Der Occultismus des Altertums

Part 17

Chapter 173,349 wordsPublic domain

Mit der Zeit ging diese Anschauung zum reinen Monotheismus über, und wie im Mazdeismus Zrvâna-akarana, so wird im Brahmaismus +Brahma+, »das Große«, ein neutrales Abstraktum, welchem erst die Prädikate durch Kraftäußerungen nach außen werden müssen; deshalb wird es auch +tat+, das Ich, die Seele oder das Wesen, +sat+, genannt. Dieses »Große« wurde als das höchste Wesen betrachtet, in welchem alles seinen Grund habe, und das man mit Eifer aus seinen Wirkungen zu erkennen suchen müsse. Es führt in den Veden den Namen +Parabrahma+, das Urgroße; +Avoyaka+, das Unsichtbare; +Nirvikalpa+, das Unerschaffene; +Svayambhu+, das durch sich selbst Seiende, wodurch Brahma den Begriff des Ewigen und Selbständigen erhält. Auf dieses unendliche Urwesen bezieht sich keine Mythe, und es heißt in den Veden nur, daß vor ihm nichts vorhanden war, und daß seine Glorie so groß sei, daß es kein Bild derselben geben kann. Eine Manifestation desselben ist erst die als Demiurg, als weltschaffender Brahma gedachte Sonne, ähnlich wie im Mazdeismus Ahuramazdâ der vollkommenste Abdruck des Erhabenen ist.

Das durch sich selbst Seiende regiert durch diesen seinen Statthalter und andere aus ihm geflossene göttliche Emanationen, welche nur das persönliche Hervortreten und Sichtbarwerden der verschiedenen Attribute und Eigenschaften des Urersten sein sollen, die Welt nur mittelbar, und hierbei verliert sich die indische Spekulation in ein buntes Gewimmel metaphysisch-mythologischer Gestaltungen, welches wir hier bei Seite lassen können. Bei diesem Personifikationsprozeß der einzelnen Attribute trat vorerst das durch sich selbst Seiende in den Hintergrund zurück, und selbst Brahma -- seine erste Emanation -- verlor an Ansehen, so daß vom Brahmaismus Indiens nur insofern die Rede sein kann, als sich derselbe auf den ursprünglichen vergeistigten Sonnendienst bezieht.

Trotzdem ist aus den heiligen Büchern der Indier überall nachweisbar, daß die indische Religion sich schon sehr bald vom Sabäismus zur Verehrung _eines_ höchsten Wesens erhoben hatte, und es ist leicht einzusehen, daß in Indien, wo kein Eroberer die beschauliche Ruhe der Weisen unterbrach, der Sinn für die religiösen Grundwahrheiten früher geweckt werden mußte, als es in dem von wilden Stürmen bewegten Westen möglich war. Hier begannen die schüchternen, von Sokrates nachmals mit der Moral verbundenen Anfänge der Religionsphilosophie mit Anaxagoras und Xenophanes und nahmen dann unter Pythagoras und Plato einen höhern Aufschwung bis sie in den Lehren der Stoa einen dem Christentum ähnlichen würdigen Ausdruck fanden.

Der vergeistigte Mazdeismus übte mächtigen Einfluß auf die Religion der Juden, unter denen bisher nur die Propheten auf einer höheren Erkenntnisstufe gestanden hatten, während der große Haufe zwischen den polytheistischen Religionen seiner Nachbarvölker hin und her schwankte bis endlich der Stifter des Christentums die Lichtstrahlen des Mazdeismus, des Buddhismus und der hellenistisch-jüdischen Religionsphilosophie in einem Brennpunkt vereinigte und mit einer reinen praktischen Moral verband.

Alle Religionen des Altertums zeigen ein Fortschreiten vom Fetischismus aus durch den Sabäismus und Sonnendienst zur Lichtreligion und Verehrung Eines höchsten Wesens, von welchem die Volksgottheiten usw. nur niedere Potenzen, Emanationen, Attribute &c. sind.

Gerade die indische Litteratur zeigt wie keine andere die Fähigkeit des menschlichen Geistes, von der Bewunderung der menschlichen Natur ausgehend, aus eigner Kraft zum Höchsten sich erheben zu können, und beweist die Nichtigkeit einer erträumten göttlichen Urweisheit und eines Urpriestertums des menschlichen Geschlechts, wie es sich bei den mehr oder weniger von Jakob Böhme abhängigen gläubigen Naturforschern und Naturphilosophen der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts in so aufdringlicher Weise breit macht.

Für den indischen Monotheismus der Indier erheben sich schon früh gewichtige Stimmen. So sagt Philostratus in seinem Leben des Apollonius von Tyana[242], daß in Indien nur eine höchste Gottheit alles leite, daß aber daneben Untergötter angenommen würden. Bardesanes spricht sich dahin aus[243], daß es mehrere tausend Brahminen gebe, die nach Gesetz und Tradition keine Bilder verehrten, weder Fleisch noch geistige Getränke genössen, ohne Falsch seien, ihren Geist allein auf die Gottheit richteten. Selbst der Muhammedaner Abulfeda gesteht zu, daß der gebildete Indier keine Idololatrie treibe, und daß beim Volk endlich die Götterbilder nur zur Fixirung der Andacht dienten. In unserer Zeit bekennt endlich Colebrooke[244], daß der Monotheismus in den Lehren der Vedas genau ausgesprochen, wenn auch nicht immer klar von der Polylatrie geschieden sei; daß er aber in den den Veden folgenden Schriften der Indier, welche sich demnach mit Recht auf die Lehre ihrer religiösen Schriften von der Einheit Gottes beriefen, immer mehr hervortrete.

Das Gesetzbuch des Manu sagt ausdrücklich, daß die Veden nur einen Gott lehren als den Herrn aller Götter und Menschen, den man in jedem Wesen erkennen und verehren müsse, und im allgemeinen schildern die Veden die Gottheit als immateriell, unsichtbar, über alle Vorstellung erhaben, aus deren Werken der Mensch ihre Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart erkennen kann; als das göttliche unvergleichlich große Licht, von welchem alles ausgeht, zu dem alles zurückkehrt, welches allein unsern Verstand erleuchten kann und auf gerechte Weise Vergeltung erteilt durch die rollenden Zeiten.[245]

Die Veden lehren: »Es ist ein lebendiger, wahrer Gott, ewig, körperlos, ohne Theile und ohne Leidenschaft, allmächtig, allweise und allgütig, ein Schöpfer und Erhalter aller Dinge. -- Er ist allwissend, aber Niemand kennt ihn, den man den großen, weisen Gott nennt. -- Gott, der die vollkommene Weisheit ist, ist die endliche Zuflucht des Menschen, der freigebig sein Vermögen spendete, fest in der Tugend war und der den großen Einen kennt und verehrt. -- Er ist der Gott, welcher das Weltall regierend durchdringt; er war der Erstgeborene und ruht fort im Mutterleib; er kam in das Licht des Daseins, wohnt im Licht und in Allem, was ist. Der Herr der Schöpfung war früher als das All, er wirkt in allen Wesen und freut sich über seine Schöpfung. Wem sollten wir blutlose Opfer bringen, als ihm, der die ätherische Luft geschaffen wie die feste Erde, ihm, der die Scheibe der Sonne festheftete und des Himmels Wohnung, ihm, der des niedern Luftkreises Tropfen in eine Gestalt brachte? Wem sollten wir unsere Gaben bieten als ihm, den Himmel und Erde im Geiste beschauen?«[246]

»Wer weiß genau, und wer wird in dieser Welt aussprechen, von wannen und warum diese Schöpfung stattgefunden? Die Götter sind später als die Schöpfung. Der im höchsten Himmel der Lenker dieses Alls ist, weiß es; aber kein Anderer kann darüber Kunde haben.[247] -- Über den Sonnen hinaus scheint keine Sonne mehr, kein Mond und kein Stern mehr, dort funkelt kein Blitz, sondern die Gottheit strahlt dort allein und giebt dem Universum sein Licht.«

»Es ist kein Größerer als Brahma, der Mächtige, in jedem Raume gegenwärtig, allwissend und einzig. Forsche nicht über das Wesen des Ewigen, noch über die Gesetze, nach welchen er regiert, beides ist eitel und strafbar; dir sei es genug, daß du täglich seine Weisheit, Macht und Güte in seinen Werken schaust. Dies sei dir Heil. Du, o Gott, bist das wahre ewig selige Licht aller Zeiten und Räume; deine Weisheit erkennt tausend und mehr als tausend Gesetze, und doch handelst du allezeit frei und zu deiner Ehre; du warst vor Allem, was wir verehren, dir sei Lob und Anbetung. -- Man kann Gott erkennen aus dem Gesetz, das er gegeben hat, und aus den Wundern, die er in der Welt wirkt. Man entdeckt ihn auch durch die Vernunft und den Verstand, welche er den Menschen gegeben, und durch die Schöpfung und Erhaltung aller Dinge. Was er von den Menschen fordert, besteht hauptsächlich in Liebe und Glauben, denn so steht in unserm Gesetz vom Dienste des höchsten Gottes: der Mensch soll ihn lieben, ihn mit Mund und Herz bekennen und soll nichts thun als aus Liebe und Glauben, nach welchem er Gott anrufen und seinen Geboten gehorchen muß, also daß er sich in Allem unverbrüchlich nach seinem Willen richte.«[248]

»Das höchste Wesen ist unsichtbar; niemand hat es je gesehen, und die Zeit hat es nicht begriffen. Sein Wesen erfüllt Alles, und alle Dinge entspringen aus ihm; alle Kraft, alle Weisheit, alle Heiligkeit und alle Wahrheit ist in ihm; es ist unendlich gütig, gerecht und barmherzig; es hat alle Dinge geschaffen, erhält Alles und ist gern unter den Menschenkindern, um sie zur ewigen Glückseligkeit zu führen, die darin besteht, daß man das unendliche Wesen liebe und und ihm diene.«[249]

»Ich diene dem Herrn der Welt, in welchem sie besteht, zu dem sie einst zurückkehrt, und in dessen Licht sie glänzt; dem Herrn, dessen Herrlichkeit ewig und unaussprechlich; der ohne Wechsel ruhend und immer dauernd ist, und zu dem heilige Menschen sich erheben, wenn sie die Finsterniß des Irrthums zerstreut haben.[250] -- Als Einsiedler mußt du mit einem aufrichtigen Herzen an Gott denken, an denjenigen Gott, der weder veralten, noch ein Ende haben wird, welcher der Höchste ist, der Allen, die ihn suchen, Verstand giebt; seiner sollst du allein gedenken.[251] -- Welchen Vortheil hat man, wenn man die Vedas, Puranas und Shastras liest? Besser ist allezeit an Brahma denken und also seine Seele bewahren, denn diese wird immerdar bestehen, und der, durch welchen weiße Flamingos, grüne Papageien und bunte Pfauen geschaffen wurden, der wird für dich sorgen.«[252]

Soviel über den indischen Monotheismus.

Was nun die kosmogonischen Philosopheme anlangt, so widersprechen sich dieselben in den Veden und namentlich in den Puranas vielfach. Am reinsten treten die Schöpfungstheorien in den Veden entgegen, in welchen es heißt, daß das Weltall durch den bloßen Gedanken Brahmas entstanden sei: »Er[253] dachte, ich will Welten schaffen, und sie waren da!« oder durch sein Schöpfungswort, welches -- wie später in der Gnosis -- personificiert erscheint. Im Rigveda erscheint +vâch+, die Rede, als aktive Kraft Brahmas, welche von ihm als Göttin ausgeht, als die höchste Weisheit und Königin aller Wissenschaft. Alle Wesen durchdringend erzeugte sie erst den als Demiurg gedachten Brahma und ist mit dem Urwesen eins.[254]

Auch Origenes sagt[255], daß die Brahminen sich die Gottheit nicht sowohl als ein Licht denken, verschieden von Sonne und Feuer, sondern auch als Wort (%logos%), göttlich und körperlich, als das Wort der Gnosis, durch welches den Weisen die verborgensten Mysterien sichtbar würden. Ja, ein anonymer Indier äußert sich in seinem Schriftchen +De Brahmanis+[256]:

»+Nam verbum Deus est, hoc mundum creavit, hoc regit et alit omnia. Hoc nos veneramur, hoc diligimus, ex hoc spiritum trahimus, siquidem ipso Deus spiritus est atque mens.+«

Diese und ähnliche schon früher erwähnte Anschauungen liegen der schon spätern spezifischen Logosidee zu Grund.

In Manus Gesetzbuch heißt es über die Schöpfung:

»Zahllose Weltentwickelungen giebts, Schöpfungen, Zerstörungen, Spielend gleichsam wirkt er dies, der höchste Schöpfer für und für«,

und in den Veden spielt der alles hervorbringende Brahma mit Maya, der illusorischen Ideenwelt, und ruht gleichsam in der Mitte des Universum, wie eine Spinne in ihrem Gewebe, alles aus sich selbst herausspinnend und wieder in sich hineinziehend. An einer andern Vedastelle, wo von der Schöpfung gehandelt wird, heißt es, daß anfangs weder Sein noch Nichtsein -- +sat+ und +asat+ -- gewesen, sondern das große Es -- +tat+ -- oder Brahma habe sich selbst erst zum Sein manifestiert, während die Maya oder Täuschung rings um ihn in gestaltlosem Nebel als +asat+ oder +non Ens+ geschwebt habe.[257] Indem aber nun auf diese Weise das Urwesen sich selbst im Spiegelglanz der Maya anzuschauen begann, ward durch seine Betrachtung die Finsternis geteilt, und die Liebe in seinem Gemüt wurde zur produktiven Schöpferkraft.

Im Upnekhata bildet sich die Welt aus einem Ei, woraus sich zunächst Brahma als Makrokosmus in der Gestalt eines Menschen entwickelt. Zu seinem Körper gehören selbst die Götter, da alles eins ist, und wer ihn erkennt und ihn versteht, der ist selbst Gott.[258]

Wenn in den indischen Kosmogonien ein Urstoff angenommen wird, so ist derselbe je nach dem herrschenden Kultus verschieden, bei den Verehrern des Schiwa das Feuer, und im Wischnukultus das Wasser. Im Ramayana heißt es[259]:

»Alles war Wasser, dann wurde die Erde geschaffen, und darauf entstand der selbstständige Brahma mit den Devatas.«

In Manus Gesetzbuch wird gesagt[260]:

»Als der Ewige und Unsichtbare, den nur die Vernunft ergründet, aus seiner eigenen göttlichen Substanz mannigfache Wesen hervorbringen wollte, schuf er zuerst durch einen Gedanken das Wasser und that darein den Zeugungsstoff. Dieser ward zu einem Ei, wie die Sonne glänzend, und in ihm entwickelte sich der große Urvater aller Geister, Brahma, die schaffende Kraft des Ewigen, welche nach einem Schöpfungsjahr allein durch den Gedanken das Ei zertheilte, dessen beide Hälften sodann Himmel und Erde bildeten.«

Andere wieder halten die Luft oder -- besser gesagt -- den Äther (+âkâsa+) für das erste Prinzip und betrachten ihn, wie später die Griechen usw., als ein fünftes Element, in welchem sich die Himmelskörper bewegen, seit sie von der Hand des Schöpfers den ersten Anstoß erhielten.

In noch andern Kosmogonien waltet ein dualistisches Prinzip, insofern der ewigen Materie ein ewiger Urgeist als Seele oder +sensorium commune+ gegenübergestellt wird, auf welchen die höchste Gottheit durch Bewegung einwirkt. In diesem Sinne heißt es in einem Purana[261]:

»Den Stoff und auch den Geist durchdrang von Anbeginn der Weltenfürst, Mit seiner Einheit Majestät bewegte sie der höchste Herr; Dem jungfräulichen Sehnen gleich, und wie des Frühlings Zephirhauch Verharrte in Bewegung dann Er, dieser Eingestaltige.«

Eine Grundlehre der Brahmanen ist ferner, daß Gott alle Dinge gut schuf, und der Mensch als freies Wesen allein die Schuld an dem moralischen Übel trägt, insofern seine Seele eine Emanation der Gottheit ist.

Als Brahma das Schöpferwort aussprach, entstanden die geistigen Urbilder alles Lebens, deren Aufenthalt der Äther ist. Sie sind völlig den Feruers des Mazdeismus vergleichbar. Andere aus Brahma emanierende, den Amschaspands, Izeds oder Engeln ähnliche Wesen sind die Devâs und Surâs, welche in der intelligiblen Welt ihre Freiheit genossen, bis einer von ihnen -- +Mahîsasura+, der Büffeldämon, -- aus Neid und Eifersucht von Brahma abfiel, ihm ähnlich gesinnte Geister verführte und dadurch der Seligkeit verlustig ging. Hierauf schuf Brahma die materielle Welt, damit in ihr die abgefallenen Geister durch Prüfungen geläutert und erneuert würden. Die menschliche Seele ist das Ebenbild (+mûrtî+) der Gottheit, denn sie ist vom göttlichen Atem belebt. Sie hat ihren Sitz im Gehirn, wo sie wie die Luft in einem Gefäß eingeschlossen ist. Zerbricht die Form, so vereinigt sich der menschliche Geist wieder mit dem göttlichen, gleichwie ein in das Meer geworfenes Gefäß seinen Inhalt mit dem des Oceans mischt. Die übrigen Teile des Menschen lösen sich in die vier Elemente auf. Diese Auflösung in fünf Bestandteile -- +panchatvam+, »der Zustand von Fünfen«, denen die fünf Sinne als ebensoviel Thüren dienen, welche man gegen die Außenwelt verschlossen halten soll -- ist der Tod, der keine Vernichtung ist, sondern eine stete Umbildung in neue Formen. Die endliche Vereinigung mit der Gottheit sucht der Mensch dadurch zu erreichen, daß er in strenger Askese alle sinnlichen Einflüsse auf sich abzuhalten sucht.

Das moralisch Böse wird als etwas Negatives, als das Nachlassen der geistigen Kraft auf die Materie aufgefaßt, gegen welche das Gute als Positives, als frei waltende Kraft fortwährend zu kämpfen hat. Die Götter selbst gaben dazu durch ihre Büßungen ein Vorbild.

Das Dasein des Menschen auf Erden ist eine Strafe und wie jedes Leiden und Ungemach durch in früheren Daseinsstufen begangene Sünden verschuldet, und je weiter sich alles von der Quelle der Gottheit entfernt, desto mehr verschlimmert es sich, weil die Gesetze der Emanation und Evolution es mit sich bringen, daß die Kette und der Kreis aller Wesen sich je länger je mehr vom Mittelpunkt entfernt. Das Böse würde demnach bei seinem beharrlichen Sinken keine Aussicht auf eine Rückkehr zum Göttlichen haben, wenn die Gottheit nicht selbst dazu ein Mittel gegeben hätte. Sie hat, sich gewissermaßen zum Fatum -- Karma -- gestaltend, nicht nur jedem Einzelwesen ein besonderes Ziel in einer Einzelexistenz -- Incarnation -- gesteckt, sondern vergönnt ihm auch in wiederholten Existenzen -- Reincarnationen -- auf die Erde herabzukommen, um sich in ihnen zum endlichen Rückfluß in die Gottheit zu läutern. -- Durch die Kenntnis dieses Gesetzes erhält der Mensch die Richtschnur für sein Denken und Handeln.

Die Weltendauer ist auf 12000 resp. 432000 Jahre beschränkt, nach deren Verlauf alles Böse vernichtet wird, wenn die Gottheit abermals erscheint, die materielle Welt zerstört und ein allgemeines Reich des Geistes einführt.

Es heißt in den Veden: »Was kann die Welt für Freude gewähren, wo Alles sich verschlimmert? Könige sind gefallen, Ströme versiegt, Berge versunken. Der Pol selbst hat seinen Ort verändert; Sterne sind aus ihrer Bahn gewichen, die ganze Erde ist von ihrer Bahn heimgesucht und die Geister selbst vom Himmel geschleudert worden.« Darum muß alles Sein dahinschwinden, und das Ramayana[262] ergeht sich in folgenden Betrachtungen:

»So wie die reife Baumesfrucht im Augenblicke fallen kann, Muß dir, o Mensch, dein Erdenziel beständig in Gedanken sein; Denn wie veraltet ein Gebäu, so fest es war, in Trümmer fällt, So welkt der Sterblichen Geschlecht dem Tode unaufhaltsam zu. Es kehret nimmermehr zurück die Nacht, wenn einmal sie verschwand, Und mit des Ganges Wasser mischt ohne Rast sich Yamuna. Es schwinden unsre Tage hin, und aller Wesen Lebenshauch Ist wie ein Dunst zur Sommerzeit, den aufwärts zieht der Sonnenstrahl, Zur Seite wandert uns der Tod, kehrt ein mit uns von Jugend auf. Und wendet sich mit uns zurück, wenn wir am höchsten Ziele sind, Wenn grau das Haar geworden ist, wenn eingeschrumpft die Glieder sind. -- Es freuen sich die Menschen hier, wenn auf- die Sonn' und untergeht: Es sollte Warnung ihnen sein, daß Alles auf- und untergeht: Sie freuen sich der Frühlingszeit, wenn Alles jung und neu erscheint: Ach, wie das Jahr die Zeiten rollt, so schwindet auch das Leben hin! -- Wie dort am Lotosblatte sich ein Tropfen Thaues zitternd hält, So ist dem steten Falle nah des Menschen zitternd Erdenglück, Und wie im großen Ocean ein Splitter Holz den andern trifft, So treffen hier auf Erden sich die Wesen einen Augenblick.«

Der ausgesprochene Pessimismus der indischen Religionsphilosophie läßt, wie bekannt und bereits gesagt, die irdische, materielle, sublunarische Welt ein Übel sein, welches steter Veränderlichkeit und stetem Wechsel ausgesetzt ist, während darüber hinaus stete Ruhe und Seligkeit herrscht.

Diese dem Wandel unterworfene Sinnenwelt zerfällt in drei Abteilungen nach den drei Dimensionen des Raumes. In diesen drei Abteilungen sind vierzehn Klassen von Wesen verteilt nach den drei Grundkräften, mit denen die Natur wirkt. Denn gleichwie der Zusammenfluß von drei Strömen nur einen bildet, oder wie durch Vereinigung von Öl, Docht und Flamme das Licht entsteht, so wirken die drei Grundkräfte durch Vereinigung der feindlichen Gegensätze zu einem Zwecke hin. Die drei Grundkräfte sind folgende:

1. +Tamas+, Finsternis, Unwissenheit und niedere Selbstsucht, bei welcher das Gewissen und die Scham wegen böser Handlungen eintritt.[263] Diese Eigenschaft ist in Erde und Wasser vorherrschend, weil diese Elemente abwärts streben. Zu ihr gehören fünf Abteilungen der untersten Weltzone, die Tierwelt und die leblosen Körper. Deshalb findet auch bei Menschen, in denen diese Eigenschaft vorherrscht, die Metempsychose in niedere Tierkörper statt, sodaß die größten Sünden wie Ehebruch, Zerstörung religiöser Gebäude die Seelenwanderung in die niedersten Tierkörper, ja sogar den Übergang in Pflanzen und Mineralien nach sich zieht.

2. +Maya+, die Täuschung oder der Schein. Dieselbe herrscht in der Luft vor und ist beim Menschen ein passiv-leidenschaftlicher Zustand, in welchem die Vernunft gefangen genommen ist. Bei ihm findet eine Metempsychose in menschliche oder höchstens übermenschliche Wesen niederster Gattung statt. Sie hat in der mittlern, nur von einer Wesensreihe -- der menschlichen -- bewohnten Weltzone die Oberhand. In ihr herrscht die Leidenschaft, weshalb sich der Mensch gegen dieselbe wappnen und seine Sinne beherrschen soll.

3. +Satya+, die Wesenheit, Wahrheit, Tugend. Sie herrscht im Feuer vor, weil dieses nach oben steigt. Bei dem Menschen ist sie die harmonische Wirksamkeit aller Seelenkräfte und das Streben nach dem Guten und Wahren, bei dessen Obwalten bei der Metempsychose eine beständige Vergöttlichung stattfindet, ähnlich wie sich der Neuplatoniker Hierokles in folgenden Versen ausdrückt[264]:

»Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben, Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!«

Bevor aber die Seele, wie es in der Bhagavadgita heißt[265], nach dem zerrissenen und abgenutzten Gewand ein neues anzieht oder vom Mund zum Himmel sich erhebt, muß sie vor den Totenrichter Yamas kommen, der ihr das Verzeichnis ihrer Thaten vorliest, worauf sie in dem Fall, daß in ihrer Incarnation die Sünde vorherrschte, eine Zeit lang ohne körperliche Hülle in verschiedenen Höllen büßen muß. Dieselben sind Fegefeuer mit furchtbaren Einrichtungen, wie glühende Betten, Schlammgruben &c., zur Peinigung der sündigen Seelen. Erst wenn eine solche Seele je nach dem Grad ihrer Sündhaftigkeit eine größere Anzahl Höllen durchwandert hat, kann sie einen neuen Körper anziehen und behufs ihrer Besserung den Weg der Reincarnation weiter beschreiten.

Die Guten kommen direkt in das Paradies Indras, wo sie in seliges Anschauen, in Ekstase versinken.