Der Occultismus des Altertums

Part 15

Chapter 153,503 wordsPublic domain

Wenn nun die Seelen, es sei der Gerechten oder Darvands, sprach Zoroaster, über die ich deinen Unterricht gesucht habe, so gereinigt worden sind, was wird dann weiter aus dem Menschen, sowohl der Seele als dem Leibe nach, werden? Ahuramazdâ sprach: Alle Menschen werden sich zu einem Werk vereinigen und werden Ahuramazdâ und den Amschaspands mit lebendigem Eifer ein großes Setaesch[219] bringen. Wenn nun um diese Zeit alle Schöpfungen Ahuramazdâs vollendet sein werden, wird er nichts mehr hinzuthun. Die Neubelebten werden dem Knechtsdienst entrissen sein. Sosiosch wird mit allen belebten Toten lobpreisen, und der Stier Hedeiavesch wird einstimmen.

Die Toten werden leben durch das, was vom Stier ausgeht und dem weißen Hom. Sosiosch wird allen Menschen von diesen Säften zu trinken geben, und sie werden groß und unvergeßlich sein, so lange Wesen dauern. Alle Tote, groß und klein, werden davon trinken und neu leben.

Endlich wird Sosiosch auf Befehl des gerechten Richters Ahuramazdâ von einem erhabenen Ort aus allen Menschen geben, was ihre Thaten wert sind. Der Reinen Wohnung wird der glänzende Gorotman sein, Ahuramazdâ selbst wird ihre Körper zu sich in Gorotmans Höhen ziehen, und sie werden alle Ewigkeiten hindurch unter seinem Schutze wandeln.

Dann werden Ahuramazdâ und Angrômainyus, Bahman und Akuman, Ardibehescht und Ander, Schahriver und Savel, Sapandomad und Darmad, Naonghes, Kordad, Amerdad, Tarik und Zaretch, Serosch und Eschem vereinigt Izeschné anstimmen.

Alsdann wird Druscht Angrômainyus bleiben und in Ahuramazdâs Welt zurückkehren. Er selbst, Djuti[220] und Serosch und Raspi[221] werden den Evanguin[222] in der Hand führen. Alsdann wird Angrômainyus, des Argen, Macht, die nichts als Böses thut, geschlagen sein. Er wird vom Himmel zur Brücke Tschinvad eilen und sich von neuem in die dichte Finsternis stürzen. Dieser Morddrache wird in dem Flusse geschmolzenen Erzes ausbrennen: Alles Faule und Unreine des Duzakh wird darin aufgelöst und geläutert werden. Der unterirdische Angrômainyus wird von neuem erscheinen, des Abgrunds Erde durch den Erzstrom ziehen und sie zum fruchtreichsten Land machen. Auch wird die Welt durch das Wort bei der Auferstehung ewige Dauer bekommen.

Viertes Kapitel.

Die Orakel Zoroasters.

Wie bereits gesagt, galt -- wenn auch durchaus irrtümlicher Weise -- im ganzen Altertum Zoroaster als der Erfinder und größte Adept der Magie. Deshalb standen auch bei den Magiern und Theurgen, Neuplatonikern und Gnostikern ihm zugeschriebene Aphorismen, die sogenannten +Oracula magica Zoroastris+, im höchsten Ansehen.

Läßt sich nun auch ein Zusammenhang dieser Orakel mit der Person Zoroasters nicht nachweisen, so vertreten sie doch entschieden zoroastrische Ideen, obschon dieselben neuplatonisch und gnostisch überfirnißt erscheinen. Uralt sind sie gewiß; und wenn der um 220 gestorbene Kirchenvater Clemens von Alexandria in seinen »+Stromata+« sagt: »Pythagoras machte zuerst auf den berühmten persischen Magier Zoroaster aufmerksam, dessen Geheimschriften die Anhänger des Prodicus zu besitzen vorgaben«, so haben wir in dem den »magischen Orakeln Zoroasters« zu Grund liegenden Original vielleicht eine solche Geheimschrift zu sehen, welche -- von den alten Pythagoräern wollen wir ganz absehen -- zweifelsohne den Neupythagoräern, Neuplatonikern und Gnostikern bekannt war. Dafür spricht außer dem sachlichen Inhalt auch der Umstand, daß sie von dem gelehrten Byzantiner _Michael Psellos_ (gest. 1106) kommentiert wurden, von demselben Psellos, der so viele neuplatonische Schriften dem Untergang entriß und mit Commentaren versah. Auch ist sie den von Marsilius Ficinus mitgeteilten »Symbolen des Pythagoras« sehr ähnlich.

Ich habe von dem den magischen Orakeln zu Grund liegenden Original gesprochen und zwar mit Recht, denn die uns heute unter diesem Namen vorliegenden Aphorismen sind ganz offenbar nicht das Original, sondern Fragmente, welche sich in vier verschiedenen Fassungen mit eben soviel Kommentaren erhalten haben. Drei Fassungen tragen neuplatonisches, die vierte anscheinend gnostisches Gepräge.

Ich wende mich zuerst zu den neuplatonischen Bearbeitungen samt ihren Kommentaren. Der erste Commentator der Orakel ist der oben genannte Psellos, der zweite ist der als Rat des Manuel und Theodor Paläologos und berühmter Philosoph der Renaissance bekannte, wahrscheinlich 1452 gestorbene _Georgios Gemistios Plethon_, der dritte, aber der hier beobachteten Reihenfolge nach der erste, ist ungenannt. Ich vermute in diesem unbekannten Kommentator einen gewissen _Johannes Opsopoeus_, welcher diese mystischen Fragmente mit den Kommentaren des Psellos und Plethon unter dem Titel herausgab: +Oracula magica Zoroastris cum scholiis+ unter +Plethonis et Pselli nunc primum edita, e bibliotheca regia stud. Joh. Opsopoei, Graec. et Lat. Paris. 1607. 8°.+ Beigebunden sind noch die sogenannten metrischen Orakel des Jupiter, Apollo, Serapis und der Hekate, sowie die von Joseph Scaliger besorgte Ausgabe der Oneirokritik des Astrampsychus.

Opsopoeus schickt seiner Zusammenstellung der drei verschiedenen Redaktionen der zoroastrischen Fragmente eine Sammlung von Stellen aus Platos »Alcibiades«, aus Plutarchs »Isis und Osiris«, »Über den Verfall der Orakel«, aus Plinius »Naturgeschichte«, aus Suidas Ammianus Marcellinus, Clemens von Alexandria und Eusebius über die Person &c. Zoroasters voraus, welche wir hier übergehen können. Darauf läßt er die erste Fassung der »Orakel« mit dem Kommentar des Ungenannten, alsdann die Fassung und den Kommentar des Psellos folgen. An denselben giebt er eine kurze Erläuterung der chaldäischen[223] Religionslehren durch Psellos, aus welcher ich nur herausheben will, daß Psellos sagt:

»Die Chaldäer nehmen sieben Welten an, eine feurige, drei ätherische und drei materielle, deren letzte die unter dem Mond befindliche irdische ist.«

Weiterhin sagt Psellos noch, daß nach chaldäischer Lehre die Seelen sich nach dem Tode nach Maßgabe ihres Läuterungsbedürfnisses zerstreuten und sich in teilbare und unteilbare Naturen absonderten. Das Übrige dieses Abschnittes über die chaldäischen Lehren enthält nichts als bekannte exoterische Äußerlichkeiten. Den Schluß des Buches von Opsopoeus bilden die zoroastrischen Orakel in der Fassung, wie sie Plethon kannte, mit dem Kommentar des selben. -- Am meisten gleichen sich die erste Fassung der Orakel und die des Plethon; die Fassung des Psellos weicht erheblich ab.

Ich gebe nun eine vergleichende Zusammenstellung der Orakel sowohl als der Kommentare.

Der erste Aphorismus in der ersten Fassung lautet:

»Erforsche den Weg der Seele, woher sie komme und weshalb sie dem Leib dienen müsse. Trachte dahin, daß du sie an den Ort zurückbringst, von dem sie ausgegangen ist.«

Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in dieser Fassung des Plethon:

»Erforsche die Reihenstufe, auf welcher deine Seele steht, welchen Rang sie vor ihrer Verbindung eingenommen; mittelst magischer Worte und Gebräuche wirst du sie zu ihrer früheren Würde wieder aufrichten.«

Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu, daß nach Annahme der Magier die Seele unsterblich vom Himmel herabkomme, um sich auf der Erde mit dem Körper analog dem Verhältnis des Mannes zur Frau zu verbinden und ihn dereinst wieder behufs ihrer Rückkehr in den Himmel zu verlassen. Ob sie aber thatsächlich in den Himmel zurückkehre, komme auf ihr Verhalten während des irdischen Lebens an, ob sie sich nämlich mehr den Prinzipien des Lichts oder der Finsternis zugeneigt habe &c. »Darauf deutet nun ermahnend der Spruch hin, daß wir über den reinen Spruch der Seele nachdenken sollen; denn kennen wir den Weg, welchen sie aus dem Himmel genommen hat, so wird sie ihn auch zurückfinden.« -- Bestimmter spricht sich Plethon aus:

»Die Magier aus der Schule Zoroasters glaubten, daß die Seele wegen früherer Verschuldung mit dem Körper sich verbinde, sich aber derselben in dieser Verbindung nicht mehr entsinnen könne. Nur wenn die Seele während ihres irdischen Aufenthaltes einen tugendhaften Wandel geführt habe, stehe ihr die Rückkehr in die himmlische Heimat frei. Weil aber mannigfache Wohnungen der Seele bereitet sind, so ist es natürlich und begreiflich, daß der Aufenthalt der einen ein lichtumflossener, der der andern ein undurchdringliches Dunkel sein muß. Der Zug der Seele führt sie dahin, wo ihr die während der Verbindung mit dem Leibe begangenen Handlungen eine Stelle anweisen. Das Orakel ermahnt uns daher, daß wir über den Ursprung der Seele und über unsere Handlungen auf Erden nachdenken und darauf durch Gebet und gottgefällige Ceremonien ihre Erhebung in den Himmel zu bewirken trachten.«

Unter diesen Ceremonien sind die sogenannten »theurgischen Hülfen« zu verstehen, welche nach Philo und den Neuplatonikern, wie überhaupt nach den Mystikern aller Zeiten in der Zurückgezogenheit von der Welt und Stille, in der Enthaltsamkeit von überflüssiger Nahrung, Fleischspeisen, alkoholischen Getränken und physischer Liebe, in der Zurücksetzung weltlicher Geschäfte, Meditation und Betrachtung gewisser Worte und Symbole bestehen. Von diesen sagt _Proklos_[224]:

»Die Vollbringung geheimer, über alle Vernunft gehender, den Göttern wohlgefälliger Handlungen und die Kraft der von den Göttern allein erkannten unaussprechlichen Symbolen gewährt nur die theurgische Vereinigung. Daher wird sie nicht durch das Denken bewirkt, und wir bringen sie nicht durch die Thätigkeit der Vernunft in uns hervor. Die göttlichen Charaktere oder Symbole (%symbola% oder %synthêmata%) bringen vielmehr, ohne daß wir denken, die theurgische Vereinigung (%theougikên henôsis%, bei Porphyrius %synousia%) hervor, also daß die verborgene Kraft der Götter, worauf sich jene beziehen, durch sich selbst ihre eigenthümlichen Bilder erkennt.«[225]

Der zweite sich dem Sinn nach völlig an den ersten anschließende Aphorismus lautet in der ersten Fassung:

»Wende dich nicht rückwärts! Das Verderben ist auf der Erde, und sieben Wege sind es, welche dich vom Bessern abziehen und dem Schicksal unterwerfen.«

Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in der Fassung des Plethon:

»Damit du nicht zum Abgrund hinneigst und abermals dem Schicksal verfällst.«

Der anonyme Kommentator versteht unter dem »Verderben« das Laster, die sittliche Verdorbenheit und das sittliche Elend; unter Erde den irdischen Leib, die sinnliche Natur, unter »Feuer« das Göttliche im Menschen. Die sieben den Menschen dem Schicksal unterwerfenden Wege sind die sieben nach der alten Weltanschauung von den Planeten abhängigen Kardinalfehler, die Todsünden der katholischen Kirche. Nach diesem Kommentator erhebt sich der Mensch durch die Anwendung seiner sittlichen Kraft über das Fatum oder die vorher bestimmte Versuchung, indem er der unsittlichen Neigung, welche sich, je nach dem in ihm herrschenden Temperamente, seiner Seele am meisten zu bemächtigen droht, den kräftigsten Widerstand entgegensetzt.

Plethon versteht unter dem »Abgrund« die Erde als Gegensatz zur Lichtwelt und giebt dem Aphorismus folgenden Sinn: »Lebe so, daß du vor der Wiederverkörperung behütet werdest, denn solltest du zu einem abermaligen Wandeln auf der Erde verurteilt werden, so befindest du dich wieder unter der Herrschaft der Nothwendigkeit.«

Der dritte Aphorismus lautet in der ersten Fassung und bei Plethon übereinstimmend:

»Dein Gefäß werden die Thiere der Erde bewohnen« und beide Kommentatoren verstehen einstimmig unter dem »Gefäß der Seele« den Leib, und unter seinen Bewohnern die Würmer. Psellos dagegen, in dessen Fassung dieser Aphorismus der Reihenfolge nach der neunzehnte ist, versteht unter »Gefäß« das Temperament des aus allen Elementen zusammengesetzten Leibes, und unter den Bewohnern des Gefäßes die sich eines jeden Menschen, der seine Leidenschaften nicht beherrschen kann, sich bemächtigenden Dämonen nach dem Grundsatz, daß Gleiches von Gleichem angezogen wird.

Der vierte Aphorismus lautet in der ersten Fassung:

»Strebe nicht dein Schicksal zu erweitern, denn die Vorsehung giebt allen Dingen ihr bestimmtes Maaß, und ihre Handlungen sind nicht unvollkommen.«

Bei Plethon und Psellos (bei letzterem Aph. 29):

»Erweitere nicht dein Schicksal.«

Der anonyme Kommentator erklärt diesen Aphorismus allgemein moralisierend und sagt, daß diese Mahnung diejenigen angehe, welche mit der ihnen im Leben angewiesenen Stellung unzufrieden seien und wähnen, daß sie selber ihr Schicksal machen und die Beschlüsse der Gottheit verbessern könnten. Psellos und Plethon fassen das Schicksal (%heimarmenê%, +fatum+, des Grundtextes) im landläufigen Sinn auf und sagen, es sei thöricht, durch Wünsche und Gebete die unabwendbaren Beschlüsse der Gottheit abändern zu wollen.

Die zweite Hälfte des vierten Aphorismus der ersten Fassung bildet in der Reihenfolge Plethons den fünften und lautet hier:

»Denn es geht nichts Unvollkommenes vom Vater der Seelen aus.«

Der Kommentar dazu sagt:

»Du bist nicht im Stande, dein Erdenlos zu verbessern, denn alle Ereignisse geschehen nach naturgemäßem Lauf, und es ist eines die Folge des andern bis zum Zeitpunkt der Schöpfung zurück; alle Begebenheiten greifen harmonisch in einander, nirgends nimmt man einen Zufall wahr. Wo ist also Unvollkommenheit?«

Dieser wie der fünfte Aphorismus der ersten oder der sechste der Plethonischen Fassung fehlt bei Psellos. Bei dem fünften (sechsten) Aphorismus zeigt sich jedoch recht deutlich, daß die auf uns gekommenen Fassungen Varianten eines alten, verloren gegangenen Originals sind. Derselbe lautet in der ersten Fassung:

»Der Seelen Vater gestattet nicht solche Ausschweifungen des Eigenwillens;«

bei Plethon:

»Er kann nicht auf deine Wünsche achten, so lange die Binde der Vergessenheit deinen Blick umschleiert, bis endlich diese fallen wird, und das heilige Zeichen des Vaters sich deinem Gedächtniß einprägt.«

Was bei Plethon Text ist, wird in der ersten Fassung ähnlich im Kommentar gesagt, denn daselbst heißt es:

»Erst dann wird unsere Seele sich freier bewegen, wenn sie die Binde der Vergessenheit ihrer himmlischen Heimath zugleich mit den Banden des sie umnachtenden Leibes abgestreift hat. Dann besitzt sie wieder das Vermögen, in die tiefste Vergangenheit und in die ernste Zukunft zu blicken. Aber es kann dieses Vermögen auch schon bei Lebzeiten des Leibes zum Theil erreicht werden, wenn man sich eines heiligen Wandels befleißigt und gewisse magische Sprüche erlernt hat, welche dem Reinen die Pforten der Geisterwelt öffnen.«

Plethon kommentiert:

»Die Vergessenheit der früheren Zustände (Incarnationen) ist eine Folge der Verbindung der Seele mit dem Leibe. Erst nach der Auflösung des letzteren wird ihr Blick wieder freier, und sie begreift nun auch, indem sie ihres früheren Seins wieder bewußt wird, daß ihr Schicksal auf der Erde nur die notwendige Folge ihrer Handlungen und deshalb unabänderlich war.[226] Die freigewordene Seele ist alsdann wieder gottähnlich und allwissend; das ist das Zeichen des Vaters, welches ihr Gedächtniß auffrischt.«

Der sechste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der sechzehnte und bei Plethon der siebente. Sein Wortlaut in den drei Redaktionen ist der Reihenfolge nach:

1. »Eile, daß du zum Urlicht zurückkehrst, zum Glanze deines himmlischen Erzeugers, von dem deine Seele ausgeflossen ist.«

2. »Das Göttliche erfülle deine Seele! Den Blick zum Himmel stets gewendet!«[227]

3. »Eile zum Licht des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist.«

Der Anonymus und Plethon deuten diesen Spruch übereinstimmend dahin, daß die Gottheit das höchste Licht, und in diese Lichtheimat zurückzukehren das einzige Verlangen der Seele sein müsse. Psellos dagegen sagt etwas abweichend:

»Die Seele entwickelt drei Kräfte: Verstand, Gedächtniß und Urtheilskraft; diese drei Potenzen vereinige, um über das Wesen der Gottheit nachzudenken und sich mit dieser zu vereinigen.«

Bis hierher haben wir in der Aufeinanderfolge der Aphorismen einen gewissen Zusammenhang beobachten können. Jetzt aber folgt ein dem Sinn nach gar nicht verwandter Spruch, was auf einen verloren gegangenen Teil des den drei Bearbeitungen zu Grunde liegenden Originals deutet. Dieser in der ersten Fassung als siebenter folgende Aphorismus ist bei Psellos der achtundzwanzigste und bei Plethon der achte. Sein Wortlaut ist der Reihenfolge nach:

1. »Jene beweint die Erde sammt ihren Kindern.«

2. »Die Erde klagt fortwährend über sie und ihre Kinder.«

3. »Sie beweint die Erde und mit ihnen zugleich ihre Kinder.«

Plethon kommentiert diesen Spruch folgendermaßen:

»Diejenigen, welche dieser Mahnung nicht folgen, werden von der Erde beklagt. Unter der Erde ist aber hier die irdische Natur verstanden, welche eine Folge der Unvollkommenheit ist, denn das irdische Leben ist eine Strafe. Darum beweint die Erde auch die Kinder der Unvollkommenheit, denn die Eltern pflanzen ihre sündhaften Begierden auf die Kinder fort; die Tugendhaften befleißigen sich eines keuschen Wandels.«

Während also Plethon obigen Spruch mit Bezugnahme auf die Reincarnations- und Vererbungstheorie deutet, so kommentieren ihn der Anonymus und Psellos nur in Hinsicht auf die Wiederverkörperung. Ich kann ihre Aussprüche hier übergehen.

Der nächste Aphorismus, ebenfalls ohne Zusammenhang mit den übrigen, findet sich nur in der ersten Fassung und lautet:

»Die Ausklopfer der Seele, welche ihr aufzuathmen möglich machen, sind auflösender Art.«

Der Kommentar sagt:

»Unter den 'Ausklopfern der Seele', welche hier unter dem Bilde eines Kleides eingeführt sind, werden die Vernunftgründe verstanden, welche, wenn sie Eingang in die Seele finden, den Staub der Leidenschaften und alle bösen Neigungen aus ihr heraustreiben. Ihre auflösende Art besteht darin, daß sie von den Schlacken reinigen, welche die Seele von ihrer Hülle, der unreinen Materie, an sich zieht.«

Ich bemerke hierzu, daß auch die Kabbala das Bild von den »Ausklopfern der Seele« kennt, welche der Seele im Moment des Todes den letzten schweren »Grabschlag« (+Chibbut Hakkeber+) erteilen. Da die Kabbala zum großen Teil im Zoroastrismus wurzelt, so ist diese Stelle ein Beweis für das hohe Alter unserer Aphorismen.

Der neunte auch zusammenhanglose Aphorismus, bei Psellos der zwölfte und bei Plethon ebenfalls der neunte lautet:

1. »Auf der linken Seite ist der Sitz der tugendhaften Begierden.«

2. »Der Tugend Quell ist auf der linken Seite der Hekate. Jungfräulichkeit bewahre.«

3. »Auf der linken Seite ist der Tugend Quell, bewahre die Jungfräulichkeit.«

Alle drei Kommentatoren betrachten diesen Spruch als Keuschheitsgebot und sagen, daß die linke Seite als Sitz der Tugend betrachtet werde, weil auf ihr das Herz liege; die rechte Seite sei wegen Anwesenheit der Leber der Sitz der Begierden.

Der zehnte Aphorismus der ersten Fassung findet sich in allen drei Bearbeitungen, er ist bei Psellos der fünfzehnte und bei Plethon ebenfalls der zehnte und hat der Reihe nach folgenden Wortlaut:

1. »Die Seele strebe danach, sich mit dem Göttlichen zu verbinden. Hat sie sich dadurch von den Einflüssen der Materie frei gemacht, so wird sie von Gott durchdrungen sein.«

2. »Die Seele trachte gottberauscht zu sein, Was irdisch und gebrechlich von sich thuend.«

3. »Die Seele des Menschen strebe, das Göttliche in sich zu behalten.«

Der erste Kommentar sagt sehr dürftig, die Seele könne des Göttlichen nicht voll sein, ohne zuvor die irdischen Gelüste abgelegt zu haben.

Psellos bemerkt:

»Die Seele heilige sich zu einem Gefäße, in welchem die Gottheit ihre Wohnung nehme. Dies geschieht, wenn sie erleuchtet ist, in einem Zustand also, dem ein heiliger Wandel, eine Verachtung alles Irdischen vorhergehen muß.«

Plethon endlich sagt:

»Obgleich die Seele mit dem Leib verbunden ist, so vergesse sie doch ihren himmlischen Ursprung nicht, beklage sich aber auch nicht, daß ihr der schmutzige Leib zur Hülle gegeben wurde, ebenso wenig als sie auf die himmlischen Güter und göttlichen Eigenschaften stolz sein darf, mit welchen sie der Vater so reichlich bedachte.«

Aphorismus elf in allen drei Fassungen lautet der Reihenfolge nach:

1. »Weil die Seele ein durchsichtiges Feuer ist, so bleibt sie unsterblich und die Herrin des Lebens.«

2. »Weil die Seele ein leuchtendes Feuer ist, darum ist sie unsterblich und Herrin des Lebens.«

3. »Weil sie ein lichtes Feuer ist und unsterblich . . . .«

Die drei Kommentatoren sagen:

1. »Das Irdische ist das Vergängliche, das Geistige das Unvergängliche. Nur des letzteren können wir verlustig gehen, und deshalb ist die Seele die Herrin des Lebens, d. h. des ewigen Lebens.«

2. »Die Seele ist immateriell, stofflos, daher unvergänglich, weil sie nicht aus auflösbaren Stoffen zusammengesetzt ist. Sie nimmt nichts von der Finsterniß an, weil sie keinen Körper hat; sie ist also eitel Licht.«

3. »Unter dem Feuer sind die geistigen Fähigkeiten verstanden, mit welchen die Seele des Menschen begabt ist.«

Bei Plethon folgt nun als zwölfter, bei Psellos als achtzehnter ein kurzer Aphorismus, der in der ersten Fassung fehlt:

»Suche das Paradies!«

Plethon sagt kommentierend nur, daß unter Paradies der lichtumflossene Aufenthalt der reinen Seelen zu verstehen sei; Psellos dagegen äußert sich folgendermaßen:

»Die Chaldäer verstehen unter Paradies den Chorus von sämmtlichen Eigenschaften der Gottheit, welche ihn als besondere Personificationen umgeben.[228] Dem Unwürdigen wehrt ein feuriges Schwert. Daselbst findet man alle Tugenden, welche den Menschen gottähnlich machen.«

Der zwölfte Aphorismus der ersten Fassung, bei Psellos der siebzehnte und bei Plethon der dreizehnte hat dieser Reihenfolge nach folgenden Wortlaut:

1. »Verunreinige nicht den Geist und ziehe ihn nicht in die Tiefe hinab.«

2. »Beflecke nicht den Geist und ziehe Sein Lichtgewand nicht in die Tiefe.«

3. »Verunreinige nicht den Geist.«

Der bedeutsamste Kommentar dieses Spruches ist der erste:

»Die Pythagoräer und Platoniker denken sich die Seele auch nach dem Tode nicht vom Körper getrennt. Sie theilen nämlich die Seele in einen unsterblichen Geist, der vom Himmel stammt, und in die Thierseele. Ersterer kehrt nach dem Tode in den Äther zurück, Letztere[229] bewohnt noch einige Zeit den Körper bis zu seiner gänzlichen Auflösung. Die Wünsche, von welchen sie während des Lebens bewegt wurde, beschäftigen sie noch jetzt, während ihr die Organe zur Befriedigung derselben fehlen[230]; sie sind nach der Erde gerichtet und verhindern die volle Befriedigung des Geistes. Das sind die Dämonen, welche unstät umherirren; sie verunreinigen den Geist und ziehen ihn in die Tiefe hinab. Die reineren Seelen hingegen, welche sich schon im leiblichen Leben dem Ewigen zuwendeten, vereinigen sich nach dem Tode sogleich mit dem Urquell des Lichts. Das ist, was die Jünger Zoroasters lehren.«

Psellos sagt, daß die Chaldäer der Seele zwei Gewänder zuerteilen, deren eines (es ist der Astralkörper gemeint) aus den feinsten Stoffen der Sinnenwelt gewebt, das andere aber ätherisch, lichtglänzend und unfaßlich sei. Der Spruch warne, beide mit sündigen Lüsten zu beflecken. -- Plethon äußert sich folgendermaßen:

»Die Pythagoräer und Platoniker nehmen mit Zoroaster eine dreifache Seele an, nämlich die Thierseele, welche vom Leibe unzertrennlich ist und mit diesem aufhört zu sein. Höher als diese steht die mit Vernunft begabte Seele des Menschen, welche aber durch die Verbindung der Seele mit dem Körper der Versuchung sich zu verunreinigen ausgesetzt ist, aber auch durch den Sieg über die Versuchung die Unsterblichkeit sich zu bewahren vermag. Die höchste Stufe nehmen die Seelen der Dämonen ein, deren Hülle eine feinere ist und nicht aus materiellen Stoffen besteht, weshalb sie auch nicht dem Verderbniß einer gebrechlichen Natur ausgesetzt ist. Über diesen stehen die Planetenintelligenzen, deren Hülle aus reinem Licht besteht.«

Bei Plethon folgt nun als vierzehnter Aphorismus der bei den Andern fehlende Spruch:

»Vernachlässige aber auch nicht den Leib.«

mit dem kurzen Kommentar: