Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen

Chapter 9

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Im ersten Augenblick glaubte ich den Verstand verloren zu haben. Ich konnte kein Wort aus meiner Kehle pressen, meine Zähne rieben sich hörbar aufeinander, und ich mußte das unbegreifliche Weib nur immerfort anstarren. Sie blickte sich noch einmal um, etwa wie wenn man in einem Museum Bilder anschaut, dann pfiff sie den Hunden und ging. Die Hunde folgten nicht, sie hörten nicht auf zu winseln. Da entfernte sie sich allein. Sie ging in ihr Zimmer. Ich blieb wie versteinert auf meinem Platze, die beiden Tiere zu sehen und zu hören, war mir plötzlich das hellste Grauen. Ich fing an zu zittern und wußte nicht, woran ich denken sollte. Ich weiß nicht mehr, wieviel Zeit verflossen war, möglich eine halbe Stunde, möglich eine ganze, als ich mich entschloß, in Auroras Zimmer zu gehen. Die Türe war unversperrt. Aurora war im Bett, die brennende Kerze stand noch auf dem Nachttisch. Im Zimmer selbst war die größte Unordnung, Kleider und Wäschestücke lagen umher, eine kleine Reisetasche stand, wie zum Gepacktwerden, offen auf einem Stuhl. Ich blieb am untern Bettpfosten stehn und fragte Aurora, ob sie es denn nicht gewollt habe. Aus den Kissen heraus antwortete sie: »Laß mich jetzt schlafen.« »Um Gotteswillen!« flüsterte ich. Da erhob sie den Kopf und fragte kalt, ob ich das Billett nicht erhalten habe. »Was für ein Billett?« fragte ich. Sie sah mich unwillig an, lachte plötzlich und sagte fast verächtlich und als ob ich ihr völlig fremd sei: »Gehen Sie hinaus und lassen Sie mich schlafen. Es schickt sich nicht, daß Sie bei meinem Bette sind.« Mit diesen Worten blies sie die Kerze aus, und ich hörte sie wieder leise ins Kissen lachen.

Ich begriff es nicht. Ich hätte begriffen, wenn sie zornig, wenn sie wütend, wenn sie verzweifelt gewesen wäre, ich hätte alles begriffen, aber dies begriff ich nicht. Mir war es, als ob aus einer schönen Verkleidung ein Unhold hervorgetreten wäre, ein bestialisches Gebilde, ein grinsendes Affenwesen, wie es dermaßen furchtbar die Welt noch nicht erblickt. Ich tastete mich hinaus, das Entsetzen lag mir in allen Gliedern. Auf dieselbe Weise, wie ich gekommen war, mußte ich auch das Haus verlassen. Nachdem ich das Gartentor aufgesperrt und hinter mir zugeklappt hatte, warf ich den Schlüssel über den Zaun zurück. Es war ein Uhr, als ich nach Hause kam. Auf dem Tisch lag Auroras Brief. Ich öffnete ihn nicht. Es war mir alles zum Ekel und alles rätselhaft. Ich legte mich erschöpft aufs Bett und schlief bis sieben Uhr. Als mein Bursche kam, beauftragte ich ihn, eine Droschke zu holen, und zog unterdes die Uniform an. Ich fuhr in die Kaserne und wartete in der Kanzlei auf den Obersten. Er erschien erst gegen neun Uhr; er war bleich und fragte mich, ob ich schon wisse. Die Ermordung des Majors war bereits in der Stadt bekannt. Ich bat ihn um ein Wort unter vier Augen. Mein Geständnis machte seinem wohlwollenden und gegen mich stets vertraulichen Wesen ein schnelles Ende. Ich mußte den Degen abliefern und wurde sogleich inhaftiert. Dies alles war von keinem Belang mehr für mich. Ich wurde gefragt, ob ein Zweikampf beabsichtigt gewesen sei. Ich verneinte, weiß aber kaum, warum. Ich hätte meine Verteidigung darauf bauen können, ich tat es nicht. Ich hätte ja dem Major eine zweite Waffe in die Hand drücken können, bevor ich das Haus verließ. Ich tat es nicht, weil es mir gleichgültig war. Ich erfuhr von der Verhaftung Auroras, von dem Erstaunen und dem Schrecken, den meine Tat überall erregte, und auch dieses war mir gleichgültig. Am andern Morgen besuchte mich der Oberst, fragte, ob ich vor dem Transport ins Militärgefängnis noch etwas zu ordnen hätte, legte ein Terzerol auf den Tisch und stellte sich ans Fenster. Ich tat nicht, was er erwartete. Er entfernte sich ohne Gruß. Die Kameraden glaubten, daß ich aus Feigheit unterlassen habe, ein Ende zu machen, aber dem ist nicht so. Ich habe nichts vom Feigling in mir. Ich war bloß regungslos in meinem Innern. Ich war ganz wie aus Blei. Ich grübelte beständig ins Finstere hinein. Erst mit dem Verlauf vieler Tage kam ich wieder zur Besinnung. Ich fing an, meine Beichte dem Papier anzuvertrauen. Ich hinterlasse sie der geringen Zahl meiner Freunde. Es ist mir nun klar, daß mich die Menschen für schuldig halten und daß ich zu sterben die Pflicht habe. Ich selbst, ich kann nicht sagen, ob ich mich schuldig fühle oder nicht. Ich kann es nicht sagen. Aurora hat es ja gewollt. Um meiner Mutter willen bitte ich um ein anständiges Begräbnis.

Und nun geschehe, was geschehen muß.

Hilperich

Ein Schiffer fährt den dunklen Strom Hinunter ohn Bedacht. Die Lüfte ruhn, das Wasser schweigt, Und mählig wird es Nacht.

Kanzlist Johann Querschneider zu Nürnberg, ein seltsamer Kauz, ein Hungerleider doch nach Diogenes’ Art, erzählt:

Vierundzwanzig Jahre sind seit meines Vaters Tod verflossen. Ich bin ein uneheliches Kind und führe den Namen meiner Mutter. Bis zu meinem zweiundzwanzigsten Jahr wußte ich von meinem Vater nichts, nicht einmal ob er lebte. Ich hatte mich nicht sonderlich dafür interessiert; Gott weiß aus welchem Grund ich stets darüber hinweg dachte. Meine Mutter verfuhr in diesem Punkt sehr kategorisch. Wenn ich fragte, so lachte sie mir ins Gesicht. Ich zerbrach mir nicht den Kopf, sondern lebte so hin, nicht schlechter und nicht besser als andere; Geld hatten wir wenig, litten aber keinen Mangel. Meine Mutter bezog irgendwoher eine kleine Pension, besorgte Nähereien für einige Bürgersfrauen im Bezirk, und ich selbst war beim Amtsgericht als Schreiber angestellt.

Ich lebte also und beschäftigte mich nach meiner Art. Bis zu meinem zweiundzwanzigsten Jahr wie gesagt. Da ereignete es sich eines Morgens im Frühling, ich ging gerade zum Amt, daß ich im düsteren Korridor unseres uralten Gerichtsgebäudes ein junges Mädchen stehen sah, welches forschend und unruhig den langen Gang bald hinauf, bald hinunter blickte. Ich trat zu ihr hin und fragte unverhohlen nach ihrem Begehren. Sie antwortete etwas in italienischer Sprache, und da ich sie nicht verstand, schüttelte ich den Kopf und ging langsam meiner Wege. Das ist ein teuflisches Frauenzimmer, sagte ich mir, denn ich hatte im Leben Schöneres nicht gesehen. Voller Gedanken kam ich in die Amtsstube und setzte mich an meinen Tisch. Drei Personen von den Parteien waren schon anwesend. Der Diener schrie in den Flur hinaus: »Bianca Spinola!« und das schöne Mädchen trat ein.

Die Verhandlung betraf einen schwierigen und absonderlichen Fall. Der alte Rat Hilperich (ein Mann, den jedes Kind auf der Straße kannte, und dessen abenteuerliche Vergangenheit den Gegenstand vieler Erzählungen bildete) war auf den Einfall gekommen, eines seiner unehelichen Kinder, ein junges Mädchen aus dem Trentino, an einen Bankbeamten zu verheiraten. Alles war schon im besten Zug gewesen, die jungen Leute selbst im Einvernehmen, als plötzlich die Mutter des Beamten mit Zeter und Mordio erschien: der junge Ehekandidat sei gleichfalls ein Kind Hilperichs. Was der alte Herr vorerst gründlich bestritt. So kam die Sache vors Gericht und bildete lange Zeit das Gelächter der amtlichen Personen und der ganzen Stadt. Mit Neugierde sah ich den alten Mann an, der nun vor dem Richter erschienen war. Sicherlich zählte er mehr denn siebzig Jahre, obwohl seine blauen Augen strahlend und lebhaft waren. Seine hagere und etwas gebogene Gestalt hatte etwas Majestätisches, und dieser Eindruck wurde verstärkt durch das Trotzige, Verbissene, Verächtliche seines Gesichtes. Wenn unter den zusammengezogenen Brauen die Augen verschwanden und die verkniffenen, schmalen Lippen sich hinter dem weißen Bart wie hinter dünnem Buschwerk versteckten, mochte man wohl Furcht empfinden, und das rote Gesicht, das vom Alter weniger versengt schien als von den Leidenschaften, konnte man nicht leicht vergessen. Das ist also der alte Hilperich, dachte ich mir und mußte gleichzeitig lächeln, weil ich sah, daß die Sonne auf die schwarze Kappe und den schwarzen Bart des Richters ein goldenes Emblem gemalt hatte. Das alles sehe ich noch deutlich. Auch den hübschen und verschwiegen aussehenden jungen Mann, den Bankbeamten; er hatte eine Narbe mitten auf der Stirn. Dann seine Mutter, eine sehr dicke Frau, welche fortwährend Schokoladestückchen aus der Tasche zog, wodurch aber die Redekraft ihrer Zunge keineswegs verringert wurde. Dann das junge Mädchen, aber von diesem will ich jetzt nicht reden. Der Richter wiegte den Kopf, fragte dies und jenes, und seine Klugheit war bald erschöpft.

Ich weiß nicht mehr, wie ich daheim beim Mittagessen die Sprache auf den alten Hilperich brachte. Ich erzählte die ganze Geschichte, die mir sehr belustigend erschien. Meine Mutter aber verlor sofort ihr munteres Wesen, wurde nachdenklich und entfernte sich vom Tisch. Der Zufall fügte es – ich bin alt genug geworden, um das Wort Zufall nicht ohne ein Gefühl von Andacht hinzuschreiben – daß ich an demselben Tage der jungen Trentinerin wieder begegnete. Wir trafen uns nämlich beim Krämer, wo sie für ein Gewürz, das sie kaufen wollte, den deutschen Ausdruck nicht wußte. Ich machte nun den Dolmetsch, und zwar auf die komischste Weise der Welt, denn ich verstand ja selber nichts von der fremden Sprache. Ich schleppte alles herbei, was in dem Laden zu finden war, und stapelte es vor der schönen Dame auf, wie man einem fremden Monarchen etwa die Reichtümer eines Magazins zeigt. Es gab ein großes Gelächter, und der Krämer selbst, der mein guter Bekannter war, fand sich bei dem Spaß am besten amüsiert.

Da die junge Bianca, wie ich mit Mühe erfuhr, in der Nähe wohnte, begleitete ich sie nach Hause, und es verursachte uns weiterhin großes Vergnügen, uns zu verständigen. Unsere Mißverständnisse waren so heiter, daß eins das andere übertraf und wir gewiß mehr davon hatten, als von einer regelrechten Unterhaltung. Ich sah, daß sie ein Mädchen aus dem Volk war, und daß es nicht schwer fiel, sie heiter zu stimmen und ihr zu gefallen. Ja, ich gefiel ihr, und meine drollige Zeichensprache, mein Murmeln und Kauderwelsch trieben Tränen des Lachens in ihre schönen Augen.

Überflüssig, von all den Einzelheiten zu erzählen; nicht lange darauf konnte ich Bianca mit meiner Mutter bekanntmachen. Meine Mutter erinnerte sich sofort daran, was ich ihr von jener Verhandlung erzählt hatte. Sie führte mich beiseite und fragte mich sehr ernst, ob das jene Bianca Spinola sei. Mein unbefangenes Ja machte sie noch ernster und feierlicher, so daß ich besorgt zu werden anfing. Aber ich wußte nicht, was ich daraus machen sollte. Am folgenden Morgen, es war ein Sonntag, gebot sie mir, mich sorgfältiger als sonst anzukleiden, denn ich war immer ein wenig nachlässig darin. Sie nahm mich also wie einen Schuljungen mit sich und führte mich zu einem alten Haus in der Pfannenschmiedsgasse. Wir stiegen zwei knarrende Treppen empor, und meine Mutter zog die Klingel. An der Art ihrer Gebärde sah ich, daß ihr Gemüt heftig bewegt war, und ich fragte sie darum. Aber sie gab mir keine Antwort. Mein Erstaunen wuchs, als ich das Porzellanschildchen an dem gelben, staubigen Gitter sah, welches den Korridor von der Stiege trennte. Hilperich las ich; aber ehe ich meine Mutter von neuem fragen konnte, erschien eine Bedienerin. Meine Mutter zog einen Brief aus der Tasche und sagte, sie wolle auf Antwort warten. Die Frau führte uns in ein großes, leeres Zimmer, welches nichts als einen Spiegel und ein paar Stühle enthielt. Vor dem Spiegel stand ein dünner Mann mit einer Glatze und richtete sich eine rote Krawatte. Unser Eintreten störte ihn nicht im mindesten; ich war erstaunt, denn nie hatte ich ein so verhungertes, grämliches und furchtsames Gesicht gesehen.

Die Bedienerin kam alsbald zurück und bat meine Mutter, ihr zu folgen. Wieder verging eine Weile, während ich saß und lauerte und mir den Kopf zerbrach über das, was vorging. Der dünne Mann stelzte komisch vor mir auf und ab, murmelte und schielte mich von der Seite an, so daß ich lachen mußte. Endlich öffnete sich die Türe, der alte Rat kam heraus, faßte mich schnell ins Auge, schritt auf mich zu, nahm meinen Kopf zwischen seine beiden Hände, verkniff seine Lippen streng, nickte und küßte mich auf die Stirn. Im Rahmen der Tür stand meine Mutter und sagte mit ganz verweintem Gesicht: Johann, das ist dein Vater. Immer sonderbarer wurde mir zumut, und das Sonderbarste war mir wohl in diesem Augenblick, daß mein Freund mit der roten Krawatte ganz ruhig weiter auf- und abstelzte, als ob er daran gar nichts Auffälliges fände oder es längst vorausgesehen hätte. Es ist wahr, das Wort Vater machte in diesem Augenblick keinen Eindruck auf mich, aber wer will mir das verübeln? Ich erinnere mich, daß ich für meine Mutter ein unbestimmtes Mitleid empfand und daß ich mich im übrigen weit weg wünschte. Auch war ich erstaunt und verlegen und wurde es immer mehr, so daß mir der Schweiß auf die Stirne trat.

Ich erinnere mich, daß meine Mutter und der alte Mann einander noch lange Zeit gegenübersaßen und über die Vergangenheit plauderten. Der Rat Hilperich, den ich nicht einmal in Gedanken Vater zu nennen wagte, blieb dabei gelassen, ja sogar ein wenig spöttisch. Es fiel mir auf, daß die fernliegendsten und vergessensten Dinge ihm so nahe schienen wie die Gegenwart. Er sprach nicht wie ein alter Mann und nicht wie ein junger Mann, sondern als ob er ein Gebieter über die Zeit und über die Jahre wäre, und als ob es für ihn kein Verschwinden gäbe. Das ist mir freilich jetzt viel deutlicher als damals; denn ich habe ja erst durch ihn gelernt, was menschlich ist, abzuwägen.

Die Rede kam auch auf mich, auf meinen Beruf und meine Beschäftigung. Die Mutter rühmte meine Fähigkeiten; ihre Augen glänzten dabei, als ob sie von etwas Großem spräche, und ich mußte lachen. Das schien meinem Vater zu gefallen. Er nahm meine Hand, tätschelte sie ein wenig und sah mich halb liebevoll an und halb wie einen seltsamen Zwerg. Plötzlich aber sprang er auf und kreischte mit einer zerbrochenen, gehässigen Stimme: Mittelmann, scheren Sie sich zum Teufel! Und der schweigsame Spaziergänger machte sich wie ein armer Hund auf die Beine. Mein Vater lachte uns triumphierend an und wandte sich dann unvermittelt zu mir. Er habe viele Schreibereien, sagte er, und brauche einen, dem er sein ganzes Vertrauen schenken könne. Er glaube, daß ich nicht auf den Kopf gefallen sei, denn ich sei ja von seinem Blut. Wenn es mir recht sei, möge ich täglich zwei Stunden zu ihm kommen; es wäre nicht umsonst, und meine Stelle beim Amt könne ich ja behalten. Ich erklärte mich bereit, und meine Mutter fing sogleich vor Freude wieder zu weinen an. So entließ er uns.

Am andern Morgen brachte ein Dienstmann ein herrliches Geschenk für meine Mutter, eine Stehlampe, deren gläserne Kugel von zwei nackten Frauen getragen wurde. Das war ein zarter Beweis für die Gesinnungen meines Vaters, und mit Genugtuung trat ich den Weg zu seinem Hause an. Ich war so in Nachdenken verloren, daß ich beinahe überfahren worden wäre. Beständig sah ich mich an einem Wendepunkt meines Schicksals, das sich glänzend vor mir aufrollte.

Ich fand meinen Vater in seinem Wohnzimmer. Er war in Unterhosen, betrachtete mich komödiantisch forschend, mit seinem gewohnheitsmäßigen, halb grinsenden Lächeln, doch mit ernst blitzenden Augen. Man hatte ihm gegenüber das Gefühl, daß man stets scharf beobachtet war, und daß nichts seiner Beobachtung entging. Alles an ihm war voll Leben und Lebendigkeit trotz seiner schlottrigen, mageren, baufälligen Gestalt. Das Zimmer war vernachlässigt und unordentlich. Keine Bilder schmückten die Wände. Neben dem Bett hing ein riesenhaftes Löschblatt, vom Gebrauch schwarz marmoriert, und auf dem Boden stand ein Schreibedeckel neben einem eisernen Tintenfaß, denn mein Vater pflegte im Bett zu schreiben. Wäschestücke, Briefe und Schachteln lagen umher; auf einer gelben Kommode pendelten zwei Uhren, von denen die eine Mitternacht oder Mittag, die andere fünf Uhr wies.

Mein Vater hieß mich sogleich vor dem Schreibtisch Platz nehmen und diktierte mir eine ziemlich unverständliche Abhandlung, welche, wenn ich mich recht entsinne, Kultur und Mode hieß. Später erfuhr ich, daß er dergleichen viel schrieb, und manches, was mir recht überflüssig vorkam. Er tat es für Geld. Das war mir im Anfang unerklärlich, denn ich wußte nicht nur, daß er ein schönes Privatvermögen besaß, sondern auch, daß er das Geld verstreute, als ob es Kleie wäre. Er besah es nicht, sondern gab hin, nach allen Seiten. Dabei lebte er selbst in strenger Einfachheit, war genügsam wie ein Bauer, stand mit der Sonne auf, im Winter und im Sommer. Bald, bald erfuhr ich, wohin das viele Geld wanderte. Aber darüber laßt mich vorerst nicht reden. Damals verwirrte es meinen Sinn wie vieles andere Neue, und heute noch, in der Erinnerung, bewegt es mich sehr. Einmal, während ich bei ihm schrieb – es war immer noch über Mode und Kultur, denn das ging von Adams Zeiten an – kam ein Brief mit der Post. Mein Vater las ihn, und sein Gesicht zeigte dabei Zorn und Haß. Da! herrschte er mich an und warf das zusammengefaltete Papier vor mich hin. Ich schlug es auseinander und überflog ein Schreiben voller Vorstellungen und Vorwürfe; Religion bildete die Quelle der Beredsamkeit, so daß bisweilen der Ton etwas Prophetisches und Salbungsvolles hatte. Zum Schluß wurde der verderbte Greis flehentlich gebeten, in den Schoß der Kirche zurückzukehren.

Ich hatte von der geschiedenen Ehe meines Vaters munkeln hören. Dieser Brief war von seiner Frau. Sie verdummt in den Händen der Pfaffen, sagte der Alte bitterböse zu mir; aber zugleich nahm ich einen traurigen Ausdruck in seinem Gesicht wahr, der mir naheging. Er schickte mich an diesem Tag fort. Als ich am folgenden Tag wiederkam, schenkte er mir eine wunderschöne, goldene Uhr – für meine Dienste, wie er sich ausdrückte, hieß mich jedoch abermals gehen. Als ich durch den Korridor schritt, sah ich ein Mädchen von nicht mehr als fünfzehn Jahren, die voll Unbefangenheit in Blick und Miene an mir vorüberging, in die Wohnung meines Vaters. Sie war sehr elegant gekleidet, doch hatte man gleich den Eindruck, daß dies etwas Selbstverständliches an ihr war. Ich schaute ihr neugierig, fast freudig nach, und die Freude an meinem Geschenk ließ mich ihre flüchtige Erscheinung doch nicht vergessen.

Als ich nach Hause kam, traf ich zu meinem Erstaunen Bianca Spinola bei uns. Sie war auf Geheiß meines Vaters gekommen, wie ich hörte; sie solle nur mit uns Umgang suchen, hatte er gesagt. Ich lachte und erwiderte, daß es wie in einer türkischen Familie sei, aber im Grunde fand ich etwas Wohliges und Geheimnisvolles in der neuen Verwandtschaft von fernher. Bianca Spinola sprach schon viel besser deutsch; ihr Radebrechen entzückte meine Mutter. Ich selbst fühlte mich gehobener durch ihre Gegenwart, doch ohne die frühere Bewegtheit; auch war mein Kopf voll von Gedanken. Ich zeigte meine prächtige Uhr, die eitel Bewunderung weckte, und wir waren herzhaft vergnügt den ganzen Abend über.

Ich weiß nicht mehr recht, ob es der darauffolgende Tag war, an dem ich von Mittag bis zum Abend bei meinem Vater Briefe schrieb. Ich erinnere mich nur, daß es draußen stürmte und regnete und gewitterte. Mein Vater saß an der Seite des Tisches und diktierte. Er schien eine große Vermögensordnung im Sinn zu haben, denn in allen Briefen war davon die Rede; auch zeigte die ganze Art meines Vaters wohlerwogene Entschlüsse. Meines Vaters ... An diesem Tag wurde mein Gehirn aufgeweckt, und ich sah mich nur als ein Körnchen unter vielen. Ich sah einen wahren Stammvater vor mir, dessen langes Leben, ein Leben, welches er noch nicht fühlte, in der Erzeugung von Kindern verflossen war. Freilich damals war es mir nur wie ein Schauer; heute verstehe ich. Jeder Brief war entweder an einen Sohn oder an eine Tochter oder an eine frühere Geliebte gerichtet, die jetzt alterte und arm war, und der er ein Scherflein zukommen ließ. Hier gab er Ratschläge und ermunterte, dort setzte es eine Strafpredigt; im Norden und im Süden, so schien es, hatte seine Jugend die gleichen Erfolge aufzuweisen gehabt, und in der Heimat selbst erblühte kräftig der junge Nachwuchs aus seinem Blut. Manchmal hatten mir Leute gesagt, daß Fürstinnen und Prinzessinnen von Liebe zu ihm geplagt worden seien, ja, daß eine gewisse Herzogin, nun schon bei hohen Jahren, oftmals ein Plauderstündchen beim alten Hilperich einhole. Das hatte man mir erzählt, und ich leugne nicht, daß ich dazu ein ungläubiges Gesicht aufgesetzt hatte. Jetzt wurde mir die Zeit zur Lehrerin, und ich verlachte meine eigene Zweifelsucht. Ich erfuhr freilich im Lauf der Zeit, daß mein Vater einst eine große Rolle gespielt habe. Der Hof und das Volk hätten gleichermaßen Vertrauen in ihn gesetzt; jener hätte seinen Kopf, dieses sein Herz zu würdigen gewußt, und beide seien auf ihre Rechnung gekommen. Im Revolutionsjahr soll er der Regierung wichtige Dienste geleistet haben, und man sagte, daß er auf die Neugestaltung unseres Strafgesetzes den größten Einfluß ausgeübt hätte. Ich erwähne alles dies mit Ängstlichkeit, denn ich kann nicht dafür bürgen. Aber zwei Umstände will ich noch anmerken, die für meine Augen ein Licht über meines Vaters Leben verbreiteten. Einmal zeigte er mir ein Ölgemälde, das ihn selbst in seinen jungen Jahren darstellte. Man konnte nichts Liebenswürdigeres sehen! Um die Stirne glitten braune Locken, die Augen blickten freundlich träumend, und das griechisch runde Kinn war fest wie ein junger Apfel. Der Maler mochte phantasiert haben, aber sicherlich hatte ihm das Entzücken über das lebendige Antlitz die Arbeit verschönt. Ich dachte mir damals, so muß man aussehen, um der Welt mehr zu sein, als sie uns ist. Oder vielleicht denk ich dies heute, denn damals war ich jung.

Das zweite ist dies. Vor etwa zehn Jahren lernte ich einen alten Mann kennen, der mir von meinem Vater erzählte, und zwar in einem Ton wie von eigenen Heldentaten. Dieser Mann hatte meinen Vater als Fünfzigjährigen noch gekannt und behauptete, daß seine Anmut, sein weltmännisches Betragen, sein Witz und seine Güte einen eigenen Ruhm genossen hätten. Mein Erzähler berichtete tausend Einzelheiten mit einfältigem, aber rührendem Eifer. Nicht das jüngste Fräulein habe ihm zu widerstehen vermocht, dem Graubart, sagte der Schelm und lachte wie ein gackerndes Hühnchen. Schon damals sei die Zahl seiner Kinder zum Gegenstand vieler Witze geworden, und als er sich um diese Zeit verheiratete, hatte man in der Stadt gesagt, nun sei der Sultan zur Galeere verurteilt. Aber Hilperich war weiterhin auch Sultan geblieben, so meinte mein humoristischer Mann und fügte hinzu: wer ihn kannte, vermochte durchaus nicht an seinen Tod zu glauben. Etwas Starkes, Über den Tod-Starkes sei in ihm gewesen.

Die Briefe, die mir mein Vater diktierte, mochten für einen Unvertrauten etwas Geheimnisvolles, sogar Wahnsinniges haben. Denn wer sollte denken, daß ein und derselbe Mann Söhne, Töchter, Frauen in allen Richtungen der Windrose besitze? Mich selbst zwang damals etwas Seltsames zu ungeprüfter Hinnahme. Ihr müßtet gesehen haben, wie mein Vater jedem einzelnen Brief gegenüber ein besonderer Mann wurde! Bei dem einen wurde sein Gesicht hämisch und verdrossen; bei dem andern leuchtete es erinnerungsvoll; jetzt war er karg und spröde, später von zärtlicher Geschwätzigkeit; hier verurteilte ihn ein kluger Ratschlag zu langem Nachdenken, dort war er zornig wie eine alte Katze, schlug vor Zorn auf den Tisch, fletschte die Zähne, und ich, ich wußte keinen Grund, sah ein Stück Vergangenheit wie in den Scherben eines Spiegels. Aber zugleich muteten mich all die Gesichter vertraut an, denen ich mich schreiberhaft zugewandt hatte. Ich trug etwas nach Hause, was ich vordem nicht besessen hatte; wer kann dafür Worte finden? Kummer und Freude sah ich fließen in der weiten Gasse der Zeit. Mein Vater, ein fleißiger Angler, angelte sein Teil heraus. Was er nach Haus trug, war sein, wie meins, was ich.