Part 18
In der sogenannten »Theosophie« oder dem esoterischen Buddhismus ist unendlich viel von den sieben Grundteilen des Menschen die Rede, ohne daß jedoch im Entferntesten diese Lehre etwas dem Buddhismus oder der indischen Religionsphilosophie Eigentümliches wäre. Im Gegenteil finden wir bei allen philosophischen, religiösen und occultistischen Lehren, die auf pantheistischer Grundlage ruhen und ein Emanieren der Seele aus Gott annehmen, ein Zerlegen des nicht körperlichen Menschen in mehrere, keineswegs stets sieben Grundteile; im Gegenteil ist die Zahl derselben eine sehr schwankende. Der Annahme mehrerer Grundteile des übersinnlichen Menschen liegt die Folgerung zu Grund, daß die eigentliche als Teil der Gottheit emanierte Seele weder leiden noch sündigen könne. Darum giebt man ihr noch mehrere mehr oder weniger niedere Grundteile bei, um Leiden, Sünde, Leidenschaft usw. erklären zu können. Damit ist die Annahme eines Astralkörpers als ätherisches Grundschema des Menschenleibes eng verbunden. Ich werde die Ausbildung dieser Anschauungen verfolgen und will hier einstweilen nur bemerken, daß die »Theosophie« eine Entwickelung oder Sublimation der sieben Grundteile aus dem Stoff heraus und empor analog der Entwickelung des Menschen aus dem Urschleim annimmt, um den Umstand erklären zu können, daß in manchem Menschen der göttliche Funke total fehlt oder nur ganz rudimentär entwickelt ist, wie beim Idioten, Verbrecher usw. So ist bei dem Menschen der westlichen Kultur nach »theosophischer« Anschauung erst der fünfte Grundteil entwickelt, bei den hochbelobten Mahatmas der sechste und erst bei den verschiedenen Buddhas und Christus -- ein hirnverbrannter »Theosoph« zählt neunzehn Christus auf -- ist der siebente Grundteil ausgebildet. -- Die als die geistigste aller geistigen Lehren und uralt gepriesene »Theosophie« ist also durchaus materieller Natur und modernsten Ursprungs.
Die »theosophische« Anschauung entstammt der Sankhyaphilosophie, welche zwischen einer spirituellen und einer sensitiven Seele oder einer Art Astralkörper unterscheidet. Die Gründer der »Theosophie« haben dann aus den verschiedensten Geheimlehren Brocken aufgelesen, die »Lebenskraft« hinzugethan und endlich, um der mystischen Zahl Sieben Genüge zu thun, sieben Grundteile glücklich herausgebracht. Davon, daß Paracelsus und Agrippa von Nettesheim wie Helmont wirklich sieben Grundteile annahmen, wußten sie kein Wort, das habe _ich_ erst entdeckt und Herr Franz Hartmann in seinem Paracelsus verwendet. Später wies Herr Franz Lambert die Annahme von sieben Grundteilen bei den Ägyptern und in der Kabbala nach, was indessen ebenso wie meine Entdeckungen für die Echtheit der Theosophie gar nichts beweist, als daß in den ersten beiden Jahren des Bekanntwerdens der Blavatskosophie in Deutschland ein Jagdfieber nach Grundteilen herrschte. Das Zusammentreffen ist ein rein zufälliges und eine durchgehende esoterische Annahme von sieben Grundteilen im Menschen ist nicht im Entferntesten vorhanden. Ich werde den Nachweis führen. Mit der durchgehenden Annahme von sieben Grundteilen aber, die sich einer aus dem andern entwickeln, steht und fällt die ganze Theosophie.
Nach der Sankhyaphilosophie also sind zwar die Seelen aus dem Urgeist -- Atma -- geflossen, aber wir müssen sie mit Perlen vergleichen, die an eine Schnur gereiht sind. Ein jeder Körper hat seine individuelle Seele, weil sonst jeder Einfluß auf alle zusammen wirken würde, und ebenso hat auch jede Seele ihre Vollkommenheiten und Schwächen, gerade wie eine jede der auf der Schnur verteilten Perlen. Die geistige, »lebende, selbstbewußte« Seele -- +jîva+, +buddhi+ -- ist umhüllt mit einem feinen Leib aus dem feinsten materiellen Äther. Derselbe ist das, was die späteren Philosophen +anima sensitiva+ -- bei den Indiern +manas+ -- nannten, welches der Sitz der Neigungen und Leidenschaften der Menschen ist, und welchen man durch die geistige Seele, die Vernunft, +buddhi+, beherrschen muß. Die +anima sensitiva+ führt auch den Namen +sûkshmasarîra+, »feiner Körper« -- also Astralkörper -- und ist der Sitz des Selbstbewußtseins; derselbe wird durch innere und äußere Eindrücke angeregt, ist aber des sinnlichen Genusses so lange unfähig, bis er von einem materiellen Körper umgeben ist. -- Derselbe -- +sthûlasarîra+ -- besteht aus den Elementen, wird durch die Zeugung fortgepflanzt und ist sehr vergänglich, während der »feine Körper« dauerhafter ist und sich durch eine Reihe von Generationen hindurchzieht, gleich wie derselbe Schauspieler die verschiedenen Rollen seines Repertoirs spielt. Endlich aber wird der »feine Körper« im Äther aufgelöst, während die Vernunft -- +buddhi+ -- in der Gottheit aufgeht, ohne dabei ihre Individualität zu verlieren. Dies ist die ewige Seligkeit, die Auferstehung in der Lichtwelt.
Nach der Lehre der Brahmanen ist die eigentliche Aufgabe des höheren geistigen Lebens die Contemplation und Meditation, bis die Seele ganz und gar dasjenige erreicht, womit sie sich ausschließlich beschäftigt. Indem sie sich mit allen Kräften in die Natur dessen, womit sie sich beschäftigt, versetzt und darin aufgeht, so muß sie die ganze Kraft ihres Willens dahin richten, den Gebrauch solcher Mittel zu üben, welche einen derartigen magisch-mystischen Rapport hervorrufen, um durch stufenweise Einweihung und fortschreitende Übung jene mystische Vollendung zu erreichen, in welcher ihnen Brahma selbst erscheint und sich mit ihnen vereinigt.
Diese Mittel sind Buße und strenge Askese. Um die Seele ganz von dem Irdischen loszulösen und sie in völlige Freiheit zu setzen, muß der Yogi genannte Asket allen natürlichen Verhältnissen entsagen, sich gänzlich von der Welt zurückziehen und allem Umgang mit Menschen entsagen, durchaus keusch leben und streng fasten. Auch scheint ein anhaltender Aufenthalt im Dunkeln und eine Überladung des Bluts mit Kohlensäure, herbeigeführt durch systematisch verlangsamtes Atmen, die Yoga zu befördern. Unbedingter Gehorsam gegen den Führer -- Guru -- auf den ansteigenden Stufen der Yoga ist ebenfalls unbedingt erforderlich, um die vollkommene Ruhe der Seele zu erlangen, ebenso wie »der Leib ganz ohne Bewegung, dem Holze gleich, ohne Empfindung und Regung festgehalten und alle seine Pforten der natürlichen Ausgänge verschlossen gehalten werden müssen.«
Übrigens kommen in Manus Gesetzbuch mehrere Stellen vor, welche noch äußere Mittel nennen, die zur Erreichung des inneren Schauens mithelfen sollen, wie das Schauen in Feuer, Sonne oder Mond -- also Autohypnose -- Opfer, Gesänge und endlich der berühmte Somatrank. Der Somatrank gilt als unerläßlich zur Vollendung der Yoga und soll in jenen magischen Zustand versetzen, in welchem die Yogis sich über alle Welten erheben und -- mit Brahma vereint -- das All durchschauen. Nach Decandolle ist der Somatrank der Milchsaft der +Asclepias acida+ (+Cynanchum viminale+), und der genannte Botaniker spricht sich über denselben folgendermaßen aus: »Dieser Saft ist scharf und reizend und kann in größerer Gabe leicht giftig werden, und in manchen Fällen werden die Nerven wie von narkotischen Mitteln afficiert, die besser als erstarrend bezeichnet werden können, da sie die Bewegungsthätigkeit der Nerven hemmen, ohne einen betäubenden Schlaf hervorzurufen.« Ähnlich sagt Windischmann in seinem bekannten Werk über die Anwendung des heiligen Trankes, daß der Genuß des Somatrankes schon in älterer Zeit als ein heiliger Akt und gleichsam als ein Sakrament betrachtet wurde, wodurch die Vereinigung mit Brahma bewirkt werden sollte, leuchtet aus mehreren Zeugnissen der indischen Schriften ein; öfter heißt es: »Paradschapati selbst trinke diese Milch, die Essenz aller Nahrung und Wahrnehmung, die Milch der Unsterblichkeit.«
Oben wurde der eigentümlichen Methode, durch systematisch gehemmtes Atmen das Blut mit Kohlensäure zu überladen und so ekstatische Zustände zu erzeugen, gedacht. Nach dem Oupnekhata ist der Vorgang folgender: Voraus geht ein Gebet:
»Brahma ist ein unvergängliches Wesen, reines Licht in einer heiligen Wohnung, und so ist auch die denkende Seele eine Offenbarung jener lichtausstrahlenden Kraft. Ich sinne im Geiste jener Lichtkraft -- Brahma -- nach, durch ein verborgenes Licht geleitet, das in mir selbst wohnt, und durch das ich denke, welches in meinem Herzen ist. Der allerhöchste Brahma, der die sieben Welten erleuchtet, wolle meine Seele mit ihrem Lichte erleuchten.«
Dann heißt es weiter:
»Um die weiße Magudschi (Betrachtung) zu machen, soll man sich auf eine viereckige Basis setzen, auf die Fersen nämlich, und dann die neun Pforten verschließen. Die beiden untern durch die Fersen, die Ohren durch die Daumen, die Augen durch die Zeigefinger, die Nase durch die mittleren, die Lippen durch die vier andern Finger. Die Lampe im Gefäß des Körpers wird dann bewahrt vor Licht und Bewegung, und das ganze Gefäß wird Licht. Wie die Schildkröte muß der Mensch alle Sinne in sich hineinziehen, das Herz dann in der Mitte der Öffnung hüten, dann wird Brahma in ihn eintreten als Feuer, Blitz. In dem großen Feuer in der Herzöffnung wird eine kleine Flamme aufwärts lodern, und in ihrer Mitte Atma sein. Und wer alle weltliche Lust und ihre Weisheit in sich zerstreut, wie ein Habicht ist er durch die Fäden des Netzes gebrochen und ist mit Brahma eins geworden. Wie die Flüsse, nachdem sie einen großen Raum durchlaufen, eins werden mit dem ungebundenen Meer, so diese sich absondernden Menschen; sie werden selbst Brahma, selbst Atma. Im Großen der Großen und der Große der Großen ist mit seinem Lichte Alllicht; wer ihn als Brahma erkennt, wird Brahma. Hunderttausendmal hunderttausendfaches Sonnenlicht reicht nicht an das Licht dessen, der Brahmatma geworden ist. Atma selbst zeigt ihm seine Gestalt. Eben darum gelangt nicht jeder zu dieser Höhe, weil Atma ihre Sinne von sich treibt, daß sie nur Äußeres sehen. Wer daher diesen Weg zu Brahma einschlägt, muß aller Welt und Lust entsagen, die Scham nur bedecken, einen Stock nur führen und so viel Almosen nehmen, als zur Fristung des Lebens nothwendig ist. Dies thun aber nur noch die Kleineren; der Große wirft Gefäß und Stock weg und liest auch nicht die Oupnekhata. Brahma erkennt die Luft als seine Decke; er heftet sich an nichts, er ist nicht geschieden und nicht gebunden mit irgend etwas; für ihn ist nicht Tag und nicht Nacht, nichts als Atma, und Brahma ist ihm Alles.«
Analog heißt es in den Upanischads:
»Das Herz wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin das Auge, das Ohr und die andern Sinne nicht gelangen und gewährt schon so ein großes Licht. Ebenso wandelt es im Traume an entlegene Orte und zündet den andren Sinnen ein großes Licht an. Im tiefen Schlaf ist es eins und ungetheilt und hat nicht seines Gleichen im Leibe; es ist das Princip aller Sinne. Der Fähige vollbringt seine Werke mittelst des Herzens, und der Erkennende erkennt durch das Herz, auch ist es der Beweggrund aller Opfer. Es ist die Leuchte des Leibes und der Mittelpunkt desselben und aller Sinne Mitte. In ihm wohnt die Erinnerung und alle Überlegung. In seinen Banden ist der vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zustand der Welt, alles Vergängliche; es selbst aber ist unvergänglich. In der Herzhöhle wohnt die unsterbliche Person nicht größer als ein Daumen, in der Mitte des Geistes, diese Person ist klar wie eine rauchlose Flamme. In dieser Höhle ist Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum, der von ätherischem Licht erfüllt ist. Was das sei, was darin ist, sollte erforscht und erkannt werden. Derselbe Äther, wie er außen ist, ist auch innerhalb jenes kleinen Raumes im Herzen und in ihm sind Himmel und Erde enthalten, und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der Blitz und die Gestirne. Alles ist und ist nicht an diesem Ort. Und wenn Einer sagt, daß hierin Alles enthalten ist und alles Verlangenswerthe, was bleibt dann übrig, wenn Brahmas Wohnung, welche im Herzen ist, altert und vergeht? Darauf muß erwidert werden: jener zarte Äther altert nicht und wird nicht getödtet mit dem Leibe. Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in welcher Alles enthalten ist. Er ist der Geist, von allem Übel weit entfernt, dem Alter, der Krankheit, dem Tode nicht unterworfen. Wer diesen Atma nicht erkennt, geht aus der Welt und in alle Welten, seiner nicht mächtig, und zieht aus, den Lohn der Werke zu empfangen, der ihm gebührt. Die aber von hier weg gehen, den Geist erkennend, die gehen ihrer und ihrer Wünsche mächtig und empfangen ewigen Lohn. Wem der Schleier der Unwissenheit und des Irrthums vom Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten Äthers angenommen hat, dem ist alles Wünschenswerthe gegenwärtig. Wie der Nichtwissende über einen in der Erde verborgenen Schatz wegschreitet und ihn nicht findet, so wissen die Menschen nicht, wohin sie gehen und mit wem sie alle Tage zusammenkommen, wenn sie -- in tiefen Schlaf versinkend -- wirklich zu Brahma eingehen und einkehren in jenen innern Äther. Wer aber den Geist erreicht, der sieht, wenn er auch äußerlich nicht sieht, der wird gesund, wenn er auch krank ist. Ihm wird die Nacht zum Tag, das Dunkel zum Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist die Welt des Brahma selbst. Wer sie gewinnt, der ist aller Orten und auf alle Weisen, wie er will, zu jeder Zeit; wenn er sich von aller Anhänglichkeit an die Sinnenwelt geschieden hat, ist er wahrhaftig.«
Nach Manus Gesetzbuch hat die Seele drei Zustände der Erkenntnis: das Wachen, der Traumschlaf und die durch die Yoga hervorgerufene Ekstase.
Das Wachen in der äußern sinnlichen Welt gilt den Indiern nicht als ein wahres Erkennen, denn Unwissenheit und Bethörung walten vor wegen der Anhänglichkeit an äußere Dinge und der Begierde nach deren Besitz. Daher die Habsucht, die Anhänglichkeit an das Vergängliche und sinnlich Handgreifliche, das Trachten nach falschen Gütern, die Unbeständigkeit und das Gemisch von gut und böse, hohem und niedern, Laster und Tugend, Tier und Mensch. Dieser Zustand entspricht der Finsternis nach den verschiedenen Stufen vom ersten Erwachen ins irdische Dasein bis zur Intelligenz und allem Raffinement in den Künsten und Wissenschaften.
Im Traumschlaf herrscht noch der Sonnendienst in Bildern; die Seele schwebt noch im Dämmerlicht in Bewegung zwischen Freude und Leid, Liebe und Haß, zwischen Kühnheit und Furcht vor Gefahren. Das ganze Leben ist ein Traumleben voll Eitelkeit, ohne je das wahre Ziel zu erreichen; jedoch ist es schon der Übergang zum wahren Erwachen in Brahmas Welt.
Die Ekstase öffnet erst das wahre Licht der Erkenntnis, und das rechte Wachen ist ein Schauen eines dem gemeinen Auge unsichtbaren unzugänglichen Lichtes. Hier wird erst das innere Auge aufgeschlossen, und das Sehen ist nicht mehr das sinnliche, dem Zufall und dem natürlichen Licht preisgegebene verwirrbare, sondern es ist das Hellsehen, das Durchschauen der Dinge. -- Die Ekstase hat aber verschiedene Grade des innern Erwachens, in welchem die Yogis in tiefen Schlaf versenkt und wie die im Traumschlaf Befangenen der Welt entrückt sind, und in den niedern Stufen herrscht Ohnmacht und Ruhe und halbaufgeschlossener innerer Sinn wie im Traumschlafe. Alle Menschen verfallen täglich in diesen Zustand, aber daraus zurückgekehrt wissen die wenigsten etwas davon und fallen beim Erwachen in die äußere Welt wieder der Unwissenheit anheim.
Nach einer Erzählung der Upanischads antwortete ein Rischi auf die Frage: wer wohl der Größere sei, der wache, der Träume schaue, und wo der Ort der Wonne sei? auf folgende Weise: »Wenn die Sonne untergeht, gehen ihre Strahlen in den Kern zurück; auf dieselbe Weise gehen die Sinne in Manas (den Allsinn) zurück. Die Person sieht nichts, hört nichts, riecht nichts, schmeckt und fühlt nichts, faßt nichts mit der Hand und hat keine Lustbegierde, eine solche Person ist in Supta (im Schlafe). Aber innerhalb der Stadt des Brahma (im Leibe des Schlafenden) sind dann die fünf Pranas leuchtend und wach. So lange die Pforten des Leibes noch offen stehen und das Herz in den Regionen der äußern Sinneswelt umherschweift, erwacht keine wesentliche Selbstheit, denn die Sinne stehen dann geschieden und vereinzelt. Werden sie aber in das Herz hineingezogen, so gehen sie Gemeinschaft ein, und der Mensch erreicht sich selbst im Licht jener Pranas, er ist bei verschlossenen Pforten des Leibes und im tiefen Schlafe -- auch bei völliger Erstarrung und Unempfindlichkeit -- innerlich wach und genießt die Erkenntnis des Brahma an jedem Tag und zur Zeit des seligen Schlafes. Da sieht er dann, was er im Wachen that, und sah an jedem Ort Alles aufs Neue. Er sieht Alles insgesammt, Gesehenes und Nichtgesehenes, Gehörtes und Nichtgehörtes, Gewußtes und Nichtgewußtes, und weil Atma selbst Urheber aller Handlungen ist, so verrichtet er nun im Schlaf gleichfalls alle Handlungen und nimmt seine ursprüngliche Gestalt wieder an. Um dahin zu gelangen, müssen die Sinne und die Sinnenlust verschlossen sein, auch innerlich im Leibe muß diese Macht in die Pfortader eintreten und der Galle den Ausfluß verschließen, denn das Manas bindet in dieser Zeit jene Ader, welche der Weg der Begierde ist, und der Schlafende sieht dann keinen Traum mehr, sondern er wird dann ganz Atma, lichtartig, und sieht die Dinge, wie sie sind. Er wirkt vernünftig und vollbringt Alles. Er wird mit Brahma Eins.«
»Wie Ströme rinnen und im Ocean, Aufgebend, Name und Gestalt, verschwinden, So geht, erlöst von Name und Gestalt, Der Weise ein zum göttlich höchsten Geist.«
So viel über Kosmogonie, Mystik &c. der Inder.
Ich wende mich nun zur indischen Astrologie, über die ich in meinen »Geheimwissenschaften« schon Einiges sagte.
Eine jede sabäische Religion ist aus der Beobachtung der Gestirne erwachsen, und es gehört zum Glauben der hierhergehörigen Kulte, daß die Himmelskörper die Geschicke der Menschen bestimmen. Deshalb ist und bleibt die Astrologie die Mutter der Astronomie. Es ist ein tiefeingreifender Glaube der sabäischen Religionen, daß die Gestirne belebt, daß sie entweder göttliche Wesen an sich seien, deren Pfad am Himmel die Milchstraße darstellt, weshalb diese bei den Indern sowohl die Sternenbahn, als auch die Götterstraße und der Weg der Frommen genannt wird, oder daß wenigstens die Seelen der Tugendhaften aus ihnen strahlen, so lange ihr Verdienst währt, dann aber als Sternschnuppen herabfallen, um abermals in irdische Körper gebannt zu werden. So sagt Matalis zu Arjunas: »es sind Fromme, welche du in Sternengestalt auf der Erde gesehen hast!« und diese Vergleichung mit einem gefallenen Stern bei den indischen Dichtern findet nach dieser Ansicht erst einen tiefen Sinn. Ähnlich war die Vorstellung bei einigen Griechen; denn bei Aristophanes heißt es ausdrücklich, daß die Seele zum leuchtenden Stern werde, und auch Origenes kann sich von diesem Stern kaum losreißen.
Werden aber die Gestirne mit diesem Interesse betrachtet, so muß die Astrologie in dem ursprünglichen Sinn der Astrognosie gar bald ein unzertrennlicher Teil der Religion werden, und die Beobachtung muß sich auf die Himmelskörper mit gesteigertem Anteil lenken, um womöglich ihre ewigen Gesetze zu berechnen und die scheinbar regellos zerstreuten Funken in eine kosmische Symmetrie zu bringen.
Die Beobachter waren Priester, durch Muße, höhere Bildung, Kastenverbindung und Beruf am ersten angewiesen, auf alles, was Religion betraf, aufmerksam zu sein, und so konnte es auch der oberflächlichsten Beobachtung nicht entgehen, wie die alles belebende Sonne als Hauptgottheit des Sabäismus im Laufe der Jahreszeiten ihren Einfluß zugleich mit der anscheinenden Bahn veränderte, wie die Sterngruppen zu ihrer Stellung wechselten, und besonders der Mond eine regelmäßige Wanderung zu machen schien am unermeßlichen Himmelsgewölbe, bald dieses, bald jenes Gestirn begrüßend, bald im vollen Glanz, bald unscheinbar und ganz verschwindend.
Im Geiste des Orients hüllte man die beobachtete Regelmäßigkeit in populäre Allegorien ein, teils um die Mitteilung der Erfahrungen zu erleichtern, teils um dem Volke den geglaubten Einfluß jener glänzenden Körper auf die Erde bemerklich zu machen.
Dies war der Ursprung der Astrologie.
Fortgesetzte Beobachtungen mußten bald neben Sonne und Mond noch fünf Planeten entdecken lassen, und wirklich geht die Bekanntschaft mit denselben über die uns bekannte Geschichte hinaus. Bereits Homer kennt die Venus, während die Chaldäer besonders Jupiter und Mars verehrten, und aus keinem andern Grund genießt die mystische Zahl Sieben eine solche Verehrung, als aus Rücksicht auf die Zahl der Planeten.
Bei den Indern ist die Siebenzahl hochheilig und spielt in den Mythen eine sehr bedeutende Rolle; dabei will ich nur an die sieben heiligen Rischis, die sieben Rosse des Surya, die sieben Zungen des Agnis, an den siebenköpfigen Drachen und an die sieben Reinigungshöllen erinnern.
Die Planeten werden in den ältesten heiligen Schriften der Indier genannt, und es giebt sogar besondere Gebete an sie. Venus ist eine männliche Gottheit; sie und Merkur sind glückliche Sterne und stehen wie Jupiter, »der Lehrer der Götter«, in hohem Ansehen. Hingegen ist Saturn, »der Langsame« (+Sanis+), unheilbringend; ihm ist der Rabe gewidmet, welcher allenthalben als ein Anzeichen des Unglücks, der Trennung und der Regenzeit erscheint.
Die Wochentage werden folgendermaßen unter die Planeten verteilt:
1. Sonntag Tag des +Sûryas+ (Sonne). 2. Montag " " +Chandras+ (Mond). 3. Dienstag " " +Mangalas+ (Mars). 4. Mittwoch " " +Buddhas+ (Merkur). 5. Donnerstag " " +Vrihaspatis+ (Jupiter). 6. Freitag " " +Sukras+ (Venus). 7. Sonnabend " " +Sanis+ (Saturn).
Der Sonntag war der heiligste Tag; er war der Schöpfungstag unter dem Meridian von Lanka, und mit ihm -- um Sonnenaufgang -- beginnt die Kalpa oder eine neue Weltperiode.
Die Indier haben einen doppelten Tierkreis, insofern derselbe nämlich sowohl in die zwölf Bilder der Ekliptik, als in achtundzwanzig Mondstationen geteilt ist.
Die Indier nennen den Zodiacus Gestirnkreis (+jyotishimandala+) oder Zeichenrad (+râsichakra+), und die Bilder kommen sowohl in den Veden, als im Ramayana und Bhagavadgita vor. Sie sind ursprünglich einfache Kalenderzeichen und beziehen sich auf die klimatischen Verhältnisse, von denen die drei bedeutsamsten Zeichen auf eine periodische Überschwemmung hinweisen. Diese sind:
Der _Steinbock_, welcher eine Doppelgestalt, halb Bock, halb Fisch, besitzt. Aratus gedenkt des Fischschwanzes noch nicht, wohl aber Eratosthenes, welcher ihn nach geläufigen Ideen Pan nennt. Bei den Indiern ist er eigentlich ein Delphin (+makara+) und wird dann mit einem Seeungeheuer, welches dem Gotte Varuna geweiht ist, am gewöhnlichsten mit einem Krokodil, verwechselt. Die Bildung des ausgehenden Fischschwanzes kommt hier häufiger vor, unter andern bei der Matsyavatara des Wischnu; um aber das Steigen des Wassers recht anschaulich zu machen, fügt die indische Sphäre das Bild einer Gazelle hinzu.
Der _Wassermann_ gießt aus seiner Urne Ströme Wasser aus, und schon Eratosthenes meint, er scheine seinen Namen von der That zu haben. Im Sanskrit heißt dieses Zeichen Krug (+kumbha+), welcher in der Hand des Wassermanns die auffallendste Ähnlichkeit mit den ägyptischen Canopuskrügen darbietet. Nach dem periodischen Regen zur Zeit, in welcher die Sonne im Zeichen des Wassermannes steht, folgt im dritten Monat der Regenzeit das völlige Wachsen der Ströme, welches
die _Fische_ andeuten, deren Mythus sich unwandelbar an die syrische Göttin Atargatis -- Derketo -- knüpft. Im nächsten Monat ist das Wasser so weit abgelaufen, daß man im Zeichen des
_Widders_ das Kleinvieh wieder auf die Weide treiben kann. Der Widder wird bald als der des Bacchus in Libyen, bald als der des Phrixus und der Helle aufgefaßt und wiederum mit Jupiter Ammon in Verbindung gebracht. Sein Charakter als Zeichen der Frühlingsnachtgleiche würde auf ein Entstehen des Tierkreises um etwa 560 v. Chr. hindeuten.