Part 14
Im Gesetz steht geschrieben: Als der Urstier tot war, ging aus dem Mark seines Leibes Samen in Mannigfaltigkeit aus, wie es heißt: Aus dem Marke kamen Schöpfungen verschiedener Art, denn im Marke liegt alles verborgen. Aus den Hörnern des Stiers wuchsen die Früchte, aus seiner Nase die Laucharten, aus seinem Blute die Trauben, aus denen der Wein gekeltert wird, welcher das Blut vermehrt. Aus seiner Brust keimte Espand[208], welches gegen Fäulnis und Hauptkrankheiten dient.
Als der Same des Stiers im Mondhimmel gereinigt worden war, wurden aus ihm verschiedene Tiergattungen gebildet, zuerst zwei Stiere männlichen und weiblichen Geschlechts. Darauf setzte Ahuramazdâ von jedem Tierpaare eines auf die Erde, welche sich in Iran-vedj vermehrten und einen Hesar von drei Farsangs mit mit ihren Jungen anfüllten.[209] Diese Tiere blieben tausend Tage und tausend Nächte ohne Nahrung, danach tranken sie Wasser und nährten sich von den Bäumen.
Aus dem Stierpaar wurden zuerst Ziegen und Schafe, dann Kameel und Rindvieh und endlich Pferd und Esel geschaffen. Diese wurden zuerst und zum Gebrauch der Reinen erzeugt. In zweiter Linie schuf Ahuramazdâ Soweje[210], dessen Lauf schnell ist, und den Hirsch, Tiere, die keine Hand zähmt. Drittens schuf Ahuramazdâ die Wassertiere.
Diese Tiere teilte Ahuramazdâ in fünf Gattungen: in solche mit gespaltenem Huf zum Gebrauch der Reinen, in Tiere mit ungespaltenem Huf, in Tiere mit fünf Klauen, in Vögel und Fische. -- Im Bun-Dehesch werden die Säugetiere in 282, die Vögel und Fische in je zehn Arten geteilt.
Es ist auch von einem mystischen Hund Sura am Himmel nach der Seite des Gestirns Haftorang zu die Rede, den Ahuramazdâ zur Wache über die Menschen und zum Schutz der Tiere schuf. Wenn Menschen und Tiere zusammenkommen, ist er in der Welt und bewacht sie. Er ist es, welcher durch die Hilfe des Arduisurwassers aus einem Menschen eine unzählige Menge hat entstehen lassen. Sein Haar ist ihm Kleid, und er wacht mit Thätigkeit und Größe.
Der lebendige Sa (Wolf) ist vom Haupte der bösen Geister geschaffen und richtet unter den Herden viel Unheil an. In Abwesenheit des Hundes vermehrt er die Furcht.
Ahuramazdâ sagt: Ich habe den Vogel Varescha in großer Anzahl wider das Böse in der Welt geschaffen und besonders wider den, der -- durch das Gesetz erleuchtet -- häufig die Werke Angrômainyus thut. Ich habe ihn geschaffen, damit die Wünsche des Menschen Darvand nicht erfüllet werden. Du wirst dich nicht sättigen können, wenn du den Wasservogel schlägst. Ohne den Vogel Varescha würde Angrômainyus Darvand alle Arten von Übeln über die Körper verhängen; die Welt würde nicht bestehen können.[211]
Der Hund Sura vervielfältigt alle Tierarten, und Angrômainyus zerrüttet eines wie das andere, daß zuletzt nur eines übrig bleibt.
Nach dem Tode Kaiomorts wurde dessen Same durch das Licht der Sonne gereinigt, und nach Ablauf von vierzig Jahren ging eine Reivaspflanze aus der Erde hervor, die wie ein Baum aufwuchs fünfzehn Jahre mit fünfzehn Sprößlingen. Dieser Baum ist wie zwei nebeneinander gestellte Körper, da einer dem andern die Hand ans Ohr hält und beide -- so miteinander vereinigt -- gleichsam ein Leib sind.[212] -- Sie waren so genau miteinander verbunden, daß man weder männliches noch weibliches voneinander unterscheiden, noch sehen konnte, ob Ahuramazdâ das männliche Glied zuerst erschaffen habe, wie gesagt wird in Hinsicht auf das Erstgeschaffene, ob es das Glied oder der Leib gewesen. Ahuramazdâ sagt davon, daß er zuerst die Hand und darauf den Körper gemacht und dann jenes Glied dem Körper angefügt habe; daß er dem Körper seine eigentümliche Wirkungskraft anerschaffen, um sein Werk zu thun und zu leben. Aber die Seele ist von ihm vor dem Körper erschaffen worden. Wie Körper und Seele aus Pflanzenwesen in Menschenwesen umgebildet waren, so bekam das Glied von Ahuramazdâ seine Stelle, und die Seele nahm ihre Wohnung im Körper.
Der Baum wuchs empor und trug zehn Menschenarten als Früchte.
Ahuramazdâ redete von Meschia und Meschiane. Der Mensch als Weltvater wurde. Der Himmel ward ihm bestimmt mit der Bedingung der Herzensdemut, Gehorsam gegen den Willen des Gesetzes, der Reinheit in Gedanken, der Reinheit in Reden, der Reinheit in Thun und Lassen, und daß er keine Dews anbete. Durch Beharren in diesem Geist sollten der Mann zum Glücke des Weibes und das Weib zum Glücke des Mannes leben. So waren auch im Anfang ihre Gedanken und ihre Werke. Sie nahten sich einander und hatten Gemeinschaft zusammen.
Anfangs sprachen sie: Ahuramazdâ ist es, von dem Wasser und Erde, Bäume und Tiere, Sterne, Sonne, Mond und alles Gute kommt, das reine Wurzel und reine Frucht hat. Darauf bemächtigte sich Angrômainyus ihrer Gedanken, verdarb ihre Seele und gab ihnen ein, er sei es, der Wasser und Erde, Bäume und Tiere und alles Gute geschaffen habe. Das glaubten sie, und so gelang es Angrômainyus, sie gleich anfangs zu betrügen durch Irrtümer in der Lehre von den Dews, und von Anfang bis zu Ende suchte der Grausame nichts als Betrug. Meschia und Meschiane wurden durch den Glauben an diese Lüge Darvands, und ihre Seelen müssen bis zur Neubelebung der Leiber im Duzakh verharren.
Meschia und Meschiane kleideten sich dreißig Tage lang schwarz; danach gingen sie auf die Jagd und fanden eine weiße Ziege, aus deren Zitzen sie die Milch sogen; die war ihnen liebliche Nahrung. Meschia und Meschiane sprachen: ich habe noch nichts so angenehmes genossen wie diese Milch, sie hat mich ungemein erquickt. Das war aber ein Übel für ihren Körper, denn dadurch sündigten sie gegen ihren Leib und wurden gestraft.
Angrômainyus, dessen Rede ganz Lüge ist, zeigte sich -- durch jenen Betrug noch beherzter -- ihnen zum zweiten Mal und gab ihnen Früchte, die sie aßen. Dadurch verloren sie die hundert Glückseligkeiten, die sie bisher genossen hatten, bis auf eine. Nach dreißig Tagen und dreißig Nächten kam ein fetter weißer Schöps zu ihnen, dem sie das linke Ohr abschnitten. Die himmlischen Izeds hatten sie gelehrt, Feuer aus dem Konarbaum zu ziehen, dessen Holz sie mit einem scharfen Eisen rieben. Beide legten das Feuer an den Baum und machten durch ihr Blasen, daß es in einer Flamme ausschlug. Zuerst brannten sie Holz von Konarbaum, darauf von Datteln und Myrten. Den Schöps brieten sie und teilten ihn dreifach, und von den zwei Teilen, die sie nicht aßen, wurde ein Teil durch den Vogel Kehrkas gen Himmel getragen.
Anfangs kleideten sie sich in Hundsfelle, denn Hundefleisch war ihre Speise, danach jagten sie fleißig und machten sich Kleider von den Fellen des Rotwilds.
Es steht auch geschrieben, daß Meschia und Meschiane eine Öffnung in die Erde machten. Darin fanden sie Eisen, woraus sie eine Axt fertigten, nachdem sie es mit Steinen geschärft hatten. Diese legten sie einem Baum an die Wurzel, hieben ihn ab und bauten sich eine Wohnung, ohne Gott zu danken. Dadurch bekamen die Dews große Gewalt über sie. Einer wurde der Feind des andern, einer entbrannte in Neid und Haß gegen den andern, einer lehnte sich gegen den andern auf, schlug und beschädigte ihn und erlitt ein Gleiches. Endlich schrie der Fürst der Dews aus seiner finstern Wohnung gewaltig: O, betet an, ihr Menschen, betet an die Dews! Der Dew des Neides und des Hasses setzte sich auf seinen Thron. Meschia nahte sich, zog Milch von seiner Kuh und goß sie nordwärts aus. Dadurch bekamen die Dews größere Macht, und Meschia und Meschiane wurden unfruchtbar. In fünfzig Jahren dachten sie an keine leibliche Vereinigung. Am Ende der fünfzig Jahre bekam Meschia zuerst Lust zur Zeugung und danach Meschiane. Meschia sprach zu Meschiane: Ich möchte deine Schlange sehen, denn die meinige erhebt sich mit Macht. Danach sprach Meschiane: O Bruder Meschia, ich sehe deine große Schlange, sie fährt auf wie ein leinen Tuch. Darauf sahen sie sich, und dieses Sehen ward ihnen verderblich, denn sie thatens mit Ausschweifung, indem jedes bei sich selbst dachte: schon seit fünfzig Jahren hätte ich das thun sollen. Nach neun Monaten wurden ihnen Zwillinge, ein Knäblein und ein Mägdlein, geboren. Von diesen geliebten Kindern pflegte die Mutter das eine und der Vater das andere. In der Folge nahm ihnen Ahuramazdâ diese Lieblinge ab und sorgte für ihre Erziehung; sie blieben auf der Erde. Meschia und Meschiane sahen noch sieben Paar Nachkommen männlichen und weiblichen Geschlechts von ihnen. Alle waren Brüder und Schwestern. Jedes Paar zeugte Kinder bis zum fünfzigsten Jahr und gegen das hundertste starb es. Unter diesen sieben Paaren waren Siamakh, der Mann, und Veschak, die Frau, welche wieder zwei Kinder beiderlei Geschlechts miteinander hatten, Frevak und Frevakein.
Von diesen wurden fünfzehn Paare Kinder geboren, von denen ein jedes die Eltern eines besonderen Volkes wurde, und auf welche alle Völker der Erde zurückgehen. -- Dabei sei nebenbei bemerkt, daß im Bun-Dehesch monströse Menschen -- ähnlich wie bei Berosus -- angeführt werden, so Menschen mit einem Ohr, einem Auge, einem Haarschweif, einem Pferde- oder Hundskopf usw.
Von der Zeugung sagt das Gesetz, daß eine Frau, nachdem sie vom Daschtan[213] gekommen ist, innerhalb zehn Tagen und zehn Nächten nach ihrer Empfängnis schwanger wird. Der Beginn ihrer Schwangerschaft ist das Ende ihrer Periode. Ist der Same des Mannes kräftiger, so wird ein Knabe geboren, ist es der weibliche Same, ein Mädchen. Hat der Same von Mann und Frau gleichviel Kraft und Geist, so wird die Geburt zwei- und dreifach. Tritt der Samen des Mannes zuerst aus, so wird die Frau Mutter; quillt aber der weibliche Samen zuerst, so ist es bloßes Blut, und sie hat Ungemach davon.
Der Samen des Weibes ist blutähnlich und kommt aus der Seite als eine weißlich-rot-gelbe Flüssigkeit. Der feurige und trockene Samen des Mannes quillt aus dem Haupt und Marke, ist flüssig, weiß, stark und in Menge ausschießend. Sobald der weibliche Samen in die Mutter dringt, ist er wirksam; der männliche bedeckt ihn und erfüllt die Mutter; aller nachmalige geht in die Adern der Mutter und wird zu Blut, und nach der Geburt wird er zu Milch, der Nahrung des Kindes, denn alle Muttermilch kommt vom männlichen Keime.
Vier Dinge sind Mutter. Himmel, Metalle, Wind und Feuer sind zeugende Väter und werden nie etwas anderes; aber Wasser, Erde, Bäume und Mond sind weiblich ohne alle Verwandlung. Alles übrige ist männlich und weiblich.
Das Gesetz spricht von fünf Arten Feuer: vom Feuer Berezesengh in Ahuramazdâ und den Königen; von Voh freiann in den Menschen und Tieren; von Oruazescht in den Tieren und Gewächsen; von Vazescht, dem Feuer des Blitzes und dem Feuer des Beehenescht, welches den Bedürfnissen des Menschen dient und aus dem das heilige Feuer Behram zubereitet wird. Das Behramfeuer stammt aus der reinsten Lichtmaterie aller Feuer.
Nachdem der Menschenkörper im Mutterleib gebildet ist, kommt die Seele vom Himmel herab und belebt ihn. So lange er durch sie lebt und sich bewegt, begleitet sie ihn unablässig. Wenn der Mensch stirbt, wird sein Leib Staub, und die Seele kehrt in den Himmel zurück.
Im Bun-Dehesch folgt nun eine Art mystischer Zoologie, worin namentlich dargestellt ist, welche Tiergattungen gegen gewisse Dämonen schützen, eine Anschauung, welche sich bekanntlich bis in das Mittelalter fortspinnt. Aus den diesbezüglichen Anführungen des Bun-Dehesch will ich nur folgende, als bei den Juden, den Neuplatonikern und im Mittelalter noch besonders in Ansehen stehend mitteilen, obschon die Erinnerung an die Quelle dieser Anschauung verloren gegangen war:
Der Hahn ist den Dews und Zauberern feind. Er unterstützt den Hund, wie im Gesetz steht: Unter den die Druschts plagenden Geschöpfen vereinigen der Hahn und der Hund ihre Kräfte. -- Das Gesetz sagt: wenn der Hund und der Hahn gegen Druscht streiten, so entkräften sie ihn, der sonst Menschen und Vieh peinigt. Daher heißt es: Durch ihn werden alle Feinde des Guten überwunden; seine Stimme zerstört das Böse. Der Hund verlangt vom Menschen nichts als Fleisch und Fett; ihm es geben, ist Quelle der Gesundheit, die Ahuramazdâ schenkt. Nichts Schädliches darf ihm gegeben werden. Wer ihm -- auch unbewußt -- etwas Faules giebt, der muß von den Desturs, welche die fünf nötigen Eigenschaften haben, gestraft werden. Nährt man ihn aber mit dem, was vorgeschrieben ist, so macht man alle Dews zu Schanden.
In der deutschen Volkssage spielt bekanntlich ein dreibeiniger gespenstiger Schimmel eine bedeutende Rolle, während im Bun-Dehesch von einem ähnlichen dreibeinigen weißen Esel die Rede ist. Offenbar walten hier uralte Reminiscenzen arischer Völker ob, deren Sinn verloren gegangen ist.
Vom Wasser wird im Bun-Dehesch allerlei Mystisches berichtet: Das erste Wasser ist das der Pflanzen; das zweite, das aus den Bergen quillt und Quellen bildet; das dritte Wasser ist der Regen; das vierte das in Brunnen gegrabene; das fünfte der menschliche und tierische Samen; das sechste der Schweiß; das siebente das Rückenmark; das achte der Urin; das neunte der Speichel; das zehnte das menschliche und tierische Fett; das elfte der menschliche und tierische Lebenssaft; das zwölfte der von unten aufsteigende Baumsaft, von welchem es heißt: Der Saft in den Bäumen gleicht Wassertropfen, die ausquellen, wenn man den Baum nahe an das Feuer legt. Das dreizehnte Wasser endlich ist die Milch der Tiere und Menschen.
Wenn alle diese Dinge ein Nefa[214] berührt oder wenn ein aus dem Wasser gezogener Leichnam oder ein Stück davon sich wieder mit dem Wasser der Ruds vermischt, alsdann sind, wie geschrieben steht, die drei Ruds: Arg, Muru und Itmand, sie die himmlischen, mit Unreinheit geschlagen; ihr Fluß tränkt die Welt nicht mehr; und wenn eine Frau nach unzeitiger Geburt aus dem besondern Ort ihrer Entfernung dieses Wasser anschauet, so zeigt sich in diesen Fällen das Wirken des Menschenfeindes.[215] Aber Zoroaster hat auch dafür gesorgt, denn Ahuramazdâ spricht: Ich gebe euch das sechste Wasser Zur. Wen ihr damit begießt, der gelangt zur ersten Reinheit. Von diesem Wasser heißt es: Wenn wenig Her[216] und viel Zur ist, so kommt das Wasser in drei Jahren wieder zur Quelle; sind Her und Zur gleich, so geschieht es in sechs Jahren; ist aber mehr Her als Zur, so bedarf es neun Jahre, und dann kehrt es zurück, um den Bäumen Glanz zu geben.
Es folgt im Bun-Dehesch wieder eine längere naturgeschichtlich-mystische Exkursion, aus welcher ich nur hervorheben will, daß die Affen als eine Art Dews betrachtet werden, erzeugt aus der Ehe der Schwester Djemschids mit einem Dew. Bekanntlich hält noch Luther in seinen Tischreden die Affen für Teufel.
Hinsichtlich der Chronologie will ich nur folgende Stellen des Bun-Dehesch anführen.
Es heißt, daß im Jahr, durch der Monate Lauf Wärme und Kälte und Kälte und Wärme sich innerhalb sechzig Tagen zweimal miteinander vereinigen. Die Monate Farvardin, Ardibehescht, Chordad machen Frühling; Tir, Amerdad, Schahriver Sommer, Meher, Avan, Ader Herbst und Din, Bahman und Sapandomad sind Wintermonate. Die Sonne vollendet vom Kordeh Vareh (Widder), bis sie wieder an diesen Ort kommt, in ihrem Lauf 365 Tage und fünf kleine Zeitteile. Das macht ein Jahr. Alsdann kehrt sie dahin, woher sie gekommen ist. In drei Monaten durchläuft sie drei Himmelszeichen mehr oder minder sichtbar und kehrt wieder zurück.
Alle Zeit vollendet sich in zwölf Jahrtausenden. Im Gesetz steht, daß das Himmelsvolk in den ersten drei Jahrtausenden allein war, daß damals das Heer des Feindes nicht in die Welt ausstreifte. Kaiomorts und der Stier machen bis zur Erscheinung der Welt drei andere Jahrtausende. Das sind also sechs Jahrtausende. Diese Tausende Gottes bilden sich ab in den sechs ersten himmlischen Zeichen: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Kornähre. Diese begreifen die sechs Jahrtausende Gottes.
Nach den Tausenden Gottes kam die Wage. Angrômainyus lief aus in die Welt.
Nach der Zeitrechnung des Bun-Dehesch würde die Gegenwart unter dem Zeichen des Steinbocks stehen.
Ich will bemerken, daß die Verteilung der Zeit unter die Himmelszeichen und Planeten auf die ganze Astrologie nachwirkte.
Noch sei erwähnt, daß auch im Bun-Dehesch die biblische Anschauung von einem paradiesischen unschuldigen Urzustand der Natur vertreten ist. Es heißt:
»Vor des Feindes Ankunft in der Welt hatten die Bäume weder Dornen noch Rinde. Seit Angrômainyus Peetiaré, der sich in alles, was ist, mischte, tragen sie Stachel und Rinde. Am stärksten wirkte seine Macht auf die Gewächse, denn ihre Schädlichkeit übertrifft alles andere Übel; ihr Giftsaft tötet durch seinen Genuß Menschen und Tiere.«
Von den Druschts heißt es: Dew Tarmat ist der Dew des Hochmuts. Dew Medokht ist Angrômainyus. Dew Areschk ist Urheber des Neids. Der mächtigste dieses argen Volkes ist Dew Eschem, wie geschrieben steht. Sieben Kräfte werden Eschem gegeben zur Zerrüttung der lebendigen Geschöpfe. Durch seine siebenfachen Kräfte schlug er zu seiner Zeit die Keans, lebendige Bewohner der sieben Keschvars. Ein einziger Keschvar kämpfte gegen ihn, Medokht kam dahin, und Areschk ward darüber froh. Eschem kehrte alles um. Eschem eroberte eine Gegend, woselbst er viele Geschöpfe zerrüttete und in großer Zahl zu Grund richtete. Eschem ist es eigentlich, der gegen das von Ahuramazdâ geschützte Volk feindselig handelt. Die Keans, Geschöpfe des Lebens, wurden durch die Bosheit Eschems gedrückt, wie es heißt: Eschem Khruidrosch schuf Dew Odjescht, der Tag und Nacht frißt in der Welt und der Toten Seelen mit Furcht quält, ihnen Schrecken einflößt und vor dem Höllenthor sich aufhält. Er schuf Dew Ode, der den Menschen, er sitze am Orte der Aufmerksamkeit oder speise an einem himmlischen Ort, auf die Schulter schlägt und ihm zuredet, Unreines zu essen, damit er nicht zu den reinen Wohnungen der Seligkeit (Behescht) gelangen möge.
Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber berichtet das Gesetz, daß so, wie Meschia und Meschiane, Erdengezeugte, zuerst von bloßem Wassertrinken lebten, nachmals festere Nahrung, Baumfrüchte, genossen, dann Milch und endlich Fleisch, so in umgekehrter Ordnung die Menschen, welche durch die ganze Zeitdauer von ihnen abstammen, zuerst Fleisch, dann Milch und Brot zur Nahrung machen werden, bis sie wieder dahin gebracht sind, daß sie von nichts als Wasser leben.
Im Jahrtausend Oscheder mah wird noch Kraft in der Natur sein, aber abnehmen. Die Menschen werden nur in je drei Tagen ein Izeschné[217] vollenden, eines wie das andere essen und sich am Ende der Tage erkennen. Darauf werden sie nicht mehr Fleisch essen, sondern Baumfrüchte und Milch wird ihre Nahrung sein. Dann werden sie auch nicht mehr Milch genießen, sondern blos von Gewächsen leben und Wasser trinken. Im letzten Jahr der Erscheinung des Sosiosch wird der Mensch ohne alle Nahrung leben.
Danach wird Sosiosch die Toten beleben, wie geschrieben steht: Zoroaster fragte Ahuramazdâ und sprach: Der Wind führt den Staub der Körper fort, Wasser nimmt ihn mit sich; wie soll der Tote auferstehen? Ahuramazdâ antwortete: Ich bin es, der den allweiten sternreichen Asman (Himmel) im Raum des Äthers hält; der macht, daß er -- hier zeigte er auf das Antlitz des Himmels -- in Tiefen und Weiten Licht, das einst in Nacht begraben war, ausstrahlen muß. Durch mich ist die Erde geworden zur Dauer und Bestand, die Erde, darauf der Herr der Welt wandelt. Ich bin es, der den Glanz der Sonne, des Monds und der Sterne durch die Wolken leuchten läßt. Ich bin der Schöpfer des Samenkorns, das nach der Verwesung in der Erde von neuem keimt und sich vermehrt ins Unendliche. Ich bin es, der den Bäumen Adern des Saftes und Wurzeln mancherlei Art geschaffen. Durch meine Kraft lebt in den Bäumen und allen Geschöpfen ein Feuer, das nicht verzehrt. Ich bin es, der die lebendige Frucht in die Mutter legt nach ihrer Art, der allen Wesen besonders giebt Haut, Nägel, Blut, Fuß, Auge, Ohr. Ich bin es, der Wasser in den Tiefen schafft und in den Höhen, damit die Welt getränkt werde durch Flüsse und Regen. Ich bin es, der den Menschen macht, dessen Auge Licht ist, dessen Lebenskraft im Hauche des Mundes liegt; will er sich heben durch die unsichtbare Kraft des Lebens, das ich in ihn gelegt, so kann kein Arm ihn niederdrücken. Ich bin Schöpfer aller Wesen. Trete der Arge auf und versuche die Auferweckung; er wird sie umsonst versuchen und keinen Leichnam beleben können. Sicher und gewiß sollen deine Augen einst durch die Auferstehung neu leben sehen. Gerippe sollen Sehnen und Adern bekommen. Und ist die Belebung der Toten vollendet, so wird sie kein zweites Mal erfolgen. Denn um diese Zeit wird die verklärte Erde Gebeine und Wasser, Blut und Pflanzen, Haar und Feuer und Leben geben wie beim Beginn der Dinge.
Kaiomorts wird der Erstling der Auferstehung sein und Meschia und Meschiane nach ihm; nach diesen wird das übrige Menschengeschlecht Leben bekommen. Der Mensch soll wieder auf Erden sichtbar werden. Rein oder Darvand, jeder Mensch soll nach dieser Ordnung neu leben. Ihre Seelen sollen erst sein; alsdann sollen alle Leichname der ganzen Welt, so weit sie ist, ganz so neu werden wie beim Anbeginn der Schöpfung. Ein Lichtstrahl der Sonne wird Kaiomorts Licht und Glanz geben, ein anderer der übrigen Menschenmenge. Jede Seele wird die Leiber erkennen: Siehe, mein Vater! meine Mutter! mein Bruder! mein Weib! meine Freunde und Verwandten! Alsdann werden die Wesen aller Welt mit dem Menschen auf Erden versammelt sein. In dieser Versammlung wird jeder sein Gutes und Böses, das er gethan hat, sehen. In dieser Versammlung wird der Darvand sein wie ein weißes Tier unter den schwarzen. In dieser Weltversammlung wird der Darvand den Gerechten, dessen Freund er hier war, besonders an sich ziehen und sagen: Ach, warum hast du mich doch auf Erden, da ich doch dein Freund war, nicht gelehrt, mit Reinheit zu handeln. Du, o Reiner, hast mich nicht zum Guten geleitet, und darum bin ich unter diesen Seligen!
Danach wird eine Scheidung sein zwischen den Gerechten und Darvands. Die Gerechten werden in Gorotman eingehen, und alle Darvands werden von neuem in den Abgrund gestürzt werden. Drei Tage und drei Nächte hindurch müssen Leib und Seele büßen, unterdessen der Gerechte in der Himmelswohnung die Lieblichkeiten der Seligen mit Leib und Seele schmecken wird, denn so steht geschrieben. Am Tage der Scheidung des Reinen von Allem, was Darvand ist, wird jeder Befleckte in die Tiefe sinken.
Dann wird der Vater von seinen Geliebten, die Schwester vom Bruder, der Freund vom Freund geschieden sein. Jeder wird nehmen nach seinen Werken. Unbefleckte werden weinen über die Darvands, und die Darvands über sich selbst. Von zwei Schwestern wird die eine rein sein, die andere Darvand. Zohak und Afrasiab aus Turan und ihnen Ähnliche werden die Strafe der Sünde Marguerzan (Tod) erleiden. Die Menschen werden jener Läuterung von drei Tagen und drei Nächten nicht entrinnen.
Beim Beginn dieser Auferstehung werden von den noch lebenden Reinen fünfzig männlichen und fünfzig weiblichen Geschlechts dem Sosiosch zu Hilfe kommen.
Wenn einst Gurzscher[218] vom sublunarischen Himmel auf die Erde stürzen wird, so wird die Erde krank sein gleich dem Schaf, das mit Zittern und Zagen vor dem Wolf niederfällt. Alsdann werden durch des Feuers Hitze große und kleine Berge mit Metallen zerfließen. Das geschmolzene Erz bildet einen großen Strom, und alles, was Mensch heißt, muß hindurch zur Reinigung. Der Reine durchgeht ihn wie einen warmen Milchfluß. Die Darvands müssen auch hindurch, sie fühlen sich dazu gezwungen, und so muß die ganze Welt den geschmolzenen Erzstrom durchgehen, damit sie rein und glücklich werde, Vater, Sohn, Schwester, Freund, Einer wie der Andere, und Einer mit dem Andern werden Gutes thun.