Der Occultismus des Altertums

Part 36

Chapter 363,608 wordsPublic domain

Die letzte Gattung der Trinitäten, welche alle übrigen in sich faßt, giebt uns die ganze Theorie der Sephiroth, und sie ist es auch, welche im Sohar die größte Rolle spielt. Sie wird wie die vorhergehenden durch drei Ausdrücke dargestellt, von denen jeder als Centrum, als höchste Offenbarung, eine der untergeordneten Trinitäten repräsentiert: unter den metaphysischen Attributen ist es die Krone, unter den moralischen die Schönheit, und unter den untergeordneten das Reich. Was aber ist in der kabbalistischen Sprache die Krone? Die Substanz, das eine und absolute Wesen. Was ist die Schönheit? Sie ist, wie die Idra Suta ausdrücklich sagt, der höchste Ausdruck des Lebens und der moralischen Vollkommenheit. Als Emanation der Intelligenz und Gnade wird sie im Orient oft mit der Sonne verglichen, die ihr Licht auf alle Dinge der Welt wirft, und ohne welche dieselbe in Nacht versinken würde; mit einem Wort: sie ist das Ideal. Was ist nun endlich das Reich? Die permanente und immanente Aktion aller vereinigten Sephiroth, die reelle Gegenwart Gottes in der Mitte der Schöpfung, welche Idee durch das Wort »Schechinah« bezeichnet wird, durch einen Beinamen des Reichs. Sie ist also das absolute ideale Wesen, die immanente Kraft der Dinge oder, wenn man will, die Substanz, der Gedanke und das Leben, d. h. die Vereinigung des Gedankens mit den Objekten. Dies ist der wahre Sinn dieser Trinität. Diese enthält, was die Kabbala »die Säule der Mitte« nennt, weil sie unter allen Bildern, in die man die Sephiroth gekleidet hat, die Mitte in Gestalt einer geraden Linie oder Säule einnimmt. Diese drei Bezeichnungen werden, wie man leicht ersehen kann, von den »Gesichtern« oder symbolischen Personifikationen entnommen, und zwar wechselt die Krone nicht einmal den Namen, sondern ist stets »das große Gesicht«, der Alte der Tage, der Alte, dessen Name geheiligt ist. Die Schönheit ist der heilige König oder einfach der König und die Schechinah, die göttliche Gegenwart in den Dingen oder die Matrone und Königin. Wenn die eine mit der Sonne, so wird die andere mit dem Mond verglichen, oder nach anderer Ausdrucksweise: die reelle Existenz ist nichts als der Reflex oder das Bild der idealen Schönheit. Die Matrone wird auch mit dem Namen Eva bezeichnet, denn, sagt der Text, sie ist die Mutter aller Dinge, und alles, was hier unten existiert, geht aus ihrem Schoß hervor und wird durch sie gesegnet.[438] -- Der König und die Königin, welche man auch »die beiden Gesichter« nennt[439], bilden zusammen ein Band, dessen Aufgabe es ist, der Welt immer neue Gnade zu spenden und durch ihre Vereinigung das Werk der Schöpfung fortzusetzen und zu vollenden. Aber die gegenseitige Liebe, welche sie zu diesem Werk tragen, offenbart sich auf zweierlei Weise und bringt infolgedessen zweierlei Arten von Früchten hervor. Von oben kommt der Gatte zu der Gattin, so zu sagen die Existenz und das Leben; sie gehen aus aus der Tiefe der intelligibeln Welt und suchen sich in den Naturkörpern zu vermehren. Von unten kommt die Gattin zu dem Gatten, von der realen Welt zur idealen, von der Erde zum Himmel, und sucht im Schoße der Gottheit das, was sie zurückführen kann. Der Sohar selbst giebt uns ein Beispiel der beiden Zeugungsarten in dem Kreislauf, welchen die heiligen Seelen durchlaufen. Die Seele, in ihrer reinsten Wesenheit, in ihrer Wurzel in der Intelligenz betrachtet, unterscheidet sich schon in der universellen Seele. Ist die Seele nun eine männliche, so passiert sie von hier aus das Prinzip der Gnade oder der Expansion; ist sie aber eine weibliche, das der Gerechtigkeit oder Konzentration. Endlich wird sie zur Welt geboren, wo wir durch die Vereinigung des Königs mit der Königin leben, welche, wie der Text sagt, das für die Erzeugung der Seele sind, was Mann und Frau für die Erzeugung des Körpers.[440] Dies ist der Weg, auf welchem die Seele auf die Erde herabsteigt. Und nun folgt der Weg, auf welchem sich die Seele in den Schooß der Gottheit zurückbegiebt. Wenn sie ihre Bestimmung vollendet und sich mit allen Tugenden geschmückt hat, so erhebt sie sich durch ihre eigene Bewegung, durch die Liebe, welche sie zur Gottheit trägt, zu dem höchsten Grad der Emanation, wo die reale Existenz sich in Harmonie mit der idealen Form setzt. Der König und die Königin vereinigen sich von neuem, aber aus anderer Ursache und zu einem andern Zweck als das erste Mal.[441] Der Sohar sagt hierüber: »Auf diese Weise ergießt sich das Leben sowohl von oben als von unten, die Quelle erneuert sich, und das immer gefüllte Meer vertheilt seine Gewässer aller Orten.«[442]

Diese Vereinigung findet auch auf eine accidentielle Weise statt. Aber wir würden hierbei die Lehre von der Ekstase, der mystischen Verzückung und der Rëinkarnation berühren, von welcher wir an anderer Stelle sprechen müssen.

Jedoch müßten wir glauben, die Theorie der Sephiroth unvollkommen dargestellt zu haben, wenn wir nicht die Figuren kennzeichneten, unter welchen die Sephiroth unsern Augen dargestellt werden. Im Sohar kommen zum mindesten zwei derselben vor. Die eine besteht aus zehn konzentrischen Kreisen oder -- besser gesagt -- aus neun, welche um einen Punkt aus ihrem gemeinsamen Mittelpunkt gezogen sind. Die andere ist die Figur des menschlichen Körpers. Die Krone ist der Kopf, die Weisheit das Hirn, die Intelligenz das Herz; der Rumpf und die Brust sind das Symbol der Schönheit, die Arme der Gnade und Gerechtigkeit, und die untern Körperteile entsprechen den übrigen Attributen. Auf diese ganz willkürlichen Beziehungen wird in den Tikunim, den Supplementen des Sohar, die praktische Kabbala begründet, welche durch die verschiedenen Namen Gottes die Krankheiten, welche die einzelnen Körperteile befallen, zu vertreiben sucht. Es ist in der Geschichte des menschlichen Geistes nicht das erste Mal, daß zu einer Zeit des Verfalls die Ideen oft durch die gröbsten Symbole erstickt werden, und die Form an die Stelle des Gedankens tritt. Schließlich kann man die letzte Manier der Darstellung der Sephiroth in drei Gruppen teilen: rechts in einer senkrechten Linie stehen die expansiven Attribute, nämlich des Logos oder die Weisheit, die Gnade und Stärke; links in einer Parallellinie befinden sich die des Widerstands und der Konzentration: die Intelligenz oder das Bewußtsein des Logos, die Gerechtigkeit und der Widerstand. In der Mitte befinden sich die substantiellen Attribute, welche wir in der höchsten Trinität gefunden haben. An der Spitze befindet sich die Krone und an der Basis das Reich.[443] Der Sohar spielt oft auf diese Figur an, welche er mit einem Baum vergleicht, dessen Leben und Mark das En-Soph ist; derselbe wird deshalb auch der kabbalistische Baum genannt. Man hat die verschiedenen Seiten dieser Figur auch die Säule der Gerechtigkeit, die Säule der Gnade und die Säule der Mitte genannt. Übrigens betrachtet man die Figur auch nach Horizontallinien, wobei die sekundären Trinitäten entstehen, von denen wir oben gesprochen haben. Außer diesen Figuren sprechen die neueren Kabbalisten auch noch von Kanälen, welche unter einer materiellen Form alle unter den Sephiroth bestehenden Beziehungen und Kombinationen darstellen. Moses Corduero spricht sogar von einem Autor, welcher siebenmalhunderttausend solcher Beziehungen gezählt hat.[444] Diese Subtilitäten können bis zu einem gewissen Grad die Kombinationsgabe interessieren, für die metaphysische Spekulation sind sie jedoch belanglos.

In die Lehre von den Sephiroth mischt der Sohar eine fremdartige Idee, welche in einer noch fremdartigeren Gestalt dargestellt wird, nämlich in der eines Verfalls und einer Wiederherstellung in der Sphäre der Attribute selbst, einer gescheiterten Schöpfung, in welcher Gott herniederstieg, um auf der Erde zu wohnen, weil er sich mit dieser Mittelform zwischen ihm und der Kreatur bekleidet hatte, von welcher die menschliche Gestalt die beste Darstellung ist.

Die verschiedenen Darstellungen, welche die beiden Idra und »das Buch der Geheimnisse« davon geben, sind ohne Interesse, jedoch wollen wir hier wenigstens die bizarrste derselben mitteilen: Die Genesis spricht von sieben Königen von Edom, welche den Königen Israels vorangingen und einer nach dem andern starben. In diesem bizarren Bild wollen nun die Autoren des Sohar eine solche Gedankenordnung sehen, daß ihre Gläubigkeit daraus eine Art Revolution in der unsichtbaren Welt der göttlichen Emanation macht. Unter den Königen von Israel verstehen sie die beiden Gestalten des absoluten Seins, welche als König und Königin bezeichnet werden, und für unsere schwache Intelligenz die Essenz des Wesens selbst repräsentieren. Die Könige von Edom oder, wie man sie auch nennt, die alten Könige sind die Welten, welche bestanden, noch ehe sich die Formen gebildet hatten, um als Mittelglied zwischen der Schöpfung und der göttlichen Wesenheit in ihrer größten Reinheit zu dienen. Schließlich ist das beste Mittel, uns diese dunkle Partie des kabbalistischen Systems, ohne es zu verändern, klar zu machen, wenn wir eine andere in den Fragmenten des Sohar befindliche citieren, welche dieselbe zu erläutern sucht:

»Bevor der Älteste der Alten, welcher das verborgenste der verborgenen Dinge ist, die Gestalten der Könige und der ersten Kronen geschaffen hatte, besaß er weder Grenzen noch Ende. Er bildete also diese Formen nach seiner eigenen Wesenheit. Er spannte vor sich eine Decke aus und bildete auf derselben die Umrisse und Gestalten der Könige ab. Aber dieselben konnten nicht existiren, weil geschrieben steht: Dies sind die Könige, welche im Lande Edom regierten, ehe denn ein König über Israel herrschte. Es handelt sich hier um die idealen Könige und um das ideale Israel. Alle die so geschaffenen Könige hatten ihre Namen, aber sie konnten nicht eher bestehen, als bis der Älteste der Alten herabstieg und sich vor ihren Augen enthüllte.«[445]

Daß in dieser Stelle von einer der unsern vorausgegangenen Schöpfung, von einer früheren Welt die Rede ist, daran kann kein Zweifel sein, und der Sohar teilt uns an einem späteren Ort diese einstimmige Anschauung der neueren Kabbalisten unter den bestimmtesten Ausdrücken mit. Aber warum sind diese früheren Welten verschwunden? Weil Gott nicht in ihrer Mitte regelmäßig und beständig wohnte, oder -- wie der Text sagt -- weil er nicht zu ihnen herabgestiegen war, weil er sich nicht in einer Gestalt gezeigt hatte, die ihm erlaubte, inmitten der Schöpfung zu bleiben und seine Vereinigung mit ihr fortzusetzen. Die Existenzen, welche er damals durch eine spontane Emanation seiner eigenen Wesenheit schuf, werden mit Funken verglichen, welche in ungeordneter Weise von einem Herdfeuer aufflackern und ersterben, wenn sie sich von ihm entfernen.

»Unter den zerstörten Urwelten waren formlose, welche man Funken nennt, weil es sich bei ihnen ähnlich verhält wie bei einem Schmied, der das glühende Eisen hämmert, wobei die Funken umherspringen. Diese Funken sind die Urwelten, welche zerstört wurden und nicht bestehen konnten, weil der Alte, dessen Name geheiligt sei, sich noch nicht mit einer Gestalt bekleidet hatte und der Arbeiter noch nicht an seinem Werke war.«[446]

Und welches ist die Gestalt, ohne welche alle Dauer und alle Organisation der endlichen Existenzen unmöglich ist, und welche so recht eigentlich den Arbeiter in den göttlichen Werken darstellt, die Gestalt, unter welcher die Gottheit sich offenbart und kundgiebt? Es ist die in ihrer höchsten Allgemeinheit verstandene menschliche Gestalt, welche alle moralischen und intellektuellen Attribute unserer Natur in ihrer gesamten Entwickelung und Fortdauer umfaßt, mit einem Wort den Geschlechtsunterschied, den die Verfasser des Sohar sowohl auf die Seele wie auf den Körper anwenden. Dieser so verstandene Geschlechtsunterschied oder vielmehr die Teilung und Reproduktion der menschlichen Gestalt sind für sie das Symbol des universellen Lebens, die regelmäßige und unendliche Entwickelung des Seins, eine regelmäßige und fortgesetzte Schöpfung nicht allein hinsichtlich der Dauer, sondern auch hinsichtlich der aufeinanderfolgenden Realisation aller möglichen Existenzformen.

Wir sind der Grundlage dieser Idee schon früher begegnet, hier folgt aber noch etwas mehr, nämlich die graduelle Expansion des Lebens, des Seins und des göttlichen Gedankens, welche nicht unmittelbar mit der Substanz begonnen hat, welcher im Gegenteil jene tumultuöse, ungeordnete und unorganische Emanation vorausging, von welcher wir eben gesprochen haben.

»Warum wurden jene Urwelten zerstört? Weil der Mensch noch nicht geschaffen war. Da nämlich die menschliche Gestalt alle Dinge in sich einschließt, ist auch Alles in ihr enthalten. Weil nun diese Gestalt noch nicht existirte, so konnten die früheren Welten weder bestehen noch sich erhalten, sie zerfielen in Trümmer, ehe die menschliche Gestalt geschaffen wurde, worauf sie aufs Neue, aber unter anderen Namen wiedergeboren wurden.«[447]

Wir wollen nicht abermals die Stellen wiederholen, in welchen von dem Geschlechtsunterschied des idealen Menschen die Rede ist; es genüge, daß von dieser Anschauung an unzähligen Stellen des Sohar die Rede ist, und daß sie auf den charakteristischen Namen »die Wage« führt. Das Buch des Geheimnisses sagt:

»Ehe die Wage geschaffen wurde, beschauten sich der König und die Königin (die ideale und reale Welt) nicht von Angesicht zu Angesicht, und die alten Könige starben, weil sie nicht existiren konnten. Diese Wage ist an einem Ort aufgehangen, der nicht ist, (das primitive Nichtseiende), denn die auf ihrer Schale existierenden Orte waren noch nicht. Es ist eine ganz innere unsichtbare Wage ohne Stütze. Sie ist das, was nicht ist, was ist und was sein wird. Das trägt diese Wage.«[448]

Wir haben schon in einem früheren Citat gesehen, daß die Könige von Edom, die Urwelten, nicht durchaus verschwunden sind, denn nach dem kabbalistischen System wird nichts absolut geschaffen, und geht nichts absolut unter. Sie haben nur ihren alten Platz verloren, welcher der des aktuellen Universum war. Wenn aber Gott sich außerhalb seiner selbst in menschlicher Gestalt offenbart, erwachen sie wieder um unter andern Namen in das allgemeine System der Schöpfung einzutreten.

»Wenn man sagt, daß die Könige von Edom gestorben sind, so spricht man nicht von einem wirklichen Tod oder von einer vollkommenen Zerstörung, sondern jeder Verlust wird mit dem Namen Tod bezeichnet.«[449]

In Wirklichkeit stiegen sie wieder herab, oder besser gesagt -- sie erhoben sich wieder aus dem Nichts, denn sie waren in den äußersten Grad des Universum versetzt worden. Sie repräsentieren die rein passive Existenz, oder, um uns der eigenen Ausdrucksweise des Sohar zu bedienen, die Gerechtigkeit ohne irgend welche Beimischung von Gnade, einen Ort der Strenge und Gerechtigkeit[450], wo alles weiblich ohne irgend ein männliches Prinzip, wo alles Widerstand und Trägheit wie in der Materie ist.

Deshalb wurden sie auch die Könige von Edom genannt, denn Edom war diametral Israel entgegengesetzt, welches die Gnade, das Leben, die spirituelle und aktive Existenz repräsentiert. Wir können also, wenn wir die meisten dieser Ausdrücke wörtlich nehmen, mit den neueren Kabbalisten sagen, daß die Urwelten ein Aufenthaltsort für die Bestrafung der Verbrechen geworden sind, und daß von ihnen jene bösartigen Wesen ausgehen, welche der göttlichen Gerechtigkeit zu Werkzeugen dienen. Nichts wird durch diesen Gedanken verändert, denn wie wir bei weiterer Untersuchung des Sohar sehen werden, in welchem die Metempsychose eine so große Rolle spielt, besteht die Züchtigung schuldiger Seelen hauptsächlich in der Wiedergeburt auf niedriger Stufe der Schöpfung und in größerer Sklaverei der Materie. Was die Dämonen anlangt, so wurden sie übereinstimmend mit dem Namen »Hüllen« ($Klipot$) bezeichnet und sind weiter nichts als die Materie selbst und die von ihr abhängigen Leidenschaften. Also ist jede Existenzform von der Materie bis zur ewigen Weisheit eine Offenbarung oder, wenn man will, eine Emanation des unendlichen Wesens. Aber es genügt nicht, daß alle Dinge von Gott kommen müssen, um Realität und Bestand zu haben, Gott muß auch beständig inmitten derselben sein, damit er lebe, sich enthülle und von Ewigkeit zu Ewigkeit in ihnen aufs Neue erzeuge, denn wenn er sich von ihnen losmachen wollte, würden sie vergehen wie ein Schatten. Dieser Schatten ist auch ein Teil des göttlichen Wesens; er ist die Grenzmarke, wo Geist und Leben vor unsern Augen verschwinden; er ist das Ende, wie der ideale Mensch der Anfang ist.

Auf diese Grundsätze ist die Kosmologie und Psychologie der Kabbala gegründet.

Siebentes Kapitel.

Die Weltanschauung der Kabbalisten.

Was wir über die Anschauungen der Kabbalisten von der göttlichen Natur wissen, nötigt uns, etwas länger bei ihrer Betrachtungsweise der Schöpfung und des Ursprungs der Welt zu verweilen, weil nämlich beides in ihrem Geist ineinander fließt. Wenn sich Gott mit ihr in ihrer unendlichen Totalität, im Gedanken und Sein vereinigt, so ist es gewiß, daß außer ihm nichts existieren und erkannt werden kann, denn Alles, was wir durch die Vernunft oder die Erfahrung erkennen, ist eine teilweise Enthüllung oder ein teilweiser Anblick des absoluten Seins. Die ewige Dauer einer trägen und von ihm getrennten Substanz ist eine Unmöglichkeit, eine Chimäre, und die Schöpfung ist, wie sie gewöhnlich aufgefaßt wird, unmöglich. Diese letzte Konsequenz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen:

»Der unteilbare Punkt (das Absolute) hat keine Grenzen und kann nicht erkannt werden. In Folge seiner Stärke und Reinheit hat er sich in sich selbst zurückgezogen und ein Zelt gebildet, das wie ein Vorhang den unteilbaren Punkt bedeckt. Dieses Zelt, obgleich von einem weniger reinen Licht als der Punkt selbst, ist immer noch zu hell, um betrachtet werden zu können. Es hat sich in sich selbst concentriert, und diese Extension dient ihm als Bekleidung. Alles ist also in einer beständig herniedersteigenden Bewegung, welche das Universum geschaffen hat.«[451]

Wir müssen uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß das absolute Sein und die sichtbare Natur nur einen einzigen Namen »Gott« haben. Eine andere Stelle deutet uns an, daß die vom Geist ausgehende und mit dem höchsten Gedanken identische Stimme im Grund nichts anderes ist als das Wasser, die Luft und das Feuer, der Norden, der Mittag und alle Kräfte der Natur.[452] Alle diese Elemente und Kräfte sind in einem Ding verbunden, in der vom Geist ausgehenden Stimme. Die Materie endlich, unter einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet, ist der untere Teil der geheimnisvollen Flamme, von der wir weiter oben gesprochen haben. Durch diese Lehrmeinung suchten sich die Kabbalisten mit dem landläufigen Glauben, daß die Welt aus nichts geschaffen sei zu versöhnen. Aber das Nichts hat für sie einen anderen Sinn als den gewöhnlichen. Es möge folgen, was über diesen Punkt ziemlich deutlich von einem der Kommentatoren des Sepher Jezirah gesagt wird:

»Wenn man zugiebt, daß alle Dinge aus dem Nichts geschaffen sind, so spricht man nicht von dem eigentlichen Nichts, denn niemals kann aus dem Nichtseienden etwas entstehen. Man versteht aber unter dem Nichtseienden das, was nicht seiner Ursache und Wesenheit nach erkannt werden kann, nämlich dasjenige, was wir das primitive Nichtseiende ($Ayyin Kadmon$) nennen, weil es vor der Welt da war. Unter ihm verstehen wir nicht allein die materiellen Objekte, sondern auch die Weisheit, auf welche die Welt gegründet ist. Wenn man nun fragt, was ist das Wesen der Weisheit, und auf welche Weise ist sie in der Weisheit oder der höchsten Krone enthalten? so kann Niemand auf diese Frage antworten, denn in dem Nichtseienden ist kein Unterschied und keine Existenz. Man wird zunächst nicht begreifen, wie die Weisheit mit dem Leben verbunden ist.«[453]

Alle alten und neueren Kabbalisten erklären auf diese Weise das Dogma von der Schöpfung und sagen in daraus sich ergebender Konsequenz: +Ex nihilo nihil.+ Sie glauben weder an eine absolute Vernichtung, noch an eine Schöpfung in der landläufigen Auffassung. Der Sohar sagt:

»Nichts geht in der Welt verloren, selbst nicht der Hauch unseres Mundes. Jedes Ding hat seinen Bestimmungsort, und der Heilige, gelobt sei er, läßt dort seine Werke zusammenströmen. Nichts fällt ins Leere, selbst nicht die Stimme des Menschen. Alles hat seinen Bestimmungsort.«[454]

Ein unbekannter Greis sprach diese Worte zu den Schülern des Jochai, und sie erkannten darin einen der geheimnisvollsten Artikel ihres Glaubens, weshalb sie in die Worte ausbrachen:

»O Greis, was hast du gethan? Konntest du nicht Stillschweigen bewahren? Denn jetzt bist du ohne Segel und ohne Mast auf ein uferloses Meer hinausgetragen. Du wolltest fliegen und konntest es nicht, sondern fielst in einen bodenlosen Abgrund.«[455]

Sie führen auch das Beispiel ihres Meisters an, welcher immer gemäßigt in seinen Ausdrücken, sich nicht ohne Mittel zur Rückkehr auf dieses uferlose Meer hinauswagte, d. h. seine Gedanken unter einer Allegorie verbarg. Dieses Mittel wird mit großer Freimütigkeit folgendermaßen kundgegeben:

»Alle Dinge, aus denen die Welt zusammengesetzt ist, der Geist sowohl als der Körper, kehren zu dem Ursprung und der Wurzel zurück, woraus sie entsprossen sind.[456] Sie beginnen aufs Neue am Ende aller Stufen der Schöpfung, welche alle mit ihrem Siegel bezeichnet sind, das man nur mit dem Namen der Einheit bezeichnen kann. Es ist das einzige Wesen ungeachtet der unzähligen Formen, mit denen es bekleidet ist.«[457]

Wenn Gott die Ursache und Substanz oder, wie Spinoza sagen würde, die immanente Ursache des Universum, welches notwendigerweise das Meisterstück der Vervollkommnung, der Weisheit und höchsten Güte ist. Zur Darstellung dieses Gedankens bedienen sich die Kabbalisten einer sehr originellen Ausdrucksweise, wie sie mehrere neuere Mystiker, z. B. Jakob Böhme und St. Martin in ihren Werken anwenden. Sie nennen die Natur eine Segnung und betrachten es als eine sehr bezeichnende Thatsache, daß der Buchstabe, mit welchem das erste Wort des mosaischen Schöpfungsberichtes beginnt ($Bereshit$), auch der Anfangsbuchstabe des Wortes Segen ($Berakhah$) ist.[458] -- Nichts ist absolut schlecht, nichts ist für immer verdammt, selbst nicht der Erzengel des Bösen, die vergiftete Schlange ($Chivya Bisha$), wie sie denselben manchmal nennen. Es wird die Zeit kommen, wo er seinen Namen und seine Engelsnatur wiedererhalten wird.[459] Schließlich ist die Weisheit hier unten so wenig sichtbar als die Güte, weil das Universum durch das göttliche Wort geschaffen ist und weil es selbst nichts anderes ist als dieses Wort, oder nach der mystischen Ausdrucksweise des Sohar: der artikulierte Ausdruck des göttlichen Gedankens. Es ist, wie wir schon gesehen haben, die Gesamtheit aller Sonderwesen, die in ihrem Keim in den ewigen Formen der höchsten Weisheit existieren. Folgende Worte sind die markanteste Stelle über diese Lehre:

»Der Heilige, gelobt sei er, hatte schon mehrere Welten geschaffen und zerstört, bevor ihm der Schöpfungsgedanke unserer Welt kam. Als nun dieser Gedanke auf dem Punkt angelangt war, sich zu verwirklichen, standen alle Geschöpfe des Weltalls, welche geschaffen werden sollten, vor Gott in ihren wahren Gestalten, wie der Prediger sagt: Was war, wird auch in Zukunft sein, und was sein wird, ist schon gewesen.[460] Jede untere Welt hat Ähnlichkeit mit der obern Welt, und alles, was in der obern Welt existiert, erscheint uns in der untern Welt wie ein Bild, und Alles ist nur Eins.«[461]