Der Occultismus des Altertums

Part 39

Chapter 393,088 wordsPublic domain

Wie könnte man die Meinung nicht erkennen, welche wir eben darstellten, wenn man uns lehrt, daß Adam und Eva, bevor sie durch die Einflüsterungen der Schlange betrogen wurden, nicht allein von den Bedürfnissen des Körpers befreit waren, sondern sogar nicht einmal einen Körper besaßen; daß sie also sozusagen der Erde gar nicht angehörten? Sie waren beide reine Intelligenzen, glückliche Geister, wie diejenigen, welche den Aufenthaltsort der Gerechten bewohnen. Dies bedeutet die Nacktheit, unter welcher sie uns die heilige Schrift im Stande ihrer Unschuld darstellt. Und wenn der heilige Geschichtsschreiber erzählt, daß ihm der Herr ein Kleid von Fellen anzog, so will dies sagen, daß die Erlaubnis diese Welt zu bewohnen, eine unvorsichtige Neugierde von ihnen war oder vielmehr der Wunsch, das Gute und Böse kennen zu lernen. Gott gab ihnen einen Körper und Sinne. Hier möge eine der zahlreichen Stellen folgen, worin diese auch von Philo und Origenes angenommene Idee in ziemlich klarer Weise dargestellt wird:

»Als Adam, unser erster Vater, den Garten von Eden bewohnte, war er wie im Himmel mit einer Hülle aus dem oberen Licht bekleidet. Als er aus dem Garten von Eden verjagt und gezwungen wurde, sich den Nothwendigkeiten der Welt zu unterwerfen, was geschah dann mit ihm? Gott, sagt uns die Schrift, machte für Adam und seine Frau Kleider von Fellen, denn vorher hatten sie Kleider von Licht, welches in Eden strahlt. Die guten Handlungen, welche der Mensch auf Erden vollbringt, lassen auf ihn einen Theil dieses obern Lichtes herabsteigen, welches im Himmel erglänzt. Es ist dasjenige, welches ihm als Kleid dient, wenn er diese Welt verlassen und vor dem Heiligen, dessen Name gelobt sei, erscheinen muß. Dank diesem Kleid kann er die Wonnen der Auserlesenen schmecken und sich von Angesicht zu Angesicht im Spiegel des Lichtes betrachten. Also besitzt die Seele, bevor sie die Vollkommenheit in allen Dingen erlangt, ein verschiedenes Kleid für jede der beiden Welten, welche sie bewohnen muß, eines für die irdische und das andere für die obere Welt.«

Andererseits wissen wir schon, daß der Tod, welcher nichts anderes ist als die Sünde selbst, nicht ein allgemeiner Fluch, sondern nur ein allgemeines Übel ist. Er existiert nicht für den Gerechten, welcher sich mit Gott durch einen Kuß der Liebe verbindet, sondern er trifft nur den Bösen, welcher in dieser Welt alle seine Hoffnungen zurückläßt. Das Dogma vom Sündenfall wird auch von den neueren Kabbalisten, namentlich von Isaak Loriah angenommen, welcher glaubt, daß alle Seelen mit Adam geschaffen wurden und zuerst nur eine und dieselbe Seele bildeten, sämtlich gleich strafbar für den ersten Akt des Ungehorsams sind. Aber in derselben Zeit, worin er sie uns so erniedrigt seit dem Beginn der Schöpfung darstellt, spricht er ihnen die Fähigkeit zu, sich wieder durch sich selbst zu erheben, indem sie alle Gebote Gottes ausführen kann. Über die Verpflichtung, sich diesem niedern Zustand zu entreißen und, so viel in ihrer Macht steht, die Gebote Gottes auszuführen, schreibt das Gesetz vor: »Glaubt und vermehrt euch.« Hieraus rührt auch die Notwendigkeit her der Metempsychose, denn ein einziges Leben reicht nicht hin, um das Werk der Rehabilitation zu vollbringen. Immer ist, wenn auch stets unter einer andern Form, die Veredelung unserer irdischen Existenz und Heiligung unseres Lebens das einzige Mittel zur Vervollkommnung, wozu sie das Bedürfnis und den Keim in sich trägt.

Es liegt nicht in unserem Plan, ein Urteil über das große, jetzt von uns dargestellte System auszusprechen; denn wir könnten dies nicht thun, ohne daß wir eine profane Hand an die erhabensten Lehren der Philosophie und religiösen Dogmen legen müßten, deren Geheimnis mit Recht hochgeachtet ist. Wir sind hier nur zu der bescheidenen Rolle eines Auslegers bestimmt; aber wir haben wenigstens die Überzeugung, daß, ungeachtet der zahllosen Widerwärtigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, ungeachtet der kindischen Träumereien, welche jeden Augenblick den erhabensten Ideengang unterbrechen, die geschichtliche Wahrheit sich nicht über uns zu beklagen haben wird.

Wenn wir jetzt auf die einfachste Weise den durchmessenen Raum übersehen wollen, so finden wir, daß sich vom Standpunkt des Sepher Jezirah und des Sohar aus, die Kabbala aus folgenden Elementen zusammensetzt:

1. Indem sie alle Erzählungen und Worte der Schrift als Symbole auffaßt, will sie den Menschen Vertrauen zu sich selbst einflößen; sie setzt die Vernunft an die Stelle der Autorität und läßt die Philosophie in unserer eigenen Brust unter der Obhut der Religion geboren werden.

2. An die Stelle des Glaubens an einen von der Natur unterschiedenen Schöpfer, welcher ungeachtet seiner Allmacht eine Ewigkeit in Unthätigkeit verharren mußte, setzte sie den Gedanken einer universellen, durchaus unendlichen, stets aktiven, immer denkenden Substanz, welche die immanente Ursache des Weltalls ist, die jedoch durch das Weltall nicht ausgefüllt wird, und für welche endlich Schaffen nichts anderes ist, als Denken, Sein und sich selbst Enthüllen.

3. An die Stelle einer rein materiellen, von Gott verschiedenen Welt, welche aus dem Nichts hervorging und bestimmt ist, dahin zurückzukehren, erkennt sie zahllose Formen an, unter denen sich die göttliche Substanz nach den unveränderlichen Gesetzen des Denkens enthüllt und offenbart. Alle existierten ursprünglich in der höchsten Intelligenz vereinigt, bevor sie sich in einer sinnlichen Form realisierten; hierher stammen die beiden Welten, die intelligible oder obere und die untere oder materielle.

4. Der Mensch besitzt von allen Formen die erhabenste und vollkommenste, unter welcher es allein erlaubt ist, Gott darzustellen. Der Mensch dient als Band und Verbindung zwischen Gott und der Natur. Beide reflektieren ihn in seiner doppelten Natur. Also ist alles Begränzte anfänglich in der absoluten Substanz vereinigt, mit welcher es sich dereinst aufs neue verbinden muß, damit sie für die noch möglichen Entwickelungen vorbereitet sei. Aber man muß die absolute und universelle Form des Menschen von der der einzelnen Menschen unterscheiden, welche nur eine schwache Wiedergabe der ersteren ist. Die erstere, gewöhnlich der himmlische Mensch genannt, ist durchaus untrennbar von der göttlichen Natur und deren erste Offenbarung.

Anhang.

Blüten vom Baume der Kabbala.[507]

In der Kraft und dem Wesen der Seele liegt die Fähigkeit zu wirken auf den Grundstoff (Huli) der Welt, daß sie eine Form (Zurach) vernichten und eine andere hervorbringen kann. Schon durch die Einbildungskraft (Machschaba) vermag der Mensch andern Dingen zu schaden, ja selbst Menschen umzubringen.

_Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth_, Fol. 46.

Die Lehrer sagen: Wenn einer plötzlich erschrickt, wiewohl er nichts siehet, so sieht doch sein Massel (Genius, transscendentales Subjekt) etwas. Denn ein plötzlich den Menschen überfallender Schrecken ohne bestimmte Ursache giebt einen Beweis, daß wiewohl das Körperliche nichts sieht, dennoch die N'schama, so das Massel ist, welches den Menschen bewegt, etwas siehet. Oft ahnet das Herz die Todesfälle und bösen Nachrichten, die es in der Zukunft treffen, und das Herz trauert ohne bestimmte Gründe, denn die N'schama sieht das, was künftig über den Leib kommt und trauert darüber.

_Nischmath Chajim_, Fol. 101.

Wenn sich die Heiligen und Wunderthäter in die Einsamkeit begeben und sich mit höheren Geheimnissen beschäftigen, so bilden sie zuerst in der Kraft ihres geistigen Bildungs- und Vorstellungsvermögens die heiligen Namen so, als wenn diese Dinge vor ihnen eingegraben wären, und diese furchtbaren Dinge sind in ihrem Herzen eingegraben. Wenn sie dann verbinden ihr Nephesch mit dem oberen Nephesch, so werden diese Dinge vermehrt, quellen auf und offenbaren sich aus sich selbst, weil hier jeder Gedanke aufhört. Wer daher seine Machschaba (Imagination) an einen bösen Gedanken hängt, sündigt mehr als durch die That.

_Mairecheth Aeloluth_, Fol. 41, 63.

Die That ist im Nephesch, das Wort im Ruach, das Denken in der N'schama. Da jedoch in jeden derselben alle drei enthalten sind, so findet sich auch das Denken im Nephesch, usw.

_Kisri Melech_, Fol. 53.

Es ist eine Eigenthümlichkeit in der Kraft des Nephesch und seinem Wesen, zu wirken in den Grundstoff der Welt, und Formen zu zerstören und andere hervorzubringen. Es geht die Wirkung von manchem Nephesch in ein anderes Wesen über, so daß der Ruach schon durch seine Imagination Schaden hervorbringen, ja sogar einen Menschen durch die Machschaba töten kann, und um so mehr noch, wenn er zu den Bösaugigten (+mal' occhio+) gehört. Denn die Kräfte des Menschen sind verschieden, Böses und Gutes hervorzubringen. Sowie die Kraft der Frommen und Wunderthäter groß ist, um Gutes zu thun den Guten, so ist auch durch die andere Seite den bösen sündigen Menschen Gewalt gegeben, jeden, dem sie wollen, Böses zuzufügen durch die Machschaba, durch Wort und That mittelst der Versenkung ihrer inneren und äußeren Sinne.

_Een Jacob_, Fol. 46.

Auch im Mineralreich, der Erde und den Steinen ist notwendig Leben und Geistiges, und ein Gestirn und Wächter über ihm oben. Denn wenn es nicht so wäre, könnte die Erde nicht Kräuter, Früchte und Samen hervorbringen, in denen Leben ist. Das Leben des Pflanzenreichs ist über dem Leben des Mineralreichs, denn es wächst und wird groß wie der Mensch, und das in ihm wohnende Leben verursacht das Wachsen. Die Thiere stehen noch höher, insofern sich in ihnen das Nephesch deutlich zeigt und schon Ruach genannt wird, wie es heißt: Der Ruach der Thiere geht zur Erde. Das Leben des vernünftigen Menschen aber steht höher als alle.

_Etz Hachajim_, Fol. 192.

Das allgemeine Buch, in welches alle Handlungen des Menschen auf der Stelle eingeschrieben werden, ist der saphirartige, umkreisende Äther. In ihn graben sich alle einzelne Bewegungen des Menschen ein, sowohl die Blicke des Auges, als auch die Öffnung des Mundes zum Guten wie zum Bösen; selbst die inneren Gedanken des Herzens, die Freude, Traurigkeit u. s. w. bringen im äußern Angesicht nothwendigerweise etwas hervor und wirken auf den Äther ein.

_Esarah Maimeroth_, Fol. 49.

Sechstes Buch.

Der Occultismus der alten Griechen.

Erstes Kapitel.

Die jonischen Naturphilosophen.

Auf dem hellenischen Boden beginnt, was auf dem Titel des Gesamtwerkes, dessen letzten Band ich hiermit beginne, als »Occultismus« bezeichnet ist, in die Philosophie einzumünden. Philosophie ist nicht nur dem Namen, sondern auch der Sache nach erst eine Erfindung des griechischen Geistes. Der »Occultismus« der Griechen fällt daher in gewissem Grade mit einer Geschichte der griechischen Philosophie zusammen, und die folgende Darstellung der letzteren wird sich nur insofern von den gewöhnlichen Darstellungen der griechischen Philosophie unterscheiden, als sie den mystischen Elementen derselben eine größere Beachtung schenkt. _Wir treten zwar aus dem Nebel der orientalisch wüsten Phantastik heraus in eine reinere und freiere Atmosphäre._ Allein wir werden finden, daß selbst die rationellsten Denker des begabtesten aller antiken Völker von mystischen und transcendentalen Voraussetzungen noch nicht ganz frei waren, und daß mit der Auflösung der griechischen Kraft auch die Philosophie im Neu-Pythagoräerismus und Neu-Platonismus nach dem anfangs so verheißungsvollen Erwachen einer nüchternen, wissenschaftlichen Naturbetrachtung wieder in die Träume und Superstitionen des Asiatismus und zu jenem Mysticismus herabsinkt, der dann auch bei dem Wiedererwachen des wissenschaftlichen Geistes gegen Ausgang des Mittelalters noch einen störenden Einfluß auf den Anfang der neueren Philosophie ausgeübt hat. So z. B. wird Giordano Bruno nur als Neu-Platoniker ganz verständlich.

Erst die moderne Naturwissenschaft hat, beginnend mit Galilei, in stetigem Kampfe gegen die metaphysischen Vorurteile unsere _positivistische_ rein wissenschaftliche Denkweise gereift, für welche die Philosophie nichts anderes mehr ist, als Centralisation und denkende Verarbeitung und Verknüpfung aller Erfahrungs-Wissenschaften. Vergl. +Comte, Cours de philosophie positive+.

I.

Thales von Milet.

Das erste Erwähnen des natur-philosophischen Bewußtseins hat auf jonischem Boden stattgefunden. Hier zum ersten Male wurde in besonnener und verstandesklarer Gedankenhaltung die Frage gestellt nach dem Grunde oder Anfange, aus welchem sich das Vorhandene gestaltet habe, oder auch, wenn man will nach dem »Ding an Sich« oder dem »reinen Sein«.

Den Zug der ersten Philosophenschule, der sog. jonischen Physiologen oder Physiker, eröffnet Thales von Milet.

Über das Leben dieses Vaters der griechischen Philosophie sind wir wenig, aber doch immer noch verhältnismäßig besser unterrichtet, als über dasjenige mancher späterer, durch unkritische Sagenbildung umwölkter Philosophen, z. B. des Pythagoras. Er entstammt einem thebanischen Geschlecht und ist wahrscheinlich um 640 v. Chr. geboren; jedenfalls war er ein Zeitgenosse des Solon und Crösus. Er war ein Bürger von Milet, sei es, daß er selbst erst dort eingewandert und unter die Bürger aufgenommen war, oder daß bereits sein Vater Examios das Bürgerrecht erlangt hatte. Es steht fest, daß er auch an den politischen Angelegenheiten Milets Anteil genommen hat.

Nach +Herodot I., 170+, riet er den Joniern vor ihrer Unterwerfung durch die Perser, sich zur Abwehr derselben zu einem Bundesstaat mit einheitlicher Centralregierung zu vereinigen. Er erlangte früh in ganz Griechenland den Ruf großer Kenntnisse und wurde unter die sog. sieben Weisen eingereiht. Eine Anekdote erzählt, daß er anfangs über seinen naturphilosophischen Spekulationen sein Vermögen vernachlässigt habe, dann aber, als ihm dieserhalb Vorwürfe gemacht wurden, um zu beweisen, daß einem Philosophen, wenn er nur wolle, auch die praktische Erwerbsthätigkeit eine Kleinigkeit sei, binnen kurzer Zeit durch finanzielle Spekulationen mit Ölpressen sich gewaltige Reichtümer erworben habe.

Zunächst scheint er sich dem bis dahin bei den Griechen noch sehr rückständigen Studium der Mathematik und Astronomie zugewandt zu haben. Diogenes giebt an, er habe zuerst bewiesen, daß die Dreiecke auf dem Kreisdurchmesser rechtwinklig sind; Plinius, er habe zuerst die Höhe der Pyramide aus ihrem Schatten berechnet; Proklus, er habe zuerst bewiesen, daß die Scheitelwinkel einander gleich sind, daß Dreiecke sich gleich sind, wenn sie je zwei Winkel und eine Seite gleich haben, und daß man mittels dieses Satzes die Entfernung von Schiffen auf dem Meere messen könne, auch habe er den in Euklid 440 gegebenen Beweis dafür entdeckt, daß der Durchmesser den Kreis halbiert. Im Altertum kursierte eine Schrift über nautische Astronomie unter seinem Namen, die jedoch Diogenes Laertius einem Samier Phocus zuschreibt. Möglich ist, daß er diese geometrischen und astronomischen Kenntnisse sich bei einer Anwesenheit in Egypten angeeignet hat.[508]

Am berühmtesten ist seine Vorausbestimmung einer zur Zeit des lydischen Königs Alyattes eingetretenen Sonnenfinsternis. Nach Zech's astronomischen Untersuchungen (vgl. +Ueberweg's Geschichte der Philosophie I, § 12+), hat diese Finsternis am 30. September 161 v. Chr. stattgefunden.

Möglicherweise hat er dabei den Saros, d. h. die von den Chaldäern durch fortgesetzte Beobachtung aufgefundene Periode der Verfinsterungen benutzt, welche 223 synodische Monate oder 6585 1/3 Tage umfaßt.

Aristoteles sagt +Metaph. I, 3+: »Von denen, welche zuerst philosophiert haben, haben die meisten bloß _materielle_ Urgründe angenommen, und zwar Thales, der Urheber dieser Richtung das _Wasser_. Er schöpfte diese Meinung wahrscheinlich aus der Beobachtung, daß die Nahrung von allem feucht sei, und daß das Warme selbst hieraus werde und das lebende Wesen hierdurch sich erhalte; das, woraus ein anderes wird, ist aber für dieses das Prinzip; -- ferner aus der Beobachtung, daß der Same seiner Natur nach feucht sei; das Prinzip aber, vermöge dessen das Feuchte feucht sei, sei das _Wasser_.«

Dazu bemerkt Dühring in seiner +kritischen Geschichte der Philosophie (S. 20 u. 22)+: »Mit vollem Rechte werden die ursprünglichen flüssigen oder gasförmigen Zustände der Natur als Totalitäten gedacht, in denen alles der Anlage nach enthalten war, was in der gegebenen in festen Formen gestalteten Welt anzutreffen ist.« »Stand es einmal für den Verstand fest, daß das Gegebene seine gegenwärtige Gestalt einem Bildungshergang verdanke und nicht etwa jederzeit ebenso bestanden habe, wie jetzt, so war die nächste Konsequenz des Vorstellens offenbar die, sich nach einem wirklich bildsamen Stoff umzusehen, auf welchen gestaltende Kräfte mit Leichtigkeit wirken können. Das Feste ist erfahrungsmäßig wenig bildsam. Es mußte daher eine der Bethätigung des Kräftespiels günstigere Urbeschaffenheit angenommen werden. Die einzelnen Beobachtungen der natürlichen Gestaltungshergänge mögen das Flüssige als Ausgangspunkt des Festwerdens sowie auch der Verdunstung besonders empfohlen haben. Das Thaletische Wasser erscheint auf diese Weise gar nicht als ein willkürliches Prinzip, sondern als _eine für den damaligen Stand des Naturwissens verhältnismäßig gelungene Idee_.«

Ich selbst habe in meiner Einleitung zu Brunos Dialogen »Vom Unendlichen« daran erinnert, daß Thales zu Milet am Strande des Meeres lebte, daß daher sein Grundprinzip aller Dinge der sinnlichen Anschauung seine Anregung verdankt. Denn mehr fast, als selbst der als abgeschlossene Wölbung erscheinende Luftraum vermag das Meer einen gefühlsmäßigen Antrieb zur Unendlichkeits-Idee zu erwecken, wie dies Byron in den schönen Versen seines +Childe Harold+ ausdrückt:

»Glorreicher Spiegel, wo im Wettersausen Blickt des Allmächt'gen Bild! Zu allen Zeiten, Still und bewegt, im Sturm, im Brausen, Am eis'gen Pol, in glutdurchflammten Weiten, Nachtdunkel, endlos, hehr, -- der Ewigkeiten Erhab'nes Bild, des Unsichtbaren Schrein! Des Abgrunds Ungeheuer selbst entgleiten Bloß deinem Schleim entsproßt! Allwärts herrscht dein Gesetz! So wogst du fort, hehr, bodenlos, allein!«

* * * * *

Wir dürfen bei Wasser nur nicht an unser chemisches H2O, sondern an den flüssigen Aggregatzustand denken, um das Grundprinzip des Thales nicht für eine so kindische Vorstellung gelten zu lassen, wie es vielleicht manchem oberflächlichen modernen Beurteiler auf den ersten Blick erscheint.

Ob Thales vom Wasser, als dem Urstoff, die Gottheit oder den Geist unterschieden habe, oder ob er, wie Zeller[509] meint, der Urheber des sog. Hylozoismus war, »sich alle Dinge lebendig gedacht, alle wirkenden Kräfte nach Analogie der menschlichen Seele personifiziert hat«, ist sehr zweifelhaft. Aristoteles bemerkt zwar, er habe gelehrt, daß alles voll von Göttern sei. Ich möchte dem Urteil Dührings den Vorzug geben, wonach eine Unterscheidung des rein Materiellen von affizierenden Kräften oder gar geistigen Potenzen nicht auf dem Wege einer so einfachen Rechenschaft lag, wie sie von den jonischen Naturdenkern ins Auge gefaßt worden ist. Man thut ihnen daher, und insbesondere dem Thales, wohl Unrecht, wenn man ihnen mit Zeller eine unberechtigte Belebung der Materie unterschiebt. Ebenso ist es schlecht beglaubigt, daß er zuerst die Unsterblichkeit der Seelen gelehrt habe. Ebenso unverbürgt und unwahrscheinlich sind folgende Aussprüche, die Diogenes Laertius ihm beilegt: Gott ist das älteste aller Wesen; denn er ist unentstanden. Das Schönste ist das Weltall; denn es ist von Gott erschaffen. Das Größte ist der Raum; denn er umfaßt alles. Das Schnellste ist der Geist; denn er durcheilt das Weltall. Das Stärkste ist die Notwendigkeit; denn sie überwindet alles. Das Weiseste die Zeit; denn sie entdeckt alles. _Der Tod unterscheidet sich nicht vom Leben._ Als ihn mit Hinweis auf diesen Ausspruch jemand gefragt haben soll: »Warum stirbst du denn nicht?« soll er geantwortet haben: »Weil es keinen Unterschied ausmacht.« Auf die Frage, was schwer sei, erwiderte er: Sich selbst zu kennen; auf die Frage, was leicht: Einem andern gute Ratschläge zu erteilen; auf die Frage, wie man die harten Schläge des Schicksals am leichtesten ertragen könne, antwortete er: Wenn man sehe, daß es unseren Feinden noch schlechter gehe; und auf die Frage, wie man sein Leben am besten und richtigsten einrichte, wenn man die Fehler, die man an anderen tadelnswert finde, selber vermeide.

Einst sollen Milesische Fischer mit ihrem Netz einen Dreifuß von bewundernswerter Arbeit, ein Werk des Vulkan, aus dem Meere gezogen haben. Um den unter ihnen über das Eigentum entbrannten Streit zu schlichten, sandte man zum Delphischen Orakel. Die Pythia gab zur Antwort:

Über den Dreifuß befragst den Gott du, Milesische Jugend: Der gehöret dem Mann, deß Weisheit unübertroffen.

Man gab daher den Dreifuß dem Thales. Thales gab ihn weiter und so gelangte er schließlich an Solon, der ihn dann mit der Erklärung, daß der Gott der Weiseste sei, nach Delphi geschickt haben soll.

II.

Anaximander.