Part 25
Wir sehen aus der Erzählung, daß die Schwägerin eines ägyptischen Königs -- es ist Ramses XII. gemeint -- erkrankt, resp. besessen ist. Da die Kunst der einheimischen Ärzte nicht geholfen zu haben scheint, so wurde eine Gesandtschaft abgeschickt, um einen der in hohem Rufe stehenden ägyptischen Ärzte herbeizuholen. Ramses läßt sich darauf einen geeigneten Mann bezeichnen, einen -- wie Prof. Dr. Lauth übersetzt -- »Künstler in seinem Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern.« -- Setzt man nun die Kenntnis des Heilmagnetismus und Hypnotismus bei den Ägyptern voraus, wozu sich die Berechtigung bald ergeben wird, so wird man die Stelle anders übersetzen müssen. Deshalb übersetzt auch der französische Ägyptologe Vicomte de Rougé: »Ein Mann mit intelligentem Herzen, ein Meister mit geschickten Fingern.« -- Allein nach Lambert ist auch dies nicht ganz richtig, insofern »Herz« für »Wille« gebraucht wird, und er sagt deshalb[296]:
»Es hat also nach dieser Analyse alle Berechtigung, wenn ich den Befehl des Pharao so verstehe, daß ihm ein Mann bezeichnet werde, der 'Herr seines Willens und Meister seiner Finger' sei. Bei der letzteren Eigenschaft ist jedoch weniger an einen Operateur, als an einen tüchtigen Hypnotiseur und Magnetiseur zu denken, weil ein solcher sowohl mit seiner Hand als mit seinem Willen arbeiten muß.«
Der erwählte ägyptische Hypnotiseur, der älteste, dessen Namen bekannt wurde, hieß Thotemhebi. Als derselbe nach Buchtan kam, gewahrte er, daß Bentrosch besessen war, und versuchte sie ohne Erfolg zu heilen. Es vergingen elf Jahre, ohne daß die Leidende gesund wurde, worauf deren Vater abermals eine Gesandtschaft nach Ägypten schickte mit der Bitte, man möge doch einen Gott nach Buchtan schicken. Wie sich aus dem Zusammenhang klar ergiebt, wird hier »Gott« euphemistisch für einen Priester der oberen hierarchischen Stufen gebraucht. Der Pharao begiebt sich also nach dem Tempel des Chonsu und bittet den Chonsu nofer hotep, welcher offenbar als Oberpriester zu betrachten ist, er möge den Chonsu p-ari secher, einem unter diesem stehenden Priester, seinen Segen oder seine Kraft mitteilen. Dies wird gewährt, und der Chonsu nofer hotep macht die segnende Bestreichung -- +sa+ -- viermal. Für dieselbe wird folgende Hieroglyphe gebraucht:
Darauf wird der Chonsu p-ari secher nach Buchtan geleitet, wo er die besessene Bentrosch durch eine segnende Bestreichung heilt, die mit folgender Hieroglyphe bezeichnet wird:
Über die Bedeutung dieser Segen lasse ich nun Lambert selbst sprechen:
»Was sind nun diese verschiedenen Segen? Ich denke, ich werde keinem Widerspruch begegnen, wenn ich dieselbe für mesmerische Bestreichungen, und ihre verschiedenen, durch die beiden Hieroglyphen deutlich dargestellten Formen für die Schemata halte, nach denen die Striche geführt wurden. Der Segen ist ja in seiner ursprünglichen Wesenheit wohl nichts Anderes als ein Ausströmenlassen einer Kraft aus seinen Händen.«
»Der einfachere +sa+-Strich (No. 2) wurde ausgeführt, indem die segnende Gottheit oder der Arzt in der durch die Hieroglyphe gekennzeichneten Art über den Hinterkopf nach den Schultern zu strich, nicht einmal, sondern wiederholt und mit beiden Händen. So spricht die Göttin Muth zu Ramses III. auf einer Abbildung, die sich in Lepsius +Denkmälern (III. 21.)+ veröffentlicht findet: 'Ich strecke aus meine beiden Arme, um zu machen die +sa+-Striche hinter deinem Haupte.' An beiden Seiten des +sa+-Zeichens sehen wir Knoten oder Verdickungen. Jedenfalls bezeichnen diese die Stellen, wo der Streichende einen Halt in der Bewegung zu machen oder einen besondern Nachdruck auszuüben hatte. Das Gleiche ist an jener Stelle der Fall, wo die Linie des Striches in der Gegend des Genickes sich selbst schneidet. Aus der ganzen Führung des Striches scheint hervorzugehen, daß sich an dieser Stelle des Genickes die Kraft der Streichungen concentriren soll. Warum aber gerade dort? Die Kabbalisten lehren, daß ein kleiner Knochen des Halses, Luz genannt, 'unverweslich' sei, in ihn versenkte sich die Schattengestalt des Nephesch bei dem Verstorbenen, und aus beiden werde der Auferstehungsleib am Ende der Tage gebildet. Dieser Luz der Kabbala ist aber identisch mit dem Uls der ägyptischen Lehre, welcher da liegt, wo das Rückgrat vom Hinterhaupt nach den Schultern eine Einbiegung macht. (Luz heißt im Hebräischen wie Uls im Altägyptischen Einbiegung oder Krümmung.) Es würde zu weit führen, diesen Uls und seinen ganzen Kultus in der Stadt Mendes, wo die Rückgratreliquie des Osiris aufbewahrt wurde, hier zu besprechen. Ich wollte hier nur darauf hinweisen, warum bei dem Akte jenes +sa+-Striches der Nachdruck auf die hintere Halspartie verlegt wurde, und die Ursache hiervon liegt wohl unzweifelhaft, daß dort eine günstige Stelle zum Erwecken gewisser transscendentaler Kräfte des Menschen gesehen wurde. Vielfache Textstellen bezeugen, daß bei der +sa+-Bestreichung die Absicht war, inneres Leben zu erwecken.«
»Die andere -- complicirtere -- Bestreichung (No. 1), welche vom Nofer hotep an dem Ari-secher ausgeführt wird, erstreckte sich vermuthlich über den ganzen Körper, ob aber über die Vorder- oder Rückseite desselben, ist fraglich.«
»Es kommen nun unter den Hieroglyphen noch mehrfache Zeichen vor, die solche Knoten vorstellen, und jedenfalls als ähnliche Manipulationen wie die +sa+-Striche zu verstehen sind. Ein solches Zeichen ist +rod+, was 'festmachen' bedeutet. Das dürfte wohl ein Strich gewesen sein, um die Unbeweglichkeit der Extremitäten zu bewirken. Ist dies der Fall, dann geschah diese Action nicht durch einfache gerade Striche, wie bei unsern Hypnotiseuren, sondern es wurde, z. B. um den linken Arm 'festzumachen', wohl an der rechten Schulter begonnen, von da eine über den Rumpf gehende Schleife gezogen, die an der linken Schulter endigte, und dann von hier aus ein gerader Strich über den Arm mit einem Halt am Ellenbogengelenk nach den Fingerspitzen zu ausgeführt.«
»Daß der Chonsu nofer hotep die Bestreichung viermal machte, scheint einen ganz besondern Grund zu haben. Es entspricht dies den Bezeichnungen, die in Verbindung mit dem +sa+-Zeichen No. 1 vorkommen, nämlich +tos-sa+, 'den Einfluß herbeiführen', +tu-sa+, 'den Einfluß mittheilen', +meh-sa+, 'den Einfluß vermehren', und +sotep-sa+, 'den Einfluß fixiren'. Es hat also wohl jede der vier Bestreichungen ihren bestimmten Zweck: die Wirkung wird herbeigeführt, mitgetheilt, vermehrt und fixirt.«
»Nicht ohne Bedeutung ist es, daß der Gott Thot, der später zum Hermes Trismegistos geworden ist, den Beinamen +Sa+ führt. Thot ist ein Gott der Heilkunde, der Ibis ist ihm heilig. Thot ist auch ein Gott der Erkenntniß und zwar besonders der transscendentalen Erkenntniß, und es hat alle Wahrscheinlichkeit für sich, daß er seinen Beinamen +Sa+ deswegen führte, weil in der Hypnose, die ja, wie wir jetzt wissen, durch einen Act, der +Sa+ heißt, herbeigeführt wird, die innere transscendentale Erkenntniß aufgeht. Demnach ist es Gott Thot, welcher in der Hypnose nach der Meinung der Aegypter das innere Schauen und besonders auch als Heilgott die Heilverordnungen eingiebt. -- Thot wird vielfach mit Chonsu identificirt und scheint in seiner medicinischen Eigenschaft als Mondgott mit Chonsu nofer hotep vollständig dieselbe Person zu sein. Ich möchte hierzu auch an den Einfluß des Mondes auf Schlafende erinnern.«
Soweit Herr Franz Lambert. Ich möchte noch hinzufügen, daß auch die bekannten Hände der Isis, welche nach Apulejus bei Prozessionen umhergetragen wurden (auf einen Stab gesteckte linke Hände, deren Daumen und zwei erste Finger ausgestreckt, deren drei letzte aber eingeschlagen sind), auf Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus hinzudeuten scheinen.
Drittes Kapitel.
Die eigentliche magische Heilkunde der Ägypter.
Die magische Heilkunde der Ägypter knüpft, wenn in ihr auch uralte Tempelgeheimnisse des Thot enthalten sein mögen, im Wesentlichen an den mythischen Hermes Trismegistos[297] an und entstammt somit einer verhältnismäßig späten Zeit. Über ihren Ursprung heißt es im hermetischen Asklepius:
»+Quoniam ergo proavi nostri multum errabant, contra rationem Deorum increduli et non animadvertentes ad cultum religionemque divinam, invenerunt artem, qua Deos efficerent, cui inventae adjunxerunt virtutem de mundi natura convenientem, eamque miscentes, et quoniam animas facere non poterant, evocantes animas Daemonum vel Angelorum, eas indiderunt imaginibus suis divinisque mysteriis, per quas sola idola et benefaciendi et maleficiendi vires habere potuissent. Avus tuus, o Asclepi, medicinae primus inventor, cui templum consecratum est in monte Lybiae circa littus Crocodilorum, in quo ejus jacet mundanus homo, id est corpus; reliquus enim, vel potius totus, si est homo totus in sensu vitae melior, remeavit in coelum, omnia etiam nunc adjumenta hominibus praestans infirmis numine suo, quae ante solebat Medicinae arte praebere. Hermes, cujus nomen mihi avitum est, sibi cognomen patrium consistens omnes mortales undique venientes adjuvat atque conservat.+«
»+Constat, o Asclepi, de herbis, lapidibus et de aromatibus vim divinitatis naturalem in se habentibus, et propter hanc causam sacrificiis frequentibus oblectantur numina hymnis quoque et laudibus dulcissimisque sonis in modum coelestis harmoniae, concinnantibus, ut illud, quod est coelesti usu et frequentatione illectum in idola, possit laetum humanitas patiens longe durare per tempora; sic Deorum autor est homo. Et ne putes fortuitos effectus esse terrenorum Deorum, o Asclepi, Dii coelestes inhabitant summa coelestia unusquisque per ordinem, quem accepit complens atque custodiens. Hi vero nostri sigillatim quaedam curantes, quaedam praevidentes, quaedam hortibus et divinatione praedicentes, his pro mado subvenientes humanis, quasi amica cognatione auxiliantur.+«
Mit diesen Worten des mythischen Hermes Trismegistos stimmt der spätere Neuplatoniker Proklos (412-485 n. Chr.) völlig überein, wenn er sich folgendermaßen ausspricht:
»Und wenn uns auch der Verstand an sich selbst gleichsam als Gott erscheint, und die Seele von Urbeginn verständig ist, so sind doch die obersten Dämonen höher geartet, sie stehen den Göttern am nächsten, sind gleichförmig und göttlich. Die zweite auf diese folgende Dämonenclasse ist ebenfalls des Intellects theilhaftig; sie stehen den himmlischen Aufsteigungen und Absteigungen vor und überbringen und offenbaren die göttlichen Befehle allen Dingen. Die dritte Dämonenclasse ist jene, welche die Befehle der göttlichen Seelen überbringt und das Band zwischen diesen und den niedern Dingen bildet. Die vierte überbringt die wirkenden Kräfte aller Naturen auf die erzeugten Dinge, flößt den Einzelnen Leben ein, schafft Ordnung, Regel und Wirkung. Die fünfte ist gewissermaßen körperlich und schafft das Äußere der Körper. -- Die meisten von ihnen beschäftigen sich mit der Materie und überbringen herabsteigend die Kräfte der himmlischen Materie der irdischen, verbinden beide, bewachen das Irdische sodann und bringen die Verschiedenheit der Formen hervor.«
Nach diesen Grundsätzen wurden göttliche Wesen konstruiert, welche den einzelnen Krankheiten vorstanden, und man richtete an dieselben Gebete, Hymnen und Beschwörungen, damit sich ihr Zorn besänftige, und sie die verlorene Gesundheit wieder verliehen. Also ganz dieselbe primitive Anschauung, wie wir sie schon bei den Akkadern fanden, und der wir noch heute bei den Indianern, Negern &c. begegnen.
Die Ägypter betrachten die Welt als _ein_ großes Lebewesen, in welchem alles in wechselseitiger Verbindung stehe, das von einer beständigen Sympathie durchströmt und durch _eine_ Kraft zu _einem_ Leben vereinigt werde.[298] Deshalb suchte man nach Kräften die wechselseitigen Beziehungen und Wirkungen der Dinge zu erforschen, was bei den Krankheiten, da man von dem Grundsatz: +similia similibus+ ausging, zu der von Paracelsus aufgefrischten Lehre von den Signaturen führte. D. h. man schloß aus der Ähnlichkeit irgend eines Teils einer Pflanze, eines Tiers oder Minerals mit irgend einem Glied des menschlichen Körpers, daß ersterer Heilkräfte gegen die Krankheiten des letzteren besitzen müsse. So galt als gegen Hauptkrankheiten und Epilepsie besonders wirksam die Päonienknospe, ferner der Mohn, die Wallnuß, Muskatnuß, Meerzwiebel, der Lerchenschwamm &c. Gegen Augenkrankheiten wurden Augentrost, Habichtskraut, Skabiosen usw. angewendet; gegen Zahnleiden die Zahnwurz, Granatapfelkerne, Zirbelnüsse, die Knöllchen des Feigwarzenkrautes &c., gegen Ohrenleiden die Blätter von der Haselwurz, dem Löffelkraut und der Wassermünze. Dieselben sollten auch gegen Nasenleiden dienen, weil zwischen Ohr und Nase eine besondere -- wahrscheinlich aus der Beobachtung der Katarrhe geschlossene -- Verwandtschaft bestehe. Für die Kehle galt als heilsam das Wintergrün, der Hirschschwamm und der Zimmt. Für die Lunge war das Lungenkraut signiert; für das Herz die Citrone, der Pfirsich, die Brechnuß und Anthora; für die Leber Äpfel, eine -- nicht genannte -- Moosart, Birkenschwamm, Eicheln und das Leberkraut; für die Milz das Scolopendrium, die Hirschzunge, Mauerraute, das Milzkraut; für den Magen die Blätter des Alpenveilchens, Ingwer, Galgant; für die Gedärme eine nicht näher genannte Windenart, Calmus, Zimmt; für die Blase die Judenkirsche, Staphisagria, der Nachtschatten; für die Geschlechtsteile die Wurzeln aller Orchisarten; für die Gebärmutter die Hohlwurz; für die Nieren der Portulac und das Alpenveilchen; für die Gelenke die Datteln; für die Hände die jetzt +Palma Christi+ genannte Orchideenwurzel.
In ähnlicher Weise wandte man in späterer Zeit in Ägypten den +humores peccantes+ der Galen'schen Humoralpathologie ähnlich gefärbte Pflanzensäfte zur Austreibung der Ersteren an. So gegen die gelbe Galle Kümmel, Crocus, Aloe, Senna, Wermut, Koloquinte, Rhicinus, Rhabarber. Gegen die schwarze Galle allerlei Pflanzen mit dunkelgefärbten Blüten, wie Smilax, rote Melde, Ochsenzunge &c. Gegen überflüssige phlegmatische Feuchtigkeiten Pflanzen mit Milchsaft oder weißen Blüten, weiße Schwämme, wie Lerchenschwamm &c. Gegen die sogenannte rote Galle wurden Pflanzenstoffe von rotem Aussehen, rote Blüten, rote Säfte usw. angewendet, wie rotes Sandelholz, Rotkohl, Alkannawurzel &c.
Der Grundsatz: +similia similibus+ durchzog die ganze Arznei. So wandte man z. B. gegen den Stein einige zubereitete Steinarten, menschliche Blasensteine, die steinigen Concremente in gewissen Fischaugen &c. an; gegen Wunden brauchte man scheinbar von der Natur durchlöcherte Kräuter wie das Johanniskraut. Giftige Schlangen, Spinnen, Scorpione wurden zubereitet, um als Gegengift zu dienen. Gegen allzulebhaften Geschlechtstrieb wandte man Pflanzen an, welche nach alter Anschauung keine Frucht hervorbrachten, wie Salat, Sadebaum, Weide. Umgekehrt suchte man durch saftstrotzende Pflanzenteile -- wie Orchideenwurzeln -- oder durch den Genuß geiler Tiere, wie des Sperlings und des Skinks die daniederliegende Zeugungskraft zu heben. Das Fleisch gefräßiger Tiere, wie des Wolfs oder des Karpfens genoß man zur Hebung des Appetits, während der Genuß des Fleisches intelligenter Tiere Intelligenz, das träger Trägheit hervorrufen sollte. Endlich wandte man sich durch hervorragende Leistungen auszeichnende Körperteile gewisser Tiere gegen Leiden der entsprechenden menschlichen Körperteile an, wie z. B. Fuchslunge gegen Lungenschwindsucht.
Erscheint uns nun auch bei der Lehre von den Signaturen das Meiste nicht mehr haltbar und barock, so läßt sich jedoch keineswegs in Abrede stellen, daß dem Ganzen ein großer und richtiger Gedanke zu Grund liegt, welcher der Vater der Homöopathie ist; und erinnert es nicht an die Impfung und Serumtherapie, wenn die Ägypter aus giftigen Tieren Gegengifte bereiteten?
Wie allbekannt, nahm man einen Gestirneinfluß auf alles Irdische und mithin auch auf die menschlichen Glieder und Pflanzen an, wobei die Ägypter (doch wohl erst der alexandrinischen Zeit?) nach Ebn Esra besonders die zwölf Zeichen des Tierkreises als maßgebend betrachteten. Auf diese Art entstand eine astrale Botanik und eine astral-botanische Heilkunde, bei welcher die vier Grade der alten Grundeigenschaften der Dinge: warm und trocken, warm und feucht, kalt und trocken, kalt und feucht, besondere Berücksichtigung fanden. Ebn Esra giebt von dieser Lehre folgende Grundzüge[299]:
»Der Widder ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes, das menschliche Haupt beherrschendes Zeichen. Die ihm unterworfenen Pflanzen sind warm und trocken in vier Graden.
Im ersten Grad stehen: der rothe Beifuß, die Betonica Cichorie, die Dürrwurz, der Traubenhollunder, die Münze, der Huflattig und Ehrenpreis. Diese Pflanzen sind nach dem in die Hundstage fallenden Vollmond zu sammeln.
Dem zweiten Grad gehören an: der Spargel, das Johanniskraut, die Schafgarbe, der Wegebreit, die Päonie. Zu sammeln sind sie, wenn sich Sonne und Mond im Krebs befinden.
Dem dritten Grad gehören an: der Lerchenschwamm, Kellerhals, die Coloquinthe, der Enzian, Liguster, Rhicinus, Hollunder. Sie sind Ende Juli und Anfang August[300] zu sammeln.
Dem vierten Grad gehören an: die weiße Nießwurz, der Majoran, der weiße Andorn, die Kresse, der Rosmarin. Sie sind theils im April, theils im September zu sammeln.
Der Stier ist ein weibliches, kaltes, trockenes und irdisches Zeichen; ihm ist Hals und Gurgel unterthan. Die ihm angehörigen Pflanzen sind kalt und trocken.
Dem ersten Grad gehören an: das Milzkraut, Cathera(?), der Gamander, Epheu, die Lilienwurzel, Narcisse, das Engelsüß, die Rose, der Baldrian, das Veilchen. Dieselben erweichen die Geschwülste des Halses und der Milz.
Dem zweiten Grad gehören an: das Venushaar, die Judenkirsche, die Aklei, die Eiche und Eichenmistel. Diese Pflanzen sind Wundkräuter.
Dem dritten Grad gehören an: die Ochsen- und Hundszunge, das Carduibenedictenkraut, der Wasserhanf, die Klette, die Doste, Petersilie, der Sanikel, die Braunwurz, Tormentill und das Kreuzkraut. Alle sind Wundkräuter.
Dem vierten Grad gehören an: das Mausöhrchen, Schöllkraut, die Esche, Malve, das Lungenkraut und die Scabiose.
Die Zwillinge sind ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, dem die Schultern unterworfen sind. Die ihm zugehörigen Pflanzen sind warm und feucht.
Dem ersten Grad gehören an: der Anis, Althästrauch, Boretsch, Fenchel, Ysop, die Prunelle und Mauerraute.
Dem zweiten Grad: das Farrnkraut, die Linde und Rübe.
Dem dritten Grad: die Vogelmiere, Aronswurz, der Macis, Sauerklee und die Taubnessel.
Dem vierten Grad: der Sauerampfer, die Camille, das Mutterkraut, der Rhabarber.
Der Krebs ist ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen, dem Brust, Lunge, Rippen und Zwerchfell unterthan sind. Die ihm angehörigen Pflanzen sind kalt und feucht.
Dem ersten Grad gehören an: der Kohl, die Kardendistel, die Bohnen, die Rapunzel, die Weinreben und die Braunwurz.
Dem zweiten Grad: der Erdbeerstrauch, die Tanne, die Zirbelnüsse, der Nachtschatten, die Terebinthe und Mistel.
Dem dritten Grad: die Binse, die Brunnenkresse, der Petersiliensamen, Portulac, die Weide, der Steinbrech und Mauerpfeffer.
Dem vierten Grad: die Muscheln[301], die weiße Coralle, der Krystall, die Perlmutter, die Wasserrose, die Krebsaugen, der Vitriol.
Der Löwe ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen, welchem Herz und Magen unterthan sind. Die ihm zugeschriebenen Pflanzen sind warm und trocken.
Dem ersten Grad gehören an: das Basilicum, der Crocus, die Cypresse, Gewürznelke, der Ysop, Lavendel, Wegerich, Sonnenthau und Thymian.
Dem zweiten Grad: die Angelica, das Zweiblatt, die Kornblume, der Galgant, Enzian und Teufelsabbiß.
Dem dritten Grad: die Hundscamille, Pastinakwurz, Münze, Gartenkresse, das Flöhkraut, die Ranunkel und Brennnessel.
Dem vierten Grad: die Birke, der Buchsbaum und Lorbeer.
Die Pflanzen des ersten Grades müssen gesammelt werden, wenn die Sonne in den Fischen, der Mond im Krebs ist; die des zweiten Grades: zu Anfang Mai vor Sonnenaufgang oder zu Ende August; die des dritten Grades, wenn die Sonne im Löwen und der Mond in der Jungfrau, oder wenn die Sonne im Stier und der Mond in den Zwillingen sich befinden, vor Sonnenaufgang; die des vierten Grades, wenn die Sonne in den Fischen und der Mond im Wassermann steht.
Die Jungfrau ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen, dem der Bauch, die Leber und Eingeweide unterthan sind. Die ihr zugeschriebenen Pflanzen sind kalt und trocken.
Dem ersten Grad gehören an: die Berberitze, Cichorie, der spitze Wegerich, die Birne und der wilde Salbei.
Dem zweiten Grad: der Mangold, die Hagebutten, die Mispel, das Salomonssiegel.
Dem dritten Grad: die Osterluzei und Dürrwurz.
Dem vierten Grad: das Tausendgüldenkraut, die Schlangenzunge, die Schlehe und Schlangenwurz.
Die Wage ist ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, welches den Nieren und der Blase vorsteht. Ihr werden folgende warme und feuchte Pflanzen zugeschrieben:
Dem ersten Grad gehören an: das Gänseblümchen, der Bärwurz, der Bocksbart.
Dem zweiten Grad: der Lauch, Türkenbund und das Eisenkraut.
Dem dritten Grad: das Löwenmaul, der Beifuß.
Dem vierten Grad: der Lachenknoblauch, Hühnerdarm, die Haselnuß und Mauerraute.
Der Scorpion ist ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen, welches den Genitalien vorsteht. Ihm werden folgende kalte und feuchte Pflanzen zugeschrieben:
Dem ersten Grad gehören an: das Kreuzkraut, der Weißdorn, die Vogelbeere.
Dem zweiten Grad: die Esche, der Apfelbaum, die Pflaume.
Dem dritten Grad: die Erbse und das Seifenkraut.
Dem vierten Grad: die Melde, das Bingelkraut und die Narcisse.
Der Schütze ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen, welchem die Lenden und Schenkel unterthan sind. Ihm werden folgende Pflanzen zugeschrieben:
Dem ersten Grad gehören an: die Zwiebel, der Rettig, der Sesam und die Königskerze.
Dem zweiten Grad: der Lauch, das Liebstöckel.
Dem dritten Grad: die Haselwurz, das Curcume, der Gundermann, die Maulbeere.
Dem vierten Grad: die Eselsgurke, Wolfsmilch und Waldrebe.
Der Steinbock ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen, welches den Knieen und Sehnen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:
Dem ersten Grad: die Ringelblume, Schwarzkirsche, der Alant, die Maul- und Heidelbeere.
Dem zweiten Grad: das Scharlachkraut, das Wollkraut.
Dem dritten Grad: der Wasserschwertel, das Täschelkraut, der Kürbis und die Disteln.
Dem vierten Grad: die Nießwurz, das Bilsenkraut, die Mandragora, der Sturmhut, der Nachtschatten und das Läusekraut.
Der Wassermann ist ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, welches den Schienbeinen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:
Dem ersten Grad: die Möhre, die Feige, der Steinklee und die Sanikel.
Dem zweiten Grad: der Kümmel, die Flachsseide, die Rosenwurz, das Mauerkraut.
Dem dritten Grad: die Odermennige, das Mäuseöhrchen, die Gerste, der Steinbrech.
Dem vierten Grad: das Herzgespann und die Mispel.
Die Fische sind ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen, welches den Füßen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:
Dem ersten Grad: Die Buche, die Osterluzei, das Kraut, die Myrobalanen und Rüben.
Dem zweiten Grad: Die Artischocke, die Kornblume, das Stächaskraut.
Dem dritten Grad: der Schwarzkümmel und Mohn.
Dem vierten Grad: der Schierling, das Bilsenkraut, der Sturmhut und Nachtschatten.«
Wir dürfen Ebn Esra wohl unbedenklich glauben, daß das eben geschilderte astrologisch-botanische System den Ägyptern der alexandrinischen Zeit entstammt; allein, was uns hier vorliegt -- ich habe Ebn Esras Originalwerk nicht auftreiben können[302] -- ist offenbar die Bearbeitung desselben durch einen deutschen Arzt des 16. Jahrhunderts. Es kam indessen auch nur auf eine Darstellung des Systems und der Methode an.
Viertes Kapitel.
Die Seelenlehre der alten Ägypter.[303]