erheblichen Fortschritt in der Richtung der philosophischen Abstraktion von der sinnlichen Anschauungsweise gemacht. Er nannte zuerst ausdrücklich das materielle Urwesen »Prinzip« (%archê%) und bezeichnete es näher als einen _luft- oder gasförmigen_, der Masse nach _unendlichen_ Stoff. Andere meinen, er habe den Urstoff als etwas zwischen Luft und Wasser in der Mitte Liegendes gedacht. Vielleicht hat er geglaubt, ein recht vollkommenes Prinzip dadurch zu gewinnen, daß er sich die drei in der gegebenen Welt bestehenden Aggregatzustände in einem chaotischen Urstoff _gemischt_ vorstellte und so einen Schluß auf die Dichtigkeit in der vorausgesetzten Aggregation machte; jedenfalls finden wir, daß sein Urstoff auch als _Mischung_ (%migma%) bezeichnet wird[510]; und er lehrte, daß die besonderen Stoffe aus dem unendlichen Urstoff durch Entmischung entstanden seien, indem das Verwandte sich vereinigte, die Goldteilchen mit Goldteilchen, Erde mit Erde u. s. w. Dagegen ist die unter den Historikern der Philosophie bestehende Controverse, ob er sich diese Entwicklung der besonderen Stoffe und Dinge rein mechanisch durch Trennung und Verbindung gedacht habe (Ritter), oder dynamisch, so daß die Unterschiede nur potentiell in dem an und für sich gleichartig gasförmigen der Qualität nach unbestimmten Urstoff vorhanden gewesen wären (Herbart), in Ermangelung ausreichender Quellenberichte mit keinerlei Sicherheit zu entscheiden. Aristoteles scheint die Annahme eines _qualitätslosen_ Urstoffs dem Anaximander aufs bestimmteste abzusprechen, wenigstens die Annahme, daß die Dinge aus diesem Urstoff durch bloße Verdünnung oder Verdichtung entstehen.[511] Vielmehr schreibt er ihm die Lehre zu, daß die Entwicklung der Einzelstoffe und Einzeldinge durch Sonderung der im »Unendlichen« enthaltenen Gegensätze sich vollziehe. Zuerst scheiden sich voneinander Warmes und Kaltes; eine feurige Sphäre umgiebt rings die Luft und die Erde; aus Feuer und Luft bilden sich die Gestirne. Im Mittelpunkt der unendlichen Welt ruht die Erde, unbeweglich wegen des gleichen Abstandes von allen Punkten der Himmelskugel. Die Gestirne sind »himmlische Gottheiten«. Die Erde hat sich aus einem ursprünglich flüssigen Zustande gebildet. Aus dem Feuchten sind unter dem Einfluß der Wärme in stufenweiser Entwickelung die lebenden Wesen hervorgegangen. Da alle lebenden Wesen ursprünglich im Wasser entstanden sind, so nahm er an, daß auch die Landtiere, mit Einschluß des Menschen, zuerst fischartig gewesen und erst infolge der Abtrocknung der Erdoberfläche sich allmählich zu ihrer jetzigen Gestalt entwickelt haben. Ueberweg findet daher nicht mit Unrecht bei ihm die ersten Anfänge des heute vorzugsweise sog. Darwinismus. Ja, Anaximander spricht schon von dem Einfluß der _veränderten Lebensbedingungen_ auf die Entwicklung der Arten.
Die Seele soll er als luftartig bezeichnet haben.
Er lehrte, daß es unendlich viele Welten, d. h. Weltkörper gebe, die zusammen ein Weltsystem bilden, und die er wohl nur deshalb Welten nannte, weil er sie für weit größer und unserem Weltkörper ähnlicher ansah, als die gewöhnliche Meinung. Die Entstehung dieser einzelnen Weltkörper aus dem ursprünglich luft- oder modern genauer gesprochen gasförmigen Zustande suchte er sich mechanisch zu erklären, wahrscheinlich war er dabei auf eine ähnliche Theorie geraten, wie die sog. Wirbeltheorie des Descartes[512]; wenigstens wird berichtet, er habe die Bewegung der Himmelskörper von Luftströmungen hergeleitet, die eine Drehung der Gestirnsphären herbeiführten.
Dühring bemerkt, daß uns die jonischen Philosophen erst in richtiger Beleuchtung erscheinen, wenn wir ihre freilich noch roheren Vorstellungen mit den neueren naturphilosophischen und zugleich naturwissenschaftlichen Ideen über einen denkbar frühesten Zustand des Kosmos vergleichen. »Kant legte in seiner Naturgeschichte des Himmels ebenfalls die Hypothese zu Grunde, alle Weltkörper seien durch Verdichtung aus einem Urnebel entstanden.«[513]
Und jedenfalls hat Bruno so Unrecht nicht, wenn er auf den Rückgang der kosmologischen und insbesondere der kosmogonischen Vorstellungsweise eines Aristoteles gegenüber diesen ersten von Aristoteles stets mit einer gewissen verächtlichen Blasiertheit behandelten »Physikern« hinweist.
Vergl. meine Übersetzung der Dialoge Brunos +Vom Unendlichen und den zahllosen Welten S. 74ff.+
Der Weltenentstehung aber entspricht eine Weltenzerstörung. Er lehrt: »Woraus die Dinge entstehen, in eben dasselbe müssen sie auch vergehen, wie es der Billigkeit gemäß ist; denn sie müssen Buße und Strafe geben um der Ungerechtigkeit willen nach der Ordnung der Zeit.« Man kann hierin ein pessimistisches Element in der Philosophie des Anaximander finden und zwar eben jenes, das bekanntlich Felix Dahn auf modern naturwissenschaftlicher Grundlage in seinem »Odhins Trost« poetisch ausgesponnen hat. Auf diese Annahme eines dereinstigen Vergehens der Welten weist uns auch die Nachricht, daß er eine allmähliche Abnahme und endliche Austrocknung des Meeres angenommen habe; ich verstehe nicht, wie noch Zeller (+die Philosophie der Griechen I. S. 202+), sagen kann, daß eine solche Vorstellung für uns _fremdartig_ klinge, für uns, denen die Notwendigkeit und Thatsächlichkeit einer solchen Entstehung und allmählichen Vergehung der einzelnen Welten geradezu naturwissenschaftlich bewiesen ist, für uns, die wir insbesondere mit unseren Teleskopen den Mond als Beispiel einer bereits greisenhaft ausgetrockneten und erstorbenen Welt den Augen nahebringen können.
Vielmehr können wir der wissenschaftlich treffenden Intuition des Milesiers unsere Bewunderung nicht versagen.
Auch im Einzelnen soll Anaximander für seine Zeit nicht unerhebliche Kenntnisse auf naturwissenschaftlichem Gebiete besessen haben. Er beschäftigte sich vorwiegend mit Astronomie und Geographie, entwarf nach Eratosthenes eine metallene Erdtafel und eine Himmelskugel; nach +Diogenes Laertius II, 1+, soll er die Sonnenuhr (%gnômôn%) erfunden haben; wahrscheinlich hat er jedoch nur, da solche bereits bei den Babyloniern in Gebrauch waren, die Hellenen nur zuerst damit bekannt gemacht.
Näheres siehe bei +Teichmüller, Studien S. 1-70+.
III.
Anaximenes.
Anaximenes war nach Diogenes Laertius ein Schüler des Anaximander. Von seinen Lebensumständen wissen wir fast nichts, als daß auch er aus Milet war, ein Sohn des Euristratus, geboren zwischen 529-525 v. Chr. und um die Zeit der Eroberung von Sardes durch die Jonier gestorben (499 v. Chr., also etwa 45 Jahre später, als Anaximander.)
Er hinterließ eine Schrift über die Natur, aus der uns Stobäus den Satz erhalten hat: »Wie unsere Seele Luft ist und unseren ganzen Leib durchdringt, so auch durchdringt und umfaßt eine geistige Luft das Weltall.« Diese (beseelte) Luft also erklärte er für das Prinzip aller Dinge. Nach der einstimmigen Angabe aller Berichterstatter hat er sich diese Luft als _unendlich_ der Ausdehnung nach gedacht und die Dinge aus derselben durch Verdünnung und Verdichtung abgeleitet, oder wie der ihm eigentümliche Ausdruck gelautet zu haben scheint, durch »Zusammenziehung« und »Nachlassung«. So lehrte er, das Warmwerden und Kaltwerden der Dinge bestehe nur in der Verdünnung und Verdichtung der Luft; verdünnt werde die Luft Feuer, verdichtet Wind und Gewölk, noch mehr verdichtet Wasser, und daraus wieder durch Verdichtung Erde und Stein; alles übrige aber werde aus diesen. Es ist möglich, daß Anaximenes nur durch die Beobachtung des Athems, als einer Bedingung alles tierischen Daseins, dazu geführt ist, in der Luft zunächst das Lebensprinzip und so schließlich das Prinzip aller Dinge überhaupt zu suchen. Die Identifizierung von Leben, Seele und Athem (Odem) ist ja uralt, wie denn sogar die Stammgeschichte der Worte Seele, Geist, +anima+, +psyche+, darauf zurückweist. Auch deutet darauf hin die von ihm für die Gleichstellung der Naturkräfte mit dem Lebensprinzip und die Erklärung des Lebensprozesses angeführte naive Bemerkung, wenn wir die Luft mit den Lippen zusammengedrückt aushauchten, würde sie kalt, aus geöffnetem Munde dagegen gehe sie warm hervor.
Ein gewisser Fortschritt über Anaximander ist insofern nicht zu verkennen, als Anaximenes den Versuch machte, eine bestimmtere Vorstellung von dem _Prozeß_ zu gewinnen, durch den sich die Dinge aus dem Urstoff bilden.
_Anaximenes soll auch zuerst die Beleuchtung des Mondes durch die Sonne und den Grund der Mondfinsternisse entdeckt haben._[514]
Übrigens dachte er sich die Erde noch als eine runde breite von der Luft getragene _Platte_, und dieselbe Scheibengestalt schrieb er auch der Sonne und den Gestirnen zu.
IV.
Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia.
Die Schule der jonischen Naturphilosophie erstreckte sich bis in das Zeitalter des Perikles, in dem allmählich die Sophisten an ihre Stelle traten.
Als die drei bedeutendsten späteren Vertreter dieser Richtung werden uns Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia genannt.
Hippo scheint einer der ersten Naturphilosophen gewesen zu sein, die dem unverständigen Spotte der attischen Komiker, der später für Sokrates so bedenklich wurde, verfallen sind. Zu folgenden Versen aus des Aristophanes Wolken:
»Da haben weise Geister ihr Studiergemach. Es wohnen Männer drinnen, die beweisen Dir, Der Himmel sei nichts anderes, als ein Stülpkamin, Der rings um uns sich wölbe, wir die Kohlen drin.«
bemerkt der Scholiast, daß dies zuerst vom Komiker Kratinos mit Bezug auf den Physiker Hippo gesagt worden sei. Wir können darnach vermuten, daß Hippo längere Zeit in Athen gelebt hat. Seine sonstigen Lebensumstände, insbesondere seine Herkunft, sind ungewiß, er war vielleicht auf Samos oder Melos geboren.
Aristoteles (+de anima I. 2+) spricht von ihm noch verächtlicher, als von den anderen Physikern oder Physiologen und bemerkt, er habe die Seele für Wasser, vermutlich als Anhänger des Thales, für ein feuchtes Prinzip gehalten. Wahrscheinlich leitete ihn die Beobachtung, daß aller tierischer Same feucht ist. Aus dem flüssigen Aggregatzustand ließ er das »Feuer« und aus der »Überwindung des Wassers durch das Feuer« die Welt entstehen, weshalb auch geradezu gesagt wird, seine Prinzipien seien Feuer und Wasser gewesen. Er scheint mehr empirischer Naturforscher, als Naturphilosoph gewesen zu sein und sich hauptsächlich mit der Entwicklungsgeschichte des Fötus und der Lehre von der Erzeugung beschäftigt zu haben.
Wenn der scholastisch denkende Aristoteles ihm den Vorwurf besonderer Einfalt macht, so ist darauf wenig zu geben.
Idaeus aus Himera scheint sich hauptsächlich an Anaximenes angeschlossen zu haben, und ebenso Diogenes von Apollonia (auf Kreta). Von letzterem ist uns ein eingehenderes Fragment bei +Simplicius Phys. 32b, 33a+ erhalten. Er stellte bezüglich des Urwesens nicht nur die Forderung auf, daß dasselbe der gemeinsame _Stoff_ aller Dinge, sondern auch, daß es zugleich ein denkendes Wesen sein müsse, insofern ein Vorgänger (oder auch Nachfolger) des Anaxagoras. Dasjenige, woraus alles besteht, war ihm ein ewiger und unveränderlicher Körper, groß und gewaltig und reich an Wissen, das, was man »gewöhnlich die Luft nenne.« Aus ihm entsteht durch Verdichtung und Verdünnung jegliches Einzeldasein. Zuerst sondert sich aus dem unendlichen Urstoff das Schwere ab, das sich nach unten, und das Leichte, das sich nach oben bewegt. Den Grund der Bewegung sah er im warmen, den Grund der körperlichen Konsistenz in dem kalten und dichten Stoff.
Infolge der Wärme soll das Weltganze in eine _Kreisbewegung_ geraten sein, wodurch auch die Erde ihre runde Gestalt erhielt. Die Erde war in ihrem Urzustand eine weiche und flüssige Masse, die allmählich durch die Sonnenwärme ausgetrocknet ist. Der Erdkörper sei von Gängen durchzogen, in welche die Luft eindringe; werden ihr die Auswege aus denselben verstopft, so entstehen Erdbeben.
* * * * *
Im Gegensatz zu denjenigen Geschichtsschreibern der Philosophie, welche die jonischen Naturphilosophen, zumal sie von eigentlichen metaphysischen Voraussetzungen sich, wie es scheint, ziemlich frei hielten, nach dem Vorgange des Aristoteles mit Geringschätzung betrachten und sich auch über ihre vom Standpunkte des modernen Naturwissens selbstverständlich rohen Vorstellungen belustigen, glaube ich die _einzig gerechte Würdigung ihrer unbefangenen und ehrlichen_, occultistisch freilich wenig Ausbeute liefernden, _Positivität_ in folgenden Worten Dührings zu finden:
»Wichtiger, als die verhältnismäßige Übereinstimmung, welche unser modernes naturwissenschaftliches Bewußtsein den Vorstellungen der jonischen Denker nahe bringt, ist die Gemeinschaft und Analogie in der Nötigung unserer Ideen zu einer bestimmten Voraussetzung. Heute ist es bekanntlich die astronomische Beobachtung, welche uns besonders mit Rücksicht auf die Abplattung der rotierenden Weltkörper und im Hinblick auf die mechanischen Wirkungen der Drehung bildsamer Massen zu dem Rückschluß nicht bloß berechtigt, sondern nötigt, daß ein weniger fester Aggregatzustand den gegenwärtigen Verhältnissen vorausgegangen sein müsse. Durch derartige Gedankenbewegung greifen wir stetig und zwar immer _an der Hand der leitenden Thatsachen_ in eine Vergangenheit des Kosmos zurück, die der uns übrigens bekannten und etwa durch Rechnung rückwärts feststellbaren Verfassung und Beschaffenheit desselben vorausgegangen sein muß. Wo die Fingerzeige der aus der gegenwärtigen Gestaltung sprechenden Züge aufhören, da hat auch die wissenschaftlich begründete und mit ihr eigentlich alle gerechtfertigte Vorstellung eine Schranke. Es ist daher kein Mangel, wenn bei irgend einem Zustande mit den Rückschlüssen Halt gemacht werden muß. Sind wir einmal bei der gasförmigen Gestalt der Welt angelangt, so ist zu einer weiteren Voraussetzung innerhalb dieser Gattung, d. h. in der Geschichte der Natur weder Antrieb noch Anknüpfungspunkt vorhanden. Die Zustände der Materie sind bis zum Extrem durchlaufen und durch den Urnebel hindurch dürfte keine physische Hypothese mehr sichtbar werden. Etwas Unvollkommenes liegt aber in dieser Schranke durchaus nicht. Im Gegenteil lehrt sie uns, _daß wir in dieser Richtung in dem, was der engeren Naturphilosophie wesentlich ist, auch nicht weiter gelangen, als die ersten antiken Denker, und daß wir vor ihnen nichts, als die bessere Begründung und Kenntnis des Weges voraus haben_. Hierbei bleibt nur noch für die logische Notwendigkeit ein letzter Abschluß offen, und dieser besteht in der unumgänglichen Voraussetzung eines allem zählbaren Wechselspiel der Vorgänge vorangegangenen sich selbst gleichen Zustandes des Weltmediums.«[515]
V.
Heraclit der Dunkle.
Die Lehre dieses Philosophen schließt sich zwar insofern noch an die drei bisher behandelten sog. Physiker an, als auch sie allem Seienden eines der sog. vier Elemente als Grundstoff, aus dem alles entstanden sei, zu Grunde legt, nämlich das Feuer. Sie geht aber in ihrer Entwickelung so erheblich über die von den Vorgängern gesteckten Grenzen hinaus und enthält soviel keimkräftige, erst in späteren Perioden der Philosophie-Geschichte von einzelnen Systemen zu einseitiger Entwickelung geförderte Gedanken, daß man ihrer Universalität Unrecht thun würde, wollte man Heraclit noch zu den sogenannten Physikern rechnen, wie dies Aristoteles +Metaphys. I. 3ff.+ thut. Heraclit wurde nach Hermann (+De philos. Jonic. aetatt S. 10. 22+) um 510 v. Chr. zu Ephesus geboren und lebte etwa bis 450 v. Chr.; Zeller dagegen (+Philosophie der Griechen I. S. 524+) setzt seine Geburt in die Zeit zwischen 530-540 v. Chr. Es steht fest, daß er ein Alter von 60 Jahren erreichte. Er entstammte einer der vornehmsten Familien seiner Vaterstadt, wie schon daraus hervorgeht, daß er das in seiner Familie erbliche Amt eines Opfer-Königs seinem jüngeren Bruder abtrat. Er trat der demokratischen Partei seiner Vaterstadt mit entschieden aristokratischen Grundsätzen entgegen und erfreute sich deshalb keiner großen Popularität. Seine Verbitterung gegen die Mitbürger steigerte sich in hohem Grade, als sein Freund Hermodor verbannt wurde, jener Hermodor, von dem uns der Jurist Pomponius in seiner +Rechtsgeschichte Dig. I. 1, 1. 2 § 4+ berichtet, daß er den römischen Dezemvirn bei Abfassung der Zwölf-Tafeln an die Hand ging.
Über Heraclits Tod und sonstige Lebensschicksale haben wir nur wenige und teilweise widersprechende Nachrichten. Die Fragmente seiner Schriften hat P. Schuster in den +Acta philos. societ. Lipsiensis Tom. III, Leipzig 1873+, zusammengestellt.
Man darf behaupten, daß Heraclit seinem Philosophieren schon eine gewisse Erkenntnis-Kritik vorausgehen ließ. »Wenn eine Rede verständig sein soll«, sagt er, »so muß sie sich auf das stützen, was allen gemeinsam ist, das Denken.«[516] Was unsere _Sinne_ wahrnehmen, ist nur die flüchtige Erscheinung, nicht das Wesen. Alle Sinnesempfindung entsteht aus dem Zusammentreffen von zwei Bewegungen, sie ist das gemeinsame Erzeugnis aus der Einwirkung des Gegenstandes auf das Sinnesorgan und der Thätigkeit des Organs; sie zeigt daher nichts bleibendes und an sich seiendes, sondern nur eine Einzelerscheinung, so wie diese in dem gegebenen Falle und für diese bestimmte Wahrnehmung sich darstellt.[517] Schlechte Zeugen sind der Menschen Augen und Ohren, wenn sie unverständige Seelen haben.[518] Gerade dieses Zeugnis aber ist es, dem die Menge allein folgt. Daher finden wir bei ihm ähnlich geringschätzige Äußerungen über die große Masse der nicht denkenden Menschen, auch sogar über frühere und gleichzeitige Dichter und Denker, wie sie in ähnlich aristokratischer Geisteshaltung bei Giordano Bruno wiederkehren. Besonders verächtlich erscheint ihm die bloße _Vielwisserei_. +Polymathie noon u didaskei+, die bloße Vielwisserei, schafft keine Weisheit.[519] Er will sich begnügen, mit vieler Arbeit weniges zu finden, wie die Goldgräber, nicht leichthin über das Wichtigste urteilen, nicht andere befragen, sondern sich selbst oder vielmehr die Gottheit.[520] Nur wer dem göttlichen Gesetz, _der allgemeinen Vernunft_, lauscht, kann die Wahrheit finden, wer dagegen dem täuschenden Schein der Sinne und den unsicheren Meinungen der Menschen folgt, dem bleibt sie ewig verborgen.
Wie das Erkennen der Menschen, so ihr Handeln. Darum leben die meisten Menschen dahin wie das Vieh, sie wälzen sich im Schmutze und nähren sich von Erde gleich dem Gewürm, werden geboren, zeugen Kinder und sterben, ohne ein höheres Lebensziel zu verfolgen.[521]
Die meisten Menschen sind für die Wahrheit auch dann taub, wenn man sie ihnen in die Ohren schreit, und wie Hunde bellen sie alles und jedes an, das sie nicht kennen. Besonders _durch seine Unglaublichkeit entschlüpft das Wahre zumeist dem Erkanntwerden_.[522]
Der Esel frißt eben lieber Spreu, als Gold.
Der Grundfehler der bisherigen Philosophie hat nun nach Heraclit darin bestanden, daß man in den Dingen eine Beharrlichkeit des Seins suchte, die ihnen fremd ist. Vielmehr gibt es nichts festes und bleibendes in der Welt, alles ist in unablässiger Veränderung begriffen (%to pan rhei%), wie ein Strom, »man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen.«[523]
Heraclit ist auch der Urheber des zuerst von Cusanus und Bruno wieder so viel betonten Prinzips der Coincidenz der Gegensätze, das von Hegel als logische Einheit des Widerspruchs mißdeutet wurde. Er selbst hat damit nur das antagonistische Spiel der Naturkräfte bezeichnen wollen, in dem nicht das Gleichgewicht, sondern das Übergewicht und die Störung wesentlich sind und die stetige Bewegung und das Leben erhalten; dagegen stand er den Hegelschen Begriffsverwirrungen fern, und die Darstellung seiner Lehre durch den Junghegelianer Lassalle ist eine arge Verdrehung.[524] Freilich finden wir bei ihm Äußerungen wie: Tag und Nacht sind dasselbe (d. h. es ist Ein Wesen, welches bald licht, bald dunkel ist); Heilsames und Verderbliches, Oberes und Unteres, Anfang und Ende, Sterbliches und Unsterbliches ist dasselbe.[525] Hunger und Sättigung, Anstrengung und Erholung gehören zusammen; aus dem Lebenden wird Totes und aus dem Toten Lebendiges, aus dem Jungen Altes und aus dem Alten Junges u. s. w., nur in der Bewegung beruht alles Leben, besteht überhaupt das Dasein der Dinge, kein Ding _ist_ dieses oder jenes, sondern es _wird_ nur in der beständigen Bewegung des Naturlebens.[526] Während Parmenides dem Begriff des Werdens, als einem vereinigten Widerspruch von Sein und Nichtsein, die Realität abspricht und ihn, ähnlich wie der moderne Philosoph v. Kirchmann in das Wissen verlegt, behauptet also Heraclit: _Sein ist Werden_.
Wenn nun alles in unaufhörlicher Bewegung und Veränderung begriffen ist, so folgt, daß _alles Feuer ist_. Offenbar will er, da er sein tieferes philosophisches Bewußtsein noch nicht abstrakt ausdrücken kann, seiner Metaphysik damit nur eine sinnlich symbolische Ausdrucksform leihen.[527]
»Diese Welt«, sagt er, »hat weder der Götter noch der Menschen einer gemacht, sondern sie war immer und wird sein, ein ewig lebendiges Feuer, nach Maßen sich entzündend und nach Maßen erlöschend.«[528] Offenbar verstand Heraclit unter dem Feuer nicht bloß das sichtbare Feuer, sondern überhaupt das Warme, Wärmestoff, oder wie seine Nachfolger sagten, »trockene Dünste«, ja geradezu Hauch, die %psychê%, also etwa den _Äther_. Nichts aber wäre verkehrter, als es mit Lassalle in eine metaphysische Abstraktion aufzulösen, wie »die prozessierende Einheit des Sein und Nichtsein.«[529]
Aus dem Urfeuer, dem an sich gestaltlosen Äther, läßt er alle Einzelsubjekte durch _Streit_ (+eris+) (auch %polemos%) hervorgehen, welcher der »Vater aller Dinge ist.«[530] Die Welt ist die zerteilte Gottheit, das %en diapheromenon hauto hautô%; aber indem sie sich in sich selbst unterscheidet, geht sie auch wieder mit sich zusammen, zu einer Harmonie, die wie die des Bogens und der Leyer auf entgegengesetzter Spannung beruht.[531] In ihr vollzieht sich ein stetiger Doppelprozeß der relativen Materialisierung des Feuergeistes und der Wiedervergeistung der Erde und des Wassers. Denn auch Erde und Wasser, d. h. der feste und flüssige Aggregatzustand, sind nur Erscheinungsformen des Einen, des Feuers; dieses geht in sie über in der %hodos katô%, dem Wege nach der Tiefe; es kehrt aber auch Erde und Wasser ins Feuer zurück, in der %hodos anô%, dem Weg nach oben. Des Feuers Tod ist, Wasser zu werden, des Wassers, Erde zu werden, aus Erde aber wird wieder Wasser und aus Wasser Feuer (oder Seele). »Alles wird umgesetzt gegen Feuer und Feuer gegen alles, wie Waaren gegen Gold und Gold gegen Waaren.«[532] Alles Leben bewegt sich also im Kreise; nachdem es seine elementarische Beschaffenheit im festen Aggregatzustand am weitesten von der Urform entfernt hat, kehrt es durch die früheren Zwischenstufen schließlich doch zum Anfang zurück. Somit strebt auch die aus dem Streit entstandene Vielheit der Dinge immer wieder zur anfänglichen Einheit zurück; und dies Streben wird von den Dingen empfunden als Zustand der begehrenden Bedürftigkeit, die wiedergewonnene Einheit aber als Sättigung, Eintracht und Friede.[533] Der ewige Kampf und die ewige Versöhnung im steten Strome des Stoffwechsels, im Fluß des Geschehens, wird aber von strenger Gesetzmäßigkeit beherrscht, die er mit dem Namen der Harmonie, der +Dike+ (Gerechtigkeit), des Schicksals, der weltregierenden Weisheit bezeichnet. Er nennt sie auch Zeus oder die Gottheit, unterscheidet aber diese weltbeherrschende Kraft, der er auch kein besonderes Bewußtsein zuschreibt, nicht von der Welt als Ganzem. Seine Weltanschauung läßt sich daher, zumal ihm aller Stoff beseelt ist, als hylozoistischer Monismus oder Pantheismus bezeichnen.[534]