Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen

Chapter 6

Chapter 63,492 wordsPublic domain

Ich bin mit der Vorliebe für den Soldatenstand geboren. Doch trieb mich dabei keineswegs Ehrgeiz oder Ruhmsucht; auch nach Abenteuern stand mir nicht der Sinn, wie das bei Knaben oder Jünglingen sonst der Fall zu sein pflegt, sondern ich wollte meine Person in den Dienst des Vaterlandes stellen, und wonach ich strebte, war eine würdige Verwendung meiner Kräfte und Fähigkeiten. Ich besaß Mut und war körperlich gewandt und tüchtig; auch hatte ich, was für den Militär jedes Ranges von Wichtigkeit ist, Disziplin im Leibe, das Talent und den Willen zur unbedingten sachlichen Unterordnung. Da ich von Haus aus vermögend bin, meine Mutter besitzt eine große Gutsherrschaft bei Arnstein, wurde der Wahl meines Berufs kein Hindernis in den Weg gelegt, und nach Absolvierung der Schule trat ich als Freiwilliger bei der Marine ein. Aber ich fand dort kein Genügen, das Leben war eintöniger, als ich gedacht, und nach Verlauf von zwei Jahren trat ich zur Feldartillerie über, wo ich mich als brauchbarer Offizier eines gewissen Ansehens erfreute und wegen meiner Begabung für militärwissenschaftliche Fächer die besondere Gunst der Vorgesetzten genoß.

Da entbrannte in Südafrika der Burenkrieg; ich sah die Gelegenheit, etwas zu leisten, ich hatte keine Lust mehr am Garnisons- und Manöverdienst; die Verhältnisse, unter denen ich mich bewähren konnte, erschienen mir zu klein; kurz und gut, ich erbat den Abschied, zur Verwunderung und zum Bedauern meiner Kameraden, die mich gerne hatten, mich aber nach diesem für sie unbegreiflichen Schritt eines Mannes, der die begründetste Aussicht auf Karriere hat, für einen unbesonnenen Haudegen hielten.

Ich habe da unten die Bluttaufe erhalten, die Fremde tat mir wohl, das wilde äußere Leben band mich fester in mich selbst. Als ich nach geschlossenem Frieden in die Heimat zurückkehrte, war ich ein anderer Mensch, und wenn ich noch einen Rest von unreifer Romantik in mir gehabt, so hätte ihn die ernsthafte Zeit, die ich verlebt, mit Stumpf und Stiel ausgetrieben. Ich erfuhr die Genugtuung, sogleich wieder als Offizier in die Armee eingereiht zu werden, und es war der froheste Tag meines Lebens, als ich wieder den dunklen Rock der Artilleristen anziehen durfte. Ich hatte nebenbei die Gewißheit, zum Generalstab berufen zu werden; dies geschah auch, und um meine kühnsten Erwartungen zu übertreffen, wurde ich mit einer Aufgabe betraut, die sonst nur selten einem Offizier meines Dienstalters gestellt wurde; man entsandte mich als Berichterstatter der mazedonischen Vorgänge nach Saloniki.

Ich war noch nicht zwei Monate auf meinem Posten, da brach in unsern afrikanischen Kolonien der Aufstand der Schwarzen aus. Jetzt lag der Fall anders denn damals, wo ich das Heer hatte verlassen müssen, um ins Feld zu kommen; jetzt konnte ich mich meinem kaiserlichen Herrn und Kriegsherrn selber zur Verfügung stellen. Da man tüchtige Offiziere suchte, wurde mein Anerbieten ohne Verzug berücksichtigt, ich wurde zum Hauptmann bei der Schutztruppe ernannt, und vier Wochen später war ich schon auf See.

Ist ja richtig; es war eine elende Katzbalgerei mit den schwarzen Rackern, und viel gutes deutsches Blut ist geflossen, aber wars gleich sauer, so wars doch nahrhaft, wie unsere Exzellenz zu sagen liebte. Es war ein schönes freies Leben, wie ich alles noch sehe und spüre! Die sengende Mittagshitze und die Morgenkühle, die zerstörten Pontonks und die infamen Wege, der Feind in Busch und Dickicht und die unaufhörlichen Schüsse aus den Baumkronen! Wie das surrte und schwirrte und sang und heulte, so dicht, daß es einen erstaunte, wenn man seine Gelenke noch zusammenhängen fühlte. Hungrig legte man sich schlafen, den Revolver im Arm, an Feueranzünden nicht zu denken, und weh dem, der vom Durst getrieben zu den Wasserlöchern schlich, er ward in der Frühe mit Kirris erschlagen gefunden. Da war man doch ein Kerl, da konnte man sich bewähren, da spürte man seine Pulse.

Leider bin ich bei den Gefechten am Waterberg verwundet worden. Ich konnte nicht mehr Dienst tun und mußte alsbald die Heimreise antreten. Dritthalb Monate blieb ich in Berlin; man machte viel Aufhebens mit mir, und viele Leute feierten mich wie einen Blücher, was mir oft die Schamröte ins Gesicht trieb, denn ich war mir nicht bewußt, etwas Sonderliches verrichtet zu haben. Aber dergleichen gibt sich, und wenn man Verdienste hat, empfiehlt es sich, sie den Leuten nicht durch die eigene Gegenwart lästig zu machen. Eine Zeitlang war von meiner Aufnahme als Lehrer in die Kriegsakademie die Rede, doch, vor die Wahl gestellt, zog ich schließlich den subordinierten Posten eines Batteriechefs in der Provinz vor, allerdings mit der baldigen Anwartschaft auf den Majorsrang. Meine Mutter kränkelte, ich wünschte in ihrer Nähe zu leben, und des unruhvollen, weltstädtischen Treibens, an dem ich nie Freude gehabt, war ich ohnedies müde.

Dazu kam noch, daß mir die Fremde ganz wie mit einem Male den Blick verwandelt hatte. Entweder war ich nicht mehr derselbe, oder die Heimat war nicht mehr dieselbe. Aufrichtig gesagt: die Luft im Reich gefiel mir nicht. Sie war mir zu wetterwendisch; winterlich scharf von oben und giftig süß von unten, fast wie eine afrikanische Nacht. Nichts wurde mit Wohlwollen reguliert, alles mit Manometer, und wer hinten nicht gestoßen wurde, der ging nach vorne nicht weiter. Unsre jungen Herren fand ich so ohne jede Herzlichkeit, daß sich einem der Gaumen zusammenzog, wenn man mit ihnen redete. Immer bloß aufs Elegante versessen, geschniegelt wie die Reitpferde und trocken wie Stiefelsohlen. Die Aristokraten hochnäsig und zimperlich, die Bürgerlichen streberhaft und vom frischen Reichtum verdorben und verweichlicht, das Volk rebellisch und respektlos. Keiner, der aus Eigenem was vorstellte, erst durch sein Geld oder sein Amt oder seine Orden oder seine Hemdbrust. Großes Maul, ja, aber kein freies Wort, keine offene Meinung. Hölzernes Getue galt für Form, kaltschnäuziges Nörgeln für Geist und öde Prahlhanserei für Selbstbewußtsein.

Wenn man mir die Berechtigung abstreitet, eine solche Sprache zu führen, so habe ich allerdings keine andere Antwort, als den Hinweis auf eine bis dahin ehrenhafte Existenz. Es war mir eben die Laune verdorben, und eher trübgestimmt als hoffnungsvoll kam ich nach der kleinen Garnison. Auch hier fühlte ich mich nicht wohl; ich begann mich zu langweilen; ich merkte alsbald, was das heißt, in einer Provinzstadt zu leben, die trotz ihrer vierzigtausend Einwohner etwas ist wie ein Sparta des Altertums, mit ebenso streng geschiedenen Kasten, nur daß die kriegerische Härte der Vorschriften durch minder folgenschwere, aber keineswegs leicht zu übertretende Bestimmungen gesellschaftlichen Charakters ersetzt werden. Da sind die Spitzen der Behörden, die militärischen Würdenträger, die Industriellen, die Gutsbesitzer, die jungen Leute, die eine Rolle spielen, die andern, die bloß eine spielen möchten; da ist die Generalin oder Oberstin, die das Wetter macht, und die kleine Apothekersgattin, die gerade noch geduldet ist; da ist die reiche Fabrikantenfrau, die ihre Toiletten aus Berlin bezieht, und die Frau Amtsrichter, die aus ihrem Wirtschaftsgeld mittelst rührender Entbehrungen den Preis für ein einziges schwarzes Seidenkleid erübrigt, das sie unter Beihilfe der Köchin und eines Mädchens vom Lande selber näht und das ihr die abendlichen Feste verbietet, wenn der Stoff an den Ärmeln den fatalen Mattglanz zu zeigen beginnt. Zu Kaisers Geburtstag gibt der Regierungspräsident einen Ball; zur Errichtung eines Kriegerdenkmals wird eine künstlerische Soiree veranstaltet, bei welcher allerlei junge Mädchen wegen ihrer Fortschritte in Gesang und Klavierspiel beklatscht werden; man geht ins Theater, man wird zur Enten- und Hasenjagd geladen, und die verheirateten Frauen holen sich aufregende Romane aus der Leihbibliothek. Einmal im Monat ist Parademarsch, am Sonntag nach der Kirche spielt die Regimentskapelle auf dem Residenzplatz, abends sitzt man dann im Kasino oder im Speisesaal des Hotels de l’Europe, und nach elf Uhr nachts lungern nur noch irgendwo hinter abgesperrten Türen ein paar ausgestoßene Existenzen an einem Kartentisch, und zwei Studenten brüllen vor dem Fenster einer begehrten Kellnerin das Krambambuli.

Alle diese kennen einander und wissen vieles von einander und verbergen sich voreinander und schätzen einander und sind einander im Wege und passen einander auf. Das enge Zusammenleben begünstigt Klatsch und Übelrednerei; jeder kehrt den Schmutz vor des Andern Tür; Dummheit, Bosheit, Neid und Mißgunst lassen selbst den Redlichen nicht ungeschoren, alles, was Aufsehen macht, findet Teilnahme, alles, was in der Mode ist, Nachahmung; für ernsthafte Interessen ist wenig Sinn. Dies erfuhr ich bald. So sehr es anfangs meinem Selbstgefühl schmeichelte, daß ich nun auch zu Hause ein jemand war, der Beachtung verdiente und Ansehen genoß, denn es war ja meine engste Heimat dahier, so wenig wurde ich meines Wirkens froh. Ich kam mir vor wie ein verfaulender Baum.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, an welchem Tag es war, als ich die Majorin Westermark kennen lernte. Ich schließe daraus, daß sie mir damals wenig Eindruck gemacht hat. Ich sah sie zum erstenmal bei der Frau von Rütten, die eine Freundin meiner Mutter ist, und die, wie mir meine Mutter vorsichtig verriet, die löbliche Absicht hatte, mich mit ihrer siebzehnjährigen Tochter zu verheiraten. Ich machte mir aber nichts aus dem Mädchen, und das ist lediglich mein Fehler, da sie ein hübsches und vernünftiges, obschon etwas nüchternes Geschöpf ist. Nach allem, was ich bereits über die Majorin gehört, hatte ich mir eine junonische Gestalt gedacht und war deshalb überrascht, sie so klein, zart und kindhaft zu finden. Ihr Wesen gab in Gesellschaft nichts her, nichts von Welt und nichts von Innerem, ihr Lächeln war kühl, in der Bewegung der Lippen zeigte sich eine gewisse Naschhaftigkeit; am meisten gefielen mir die Augen, die blau, durchsichtig, ausgedehnt und voll Perlmutter waren, mit Brauen, schwarz und fein wie zwei Sepiastriche.

Eine solche Stadt wie die, in der ich mich befand, hat alle Späherblicke immer auf den Punkt geheftet, wo eine ungewöhnliche Erscheinung hervortritt und sich auf ihre besondere Art gebärdet. Ich habe schon angedeutet, daß das vielfache Gerede über die Majorin auch zu mir geflossen war. »Was sagen Sie zu der Frau? Ach, Sie wissen nicht? Sie wissen nicht, was die Spatzen von den Dächern pfeifen?« Nein, ich wußte es nicht, ich bezeigte auch kein Interesse dafür. »Sie verstellen sich doch wohl. Oder glauben Sie, daß das eine glückliche Ehe ist? Der Mann ist zwanzig Jahre älter, Sie begreifen. Die Frau hatte früher einen reichen, schlesischen Branntweinbrenner, von dem sie geschieden ist. Sie ist schön wie das Laster, und so elegant, daß unsre Damen vor Neid nicht schlafen können; echte Pariser Hüte, echte Brüsseler Spitzen, echte Pelze, Diamanten wie ein persischer Prinz, und Parfüms, Parfüms sage ich Ihnen, überwältigend wie eine Ananasbowle nach einem Jagdritt.« – »Nun ja, der Major ist sicherlich reich.« – »Nein, die Frau hat Geld, die Frau. Der Major ist ein Sonderling. Ich möchte ihm gern meine Augen leihen.«

O Bosheit aus dem Winkel, die du Augen verleihen willst, dachte ich mir. Aber die üblen Gerüchte waren hartnäckiger als meine Gleichgültigkeit. Ich traf eines Tages einen Freund in der Stadt, einen jungen Ingenieur, der irgendwo in der Nähe den Bau einer Eisenbahnbrücke leitete. Wir waren als Gymnasiasten ein paar Jahre lang unzertrennlich gewesen, und es bereitete mir lebhaftes Vergnügen, ihn wiederzusehen. Wir kamen oft zusammen, bald in einer Weinstube, bald in seiner oder meiner Wohnung; und wie es schon so geht, einmal gerieten wir beim Gespräch auch auf Aurora Westermark und die über sie umlaufenden Gerüchte. Mein Freund kannte sie nur flüchtig, aber er war einer jener Menschen von instinktivem Scharfblick, die in andern Seelen lesen zu können scheinen, und deren Urteil sich daher von selber Vertrauen erzwingt.

Deutlich steht mir noch jene Stunde vor Augen und genau ist mir noch jedes seiner Worte gegenwärtig, die ich nur mit innerem Unwillen anzuhören vermochte. »Diese Frau hat die Gabe, unschuldig zu scheinen und Leidenschaften einzuflößen«, sagte er ungefähr. »Wie sie den schwer zugänglichen Major umgarnt hat, das ist gewiß ein Kunststück gewesen. Ich weiß nicht, ob dir die Umstände bekannt sind; es war während der großen Manöver vor zwei Jahren; umschwärmt von den Offizieren eines ganzen Stabes, hatte sie sich’s offenbar in den Kopf gesetzt, den sprödesten und verstocktesten zu gewinnen, denjenigen, für den eine Weltdame etwas war wie ein seltenes Schmuckstück, das er sich verschafft ohne Freude und Verständnis, nur weil er gerade bei Geld und guter Laune ist und weil es von andern gerühmt und begehrt wird. Sie hatte den schlechtesten Ruf. Man sagt, daß sie Liebe verkauft hatte, unumwunden und unter Vorwänden, um einer Perlenkette willen, um eines Ränkespiels willen, um nichts ungenossen vorübergehen zu lassen von den Lockungen der Jugend, aus Gefallsucht, aus Sinnlichkeit, aus Langerweile, aus Schwäche, aus Lust an der Selbsterniedrigung, aus Vergnügen an einer doppelten Existenz in zwei Sphären der bürgerlichen Welt, von denen die eine nicht weiß, was in der andern geschieht, so daß die Geschicklichkeit, der einen die Kunde aus der andern vorzuenthalten, etwas von der Spannung eines Revolverdramas mit sich bringt und die sonst leeren Tage mit dem Tumult verschwiegener Betätigung erfüllt. Ich bin gewiß,« fuhr mein Freund fort, gegen den ich in diesem Augenblick eine nicht zu überwindende Empfindung des Hasses, ja des Abscheus hegte, »ich bin gewiß, daß sie’s gegenwärtig nicht viel besser treibt. Ich glaube nicht, daß sie je von Liebe erfahren hat, sondern nur von Aufregungen, Sorgen, abwägenden Interessen, Kränkungen des Stolzes, Gefahren der Enthüllung und die Überzeugung von der Nichtswürdigkeit der Männer, so wie eben solchen Frauen die Männer sich zeigen müssen.«

»Aber was wäre denn das für ein Leben!« rief ich kopfschüttelnd. »Welche Einsamkeit setzt das voraus, welche Kraft, alle diese Dinge in der Stille mit sich selber abzumachen!«

Mein Freund zuckte die Achsel. »Es ist das Leben eines Menschen, der auf glühenden Kohlen tanzt und sich stellen muß, als ging’s über einen harmlosen Teppich«, antwortete er. »Wir haben eine Menge solcher Equilibristen in der Gesellschaft, und das vertrackte und verlogene Dasein, das wir führen, fordert die unruhigen Köpfe geradewegs dazu heraus.«

»Gibt es denn irgendwelche faktischen Delikte?« fragte ich.

»Es heißt, daß sie mit jedem hübschen Offizier abenteuert; daß sie sich jedem Laffen hingibt, der sich der Mühe der Werbung unterzieht und den Preis nicht zu hoch findet, den Preis des Verrats nämlich. Auch sagt man, daß sie seit Jahren eine dauernde Beziehung zu einem Berliner Fabrikanten unterhält, der außerdem günstige Börsengeschäfte für sie vermitteln soll, den sie irgendwie draußen oder in der Stadt trifft und der eine unerklärliche Gewalt über sie ausübt, vielleicht die Gewalt bedenkenloser Brutalität. Daß der Major darüber in vollständiger Ahnungslosigkeit verbleibt, gehört zu unsern sonderbaren, aber nicht ungewöhnlichen sozialen Geheimnissen. Alle wissen, er nicht; alle raunen, er ist taub. Man schont ihn wahrscheinlich, man schont seine Stellung, seine Häuslichkeit, und sie hinwiederum profitiert von der Achtung, deren ihr Gatte genießt. Auch macht ihr Auftreten, ihre Schönheit, ihre vollendete Haltung die Argwöhnischen vorsichtig, und den Mut der Übelredner zunichte. Sie hat ja eine Art zu gehen, zu stehen, zu reiten, zu lachen, zu tanzen, die blendend ist, das muß man zugeben. Was tut’s, wenn bisweilen an den Grenzen des Bezirks ein Flämmchen aufzischt und einen Schritt der heimlichen Pfade beleuchtet? Oft sehen Augen, denen keine Zunge dient, die zu reden weiß, und ein anderes Mal schwatzen Mäuler, wo Augen nichts gesehen haben.«

Ich bekenne, daß mich dieses Gespräch bis in die Nieren erkältete. Dies »es heißt« und »man sagt« erfüllte mich mit Mißtrauen gegen den Freund, mit einer Art Furcht vor ihm; ich ging ihm von da an für lange Zeit aus dem Wege. Seine Ehrlichkeit erschien mir durchaus böswilliger Natur; ich bildete mir ein, daß ich einer ritterlichen Pflicht gehorchte, indem ich mich in meinem Innern auf die Seite einer wehrlosen Geschmähten schlug. Kleinstädtischer Klatsch, sagte ich mir, läßt den reinlich Denkenden eher zum Anwalt des Besudelten werden, als daß er die Partei von Feinden nimmt, die sich verbergen. Es war ein Selbstbetrug, dem ich mich hingab. Die Frau hatte ganz einfach mein Gefallen erweckt, und das wollte ich mir verhehlen. Ich traute ihr Schlimmes nicht zu, ich sah ein Kind in ihr, verführerisch, am Ende mißleitet, aber nicht verworfen. Ich sträubte mich nicht gegen die Freundlichkeit, die der Major alsbald in auffälliger Weise gegen mich an den Tag legte. Ich besuchte oft sein Haus, und es schien sich ganz von selbst zu geben, daß ich manche Stunden mit Aurora allein verbrachte.

Sie gestand mir, daß sie von Anfang an aufs innigste gewünscht habe, meine Bekanntschaft zu machen, denn sie habe beim ersten Blick gefühlt, daß ich ihr mit Wohlwollen gegenüber getreten sei. Dies mußte ich bestätigen, ihre schmeichelhaften Worte über meine Vergangenheit, meine Taten, meinen Ruhm usw. lehnte ich höflich ab. Die nichtigen Dinge, von denen sie mit mir plauderte, gewannen einen Reiz von Scherzhaftigkeit, dann wieder von anmutiger Melancholie. Vertrauen schien sie als selbstverständlich zu betrachten und war nicht einmal bedachtsam in ihrem Tadel über die Lebensführung anderer. Sie sprach mit einer unvergleichlich musikalischen Stimme, weich im Ton, klagend in der Färbung, hie und da mit einer Bemerkung voll Witz und Geist. Ihr Zuhören war sympathisch durch den Blick eines wißbegierigen Schülers. Sonst war sie nicht selten gequält, beunruhigt, verschüchtert, also gar nicht mehr Dame. Sie eroberte unbedingt, ich hätte ihr alles geglaubt, und ich glaubte auch alles, selbst das Unwahrscheinlichste, wennschon mir ihr Wesen manchmal wie Dünensand vorkam; erst denkt man etwas Festes zu halten, und wenn man zupackt, verrinnt und verrieselt alles zwischen den Fingern.

Im Verkehr mit ihrem Mann sah ich sie von gemessener Liebenswürdigkeit, Nachsicht mehr gewährend als beanspruchend, gegen launenhafte Bärbeißigkeit sich mit ironischer Duldermine wappnend, wobei ein forschender und spöttisch-kühner Blick den Beobachter zum Mitverschworenen machte. Der Major erweckte den Eindruck eines gutmütigen Mannes; er war untersetzt und korpulent und trotz seiner Jahre nur mäßig ergraut; doch pflegte er den Schnurrbart mit einer Pomade zu behandeln, die diesem das Ansehen eines frisch lackierten Gegenstandes gab. Sein Blick war flackernd wie der eines viel und fruchtlos arbeitenden Menschen; in der Tat verhinderte er nur durch einen fast überstürzten Eifer im Dienst seine langgefürchtete Kaltstellung. Er gehörte zu jenen Offizieren vom alten Schlag, die durch Rauheit und martialisches Auftreten an verjährte Verdienste erinnern und den Mangel an gegenwärtigen verdecken wollen. Er liebte die Jagd, schöne Pferde und Hunde; doch mit diesen Leidenschaften verbarg er nur den Groll gegen ein Regime, das ihn zur schimpflichen Rolle eines Mitläufers und stummen Bittstellers verurteilte, und er erfüllte seine Obliegenheiten wie mit zusammengebissenen Zähnen, war immer in Hast und Angst, und, wie alle unsicheren Beamten, von übertriebener Strenge gegen Untergebene und übertriebener Devotion gegen Vorgesetzte.

Ich glaube, mit solchem Urteil kein Unrecht an dem Major zu begehen; alle diese Umstände waren ja mehr oder weniger öffentliches Geheimnis. Ich habe beschlossen wahr zu sein, und so muß auch dieses gesagt werden. Es trifft nicht zu, daß ich dem Major ohne Achtung begegnet bin; ich hatte anfangs sogar Gefallen an ihm, wie er an mir, erst im Verlauf der Begebenheiten wandelte sich meine Gesinnung auf so verderbliche Art.

Ich begleitete Aurora ins Theater, auf die Promenade, ich kam zu ihren Teestunden, und so vergingen Wochen, ohne daß ich ein Arg gegen mich selber faßte. Wenn ich Gäste bei ihr traf, zeigte sie mir unmißverstehlich, daß ihr Gäste zur Last waren und daß ich allein es nicht war. Ein solcher Beweis von Freundschaft heischte Dank, und ich blieb, nachdem alle sich verabschiedet hatten, auch der Major, der die späten Nachmittagsstunden im Kasino verbrachte und mit einem Oberleutnant vom Train Schach spielte. Oftmals mußte ich ihr von meinen Kriegserlebnissen erzählen, wobei sie atemlos lauschte. Wie sagt doch Othello? »Ich sprach von harten Unglücksfällen, manch rührendem Geschick zu See und Land, wie ich nur auf ein Haar dem Tod entronnen, von grausen Schlünden, öden Wüsteneien, von Klüften, Felsen, himmelhohen Bergen, von Kannibalen, die einander fressen. Und dies zu hören, war Desdemona innerlich gespannt.« Und als er geendet, lohnte ihn das Fräulein mit einer »Welt von Seufzern« und wünschte, sie hätte es nicht vernommen, und wünschte doch, Gott hätte aus ihr einen solchen Mann gemacht.

War auch Aurora nicht dermaßen bezaubert, so stellte sie sich doch ähnlich und ihre Teilnahme war jedenfalls echt. Auch schrieb sie mir Verdienste zu, die ihr trotz aller Selbstverständlichkeit groß und neu dünkten, und vor allem erschien ich ihr verläßlich. Verläßlichkeit war ihr Ideal, wie wenn ihr das Geschick einen Trumpf im Spiel hätte vorgeben können durch die bewunderte Tugend eines andern.

Heute seh’ ich dies klar, damals bestrickte mich ihr bedenkenloses Anschmiegen. Da ich merkte, daß sie wenig oder nichts las, brachte ich Bücher, unter andern schenkte ich ihr die Frithjofssage, ein Gedicht, für welches ich begeistert war. Sie gestand mir aber offen, daß Verse sie langweilten und daß sie zum Lesen überhaupt keine Geduld hätte; so ließ ich es denn sein. Sie wurde jetzt bisweilen karg in der Unterhaltung und von unverständlicher Vorsicht. Darin lag etwas Verwirrendes, denn ich fühlte mich einer Person gegenüber, die ihrer Rede wenig Gewicht beimißt, weil sie Bedeutsames verschweigen muß. Sie hatte immer den auffangenden Blick im Auge, der meine Ungeduld erregte. Ich fragte, hörte, antwortete und war mit der gleichen Aufmerksamkeit beschäftigt, dem Zwitschern eines Vogels oder dem Surren des Windes zu lauschen. Was kann der Major mit einem solchen Weib beginnen? dachte ich oft verwundert; er ist ein Soldat, aber kein Orchideenzüchter. Himmel, wenn ich dies Gesicht beständig um mich wüßte, ich wäre versucht, damit zu verfahren, wie die Kinder, die ihre geliebtesten Puppen aufschneiden, um herauszubringen, was drinnen ist.