Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen
Chapter 7
So fing es an, mit Abwehr und Wißbegier fing es an. Und wenn es ihr Entschluß war, mein ruhiges Herz in Flammen zu setzen, was bedurfte es da noch viel? Eines Abends fragte sie mich unumwunden nach meinen bisherigen Herzenserlebnissen und darauf mit Offenheit zu entgegnen, war leicht und schwer in einem. Ich hatte nicht viel zu berichten. Schon als Primaner hatte ich Verachtung für die Liebeleien gewisser Kommilitonen empfunden, und fernerhin war mir jede leidenschaftliche Entäußerung ein Greuel gewesen. Ich war freilich kein Kostverächter, kein Joseph; ich nahm stets, was man mir bot, aber zu langgesponnenen Verhältnissen fehlte mir die Zeit, und an die sogenannten großen Passionen glaubte ich nicht. Amüsement, ja; doch durfte es nicht zum Katzenjammer führen; alles übrige schien mir Bummelei und Jugendeselei. Ich weiß, es war erbärmlich, daß ein Kerl wie ich eigentlich nur von käuflicher Liebe wußte, nur von Vergnügen und nichts von Hingabe, nur von Dirnen und nichts von Frauen. Aber das passiert heute tausendmal, es ist viel häufiger, als man denkt, und gerade diejenigen, die ihre Stirn am aufdringlichsten mit dem Heldenlorbeer schmücken, sind, wenn man die Sachen bei Licht betrachtet, ebensolche Jämmerlinge. Dagegen lebt wahrscheinlich in dem Kopf jedes Frauenzimmers eine Vorstellung von Durchschnittspoesie und Schmökerromantik, die ihr unentbehrlich ist wie ein Luxuskleid, auch wenn sie selbst dergleichen nie erlebt hat und so wenig davon hält wie ein Moslem von der Hostie.
Ich wußte nicht, wie mir geschah, als ich nun plötzlich fand, daß ich eine Armut verraten hatte, über die mir bis jetzt kein Skrupel aufgestiegen war. Schon atmeten wir in einer verderblichen Luft. Wir verständigten uns durch Blicke und Mienen, und die Selbstbeherrschung, die wir zu üben wähnten, war nur eine Gaukelei. Ich sagte mir im Anfang bisweilen: die Frau ist kalt, oder noch schlimmer, kühl; die Frau rechnet, die Frau lauert. Aber da war ihre Sanftmut, ihre zarte Stimme, ihr ergebenes, verstörtes, beschwichtigendes Lächeln; da hatte sie eine sonderbare, oft wiederkehrende Bewegung der Hände, die darin bestand, daß sie die Finger ineinanderflocht, um sie dann wie verzweifelt in den Schoß einzusenken. Das riß mich aus allem Gleichmut.
Ihr Wesen blieb mir rätselhaft, bis sie mir eines Tages erzählte, wie ihre erste Ehe das Werk habsüchtiger Eltern und Verwandter gewesen sei; der Mann ein Trinker, ein Wucherer, ein Lüstling. Sie versicherte mir, daß sie im Zusammenleben mit ihm unberührt geblieben sei, und daß hauptsächlich deswegen nach drei qualvollen Jahren die Scheidung ausgesprochen werden konnte. Sie sprach dann von ihren Reisen, von zermarternder Unruhe, vom Wunsch nach Frieden, von ihrem Ekel an Welt und Männern, und da lernte sie Westermark kennen; sie dachte an ihm einen Beschützer zu finden, sie fühlte eine herzliche Kameradschaft für ihn, sie habe sich betören lassen und ihn geheiratet. Als sie nun lange schwieg, blickte ich sie fragend an.
Ja, darüber sei Schweigen geboten, sagte sie, darüber, was jetzt kam, müsse geschwiegen werden.
Geheimnis also? nicht anrührbares Geheimnis? Auroras Gesicht glich einer Uhr, die plötzlich stehen bleibt. Geheimnisse binden, auch wenn sie nicht enthüllt werden. Aber mein Inneres war schon zu sehr ergriffen, als daß ich aus Delikatesse hätte auf Teilnahme verzichten mögen. Ich bat in der dringlichsten Weise um Aufklärung. »Wozu? was soll es nützen?« antwortete mir Aurora. »Warum sollte ich Sie in eine Ungeheuerlichkeit einweihen, die mich allein schon übermäßig bedrückt und lebensuntüchtig macht? Sie würden mir nicht glauben, Sie dürfen mir nicht glauben, denn wer bin ich? Ein verlorenes, verachtetes Geschöpf, der Gegenstand unsauberer Gespräche am Biertisch, die wehrlose Beute aller Nachrichtenjäger der ganzen Stadt, mit meinem Namen in jede Spelunke geschleppt, beneidet, bewacht, einsam, unerhört einsam und unerhört verraten. Wollt’ ich bekennen, was ich in diesem Haus für ein Leben zubringe, so würde ich ja vielleicht auch Sie verlieren, der mir gutgesinnt ist. Nein, nein, erlassen Sie mir das, gönnen Sie mir die harmlosen Stunden mit Ihnen.«
Man sagt gemeinhin, und die Erfahrung macht mich geneigt, dem beizupflichten, daß Männer über dreißig, wenn sie zum erstenmal in ihrem Leben der Gewalt einer Leidenschaft erliegen, sich in nichts von der Unbesonnenheit und Kopflosigkeit der Jünglinge unterscheiden, daß sie im Gegenteil noch großmütiger ihr Gefühl, noch bereitwilliger ihren Stolz, noch unbedingter ihr Vertrauen verschwenden. Ich habe versucht, das Unheil zu bekämpfen, als es da war, ich habe mich noch mit aller Kraft gewehrt, als es mich umschlang. Vielleicht hätte ich es bezwingen können; vielleicht gab es einen Tag, eine Stunde, wo ich noch Meister des Verhängnisses werden konnte, wo ich mit dem Gedanken an ein Abschiedswort, dem Vorsatz einer Reise zu der Frau ging. Aber da mochte es scheinen, als rede die Frau mit einem andern Ton denn gestern; als sei die Hand, die sie mir bot, verwandelt worden. Wenn Früchte reif sind, fühlen sie sich gleichsam wärmer an, und so hatte sich etwa ihre Hand angefühlt, wie eine reife Frucht.
Einverständnis genug; Erwiderung genug; es braucht nicht mehr als den Abglanz der eigenen Sehnsucht in dem geliebten Antlitz und Auge, nicht mehr als ein gestammeltes Wort, als einen flehentlichen Blick, und Pflicht, Gewissen, Zukunftsfurcht entschwinden für immer in der Süßigkeit und Betäubung eines jähen Sicherkennens. Jetzt sind die Tore zugeschlossen, und es gibt keine Reise mehr. Ich entsinne mich eines Tages, wo ich mit Begierde die Gesellschaft eines Mannes suchte, eines Freundes, den außerhalb meines beruflichen Kreises zu finden mir höchst erwünscht war. Da traf ich den Ingenieur, von dem ich schon gesprochen, durch Zufall auf der Gasse. Er blieb unschlüssig stehen, ich reichte ihm die Hand. Ich verzieh ihm alles, was er über Aurora Westermark geäußert hatte, noch mehr, ich empfand das Bedürfnis, ihn mit der wunderbaren Frau näher bekannt zu machen, und ich war überzeugt, daß er sie mit andern Augen ansehen würde. Das Vorhaben war leicht, als Freund Auroras durfte ich es wagen, ihn einfach zu einem ihrer Empfangsnachmittage mitzunehmen. Ich fing alsbald davon an, er war ziemlich betroffen, erwiderte jedoch, wenn ich Wert darauf lege, wolle er mir gern willfahren, obwohl seine Zeit ihm die Pflege gesellschaftlicher Beziehungen sonst nicht gestatte. Wenn ich mir heute dies Gespräch überlege, so muß ich glauben, daß in meinem Benehmen etwas Krankhaftes, ja sogar Krankes enthalten sein mußte, denn der junge Mann blickte mich bisweilen fast mitleidig von der Seite an und meinte schließlich, es tue ihm aufrichtig leid, wenn er mich damals durch seine unüberlegte Offenheit verletzt habe. Am nächsten Tag gingen wir zusammen zur Majorin; Aurora nahm ihn mit Herzlichkeit auf, und sie schmeichelte ihm durch eine gewissermaßen sachliche Hochachtung, die bei Frauen selten ist, und die hier am Platze war. Er kam nun bisweilen an Montagen und Donnerstagen, blieb aber zumeist auffallend schweigsam, trotzdem ihm Auroras Sympathie durchaus nicht verborgen blieb. Einmal gingen wir zusammen weg, und ich sagte ganz unvermittelt zu ihm: »Hast du nun dein Urteil revidiert? Gibst du nicht zu, daß das ein Geschöpf ist, wie es so vollendet nur aus der Meisterhand Gottes hervorgehen kann?« Und als er nur mechanisch nickte, fügte ich hinzu: »Ich hoffe, daß du mich nicht mißdeutest, und daß du meine Worte so auslegst, daß wir uns auch weiterhin gerade in die Augen sehen können.«
»Mehr brauche ich nicht zu wissen«, entgegnete er ernst und anscheinend überrascht. Er besuchte von da an das Westermarksche Haus nicht mehr.
Warum ich die Art meines Verhältnisses zu Aurora vor dem Verdacht eines Freundes schützen zu müssen glaubte, weiß ich kaum. Ich hatte keinen Zweifel an ihrer Ehre und Reinheit. Aber das namen- und gesichtslose Hörensagen, unter dem ihr Ruf litt, war eine Qual sondergleichen für mich. Ich hätte mich gerne gestellt, aber wie durfte ich dies, wer hätte mir das Recht dazu eingeräumt? Ein Blick, ein zweideutiges Lächeln, ein Achselzucken, ein irrlichterndes Wort dann und wann, es überlief mich kalt, wenn ich dessen nur nachträglich gedachte; ich fand mich beleidigt und geschmäht, bald genug bekam ich zu spüren, daß das verleumderische Geschwätz auch schon meinen eigenen Namen bespritzte; aus dem Bewußtsein meiner Schuldlosigkeit, und, da Aurora sich mir gegenüber noch mit keinem Hauch etwas vergeben hatte, zog ich den Schluß, daß all die andern Anwürfe und Gerüchte ebenso trugvoll, lügnerisch und boshaft seien wie dieses. Traurigkeit und Ingrimm nahmen von mir Besitz, ich sonderte mich ab von den Kameraden wo es nur irgend anging, und hatte ich vorher schon für unliebenswürdig gegolten, so erklärte man mich jetzt für abstoßend hoffärtig, oder mildesten Falls für einen finstern Einsiedler. Ja, ich haßte sie, diese still beieinander hockenden Aufpasser, Schlimmredner und Giftkocher, diese gutangezogenen Megären und unbezahlten Spione, die ihrem Dünkel und ihrem Müßiggang kein unterhaltsameres Spiel wußten, als die nie wieder gutzumachende Besudelung eines schönen Herzens und edlen Charakters, denn so erschien mir Aurora.
Indessen wucherte das Grübeln über die furchtbaren Andeutungen, die sie mir in bezug auf ihr eheliches Leben getan, heimlich in mir fort. Ich wagte sie nicht mehr daran zu erinnern, ich wollte nicht mehr fragen, ich glaubte zartfühlend zu sein, doch meine Seelenruhe kam dabei schlecht weg. Tausend Vermutungen erwog ich, bis in die Träume hinein verfolgte mich das haltlose Denken, und so geschah es denn doch, daß ich einstmals, wir saßen im oberen Gesellschaftszimmer vor der Terrasse einander gegenüber, daß ich die Frage stellte, mitten in eine ruhende Minute hinein, in der mir zu Sinn war, als hörte ich das Ziehen der Wolken am herbstlichen Himmel. Aurora erschauerte; sie sah mich eine Weile zornig an, plötzlich stand sie auf, kehrte sich mit dem Gesicht gegen das Fenster, und ich gewahrte am Zucken ihrer Schultern, daß sie weinte. Während ich ratlos dasaß und meine Taktlosigkeit verwünschte, hörte ich die säbelrasselnden, plumpen Schritte des Majors auf der Flurtreppe. Aurora wandte sich um, mit erschrockenen Augen starrte sie gegen die Türe und flüsterte: »Ich kann ihn jetzt nicht sehen.« Damit verließ sie das Zimmer. Der Major trat ein und zeigte ein verwundertes Gesicht, als er mich allein sah. Er begrüßte mich mit zusammengekniffenen Augen und begann mit mir ruhig über dienstliche Angelegenheiten zu sprechen. Meine Nerven waren bis zur Unerträglichkeit gespannt, ich hörte kaum, was er sagte, und ich verfolgte seine Schritte und Bewegungen mit einem beunruhigten und haßähnlichen Gefühl. Plötzlich fragte er mich, wo seine Frau sei. Ich antwortete, sie sei vor wenigen Minuten hinausgegangen. Sein Gesicht verdüsterte sich: »Sie macht mir viel Kopfzerbrechen mit ihren Launen«, sagte er seufzend, indem er sich schwer in einen Sessel fallen ließ. »Ich sollte mich wirklich mehr um sie bekümmern,« fuhr er fort, »aber, lieber Treunitz, Sie haben keine Ahnung, was für Plackereien ich ausgesetzt bin; es kostet mich Überwindung genug, sie nichts merken zu lassen, aber wer kann immer heiter sein, wenn’s einem an den Kragen geht? So eine Frau will nichts als eitel Wonne um sich sehen; ich kann’s ihr nicht verdenken, sie ist jung. Mag sie sich nur amüsieren, ich lege ihr keine Balken über den Weg. Doch wie gesagt, die Launen, die Launen!«
Was er mit den Launen meinte, konnte ich mir nicht enträtseln. Es war mir eine Pein, ihn zu hören, andrerseits rührte mich sein Wesen, und er erschien mir durchaus nicht als böse. Ich wußte nur unbestimmte Redensarten zu erwidern. Meine Situation kam mir ebenso bedrückend wie die seine kläglich vor. Ich verabschiedete mich von ihm. Als ich über den Korridor schritt, stand Aurora neben der Treppe. Sie winkte mir, ihr zu folgen. Ich trat in ein kleines, boudoirähnliches Gemach. Aurora blickte mich forschend an. Etwas Trauriges, aber nicht bloß Trauriges, sondern auch Wildes, eine Art von Außersichsein in ihren Zügen brachte mich vollkommen um den Verstand. Plötzlich umschlangen mich ihre Arme, und ich fühlte ihre Lippen auf den meinen. »Geh, geh«, stieß sie dann durch die verpreßten Zähne hervor. Ich ging.
Mir brannte Hirn und Herz. Nie mehr über diese Schwelle, rief es in mir. Ich scheute mich, den Menschen in die Augen zu blicken. Und doch war ich glücklich; ich hatte ihre Schultern gespürt, ihre Arme, ihren Mund. Ich begab mich nach Hause, lief wie toll in meinem Zimmer auf und ab, ging wieder fort und stand in der Nacht, ich weiß nicht wie lange, vor der Villa des Majors, zu den schwarzen Fenstern emporstarrend. Die Stunden bis zum andern Nachmittag schlichen qualvoll hin. Als ich zu Aurora kam, waren Gäste da. Sie scherzte und plauderte wie gewöhnlich. Dies war mir unbegreiflich. Erst um sechs Uhr waren wir allein. Mit rauher Stimme bat ich sie um Aufklärung. Ich sagte, daß ich den Zustand des Zweifels und der schlimmen Befürchtungen nicht mehr ertragen könne.
»Was wollen Sie von mir?« entgegnete sie hart. Ich blickte sie erstaunt an, aber sie senkte nicht die Augen und flammte mich drohend an. Da packte ich ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Sie ließ mich ruhig gewähren, indes sie den Kopf in die andere Hand stützte. »Wenn ich alles sagen wollte, wer könnte mir glauben«, murmelte sie vor sich hin, und ihr Körper schrumpfte zusammen wie unter der Gewalt eines physischen Schmerzes. »Gehen wir ein wenig ins Freie«, schlug sie vor. Wir gingen in den Garten. Dort erzählte sie mir alles; während wir über die dunklen Wege schritten, schilderte sie mir ihre Ehe. Sie schilderte mir diese Ehe als ein Martyrium, das ohne Beispiel war. Sie schilderte den Major als einen argwöhnischen, neidischen, boshaften, ohnmächtigen, lügenhaften, und gewalttätigen Greis. Sie sagte mir, daß er sie schlüge. (O Gott, der Speichel im Munde wurde mir bitter wie Galle.) An ihr räche er die Unbill und Zurücksetzung, die er überall zu erleiden wähne. Wo er ihre Wünsche erfülle, sei es zum Schein; wenn er sich freundlich stelle, sei es zum Schein. Er behandle sie schlimmer als einen Hund. Seit sechzehn Monaten lebe sie wie in einem Starrkrampf, und was sie lache und rede, wisse sie nicht. Zuerst habe sie geschwiegen aus Furcht vor ihm, dann aus Furcht vor der Welt, denn noch einmal als geschiedene Frau bodenlos und heimatlos dastehn, das zu ertragen, sei sie nicht fähig, lieber wähle sie den langsamen Tod aus Kummer, Zorn und Angst.
Ich glaubte. Man denke nach, ob es für mich eine andere Möglichkeit gab, als zu glauben. Es gibt im Ungeheuerlichen einen Punkt, wo der Zweifel erstickt, anstatt genährt wird. Man kann der Raserei mißtrauen, man kann der Wut oder dem Haß mißtrauen, aber der sanften, schwermütigen und verzweifelten Ruhe, mit der mich Aurora zum Mitwisser ihres Geheimnisses machte, ist schwer zu mißtrauen. Ich wußte zu wenig von Leidenschaft, zu wenig von dieser schrecklichen Narkose des Gemüts. Die Gewohnheit kalter Sinnenlust und bezahlter Vergnügungen hatte mich einem Sträfling ähnlich gemacht, der die Kette nicht mehr spürt, aber vor Freude verrückt wird, wenn man ihm die Freiheit schenkt.
Wie hätte ich ahnen sollen, was in diesem Weibergehirn vor sich ging? ahnen sollen, daß Neugier sie zur Verderberin und Verbrecherin machen konnte? Neugier, wie weit sie mich zu treiben imstande war! Sie glaubte nicht an Männer, sie glaubte nicht an mich. Daß ich in der Schlacht gewesen, daß ich Feindesblut und eigenes Blut vergossen hatte, das verlockte sie, und sie wollte mich erproben. Sie wollte ihre Macht an mir erproben. Sie hatte die unbestimmte Sehnsucht, Urheberin einer Tat zu werden, aber sie glaubte nicht an diese Tat, so wenig wie sie an Worte, Schwüre, Vorsätze und Empfindungen glaubte. Die unergründliche, unermeßliche Leere ihrer Brust verzerrte ihr alles ernste Bestreben, Wissen, Wollen, Denken und Vollbringen zu spottwürdigen Schemen. Und so wurde meine Ergebenheit zu einem Piedestal für ihren lasterhaften Willen, und es war eine unheimliche Begierde in ihr, mich zu entfalten, mich gleichsam auseinanderzureißen, um zu sehen, – was in mir drinnen sei. Dieses und sonst nichts.
Das weiß ich jetzt; ich habe es erfahren müssen in einer Stunde, die mich aus dem Himmel in die Hölle stürzte, einer Stunde, wie sie vielleicht nur wenige Menschen je erlebt haben, und die ich auch um keinen Preis noch einmal erleben möchte. Aber wie hätte ich es damals spüren oder nur denken sollen? frage ich. Vor mir stand eine Frau, jung und unvergleichlich schön, den Sammet rührender Duldung in den Augen, und so hingeschmolzen vor meinem Wort und schlechten Trost, daß ein Tier weich geworden wäre. Kann man das noch Verstellung oder Heuchelei nennen? Ist dies nicht vielmehr eine böse zauberische Kraft, für die es noch keinen Namen gibt?
Ich will es nicht versuchen, meinen jammervollen Zustand zu schildern. Ich wandelte herum wie ein Vergifteter, auch schmeckte mir kein Bissen mehr. Daß ich liebte, war kein Glück mehr für mich, daß ich geliebt wurde, spürte ich nur wie im Traum. Wie ich es fertigbrachte, mich täglich anzukleiden, zu waschen, zu frühstücken und den Obliegenheiten meines Berufs zu genügen, ist mir heute noch ein Rätsel. Offenbar gibt es irgendeine Maschine in unserm Innern, welche die alltäglichen Pflichten gewohnheitsmäßig erfüllt. Eines Tages war ich bei meiner Mutter zu Tisch, und da ich alle Speisen unberührt ließ, stellte sie mich plötzlich in ernstem Ton zur Rede. Sie sagte, sie wisse alles; sie beschwor mich, von Aurora zu lassen und nannte sie eine gefährliche Kokette. Ich packte ihre Hände, wie man die Fäuste eines Gegners packt, der zum Schlag ausholt. »Auch du,« rief ich, außer mir vor Wut und Enttäuschung, »auch du gehst zu den Verleumdern. Du weißt ja nichts von ihr. Ach, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest, es soll sich mir nur einer stellen! nur einmal Aug’ in Auge! Mich dürstet ja danach, sie vor die Pistole zu bekommen, die feigen Hunde!« Meine Mutter war erschrocken, sie umarmte mich schluchzend und sagte: »Daß du den Appetit verloren hast, mein Junge, ist für mich das beste Zeichen, daß deine Leidenschaft verderblich und unnatürlich ist.«
So zeigt sich einem jeden die Welt anders; dem einen von der Herzensseite, dem andern von der Magenseite. Aber meine Mutter hatte Recht. Dennoch vermied ich es in der Folge, sie zu besuchen, und vom November bis zum Februar sah ich sie nur zweimal. Auch mit andern Menschen sprach ich nicht mehr als das Notdürftigste; ich gab jeden Verkehr auf und stellte Aurora meine freie Zeit völlig zur Verfügung. Nachdem ich mich lange in einem Zustand der Zerschmetterung befunden hatte, begann ich die Unhaltbarkeit der Lage zu spüren, um so mehr, als meine finstere Apathie in Aurora sichtlich eine gewisse Ungeduld erweckte. Ich sagte zu ihr, ich müsse mich mit dem Major schlagen. Sie erwiderte mit der ihr eigenen brennenden und faszinierenden Ruhe: »Wie? Du willst dein Leben gegen das seine in die Wagschale werfen? Ein Zufall, und er bleibt Sieger, und ich, verlassener als je, bin nicht nur auf seine Gnade angewiesen, sondern habe auch noch dich verloren. Bevor du mir das antust, schieß’ ich mir selber eine Kugel in den Kopf, das sollst du wissen.«
Ihre Beredsamkeit war groß. Es ist von jeher meine Schwäche gewesen, daß ich gegen beredsame Naturen schnell unterlag. Ich faßte den Plan einer Flucht. »Fliehen wir!« schlug ich ihr vor, »ich bin reich, laß uns übers Meer fahren und ein neues Leben anfangen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Fliehen heißt, mich in den Augen der Welt für schuldig und ungetreu bekennen,« sagte sie. »Heutzutage ist die Welt zu klein für solche Wagnisse. Wer kann mich zwingen oder mir es als nützlich einreden, daß ich wie ein Dieb in der Nacht ein Haus verlassen soll, in dem man mit Füßen auf mich getreten ist, in dem man mich bespien und besudelt hat? Nein, Treunitz, das kann ein stolzer Mann nicht von mir wollen.«
Da stand ich wie ein Schüler. »Was wollen wir also tun?« fragte ich.
»So geben wir uns doch auf!« rief sie trotzig und wie ermüdet. Ich schwieg, muß jedoch sehr blaß geworden sein, denn sie sah mich an, erst besorgt, dann nachdenklich, düster und kalt. An jenem Tag verstand ich den Blick noch nicht. Der nächste Tag war Allerseelen. Ich war gegen Abend gekommen, und Aurora bat mich dringend, zu Tisch zu bleiben. Ich konnte es ihr nicht verweigern, obwohl mir vor dem Beisammensein mit dem Major graute. Ich hatte dienstlich mit ihm nichts zu schaffen; in der Stadt sah ich ihn fast nie, von den Veranstaltungen der Offiziere hielt ich mich fern; daß ich dennoch sein Haus betrat, dennoch an seiner Tafel speiste, fähig war, ihn zu begrüßen, ihm zuzuhören und zu antworten, dies alles müßte mich als einen hinterhältigen und niedrigen Charakter denunzieren, wenn es nicht durch die Macht, die Aurora über mich ausübte, einigermaßen erklärt würde. Ihre Worte hatten eine solche Gewalt über mich, daß in meinem Kopf gar keine Überlegung mehr war, wenn sie einmal gesprochen hatte. Da ich sie selber dulden sah, glaubte ich es unserer Liebe schuldig zu sein, mich ebenfalls zu beherrschen und alles zu versuchen, um ihr Los zu erleichtern. Was für Kämpfe und Leiden mich dies kostete, davon will ich nicht reden.
Mit dem Augenblick, wo der Major das Zimmer betrat, pochte mir das Herz vor Haß, Ingrimm und Verachtung bis in den Schlund hinauf. Ich gewahrte ihn nur wie durch Schleier, jede seiner Bewegungen erregte mir Ekel, bei jedem seiner Worte zuckte ich zusammen; meine Stimme klang heiser, und wer weiß, wozu es gekommen wäre, wenn ich nicht Auroras Blick wie einen geisterhaften Bann beständig auf mir ruhen gefühlt hätte. Mitten in einem belanglosen Gespräch unterbrach sich der Major, stocherte mit der Gabel im Salat, führte ein Blättchen an die Lippen, indem er daran leckte, und warf dann Besteck und Serviette mit einem Fluch auf den Tisch. »Kreuzmillionenschwerenot,« schrie er, »wie oft soll ich denn noch sagen, daß ich den Salat mit Zitrone und nicht mit Essig angemacht will! Was haben denn die gottverdammten Frauenzimmer sonst zu denken? Bin ich denn der Niemand im Hause, daß man Schindluder mit mir treibt? Wahrhaftig, eine Lammsgeduld gehört dazu.«
In diesem rüden Feldwebelton ging’s noch eine Weile weiter, bis er aufsprang, die Tür hinter sich zudonnerte und hinausstürzte.
Ich war vollkommen perplex. Das Blut stieg mir langsam zu Kopf, und ich blickte Aurora schweigend an. Sie saß da und lächelte wie eine Frau, die es endlich zur Augenscheinlichkeit gebracht hat, was sie sonst nur insgeheim erleidet. »Dies ist ein Affront,« murmelte ich, »ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen.« Aurora lachte. »Zur Rechenschaft ziehen? Einen Unzurechnungsfähigen? Was fällt dir ein!« erwiderte sie herrisch. »Abrechnen mit einem Vieh!«
Ich zitterte vor innerem Frost an allen Gliedern. Und wie mich nun Aurora so anschaute, mit blitzendem Blick, mit geschlossenen Lidern und mit einer unbeweglichen Stirn, da war es mir, als ob mein Herz in siedendes Wasser getaucht würde, und, Gott möge mir verzeihen, ich fing an, jenen Blick zu verstehen, er ging auf in meiner Brust wie das Saatkorn in gedüngtem Boden. Es war mir klar, es war ein unabwendbarer Beschluß, daß der Major von meiner Hand sterben müsse. Aurora zu retten, war mein einziger wütender Drang, ich fühlte meine Liebe zu ihr so ungeheuer, daß ich die wenigen Worte, die alles entschieden, trotz des Flüsterns mit einer Festigkeit hervorbrachte, als ob dieses Fürchterliche eine alltägliche Angelegenheit sei. Aurora, der aus weitoffenen Augen die Tränen über das Gesicht liefen, hörte plötzlich zu weinen auf, ihre linke Hand bebte mir entgegen, ich ergriff die Hand und bedeckte mein Gesicht damit.