Part 11
Am Ende wurde der _Mensch_ geschaffen, dessen Keim ebenfalls dem Urstier, dem Vorbild aller lebenden und sich bewegenden Geschöpfe entstammt. Der Urvater der Menschheit war _Kaiomorts_.[168] Er war lichtglänzend mit zum Himmel schauenden Augen, rein durch seinen Feruer und lebte noch dreißig Jahre nach dem Tode des Urstiers. Als er starb, weissagte er den künftigen Triumph des Menschengeschlechts über Angrômainyus. Bei seinem Tod ließ er seinen Samen zurück, den die Sonne reinigen, und von welchen Neriosengh zwei Teile und Sapandomad den dritten aufbewahren mußte. Aus diesem Samen erwuchs der Baum Reivas aus der Erde, welcher ein Zwitter[169] war, anzusehen, wie zwei, die aufs Innigste vereinigt sind. Ahuramazdâ bildete diesen Baum zum Doppelmenschen um, worauf er anstatt Früchte zehn Menschenpaare trug. Das erste Paar war _Meschia_ und _Meschiane_, die Stammeltern des Menschengeschlechts. Sie waren anfangs rein und unschuldig, und der Himmel sollte ihnen werden, wenn sie rein wären in Gedanken, rein und demütig im Herzen, rein in ihren Thaten. Anfangs waren sie das und erkannten Ahuramazdâ als den einzigen Schöpfer aller Dinge und beteten auch keine Dews an. Sie lebten aber schon in dem Jahrtausend, da Angrômainyus Gewalt hatte, Böses unter das Gute zu mischen, und so wurde zuerst das Weib Meschiane und darauf Meschia von Angrômainyus, der sich der Gedanken und Begierden ihres Herzens bemächtigt hatte, verführt, und beide wurden Darvands (Sünder). Jedoch vermehrte sich ihr Geschlecht durch immer neue Zeugungen.
Als Ahuramazdâ seine Schöpfung vollendet hatte, feierte er ihr zu Ehren die himmlischen Gahanbars.[170]
Von der Lichtwelt Ahuramazdâs wenden wir uns zur finstern Welt des Angrômainyus.
Angrômainyus, der grundarge Feind Ahuramazdâs und alles Guten, gedachte, sobald er nur könne, eine Reihe von Wesen zu schaffen, die ihm ähnlich sind, Feinde Ahuramazdâs und aller reinen und guten Geschöpfe wie er, und die wie Angrômainyus aus dem innern Quell der Bosheit und Feindschaft an Zerrüttung der Welt Ahuramazdâs arbeiten. Wie auf Erden Tier gegen Tier ist, so ist im Reiche der unsichtbaren Wesen Geist gegen Geist. Die ersten sieben Dews sind das im Reiche der Finsternis, was die Amschaspands im Reiche des Lichts sind. Jeder hat seinen besondern Namen und einen besondern Widersacher unter den Amschaspands, mit dem er zunächst zu kämpfen hat. Die sieben _Erzdews_[171] sind an die sieben Planeten gekettet. Sie kommen von Norden, sind männlichen und weiblichen Geschlechts, und alle Übel kommen von ihnen. Jeder ist eine besondere Quelle eines besonderen Übels; andere Dews wiederum sind deren Gehilfen, gerade so wie die Amschaspands ihre Gehilfen (Hamkars) an den Izeds, und diese wieder an den geringeren Izeds besitzen. Sie erscheinen unter allerlei Gestalten auf der Erde, als Schlange, Mensch, Wolf, Fliege &c.
Am Ende der Welt und Zeit sollen alle Dews bis auf Angrômainyus ausgerottet werden.
Ihre Zahl ist -- wie die der guten Geister -- über zehntausendmal zehntausend.
Folgende sind die wichtigsten:
1. _Akuman_, welcher unter allen Dews zuerst von Angrômainyus geschaffen wurde. Er ist der Widersacher Bahmans, in seinen Gedanken ganz Gift und der häßlichste der Dews. Er plagt vorzüglich die gut und edel lebenden Menschen.
2. _Aresch_, der Dew des Neids.
3. _Aschmogh_, raubt alles Gute von der Erde und bringt dafür alles Böse. Das Wort der Wahrheit ist ihm wegen seiner außerordentlichen Grundbosheit unerträglich. Er heißt auch die zweifüßige Schlange.
4. _Astuiad_, der Dew des Todes, raubt den Toten die Seele.
5. _Boete_ besitzt und lähmt die Gelenke des menschlichen Leibes.
6. _Derevesch_ ist der Dew der Armut.
7. _Djadu_ ist der Dew der Magie.
Dies sind die sieben Erzdews. Weiter folgen:
8. _Dje_, Dew der Unreinigkeit.
9. _Eghetesch_, Dew der Zerrüttung des Herzens.
10. _Eschem_, Dew des Neides, Goschoruns Widersacher.
11. _Epeosche_, erscheint in Gestalt eines Pferdes.
12. _Kesosch_, giebt Zwerggestalt.
13. _Khevezo_ ist der Besitzer der Toten.
14. _Khiveh_ ist der Feind des Feuers und Wassers.
15. _Xonde_ ist der Dew der Trunkenheit.
16. _Nesosch_ besitzt ein ganzes Heer von Dews, die nach Norden schwärmen.
17. _Pretesch_ ist der Dew aller Falschheit und Lästerung.
18. _Sor_ ist Seroschs Widersacher.
19. _Vaziresch_ besitzt die Toten.
20. _Vato_ ist der Dew der Ungewitter.
21. _Verin_ ist der Dew der Regengüsse.
22. _Zaretsch_ ist der Allverderber.
Dies sind die wichtigsten Dews. Fast jedes Laster, jede böse Neigung, jede Plage und Krankheit hat ihren Dew. Jeder Wohlthäter unter den Amschaspands und Izeds hat mit vielen und namentlich mit dem ihm entgegengesetzten Erzdew zu kämpfen.
Die neun Häupter der Druschts sind:
1. _Angrômainyus_, der Widersacher Ahuramazdâs.
2. _Akuman_, der Widersacher Bahmans.
3. _Ander_, der Nebenbuhler Ardibeheschts.
4. _Savel_, der Nebenbuhler Schahrivers.
5. _Tarmad_, der Gegner Sapandomads, der Druscht des Stolzes.
6. _Tarik_, der Gegner Chordads.
7. _Zaretsch_, der Gegner Amerdads.
8. _Eschem_, einer der schlimmsten Druschts, Druscht der Gewaltthätigkeit, Gegner des Serosch, Dämon der Grausamkeit, welcher Ahuramazdâs Volk mit ganz besonderem Grimm bekämpft.
9. _Aschmogh_, raubt alle Güter, schwächt und kränkt die Menschen und verursacht alle Übel der Erde. Er weiß, daß Avesta das wahre Gesetz Ahuramazdâs ist, weigert sich aber infolge seiner grenzenlosen Bosheit dasselbe auszuüben.
In dem beständigen Kampf der guten und bösen Geister, Menschen und Kräfte, liegt nun die Mischung des Guten und Bösen, wie sie in der Welt in Erscheinung tritt. Alles Gute, alle lebendige Kraft und Wirkung stammt von Ahuramazdâ und führt wieder zu ihm zurück. Die Thätigkeit eines jeden Wirkenden, sei er auch der Unterste der unendlichen Kette, reicht in ihren Folgen wie in der Kette ihrer Ursachen bis hinab in die »unbegrenzte Zeit[172]«. -- Ebenso verhält es sich mit dem Bösen. »Die Welt der Übel« ist unter gute und böse Prinzipien, Wesen und wirkende Ursachen verteilt. Des Guten ist nur soviel vorhanden, als wirkende Ursachen sind und Angrômainyus mit seinen Dews geschlagen wird. Deshalb betrachtet sich der Anhänger Zoroasters als einen Krieger Ahuramazdâs, welcher nicht sündigen kann, ohne alle guten Izeds zu betrüben, die Kräfte des Guten in der Welt Ahuramazdâs zu schwächen, und keine Todsünde begehen, ohne selbst ein Darvand, ein Glied der Welt des Angrômainyus zu werden.
Der _Tod_ ist durch Angrômainyus durch die Sünde des ersten Menschenpaares in die Welt gebracht worden. Er erlöst den Anhänger Zoroasters von seinem Streit gegen Angrômainyus. Wenn er in seinem Leben treu war im Streit und rüstig durch Tilgung des Bösen gegen Angrômainyus und die Dews kämpfte, so hat er vom Tod nichts zu fürchten. Er geht über die Brücke _Tschinvad_ zur Ruhe und Seligkeit ein.
Sofort nach seinem Abscheiden eilen die Dews herbei und wollen sich seiner Seele bemächtigen. Ist sie aber gerecht und rein und hat sie sich im Leben die Izeds zu Freunden gemacht, so sind diese zu ihrem Schutz bereit. Die Seele des Gottlosen aber ist von allen verlassen, und da sie sich in ihrer Ohnmacht nicht selbst wehren kann, so wird sie der Raub der Dews. Einige Tage nach ihrem Hinscheiden kommt sie an die große Brücke Tschinvad, welche die Scheidewand und Verbindung zwischen dieser und jener Welt bildet. Hier untersuchen Ahuramazdâ und Bahman den Wandel des Menschen und verweisen ihn, wenn sich Gutes und Böses annähernd die Wage halten, zu einem _Mittelaufenthalt_ bis zur Auferstehung, der je nach dem Wandel mehr oder weniger selig oder von Unseligkeit und Angst erfüllt ist.[173] -- Spricht Ahuramazdâ Lob und Preis über des Menschen Leben, so wird er von den heiligen Izeds über die Brücke in das Land der Freuden geführt, wo er einer fröhlichen Auferstehung wartet. Im andern Fall kann er nicht über die Brücke und muß in den Duzakh, den seine Thaten verdienen.
Zuletzt erfolgt die _Auferstehung der Toten_. Gute und Böse sollen auferstehen, und Erde und Flüsse sollen die Gebeine der Menschen wiedergeben. Ahuramazdâ will sie zusammensetzen und mit Fleisch und Adern überziehen und neu beleben.[174] Gute sollen sich zu Guten und Böse zu Bösen gesellen. Darauf soll die ganze Natur so neu werden wie der Mensch an Leib und Seele. Nun folgen noch nach einem von der »anbeginnlosen Zeit« festgestellten Ratschluß Versuche, den Sündern die Thore Gorotmans aufzuschließen. Wenn die Verdammten durch Strafen im unterirdischen Duzakh geläutert und gedemütigt worden sind, so müssen sie durch Feuerströme geschmolzenen Metalls, wo sie die letzte Reinigung erfahren; alsdann genießen sie mit den Gerechten die endlose Seligkeit. Die ganze Natur ist alsdann am Endziel ihrer Bestimmung angelangt und Licht geworden. Selbst Duzakh ist nicht mehr, sondern ist Paradies geworden. Das Reich des Angrômainyus ist zertrümmert und das des Ahuramazdâ Alles in Allem geworden. Das Gesetz Ahuramazdâs herrscht allein im Weltall und ist das alleinige Element, in dem die Geschöpfe aller Stufen und Arten leben und weben. Ahuramazdâ, im Gefolge die Amschaspands, und Angrômainyus, von den vormaligen Erzdews begleitet, bringen dem Urwesen Zrvâna-akarana die Opfer ewigen Lobes. Dies ist das Ende der begrenzten Zeit.
Zweites Kapitel.
Der zoroastrische Kultus.
Die Anbetung Ahuramazdâs, die Liebe gegen alles von ihm kommende, tödlicher Haß gegen Angrômainyus und sein Reich ist die erste Pflicht des Avestabekenners.
Liebe und Haß, Sympathie und Antipathie sind die +causa movens+ des Parsismus, wie alles Bestehenden. Der Anhänger Zoroasters muß alles Gute, die sichtbare und unsichtbare Lichtschöpfung Ahuramazdâs lieben, das Reich des Angrômainyus aber hassen und bestreiten, so lange ein physisches und moralisches Übel zu bekämpfen ist.
Ahuramazdâ ist Licht, sein Reich ist Licht, sein religiöses System ein Lichtsystem, und der ganze Kultus bezweckt die Verherrlichung Ahuramazdâs, wobei seine Glorie erkannt und durch Vermehrung des Lichtes Lebensgenuß und Lebensmitteilung vermehrt werden. Dies ist das Wesen der Religion Zoroasters, der heilige Dienst des lebendigen Worts.
Die Erkenntnis Ahuramazdâs ist die erste Pflicht des Parsen, der Anfang und das Ende seiner Bestimmung, die Grundlage seines Denkens, Thuns und Lassens in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Ohne Ahuramazdâ würde alles Nacht sein, tot und öde, durch ihn ist der Parse, was er ist, und hofft in alle Ewigkeit an Kraft und Licht, Leben und Güte zu wachsen.
Ahuramazdâ muß erkannt werden als Gott und Schöpfer aller guten Wesen. Er ist seinem Wesen nach Licht; Licht aber ist Leben, Lebenskraft, Güte und Urwort. Aus ihm strömt Licht, Leben, Geist, Kraft, Güte und Wahrheit über das ganze von ihm geschaffene Weltall aus. Er muß erkannt werden als der allein alles Belebende, der alles zu Licht und Leben macht und Güte und Seligkeit zu erkennen und genießen giebt.
Darum preisen auch die Gebete des Zendavesta alle Geschöpfe Ahuramazdâs hoch, alle Izeds, alle reinen Menschen, reine Tiere und Pflanzen. Denn alle leben mehr oder minder im Lichte Ahuramazdâs, durch seine belebende Geisteskraft. Selbst Bahman, der höchste Amschaspand und seinem Wesen nach Ahuramazdâ am nächsten stehend, bekennt in seinen Lobgesängen, daß er seinen Verstand, sein Licht, seine Weisheit und vielzeugende Kraft nur von Ahuramazdâ habe.
So muß Ahuramazdâ erkannt werden im Himmel und auf Erden von allen Wesen, die ihn erkennen können.
Die Verehrung Ahuramazdâs muß aber zur _That_, zu _lebendigen Handlungen_ werden. Das Bild des Lichtes, welches ohne Unterlaß leuchtet, wärmt, belebt und wirksam ist, muß die ganze Empfindung durchdrungen haben und _thätig sein_. Obgleich Zoroaster in der heiligen Höhle seinen Geist nach orientalischer Sitte lang in tiefe Betrachtungen versenkt hatte, so gebietet er doch unähnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine Abtötung des Leibes, um durch Versenkung in die Gottheit nur Geist zu werden. Bei ihm ist alles Leben und That, Wachsamkeit und reger Dienst des Göttlichen bei Tag und Nacht. Deshalb auch konnte er durch das Judentum und Christentum so unendlichen Einfluß auf die Völker der kaukasischen Rasse gewinnen, welcher der faule Buddhismus gänzlich zuwider ist.
Nach dem Zendavesta ist alles Lichte und Reine, alles, was Leben besitzt und Leben mitteilt, gut; die ganze Welt Ahuramazdâs mit allen in ihr lebenden Wesen ist gut, alles durch Gedanken, Wort und That Belebende ist gut. Zoroaster faßt alles, was im einzelnen Wahrheit, Güte, Liebe, Leben, Kraft, Geist, Segen und Seligkeit ist, in dem Worte Licht zusammen. Darum schreibt er auch allen Wesen einen _Glanz_, einen _Lichtschein_ zu, dem Baume wie dem edlen Menschen, dem nützlichen Tier wie dem Amschaspand. In allen Wesen und Geschöpfen Ahuramazdâs ist Licht, und der Glanz eines Geschöpfes ist der Inbegriff seines Geistes, seiner Kraft und seiner Lebensregungen als Funken der Gottheit. Je nach Maßgabe der Beschaffenheit dieser Funken ist der Grad des Glanzes größer oder geringer. In Ahuramazdâ vereinigt sich alles, darum ist sein Glanz der höchste und vollkommenste. Da nun der zoroastrische Kultus nur den Zweck hat, Ahuramazdâ in seiner Schöpfung zu verherrlichen, so muß der Parse alles vom Schöpfer des Lichts kommende Gute lieben, verehren und sich ihm gefällig zu machen suchen. Vor allen Dingen aber muß er Ahuramazdâ in Gedanken, Worten und Thaten anbeten. Kein Wesen darf er gleich Ahuramazdâ verehren außer Zrvâna-akarana, die zuweilen auch der Urgrund und Abgrund aller Wesen genannt wird.
Nach dem Schöpfer alles Guten muß aber sein Geschöpf, die Welt, wie sie von den Menschen erkannt wird, je nach der Stufe der Hoheit, Würde und Vollkommenheit der Dinge geliebt und angerufen werden; denn die Welt enthält, soweit sie gut ist, lauter Söhne Ahuramazdâs, von Ahuramazdâ geliebte Geschöpfe, in welchen er sich mit Wohlgefallen widerspiegelt, über die er sich freut wie beim Anbeginn der Dinge, da alles durch ihn geboren ward. Darum richtet der Parse sein Gebet zuerst an die Amschaspands, die ersten Abdrücke Ahuramazdâs, die Nächsten seines Glanzes und die Ersten an seinem Thron. In den an sie gerichteten Gebeten und Lobpreisungen werden die besonderen Eigenschaften eines jeden gerühmt, und sie werden um Schutz, Hilfe und Segen angerufen, je nachdem ihnen Ahuramazdâ die verschiedenen Teile der Schöpfung anvertraut hat.
Hieraus, wie aus den übrigen Anrufungen der Geschöpfe ergiebt sich, worin deren Verehrung besteht. Sie besteht darin, daß ein jedes Geschöpf für das erkannt wird, was es ist, daß dies in der Form eines Gebetes bekannt wird, und daß man von jedem Geschöpf, je nach seinem Daseinszweck die Wohlthat erbittet, welche zu erteilen ihm von Ahuramazdâ anbefohlen ist.
Der Zoroastrismus personifiziert im Geiste des alten Orients die guten oder bösen Eigenschaften der Dinge in guten oder bösen geistigen Wesen und glaubt z. B. seine Dankbarkeit für die wohlthätigen Eigenschaften des Wassers nicht besser beweisen zu können, als wenn er dieselben in einem an den Ized des Wassers gerichteten Lobhymnus preist, wobei indessen Ahuramazdâ ebensowenig vergessen wird, als wenn er von einem Ized oder dem ihm geweihten Gegenstand dessen wohlthätige Wirkungen erbittet.
Das Gebet an die himmlischen Geister bezieht sich genau auf ihre Eigenschaften wie Funktionen und -- wenn es Himmelskörper sind -- auf die Zeit ihrer Erscheinung. So wird z. B. die Sonne nur bei Tag angerufen, der Mond aber bei Tag und bei Nacht.
Die Sonne als Quell alles Lichtes, die alles mit Leben und Freude erfüllt, wird als sichtbares Bild Ahuramazdâs angerufen, als König des Himmels, der ohne Ruhe im Lauf ist wie ein Held.
Die Anrufungen sind je nach den Tageszeiten verschieden. Das Morgengebet geht dahin, daß Ahuramazdâ seinen Glanz erhöhen wolle wie der Sonne Glanz, und das Abendgebet, daß der Beter durch Ahuramazdâs und aller Izeds Schutz seinen Lebenslauf vollenden möge wie der himmlische Glanzkönig, um in Gorotman einzugehen. Mithra wird in allen Gebeten nach seinem reinen Glanz als Befruchter der Erde gepriesen, welcher Nahrungssaft über die ganze Natur ausgießt, als Urheber des Friedens, als mächtiger Streiter wider alle Dews des Streites, des Krieges und der Zerrüttung. Endlich richtet der Parse sein Gebet an den eigenen Feruer und den aller reinen Menschen. Diese Feruer werden schon im irdischen Leben eng verbunden gedacht als Glieder jener lebendigen Gemeinde, welche in Gorotman noch mehr eins werden soll. Auch die Tiere werden unter Hinweisung auf Ahuramazdâ gepriesen, und der Gedanke an den himmlischen Stier, von welchem alle Menschen, Tiere und Pflanzen kommen, giebt diesem Gebet Leben und inneres Gewicht.
Endlich wird alles von Ahuramazdâ kommende gepriesen: Feuer, Wasser und Bäume, so namentlich das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser Zare, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum, aus welchem der Lebenssaft das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt.
Nach der Anbetung Ahuramazdâs und der Hochschätzung aller wohlthätigen und reinen Geschöpfe befiehlt der Zendavesta die Ausübung des Guten in Reinigkeit des Gedankens, des Wortes und der That. Der Mensch soll im ganzen Verhalten des äußern und innern Menschen wie Licht sein und wirken. Dies ist der beste Beweis für die zu Ahuramazdâ getragene Liebe. Er soll wirken wie das Licht, d. h. wie Ahuramazdâ, die Amschaspands, die Izeds, wie Zoroaster und die reinen Menschen, in denen Ahuramazdâ sich gefällt, weil sie ihm ähnlich sind. Je mehr Lichtreinheit und Güte ein Mensch in seinem Wesen ausdrückt, um so näher sind ihm die himmlischen Geister, um so mehr können sie ihn lieben und zu seinem Dienst bereit sein. In diesem Geist muß man auch gegen die Menschen auf Erden handeln und wie die Izeds alles mit Wohlthätigkeit segnen, so muß der Mensch die Natur zu veredeln und überall Lebenslicht und Fruchtbarkeit auszustreuen suchen. In diesem Sinn speist er die Hungrigen, pflegt die Kranken, beherbergt die Wanderer, bepflanzt die Wüste mit Bäumen, tränkt die Erde und besäet sie zur Freude der heiligen Sapandomad mit reinem Samen; er sorgt für die Nahrung und Fortpflanzung der Tiere, stiftet Ehen usw. Dies alles thut er, damit er nicht Finsternis sei, sondern Licht werde und die Finsternis durch sein wohlthätiges Licht erleuchte, daß das Wüste fruchtbar werde, das Schwache stark und das Tote lebendig.
Der zweite Teil des Ahuramazdâdienstes besteht im Streit gegen Angrômainyus und seine Anhänger, im Haß gegen alles Böse und der Unterdrückung des physischen und moralischen Übels. Jeder Parse muß Angrômainyus, den Thronfürsten der Finsternis, Vater alles Bösen, durch Gedanken, Wort und That, so sehr verwünschen und hassen, als er nur Kraft zu hassen hat. Wer Angrômainyus und seine Gesellen anbetet, und als Darvand thut, was die Dews thun, liebt was sie lieben, in irgend welcher Weise ihre feindlichen Absichten fördert, ihre Einflüsse erleichtert und vermehrt, der ist verwünscht an Leib, Seele und Vermögen; Flüche ruhen auf ihm zu Tausenden. Zum Streit gegen Angrômainyus gehört besonders noch, daß der Anhänger Zoroasters bekenne, von Angrômainyus und den Dews komme alles Böse her.
Zu den Anhängern des Angrômainyus gehören besonders die Zauberer, welche Zoroaster als Hände und Füße, Augen und Zungen von Angrômainyus betrachtet. Um so höher das Ansehen der Magier beim Volke gestanden hatte, um so mehr verwünscht Zoroaster ihr Thun. Sie hören und Gemeinschaft mit ihnen haben, ist Fluch und Verdammnis; sie verfolgen und vertreiben, ist die Freude Ahuramazdâs und aller Izeds und Segen für alle Menschen und Geschöpfe.
Eine That ist edel, wenn die Dews dadurch erbittert werden, und bei jedem amschaspandähnlichem Thun möchten sie vor Bosheit und Zornwut ohnmächtig werden; jeder Anblick einer reinen hochstrebenden Seele -- wie z. B. die Zoroasters -- macht sie mutlos und blaßgelb. Thaten des Lichts, reine, edle Werke sind das beste Mittel, das Beginnen der Dews zu zerstören. Was die Dews verheeren, muß der Anhänger Zoroasters blühend machen. Die Dews lehren den Menschen das Gesetz Duzakhs und der Finsternis; der Mensch dagegen muß das Wort des Lebens überall lebendig machen und das Gesetz des Lichts und der Wahrheit in Gang bringen. So wie bei der Verehrung Ahuramazdâs nichts als die That gilt, so ist der Kampf gegen Angrômainyus und sein Reich ganz That und Streit durch Gebet im lebendigen Wort, durch Reinheit der Seele und des Leibes und durch Vertreibung der Dews, wo sie oder ihre Anhänger sich einfinden sollten.
Nach dem Zendavesta ist der Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen Schöpfung Ahuramazdâs, Triumph des Guten, des Lichts der Wahrheit und des Lebens, sowie Zerstörung des Todes, der Finsternis und Unseligkeit.
Der Anhänger Zoroasters ist nicht der Ansicht, daß er für sich und Ahuramazdâ für Alle sorgen müsse, sondern betrachtet sich als ein Glied der lebendigen Gesellschaft, das nur dann gesund ist, wenn der ganze Körper in Gesundheit und Stärke blüht. Er wacht über die Mitanbeter Ahuramazdâs mit der gleichen Sorgfalt wie über sich selbst, denn je mehr durch ihn die ganze Schöpfung zum Licht emporgehoben wird, desto glücklicher ist sein Zustand. So thun Ahuramazdâ wie die Izeds, und der Parse muß ihr Thun nachahmen. Ahuramazdâ, seinem Wesen nach ganz Licht und Leben, hat bei seiner Schöpfung und Regierung der Welt nur den Zweck, daß dieselbe Licht und Leben werde, und alle Glieder seines Reiches, jedes nach seiner Stellung zum Ganzen, zu Reinheit, Wahrheit, Vollkommenheit und Seligkeit gelange, deren es fähig ist, und alles gewonnen werde und nichts verloren gehe, daß alles in Ahuramazdâ, dem Schöpfer und Urquell alles Lichts und aller Güte, zuletzt zusammenfließe.
Das Licht muß immer im Kampf sein mit der Finsterniß, und Ahuramazdâ mit dem zahllosen Heer seiner Kräfte ist ohne Unterlaß geschäftig, die Mächte, Wirkungen und Geschöpfe von Angrômainyus täglich zu schwächen, sein Volk zu retten und zu reinigen von allen physischen und moralischem Übel, wo eins das andere erzeugt, eins das andere verschlingt, und jedem seines Volkes durch Verleihung von Kraft im Kampfe beizustehen. Dies ist das tägliche Geschäft Ahuramazdâs, und darum soll jedes Glied seiner Welt durch seine Kräfte in seiner Sphäre thun, was Ahuramazdâ im ganzen All seines Reiches für alle Geschöpfe und durch die ganze Fülle seiner Licht- und Lebenskräfte vollendet.
Im Zendavesta wird die allgemeine Harmonie alles Lebendigen, die Existenz _eines_ Lebens in der ganzen Schöpfung gelehrt. Alle Einzelheiten, welche Zoroaster dem Schöpfer alles Guten beigelegt, einigen sich im Begriff der Allbelebung, der Allschöpfung und Allbeseligung, dessen Geist, Wort und Kraft durch alle Glieder des Lebens und Webens der Schöpfung dringt, der in allen Gliedern wohnt und sie alle leben, fühlen, thun und wachsen läßt wie der menschliche Lebensgeist den menschlichen Organismus. Was nun Ahuramazdâ für das All der Schöpfung ist, das soll jeder Ahuramazdâverehrer in seinem Wirkungskreis sein, wobei er allezeit den großen Zweck Ahuramazdâs im Auge haben muß, der das Ganze zu Einem machen will, voll Harmonie, Leben, Wahrheit, Licht und lebendiger Wirksamkeit.