Der Occultismus des Altertums

Part 28

Chapter 283,152 wordsPublic domain

Da nun die Kabbala dem Menschen eine sowohl auf das Schauen als auch auf das Wirken gerichtete magische Kraft beilegt, so tritt die Frage an uns heran, weshalb nach dieser Lehre das Herbeiziehen und die Mitwirkung einer Geisterwelt notwendig wird. Diese Frage wird zwar in der Kabbala selbst nirgends ausdrücklich aufgestellt, aber ihre Beantwortung ergiebt sich leicht aus den Prinzipien der jüdischen Magie: Obschon der Mensch von Natur aus magische Kraft besitzt, so wird doch dieses Vermögen bei weitem erhöht, durch den Einfluß anderer mächtigerer geistiger Wesen, und zwar hat er die Hilfe um so nötiger, wenn er in Sphären gelangen will, für welche seine eigene Kraft nicht ausreicht.

Was nun das magische Schauen betrifft, so muß das Erkennen der äußeren Sinne örtlich oder zeitlich verborgener, oder in natürlicher Verbindung stehender Dinge unterschieden werden von der höheren Divination oder dem Voraussehen künftiger durch die freie Wahl der Menschen bedingter Begebenheiten. Allerdings kann der geistige Mensch durch das Entbundensein von den äußeren Sinnen, durch das innere geistige Wesen der Dinge auf eine für ihn fühl- und bemerkbare Weise affiziert werden[326], infolgedessen er ohne alle fremde Beihilfe unmittelbar das Verborgene durchschaut und aus der Beschaffenheit desselben die dadurch verursachten Wirkungen erkennt. Er vermag daher auch, da nach kabbalistischer Lehre nicht nur jede Handlung eines Menschen eine Reschimah (Einzeichnung) hinterläßt, sondern auch alles Geschehene seit Beginn der Welt sich in den Äther eingräbt, die Zukunft vorauszusehen, insofern sie durch frühere Handlungen bedingt ist. Trotzdem hat diese unvermittelte Seherschaft ihre Grenzen, weil der innere Mensch nur von demjenigen affiziert wird, das ihm verwandt ist. Je freier und höher entwickelt der geistige Mensch, desto weiter wird sich seine eigenste unmittelbare Anschauungs- und Aktionssphäre erstrecken. Wo aber dieselbe endigt, hat er die Hilfe anderer geistiger Wesen nach kabbalistischer Lehre nötig, die sein inneres Schauen erweitern und ihm kund thun, was er selbst nicht zu schauen vermag. Darum lehrt die Kabbala auch bei den höheren Graden der niederen Magie den Einfluß und die Einwirkung geistiger Wesen, welche sich gern und leicht zu den Menschen gesellen, die in ihr Gebiet hineinimaginieren.

Anders verhält es sich mit künftigen, vom freien Willen abhängigen Handlungen eines Geschöpfes oder mit dem Ratschluß der Gottheit und ihrem Eingreifen in die Schicksale der Einzelnen wie des Ganzen. Diese Dinge sind nur der Gottheit als dem absoluten selbständigen Urgrund bekannt und werden von derselben den Propheten durch einen freien Willensakt mitgeteilt.[327]

Die Intellektualwelt ist eine in zahllosen Stufen gegliederte Hierarchie von Wesen, welche von der Gottheit nach unten emanieren, die von ihr erhalten und regiert werden und um so höher und geistiger sind, als sie ihrem Urquell näher stehen. Die Gottheit, der absolute Urgrund, offenbart sich allen Geschöpfen, jedem nach seiner Art, auf doppelte Weise, auf eine innerlich subjektive und eine äußere objektive. Vermöge der ersteren erfüllt die Gottheit die Kreatur in der Art, daß der Schöpfer in seiner ganzen Unendlichkeit im Geschöpfe gegenwärtig, demselben innerlich unmittelbar nahe und für dasselbe gleichsam nur allein vorhanden ist. Vermöge der letzteren jedoch ist die Gottheit zwar der eine allgemeine Gott für alle Geschöpfe der intellektuellen und materiellen Welt, aber er befindet sich außerhalb der Geschöpfe und teilt sich denselben auf eine äußerliche geistige Weise mit in der Art, daß die der Gottheit zunächststehende Stufe der Intellektualwelt den göttlichen Einfluß unmittelbar empfängt und mittelbar auf die unteren Stufen überträgt, die sich stufenweise ineinander abspiegeln. So gelangen die göttlichen Offenbarungen nach unten, in welche die niederen Stufen nur so viel Einsicht erlangen als ihnen die oberen mitteilen; endlich empfangen die Offenbarungen -- namentlich die unglücklicher Ereignisse -- »die Vollzieher der Strenge« (die finstern Wesen) und zeigen sie, die in baldiger Erfüllung stehen, den Menschen im Traume.[328] Deshalb ist nach kabbalistischer Lehre auch in vielen Fällen des finstern magischen Schauens und Wirkens die Beihilfe der Dämonen nötig, welche sich gern freiwillig zu den Menschen gesellen, sobald diese in ihre Sphäre energisch einzugreifen beginnen.

Die schauende Naturmagie ist sowohl auf das äußere Sinnliche, als auch auf das innere Übersinnliche gerichtet. Die äußerlich schauende Magie besteht in den Versuchen, aus den Erscheinungen und Veränderungen in den äußeren sichtbaren Dingen den verborgenen Willen ihrer unsichtbaren Lenker und damit die Zukunft zu erforschen und zerfällt in zwei Abteilungen, deren erste die Aufmerksamkeit auf die oberen himmlischen, die letzte jedoch auf die unteren irdischen Dinge richtet. Die erstere wird Monen, die letztere Nichusch genannt.

Unter Monen versteht man die gesamte Astrologie der Tagewählerei durch astrologische Elektionen. Die Tagewählerei ist verboten, ebenso das unbedingte Vertrauen auf die astrologischen Schicksalssprüche und das Einrichten des Lebens nach den Konstellationen des Himmels. Doch ist die Astrologie als Naturweisheit erlaubt, und der Jude soll die Aussprüche der Astrologen nicht verachten, sondern beherzigen; er darf sie jedoch nicht als untrüglich ansehen, weil alle natürlichen Mantien die Zukunft nur mit bedingter Gewißheit verkünden.[329]

Der Nichusch ist also die wahrsagende Deutung der Erscheinungen und Veränderungen irdischer Dinge und gründet sich darauf, daß nach kabbalistischer Lehre erstens alles beseelt ist und das Himmlische sich dem Irdischen sowohl mitteilt als auch einprägt. Das Innerste der Elemente ist geistiger Natur und von Intelligenzen belebt, welche ihren Einfluß und ihre Wirkung selbst auf die Vögel und vierfüßigen Tiere ausdehnen.[330] Zweitens gründet sich der Nichusch auf den Umstand, daß es keinen reinen Zufall giebt, sondern daß alle Dinge auf der Welt in einem inneren geistigen Zusammenhang stehen und sich aufeinander beziehen.

Der Nichusch schöpft also seine Weissagungen aus allen Reichen der Natur, aus meteorologischen Erscheinungen, aus dem Rauschen der Bäume, aus dem Verhalten des Feuers wie der Tiere, besonders der Vögel, aus den Eingeweiden der Opfertiere, den Angängen, Anzeichen usw. und umfaßt bei weitem die meisten der zum Teil noch heute üblichen niederen Wahrsagekünste.

Die innerlich schauende Naturmagie beruht darauf, daß der Mensch durch verschiedene Manipulationen und Methoden seine Sehergabe entwickelt und sich auf künstliche Weise mit der innern Naturwelt in Verbindung setzt. Auch die innerlich schauende Naturmagie zählt verschiedene Stufen, deren unterste Kosem K'samim genannt wird, auf dieser wird ein mehr oder minder klares Hellsehen durch die Kleromantie mit ihren Unterarten[331], sodann durch Hypnotismus und Mesmerismus, also durch das Blicken auf glänzende Gegenstände, Spiegel, blanke Messer und Pfeile, Wasserbecken usw. sowie endlich durch das Auflegen der Hände erzeugt.[332] -- Die Kleromantie oder Looswahrsagung beruht jedoch nicht allein auf einer bewirkten inneren Konzentration der Seele, sondern auch gleichzeitig auf der Übereinstimmung des äußeren magischen Aktes mit der inneren Ordnung der Dinge selbst, und wird daher nur insoweit von Erfolg begleitet sein, als diese Übereinstimmung vorhanden oder hergestellt ist.[333] -- Bei dem magischen Schauen bedienen sich die Magier vielfach junger Leute, welche noch keinen Umgang mit Frauen gehabt haben, unter der Voraussetzung, daß sich die Unschuld noch in ungetrübter Verbindung mit dem Wesen des Seins befindet.[334]

Die zweite höhere Stufe der schauenden Naturmagie ist das Doresch ha Methim, ein Befragen der Toten, welches jedoch nicht mit der Nekromantie zu verwechseln, sondern eher als eine Art Inspirationsmediumschaft zu betrachten ist. Der Magier sucht nämlich durch Fasten, Beten gewisser Sprüche, Verbrennung von Rauchwerk und Übernachten auf Gräbern eine Art Inkubation und den Rapport mit geistesverwandten Verstorbenen herbeizuführen.[335] -- Die dritte und geistige Stufe ist endlich die, auf welcher der Mensch sich nach mystischer Vorbereitung, Abziehung von allem Äußeren und die Anwendung heiliger Schemoth (Namen) mit den oberen »Sarim« (Naturgeistern) in Verbindung setzt, um von ihnen Offenbarungen zu erhalten; also wieder ein inspiriertes Medientum, bei welchem auch die »hohen Geister« der Spiritisten nicht fehlen.

Die wirkende Naturmagie besteht in der Kunst, auf äußerem, physischem Wege die wirksamen Beziehungen im inneren Elementarnephesch der Dinge zu erregen und so irgend welche Wirkungen und Veränderungen hervorzubringen, wobei sowohl Leben auf Leben wirkt, als auch die Willensrichtung und Willensstärke des Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Hierher gehören die magischen Heilungen, die auf Hypnose beruhende Augenverblendung, das Segnen organischer Wesen zur Beförderung ihres Wachstums und Wohlseins und endlich das Chober-Chaber genannte Besprechen resp. Bannen von Menschen und Tieren durch leise geraunte, manchmal keinen Sinn ergebende Zaubersprüche, welche nach Moses Maimonides nur zur Fixierung der Seelenkräfte dienen, nach anderen aber eine innere Kraft besitzen.[336]

Die letzte Stufe der Naturmagie ist die Verbindung mit den Elementarwesen, um mit deren Hilfe Veränderungen sowohl im Leben der allgemeinen als auch der individuellen Natur hervorzubringen. Maimonides schildert einige hierher gehörende magische Gebräuche[337], welche im wesentlichen in einer entsprechenden Lebensweise, im Tragen von aus gewissen Metallen oder Metallmischungen gefertigten Amuletten, sowie in Reinigungen, Opfern und Räucherungen bestanden.

Die schwarze Magie, der Kischuph[338], ist ebenfalls ein schauender und wirkender und wird von der Kabbala zwar als ein Werk der finstern Welt betrachtet, bei welchem sich jedoch der dazu besonders veranlagte Mensch nicht passiv verhält, sondern selbstthätig mitwirkt, weshalb der Seher auch sagt: »Mancher macht Zauberei, und es gelingt ihm, ein anderer macht es ebenso und es gelingt ihm nicht, denn zu solchen Dingen muß der Mensch geordnet sein.«[339]

Der schauende Kischuph besteht nach kabbalistischer Lehre entweder in der Beschwörung der »Satanim« oder in der eigentlichen Nekromantie. Die Satanim sind gewissermaßen als Schedim auf der tiefsten Stufe zu betrachten, als außer der irdischen Beschränkung lebende, geistig schauende, nicht an die Kategorien der Zeit und des Raumes gebundene Wesen, die insofern einen Blick in die Zukunft haben, als diese nicht von den freien Handlungen der Menschen abhängt, und hintergehen die Zauberer mit Lügen.[340]

Die Beschwörung der Satanim geschieht entweder in der Art, daß durch schamanistisches Tanzen, Toben, Drehen, Heulen, durch Selbstverstümmelung usw. ein ekstatischer Zustand hervorgerufen wird, in welchem die Satanim angeblich von den »Jidonim« genannten Zauberern Besitz ergreifen und aus ihnen heraussprechen.[341] -- Die zweite Art ist die förmliche Beschwörung mit blutigen Opfern und zur Materialisation dienende Räucherungen.[342]

Die Nekromantie geschieht nach der Kabbala durch Einwirkung auf den Habal de Garmin, des eigentlichen Elementarnephesch, welches sich von der Empfängnis an nicht wieder von dem irdischen Stoff trennt, sondern selbst in der Nähe des Grabes bleibt. Der Habal de Garmin, »durch dessen Kraft der Auferstehungsleib gebaut wird[343]«, hat die Gestalt des Körpers, schwebt über dem Grabe und kann von jenen gesehen werden, denen die Augen geöffnet sind.[344] -- Da nun nach der Kabbala der Leichnam unter die Herrschaft der finstern Welt fällt, so ist die von den »Ob« genannten Nekromanten gewünschte und für den Toten mit großer Erschütterung[345] verbundene Erregung des Habal de Garmin für die Satanim ein Leichtes. -- Eine andere Art Nekromantie besteht darin, daß der Zauberer den Schädel eines Verstorbenen[346] einräuchert und Beschwörungen spricht, worauf der Habal de Garmin zwar nicht sichtbar erscheint, aber mit vernehmlicher Stimme antwortet.[347]

Die wirkende schwarze Magie der Juden besteht der Kabbala zufolge in der Störung der Elemente und des Naturlebens mit Hilfe der Satanim, in Versuchung von Menschen und Tieren, in der Stiftung von Haß und Feindschaft (schädigende Willensmagie), in der Erzeugung von Schmerz, Krankheiten und Tod von Menschen und Vieh durch böse, namentlich mit körperlichen Excretionen geübte Sympathie. Ja, die Kabbala kennt selbst die Lykanthropie und den spezifischen Hexensabbath, wobei gewisse Salben und Öle eine große Rolle spielen.[348]

Die weiße Magie besteht in der Vergeistigung des Menschen durch ein aufrichtiges Streben nach oben, zum Göttlichen hin, wobei dieselbe in dem Maße, als er nichts egoistisch für sich selbst zu erringen strebt, sondern das Heilige nur um dessen willen sucht, aus freier, göttlicher, nur das Reine und Heilige liebender Gnade mit der Kraft des göttlichen Lebens erfüllt wird. Ist nun nach der Kabbala das Nephesch und der Ruach eines solchen Menschen dazu disponiert, so kann dessen N'schamah in Verbindung mit den Engeln und der göttlichen Welt treten und von dieser je nach ihrer Fassungskraft Offenbarungen erhalten und mit magischer Wirkungskraft ausgerüstet werden. Die unmittelbare Verbindung mit der Gottheit, wobei alles Irdische und Stoffliche vergeistigt wird, ist die letzte, höchste Daseinsstufe, die heilige Manie.

Zweite Abteilung.

Die Kabbala.

Erstes Kapitel.

Das Alter der Kabbala.[349]

Die enthusiastischen Anhänger der Kabbala lassen dieselbe durch die Engel vom Himmel herabgebracht werden, um dem ersten Menschen nach seinem Fall die Mittel zu bezeichnen, wie er seinen ursprünglichen Adel und seine ursprüngliche Glückseligkeit wieder erlangen könne. Andere sind der Meinung, daß der Gesetzgeber der Hebräer, nachdem er sie während seines vierzigtägigen Aufenthaltes auf dem Sinai von Gott selbst empfangen habe, sie den siebenzig Ältesten, mit denen er die Gaben des heiligen Geistes teilte, mitgeteilt habe, und daß sie sich mündlich bis zu der Zeit fortgepflanzt habe, in welcher Esra sie und das Gesetz niederschreiben ließ. Mag man aber mit der skrupulösesten Aufmerksamkeit die Bücher des alten Testamentes durchsehen, so wird man nirgends auf die Spuren einer Geheimlehre oder auf eine tiefere und reinere esoterische Lehre stoßen, welche nur einer kleinen Zahl Auserlesener vorbehalten sei. Das hebräische Volk kannte von seinem Ursprung bis zur Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft -- wie alle anderen Nationen in ihrer Jugend -- keine anderen Organe der Wahrheit und keine anderen Diener der Gottheit als die Propheten, Priester und Dichter, von denen die beiden letzteren -- ungeachtet einer gewissen trennenden Verschiedenheit -- in dem ersteren aufgehen; der Priester lehrte nicht, sondern wandte sich nur mittelst des Pompes der religiösen Ceremonien an das Auge, und was die die Religion in Form einer Wissenschaft, welche der Sprache der Inspiration den dogmatischen Ton substituiert, lehrenden Theologen anlangt, so wissen wir nur, daß sie -- ohne Sonderbezeichnung -- in jener Periode überhaupt existierten. In bestimmten Umrissen treten sie erst zu Anfang des dritten Jahrhunderts der christlichen Ära unter der Allgemeinbezeichnung »Thannaïm« auf, welches Wort »Organe der Tradition« bezeichnet, kraft deren man alles lehrte, was nicht klar in der heiligen Schrift zum Ausdruck gelangte. Die Thannaïm, die ältesten und geachtetsten der jüdischen Gelehrten, bilden eine lange Kette, deren letztes Glied der heilige Judas, der Verfasser der Mischna ist, in welchem Werk er der Nachwelt alle Aussprüche seiner Vorgänger sammelte und überlieferte. Man zählt zu ihnen die angeblichen Verfasser der ältesten kabbalistischen Bücher, nämlich Joseph ben Akiba und Simon ben Jochai samt ihren Söhnen und Freunden. Unmittelbar nach dem in das Ende des zweiten Jahrhunderts n. Christi fallenden Tod des Judas beginnt eine neue Gelehrtengeneration, welche den Namen Amoraim führt, weil sie für sich selbst keine Autorität beanspruchen, sondern nur in erklärender Weise die Aussprüche ihrer Vorgänger wiederholen; auch sammelten sie alle noch nicht redigierten Sentenzen derselben. Während der nächsten drei Jahrhunderte hörten diese Kommentare und neuen Traditionen nicht auf, sich in einer wahrhaft wunderbaren Weise zu vermehren und wurden endlich unter dem Namen der Gemara d. h. »Tradition« gesammelt. In diesen beiden Sammlungen, welche von ihrer Zusammenstellung bis auf unsere Zeit heilig aufbewahrt und unter dem Namen »Talmud« (Studium, Wissenschaft) vereinigt wurden, müssen wir zweifelsohne die Ideen suchen, welche die Basis des kabbalistischen Systems bilden und Gelegenheit zur Entstehung der Kabbala gaben.

Man findet in der Mischna[350] folgende merkwürdige Stelle.

»Es ist verboten, zwei Personen die Genesis zu erklären, nur einer einzigen darf man die Merkaba oder den himmlischen Wagen lehren, und diese sei ein weiser Mann, der ein gutes Verständniß besitze.«

Der Talmud überliefert (+Hagiga 13a+) eine Bereita, welche nicht in die Mischna des Rabbi Judas aufgenommen wurde, in welcher Rabbi Hiya hinzusetzt: »Aber man kann ihm die ersten Worte der Kapitel erklären.«

Ein Talmudist, Rabbi Zera (+a. a. O.+) zeigt sich noch strenger, denn er sagt, daß selbst der Hauptinhalt der Kapitel nur Menschen von hoher Würde und außerordentlicher Klugheit mitgeteilt werden dürfe, oder, um die Worte des Originals zu gebrauchen: »welche in sich ein Herz voll Unruhe tragen.«

Augenscheinlich ist hier weder vom Text der Genesis noch von der Vision des Hesekiel, welche derselbe an den Ufern des Flusses Khebar hatte, allein die Rede. Die ganze Schrift war, so zu sagen, in aller Mund, und seit undenklichen Zeiten machten es auch die skrupulösesten Beobachter der Traditionen zur Pflicht, daß sie jährlich mindestens einmal in den Synagogen ganz gelesen werde. Moses selbst hört nicht auf, das Studium des Gesetzes zu empfehlen, unter welchem man allgemein den Pentateuch verstand, und Esra las dasselbe nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft mit lauter Stimme dem versammelten Volke vor. Es ist in der That unmöglich, daß die von uns citierten Worte ein Verbot der Erklärung oder des Suchens eines Verständnisses der Erzählungen der Genesis oder der Vision des Hesekiel enthielten; es handelt sich vielmehr um eine bekannte Auslegung oder Lehre, welche jedoch mit einem gewissen geheimnisvollen Schleier umgeben ist. Es handelt sich um ein Wissen, welches sowohl in seiner Form, als in seinen Prinzipien feststeht, kennt man doch seine Einteilung in verschiedene Kapitel mit ihrem Inhalt. Es ist zu bemerken, daß die Vision des Hesekiel nichts Ähnliches enthält; sie erstreckt sich nicht über mehrere Kapitel, sondern nur über ein einziges und zwar das erste des diesem Propheten zugeschriebenen Buches. Wir sehen weiter, daß diese Geheimlehre zwei Theile enthält, welchen man jedoch nicht gleiche Wichtigkeit beilegte, denn der eine Teil durfte zwei Personen gelehrt werden, der andere jedoch nur einer einzigen, welcher die schwersten Bedingungen auferlegt wurden. Wenn wir Maimonides Glauben schenken dürfen, der, obgleich nicht eingeweiht in die Kabbala, weit entfernt ist, deren Existenz zu leugnen, so enthielt die erste Hälfte unter dem Titel: »Geschichte der Genesis oder der Schöpfung« ($Ma'aseh bereshit$) die Wissenschaft der Natur, während der zweite, »die Geschichte des Wagens« ($Ma'aseh merkaba$) genannte, eine geheime Theologie lehrte. Diese Anschauung wird von allen Kabbalisten angenommen.

Ich führe hier eine weitere Stelle an, aus welcher dasselbe auf eine nicht weniger evidente Weise hervorgeht:

»Rabbi Jochanan sagte eines Tages zu Rabbi Eliezer: Siehe, ich will dir die Geschichte der Merkaba lehren. Darauf antwortete dieser: Ich bin noch nicht alt genug dazu. Als er das Alter erreicht hatte, starb Rabbi Jochanan, und einige Zeit später sagte Rabbi Assi ebenfalls zu ihm: Siehe, ich will dir die Geschichte der Merkaba lehren. Da antwortete Eliezer: Wenn ich mich dazu würdig gehalten hätte, so würde ich sie von Rabbi Jochanan, deinem Lehrer, gelernt haben.«[351]

Man sieht aus diesen Worten, daß, um in die mysteriöse und heilige Lehre der Merkaba eingeweiht zu werden, weder Intelligenz, noch eine hervorragende Stellung genügte, sondern daß auch dazu ein gewisses fortgeschrittenes Alter nötig war, und selbst wenn man diese auch von den modernen Kabbalisten verlangte Bedingung erfüllte[352], so hielt man sich weder hinsichtlich seiner Intelligenz noch seiner moralischen Kraft für sicher genug, um die Last dieser gefürchteten Geheimnisse auf sich zu nehmen, welche durchaus nicht ohne Gefahr für den positiven Glauben und für die äußere Beobachtung der religiösen Vorschriften waren. Es möge hier ein merkwürdiges im Talmud erzähltes Beispiel folgen, welches uns in allegorischer Sprache folgende Erläuterung giebt:

»Nachdem unser Meister uns belehrt hat, gingen vier in den Garten der Wonne ein, nämlich Ben Azaï, Ben Zoma, Acher und Rabbi Akiba. Ben Azaï warf einen neugierigen Blick hinein und starb. Man kann auf ihn den Spruch der Schrift anwenden: Der Tod seiner Heiligen ist werth gehalten vor dem Herrn.[353] Ben Zoma blickte ebenfalls hinein und verlor die Vernunft, und sein Schicksal wird durch den Ausspruch des weisen Salomo gekennzeichnet: Findest du Honig, so iß seiner genug, daß du nicht zu satt werdest und speiest ihn aus.[354] Acher aber richtete Verwirrung unter den Pflanzen an. Nur Akiba ging davon in Frieden.«[355]