Der Occultismus des Altertums

Part 3

Chapter 33,243 wordsPublic domain

Diese Dämonen wohnen in Einöden und Wildnissen[8], von wo aus sie in bewohnte Ländereien einfallen, um die Menschen zu schrecken und zu schädigen. Sie werden in den Beschwörungen nach ihren Wohnorten klassifiziert, nach der Wüste, rauhen Berggipfeln, pesthauchenden Sümpfen und dem Meere. Ferner heißt es an einer Stelle, daß der +utuk+ die Wüste bewohne, der +alad+ sich auf den Berggipfeln aufhalte, der +gigim+ die Wüste durchstreife und der +telal+ in den Städten umherschleiche.

Von allen bösen Einwirkungen, welche die Dämonen auf die Menschen ausüben, ist die Besessenheit am meisten gefürchtet, und es giebt zahlreiche Sprüche und Beschwörungen zur Heilung derselben. So heißt es z. B.:

»Den Dämon, der sich des Menschen bemächtigt, den Dämon, der sich des Menschen bemächtigt, Den +gigim+, der das Üble anthut, den bösen Dämon, Geist des Himmels, beschwöre ihn! Geist der Erde, beschwöre ihn!«

Wenn die Dämonen aus den Besessenen vertrieben waren, so suchte man zum Schutz gegen ihre Wiederkehr durch Beschwörung dahin zu wirken, daß nach Ausfahrt des bösen Geistes ein guter in den Leib des Besessenen fahre. In diesem Sinne sagt eine Beschwörung:

»Daß der böse Dämon ausfahren möge! Daß er sich anderswo niederlasse! Daß der holde Dämon, der holde Coloß Einfahren möge in seinen Körper! Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!«

Nach akkadischem Glauben waren alle Krankheiten ein Werk der Dämonen, woraus sich die schon Herodots Aufmerksamkeit erregende Thatsache erklärt, daß es bei den Erben der Akkader, den Babyloniern und Assyriern, keine Ärzte in unserm Sinne gab; die Medizin war bei ihnen nicht wie bei den Griechen eine rationelle Wissenschaft, sondern ein Zweig der Magie, welche wiederum mit der Religion zusammenfiel. Das ärztliche Verfahren bestand in Beschwörungen, Exorcismen und der Anwendung von Zaubertränken, wodurch allerdings nicht ausgeschlossen wird, daß man sich bei Anwendung der letzteren nicht auch einer Anzahl von Stoffen bediente, deren Heilkraft die Erfahrung gelehrt hatte.

Die Auffassung, daß die Krankheiten ein Werk feindlicher Dämonen seien, zieht sich bekanntlich durch die ganze Geschichte, und diesbezügliche Beschwörungen wären wohl kaum zu allen Zeiten geübt worden, wenn sie nicht zuweilen wirksam gewesen wären. Die so von und bei geeigneten Persönlichkeiten erzielten Heilungen bestärkten natürlich den Glauben an die objektive Wahrheit des den Beschwörungen zu Grund liegenden zufällig herrschenden Dogmas, welcher Irrtum zur Zeit der »Aufklärung« Veranlassung gab, das Kind mit dem Bade auszuschütten und mit der falschen Voraussetzung auch den thatsächlich erzielten Erfolg preiszugeben. Die durch Exorcismen erzielten Heilungen sind ganz einfach als +mind-cures+ zu betrachten, in denen eine willenskräftig liebevolle durch die dem jeweiligen Kulturzustand entsprechende Beschwörung gläubig erregte Psyche auf eine andere, schwächere wirkt; und dies mag wohl schon bei den Akkadern der Fall gewesen sein.

Das zweite Buch des Sargonschen Auguralwerks enthält die akkadischen Krankheitsbeschwörungen, welche nach einem Muster geformt sind: Eine Erklärung der Krankheit und ihrer Symptome macht den Anfang und füllt den größten Teil der Beschwörung aus, worauf die Wünsche nach Genesung, oder aber eine an die Krankheit selbst[9] gerichtete kategorische Aufforderung, sich zu entfernen, den Schluß bilden. Manchmal erhält die Beschwörung am Schluß eine dramatische Form, und es entspinnt sich dann stets ein Dialog, in welchem Ea von Silik-mulu-khi angegangen wird, das gewünschte Heilmittel nachzuweisen.

Manchmal sind diese Heilmittel magnetische, wie z. B. magnetisiertes Wasser, Transplantation der Krankheit und magnetisierte Amulette. Ein Beispiel für den Gebrauch magnetisierten Wassers liefert uns eine längere Beschwörung, deren Anfang leider verstümmelt ist. Der Text beginnt mit den Worten:

»Die Krankheit der Stirn ist der Hölle entsprungen, Sie ist dem Wohnsitz des Gebieters der Hölle entsprungen.«

Im Folgenden werden die besonderen Symptome des Leidens charakterisiert; es wird von der »anschwellenden Geschwulst« und »beginnender Eiterung« sowie von der Gewalt des Übels gesprochen, welches »die Wände des Kopfes gleich denen eines morschen Schiffes zersprengt«. Vergeblich hat der Kranke die Wirkung der reinigenden Gebräuche versucht; sie vermochten die der Hölle entstammende Plage nicht zu bemeistern:

»Er hat sich gereinigt und hat den Stier nicht gebändigt, Er hat sich gereinigt und hat den Büffel nicht ins Joch gespannt.«

Trotzdem läßt das Übel nicht ab, den Kranken »gleich Heuschreckenschwärmen« zu zernagen; da schreiten endlich die Götter ein, und von jetzt ab lautet der Text:

»Silik-mulu-khi hat ihm Beistand geliehen. Er ist in seines Vaters Behausung getreten und hat zu ihm gesprochen: Mein Vater! die Krankheit des Hauptes ist der Hölle entstiegen. Ein zweites Mal hat er zu ihm gesprochen: Was er dagegen thun soll, das weiß dieser Mann nicht; wie wird er dieselbe überwinden? Er hat seinem Sohne Silik-mulu-khi erwidert: Mein Sohn! weshalb weißt du das nicht? Warum soll ichs dich erst lehren? Was ich weiß, das weißt du doch auch. Doch komme her, mein Sohn Silik-mulu-khi; . . . . . . . . . .[10] nimm den Eimer; Schöpfe Wasser von der Spiegelfläche des Flusses; Theile diesem Wasser deine hohe Zauberkraft mit; Verleihe ihm durch deinen Zauber den Glanz der Reinheit. Benetze mit ihm den Mann, den Sohn seines Gottes; . . . . . . . . . . umhülle sein Haupt. Daß der Irrsinn vergehe! Daß die Krankheit seines Hauptes sich auflöse wie ein flüchtiger Nachtregen! Daß Eas Vorschrift ihn heile! Daß Davkina[11] ihn heile! Daß Silik-mulu-khi, des Oceans Erstgeborener, das günstige Bild schaffe!«

Nehmen wir, was hier zulässig ist, an, daß bei den Akkadern, wie bei den Ägyptern der heilende Gott in der Praxis durch einen Priester vertreten wird[12], so sehen wir in dem letzten Passus der Beschwörung gleichzeitig eine Vorschrift zur Herstellung magnetisierten Wassers vor uns, welches angewendet wurde, wenn der Exorcismus oder -- besser gesagt -- die geistige Heilkraft, nicht stark genug war.

Daß die alten Akkader auch eine Art mesmerisierter Bäder kannten, ergiebt sich aus dem Inhalt folgenden Zauberspruchs[13]:

»Fülle ein Gefäß mit Wasser; . . . . . . . . . . Stelle einen Zweig von der weißen Ceder hinein; Übertrage demselben den Zauber der von Eridhu[14] kommt. Bekräftige sodann die Bezauberung dieses Wassers; Vervollständige den göttlichen Zauber. Reiche dieses Wasser dem Menschen; Thue, was . . . . . . . . . . sein Haupt. Den hinfälligen Menschen, Sohn seines Gottes, stelle wieder her! . . . . . . . . . . sein Zauberbild. Beschwöre diesen Menschen. Verleihe Heilkraft diesem bezauberten Wasser, auf daß Ihn alle Folgen der Verwünschung verlassen. Gleichzeitig, während dieses Wasser über seinem Körper zerrinnt, Möge die Pest, die seinen Körper behaftet, zerrinnen wie dieses Wasser. Fange dieses Wasser im Gefäße wieder auf Und schütte es aus als Trankopfer auf die Seite der Landstraße, Daß die Landstraße die Krankheit, die seine Kräfte verzehrt, entführe!«

Wie allbekannt, werden noch heute Bäder mesmerisiert, indem man mit einem Stab, dem Konduktor, das in der Wanne befindliche Wasser eine Zeit lang in gleicher Richtung kreisförmig umrührt, eine Manipulation, welche, wie der Augenschein beweist, schon vor Jahrtausenden bekannt war. Nach unserer Vorschrift scheint man das magnetisierte Wasser sowohl zum Trinken als zu einer Art Douche benutzt zu haben. Das Ausgießen des Bades auf die Landstraße ist eine sogenannte »Transplantation der Krankheit in die Elemente«, wie sie noch heute bei den sogenannten magnetischen Kuren vielfach geübt wird, indem man die mit der kranken »Mumie« angefüllten »Magnete« -- um die klassisch gewordenen Ausdrücke der Paracelsisten beizubehalten -- an die Luft oder in den Rauch hängt, vergräbt, verbrennt, ausschüttet usw.

Der Zauberstab oder magnetische Konduktor spielt in den Euphratländern eine große Rolle und heißt akkadisch +gis-zida+, »der günstige, wohlthätig wirkende Stab«, oder +gi-namekirru+, »Rohr des Schicksals« und assyrisch +qan mamiti+, »Rohr des Schicksals« und +qan pasari+, »Rohr der Offenbarung«. Als Schilfrohr ist der Zauberstab Attribut des heilenden Gottes Silik-mulu-khi, und es heißt von ihm[15]:

»Goldenes Schilfrohr, mächtiges Schilfrohr, leuchtendes Schilfrohr der Sümpfe, Heilige Streu der Götter, Kupfernes Schilfrohr, das die Vollendung erhöht, Ich bin der Bote des Silik-mulu-khi, Der Verkünder hehrer Verjüngung.«

Offenbar beziehen sich die dem Schilfrohr oder Zauberstab beigelegten Bezeichnungen auf durch denselben hervorgerufenes Hellsehen oder erzeugte Heilungen resp. wohlthätige allgemeine Wirkungen, und es gewinnt nach obiger Strophe den Anschein, als ob man sich auch metallener Konduktoren bedient habe. Vielleicht unterstützten die Erben der Akkader ihre Seher und Seherinnen durch das »Rohr der Offenbarung«. Die bekannteste dieser antiken Somnambulen wohnte im Turme zu Borsippa, und Herodot äußert sich, das Wesen der Incubation mißverstehend, folgendermaßen über die dort erteilten Orakel:

»Im obersten Thurm ist ein geräumiger Tempel, in demselben befindet sich eine große wohlgebettete Lagerstätte und daneben steht ein goldener Tisch; ein Götterbild ist aber dort nicht aufgerichtet, auch verweilt kein Mensch darin des Nachts außer einem Weibe, eine von den Eingeborenen, welche der Gott sich aus allen erwählt hat, wie die Chaldäer versichern, welche die Priester dieses Gottes sind. Eben dieselben behaupten auch, wovon sie mich jedoch nicht überzeugt haben, daß der Gott selbst in den Tempel komme und auf dem Lager ruhe, gerade wie in dem egyptischen Theben auf dieselbe Weise nach Angabe der Aegypter, denn auch dort schläft im Tempel des thebanischen Zeus ein Weib. Diese beiden pflegen, wie man sagt, mit keinem Manne Umgang; ebenso verhält es sich in dem lycischen Patara mit der Priesterin des Gottes zur Zeit des Orakels, denn es findet dasselbe nicht immer dort statt; wenn es aber stattfindet, so wird sie dann die Nächte hindurch mit dem Gott in den Tempel eingeschlossen.«[16]

Einigen Aufschluß über die Anwendung magnetisierter Stoffe zu Heilzwecken in Verbindung mit magnetisiertem Wasser bei den Akkadern giebt uns folgender Zauberspruch, in welchem Ea die Mittel zur Heilung eines Kopfübels angiebt[17]:

»Nimm das Fell eines weiblichen Camels, das sich nie begattete, Die Zauberin[18] stelle sich zur Rechten, auch treffe sie ihre Vorbereitungen zur Linken (des Kranken); Zertheile (dieses Fell) in zweimal sieben Stücke und theile ihnen den Zauber mit, der da kommt von Eridhu.[19] Umhülle das Haupt des Kranken, Umhülle den Sitz seines Lebens, Umhülle seine Hände und Füße. Lasse ihn sich niedersetzen auf seinem Lager und Benetze ihn mit den bezauberten Wassern; Daß die Krankheit seines Hauptes in den Himmelsraum entführt werde gleich einem reißenden Sturmwind. Daß sie von der Erde entführt werde wie die zeitweise übertretenden Wasser.[20] Daß Eas Vorschrift ihn heile! Daß Davkina ihn heile! Daß Silik-mulu-khi, des Ozeans Erstgeborener, dem Bilde die heilsame Kraft verleihe!«

Soviel über den Mesmerismus bei den Akkadern, dessen Anwendung auf dem heilenden wie auf dem divinatorischen Gebiet die gleiche ist, heute wie tausend Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte.

Oben wurde bereits angedeutet, daß die Akkader die Krankheit als ein persönliches Wesen betrachteten, welches sich des Menschen bemächtige. Dies geschah besonders bei den beiden schwersten Krankheiten, an denen die Chaldäer zu leiden hatten, der Pest und dem Fieber, Namtar und Idpa. Diese zählen zu den gefürchtetsten Dämonen, wie wir aus folgendem Beschwörungsfragment ersehen:

»Gegen den Kopf des Menschen richtet seine Macht der fluchwürdige +idpa+, Gegen das Leben des Menschen der grausame +namtar+, Gegen den Hals des Menschen der schädliche +utuq+, Gegen die Brust des Menschen der verderbenbringende +alal+, Gegen die Eingeweide des Menschen der böse +gigim+, Gegen die Hand des Menschen der schreckliche +telal+.«

Die auf diese schadenstiftenden Dämonen folgende Klasse sind die Schreckgespenster, welche mit den Schatten der Toten im Innern der Erde, in dem dem jüdischen Scheol vergleichbaren »Land ohne Heimkehr« wohnen und aus ihm hervorgehen. Die drei wichtigsten Wesen dieser Klasse sind das larvenartige »Schreckgespenst« oder »Schattenbild« (akkad. +dimme+, assyr. +lamastuv+), das »Gespenst« (akkad. +dimmea+, assyr. +labasu+) und der Vampyr (akkad. +dimmekhab+, assyr. +abharu+), von welchen die ersteren nur die Menschen durch ihre Erscheinung erschrecken, während der Vampyr »den Menschen anfällt«. Der Vampyrglaube ist in Chaldäa sehr verbreitet, und in dem Epos »die Höllenfahrt der Istar« ruft die Göttin dem Hüter der Hölle am Thore folgende Worte zu:

»Hüter, öffne dein Thor; Öffne dein Thor, damit ich eintreten kann! Öffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten, Dann stürme ich das Thor und sprenge sein Schloß, Stürme die schließenden Riegel, durchschreite das Thor. Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden, Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher machen denn Alles, was lebt.«

Eine besondere Geisterklasse sind die »Dämonen der nächtlichen Samenergüsse«, das Nachtmännchen, +lillal+, und das Nachtweibchen, +kiel-lillal+, die »bezwingende Beischläferin«, deren Umarmungen sich weder Weiber noch Männer entziehen können. Die +kiel-lillal+ ist die Lilith der Juden, und es heißt von ihr ganz conform der Stelle bei Jesaias[21]:

»Dornen werden in ihren Palästen wachsen, In ihren Festen Nesseln und Disteln; Schakale werden da hausen, Strauße werden da nisten. Dort werden die Thiere der Wüste den Wölfen begegnen, Die Dämonen mit einander verkehren. Dort allein wird Lilith ihre Wohnstatt suchen, ihren Ruheplatz finden.«

Außer dem Nachtweibchen giebt es noch einen weiblichen Kobold (akkad. +kiel-udda-karra+, assyr. +ardat+), von welchem nur bekannt ist, daß er sich gern in der Nähe der Menschen aufhält und besonders die Ställe zum Schauplatz ihres Treibens macht, also ein Hauskobold.

Noch sei erwähnt, daß die Akkader den bösen Blick und das Berufen kannten. Das »böse Wort« und der »böse Mund« werden überall neben dem bösen Blick erwähnt; so heißt es:

»Den, der das gefertigte Ebenbild bezaubert, Das böse Antlitz, den bösen Blick, Den bösen Mund, die böse Zunge, Die böse Lippe, das schädliche Gift, Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!«

Außer den Beschwörungen bedienten sich die Chaldäer und später die Assyrer in ausgedehntester Weise der Talismane (akkad. +sagba+, assyr. +mamituv+). Folgende Beschwörung wurde über einen solchen Talisman gesprochen, um ihm die Macht zu verleihen, die sich in die Häuser einschleichenden Dämonen zu vertreiben:

»Talisman! Talisman! Unwandelbarer Hort! Unüberschreitbare, von den Göttern errichtete, Schranke! Grenzscheide des Himmels und der Erde, die man nimmer hinwegrückt. Einziger Gott, der sich nimmer verändert, Dessen Macht kein Gott, kein Mensch zu bekämpfen vermag, Schlinge, die nimmer gelöst wird, dem bösen Zauber gelegt, Schwert, dem man nimmer entgeht, gegen den schädlichen Zauber gerichtet! Sei's auch ein böser +utuk+, ein böser +alal+, ein böser +gigim+, ein böser +telal+, ein böser Gott, ein böser +maskim+, Ein Schreckgespenst, ein Nachtgeist, ein Vampyr, Ein Nachtmännchen, ein Nachtweibchen, ein weiblicher Kobold, Sei's gar die verheerende Pest, das schmerzhafte Fieber, eine bösartige Krankheit: Wer sein Haupt gegen die Wasser des Ea erhebt, die durch Besprengen verbreitet, Den soll die Falle des Gottes Ea erfassen. Wer sein Haupt gegen die Speicher des Gottes Serakh erhebt, Den soll das Sichelschwert des Gottes Serakh in Stücke zerschneiden, Wer den Grenzstein des Eigenthums überschreitet, Den wird der Grenzstein der Götter, der Grenzstein des Himmels und der Erde nimmer entkommen lassen! -- . . . . . . . . . . Wer Arges im Schilde führt wider das Wohnhaus, Den soll er in den Graben des Hauses versenken! Diejenigen, die aller Orten Verwirrung und Umsturz stiften, Die soll er anderswohin verjagen, in öde, unfruchtbare Orte! Wer am Thore des Hauses auflauert, Den soll er einsperren im Hause, an einem Ort, aus dem keine Wiederkehr möglich ist! Wer sich den Thürflügeln, den Querriegeln anhängt, Den sollen die Thürflügel, die Riegel in unauflösbare Bande einschließen! Wer sich heimlich in die Rinnen und Dachtraufen stiehlt, Wer mit Gewalt den Verschluß fortstößt, der auf die Thür und Angeln gelegt ist, Den soll er wie Wasser hindurchfließen lassen! Den soll er zerschmettern wie einen irdenen Krug! Den soll er zermalmen wie Thonerde. Wer das Zimmerwerk überschreitet, den soll er der Flügel berauben! Den, der seinen Hals zum Fenster hinaussteckt, den soll das Fenster erwürgen!«

Es gab sehr verschiedene Arten von Talismanen bei den Akkadern: so auf Zettel geschriebene Zaubersprüche, welche gleich den Denkzetteln der Juden an die Kleider geheftet getragen wurden. Auch trug man Periapte aus allerlei Stoffen um den Hals als Schutzmittel gegen Unglück aller Art, Krankheiten, dämonische Nachstellungen usw., ebenso in Steine geschnittene Bildnisse von Göttern und Genien, wie dergleichen vielfach in den Museen aufbewahrt werden.

Eine ganze Anzahl talismanischer Götterstatuetten aus gebranntem Lehm fand Botta unter der Thorschwelle des Königspalastes von Khorsabad und ließ sie in das Museum des Louvre schaffen. Es sind dies: Bel mit einer Kopfbedeckung, die mit mehreren Reihen Stierhörnern geschmückt ist; Nergal mit einem Löwenkopf, Nebo mit einem Scepter usw. In einer dazugehörigen Inschrift, welche sich gegenwärtig in Cambridge befindet, sagt Nergalsarussur, ein Nachfolger des babylonischen Königs Nabukudurussur, daß er bei der Wiederherstellung der Thore der heiligen Pyramide von Babylon »acht talismanische Figuren von Bronce, welche durch Todesschrecken Böse und Feinde entfernen«, habe verfertigen lassen, um sie dort aufzustellen.

Aus dem Fragment folgenden Zauberspruches lassen sich recht deutlich die Bestimmung, Macht und Anwendung derartiger Talismane ersehen:

»Zur Erhebung eurer Hände habe ich mich in einen dunkelblauen Schleier gehüllt; Ich habe ein vielfarbiges Kleid angelegt; in eure Hände . . Ich habe die Zauberbinde vervollkommnet, ich habe sie gereinigt. Ich habe mich mit Glanz umhüllt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stelle zwei an einander gebundene Bilder, untadelhafte Bilder, welche die bösen Dämonen verjagen, Neben den Kopf des Kranken zur Rechten und Linken. Stelle das Bild des Gottes Ungal-Nirra[22], der nicht seines Gleichen hat, an die Umzäunung des Hauses. Stelle das Bild des Gottes, der im Glanze der Tapferkeit strahlt, der nicht seines Gleichen hat[23], Und das Bild des Gottes Narudi, des Gebieters der mächtigen Götter, Auf den Boden unter das Bett. Zur Abhaltung alles nahenden Ungemaches stelle den Gott . . und den Gott Latarak an die Thür. Zur Abhaltung alles Übels stelle als Scheuche an die Thür . . An den Thorweg stelle den streitbaren Helden, der seine Hand dem Feinde entgegenstreckt, Stelle ihn zur Rechten und Linken. Stelle die wachsamen Bilder des Ea und Silik-mulu-khi unter den Thorweg; Stelle sie zur Rechten und Linken . . . . . . . . . . die Zauberkraft Silik-mulu-khis, welche dem Bilde innewohnt, . . . . . . . . . . O, die ihr dem Ocean entsprossen, ihr Glänzenden, Kinder des Ea, Esset, was mundet, trinket, was süß schmeckt! Dank eurem Schutz kein Ungemach eindringe!«

Aus dem Schluß des Zauberspruches ergiebt es sich mit Sicherheit, daß die Akkader für ihre Götter und Genien, gerade wie unsere Altvordern für die Hauskobolde, irgendwo im Hause Speise und Trank aufzustellen pflegten, um sich ihrer Gunst zu versichern. Analog heißt es in einer Sammlung assyrischer Beschwörungen gegen die Einwirkung böser Zauberer:

»Gegen die Dämonen, den Genius, den +rabisu+, den +ekimmu+, Das Gespenst, das Schattenbild, den Vampyr, Das Nachtmännchen, das Nachtweibchen, den weiblichen Kobold Und alles Übel, das den Menschen erfaßt, Veranstaltet Festlichkeiten, opfert und kommt alle zusammen; Daß euer Weihrauch zum Himmel emporsteige! Daß die Sonne das Fleisch eures Opfers verzehre! Daß Eas Sohn, der Held, dessen Zauber . . . . . . euer Leben verlängere!«

Eine andere Art von Talismanen wurde in der Absicht hergestellt, daß man die durch sie dargestellten Dämonen durch die Scheußlichkeit ihrer Ebenbilder zu vertreiben gedachte. So giebt z. B. Ea seinem Sohne Silik-mulu-khi behufs Vertreibung des Pestdämons Namtar folgenden Rat:

»Tritt heran, mein Sohn Silik-mulu-khi, Knete den Schlamm des Oceans Und forme daraus das ihm (Namtar) ähnliche Bild, Lege den Menschen nieder, nachdem du ihn einer Reinigung unterzogen; Lege das Bild auf seinen entblößten Unterleib; Theile ihm den Zauber mit, der von Eridhu kommt. Wende sein Antlitz nach Westen. Daß der böse Namtar, der seinen Körper bewohnt, sich anderswo niederlasse. Amen. Das Bild, das sein Haupt emporgerichtet, ist mit großer Macht ausgestattet.«

Eine derartige Broncestatuette, welche nach einer auf ihrem Rücken befindlichen akkadischen Inschrift den Dämon des Westwindes darstellt, befindet sich im Museum des Louvre. Die aufrechtstehende Figur hat einen Totenkopf mit Augen und Ziegenhörnern, den Rumpf eines Hundes, Löwentatzen, Adlerfüße, einen Skorpionsschweif und ausgespannte Flügel. An einem am Hinterkopf der Figur befindlichen Ring wurde dieselbe am Fenster oder vor der Thür des Hauses aufgehängt, um den schädlichen Einfluß des von der arabischen Wüste nach Babylon herüberstreichenden Westwindes zu vernichten.

Im +British Museum+ befinden sich ähnliche Talismane wie z. B. ein Bild eines Dämons mit einem Widderkopf und übermäßig langem Hals oder mit einem Hyänenkopf, Bärenleib und Löwentatzen usw. usw. Es ist leider nicht möglich, alle Formen dieser Talismane festzustellen und zu deuten, indessen kann nicht der mindeste Zweifel darüber herrschen, daß in späterer Zeit aus ihnen Abraxasgemmen und -ringe sowie die astrologischen Bilder entstanden. Die abenteuerlichen Formen dieser aus menschlichen und tierischen Teilen bestehenden Geschöpfe hängen mit uralten kosmogonischen Mythen zusammen, denn Berosus schildert die Geschöpfe des Chaos ganz analog, wenn er sagt: