Der Occultismus des Altertums

Part 31

Chapter 313,439 wordsPublic domain

Zum richtigen Verständnis dieser Zeilen sei bemerkt, daß die hebräisch schreibenden jüdischen Schriftsteller unter den Kindern Israels sowohl das heidnische, als das christliche Rom, als auch die Christenheit überhaupt verstehen. Da nun hier nicht vom heidnischen Rom die Rede sein kann, so hat man in dieser Stelle die Niederlagen der Sarazenen gegen die Christen während der Kreuzzüge vor der Eroberung Jerusalems sehen wollen. Was die Prophezeiung des Simon ben Jochai anlangt, so habe ich wohl kaum nötig zu sagen, welches Gewicht sie unserer Ansicht nach besitzt. Auch will ich mich nicht lange bei der Darstellung der heute allgemein bekannten und von der modernen Kritik zur Genüge wiederholten Thatsachen aufhalten. Ich will nur einen für unser endliches Urteil ganz besonders wichtigen Umstand anführen. Um die Überzeugung zu gewinnen, daß Simon ben Jochai nicht der Verfasser des Sohar, und dieses Buch selbst nicht die Frucht dreizehnjähriger Betrachtungen und der Einsamkeit sein kann, genügt es, einige Aufmerksamkeit auf die Erzählungen zu verwenden, welche fast stets mit der Entwickelung des Gedankenganges verbunden sind. So vereinigte nach dem Idra Suta genannten Fragment, welches eine in jeder Hinsicht bewundernswürdige Episode in dieser ungeheuren Kompilation bildet, Rabbi Simon vor seinem Tode eine kleine Anzahl seiner Schüler und Freunde um sich, unter welchen sich sein Sohn Eleazar befand. Simon sagte zum Letzteren: Du wirst studieren, Rabbi Aba wird schreiben und meine andern Freunde werden stillschweigend ihren Betrachtungen nachhängen. An allen andern Stellen spricht der Meister in den seltensten Fällen; wohl aber sind seine Worte im Munde seiner Söhne und Freunde, welche sich noch nach seinem Tod versammeln, um ihre Erinnerungen auszutauschen und sich gegenseitig über den rechten Glauben zu belehren nach den Worten der heiligen Schrift: Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen! -- Begegnen sich einige seiner Schüler unterwegs, so dreht sich ihre Unterhaltung sofort um den gewöhnlichen Gegenstand ihrer Betrachtungen und sie beginnen irgend eine Stelle des alten Testaments in einem geistigen Sinn auszulegen. Hier ein Beispiel statt tausend: Rabbi Jehuda und Rabbi Joseph waren unterwegs, und der erstere sprach zu seinem Reisegefährten: Sage mir etwas vom Gesetz, denn wenn der Mensch die Worte des Gesetzes betrachtet, so steigt der Geist Gottes zu ihm herab oder geht vor ihm her, um ihn zu führen.[370]

Man pflegt endlich, wie wir bereits oben sagten, Bücher zu citieren, von denen nur vereinzelte Bruchstücke auf uns gekommen sind, die aber notwendiger Weise älter als der Sohar sein müssen. So wollen wir nur folgende Stelle hierhersetzen, von welcher man glauben könnte, daß sie von einem Schüler des Copernicus geschrieben sein müsse, wenn ihr Ursprung nicht mit voller Gewißheit spätestens in das Ende des 13. Jahrhunderts zu setzen wäre[371]:

»Im Buch des Rabbi Hamnuna des Ältern wird vermittelst verschiedener Erklärungen gelehrt, daß sich die Erde um sich selber kreisförmig dreht, daß Einige oben und Andere unten sind, daß alle Menschen nacheinander in gleicher Lage die verschiedenen Stellungen des Himmels zu Gesicht bekommen, daß ein Theil der Erde erleuchtet ist, während der andere in Dunkelheit liegt, daß ein Theil der Menschen Tag hat, während es bei den andern Nacht ist, daß es Gegenden giebt, wo es beständig Tag ist, oder wo wenigstens die Nacht nur wenige Augenblicke dauert.«

Es liegt auf der Hand, daß der Verfasser des Sohar, sei er, wer er sei, gewiß nicht Rabbi Simon ben Jochai sein kann, dessen Tod und letzte Augenblicke darin erzählt werden.

Sind wir aber deshalb genötigt, die Ehre seiner Urheberschaft einem obskuren Rabbi des dreizehnten Jahrhunderts, einem unglückseligen Charlatan, zuschreiben zu müssen, welcher seinem Elend auf eine ebenso unwürdige als unsichere Weise ein Ende machen wollte? Ganz gewiß nicht. Und selbst wenn wir die innerste Natur, den innersten Wert des Buches prüfen, so macht es nicht die mindeste Mühe darzulegen, daß diese Ansicht ebensowenig als die erste begründet ist. Doch müssen wir zu ihrer Widerlegung positive Beweisgründe beizubringen suchen.

Der Sohar ist in aramäischer Sprache geschrieben, welche keinem ausgesprochenen Dialekt angehört. Welche Absicht könnte wohl Rabbi Moses von Leon gehabt haben, als er sich eines Idioms bediente, das zu seiner Zeit gar nicht gebräuchlich war? Wollte er, wie ein neuerer, bereits angeführter Kritiker annimmt[372], seinen Erdichtungen eine gewisse Wahrscheinlichkeit geben, wenn er die Personen des Sohar, unter deren Namen er seine Ideen einschmuggelte, in der Sprache ihrer Zeit reden läßt? Aber selbst, wenn er so ausgedehnte Kenntnisse besessen hätte, so würde er selbst nach der Meinung der von uns hier bekämpften Gegner nicht haben übersehen dürfen, daß Simon ben Jochai und seine Freunde zu den Verfassern der Mischna gehören, deren gewohnte Sprache der jerusalemitische Dialekt war, und welche demnach gewiß hebräisch geschrieben hätten. Er würde sich also gewiß der letzteren Sprache bedient haben, wenn er den Sohar durch Einschmuggelung seiner eigenen Ideen hätte fälschen wollen, welcher Betrug sicher bald entdeckt worden wäre. Da wir aber nirgends etwas dergleichen auf unsere Zeit Gekommenes finden, so braucht uns obige Annahme nicht mehr zu beschäftigen.

Aber sei sie wahr oder falsch, sie dient zur Bekräftigung folgenden Umstandes:

Wir wissen mit größter Gewißheit, daß Moses von Leon in hebräischer Sprache ein kabbalistsches Werk unter dem Titel: »der Name Gottes« oder einfach »der Name« ($Sefer Hashem$) schrieb. Moses Corduero besaß dieses noch handschriftlich erhaltene Werk und bringt daraus mehrere Stellen bei, aus welchen sich ergiebt, daß es ein sehr subtiler und detaillierter Kommentar über einige der dunkelsten Stellen der Lehren des Sohar ist, wie z. B.: Welches sind die verschiedenen Kanäle oder -- so zu sagen -- Influenzen, wechselseitige Rapporte, welche zwischen den Sephiroth bestehen und die das göttliche Licht oder die Ursubstanz der Dinge von dem einen zum andern führen? Läßt sich nun annehmen, daß derselbe Mann, welcher den Sohar in chaldäisch-syrischer Sprache geschrieben haben soll, um die Schwierigkeiten desselben noch durch den Dialekt zu vermehren, um die in ihm erhaltenen Gedanken dem Volk zu verschleiern, im Hebräischen entschleierte und preisgab, was er in einer selbst von den Gelehrten halbvergessenen Sprache so ängstlich zu verbergen gesucht hatte? Glaubt man wirklich, daß er durch diesen Wechsel der Methode bei seinen Lesern Erfolg erzielt haben würde? Es ist in der That viel zu viel Zeit und Mühe mit viel zu gelehrten und komplizierten Kombinationen verschwendet worden, um einen unbedeutenden Mann der dümmsten Widersprüche und gröbsten Anachronismen zu beschuldigen.

Ein anderer Grund zwingt uns, den Sohar für weit älter als Moses von Leon und für nicht europäischen Ursprungs zu halten, nämlich der, daß man nirgends eine Spur aristotelischer Philosophie und keine Erwähnung des Christentums und seines Begründers findet, und es ist doch allbekannt, daß während des 13. und 14. Jahrhunderts in Europa das Christentum und Aristoteles unbeschränkt herrschten. Wie könnte man also annehmen, daß in einer so fanatischen Zeit ein armer spanischer Rabbi, welcher in unverständlicher Sprache über religiöse Stoffe schrieb, der Anklage entgangen wäre, welche so oft gegen spätere Schriftsteller erhoben wurde, nämlich, daß sie sich nicht wie Saadiah, Maimonides und ihre Nachfolger von dem unwiderstehlichen Einfluß der peripatetischen Philosophie hätten frei machen können? Man lese aber alle Kommentare des »Buches der Schöpfung« und werfe einen Blick auf alle religiösen und philosophischen Schriften seiner Zeit, und man wird überall der Sprache des Organon und der unbeschränkten Herrschaft der Philosophie des Stagyriten begegnen. Das Fehlen dieses Merkmals im Sohar ist aber von einer nicht hoch genug zu schätzenden Bedeutung. Man kann in den zehn Sephiroth, von denen wir weiter unten ausführlich sprechen werden, keine verkappte Nachahmung der aristotelischen Kategorien sehen, weil nämlich die letzteren nur einen logischen Wert besitzen, die ersteren hingegen ein erhabenes metaphysisches System darstellen. Wenn einige Teile der Kabbala ja einem System der griechischen Philosophie ähneln, so ist es das System Platos, welcher ja bekanntlich einem gewissen Mysticismus ergeben war; Plato war aber damals außerhalb seines Vaterlandes sehr wenig bekannt.

Endlich aber bemerken wir, daß die im Sohar gebrauchten Ideen und Ausdrücke, welche zur Erläuterung des kabbalistischen Systems dienen, in weit älteren Schriften als solchen vorkommen, die zu Ende des 12. Jahrhunderts abgefaßt wurden. So ist z. B. der von uns schon genannte Moses Botarel, einer der Kommentatoren des Sepher Jezirah, der die Emanationstheorie nach den Anschauungen der Kabbalisten lehrt, von Saadiah wohl gekannt, denn dieser führt folgende Stelle des ihm zugeschriebenen »der Stein der Weisen« genannten Buches an:

»O du, der du aus den Cisternen schöpfst, hüte dich, wenn man dich versuchen will, die Emanationslehre zu enthüllen, denn dieselbe ist ein großes Geheimniß im Munde der Kabbalisten, und ein anderes Geheimniß ist enthalten in den Worten des Gesetzes: Ihr sollt den Herrn nicht versuchen!«

Aber Saadiah greift die Emanationslehre, welche die Grundlage des ganzen im Sohar entwickelten Systems ist, heftig in seinem »Glauben und Meinen« betitelten Buch an, wie einwandsfrei aus folgender Stelle desselben hervorgeht[373]:

»Ich bin oft Leuten begegnet, welche die Existenz eines Schöpfers nicht leugnen, aber nicht begreifen, wie unser Geist fassen könne, daß irgend etwas aus nichts geschaffen sei. Da nun der Schöpfer das einzige Wesen ist, welches von Anbeginn an existiert, so muß ihrer Meinung nach das Weltall aus der eigenen Wesenheit des Schöpfers hervorgegangen sein. Diese Leute (Gott behüte euch vor ihren Anschauungen) sind noch sinnlicher als alle andern, von denen wir bisher gesprochen haben.«

Der Sinn dieser Worte wird noch klarer, wenn man in demselben Kapitel liest, daß der Glaube, auf welchen sie anspielen, durch die Worte bei Hiob[374] gerechtfertigt werde: »Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die Stätte des Verstandes? -- Gott weiß den Weg dazu und kennet ihre Stätte.« Man findet hier in der That die Namen, welche der Sohar den drei ersten und obern Sephiroth weiht, und die alle andern in sich fassen: nämlich die Weisheit, den Verstand und die Stätte. Anstatt Stätte sagen nun die Kabbalisten »das Nichtseiende« und nennen sie so, weil das Nichtseiende das Unendliche ohne Attribut, Form und Eigenschaft in einem unbegreiflichen Zustand ohne Realität repräsentiert.[375] »Dies ist der aus dem Nichtseienden gezogene Sinn«, sagen die Kabbalisten.

Derselbe Autor giebt uns auch eine psychologische Theorie, welche völlig identisch mit der Simon ben Jochai zugeschriebenen ist[376] und lehrt uns, daß das im Sohar[377] enthaltene Dogma der Präexistenz und Rëincarnation zu seiner Zeit von Leuten angenommen worden sei, welche nur dem Namen nach Juden gewesen seien und ihre extravagante Meinungen durch das Zeugnis der heiligen Schrift zu stützen gesucht hätten.

Dies ist jedoch nicht alles, denn der heilige Hieronymus spricht in einem seiner Briefe[378] von den zehn mystischen Namen (+decem nomina mystica+), durch welche die Engel die Gottheit bezeichneten. Diese von Hieronymus erwähnten und ausgewählten Namen sind aber genau dieselben, mit welchen der Sohar die zehn Sephiroth oder Attribute der Gottheit bezeichnet. Sie mögen hier folgen, wie sie im »Buch des Geheimnisses« ($Sifra Ditzni'uta$), einem der ältesten Fragmente des Sohar enthalten sind und gleichzeitig die Grundprinzipien der Kabbala in sich fassen:

»Wenn der Mensch eine Bitte an den Herrn richten will, so muß er stets die heiligen Namen Gottes anrufen, nämlich: Eheie, Jah, Jehovah, El, Elohim, Jedud, Eloha, Sabaoth, Schadai, Adonai. Dies sind die zehn Sephiroth, welche heißen: Krone, Weisheit, Verstand, Schönheit, Gnade, Gerechtigkeit usw.«

Alle Kabbalisten stimmen darin überein, daß die zehn Namen Gottes und die zehn Sephiroth einunddasselbe sind, nämlich der geistige Teil derselben sei die Wesenheit der göttlichen Emanationen. Hieronymus spricht auch in mehreren seiner Schriften von gewissen hebräischen Traditionen, welche das Paradies, oder, wie es hebräisch heißt: Eden ($Gan Eden$), älter sei als die Welt.[379] Bemerkt sei dazu zunächst, daß bei den Juden keine andern Traditionen ähnlichen Inhalts bekannt waren als die geheimnisvolle Wissenschaft, welche der Talmud »die Geschichte der Schöpfung« nennt. Was ferner den mit ihrem Namen verbundenen Glauben anlangt, so stimmt derselbe völlig mit dem Sohar überein, wo die höchste Weisheit, das göttliche Wort, durch welches die Schöpfung begonnen und vollendet wurde, das Prinzip aller Intelligenz und des ganzen Lebens, als das wahre oder obere Eden ($Eden ila'a$) bezeichnet wird. Aber ein schwerer als dies alles wiegender Umstand ist, daß die Kabbala sowohl der Sprache als dem Inhalt nach mit allen gnostischen Sekten -- namentlich den in Syrien entstandenen -- und dem Religionskodex der Nazarener besitzt, welcher vor einigen Jahren entdeckt und aus dem Syrischen in das Lateinische übersetzt wurde. Es sei ferner noch bemerkt, daß die Lehren eines Simon Magus, Elxaï, Bardesanes, Basilides und Valentinus nur bruchstückweise in den Schriften einiger Kirchenväter wie Clemens von Alexandria und Irenäus erhalten sind, die auf keinen Fall einem in der christlichen Litteratur gänzlich unbewanderten Rabbi des 13. Jahrhunderts bekannt waren. Wir sind also zu der Annahme gezwungen, daß der Gnosticismus auf den Sohar nicht sowohl in seiner uns heute vorliegenden Form, als bezüglich der in ihm enthaltenen Traditionen und Theorien einwirkte.

Außer obiger Annahme ist noch die Ansicht zu erwähnen, welche die Kabbala zu einer Nachahmung der mystischen Philosophie der Araber macht und sie zur Zeit der Herrschaft der Khalifen ungefähr zu Anfang des elften Jahrhunderts entstehen läßt, also in einer Epoche, wo sich die ersten Spuren des Mysticismus bei den Arabern zeigen. Diese Konjektur wurde schon im neunten Band der Memoiren der +Akademie des Inscriptions+ ausgesprochen, und auch Tholuck hat sie durch seine große Gelehrsamkeit zu unterstützen gesucht. In einer älteren Schrift[380], worin er den Einfluß der griechischen Philosophie auf die Araber untersucht, kommt Tholuck zu dem Schluß, daß die Emanationslehre den Arabern zu gleicher Zeit wie die Philosophie des Aristoteles bekannt geworden sei. Die letztere jedoch wurde ihnen nur durch die Kommentare des Themistius, Theon von Smyrna, Aeneas von Gaza, Johann Philopon, mit einem Wort, mit alexandrinischen Philosophemen in einer sehr unvollständigen Gestalt überliefert. Dieser vom Stamme des Islam abgelegte Zweig entwickelte sich zu einem ausgedehnten System, ähnlich dem des Plotinos, welcher den Enthusiasmus über die Vernunft setzt, und -- indem er alle Wesen aus der Gottheit hervorgehen läßt, dem Menschen als Endziel der Vervollkommnung die Ekstase und Verneinung seiner selbst vorschreibt. Diesen halb griechischen, halb arabischen Mysticismus will Tholuck als die Quelle der Kabbala hinstellen.[381] Zu diesem Zweck greift er die Authenticität der kabbalistischen Bücher und vor allem die des Sohar an, welchen er als eine am Schluß des 13. Jahrhunderts entstandene Kompilation betrachtet, obschon er der Kabbala im allgemeinen ein höheres Alter zugesteht. Nachdem er dies außer allen Zweifel gesetzt zu haben glaubt, sucht er die vollkommene Ähnlichkeit der im Sohar enthaltenen Ideen mit denen des arabischen Mysticismus nachzuweisen. Jedoch bringt er kein Argument vor, das von uns nicht schon widerlegt wäre, und wir brauchen uns nur an den letzten und zweifelsohne interessantesten Teil seiner Arbeit zu halten. Dabei sind wir jedoch genötigt, vorausgreifend uns mit den Grundlagen des kabbalistischen Systems zu beschäftigen und daran einige ziemlich trockene Bemerkungen über seinen Ursprung zu knüpfen.

Die erste Beobachtung, welche wir machen, ist die, daß allerdings die hebräischen Lehren den arabischen vollkommen gleichen, ohne daß die ersteren jedoch ein Abklatsch der letzteren zu sein brauchen. Wäre es nicht möglich, daß beide Lehren durch verschiedene Kanäle aus ein und derselben Quelle geflossen sein könnten, welche älter als die arabische und alexandrinische Philosophie ist? Und in der That giebt auch Tholuck zu, daß die Araber mit den Hauptwerken der alexandrinischen Philosophie unbekannt waren, daß sie die Schriften des Plotinus, Jamblichus und Proclus, von denen weder eine syrische noch eine arabische Übersetzung existiert, gar nicht, und von Porphyrius nur einen rein logischen Kommentar, nämlich die Einleitung seiner Abhandlung über die Kategorien kannten. Andererseits aber läßt sich kaum annehmen, daß die im ganzen Altertum unter dem Namen der »orientalischen Weisheit« so hochberühmte parsistische Religionsphilosophie den Arabern bei ihrer Invasion nicht bekannt geworden wäre, da sie doch offenbar der großen unter der Herrschaft der Abbassiden sich Bahn brechenden Bewegung zu Grunde liegt. Wissen wir doch, daß Avicenna ein Werk über die »orientalische Weisheit« schrieb, welche ein neuerer Autor auf Grund einiger weniger Citate für eine Zusammenstellung neuplatonischer Ideen halten will. Er stützt sich dabei auf folgende Stelle des Al Gazali: »Du mußt wissen, daß zwischen der Körperwelt und der, von welcher wir sprechen (der Geisterwelt), ähnliche Beziehungen obwalten wie zwischen unserm Körper und unserm Schatten.«

Hat sich jener Kritiker nicht in das Gedächtnis zurückgerufen, daß in diesen Worten das Grundprinzip des Mazdeismus formuliert ist, und daß die Juden von ihrer Gefangenschaft an bis zu ihrer Zerstreuung in ununterbrochener Verbindung mit Babylonien standen? Wir wollen uns bei diesem Punkt nicht länger aufhalten, sondern nur sagen, daß der Sohar ganz positiv die »orientalische Weisheit« wiederholt; er sagt: »diese Weisheit, welche die Söhne des Orients seit der frühesten Zeit kannten«, und citiert aus ihr ein vollständig mit seinen Lehren übereinstimmendes Beispiel. Schließlich kann hier keine Rede von den Arabern sein, welche die hebräischen Schriftsteller unabänderlich »die Kinder Ismaels« oder »die Kinder Arabiens« nennen. In solchen Ausdrücken spricht man aber nicht von gleichzeitigen Philosophen und ihren eben erst unter dem Einfluß des Aristoteles und seiner alexandrinischen Kommentatoren entstandenen Lehren. Endlich würde der Sohar den Ursprung seiner Lehren nicht in die älteste Zeit der Menschheit verlegen und sie nicht von Abraham den Söhnen seiner Kebsweiber und von diesen den Völkern des Orients überliefern lassen.

Aber es ist gar nicht nötig, sich dieses Arguments zu bedienen, denn in Wahrheit bieten der arabische Mysticismus und der Sohar viel mehr Unterscheidungs- als Berührungspunkte dar, denn die ersteren beschränken sich nur auf einige in allen mystischen Systemen nachweisbare allgemeine Grundanschauungen, während die metaphysischen Hauptpunkte der beiden Systeme keinen Zweifel über ihre Verschiedenheit aufkommen lassen. So sehen, um das Wichtigste hervorzuheben, die arabischen Mystiker in Gott die Grundsubstanz aller Dinge und die immanente Ursache des Weltalls und sie behaupten, daß sich die Gottheit in dreierlei Weise offenbart habe: Erstens als Einheit oder absolutes Sein, in welchem noch keinerlei Scheidung war. Zweitens als die das Weltall bildenden Objekte, als diese anfingen sich in ihrer Wesenheit und intelligibeln Formen sich zu scheiden und sich vor der göttlichen Intelligenz als gegenwärtig darzustellen. Drittens als das Universum, die reale Welt selbst, in welcher die Gottheit sichtbar geworden ist. Das kabbalistische System ist weit davon entfernt, diesen Charakter der Einfachheit aufzuweisen. Zweifelsohne gilt auch in ihm die göttliche Wesenheit als die Grundsubstanz, als die Quelle, aus welcher von Ewigkeit, ohne daß sie erschöpft wird, alles Leben, alles Licht und alles Dasein fließt; aber anstatt der drei Manifestationen, der drei Generalformen des unendlichen Wesens, hat sie deren zehn, nämlich die zehn Sephiroth, welche sich in drei in einer Dreiheit aufgehenden Dreiheiten und eine höchste Form teilen. In ihrer Gesamtheit betrachtet, repräsentieren die Sephiroth nur den ersten Grad, die erste Sphäre des Seins, nämlich das, was man die Welt der Emanationen nennt. Unterhalb derselben befinden sich noch von einander unterschieden in unendlicher Vielfältigkeit die Welt der reinen Geister oder der Schöpfung, die Welt der Sphären und der sie lenkenden Intelligenzen oder die Welt der Formation, und als unterste Stufe endlich die Welt der Arbeit oder Thätigkeit. Die arabischen Mystiker nahmen ebenfalls eine Kollektivseele an, aus welcher alle einzelnen die Welt belebenden Seelen ausgeflossen seien, einen zeugenden Geist, welchen sie den Vater der Geister, den Geist Muhammeds, die Quelle, das Vorbild und die Wesenheit aller andern Geister nennen. In dieser Auffassung des Geistes hat man das Vorbild des Adam Kadmon, den himmlischen Menschen der Kabbalisten sehen wollen. Aber das, was die Kabbalisten mit diesem Namen bezeichnen, ist nicht allein das Prinzip der Intelligenz und des geistigen Lebens; es ist auch das, was sie für über und unter dem Geist stehend ansehen, nämlich die Gesamtheit der Sephiroth oder die ganze Emanationswelt, nämlich das Wesen in seinem abstraktesten und unbegreiflichsten Charakter bis herab zu den bildenden Kräften der Natur, welches sie in diesem Sinn den Punkt oder das Nichtsein nennen. Weiterhin findet man bei den Arabern keine Spur der Metempsychose, welche im kabbalistischen System eine so große Rolle spielt. Vergebens wird man auch in den Werken der arabischen Mystiker die fortlaufenden Allegorien, die beständige Berufung auf die Tradition, die endlosen Geschlechtsregister nach den Worten des heiligen Paulus[382], die gigantischen und bizarren Metaphern suchen, welche so ganz mit dem Geist des alten Orients übereinstimmen. Schließlich kommt Tholuck von seiner anfänglich vertretenen Ansicht zurück und meint, es sei unmöglich die Kabbala aus arabischen Quellen abzuleiten, eine Meinungsäußerung, die bei einem philosophisch so geschulten gelehrten Orientalisten ganz besonders ins Gewicht fällt. Hier seine eigenen Worte:

»Was können wir nun aus diesen Analogien schließen? Meines Erachtens sehr wenig. Denn was die beiden Systeme übereinstimmendes haben, findet sich bereits in den ältesten Geheimlehren, in den Büchern der Sabäer und Perser und bei den Neuplatonikern. Im Gegenteil aber ist die ungewöhnliche Form, in welcher uns der Gedankeninhalt der Kabbala entgegentritt, der arabischen Mystik ganz fremd. Um nun zu beweisen, daß die Kabbala wirklich aus der letzteren hervorgegangen wäre, müßte man vor allem die Lehre von den Sephiroth untersuchen; aber von ihnen findet sich bei den arabischen Mystikern, welche nur eine einzige Art und Weise kennen, wie Gott sich selbst offenbart, nicht die mindeste Spur; wohl aber nähert sich hier die Kabbala den Lehren der Sabäer und Gnostiker.«