Der Occultismus des Altertums

Part 27

Chapter 273,379 wordsPublic domain

Der dritte Grundteil, in der Kabbala +Nephesch+, bei Paracelsus »der siderische Mensch«, »Astralleib« oder +Evestrum+ wird durch die Hieroglyphe +ka+ bezeichnet, welche zwei nach oben ausgebreitete Arme darstellt. Über den +ka+ ist von den Ägyptiologen vielfach geschrieben und gestritten worden. Le Page Renouf und Maspero haben die Bedeutung als Reflex des Menschen nach dem Tode, +le double de l'homme+, erklärt. Pierret widerspricht dem und findet in +ka+ gerade im Gegenteil die körperliche Substanz, die materielle Person, die Individualität des Leibes. Zieht man die esoterische und kabbalistische Bezeichnung zu Rate, so findet man, daß beide Deutungen nicht unrichtig, aber auch nicht vollständig sind. +Ka+ ist die Persönlichkeit des körperlichen Menschen und zugleich ein Doppelgänger stofflicherer Art, als der geistige Doppelgänger, welchen wir im sechsten Grundteil, dem +cheybi+, kennen lernen. +Ka+ ist auch die körperliche Erscheinung des Verstorbenen im Hades, dem Zwischenreich; er entspricht somit vollständig dem obersten Gliede im +Zelem+ des +Nephesch+.

Der Gebrauch der Ägypter, die Leiche auf das sorgfältigste vor Verwesung zu schützen, um dadurch dem Verstorbenen, wie es heißt, die Möglichkeit der astralen Erscheinung zu sichern, setzt voraus, daß in dem mumifizierten Körper etwas Immaterielles als zurückbleibend gedacht wurde, das, mit den höheren Grundteilen in Verbindung tretend, die Erscheinung bewirkt. Es muß angenommen werden, daß den Ägyptern ein ähnliches wie der +Habal de garmin+ der Kabbala, der sich in die Knochen versenkende +Zelem+ des +Nephesch+, bekannt war. In der That finden wir im 154. Kapitel des Totenbuches die, wenn auch mystisch dunkel gehaltene Bestätigung dessen. Die Vignette, welche dieses Kapitel ziert, stellt den Sonnendiskus dar, der von dem baldachinartigen Himmelsgewölbe auf die Mumie herabsteigt, und von dem es im Texte heißt, daß er sich »in den Leib versenkt«. Einige Zeilen weiter heißt es: »(Dieses ist) das Geheimniß von demjenigen Leben, welches das Ergebnis der Zerstörung des Lebens ist.« Dieses Leben also, das Resultat des durch den Tod vernichteten +anch+, kann daher wohl für übereinstimmend mit dem +Habal de garmin+ angesehen werden.

Der vierte Grundteil ist der Wille, das Gemüt, in der Kabbala +Ruach+, bei Paracelsus »der tierische Geist«. Die Hieroglyphe dafür stellt das Herz dar, mit der Lautung +hati+ und +ab+. Als der Sitz des Gemütes, des Ethischen im Menschen, sahen wir bereits das Herz auf der Wage im Totengericht; und es wurde dadurch darauf hingewiesen, daß nicht die Seele, sondern das Herz, dessen Ausflüsse die guten und bösen Thaten, die Werke der Barmherzigkeit und die Gebete sind, bei der Wägung in Betracht kommen. Auch als Wille oder tierische Seele finden wir +hati+ im Totenbuch aufgefaßt. Im 26. Kapitel wird dem Verstorbenen sein Herz zurückgegeben, wodurch er die Herrschaft über seine Glieder zurück erhält, und zwar geschieht dies, wie es dort heißt, »zum Besten seines +ka+«, seines Astralleibes. Dieses »zum Besten seines +ka+« ist insofern wichtig, als daraus zur Evidenz hervorgeht, daß der +ka+, der Astralleib, als die körperliche Form des Verstorbenen in der Unterwelt gedacht wurde.

Der fünfte Grundteil ist die Seele, +Neschamah+, bei Paracelsus die »verständige Seele«, die Trägerin der Vernunft, des Verstandes und Gedächtnisses, hieroglyphisch dargestellt durch den Sperber mit Menschenkopf, +bai+ oder +ba+. Horapollo lehrt, daß die Psyche, die Seele, ägyptisch +bai+ heißt. Da nun aber das griechische Wort %psychê% verschiedene Bedeutung hatte, so: Verstand (+ratio+), Gemüt (+mens+) und Leidenschaft (+appetitus+), dann Lebenskraft (+spiritus vitalis+), wir aber die letzteren bereits in +hati+, +ab+ und +anch+ kennen gelernt haben, da ferner +ba+ im Totenbuche nie im Sinne von Gemüt, Leidenschaft oder Lebenskraft gebraucht wird, so bleibt uns für +bai+ nur die Bedeutung Verstand (+ratio+) übrig, in welchem Sinne es auch vortrefflich mit zu dem +Neschamah+ der Kabbala paßt.

Die Seele ist das oberste Glied unter den dreien, die den +Zelem+ des +Ruach+ ausmachen, und zugleich das unterste Glied im +Zelem+ der +Neschamah+. Mit dem fünften Grundteil, Seele, schließt die Reihe der Bezeichnungen für die bewußte Person des Menschensubjektes und es beginnt die unbewußte, die transscendentale Person.

Der sechste Grundteil, in der Kabbala +chaijah+, bei Paracelsus »Geistesseele«, ist hieroglyphisch +cheybi+, der Schatten, geschrieben durch ein Zeichen, welches den Schattenspender, den Sonnenschirm darstellt (ungefähr in der Form von einem Palmblattfächer). Es entspricht den %skiai% und +umbrae+ der klassischen Autoren und ist die Erscheinung der Verstorbenen, die von den Lebenden gesehen aber nicht angefühlt werden kann. Der +cheybi+ wandelt täglich auf Erden umher, sieht seine Angehörigen und freut sich über die an das Grab gebrachten Opfergaben. Häufig kommt die Dualform +cheybti+ vor, mit der Bedeutung, der zweite Schatten, jedenfalls bezieht sich dies auf eine Unterscheidung von dem Astralleib +ka+, der ja als Doppelgänger auch eine Art von Schatten ist.

Merkwürdig dürfte es sein, daß sehr häufig in den bildlichen Darstellungen der +cheybi+ umgedreht, also das unterste zu oberst dargestellt wird. Ein Fries aus Karnak zeigt Köpfe mit dem Zeichen +cheybi+ bekrönt abwechselnd mit der Geißel, dem heute noch in Ägypten vielgebrauchten Kurbatsch.

Der siebente Grundteil endlich ist der Geist, in den verwandten Lehren +jeschida+ und »der göttliche Gedanke« der deutschen Mystik, oder bei Paracelsus »der Mensch des neuen Olymps«, ägyptisch geschrieben durch die Hieroglyphe +chu+, deren Bedeutung: »Der Leuchtende, Strahlende« ist. Es ist der »Geist« im höchsten Sinne des Begriffs. Mit +cheybi+ und +bai+ vereint bildet er die Wesenheit des verstorbenen Gerechten oder Verdammten (für welche beide der Ausdruck +chu+ gebraucht wird, bei letzteren jedoch mit dem Zusatz +moti+, der zweifach Tote). Diese Wesenheit ist der gute oder böse Dämon, von dem bereits oben die Rede war. Identisch mit diesen drei obersten Grundteilen erscheinen mir auch die %daimones%, %êrôes% und %psychai archontoi% in dem Jamblichus zugeschriebenen +de mysteriis liber+ zu sein.

Eine Bestätigung für die richtige Aufeinanderfolge der einzelnen Prinzipien in der Zusammenstellung, in der ich dieselbe gegeben, findet sich im 92. Kapitel des Totenbuches, woselbst die Bezeichnungen für die geistig-seelischen Grundteile in einer unzweifelhaft absichtlichen Reihenfolge angeführt sind, und zwar immer vom unteren Prinzip ausgehend, zum oberen fortschreitend. So heißt es: »Nicht werde meine Seele gefangen, nicht werde mein Schatten aufgehalten, damit ich den Weg bahne meinem +ba+, meinem +cheybi+ und meinem +chu+«. Dieses also sind die drei obersten Grundteile. Ferner erwähne ich die Stelle: »Der Weg der Bösen sei abgelenkt von meinem +ka+, meinem +ba+ und meinem +chu+.« Hier sind also der 3., 5. und 7. Grundteil zusammengestellt, je das oberste Glied aus der körperlichen, der bewußt-geistigen und transscendental-geistigen Triade, außerdem findet sich ein schlagender Beweis für die Richtigkeit meiner Aufstellung im Grabe des Nebunef in Theben. Der Verstorbene ist dargestellt in: Anbetung der vier Totengenien Amasath, Hapi, Tiaumutef und Kebsonuf, welche vier stets in dieser typischen Reihenfolge auftreten. Amasath überreicht dem Verstorbenen seinen +ka+, Hapi sein +ab+, Tiaumutef seinen +ba+ und Kebsonuf seinen +cheybi+.

Es wird nach dem bisher Gesagten als höchst wahrscheinlich gelten müssen, daß sich wesentliche Teile der ägyptischen Seelenlehre mehr oder weniger unmittelbar über die späteren Kulturvölker verbreiteten. Daß Griechenland seine Kunst und Wissenschaft, auch zum Teil seine Gesetze, Staatsverfassungen und Religionsgebräuche aus Ägypten bezogen, wird von den griechischen Schriftstellern selbst zur Genüge bezeugt. Schon Orpheus soll ein Schüler ägyptischer Priester gewesen sein, und die durch ihn gestifteten eleusinischen Geheimnisse erinnern an ägyptische Mysterien. Thales von Milet, der den Joniern eine Sonnenfinsternis genau voraussagte, was er wohl aus eigenem Studium nicht vermocht hätte, hatte Ägypten besucht. Pythagoras war mit den größten Anstrengungen in die esoterischen Lehren eingedrungen, indem er selbst ägyptischer Priester wurde. Er verdankte wohl den besten Teil seines Wissens dem Unterricht in den Tempeln. Nebenbei will ich seine Kenntnis der Tetragramme oder magischen Quadrate erwähnen, deren sich auch die Kabbalisten bedienen. Solon, welchem die Hierogrammaten mitteilten, daß der Weltteil Atlantis vor 9000 Jahren vom Meere verschlungen worden sei, dasselbe verschollene Land, das auch in verschiedenen neueren Werken wieder ein Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden ist, Solon und ebenso Lykurg gaben Gesetze nach ägyptischen Vorbildern. Auch Platos ist nicht zu vergessen, der mit Weisheit und Philosophie dieses Landes durch seine Reisen dahin wohl vertraut wurde.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums ward Ägypten, und speziell Alexandria, noch einmal der Glanzpunkt in der Geschichte der Gelehrsamkeit mit dem Aufblühen des Neuplatonismus und des Gnostizismus; und daß auch die deutschen Mystiker zur Zeit des Wendepunktes unserer Kulturentwickelung durch diese Vermittelung aus der alten Quelle ägyptischer Weisheit schöpften, wird ebenfalls nicht bezweifelt werden können. Ganz besonders hatte Paracelsus vermutlich eine Gelegenheit, unmittelbare Unterweisung in diesen esoterischen Lehren während seiner Orientreise zu genießen. Seitdem nun aber die Sprachforschung der letzten hundert Jahre uns mehr und mehr auch die Schätze altindischer Weisheit erschlossen hat, finden wir selbst in dieser einige charakteristische Züge, welche eine Verwandtschaft mit der ägyptischen Seelenlehre nicht wohl verkennen lassen; so die Anschauung einer Aufwärtsentwickelung der Lebewesen von den niedrigsten Gestaltungen durch unzählige Verkörperungen bis zum Menschen und zum Gotte, ferner die daran anknüpfende Lehre der Seelenwanderung und nicht minder die Einteilung des menschlichen Wesens in verschiedene Grundteile, deren Zahl allerdings je nach den verschiedenen Zeiten und Anschauungen verändert gerechnet wurde.

Ob nun vielleicht auch die Indier aus der ägyptischen Quelle esoterische Weisheit geschöpft haben und wann? Ob in frühester Zeit oder etwa erst um 1300 v. Chr., wo die Handelsverbindung beider Länder ihren Anfang genommen haben dürfte: darüber läßt sich Bestimmtes nicht sagen. Soviel dürfte gewiß sein, daß die brahmanischen Weisen einen großen Teil der ägyptischen Priesterweisheit bis zum heutigen Tage besitzen, wo es denjenigen Forschern des Westens, welche nach denselben begehren, allmählich mehr gelingt, in deren Wesen einzudringen. Freilich aber standen wohl nicht ohne Grund auf dem Standbild der Göttin Neith zu Sais, welche die Hüterin der Geheimnisse war, die Worte geschrieben:

»Keiner lüftet jemals meinen Schleier«.

Fünftes Buch.

Der Occultismus der Hebräer.

Erstes Kapitel.

Die schwarze Magie der Hebräer.[304]

Nach der Kabbala steht alles Existierende im großen wie im kleinen, im einzelnen wie im ganzen, in einer magischen Verbindung. Überall ist das Äußere der Ausdruck des Innern und das Untere die Ausprägung des Höheren, und in derselben Weise, wie das Höhere und Innere nach unten und außen wirkt, so wirkt umgekehrt das Untere und Äußere nach oben und innen magisch zurück. Diese Sympathie bildet das innere Prinzip alles Geschaffenen.

Der Welt des Lichtes steht eine Welt der Finsternis gegenüber, während der Mensch seinen Platz in der Mitte behauptet und als der unterste Ausläufer der Welten sowohl des Lichtes als auch der Finsternis gelten kann. Der Rapport zwischen dem Unteren und dem Höheren wird durch den Kultus, durch die mit rituellen Handlungen verknüpfte Assimilation hergestellt, indem das Untere, welches nur durch sein Oberes existiert, sich demselben gleichförmig zu machen und mit ihm eins zu werden bestrebt ist. Gleichzeitig sucht es von ihm immer mehr Kräfte an sich zu ziehen, um in seinem Geiste zu leben und zu wirken. Es ist also die Möglichkeit der Existenz einer heiligen und einer finstern Magie gegeben.

Es wird aber auch ein Rapport des Innern mit dem Äußern, des Menschen mit der Natur, d. h. eine Naturmagie möglich sein. Bei derselben wird die Beobachtung eines fest bestimmten naturgesetzmäßigen Verhaltens gefordert, um sich mit den Kräften und Individualitäten der Natur in Verbindung zu setzen, sowie sich denn auch der Mensch hier durch Anwendung von künstlichen Mitteln auf naturnotwendigem Wege in einen ekstatischen Zustand versetzen muß.

Diese Naturmagie ist an sich weder unrichtig noch böse, kann aber leicht in beide Eigenschaften umschlagen und ist dem Irrtum und Trug leicht ausgesetzt. Nach kabbalistischer Lehre bilden nämlich alle Wesenheiten des Universums eine organisch gegliederte, auf das Innigste verbundene Kette, in welcher die obern Glieder auf die untern, und diese wieder auf jene wirken. Der Mensch aber kann durch die Naturmagie nur mit den untern und äußern Wesen dieser Kette (Merkabah), den Elementarwesen und Astralgeistern, in Verbindung treten, nie aber mit den höheren Intelligenzen, welche sich ihm auf äußerliche Weise durch die unteren getrübten Naturkräfte mitteilen. Die Mitteilungen, welche diese Wesen den Menschen zukommen lassen, sind je nach ihrem höheren oder tieferen Ursprung von sehr verschiedenem Wert, nur bedingungsweise richtige und nichtsweniger als unverbrüchliche Wahrheiten. Selbst die höheren Wesen dieser Klasse haben nur Einsicht in die natürlichen Verhältnisse der Dinge und das Schicksal der Menschen, insofern dasselbe durch ihre früheren Handlungen bedingt ist, während sich das aus den künftigen Thaten Entspringende ihrer Kenntnis entzieht. Die Mitteilungen der untern Wesen dieser Klasse aber sind noch unzuverlässiger, indem ihr Wissen mit jeder tieferen Stufe dunkler und unbestimmter wird, und die am tiefsten stehenden, an die dämonische Region grenzenden Naturgeister und Elementarwesen (Schedim) den Menschen oft geflissentlich belügen. -- Die Kabbala kennt also bereits die bedingte Richtigkeit der von ihr dem sogen. Elementarwesen zugeschriebenen mediumistischen Mitteilungen, und konstruiert eine an Kardek erinnernde Geisterleiter, in welcher selbst die hier allerdings außermenschliche Züge tragenden +esprits menteurs+ unverkennbar geschildert sind.

Aber auch zum Bösen kann die Naturmagie führen, weil der Mensch große Gefahr läuft, unter den Einfluß niederer Wesen zu gelangen, die ihn immer tiefer in das Dunkel der Natur führen, ihn moralisch und intellektuell verkommen lassen und alle »Schrecken des Mediumismus« über ihn heraufbeschwören.

Es dürfte umsomehr am Platze sein, hier eine kurze Übersicht über das zu geben, was die Kabbala von den Elementarwesen lehrt, als sich diese Lehren bei den Neuplatonikern, bei Psellus, den mittelalterlichen Magiern, Paracelsus, van Helmont und überhaupt in der ganzen Mystik wiederholen; und von der Kabbala wird die Naturmagie im wesentlichen als von den Elementarwesen abhängig gedacht, weshalb sie dieselbe auch Maase Schedim, das Werk der Elementarwesen, nennt.

Die Kabbala geht von dem Prinzip aus, daß nichts in der Welt ohne geistiges Leben sei und daß, wie sich Paracelsus völlig im Geiste der jüdischen Geheimlehre ausdrückt, »nichts geschaffen ist, das ohne ein Mysterium (bei P. geistiges Leben überhaupt) ist[305]«. Demgemäß läßt sie die Elemente durch Wesen belebt sein, welche sie die Hefen oder Reste des untersten Geistigen nennt und klassifiziert dieselben in Elementarwesen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde, welche als Salamander, Sylphen, Undinen und Pygmäen sich durch die ganze Geschichte der Magie ziehen. -- Die ersteren sind nach Loria[306] zum Guten weise und unsichtbar, sie haben etwas von der menschlichen Seele an sich, kennen die Geheimnisse der Natur und helfen den Menschen gern. -- Die zweite Klasse ähnelt der ersten, nur steht sie auf einer etwas niedrigeren Stufe. -- Die dritte Klasse steht noch tiefer und besitzt nach Loria[307] einen pflanzlichen Nephesch (Astralleib), während die vierte Klasse am tiefsten steht und mit einem mineralischen Nephesch bekleidet ist. -- Diese beiden letzten Klassen können mit unsern Sinnen leichter wahrgenommen werden, und im ganzen unterscheiden sich die Elementarwesen hauptsächlich nur dadurch von den Menschen, daß ihnen sowohl die höheren geistigen Grundteile als auch der Elementarleib abgehen und sie nur aus einem Ruach und Nephesch bestehen. Darum sind auch diese Elementarwesen der Nahrung bedürftig, welche sie aus den feinsten Teilen der Speisen, aus den Dämpfen der Opfer und Räucherungen ziehen; darum pflanzen sie sich fort und sind der Auflösung unterworfen.[308]

Die letzten beiden Klassen sind meist bösartige Koboldnaturen, die den Menschen necken, verspotten[309] und ihm gerne Schaden zufügen; doch giebt es unter ihnen auch friedlichere Wesen, welche es mit dem Menschen gut meinen und allerlei häusliche Dienste verrichten.[310] -- Die Kabbala unterscheidet die Elementarwesen ferner nach ihrem Aufenthaltsort, ob sie nämlich unter Menschen, in Einöden, an unflätigen Orten usw. wohnen, ein Gedanke, welchem wir bei den +Sylvestres+, +Vulcanales+ usw. des Paracelsus wieder begegnen.

Die oben genannten beiden Koboldklassen bilden nach kabbalistischer Lehre den Übergang aus dem Reiche des Sichtbaren in das Unsichtbare und sind, weil dem Menschen leiblich am nächsten stehend, demselben besonders gefährlich. Sie sind mit mancherlei ungewöhnlichen Kräften und Einsichten in das verborgene Reich der unteren Natur ausgerüstet und entbehren auch nicht einzelner Blicke in die Zukunft und die höhere geistige Naturwelt, weshalb ein Kultus derselben[311] von seiten der jüdischen Zauberer nahe lag, der zum Reiche des Bösen hinabführt. -- Ganz besonders sind es widernatürliche sexuelle Verbindungen, Claim, welche diese S'hirim anziehen, weshalb manche Zauberer -- Bileam[312] gilt hier %kat' exochin% als Beispiel -- solche Claim geflissentlich aufsuchen, denn »das Wesen der Zauberei besteht in der Verbindung von Dingen, welche voneinander verschieden sind, und wenn man solche Dinge hierunten verbindet, dann vermischen und verbinden sich ihre oberen Kräfte miteinander und bringen eine wunderbare fremdartige Wirkung hervor. Das Verbot der Claim geht auch dahin usw. Der Mensch muß die Welt lassen nach dem einfachen natürlichen Gange, das ist der Wille Gottes[313]«. -- Ich habe wohl kaum nötig, hierzu auf gewisse Vorgänge im modernen Mediumismus hinzuweisen.

Durch diese Claim werden nämlich nach kabbalistischer Lehre unvollkommene Nephesch erzeugt, welche den unreinen Klippoth zur Hilfe dienen und eine Art dämonischer Schemen bilden. -- Der gleiche Gedanke wird von Paracelsus und Jung-Stilling wiederholt.[314] -- Doch nicht allein durch die Claim werden magische Geburten erzeugt: ein jeder Gedanke, jedes Wort und jede That besitzt eine bleibende und lebende magische Existenz, welche das Reich der Finsternis oder des Lichts auf reale Weise vermehrt.[315] Deshalb wurde auch beim Tode frommer Israeliten ein Exorcismus über die aus ihren Sünden erzeugten Wesen gesprochen, damit diese dem Leichnam nicht nahen und ihn nicht zu Grabe geleiten sollten.[316]

Die mit Hilfe der Elementarwesen ausgeführte Magie heißt -- wie erwähnt -- Maase Schedim, das Werk der Schedim, und ist nicht so strafbar als das Maase Kischuph, die schwarze Magie, weil die Schedim -- entgegengesetzt den wirklichen Dämonen -- die Menschen nicht in völliges Verderben ziehen. -- Interessant ist die Ansicht verschiedener Talmudisten, daß die Schedim zwar nicht die Wesenheit der Dinge verändern, wohl aber die Dinge sammeln und von Ort zu Ort bewegen können.[317] -- Die Bringungen, Bewegungsphänomene usw. werden also den Elementarwesen zugeschrieben.

Die eigentliche Naturmagie ist zum großen Teil von der geistigen Stärke und dem Willen abhängig, und die Kabbala lehrt ausdrücklich, daß bei allen Menschen Sehergabe und magische Kraft -- wenn auch in verschiedenen Graden -- vorhanden ist. Zu allem magischen Wirken wird nach der Kabbala[318] von seiten des Menschen eine feste und starke Kwanah (Willensrichtung, Intention) erfordert, um den höheren geistigen Einfluß an sich zu ziehen und zu seinen Zwecken verwerten zu können, was nur durch Willenskraft möglich ist.

Der Wille des Menschen muß ausschließlich auf seinen Gegenstand gerichtet sein und mit ihm übereinstimmen, indem nur das Verwandte einander anziehen kann.[319] Ferner gehört zu allem magischen Wirken eine starke, lebhafte und klare Vorstellungskraft (Koach ha Dimian), damit die Impressionen aus der geistigen Welt sich tief und lebendig in die Seele eingraben und dort festgehalten werden. Dieselben Bedingungen gehören auch zum richtigen magischen Schauen. Es muß nämlich der Zustand des Geistes, der Seele und des Leibes des Sehers in einer inneren harmonischen Übereinstimmung mit dem innerlich anzuschauenden geistigen Objekt stehen, denn bloß Ähnliches vermag das Ähnliche wahrzunehmen. Deshalb darf die Seele nicht durch weltliche Dinge, Leidenschaften usw. getrübt, sondern muß ganz auf ihr inneres Objekt gerichtet sein. Endlich aber muß die Imagination klar, stark und lebhaft sein, damit nach kabbalistischer Lehre die Einzeichnung aus der geistigen Welt (Reschima) sich tief und fest einprägt und nicht verwischt oder durch fremde Vorstellungen entstellt wird. Darum lieben auch die Zauberer die Einsamkeit und suchen sich bei ihren Beschwörungen durch allerlei künstliche Mittel von der Außenwelt abzuziehen und so ihre Imagination zu steigern.

Weil nun zu allem magischen Schauen und Wirken außer der natürlichen Kraft und Stärke des Geistes und der Seele noch ganz besonders notwendig ist, daß die ganze Neigung und Willensintention eine bestimmte feste Richtung hat, und der Mensch sich in völliger Übereinstimmung mit dem Gegenstand seiner Wünsche befindet, so wird in der schwarzen Magie nur derjenige erfolgreich wirken, welcher mit einer hohen geistigen Stärke eine eben so große Verkehrtheit des Willens verbindet. Deshalb sagt auch der Sohar: Der Mensch muß für dergleichen Dinge geordnet sein. Bileam war dazu geordnet, denn er hatte einen Fehler im Auge[320], worunter jedoch nicht bloß ein körperlicher, sondern vielmehr ein moralischer Fehler zu verstehen ist, weil Bileam in der Kabbala als das Prototyp der Wollust, des Stolzes und des Neides gilt. -- Überhaupt ist nach dem Sohar die äußere Physiognomie der objektive Ausdruck der Beschaffenheit der Seele[321], welche demnach als organisierendes Prinzip gedacht wird. In dieser Beziehung behauptet dann auch die Kabbala folgerecht, daß jeder Schwarzkünstler etwas Verzerrtes oder Gebrechliches an sich habe.[322]

Der Virtuosität der weißen Magie im Guten entspricht die Virtuosität der Schwarzkunst im Bösen, welche beide besondere Stärke der Seele und des Geistes voraussetzen, weshalb auch die Kabbala -- in Hinsicht der Stärke -- Bileam dem Moses gleichstellt.[323] Zauberer wie Bileam sind die Priester und Heroen im Reiche der Tumah, und es hat solche überall und zu allen Zeiten gegeben. Die Kabbala rechnet zu ihnen die Nephilim der Tradition und die großen Magier der mosaischen Zeit wie Jamnes und Jambres[324] und Balak.[325]