Part 2
Die Edda. -- Odin. -- Odin-Wodan. -- Das Gespensterheer. -- Die Erzählung der Edda vom Dichtertrank. -- Der runenkundige Gott. -- Lehre vom Doppel-Ich. -- Thor und Loki. -- Balder. -- Hödur. -- Deutung dieses Mythus. -- Frigg. -- Iduna.
III. Kapitel.
Götterdämmerung und Wiedergeburt.
Ragnarök. -- Weltuntergang. -- Esoterische Idee der Wiedergeburt.
X. Buch.
Der Occultismus der barbarischen Völker.
Skythen. -- Toxaris und Anacharsis. -- Massageten. -- Geten. -- Zamolxis. -- Hyperboräer. -- Abaois. -- Taurer.
Vorwort.
Am zweiten Ostertage v. J. (1895) starb _Karl Kiesewetter_, einer der eifrigsten Forscher auf dem Gebiete des »Wunderbaren und Geheimnisvollen«, der Verfasser der »_Geschichte des neueren Occultismus_«, der »_Geheimwissenschaften_« und des ersten Halbbandes _dieses Buches_ über den »_Occultismus des Altertums_«. Ein plötzlicher Tod entriß ihn im besten Mannesalter seinem eigenartigen Studiengebiete, auf dem er augenscheinlich eine erstaunliche Belesenheit und Quellenkunde besaß.
_Die Verlagshandlung wandte sich nun an mich, mit dem Antrage, die Herstellung des zweiten Halbbandes dieses Buches unter Benutzung des Kiesewetterschen handschriftlichen Nachlasses zu übernehmen_ und zwar genau nach der bereits von Kiesewetter festgestellten Disposition. Die Einsicht des handschriftlichen Nachlasses ergab, daß der Verstorbene nur das achte Buch seiner Disposition, den Abschnitt über die _Alexandriner_, _Neupythagoräer_ und _Neuplatoniker_ ausgearbeitet hatte.
Der wohlwollende Leser möge die ganze von mir gelieferte Arbeit nicht etwa als ein Werk auffassen, das mit wissenschaftlicher Prätension sich etwaigen ähnlichen Forschungen über »vergleichende Religionswissenschaft« zur Seite stellen möchte, sondern als das Ergebnis dilettantischer Nebenstunden, als eine dem gebildeten Dilettanten selber, der über keine Zeit und keine genügende Ausdauer verfügt, aus dem Staube der Bibliotheken und dem Studium schwerfällig gelehrter Originalwerke das ihn Interessierende selber herauszusuchen, gewidmete Skizze eklektischer Streifzüge ins Gebiet der Mystik.
+Dixi et salvavi animam meam.+
_Jena_, im Februar 1896.
L. Kuhlenbeck.
Erstes Buch.
Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldäern und Assyriern.
Erstes Kapitel.
Religionsphilosophie, weiße und schwarze Magie der Akkader.
Der Occultismus ist so alt wie die ihrer selbst bewußte Menschheit, und selbst wo uns die Hieroglyphen Ägyptens im Stich lassen, führt uns die Keilschriftlitteratur der Euphrat- und Tigrislande in die graueste Urzeit des Menschengeschlechts hinauf und zeigt uns, daß zum allermindesten tausend Jahre vor Beginn der beglaubigten Geschichte der Occultismus in seinem _Kern_ derselbe war wie heute. Natürlich wechselten mit den verschiedenen Staatsreligionen seine _Formen_, und wir haben deshalb den stets gleichen _esoterischen Kern_ unter den wechselnden Hüllen der _Dogmen_ nachzuweisen sowie auch seine fortschreitende Weiterbildung und Ausreifung.
Vor noch nicht einem Menschenalter -- im Jahre 1866 -- veröffentlichten die englischen Orientalisten Sir Henry Rawlinson und Norris im zweiten Band der +Cuneiform Inscriptions of Western Asia+ eine aus der Bibliothek des Königspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28 Zaubersprüchen, welche, wie Lenormant sagt[1]: »von der Existenz einer so künstlichen und zahlreichen Dämonologie bei den Chaldäern zeugt, wie sie sich ein Jacob Sprenger, Jean Bodin, Wier oder Pierre de Lancre wohl nimmer vorgestellt hätten. Es erschließt sich uns darin eine ganze Welt von bösen Geistern, deren Rangordnung mit vieler Gelehrsamkeit festgestellt, deren Persönlichkeiten sorgfältig unterschieden und deren besondere Eigenschaften scharf präcisiert sind.«
Außerdem entdeckte Layard an gleicher Stelle die gegenwärtig im +British Museum+ aufbewahrten Fragmente eines umfangreichen magischen Werkes von zweihundert Tafeln, welches für Chaldäa wohl das Gleiche war, was die alten Inder in ihrem Atharva-Veda besaßen, nämlich eine Sammlung aller Formeln, Beschwörungen und Hymnen der chaldäischen Magier, von denen die Schriftsteller des Altertums berichten.
Diese Urkunden sind in akkadischer, einer den finnischen und tartarischen Dialekten verwandten turanischen Sprache abgefaßt, welche von den vorgeschichtlichen Ureinwohnern Chaldäas, den Akkadern, gesprochen wurde. Assurbanhabal ließ dieselben im siebenten Jahrhundert v. Chr. für seine Palastbibliothek mit der überlieferten assyrischen Interlinearversion abschreiben, ohne welche sie wohl nicht mehr verstanden worden wären, weil damals die akkadische schon über tausend Jahre eine tote Sprache war.
Dieses Erbe der Akkader, welches offenbar aus ältern im Laufe der Zeit zusammengestellten Überlieferungen besteht, führt in eine altersgraue Zeit hinauf, in welcher, wie wir sehen werden, neben dem Kultus kosmischer und tellurer Potenzen der Glaube an die Einheit und Geistigkeit des göttlichen Wesens bestand.
Die akkadische Magie beruhte auf einem vollständigen wohlgegliederten mythologischen System, welches in seinen Ursprüngen über das dritte Jahrtausend vor Christus zurückreicht. In diesem Jahrtausend wanderten vermutlich in das von den Akkadern bewohnte nachmalige Chaldäa Kuschiten ein, welche Sprache, Religion und Volkstum der Akkader allmählich in den Hintergrund drängten. In Babylonien wie in Chaldäa bildeten sich verschiedene Religionsformen aus, bis ums Jahr 2000 König Sargon eine einheitliche Staatsreligion einführte, die in Chaldäa und Babylonien wie später auch in Assyrien galt.
Diese Staatsreligion beruhte zum Teil auf der der syrischen und phönicischen verwandten Religion der Kuschiten; sie nahm aber viele akkadische Elemente auf, und so beginnt denn die bis zur Zeit Alexanders des Großen reichende Periode der »Chaldäer«. Allerdings nahmen in dieser Mischreligion die akkadischen Elemente mit ihrer Dämonenlehre und ihren Exorcismen einen untergeordneten Rang ein, und ihre Pfleger waren eine niedere Kaste von Zauberpriestern, welche durch ihre Beschwörungen Krankheiten und Bezauberungen zu heilen, Dämonen zu vertreiben, widrige elementarische Einflüsse zu zerstreuen usw. usw. suchten. Die oberste Priesterkaste waren die Chaldäer, welche -- wie die persisch-medischen Magier -- sich nur mit Astronomie und Astrologie befaßten.
Da bei den genannten Völkern Kultus und Occultismus auf das engste verbunden sind, müssen wir zunächst zu einer Darstellung ihrer Religionslehren übergehen.
Nach chaldäisch-babylonischer Anschauung ist die Erde von den als Gottheiten gedachten Meer, Ocean und Chaos (chald. +Tiamat+, +Apsu+ und +Mummu+ -- %Thayath%, %Apasôn% und %Môumis% des Berosus) geboren. Jedoch werden diese mystischen Gottheiten im öffentlichen Kultus nicht verehrt, sondern an ihre Stelle tritt zuerst die oberste Trias der männlichen Gottheiten, welcher eine gewisse Ähnlichkeit mit der christlichen Dreieinigkeit nicht abzusprechen ist. Die erste Person dieser Trias ist +Anu+ (Himmel), der Erstgeborene, der Uralte, der Älteste der Götter, der Vater der Götter, der Gebieter der Finsternis. Er ist der Herr des Himmels und des Weltalls, schon ehe er dem Chaos eine feste Gestalt gegeben hatte, und zugleich der Gott der Welt und Zeit. Auf ihn folgt +Ea+, die das All durchdringende, belebende, lenkende und befruchtende göttliche Weisheit, der über dem Meer schwebende Geist. Die dritte Person dieser Trias ist +Bel+ (akkad. +Mul-ge+), der Gebieter und die Personifikation der geordneten Schöpfung, der Bildner des Sternenhimmels und Lenker der geordneten Bewegung der Himmelskörper.
Diese drei Personen der obersten göttlichen Trias sind in ihrem Wesen gleich und gleich mächtig, ohne jedoch auf gleicher Stufe der Emanation zu stehen; +Anu+ ist stets der Vater des +Ea+, aber bald der Vater und bald der Bruder des +Bel+.
Dieser obersten männlichen Trias steht eine weibliche gegenüber, +Anat+ (akkad. +Anu+), +Belit+ (akkad. +Ningelal+) und +Davkina+, welche man sich als der weibliche Ausdruck und Form der männlichen Trias dachte. Diese Gottheiten sind androgyner Natur, und dieser uralten Anschauung entstammen die von den Orphikern und Neuplatonikern gelehrten hierhergehörigen Mythen der klassischen Völker.
Der Begriff der Androgynie war bei den Chaldäern auch auf die Planetengötter übertragen, wie es denn von der Venus (+Dilbat+) heißt:
»Der weibliche Stern ist der Venusstern; er ist weiblich bei Sonnenaufgang; Der männliche Stern ist der Venusstern; er ist männlich bei Sonnenuntergang.«
Wie lange sich diese Anschauungen erhielten, möge man daraus ersehen, daß in der Astrologie bis auf die neueste Zeit Mercur als Hermaphrodit gilt, welcher -- am Morgenhimmel sichtbar -- weiblich und am Abendhimmel männlich ist.
Die höchste Planetengottheit ist die Sonne, +Samas+, dessen weibliche Potenz +Gula+ hieß; ihr folgte der Mondgott +Sin+, dessen weibliches Prinzip im Akkadischen +Nin-gelal+ hieß; der assyrische Name ist noch nicht mit Sicherheit entziffert.
Diesen höchsten Planetengöttern folgen nun in bekannter Stufenreihe: +Adar+ (Saturn), +Maruduk+ (Jupiter), +Nergal+ (Mars), +Istar+ (Venus), +Nebo+ (Mercur); akkadisch: +Nin-dara+, +Amar-utuki+, +Nirgal+, +Sukus+ und +Ak+. Ihnen allen stehen mit Ausnahme der unklar androgyn gedachten +Istar+, deren geheimnisvoller Gatte +Dumuzu+ heißt, ausgesprochene weibliche Prinzipe gegenüber. So dem Adar: die +Belit+, dem Maruduk die +Zarpanit+, dem Nergal die +Laz+, und endlich dem Nebo die +Tasmit+.
Da nun Venus und Mercur bald am Morgen, und bald am Abend sichtbar sind, so nahm man eine doppelte Istar, eine von Arbela und eine von Niniveh, an und machte aus Nebo gar zwei Persönlichkeiten, Nebo den Gott der Wissenschaften und Künste, und +Nuzku+, den Diener und Boten des Bel. -- Wir sehen also hier schon völlig den mythologischen wie den astrologischen Charakter des Mercur vorgebildet.
Der geheimnisvolle Gatte Dumuzu (Tammuz) der Istar wurde ihr in seiner Jugendblüte entrissen und veranlaßte ihre Wanderung in das »Land ohne Heimkehr«, das Totenreich, wodurch er Anlaß zur Dichtung des ältesten Epos der Menschheit, die »Höllenfahrt der Istar«, gab. Da nun Dumuzu die Sonne ist, liegt diesem Mythus wohl der astronomische Vorgang des zeitweisen Verschwindens der Venus unter den Sonnenstrahlen zu Grund.
Die Planetengötter bilden die auf die höchste Trias folgende oberste Götterklasse und regieren mit ihnen nach Diodorus Siculus[2] die zwölf Monate und zwölf Zeichen des Tierkreises.
Auf Denkmälern, wie dem Obelisk des Salmanassar zu Nimrud und dem Monolithen des Assur-nasir-habal werden die obersten zwölf Götter folgendermaßen genannt:
»1. _Anu_, der König der himmlischen und irdischen Erzengel, König der Welt. 2. _Bel_, Vater der Götter, Schöpfer. 3. _Ea_, König des Oceans, Lenker des Schicksals, Gott der Weisheit und Erkenntniß. 4. _Sin_, Herr der Kronen, zum höchsten Glanz erkoren. 5. _Bin_, der Krieger und Herr der befruchtenden Kanäle. 6. _Samas_, Richter des Himmels und der Erde. 7. _Maruduk_, gerechter Fürst der Götter, Herr der Geburt. 8. _Adar-Samdar_, der Mächtige, Krieger unter den kriegerischen Göttern, Vernichter des Bösen. 9. _Nergal_, der Edelmüthige, König der Schlachten. 10. _Nebo_, Träger des höchsten Scepters. 11. _Belit_, Gattin des Bel und Mutter der höchsten Götter. 12. _Istar_, die Älteste des Himmels und der Erde, die das Antlitz der Krieger mit Glanz erfüllt.«
Anderswo[3] heißen die zwölf Monate des Jahres mit ihren Göttern:
1. _Nisannu_, Anu und Bel. 2. _Airu_, Ea, Gebieter der Menschheit. 3. _Sivanu_, Sin, Erstgeborener des Bel. 4. _Duzu_, Adar, der Krieger. 5. _Abu_, Allat, Herrin des Zauberstabes (Nin-gis-zida). 6. _Ululu_, Istar, Herrin der Schlachten. 7. _Tasritu_, Samas, der Herr der Welt. 8. _Arak-samma_, Maruduk, der große Fürst der Götter. 9. _Kisilvu_, Nergal, der große Krieger. 10. _Tebitu_, Pap-sukul, Diener des Anu und der Anat. 11. _Sabatu_, Bin, Feldherr des Himmels und der Erde. 12. _Addaru_, die sieben großen Götter der Planeten. 13. _Makru-sa-addari_, (Schaltmonat) Assur, Vater der Götter.
Mit Leichtigkeit erkennt man in diesen Monaten diejenigen des Kalenders der Juden, welche ihr Jahr mit dem siebenten Monat der Chaldäer beginnen ließen. Der erste jüdische Monat Tischri entspricht dem Tasritu, der Marchesvan dem Arak-samma, der Kaslev dem Kisilvu, der Thebet dem Tebitu, der Schebat dem Sabatu, der Adar dem Addaru, der Nisan dem Nisannu, der Ijar dem Airu, der Sivan dem Sivanu, der Tammuz dem Duzu, der Ab dem Abu, der Elul dem Ululu und der jüdische Schaltmonat Veadar endlich dem chaldäischen Makru-sa-addari.
Damit endlich, daß man die Planeten vergöttlichte und sie zu den Herren der Zeichen des Tierkreises wie der Monate machte, waren die Grundlagen der Astrologie geschaffen.
Eine große Anzahl von Sternbildern und einzelnen Fixsternen wurden als Götter niederen Ranges und Genien (+musedu+) angesehen und nach ihrem Rang und ihrer Bedeutung genau klassifiziert. Man suchte sich ihrer Kräfte durch Anfertigung ihnen geweihter Talismane zu versichern, aus denen dann die astrologischen Bilder entstanden, von denen ich in meinen »Geheimwissenschaften« ausführlich handelte.
Diese Astralgeister standen zwischen den Göttern und Menschen und griffen segenbringend oder unheilstiftend in das Schicksal der letzteren ein. Die vier wichtigsten schützenden Genien waren: der bekannte Flügelstier mit dem Menschenhaupt, der +sedu+ oder +Kirubu+, akk. +Alad+; der Löwe mit dem Menschenhaupt, +lamassu+ oder +nirgallu+, akkad. +lamass+; der menschlich gestaltete +ustur+ und endlich der geierköpfige +nattig+, welcher Hesekiel bei seiner Beschreibung der vier symbolischen, den Thron Jehovas tragenden Wesen vorschwebte.
Über diesen Genien standen noch zwei besondere Engelgruppen, die +Igigi+, die Geister des Himmels, und die +Amuna-irsiti+ (akkad. +amuma-ge+), die Geister der Erde, welche den phönizischen Kabiren entsprechen.
Nach Angabe eines Täfelchens aus der Bibliothek von Niniveh gab es außer der obersten Trias sieben höchste Götter, fünfzig große Götter des Himmels und der Erde, dreihundert Geister des Himmels und sechshundert Geister der Erde.
Es ist natürlich, daß die Annahme eines solchen Götter- und Dämonenschwarmes die Aufnahme des akkadischen Beschwörungs- und Zauberritus in die chaldäische Priesterwissenschaft begünstigen mußte, obschon die alten Akkader keine eigentlichen Götter, sondern nur gute und böse Naturgeister kannten, welche die Chaldäer später in Götter, Genien und Dämonen umbildeten.
Lenormant nimmt an, daß diese Jahrhunderte währende Umbildung und der Ausbau der alten Religion innerhalb der chaldäischen Priesterschulen zur Zeit Sargons I. um das Jahr 2000 v. Chr. abgeschlossen wurde.
Die obersten Naturgeister der Akkader sind die +allad+ (assyr. +sedu+), Genien, und +lamma+ (assyr. +lamassu+), Kolosse, welche jedoch in sehr unklarer Weise bald als gute und bald als böse Geister aufgefaßt werden. Besser sind wir über die eigentlichen Dämonen, +utuk+, welches Wort aber auch zuweilen einen guten Geist oder die menschliche Seele bedeutet, unterrichtet. Die wichtigsten unter ihnen sind die +alal+ (assyr. +allu+), Zerstörer, die +gigim+ (assyr. +e-kimmu+), welcher Name nicht entziffert ist, die +tellal+ (assyr. +gallu+), Krieger, und endlich die +maskim+ (assyr. +rabisu+), Nachsteller.
Diese letzten bilden die wichtigste scharf abgegrenzte Klasse und sind aufs genaueste das Widerspiel der sieben Planetengottheiten, kosmische Dämonen, welche überall störend und vernichtend in das Naturleben eingreifen; »sieben böse Geister, sieben Flammengespenster, sieben Dämonen der feurigen Sphären«.
Diese sieben Maskim, welche sich als Planetendämonen durch alle Mythologien ziehen[4] und noch als Vorbilder der sieben »Kurfürsten« der Teufel des Faustschen Höllenzwangs deutlich erkennbar sind, sind die Söhne des +Ana+, des Gottes und Königs der finstern Welt der Akkader; sie stören die Ordnung des Planetenlaufs, erregen Sonnen- und Mondfinsternisse; sie führen gleich den griechischen Titanen und den Naphelim oder Nephilim des Buches Henoch kurz nach der Schöpfung erbitterte Kämpfe gegen Gott. Sie thronen gleich den Teufeln im Innern der Erde und verursachen Unheil und Umsturz im Himmel und auf Erden. Eine akkadische Inschrift schildert ihr Treiben folgendermaßen mit lebhaften Farben:
»Die Sieben, sie werden im Gebirge des Westens geboren; Die Sieben, sie werden groß im Gebirge des Ostens; Sie thronen in den Tiefen der Erde; Sie lassen ihre Stimme erschallen auf der Höhe der Erde; Sie lagern im unermeßlichen Raum im Himmel und auf Erden. Einen guten Namen im Himmel und auf Erden besitzen sie nicht; Sie, die Sieben, erheben sich im Gebirge des Westens; Sie, die Sieben, legen sich im Gebirge des Ostens zur Ruh. -- -- -- Sieben sind es, sieben sind es: Sieben sind es in des Oceans tiefsten Gründen, aus dem verborgenen Schlupfwinkel. Sie sind nicht männlich, sind nicht weiblich, Sie breiten sich aus gleich Fesseln. Sie haben kein Weib, zeugen nicht Kinder; Ehrfurcht und Wohlthun kennen sie nicht. Gebet und Flehen erhören sie nicht. Ungeziefer, das dem Gebirge entsprossen, Feinde des Ea, Sind sie die Werkzeuge des Zornes der Götter. Die Landstraße störend, lassen sie auf dem Wege sich nieder, Die Feinde, die Feinde; Sieben sind sie! Sieben sind sie! Sieben sind sie! Geist des Himmels, daß sie beschworen seien! Geist der Erde, daß sie beschworen seien! -- -- -- Sie sind der Tag der Trauer, der schädlichen Winde! Sie sind der verhängnißvolle Tag, der verheerende Wind, der ihm vorausgeht. Sie sind die Kinder der Rache, die Söhne der Rache; Sie sind die Vorboten der Pest; Sie sind die Werkzeuge des Zorns der Nin-kigal[5]; Sie sind die flammende Wettersäule, welche arg hauset auf Erden; Sie sind die sieben Götter des unermeßlichen Himmels; Sie sind die sieben Götter der unermeßlichen Erde; Sie sind die sieben Götter der feurigen Sphären; Die sieben Götter, sie sind sieben an der Zahl; Sie sind die sieben schädlichen Götter; Sie sind die sieben Schreckgeister; Sie sind die sieben bösen Flammengespenster, Sieben im Himmel, sieben auf der Erde, Der böse Dämon, der böse +alal+, der böse +gigim+, der böse +telal+, der böse Gott, der böse +maskim+. Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie! Geist der Nin-gelal, der Herrin der Länder, beschwöre sie! Geist des Nin-dara, Sohn des Feuerhimmels, beschwöre sie! Geist der Sukus, Herrin der Länder, die zur Nachtzeit erglänzt, beschwöre sie!«
Die akkadischen Beschwörungen der Maskim erhalten zuweilen eine noch größere Ausdehnung und nehmen dann stets eine dramatische Form an. Eine Schilderung der von den Dämonen verursachten Verheerungen bildet die Einleitung, wobei vorausgesetzt wird, daß die Klage von dem wohlwollenden +Silik-mulu-khi+, dem Sohne Ea's, der über den Menschen wacht und zwischen ihnen und den obern Göttern als Vermittler dient, erhört worden sei. Aber seine Macht und Weisheit sind nicht derart, daß sie die übermächtigen Geister, deren Einfluß beschworen werden soll, zu überwinden vermögen. Silik-mulu-khi wendet sich daher an seinen Vater Ea, den Herrn der ewigen Geheimnisse, der die theurgischen Handlungen leitet, und dieser offenbart endlich den mysteriösen Ritus, die Zauberformel oder den »_allmächtigen geheimnißvollen Namen_«, der im Stande ist, alle Anschläge der furchtbarsten Höllenmächte zu vereiteln.
Es wird also in den akkadischen Beschwörungen von einem allmächtigen, geheimnisvollen Namen gesprochen, »mittelst dessen Ea im Innern seines Herzens die Zukunft bewacht und beschirmt«; dieser Name aber, der alle höllischen Mächte zu Boden streckt, wird nicht genannt: er wird in geheimnisvoller Weise vom Vater auf den Sohn übermittelt, ähnlich wie die wahre Aussprache des $YHWH$ bei den Juden von Hohepriester zu Hohepriester. Ea erteilt noch einige Vorschriften zum Behuf der Beschützung und Heilung der von den Maskim Besessenen, worauf endlich mehrere göttliche Wesen, wie die Höllengöttin Nin-kigal und Nin-akka-quddu, deren Eigenschaften weniger bekannt sind, unter Eas Anführung in die Handlung eingreifen und zusammen mit dem Feuergott zur völligen Unterwerfung und Bindung der Maskim schreiten.
Noch ist zu bemerken, daß diese soeben besprochenen Dämonen, deren Thätigkeit vorwiegend eine allgemeine und kosmische ist, nicht selten auch Menschen angreifen, deren Mißgeschick sie herbeiführen. Ihre Einwirkung kann aber auch -- wie die der Teufel des Mittelalters und der Reformationszeit -- infolge der Bezauberung durch Schwarzkünstler, wovon weiter unten, eintreten, und diese gilt daher als Urquelle alles menschlichen Unglücks sowie als Ursache aller tellurischen Katastrophen.
Wir sehen also in dem akkadischen Beschwörungsritual den ganzen Modus der mittelalterlichen Teufelsbeschwörungen vorgebildet, und wie dort die Maskim durch Silik-mulu-khi, den Sohn des Ea, und den »allmächtigen, geheimnißvollen Namen« Eas beschworen werden, so werden hier die sieben Kur- oder Großfürsten der Hölle durch Jesum Christum, Gottes Sohn, und die geheimnisvollen kabbalistischen Namen Gottes citiert und wieder entlassen. Ja, der »allmächtige, geheimnißvolle Name« der Akkader erinnert sogar an die Worte des Goetheschen Fausts, mit welchen dieser den in Pudelsgestalt hinter dem Ofen hockenden Mephistopheles apostrophiert:
»Verworfenes Wesen, Kannst du ihn lesen, Den nie entsprossenen, _Unausgesprochenen_, Durch alle Himmel gegossenen, Freventlich durchstochenen?«
Die akkadisch-chaldäischen Planetengötter und Maskim wurden im Parsismus zu den Amschaspands und Devs, bei den Juden zu den Erzengeln und Dämonen der Planeten, bei den Neuplatonikern zu den Weltfürsten und den Fürsten der Materie, und bei den mittelalterlichen Magiern endlich zu den Planetenintelligenzen und Großfürsten der Hölle.
Die andern Naturgeister wurden nicht zu den eigentlichen Dämonen gezählt, sondern -- wie der keilschriftliche Ausdruck lautet -- als »an sich selbst böse Geister« angesehen. Namentlich waren dies die Geister heißer und ungesunder Winde, welche in Verbindung mit den klimatischen Verhältnissen Chaldäas die Ausbildung und Verbreitung ansteckender Krankheiten begünstigten. Noch die Magie der nachreformatorischen Zeit läßt die vier Kardinalwinde von den Teufeln Oriens, Paymon, Egyn, Amaymon beseelt sein, und noch Robert Fludd schrieb in seiner +Medicina catholica+ einen stattlichen Folioband, worin er die Entstehung und Heilung aller Krankheiten durch die Geister der Winde detailliert.
Die Thätigkeit der übrigen, unbestimmt klassifizierten akkadischen Dämonen ist auf die Vorgänge des täglichen Lebens gerichtet, und eine Beschwörung sagt hierüber Folgendes:
»Sie sind der Hölle Ausgeburt, Sie tragen den Umsturz nach oben, sie bringen Verwirrung nach unten. Sie sind das Gift in der Galle der Götter, die großen Tage, die vom Himmel sich weg stehlen. Sie fallen als Regen vom Himmel, sie sind die der Erde entsprossenen Kinder. Sie drängen sich rings um hohe Gerüste, um geräumige Gerüste. Sie dringen aus einem Hause in das andere, Sie werden von den Thüren nicht abgehalten, Sie werden von den Riegeln nicht aufgehalten, Sie schleichen zwischen den Thüren hindurch wie Schlangen, Sie verhindern die Schwängerung des Weibes durch den Gatten[6], Sie stehlen die Kinder vom Schooße des Menschen[7], Sie vertreiben den Besitzer vom väterlichen Hause, Sie sind die Stimme, die den Menschen verflucht und verfolgt.«