Der Occultismus des Altertums

Part 19

Chapter 193,441 wordsPublic domain

Der _Stier_ ist das natürlichste Zeichen, daß im Frühling das Feld bestellt werden muß; außerdem ist auch in Bezug seiner Reihenfolge auf den Widder zu beobachten, daß im Frühling nach den Schafen die Rinder werfen. Ägyptische Mythen beziehen den Stier auf den Apis; mit größerem Recht haben wir wohl an den zoroastrischen Urstier, Moloch &c. zu denken.

Die _Zwillinge_ erscheinen auf der indischen Sphäre getrennten Geschlechts; jedoch erscheint diese Darstellung jünger als die griechischen Mythen, welche in diesem Sternbild die Dioskuren, Triptolemus und Jasion, Zethus und Amphion, Herkules und Apollo sehen. Bemerkt sei noch, daß sich anstatt der menschlichen Zwillinge, auf welche sich jedoch schon die Asvinau der Indier in den epischen Gedichten zu beziehen scheinen, in indischen Darstellungen zwei Gazellen finden, und das ganze Bild somit die im Frühling üppig grünende Natur anzudeuten scheint.

Die Darstellung des folgenden Zeichens durch einen _Krebs_ ist zwar allverbreitet und uralt, unterliegt aber doch wohl ursprünglich einer falschen Deutung, insofern die ältesten Darstellungen der ägyptischen und indischen Sphäre nicht einen Krebs, sondern den der Sonne geheiligten Scarabäus darstellen, welcher jedoch erst in späterer Zeit als Solstitialzeichen dem Anubis beigesellt wurde.

Die griechische Mythe läßt den Krebs aus dem lernäischen Sumpf hervorgehen und den Herkules bei seinem Kampf gegen die Schlange am Fuße verwunden. Diese Mythe entstand höchst wahrscheinlich erst aus dem Sternbild selbst, um so mehr, als Taschenkrebse -- denn einen solchen stellt das Sternbild vor -- nur im Meere leben. -- In späterer Zeit erklärt Makrobius den Krebs aus der abnehmenden Deklination der Sonne, nachdem sie den Sommersolstitialpunkt erreicht hatte.

Auf der alten Sphäre bezeichnet der _Löwe_, das Sinnbild der Kraft, den ursprünglichen Kulminationspunkt der Sonne, und hierauf beziehen sich die diesbezüglichen Mythen wie vom nemeischen Löwen usw.

Die _Jungfrau_ mit der Ähre (+Spica+) ist an sich klar das Bild der Ernte und kann sich, da dem gesamten Altertum das Bild einer Frau als Schnitterin fremd ist, nur auf die Erde als Göttin beziehen, welche ihre Gaben spendet. Darauf beziehen sich auch die schwankenden Mythen, welche bald auf Dike, bald auf Asträa, Isis usw. abzielen.

Bekannt ist, daß der ältesten griechischen Sphäre das Zeichen der _Wage_ fehlt, und daß sich an ihrer Stelle die Scheren des Skorpions befinden. Auf der indischen Sphäre jedoch befindet sich die Wage (+tulâ+) mit zwei Schalen, deren die Goldschmiede sich bedienen und worauf der Totenrichter Yama die Thaten der Menschen abwägt. Außerdem bedeutet sie an sich +aequalitas+ und ist somit das natürlichste Zeichen des Äquinoktium.

Bezüglich des _Skorpions_ finden sich nur wenig Mythen, doch fängt in Ägypten unter ihm das Reich des Typhon an. Am richtigsten ist wohl, bei der Aufstellung dieses Sternbildes daran zu denken, daß im Herbst Indien und Persien von Skorpionen, Schlangen und anderm Gewürm wimmeln; auch wäre es vielleicht angezeigt, an die Kharfesters des Zendavesta zu denken.

Die Entstehung des Sternbildes des _Schützen_ ist sehr zweifelhaft; auf keinen Fall kann die Mythe von den Centauren, Chiron &c. genügen, und auch an einen ägyptischen Ursprung ist wohl kaum zu denken, da das Nilthal ein durchaus pferdearmes Land ist, wohingegen die Entstehung der Centaurenmythe durchaus auf die Ebenen Hochasiens paßt.

Überhaupt steht die Annahme des ägyptischen Ursprungs des Tierkreises in entschiedenem Widerspruch zum dortigen Naturleben, abgesehen von dem Umstand, daß das Alter des Tierkreises von Denderah nicht über die Zeit des Tiberius hinausgeht. Wenn andere Flüsse abnehmen, sagen schon die Alten, so steigt der Nil vom Sommersolstitium bis zum Herbstäquinoktium, und wenn andere Völker Winter haben, ist in Ägypten alles blühend. Die Frühlingsnachtgleiche findet im Widder statt; der Nil steigt im Krebs, und die Überschwemmung dauert bis in das Zeichen der Wage, weshalb der Löwe nicht mehr ein Bild der Sonnenhöhe sein kann. Die Landbestellung fängt im November, also im Zeichen des Schützen an, die Ernte fällt in den März, weshalb der Stier nicht Erntestier sein kann, und im Zeichen der Jungfrau steht das Land unter Wasser. Aus den genannten Ursachen würde ein ägyptischer Ursprung des Tierkreises nur dann annehmbar sein, wenn man das Frühlingsäquinoktium in die Wage, und das Wintersolstitium in den Krebs versetzen wollte. Dabei würden aber die so charakteristischen Zeichen des Stiers, des Krebses und des Löwen ihre Bedeutung völlig einbüßen, abgesehen von dem Umstand, daß man die Entstehung des ägyptischen Tierkreises in das Jahr 14272 v. Chr. setzen müßte.

Dahingegen würde die Entstehung des Tierkreises völlig auf das nördliche Indien und Bengalen passen, insofern die Regenmonate (+chaturo vârshikan mâsân+ nach der Ramayana) der Sphäre entsprechend vom November bis Februar fallen. Die Vedas setzen den Frühling (+vasanta+) unter die Zeichen von den Fischen bis zum Stier sofort nach der Überschwemmung. Die betreffenden drei Monate sind die angenehmsten, und in ihnen beginnen die Pilgerfahrten nach Haridvari bis zum April hin, wo endlich die Zeit der Feldbestellung im Zeichen des Stieres beginnt. Der Tierkreis bietet somit noch gegenwärtig den Indiern einen völligen Naturkalender dar, während er für Ägypten eine nichtssagende Hieroglyphe ist.

Es fragt sich nun endlich noch, ob die Anordnung des Tierkreises getroffen wurde, als noch Bild und Sache zusammenfielen, d. h. mit andern Worten, als der Katasterismus des Widders das Zeichen des Frühlingsäquinoktium war, was um ca. 550 v. Chr. stattfand, oder ob dies früher geschehen sei. Dabei ist der Betrag der Präcession -- in 72 Jahren ein Grad -- wohl zu berücksichtigen und zu bedenken, das die Präcession eines Zeichens 2160 Jahre, die des ganzen Tierkreises jedoch rund ca. 26000 Jahre beträgt.

Da nun trotz der Behauptungen des Ktesias, der alten chaldäischen Priester usw. nicht an ein solches Alter der Astronomie zu denken ist, so bleibt nur die Annahme des indischen Ursprungs des Zodiacus übrig, wobei nur das spät entstandene Zeichen der Wage störend wirkt, während alle anderen Zeichen ihre ungezwungene Erklärung finden, wenn mit dem Stier das Jahr sich eröffnete. Die Hitze mit ihren Fiebern wird am drückendsten zur Zeit des Herbstäquinoktium, wenn die Sonne in den Skorpion tritt, gerade wie der Parsismus und die biblische Kosmogonie das Hereinbrechen des Übels unter dem alten Drachen und die neueren Stücke des Zendavesta im Zeichen der Wage annehmen. Im Steinbock steigt die Sonne wie das Wasser der Ströme, welches durch das Amphibium Makara angedeutet wird. Der Wassermann gießt seine Ströme herunter, und der Scarabäus erhält dadurch Bedeutung, daß er erst zur Sonne strebt, aber noch nicht deren Kulminationspunkt bezeichnet. Derselbe tritt im Löwen, im astrologischen Haus der Sonne ein, weshalb Herkules auf der Löwenhaut ausruht und in Ägypten der Löwe der Thron des Horus ist. Überhaupt beziehen sich alle siderischen Mythen nur auf diese Sphäre, besonders wenn in ihnen der Stier figuriert, an dessen Stelle in späterer Zeit der Widder oder das Lamm trat.

Die Chinesen beginnen noch heute den Tierkreis mit dem Stier und feiern die Wiederkehr der Sonne im Wassermann, während die Perser die zwölf Bilder des Tierkreises mit den zwölf ersten Buchstaben des Alphabets bezeichnen und für den Stier +A+, für die Zwillinge +B+ setzen usw. Dabei will ich nochmals daran erinnern, daß im Zendavesta der Urstier, der himmlische Lichtbringer, welcher das Gras wachsen läßt, im Frühjahr geschaffen wird.

Noch deutlicher wird dies bei den Mithramonumenten und bei dem ägyptischen Apis usw. In allen diesen religiösen Mythen, welche das ganze Altertum durchdringen, eröffnet der Stier das Jahr, und es geht mit ihm und dem Frühlingsäquinoktium bei der Weltschöpfung die Umwälzung sämtlicher Gestirne aus. In den Vedas beginnen die Krittikas oder die Plejaden am Halse dieses Sternbildes ebenso wie die 28 Mondnakshatras, eine Anordnung, welche Colebrooke um das Jahr 1400 v. Chr. setzt.

Nur die Ägypter, bei denen die Personifikation der Erde als eine Kuh als eine ihnen ursprünglich fremde Vorstellung vorausgesetzt werden darf, treten hier -- durch ihr Klima genötigt -- mit der späteren Sphäre allenthalben in Widerspruch.

Der Widder, welcher im koptischen Tierkreis das Reich des Ammon genannt wird, war den Ägyptern bereits das Zeichen des Frühlingsäquinoktium, und die Mythen von Jupiter Ammon sind wie die Sothisperiode wohl kaum so alt als man gewöhnlich annimmt. Der Sirius (Sothis) sollte nach den Anschauungen der Ägypter der Schöpfung der Welt vorgestanden haben, weil sie nach dem astronomischen Jahr des Meton den Jahresanfang in das Sommersolstitium verlegten oder die Schöpfung im Zeichen der Wage geschehen sein ließen, weil sonst die Züge des Osiris keine Beziehungen zu dem Land gehabt hätten, denn nach Diodorus Siculus trat, während Osiris in Äthiopien war, der Nil aus seinen Ufern. Dennoch begannen sie die Trauer um Isis, wenn der Nil noch im Steigen war, und die Thränen der Isis vermehrten das Wasser, und Osiris stirbt im Zeichen des Skorpions. Alles dies sind Anschauungen der Perser und Indier von dem Absterben der Natur und dem Sieg des Bösen, welche jedoch mit dem Anfang des Frühlings im Nilthal ohne alle Bedeutung sind.

Alle diese Umstände würden auf eine Entstehung des Tierkreises um etwa 1600 v. Chr. deuten. Das hohe Alter des Tierkreises erhellt auch aus dem Umstand, daß das älteste Jahr 360 Tage zählte. Die Griechen schrieben die Einführung desselben dem Solon zu, während nach Diodor[266] in Ägypten zu Philä täglich ein Gefäß mit Milch aufgestellt wurde, bis die Zahl von 360 erreicht war; eben so viele Priester mußten Wasser in ein durchlöchertes Faß gießen, und der Kriegsrock des Amasis bestand aus Fäden von 360 Drähten. Am Rocke des Hohepriesters befanden sich nach einigen Rabbinen 360 Glöckchen, und in der Kaaba der alten Araber standen 360 Götterbilder; Semiramis baute um Babylon eine Mauer von 360 Stadien Länge, und auch das altpersische Jahr hatte 360 Tage. Bei den Indiern bilden 360 irdische Jahre ein Götterjahr, und noch jetzt ist ein Jahr von 360 Tagen auf Sumatra, Java, in Surate usw. in Gebrauch. Die indische Stunde hat 60 Minuten oder 360 Augenblicke, und es scheint, daß auch die Ägypter ihre Stundeneinteilung diesem Jahre entlehnten. Wenigstens scheint dies aus Ptolemäus zu erhellen, welcher nach den 360 Graden des Tierkreises der Stunde fünfzehn Minuten und der Minute fünfzehn Sekunden, dem Tag also 60 Stunden giebt, während der bürgerliche Tag nur 24 Stunden zählt.

Es bleibt nun noch die indische Lehre zu erwähnen, nach welcher der Tierkreis in 120 Dekatemorien geteilt wird, so daß auf jedes Zeichen zehn entfallen, ferner in 36 Dekanate, deren Herren -- die Dekane -- die einzelnen menschlichen Glieder analog der Harmonie des Makrokosmos mit dem Mikrokosmos regieren. Ursprünglich entstammte diese Anordnung wohl den Chaldäern, weil Psellus und andere sie denselben zuschreiben. Diodorus Siculus nennt dieselben %theoi boulaioi%, und bei den Indiern heißen sie +dreskânâs+.

Einer der bedeutendsten indischen Astrologen war der um 506 nach Christus lebende Varahamihioas, ein Brahmane zu Udjayini, von seinen Schülern Avantikas genannt, welcher ein reichhaltiges astronomisch-astrologisches Werk schrieb. Der erste Teil desselben enthält die eigentliche Astronomie, und die beiden letzten die Astrologie. Die letztere zerfällt wieder in drei Teile (+skandâs+), nämlich +Tantra+, welches die Berechnung der Planetenorte lehrt, alsdann +Horâ+, das eigentliche Stellen der Nativitäten und das Ermitteln glücklicher Elektionen zu Reisen, Hochzeiten usw. Der dritte Teil enthält die Wetterprognostika (+Sâkhâ+). Von dem Gesamtwerk sind nur die astrologischen Teile unter dem Namen +Vrihatsanhitâ+ erhalten geblieben und von Bhattatpala kommentiert worden.

Ein anderer berühmter Astrolog war der um 581 n. Chr. lebende Brahmaguptas, welcher großen Einfluß auf die Araber ausübte, und mit welchem namentlich Abumassar in der Theorie von den großen Umläufen des Saturn und Jupiter übereinstimmt.

Noch will ich bemerken, daß es nach Diodorus Siculus und Strabo bereits zur Zeit Alexanders des Großen in Indien astrologische Ephemeriden gab, und daß am Neujahrstage die Astrologen bei Hofe erscheinen mußten, um »die Witterung« für das Jahr vorauszusagen. Was aber Strabo und Diodorus »Witterung« nennen, bezieht sich auf die »glücklichen« und »verbrannten« Tage (+dagdhas+), welche bis auf die Neuzeit in der Astrologie eine große Rolle spielen. Es leuchtet ein, daß die Ermittelung dieser Tage, welche an gewisse Konstellationen geknüpft sind, Berechnungen erfordern, weshalb der Astrolog im Sanskrit Rechner (+ganakas+) oder Zeichenkenner (+nimittavid+) heißt. Die Astrologie heißt entweder Götterbefragung (+devaprasna+) oder Nativitätsberechnung (+jâtaka+), und der Berechner astrologischer Ephemeriden führt den Namen +Sâmoatsaras+. In Trankebar besteht gegenwärtig noch der Kalender (+panchângam+) aus fünf Hauptteilen: aus den Titthis, den Wochentagen (+vara+), den Nakschatras, den Yogas und aus dem astrologischen Teil, der die +Kâana+ und +Tyâga+ oder dasjenige vorschreibt, was an den glücklichen oder unglücklichen Tagen zu thun und zu lassen sei. Die Astrologie kommt bereits im Ramayana bei der Geburt des Rama vor, welche unter einer glücklichen Konstellation stattfand, ja aus vielen Stellen alter Sanskritschriften ergiebt sich, daß das Leben der alten Inder durch astrologische Ideen so beherrscht wurde, daß er nichts that, ohne die Planeten zu befragen. Diese Anschauungen mußten sich allenthalben da entwickeln, wo die Gestirne ihren Einfluß auf die Regierung der Welt, auf Charakter und Sitten, auf die künftigen Schicksale, auf die Körperbildung wie auf das ganze Naturleben behaupteten.

Was sonst noch über indische Astrologie zu sagen ist, habe ich in meinen »Geheimwissenschaften« mitgeteilt.

Sehen wir nun zu, was an verbürgten Resultaten des praktischen Occultismus der Inder in Europa bekannt geworden ist.

Dr. Johannes Baumgarten berichtet in der +Sphinx+[267]:

»Seitdem Charcot 1878 den wissenschaftlichen Bann gebrochen hat, der auf den Magnetisten (nicht zu verwechseln mit den Magnetiseurs) lastete, sind die 'Profanen' allseitig in das sorgfältig gehütete dunkle Gebiet des Occultismus eingedrungen und haben als Gewinn ihrer Streifzüge eine Reihe sogenannte Entdeckungen von Thatsachen heimgebracht, die seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, nur der blinden Schulweisheit unbekannt waren, die sie jedoch unter neuen Namen zuerst an das Licht gezogen zu haben wähnen. Keine einzige der durch die Experimente von Charcot, Baurneville, Richet, Liebeault, Bernheim, Dumontpallier, Preyer u. v. a. herausgestellten Hauptthatsachen des Hypnotismus und der Suggestion ist neu; sie lassen sich nachweisen in den Schriften von Du Potet und dessen Schülern; ja manche bei den ersten Mesmeristen und selbst weiter rückwärts im 18. Jahrhundert.«

»Der Brahmane und spätere portugiesische Abbé Faria, der in dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts durch seine Experimente in Frankreich Aufsehen erregte und Schüler wie Noizet und Bertrand bildete, stellte die erste Theorie der Suggestion auf. In vielen Dingen steht er bereits auf heutigem wissenschaftlichem Boden. Sein etwas schwer zu lesendes Werk ist eine Fundgrube für Forscher; man findet darin: Gedankenübertragung, Lesen geschlossener Bücher oder versiegelter Briefe, Fernsehen, Ortsveränderung der Seele &c.«

»Ein anderer Brahmane Lahanteka, der 1854 und 55 Amerika bereiste, bewies in merkwürdigen Experimenten die direkte Wirkung des Willens auf die äußere Welt und zeigte u. a. wie durch einen einfachen Willensakt die Sinne seiner Zuhörer dergestalt von Illusionen befangen wurden, daß sie glaubten, einen Schwarm von Vögeln durch den Saal fliegen zu sehen und deren Gesang zu hören. Von Gedankenlesen gab er ihnen folgenden Beweis:«

»Lahanteka hatte ihnen zu wiederholten Malen unter zwanzig Münzen diejenige richtig bezeichnet, auf welche sie während seiner Abwesenheit ihre Willenskraft koncentrirt hatten. Da schlug einer, ebenfalls in Abwesenheit des Brahmanen, vor, um ihn zu prüfen, unter den Geldstücken keine Wahl zu treffen und sie ihm so vorzulegen. Lahanteka untersuchte die Münzen genau und erklärte dann, man habe auf keine einzige speziell den Gedanken gerichtet; hierauf betrachtete er eben so genau seine Zuhörer und bezeichnete dann richtig denjenigen, der diese Probe vorgeschlagen hatte.«

»Bei aufmerksamer Lektüre der seit dem 16. Jahrhundert erschienenen Reisebeschreibungen wird man auf eine Menge bisher wenig beachteter occultistischer Thatsachen stoßen, die nicht selten durch ihre Übereinstimmung in den verschiedensten Ländern eine entscheidende Beweiskraft für ihre Wirklichkeit und dadurch vielfach fast den Wert direkter Experimente haben.«

»Erst seit sieben Jahren weiß man genauer, daß in den Bazars des Orients eine geheime Korrespondenzweise bekannt ist, wodurch man Nachrichten in die Ferne senden und daraus erhalten kann. Dieselbe heißt Hindostan und im westlichen Asien Khabar (d. h. arab. Nachrichten).«

»Diese bis jetzt für die Wissenschaft unerklärliche Mitteilung geschieht mit der Schnelligkeit des Blitzes, wie Lord Cameron in seinen 'Erinnerungen an die Drusen' sagt:«

»Fragt euch ein Kaufmann, Türke, Araber, Hindu oder Perser, ob ihr die neuesten Nachrichten kennt, und ihr antwortet verneinend, so teilt er euch diejenigen mit, welche der Khabar eben offenbart hat.«

»Hieraus erklärt sich, wie während des Krimkrieges die Brahmanen eher als die Engländer und noch vor dem Eintreffen der telegraphischen Nachricht den Fall Sebastopols und nachher den Abschluß des Friedens von 1856 erfuhren. Das Journal Du Potets erinnert daran, daß 1816 ein kurzer Aufstand unter einigen Völkerschaften im Innern von Hindostan entstand, weil diese -- drei Wochen bevor die englische Regierung es erfuhr -- die Nachricht von der Niederlage der Engländer am Vormittage von Waterloo erhalten hatten. Kurz darauf traf ebenso schnell die Nachricht vom schließlichen Siege der Engländer ein. An der Thatsache, die in ähnlicher Weise auch in Central- und Nordasien von Reisenden beobachtet wurde, ist kaum zu zweifeln. Aber wie soll man sie erklären? Noch kein wissenschaftlicher Beobachter hat sie untersucht, man ist also auf Vermuthungen beschränkt, da auch von der Benutzung des Hellsehens einer Somnambule dabei nicht die Rede ist.«

»Man könnte denken an den Gebrauch des magischen Spiegels +Sarwa anjoun+, den die Hindu und Mohammedaner in Indien kennen, und welcher in merkwürdiger Weise an das Experiment des Grafen de Laborde mit dem Magier Achmed in Ägypten erinnert. Die Operationsweise mit diesem Spiegel ist folgende:«

»Man nimmt eine Handvoll von +dolichos lablab+, welche man über dem Feuer verkohlen läßt und zu Pulver zerreibt und dann mit Biberöl befeuchtet. Hierauf läßt man dieses Präparat in einem neuen irdenen Gefäß, Lota genannt, verbrennen und drückt diese Masse, nachdem man eine gewisse Formel gesprochen hat, in die Hand eines Knaben, der bald darauf darin geheimnisvolle Gestalten und Geister erblickt. -- Höchst bemerkenswerth ist, daß eine der ersten Gestalten, welche das Kind erblickt, gewöhnlich die des +fourach+ oder Straßenkehrers ist, dem ein Wasserträger folgt; hierauf kehrt der +fourach+ zurück, breitet einen Teppich aus und es erscheint eine große Schaar von guten und bösen Geistern, bis sich ihr Führer auf einem Throne zeigt und dadurch die Erscheinung zu Ende geht.«

»So geht die Sache in Hindostan vor sich. Nun hat sich aber ganz dasselbe in Kairo beim Experiment Achmeds vor dem Grafen de Laborde gezeigt: Der in seine Hand blickende Knabe beschrieb einen türkischen Soldaten, der einen Platz vor einem Zelte fegte. Die Beweise von Fernsicht, welche das Kind gab, waren durchaus überzeugend.«

»Von einem zum Fernsehen gebrauchten Knaben ist weder beim Khabar noch bei den Sannyasis und Hoyis, welche den +Sarwa anjoun+ handhaben, die Rede. Es muß also eine andere Erklärung gesucht werden, und da dürfte denn die von einem Herrn Magliulo 1856 zu Bona in Algerien (jedenfalls im Verkehr mit den dortigen Arabern) gemachte Entdeckung eines höchst einfachen, Ferngesichte erzeugenden Zauberspiegels eine Handhabe bieten. Nach Du Potets Journal (+XV, 494+) bereitet man diesen Spiegel auf folgende Weise:«

»Man schwärzt mit Tinte in der Höhlung der linken Hand eine Fläche von der Größe eines Zehncentimes-Stückes, gießt 2-3 Tropfen Öl darauf, den Flecken magnetisiert man durch einige Striche mit der rechten Hand, was auch ein anderer eine halbe Minute lang thun kann, hierauf lehnt man die Hand irgendwo an, um sie nicht ermüden zu lassen, und haftet unverwandt den Blick ohne die Augen und Gedanken jemals abschweifen zu lassen, auf den schwarzen Flecken in der linken Hand und erwartet die sicher eintreffenden Erscheinungen und verlangten Fernblicke ab. Personen von nervösem oder lymphatischem Temperamente erhalten dieselben recht bald, vollkommen gesunde und kräftige oft erst nach längerer Zeit.«

»Die Möglichkeit dieser Operationsweise beim Khabar läßt sich nicht ohne weiteres zurückweisen, da eine Reihe ähnlicher Beobachtungen mit anderen sogenannten Zauberspiegeln vorliegen. Das Ganze beschränkt sich auf eine braidistische Konzentration des Blickes und Gedankens, die eine Auto-Hypnose erzeugt, welche bei hysterischen und nervösen Personen die bekannten Erscheinungen unzweifelhaft zur Folge haben. Es kann nicht eindringlich genug darauf aufmerksam gemacht werden, daß diese Auto-Hypnose wie überhaupt alle Auto-Magnetisations-Experimente äußerst gefährlich sind, daß häufig Wahnsinn, selbst Tobsucht eintritt, jedenfalls eine dauernde Disposition zu Delirien und Wahnvorstellungen. Aubin Gauthier machte schon auf die Gefährlichkeit der vor ihm so genannten Ipso-Magnetisation aufmerksam in dem Falle, wo sie die Erzeugung eines somnambulen Zustandes bezwecke. Es treten zuweilen unheimliche Zustände einer Art von fast dämonischer Besessenheit mit entsetzlichen Hallucinationen ein, wie sie uns Du Potet beschreibt, der sie an sich selbst erfahren hat. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unerwähnt lassen, daß Paul Gibier in seinen beiden letzten Schriften und mehrere andere Sachkenner es für einen höchst gefährlichen Unfug halten, wenn sogenannte Antispiritisten und Hallucinationskünstler in Deutschland umherziehen und mit ihren hypnotistischen Experimenten die unwissende Menge, wozu auch auf diesem Gebiete die meisten Gebildeten gehören, verblüffen. 'Es sind Kinder', sagte er, 'welche mit Dynamitpatronen spielen.'«

»Wir gehen jetzt über zur Schilderung einiger occultistischer Merkwürdigkeiten aus Tibet, welche wir den Reisebeschreibungen des Missionars Huc entnehmen. Die Werke dieses Reisenden wurden auf den Index gesetzt und er selbst seiner Stelle als Missionar entkleidet, weil er in naiver Weise die Übereinstimmung einer Reihe katholischer Ceremonien und Gebräuche mit tibetanischen wahrheitsgetreu ans Licht gezogen und ebenso über einige Wunderdinge, die er unter den Lamas mit eigenen Augen gesehen, berichtet hatte. Einiges harrt noch der wissenschaftlichen Erklärung und Bestätigung, anderes, wie die Schaustellungen der Bokte-Lamas, ist heute durch ähnliche Beobachtungen in Kleinasien und Nordafrika vollständig außer Zweifel gesetzt.«