Part 35
Die Kabbalisten haben zwei Fragen aufgestellt, nämlich: warum giebt es Sephiroth? und was sind die Sephiroth sowohl in ihrer Gesamtheit, als an sich selbst, als auch in ihren Beziehungen zu Gott? Über die erste Frage äußert sich der Sohar sehr positiv, ohne den mindesten Zweifel aufkommen zu lassen. Es giebt so viele Sephiroth als Namen Gottes; beide sind dem Geist nach eins, und die Sephiroth sind nichts als die durch die Namen ausgedrückten Ideen und Dinge. Wenn Gott keine Namen hätte, oder, wenn die ihm gegebenen Namen keine Realitäten bezeichneten, so würde er nicht allein uns unbekannt sein, sondern er würde auch an sich nicht existieren, denn er kann sich selbst nicht ohne Intelligenz begreifen, ohne Weisheit nicht weise sein und ohne Macht nicht handeln. -- Die zweite Frage wird nicht in gleich bündiger Weise beantwortet. Manche Kabbalisten stützen sich auf den Grundsatz, daß Gott unveränderlich sei, und sehen in den Sephiroth nur die Werkzeuge der göttlichen Allmacht, Geschöpfe einer höheren Natur, welche jedoch vom ersten Wesen durchaus verschieden sind. Es sind dies diejenigen, welche die Sprache der Kabbala mit dem Buchstaben des Gesetzes vereinigen wollen. -- Das, was der Sohar En-Soph nennt, nämlich das Unendliche an sich, ist in ihren Augen die Gesamtheit der Sephiroth, nichts mehr und nichts weniger, und jede der letzteren ist nur das Unendliche von einem verschiedenen Standpunkt betrachtet. Zwischen diesen extremen Anschauungen steht ein tieferes und dem Geist der Originale konformeres System, welches die Sephiroth als Werkzeuge, als Geschöpfe und als von der Gottheit verschiedene Wesen betrachtet, die nicht mit ihr verwechselt werden dürfen. Diese Anschauung beruht auf folgendem Ideengang: Gott ist in den Sephiroth gegenwärtig, sonst würde er sich durch dieselben nicht offenbaren können; aber er wohnt nicht ganz in ihnen, und er ist es nicht allein, was man unter diesen sublimen Ideen- und Existenzformen verhüllt. Die Sephiroth an sich können nie den Unendlichen begreiflich machen; das En-Soph, die Quelle aller Formen, besitzt an sich selbst keine, oder um in der dem Sohar heiligen Ausdrucksweise zu sprechen: obschon eine jede Sephire einen bekannten Namen hat, so besitzt er allein doch keinen. Gott bleibt immer das unaussprechliche, unendliche Wesen, welches über allen Welten, selbst über der Emanationswelt thront, die uns seine Gegenwart offenbaren. Die zehn Sephiroth können mit ebensoviel Gefäßen von verschiedener Form verglichen werden oder mit verschieden gefärbten Gläsern. Welches nun auch das Gefäß sei, womit man die göttliche Wesenheit messen will, so wohnt doch die absolute Wesenheit der Dinge beständig in ihm, und das göttliche Licht verändert nicht wie das Sonnenlicht seine Natur nach dem Mittel, durch welches es hindurch geht. Diese Gefäße und Mittel haben an sich keine positive Realität und keine eigene Existenz, sondern sie sind gewissermaßen die Grenzen, in denen die höchste Wesenheit der Dinge eingeschlossen ist, oder die verschiedenen Grade der Dunkelheit, mit denen das göttliche Licht seine unendliche Klarheit verschleiert, um sich anschaubar zu machen. Darum hat man in jeder Sephire zwei Elemente oder vielmehr zwei Gesichtspunkte erkennen wollen: der eine, rein äußerliche und negative, welcher den Körper repräsentiert, wird recht eigentlich das Gefäß ($Kli$) genannt, während der andere, innere positive, den Geist und das Licht bildet. Darum spricht man auch von den zerbrochenen Gefäßen, welche das göttliche Licht entweichen lassen. Dieser auch von Isaak Loriah und Moses Corduero eingenommene Standpunkt wird von letzterem mit viel Logik und Präcision vertreten und bildet die Basis des ganzen metaphysischen Teils der Kabbala.
Nachdem wir nun die allgemeinen Grundsätze festgestellt haben, auf denen die Autorität der Texte und der geschätztesten Kommentare beruhen, müssen wir jetzt die besondere Rolle der einzelnen Sephiroth und ihre Gruppierung nach Trinitäten und Personen betrachten.
Die erste und erhabenste der göttlichen Offenbarungen oder die erste Sephire ist »die Krone« ($Keter$), welche so genannt wird, weil sie über allen andern Sephiroth steht. Der Text sagt:
»Sie ist das Princip aller Principien, die geheimnißvolle Weisheit, die über alles erhabene Krone, das Diadem der Diademe.«
Sie ist nicht die verschwommene Totalität ohne Namen und Form, der geheimnißvolle Unbekannte, welcher alle Dinge und selbst die Attribute ($Ein Sof$) hervorgebracht hat. Sie repräsentiert das vom Unendlichen geschiedene Endliche, und sein Name in der Schrift bedeutet »ich bin« ($Ehye$), weil es das Wesen an sich selbst ist. Dieses Wesen wird unter einem Gesichtspunkt betrachtet, den keine Untersuchung mehr ergründet, der keine Qualifikation mehr zuläßt, und in welchem alles in einem unteilbaren Punkt zusammenfließt. Aus diesem Grund wird sie auch der primitive Punkt genannt, und es heißt:
»Als der Unbekannteste der Unbekannten sich offenbaren wollte, brachte er einen Punkt hervor; jedoch war dieser Punkt nicht von seinem Busen ausgegangen; der Unendliche war noch durchaus unbekannt, und es strahlte kein Licht.«[423]
Die neueren Kabbalisten erklären dies durch die absolute Konzentration Gottes in seine eigene Substanz. Diese Konzentration hat aus sich den Raum, die »primitive Luft« ($avir kadmon$) geboren, welche keine reale Leere, sondern eine gewisse Stufe eines niedern Lichtes der Schöpfung ist. Und durch dasselbe hat die in sich selbst konzentrierte Gottheit alles Endliche geschieden, begrenzt und bestimmt, und von ihm kann man in gewisser Beziehung sagen, daß es durch das Wort »Nichts« oder »das Nichtseiende« ($ayin$) bezeichnet wird. Die Idra Suta sagt:
»Wir nennen es also, weil wir es nicht kennen und weil es unmöglich ist, dasselbe in diesem Stand zu erkennen, denn es steigt nicht zu unserer Unwissenheit herab, sondern wohnt über der Weisheit selbst.«[424]
Eine ganz ähnliche Anschauung vertritt Hegel, wenn er sagt[425]:
»Das reine Sein macht den Anfang, weil es sowohl reiner Gedanke, als das unbestimmte einfache Unmittelbare ist, der erste Anfang aber nichts Vermitteltes und weiter Bestimmtes sein kann. Dieses reine Sein ist nun die reine Abstraktion, damit das Absolut-Negative, welches, gleichfalls unmittelbar genommen, das Nichts ist.«
Um nun wieder auf die Kabbalisten zurückzukommen, so bildet der Gedanke des Seins oder des Absoluten von diesem Standpunkt aus eine vollständige Form oder -- um in ihrer Sprache zu reden -- einen Kopf, ein Gesicht. Sie nennen dasselbe »das weiße Gesicht« ($Reisha Chivra$), weil in ihm gewissermaßen alle Farben, alle Begriffe und alle Bestimmungen zusammenfließen, oder auch »den Alten« ($Atika$), weil es die erste der Sephiroth ist. In dem letzteren Fall darf es aber nicht mit »dem Ältesten der Alten« verwechselt werden, d. h. mit dem En-Soph selbst, vor welchem das hellste Licht nur Finsternis ist. Man bezeichnet es im allgemeinen mit dem Ausdruck »das große Gesicht« ($Arich Apayyim$), zweifelsohne deshalb, weil es alle Eigenschaften, alle intellektuellen und moralischen Qualitäten, alle Formen in sich einschließt; in ähnlichem Sinn heißt es auch »das kleine Gesicht«. Der Text sagt[426]:
»Das Erste ist der Alte. Von Angesicht zu Angesicht gesehen ist er das höchste Haupt, die Quelle alles Lichts, das Princip aller Weisheit, welches nur durch die Einheit definirt werden kann.«
Aus dem Schoß dieser absoluten Einheit, unterschieden von der Vielheit und der relativen Einheit, gehen einander parallel zwei scheinbar verschiedene Prinzipien aus, welche jedoch in Wirklichkeit eine untrennbare Realität bilden; das eine, männlich und aktiv, wird die Weisheit ($Chokhma$), das andere, weiblich und passiv, die Intelligenz ($Bina$) genannt, und der Text sagt:
»Alles, was existiert, ist durch den Alten -- gelobt sei sein Name! -- geschaffen worden und kann nur durch das männliche und weibliche Princip bestehen.«[427]
Die Weisheit wird auch der Vater genannt, denn, wie es heißt, hat sie alle Dinge erzeugt. Auf den zweiunddreißig wunderbaren Wegen ergießt sie sich durch das Weltall und verleiht allen Dingen Form und Maß.[428] Die Intelligenz ist die Mutter, denn es steht geschrieben: du wirst die Intelligenz mit dem Namen Mutter nennen.[429] -- Aus ihrer geheimnisvollen und ewigen Verbindung entsproßt ein Sohn, welcher nach dem Ausdruck des Originals die Züge des Vaters wie der Mutter trägt und so Zeugnis von beiden giebt. Dieser Sohn der Weisheit und Intelligenz wird wegen seiner doppelten Erbschaft der älteste Sohn Gottes, das Bewußtsein oder die Weisheit ($Da'at$) genannt. Diese drei Personen umfassen und schließen in sich alles, was war, ist und sein wird, und sind in dem weißen Haupt, dem Ältesten der Alten vereinigt, denn er ist Alles, und Alles ist er.[430] -- Er wird bald durch drei Häupter dargestellt, welche zusammen nur eines bilden, bald wird er mit dem Gehirn verglichen, welches, ohne seine Einheit zu verlieren, in drei Teile zerfällt, und von dem zweiunddreißig Nervenpaare in den Körper ausgehen, vergleichbar mit den zweiunddreißig Wegen, auf welchen sich die Gottheit dem Universum mitteilt.
»Der Alte, gelobt sei sein Name! besitzt drei Häupter, welche zusammen blos eines bilden; dieses Haupt ist erhaben über alle erhabene Dinge. Und weil der Alte, dessen Name gelobt sei, durch die Zahl drei dargestellt wird, so sind alle übrigen Lichter, welche uns mit ihren Strahlen erleuchten (nämlich die übrigen Sephiroth), in der Zahl Drei inbegriffen.«[431]
In der folgenden Stelle werden von der Trinität etwas andere Ausdrücke gebraucht; es figuriert in ihr das En-Soph, aber wir begegnen nicht der Intelligenz, zweifelsohne weil sie nur ein Reflex, eine gewisse Expansion des Logos ist, die hier »die Weisheit« genannt wird:
»Es giebt drei kunstvoll gebildete Häupter, eines in dem andern und eines über dem andern. Zu ihnen wird gezählt: die geheimnißvolle Weisheit, die verborgene Weisheit, welche nie ohne Schleier erscheint. Diese geheimnißvolle Weisheit ist die Grundlage jeder andern Weisheit. Über dem ersten Haupt ist der Alte, dessen Namen gelobt sei! und welcher das Geheimste der Geheimnisse ist. Darauf kommt das Haupt, welches alle andern Häupter beherrscht, ein Haupt, welches nicht nur eines ist. Was es in sich schließt, weiß Niemand und kann Niemand wissen, denn dies entzieht sich sowohl unserer Weisheit als unserer Unwissenheit. Deshalb wird auch der Alte, dessen Namen gelobt sei! das Nichts genannt.«[432]
Wir haben also auch hier die Einheit des Wesens und die Dreiheit der intellektuellen Offenbarung oder des Denkens, was nachzuweisen war.
Manchmal werden die Bezeichnungen oder, wenn man will, die Personen dieser Trinität als drei aufeinanderfolgende und absolut notwendige Phasen des Denkens und Seins dargestellt, als ein logischer Prozeß, welcher die Welt hervorbringt. Dies ergiebt sich aus folgender Stelle:
»Kommet und sehet: der Gedanke ist die Grundlage alles Seienden; aber der Gedanke ist Anfangs unbekannt und in sich selbst eingeschlossen. Wenn der Gedanke sich zu offenbaren beginnt, so gelangt er zu der Wohnung des Geistes. Er erhält alsdann den Namen der Intelligenz und ist nicht mehr auf sich selbst beschränkt. Der Geist enthüllt sich im Schooß der Geheimnisse, von denen er noch umgeben ist, und geht daraus hervor als eine Stimme, welche die Vereinigung aller himmlischen Dinge ist; diese offenbart sich in unterschiedenen und articulirten Worten, denn sie kommt vom Geist. Aber wenn wir alle diese Abstufungen betrachten, so sehen wir, daß Gedanke, Intelligenz, Stimme und Wort Eins sind, daß der Gedanke die Grundlage von allem ist und keine Unterbrechung in ihm stattfinden will. Der Gedanke selbst verbindet sich mit dem Nichts und trennt sich nicht von ihm. Dies ist der Sinn der Worte: Jehovah ist Eins, und sein Name ist Eins.«[433]
Es möge noch eine andere Stelle folgen, welche den gleichen Sinn in einer älteren und originelleren Form enthält:
»Der Name, welcher 'Ich bin' ($Ehye$) bedeutet, zeigt uns die Vereinigung alles Seienden an; in ihm sind alle Wege der Weisheit noch verborgen und zusammen untrennbar vereinigt. Man kann ihn mit einer Mutter vergleichen, welche in ihrem Schooß alle Dinge trägt und im Begriff ist, sie zu gebären, um den höchsten Namen Gottes zu offenbaren, den der Allmächtige mit den Worten bezeichnete: 'ich bin, der ich bin' ($Asher Ehye$). Wenn nun endlich alles wohlgebildet aus dem Mutterschooß hervorgegangen ist, wenn jedes Ding an seiner Stelle ist, und man das Einzelne oder das Seiende bezeichnen will, so wird Gott Jehovah genannt oder 'ich bin der, welcher ist' ($Ehye Asher Ehye$). Dies sind die Geheimnisse des heiligen, Moses geoffenbarten Namens, von welchem sonst Niemand Kenntniß besitzt.«[434]
Das kabbalistische System beruht also nicht nur einfach auf dem Prinzip der Emanation oder der Einheit der Substanz, sondern ist weit ausgedehnter und gewissermaßen mit der Hegelschen Philosophie vergleichbar, auch läßt es sich in mancher Beziehung so zu sagen als eine Verbindung von Ideen Platos und Spinozas bezeichnen.
Um nun endlich darzuthun, daß die neueren Kabbalisten den Traditionen ihrer Vorgänger treu blieben, wollen wir eine Stelle aus dem Kommentar des Moses Corduero zum Sohar anführen:
»Die drei ersten Sephiroth, nämlich die Krone, die Weisheit und die Intelligenz, müssen als ein und dieselbe Sache bezeichnet werden. Die erste repräsentiert die Erkenntniß oder die Wissenschaft, die zweite das Erkennende und die dritte das Erkennbare. Um diese Identität zu erklären, muß man wissen, daß die Erkenntniß des Schöpfers nicht die Erkenntniß der Geschöpfe ist, denn bei diesen ist die Erkenntniß vom Erkennenden unterschieden und auf das von diesem getrennte Erkennbare übertragen. Man bezeichnet es auch mit den Ausdrücken: der Gedanke, der Denker und das Gedachte. Im Gegentheil ist der Schöpfer die Erkenntniß selbst und erkennt, was erkennbar ist. Die Art und Weise seines Erkennens geschieht nicht durch Anwendung des Gedankens auf die Dinge, welche außer ihm sind, sondern er erkennt sich selbst und schaut sich in allem Seienden. Es giebt nichts, was nicht mit ihm vereinigt und in seiner eigenen Wesenheit auffindbar ist. Er ist der Typus des ganzen Seins, und alle Dinge existieren in ihm in ihrer reinsten und vollendetsten Form in der Weise, daß die Vollkommenheit der Geschöpfe in dieser Existenz selbst besteht, durch welche sie mit der Quelle ihres Seins vereinigt sind je nach Maßgabe, wie sie sich von einem so vollkommenen und erhabenen Zustand entfernen. Alle Wesenheiten der Welt haben also ihren Ursprung in den Sephiroth, und die Sephiroth sind die Quelle, von welcher sie ausfließen.«
Die sieben Attribute, von welchen wir noch sprechen müssen, und die die neueren Kabbalisten »die Sephiroth der Konstruktion« nennen, -- zweifelsohne weil sie bei der Schöpfung am meisten in Thätigkeit traten, offenbaren sich wie die ersten in Trinitäten, und bei jeder sind zwei Extreme durch ein Mittelglied verbunden. Aus dem Schoße des göttlichen Denkens in ihrer vollendeten Offenbarung geschaffen, gehen zuerst zwei entgegengesetzte Prinzipien hervor, eines männlich und aktiv, das andere weiblich und passiv; in der Gnade oder Barmherzigkeit ($Chesed$) ist das erste anzutreffen, das zweite wird durch die Gerechtigkeit ($Din$) repräsentiert. Es ist leicht, die Rolle zu erkennen, welche diese Sephiroth im kabbalistischen System spielen, und daß weder Gnade noch Gerechtigkeit in buchstäblichem Sinn genommen werden dürfen; es handelt sich vielmehr um das, was wir Extension und Konzentration des Willens nennen. Aus der ersteren gehen die männlichen und aus der zweiten die weiblichen Seelen hervor. Diese beiden Attribute werden auch »die Arme der Gottheit« genannt; der eine giebt das Leben und der andere den Tod. Die Welt würde nicht bestehen können, wenn sie getrennt wären; es ist unmöglich, daß sie sich trennen, denn nach der Ausdrucksweise des Originals kann die Gerechtigkeit nicht ohne die Gnade bestehen; beide sind zu einem gemeinschaftlichen Wesen vereinigt, welches die Schönheit ($Tif'eret$) ist, als deren Symbol die Brust oder das Herz gilt. Es ist eine merkwürdige Thatsache, daß die Schönheit als der Ausdruck und das Resultat aller moralischen Eigenschaften und die Summe des Guten angesehen wird. Die drei folgenden Attribute sind durchaus dynamischer Natur und repräsentieren so zu sagen die Gottheit als Ursache, als allgemeine Kraft und das Urprinzip alles Seins. Die beiden ersten, welche in dieser neuen Sphäre das männliche und weibliche Prinzip repräsentieren, werden übereinstimmend nach einem Schrifttext der Triumph ($Netzach$) und der Ruhm ($Hod$) genannt. Es würde sehr schwer sein, den eigentlichen Sinn dieser Worte herauszufinden, wenn sie nicht durch folgende Definition erklärt würden:
»Unter dem Triumph und dem Ruhm versteht man die Ausdehnung, die Vervielfältigung und die Stärke, denn alle Kräfte des Universum gehen aus deren Schooß hervor, und deshalb werden diese Sephiroth 'die Heerschaaren des Ewigen' genannt.«[435]
Sie vereinigen sich in einem gemeinsamen Prinzip, welches gewöhnlich durch die Zeugungsorgane repräsentiert wird und das auch das zeugende Element, die Quelle und Wurzel alles Seins darstellt. Man nennt es in dieser Hinsicht das Fundament oder die Basis ($Yesod$). Der Text sagt:
»Alles kehrt zu der Basis zurück, von der es ausgegangen ist. Alles Mark, aller Saft, alle Macht versammelt sich hier. Alle existierenden Kräfte gehen von hier aus durch die Organe der Zeugung.«[436]
Alle diese drei Attribute bilden gewissermaßen nur ein Gesicht, das der göttlichen Natur, welches die Bibel mit dem Namen »der Herr der Heerschaaren« bezeichnet.
Was nun die letzte der Sephiroth, »das Reich« ($Malkhut$), anlangt, so stimmen alle Kabbalisten darin überein, daß dieselbe kein neues Attribut bezeichnet, sondern nur die zwischen den übrigen bestehende Harmonie und ihre Herrschaft über die Welt.
Die zehn Sephiroth bilden also in ihrer Gesamtheit den himmlischen oder idealen Menschen oder das, was die neueren Kabbalisten die Emanationswelt nennen. Sie teilen dieselbe in drei Abteilungen, deren jede die Gottheit von einem verschiedenen Standpunkt, aber stets in Gestalt einer unteilbaren Dreieinigkeit darstellt. Die drei ersten sind durchaus intellektueller oder metaphysischer Natur und drücken die absolute Identität der Existenz und des Gedankens aus; sie bilden das, was die neueren Kabbalisten die intelligible Welt nennen. Die folgenden tragen einen moralischen Charakter zur Schau und lassen Gott als die Identität der Güte und Weisheit erscheinen; andererseits zeigen sie uns in der Güte oder vielmehr im höchsten Wesen den Ursprung der Schönheit und Größe oder Erhabenheit. Man nennt sie auch »die Tugenden« oder »die sensible Welt« in der erhabensten Bedeutung dieses Wortes. Endlich sehen wir in den letzten dieser Attribute sowohl die allgemeine Vorsehung als den höchsten Künstler, welcher auch die absolute Kraft, die allmächtige Ursache und das zeugende Element alles Seienden ist. Dies sind die letzten Sephiroth, welche die natürliche Welt oder die Natur in ihrer Wesenheit und in ihrem Prinzip, +Natura naturans+, bildet. Es möge hier eine Stelle folgen, in welcher die verschiedenen Anschauungsstandpunkte auf eine Einheit oder eine oberste Trinität zurückzuführen gesucht werden:
»Um die Wissenschaft der göttlichen Einheit zu erhalten, müssen wir die Flamme betrachten, welche von einem Feuer oder einer angezündeten Lampe emporflackert; man sieht in ihr zwei Lichter: ein weißes und ein dunkles oder blaues. Das weiße schwebt oben und steigt in gerader Linie empor, während sich das blaue darunter befindet und in der Gewalt des weißen zu sein scheint. Beide sind jedoch so vollkommen mit einander vereinigt, daß sie nur eine Flamme bilden. Der Sitz des blauen Lichtes ist am Docht. Das weiße wechselt nicht, sondern bewahrt stets die ihm eigene Natur, aber man unterscheidet verschiedene Nuancen in dem darunter befindlichen blauen, welches sich nach oben an das weiße Licht und nach unten an die angezündete Materie anhängt. Alles zusammen bildet jedoch eine Einheit.«[437]
Über den Sinn dieser Allegorie kann kein Zweifel obwalten, und wir fügen hinzu, daß sie in einem andern Teil des Sohar fast buchstäblich wird, um die Natur der menschlichen Seele zu erklären, welche ebenfalls eine Trinität bildet, die eine abgefaßte Kopie der Allerhöchsten ist.