Part 26
Die Berichte, welche das erste Buch Mosis über die Schöpfung der Welt und die älteste Geschichte des Menschengeschlechtes liefert, sind nicht ausschließlich Eigentum der Juden, sondern finden sich bei fast allen Kulturvölkern semitischer und hamitischer Abstammung bereits in uralter Zeit, so bei den Babyloniern, Phöniziern und Ägyptern. Es werden in unsern Tagen an den Ufern des Euphrats ganze Bibliotheken von beschriebenen Thontafeln zu Tage befördert, welche von der Schöpfungsgeschichte, dem Paradiesgarten mit dem Lebensbaume und der Schlange, der Sintflutsage Nachricht geben, und zwar mit einer Übereinstimmung in der Detaillierung, daß ein notwendiger Zusammenhang mit den biblischen Erzählungen unmöglich geleugnet werden kann. In Ägypten sind es weniger zahlreiche und deutliche Überreste, doch darf auch für das alte Pharaonenland die Kenntnis der Flutsage, des Gartens Eden und des Babelturmes als erwiesen betrachtet werden.
Diese merkwürdigen Übereinstimmungen weisen auf die gemeinsame asiatische Urheimat dieser Völker hin und auf die Verwandtschaft aller Nachkommen der Söhne Noahs, Sem, Cham und Japhet, die sich über die benachbarten Länder verbreiten mußten, weil die Heimat die allzu zahlreich Gewordenen nicht mehr zu fassen vermochte. Nach Genesis X, 6 sind die Söhne Chams: Kusch, Mizraim, Put und Kanaan. Diese wanderten nach Westen und wir dürfen für die Nachkommen des Put und Kanaan die Bewohner des Landes Punt und Keft ansehen, die Araber und Phönizier, während Kusch am weitesten nach Süden gelangt und der Stammvater der Äthiopier wurde, und Mizraim sich in Ägypten niederließ.
Die ältesten Abkömmlinge des Mizraim erkennen wir in Ägypten in den prähistorischen Hor-schasu, den Horusdienern, den Gründern der ältesten Stadt des Landes Anu (On der Bibel, Heliopolis der Klassiker), mit theokratischer Regierung, deren letzter Herrscher, Bytes, bis auf 4245 v. Chr. zurückreicht. Die Kultur dieser Hor-schasu muß schon in unvordenklichen Zeiten eine hochentwickelte gewesen sein; in den ältesten Schriften wird auf ihre Epoche als auf ein goldenes Zeitalter hingewiesen und ihr eine Dauer von Myriaden von Jahren zugesprochen, während eine Dauer von 4000 Jahren eine mäßige Schätzung der heutigen Gelehrten ist. Ihnen ist die Gaueinteilung des Landes, Einführung der Gesetze, Erfindung der Künste und Wissenschaften, des Papiers und der Schrift zuzuschreiben. Nach der Hor-schasu beginnt (etwa 4000 v. Chr.) die historische Zeit mit der Regierung von Königen, und wir finden schon unter der ersten Dynastie derselben in Ägypten eine ausgebildete Mythologie, die nur das Produkt langer theosophischer Spekulationen sein kann, mit Tempeln und Pyramiden, welche letztere wieder die Einbalsamierung der Leichen und somit die Lehre von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode voraussetzt. -- War ein Keim aus der asiatischen Urheimat mitgebracht worden, aus welchem die Priester ihre esoterischen Lehren von Gott, der Welt und den Menschen entwickelten?
Man könnte versucht sein, die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, hier in Betracht zu ziehen, die so viele Übereinstimmungen mit dem ägyptischen Emanationssystem der Priesterlehre aufweist, und vermuten, daß der Ursprung beider auf eine solche asiatische Quelle zurückzuführen sei. In der That greifen einige Kabbalisten bezüglich der Entstehung ihrer Lehre bis auf Adam zurück, dagegen nennen andere den Abraham, wieder andere Moses als den ersten, dem die Lehre mitgeteilt worden sei, ganz zu schweigen von den neueren Forschern, von denen jeder zu einem andern Resultate gelangt. -- Ich möchte der Wahrscheinlichkeit, daß die Kabbala auf Moses zurückzuführen, demnach ägyptischen Ursprungs sei, vor allen anderen Theorien den Vorzug geben. Die jüdische Nation war als Nomadenfamilie von 70 Gliedern in Ägypten eingewandert (11. Moses 1, 5), und erst während ihres mehr als 400jährigen Aufenthaltes daselbst das große Volk geworden, das nachmals durch das rote Meer zog. Moses selbst, in ägyptischer Weisheit erzogen und wie auch sein Bruder Aharon-Levi, in die Geheimnisse der Priester eingeweiht, tritt gleich nach dem Auszuge als Gesetzgeber auf -- mit ägyptischen Gesetzen. Die Hierarchie der Leviten, Lebensart und Verrichtungen derselben, die Bestimmungen über reine und unreine Tiere, die Einteilung der Stiftshütte mit dem Allerheiligsten, alles dieses, auch die zehn Gebote, von denen das vierte mit derselben Verheißung bei den Ägyptern vorkommt, ist von Moses nach ägyptischen Vorbildern bestimmt und zum Gesetz erhoben worden. Sollte dagegen Moses die geheime Priesterweisheit selbst seinem Volke ganz und gar vorenthalten haben?
Hieran anknüpfend, will ich im Nachfolgenden den Beweis zu liefern versuchen, daß die Vorstellung vom Menschenwesen, von seinem materiellsten, körperlichsten Prinzip, dem Leib, bis hinauf zu dem höchsten, dem transscendentalen Ich, dem Geist, wie in der jüdischen und sonstigen esoterischen Lehre, so auch wohl in der Priesterlehre der alten Ägypter die gleiche war, daß für alle Zwischenglieder der beiden Extreme, Körper und Geist, sich Bezeichnungen im ägyptischen Totenbuche vorfinden, die für vollständig kongruent mit den Bezeichnungen der jüdischen und indischen Geheimlehren gehalten werden dürfen. -- Zuvörderst muß ich jedoch zum besseren Verständnis die altägyptische Vorstellung von dem Schicksal des Menschen nach dem Tode schildern.
Dem griechischen Schriftsteller Stobäos verdanken wir die Schilderung eines Fragmentes aus einer älteren hermetischen Schrift, die einen wichtigen Beitrag zur Seelenlehre enthält. Es wird darin gelehrt, daß:
»Von _einer_ Seele, der des Alls, alle diese Seelen stammen, welche sich, gleichsam verteilt, in der Welt umhertreiben. Diese Seelen erfahren viele Verwandlungen; die, welche jetzt kriechende Geschöpfe sind, verwandeln sich in Wassertiere; aus diesen Wassertieren werden Landtiere, aus diesen Vögel. Aus den Geschöpfen, die oben in der Luft leben, werden die Menschen. Als Menschen aber empfangen sie den Anfang der Unsterblichkeit, indem sie zu Dämonen werden und in den Chor der Götter gelangen.«
Wir erkennen hier die Wanderung eines Ausflusses der Allseele durch die Tierleiber als Präexistenz einerseits und die Fortdauer der Seele nach dem Tode des Menschen als Unsterblichkeit andererseits; die Begriffe Seelenwanderung und Unsterblichkeit sind streng auseinander zu halten. Auch die bis auf unsere Tage erhaltenen inschriftlichen Denkmäler des Pharaonenlandes trennen stets diese beiden Begriffe, und zwar so, daß die Unsterblichkeit als ein Zustand dargestellt wird, in welchem die Seele, mit ihrem verklärten Leibe vereinigt, ein ewiges glückliches Dasein genießt, befreit von allen Leiden der irdischen Wesen, während die Seelenwanderung sich auf der Erde vollzieht, in einem steten Wechsel zwischen Tod und Wiederaufleben in einem neuen Körper besteht, wobei die Leiden in den irdischen Körpern, besonders der Schmerz des jedesmaligen Todes, von der Seele ertragen werden müssen. Hand in Hand mit dem göttlichen Ursprung der Seele geht dann die Lehre von einer Belohnung der Guten und einer Bestrafung der Bösen. So heißt es im ersten Kapitel des Totenbuches:
»Da ich für fromm befunden wurde auf Erden und Sorge hatte vor dem Herrn der Götter, darum habe ich erreicht das Land der Wahrheit und Rechtfertigung. Ich erstehe als ein lebender Gott und strahle im Chor der Götter, welche im Himmel wohnen, denn ich bin von ihrem Stamm.«
Der Glaube an »ein ewiges Leben der Gerechten und an einen zweiten Tod der Frevler«, wie sich die Ägypter ausdrücken, setzt ein Gericht voraus, das nach dem Hinscheiden über den Verstorbenen gehalten wird. Dieses Totengericht wird vielfach bildlich dargestellt. Im Saale der zweifachen Wahrheit sitzt Osiris als Totenrichter auf dem Thron, Krummstab und Geißel in den Händen, auf dem Haupt die Federkrone, um den Hals eine Kette mit dem Abzeichen des Oberrichters, einem Täfelchen, welches die Wahrheit genannt wurde. Anbetend tritt der Verstorbene ein, ihn empfängt die Göttin der Wahrheit, Mat. In der Mitte des Saales steht eine Wage, auf deren eine Schale der Verstorbene sein Herz legt. Anubis, der schakalköpfige, legt eine Statuette der Göttin der Gerechtigkeit auf die andere Wagschale. Horus, der sperberköpfige, prüft das Gewicht, und Thot, der ibisköpfige Gott der Schreibkunst, verzeichnet das Resultat der Wägung auf einer Schreibtafel. Osiris spricht das Urteil.
Wurde das Herz zu leicht befunden, so mußte der Verstorbene zum zweitenmal sterben, d. h. sein Herz hat die dreitausendjährige Wanderung durch die verschiedenen Tierleiber, vom Schwein angefangen, von neuem durchzumachen, während die Seele unrettbar der Vernichtung durch die Höllengeister anheimfällt. Bei der Vollstreckung ihrer Strafe tritt in die Seele das transscendentale Wesen des Verdammten als rächender Dämon, erinnert sie an die Verachtung seines Rates, an die Verhöhnung seiner Bitten, züchtigt sie mit der Geißel ihrer Sünden und giebt sie dem Sturme und Wirbelwinde der heraufbeschworenen Elemente preis. Beständig zwischen Himmel und Erde hin und hergeworfen, ohne je ihrem Bannfluche zu entgehen, sucht die verurteilte Seele menschliche Körper heim, um sich in ihnen einzunisten, und sobald sie einen gefunden hat, martert sie diesen, belädt ihn mit Fluch und stürzt ihn in Mordthaten und Irrsinn. Wenn die Seele nach Jahrhunderten schließlich das Ziel ihrer Qualen erreicht, so fällt sie doch nur dem zweiten Tode anheim. In den 75 Abteilungen der Hölle, die in ihrer Einrichtung dem Gehenna oder Ghinam der Kabbala entspricht, werden die Seelen der Verdammten den qualvollsten Martern unterworfen. Sie werden in glühenden Kesseln gebraten, unter den fürchterlichsten Durstesqualen in kaltes Wasser geworfen, versuchen sie zu trinken, so wird das Wasser zu Feuer. Die Speisen, die sich den Hungernden darbieten, verwandeln sich in Schatten. Von roten Dämonen werden sie an Pfähle gebunden und mit Schwertern zerfleischt, mit den Füßen nach oben gehängt, ihnen das Herz aus dem Leibe gerissen usw. -- Die Darstellung dieser Qualen der Hölle scheint jedoch nur an die Adresse der großen Menge gerichtet gewesen zu sein, in der esoterischen Lehre dürften die Strafen für immaterielle Wesen doch anders gelautet haben.
Hat der Verstorbene jedoch Gnade gefunden vor den Augen des Osiris, so harren seiner die Freuden des Paradieses, des Gefildes Aalu. Götter erscheinen an seinem Sterbebette, um die Seele in Empfang zu nehmen.
Sie reinigen seinen Körper von allen Makeln, sie richten seine Beine ein und kräftigen seine Gelenke, sie bereiten seinen Körper zur Wiedergeburt vor.
Die Vorstellung, daß am Sterbebette der Frommen Götter erscheinen, seine Seele in Empfang zu nehmen und vor Gefahren zu schützen, begegnet uns wieder im Gnostizismus. -- So sagt St. Pachomius:
»Wenn jemand im Punkte ist zu sterben, dann kommen zu demselben vier Engel. Gott will durch sie bewirken, daß die Trennung der Seele vom Leibe eine schmerzlose sei. Einer dieser Engel steht zu Häupten, der andere zu Füßen des Hinscheidenden, und zwar in der Stellung von Menschen, die den Körper mit Öl einreiben, bis sich die Seele vom Leibe trennt. Der dritte Engel hält in den Händen ein Tuch von nichtstofflicher Beschaffenheit, in das er die Seele aufnimmt, der vierte endlich singt Hymnen in einer dem Menschen unverständlichen Sprache: so geleiten sie die Seele zu den Sphärenwohnungen.«
Diese Vorstellung ist, wie so vieles im Gnostizismus, eine ächt ägyptische. Zahl und Amt der Engel entsprechen genau denen der vier ägyptischen Totengenien.
Der Verstorbene, welcher bei der Wägung des Herzens von sich sagen konnte, daß er die verschiedenen Sünden nicht begangen und genügend gute Handlungen, die er im Leben verrichtet, zu seinem Herzen auf die Wage legen konnte, führt nun den Namen Osiris und kann seine Reise nach dem Paradiese antreten. Das Vermeiden böser und Verrichten guter Handlungen wurde jedoch nicht für genügend erachtet, um den Verstorbenen des direkten Eintrittes in das Paradies, der Genossenschaft der Götter zu würdigen. Die guten und bösen Handlungen waren nach der Priesterlehre zunächst Ergebnis seiner Neigungen, also Handlungen, die ihren Grund im Herzen haben. Aber nicht nur das Herz, sondern auch der Verstand mußte den Göttern ähnlich sein. Der Verstorbene mußte die Religionslehre kennen, die Namen der Götter wissen und in den Geheimnissen der Priesterlehre bewandert sein. Stand sein Wissen nicht auf dieser Höhe, so mußte er im Zwischenreich längere oder kürzere Zeit verweilen. Wir werden solchen Verstorbenen, den Uschabti, noch begegnen.
Im Westen wurde der Verstorbene begraben, und wie im Westen die Sonne als Osiris untergeht, dann um die untere Hemisphäre, ohne zu leuchten, durch das von Osiris beherrschte Reich Amenti, den dunkeln Hades, das Zwischenreich zieht, um anderen Tages als Morgensonne, Horus, im Osten wieder aufzuleuchten, so dachte man sich auch den Weg des Verstorbenen von der westlichen Grabregion nach Osten durch die untere Hemisphäre, Amenti, gehend, worauf er dann am Himmel, jetzt nicht mehr mit dem Namen Osiris, sondern als Horus gleich der Sonne erscheint.
Die Unterwelt Amenti ist zu denken als ein Land, dem obern Land Ägypten etwa gleich mit einem unterirdischen Nil, Gauen und Städten, mit Äckern und Wiesen, jedoch dunkel, ohne leuchtende Sonne. Ebenso ist das Paradies, das Gefilde Aalu, welches der Verstorbene betritt, wenn er die Unterwelt verlassen hat, als ein ähnliches Land zu denken, jedoch mit Abänderungen, welche auf die, vor undenklichen Zeiten von den eingewanderten Ägyptern aus Asien mitgebrachten Paradies-Vorstellungen zurückzuführen sein dürften.
Die Überfahrt von der westlichen Grabesregion nach der unteren Hemisphäre macht der Verstorbene auf der Sonnenbarke des Osiris als dessen Gefährte. Sobald die Barke im verborgenen Lande anlegt, betritt er den »Weg, der unter der Erde ist«. Auf diesem Wege nun begleiten wir unsern Osiris. Er ist noch immer als ein Verstorbener in Mumienform zu denken, er kann nicht sprechen, er ist ohne Erinnerung, ohne Atem und Lebenswärme. In der Region der Unterwelt, die den Namen Nutercherti hat, trifft er als deren Bewohner, die vorhin erwähnten Uschabti. Ich halte diese für die noch nicht an Wissen vollendeten Verstorbenen, gewissermaßen »die armen Seelen des Fegfeuers«. Auch sie sind, wie er, in Mumiengestalt ohne Sprache u. s. f. Der Verstorbene müßte nun eigentlich helfen, die Arbeiten dieses Gaues zu verrichten, »zu bebauen die Felder, zu füllen die Kanäle mit Wasser, zu führen den Sand des Westens nach dem Osten und umgekehrt«. Alles Arbeiten, welche die Uschabti ohne Gebrauch von Händen und Füßen verrichten, nur »vermöge der ihnen innewohnenden Fähigkeiten«, wie es auf den Texten der Uschabtifigurinen heißt. Ist er jedoch bereits geistig höher entwickelt, so genügte es, daß man den Verstorbenen, dessen Name, gefolgt von dem seiner Mutter, fast stets darin bemerkt ist, »Licht ausgestrahlt«, das heißt, daß er bereits ein Geläuterter ist, und daß die Uschabti ihn für fähig erklären sollen, die besagten Arbeiten zu thun. Da aber, wie gesagt, die Uschabti noch stumm sind, und die Befähigung nicht aussprechen können, gerade deshalb ist dieselbe auf den Figurinen aufgeschrieben. Die anerkannte Befähigung genügt, der Verstorbene braucht sich nicht im Nutercherti aufzuhalten und kann seinen Weg fortsetzen. Er wandert nun im großen Zuge der Götter. Nach und nach erhält er seinen Mund, d. h. seine Sprache, seine Erinnerung, sein Herz und seine Seele zurück. Er bekämpft Krokodile und allerlei schlimmes Gewürm; er wird bedroht, gebissen zu werden von dem, der das Gesicht nach hinten hat; er stößt den zurück, der den Esel verzehrt; er rettet sich vor der Gefahr, Kot essen zu müssen, -- Abenteuer, die zwar recht albern lauten, denen jedoch eine tiefere allegorische Bedeutung zu Grunde liegt. Er kommt auch an den Ort, wo die Gottlosen, die zweifach Toten, sich befinden, und man zeigt ihm ihre Leiden und Qualen, gleichsam um ihm den Wert der himmlischen Freuden noch schätzbarer zu machen. Auch diese Vorstellung findet sich in der Kabbala wieder.
Es würde natürlich zu weit führen, alle Details des Zwischenreiches Amenti, wie auch des nun folgenden Paradieses hier ausführlich zu besprechen, oder auch nur deren Namen anzuführen; auch würde es sehr schwer sein, einen Begriff von diesen Labyrinthen mit allen ihren Gängen, Hallen, Thoren, Städten und Gauen zu geben. In der That war das berühmte, von dem König Amenemha III. erbaute Labyrinth nichts anderes, als eine steinerne Darstellung des Amenti.
An dem Paradies, das wir uns im Bereiche des Sonnengottes Ra, also am Himmel über uns, vorzustellen haben, angekommen, tritt der Verstorbene ein, gefolgt von dem Gotte Thot. Nach den vorgeschriebenen Verbeugungen bringt er den dreimal drei großen Göttern ein Opfer dar. Dann besteigt er die Barke, um auf dem »Wasser des Friedens« zu fahren, vorbei an Städten und Inseln, und gelangt endlich an den ihm angewiesenen Wohnort, wo er den Göttern der beiden Sonnenberge und dem Herrn des Himmels ein zweites Opfer darbringt. Wir sehen den Verstorbenen im Gefilde des Aalu pflügen, säen und ernten. Das Getreide wird sieben Ellen hoch, die Ähren haben drei Ellen, die Halme vier. Vom Ertrage bringt er dem Hapi, dem Gott der Fruchtbarkeit, ein Dankopfer dar für den reichen Erntesegen. Auf der Reise dahin nimmt er in jedem himmlischen Gau die Gestalt und Eigenschaft des Gottes an, der dem Gau vorgeht. Er sproßt als ein reiner Lotus auf dem Wiesengrunde des Ra. Er nimmt die Gestalt des Phtha an, und genießt die Opfer, welche diesem Gotte dargebracht werden. Er erhebt sich in die Lüfte als Horussperber, verwandelt sich in den heiligen Phönix usw.
Der Aufenthalt im Gefilde Aalu soll aber kein ewig dauernder sein, sondern scheint nur ein Lohn zu sein für das menschlich Gute des Verstorbenen. Wie alle Seelen ein Ausfluß der All-Seele sind, so müssen sie auch wieder zur All-Seele zurückkehren, in den höchsten reinsten göttlichen Urzustand. Maspero sagt:
»Es giebt zwei Götterchöre, der eine schweift umher, der andere steht unbeweglich fest. Letzterer bildet die letzte Stufe in der verklärten Weihe der Seele. Auf dieser wurde sie ganz Vernunft« (richtiger: Dämon = +chu+), »sie sieht Gott von Angesicht zu Angesicht und versenkt sich in ihn.«
Es erübrigt mir noch, einige Bemerkungen über das Totenbuch beizufügen. -- Da dem lebenden Bewohner des schwarzen Landes, wenigstens dem Laien, die Geheimnisse der Priesterlehre streng vorenthalten wurden, der Verstorbene dieselben jedoch zu seinem Heil im Jenseits kennen mußte, so wurden sie auf einer Papyrusrolle niedergeschrieben, und diese nebst verschiedenen Amuletten und Talismanen dem Toten mit ins Grab gegeben. Diese Papyrus führen in der Wissenschaft seit Lepsius den Namen Totenbuch. In der Form und Redaktion, in der uns die erhaltenen Exemplare dieser Papyrus vorliegen, dürfte deren Entstehung wohl nicht über die 18. Dynastie zurückreichen. Einzelne Teile und Kapitel derselben waren jedoch bereits im alten Reiche, in der ersten und vierten Dynastie, bekannt. So heißt es z. B. ausdrücklich im 64. Kapitel:
»Dieses Kapitel wurde gefunden zu Hermopolis, auf einer Alabasterplatte, mit blauer Farbe geschrieben zu Füßen des Gottes Thot, zur Zeit des Königs Menkera durch den Prinzen Hartatef, als er auf einer Reise begriffen war, um die Tempel zu besichtigen. Er trug den Stein in den königlichen Wagen, als er sah, was darauf geschrieben stand. O, großes Geheimniß! Er sah nicht mehr, er hörte nicht mehr, als er dies reine und heilige Kapitel las, er berührte kein Weib mehr und aß weder Fleisch noch Fisch.«
Die ältesten Fragmente, die auf uns gekommen sind, finden sich auf Holzsärgen der 11. Dynastie. -- Das Totenbuch wurde von den Priestern sorgfältig geheim gehalten. So heißt es am Schlusse des 162. Kapitels:
»Dieses Buch ist ein großes Geheimniß: Lasse es kein Menschenauge sehen; es wäre das eine große Sünde. Verbirg sein Vorhandensein. Sein Name ist: Buch von der verborgenen Wohnung.« (Ferner Kapitel 133:) »Laß dieses Buch keines Menschen Antlitz schauen, studire es geheim vor deinem Vater, vor deinen Söhnen, denn wer es verwahrt, der ist ein reiner Geist vor Ra, und es verleiht ihm Macht vor dem Herrn der Götter, da die Götter ihn betrachten, wie einen ihres Gleichen, und die zweifach Toten schauen ihn liegend auf ihrem Antlitz, denn er wird betrachtet als ein Bote des Ra.«
Der Grund der Geheimhaltung dürfte der sein, daß der Mensch nicht im Streben nach Reinigung des Herzens erlahmen, dann auch, daß er sich nicht über die Furcht vor dem letzten Gericht hinwegsetzen sollte, was bei der Kenntnis der geheimnisvollen Kapitel zu befürchten war. Ein weiterer Grund war wohl auch der, daß nicht Mißbrauch damit getrieben werden sollte. Es wird in Papyros Lee und Rollin von dem gottlosen Huy, dem Aufseher der Herden des Ramses, berichtet, welcher dergleichen Schriften aus der Hofbibliothek entwendete und dann mit denselben bösen Zauber versuchte.
Ich komme nun zu meinen Resultaten über die verschiedenen Bezeichnungen für die leiblichen, seelischen und geistigen inhärierenden Bestandteile des Menschen, wie sich solche in der hieroglyphischen Sprache, besonders im Totenbuch, vorfinden, und zu dem Beweise, daß diese mit den Bezeichnungen der Kabbala und des Esoterismus überhaupt übereinstimmen. Letzterer tritt uns in deutscher Darstellung zuerst mit dem Aufblühen der neueren Zeit bei den tonangebenden Männern des 16. und 17. Jahrhunderts, Agrippa, van Helmont und anderen entgegen, findet sich aber wohl am weitestgehenden bei Paracelsus ausgeprägt.
Wie in manchen esoterischen Lehren der Mensch als Monade in einer Siebenteilung sich darstellt, so auch in der ägyptischen Priesterlehre. Ich will diese Teile des menschlichen Wesens kurz die sieben Grundteile des Menschen nennen.
Von dem untersten, materiellsten Grundteile, dem Körper, ägyptisch +chat+, hebräisch +guf+, bei Paracelsus »Elementarleib« ausgehend, finden wir als das zweite, das Leibesleben, ägyptisch +anch+, hebräisch +coach ha guf+, bei Paracelsus »der Archäus« oder die »Mumia«. Dieses +anch+, Leben, wurde als Hauch und Lebenswärme (+nifu+ und +bas+) gedacht, und da es durch den Tod dem Körper verloren geht, von dem Gott Anubis, dem Wiederbeleber, von neuem dem gerechten Verstorbenen verliehen. Die alten Abbildungen zeigen den Gott Anubis, die Hände wie zum Segnen über den auf der Bahre liegenden Leichnam ausbreitend. Infolgedessen zieht die Seele in Gestalt eines Vogels mit Menschenkopf, mit dem Lebenszeichen und dem Zeichen des Hauches, dem Segel, versehen, in den Körper wieder ein. Dadurch wird aber der Verstorbene nicht ein +anch+, ein körperlich Lebender, sondern ein +sahu+, ein geistig Lebender. So sagt ein Text einer Votivtafel in Wien: »Es macht ihn zum +sahu+ der Gott Anubis selbst.« Bei einer ähnlichen Abbildung lautet die Beischrift: »Die Seele, ihren Körper erblickend, vereinigt sich zu ihrem göttlichen +sahu+.«