Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen

Chapter 5

Chapter 53,666 wordsPublic domain

Er überzeugte sich, daß Myra nun wirklich schlief, und erhob sich geräuschlos. Er legte das Buch auf die Lade und dachte angestrengt nach. Wenn Myra krank lag und im Fieber redete, was sollte er dann mit ihr beginnen? Die Leute waren zu fürchten, denen der Tag Kunde bringen würde, wer nächtlicherweile in des Lehrers Haus eingezogen sei. Darüber mußte er wachen, mehr als über sein Glück. Höher als dies stand ihm die Sitte. Sie regelte nach seiner Überzeugung den Mechanismus der Welt im kleinen wie im großen.

Es war keine Zeit mehr zu versäumen. Betrübt warf er seinen Mantel wieder um die Schulter, trat neben die Schlafende und blickte lange auf das regungslose Gesicht, dem der Schlummer einen vergrämten und angestrengten Ausdruck verliehen hatte. Dann stellte er die Lampe auf den Schrank und ging leise hinaus. Er wollte zu Siebengeist, um mit ihm zu beraten, was hier zu tun sei.

Ohne das Tor zu versperren, betrat er die Straße. Es schlug zwölf Uhr vom Turm. Der Himmel war klar geworden und zitterte vor Kälte. In graublauer Dämmerung lagen Dächer und Giebel.

Neuntes Kapitel

Nachdem er den Glockenstrang bei der Apotheke gezogen hatte, öffnete sich unter dem spitzen Dachwinkel ein Fenster, und eine dünne Mädchenstimme schrie herab, daß kein Mensch zu Hause sei. Die Herrschaften und der Provisor seien auf dem Ball beim »Ratgeber«. Der Provisor käme erst in einer Stunde zurück, und solang müßte man warten oder zum Ratgeber schicken.

Der Ratgeber war ein Hotel, welches sich eine Viertelstunde außerhalb des Städtchens, auf der sogenannten »Höhe« befand. Dort schloß sich unmittelbar der Wald an, der sich dann weit hinein erstreckt ins mittlere Franken. Philipp Unruh entschloß sich rasch zu der Wanderung, und noch auf der Landstraße sah er oben am Waldrand die strahlenden Fenster und hörte, von Schritt zu Schritt deutlicher, den Brummbaß der Tanzmusik. Es war eine Art Faschingsball, den die Gemeinde selbst alljährlich mit großem Prunk veranstaltete. Dort waren nicht nur die größten Notabilitäten des Ortes, sondern auch der Präsident des Kreises anzutreffen, der von Ansbach herüberkam.

Fern auf dem Bahnhof klirrte das Eisen der Waggons, welche rangiert wurden. Der Schnee der Straße schimmerte hell. Die Sterne standen am Himmel und schaukelten unruhig wie Lichter im Wasser.

Wo sich der Weg gegen die Anhöhe hinaufbog, stand, auf der Landstraße noch, ein kleines Wirtshaus. Im größeren Raum waren Knechte und Dirnen, die nach der Musik einer Mundharmonika tanzten. Wie sich die Paare beim düstern Schein einer Öllampe drehten, das gab ein wüstes und grelles Bild. In der kleinen Stube lehnte ein Mann gegen das Fenster, die Stirn gegen die Scheibe gepreßt, und der Lehrer erkannte sofort Apollonius Siebengeist. Der Provisor seinerseits hatte ihn nicht wahrgenommen, denn kein Zug veränderte sich in seinem Gesicht, welches trüb und verzerrt aussah. Philipp Unruh bemerkte, daß das Zimmer leer war, und schritt dem Eingang zu. Der Wirt begrüßte ihn mit einem lärmenden Freudenausbruch und führte ihn durch einen stockfinstern Gang. Ohne daß es beide merkten, folgte ihnen eine Frauengestalt, welche vom Ratgeber herabgekommen war. Und als der Lehrer die Schwelle überschritt, drängte sich jene vor und lief mehr als sie ging, auf Siebengeist zu. Sie hatte eine schwarze Larve vor dem Gesicht, einen glatten langen Mantel über dem Ballkleid, und ihre Augen leuchteten unnatürlich. »Ich wußte es ja, daß du hier bist,« sagte sie mit heiserer Stimme. »Du machst den Wegelagerer, lauerst einer Komödiantin auf.« – »Was soll das?« entgegnete Siebengeist mit merkwürdiger Geduld. »Ja, ich erwarte sie, aber sie kommt nicht, kommt nicht, trotzdem sie es versprochen hat.« Seine Stimme klang müde, und er veränderte seine Haltung nicht, sondern blickte fortwährend durch das Fenster auf die nächtliche Straße. Der Wirt hatte das Gesicht in die Türspalte gepreßt und grinste freundlich und lauernd. Philipp Unruh ergriff die Klinke und schloß mit sanftem Druck die Tür. Dann räusperte er sich achtungsvoll, um seine Anwesenheit kundzugeben. Der Raum hier war wie eine Fortsetzung des engen Flurs, und nur gegen das Fenster hin verbreitete die Kerze spärliches Licht, die im Hals einer Weinflasche auf dem Tisch stand.

»Was sorgst du dich, Liebster?« begann die Frau wieder und machte eine flehentliche Gebärde. »Sieh mich doch an, bitte. Befiehl mir, daß ich sie herbeiholen soll, die du liebst, und ich werde es tun. Befiehl mir, aber sieh mich an, errette mein Leben.« – »Wie kann ich dein Leben erretten, da du meines zerstört hast,« erwiderte Siebengeist, starrer noch als bisher. »Ich habe nicht besitzen dürfen, weil deine Künste mich schwach werden ließen. Deine Verlockungen haben meinem Wunsch die Kraft genommen, deshalb bin ich nicht würdig, das beste zu besitzen. An dir hab ich mich verschwendet. Also geh in dein Haus und sei zufrieden.«

Das Weib nahm ein Glas mit Wein vom Tisch, schleuderte es zu Boden, daß die Scherben klirrten, und rief verzweifelt: »Dann soll _mein_ Wunsch kraft haben, denn ich wünsche ihr den Tod!« Damit fiel sie in die Kniee, rang die Hände und lehnte das Gesicht an die Hüften des regungslosen jungen Mannes.

Der Lehrer verharrte eine Zeit lang völlig gelähmt in dem Winkel zwischen Tür und Ofen. Er dachte, gänzlich sich selbst entfremdet: die Liebe ist eine Gewalt, welche den Menschen erniedrigt. Er dachte, daß es besser sei, nicht zu wissen, als im Wissen zu sündigen. Wo früher rings um ihn her ein friedliches Einerlei sich gedehnt, sah er jetzt Gesichter, aus denen die Aufregungen des Leidens und des Verlangens redeten. Es war, als ob ein träges, aber starkes Wesen in ihm schwere, staunende Augen aufschlüge.

Unter dem Zwang seines Anstandsgefühls trat er endlich mit vernehmlichem Schritt gegen den Tisch zu und wünschte guten Abend. Die Baronin stutzte und erhob sich rasch. Siebengeist drehte sich lässig um und blickte dem Lehrer forschend, jedoch nicht ohne Freundlichkeit ins Gesicht. »Ich komme,« sagte Philipp Unruh, indem sein eigenes Zimmer wie eine Insel der Sehnsucht vor ihm aufstieg, »ich komme, um Ihnen, Herr Siebengeist, etwas mitzuteilen.« Der Provisor, voller Ahnung, zog den Lehrer in den entgegengesetzten, dunklen Teil des Zimmers. Seine Augen waren umschattet und hatten einen zersplitterten Blick; die Stirn war unruhig; das ganze sympathische Gesicht glich dem eines Spielers, der im Begriff ist, einen hohen Einsatz zu verlieren.

In schwerfälligen Worten brachte der Lehrer heraus, was sich ereignet hatte. Ohne zu zaudern, ohne einen Laut von sich zu geben, warf Siebengeist den Pelz um die Schultern, stülpte die Kappe über, winkte dem Lehrer durch eine Handbewegung, ihm zu folgen, und beide eilten nun hinaus und die Landstraße hinab. Als sie das Schulhaus erreicht hatten und die enge Treppe emporklommen, war kaum eine Viertelstunde vergangen.

Der Lehrer öffnete die Tür. Sein Blick fiel auf das Bett, welches leer war. Myra war nicht im Zimmer. Jetzt erinnerte er sich, daß das Haustor nur angelehnt gewesen war. »Sie ist fort,« murmelte er tonlos, und Kälte rieselte über seinen schweißbedeckten Körper. »Hier lag sie auf dem Bett, sehen Sie.« Und da er sich der Worte entsann, die sie zu ihm gesprochen, verstummte er und schaute nachlauschend gegen die Wand, als ob von dort ein Wiederhall ausflösse.

»Was haben Sie gemacht, Schulmeister? Haben Sie geträumt?« stieß Siebengeist hervor. Er rückte die Kappe gegen den Hinterkopf und legte die Hand über die Stirn, die von wirren, nassen Haaren bedeckt war. Dann griff er nach einem Gegenstand, der auf dem Tisch lag, mitten auf einem weißen Blatt Papier. Es war das Herz mit dem /vers Dieu va./ Ein Zucken ging über sein Gesicht, und er biß die Lippen zusammen. Das goldne Ding fiel auf die Erde. – »Vielleicht ist sie nach Hause zurück,« flüsterte Siebengeist fragend, und Philipp Unruh gab durch Haltung und Blick seine Willfährigkeit zu allem kund. Auf der Straße trafen sie den Nachtwächter, welcher sehr betrunken war. Er wußte von nichts, nicht einmal ob es Tag oder Nacht war, hatte niemand gesehen. Sie läuteten vor dem Haus, wo Myras Mutter wohnte, und nach einiger Zeit kam eine Person von ungewöhnlicher Beleibtheit zum Vorschein. Diese Person glich einem Laubfrosch; sie trug einen moosgrünen Schlafrock und hatte einen Schnurrbart, obwohl sie ein Weib war. Mit schnarrender Stimme berichtete sie, daß der Schauspieler und die Frau vor einer Stunde mit dem Münchener Eilzuge abgereist seien. Das junge Fräulein aber sei seit dem Abend nicht heimgekehrt. Siebengeist reichte der Dame ein Talerstück und bat in atemlosen Sätzen, sie möge ihm für ein paar Stunden eine gute Laterne leihen.

Sie wanderten über den Markt und über die Altmühlbrücke gegen die Dinkelsbühler Landstraße hinaus mit ihrer Laterne. Schweigend legten sie ihren sinnlosen Weg zurück, während der Schnee im Lichtschein glitzerte. Beide waren von derselben Ahnung, derselben Unruhe aufs äußerste erregt, aber jeder scheute des andern Wort oder Frage. Bisweilen blieb Siebengeist stehen, hielt die Laterne hoch oder stieg auf einen Meilenstein und spähte in das lautlose, finstere Winterland. »Jetzt wollen wir auf Theilheim zu,« sagte Siebengeist, und mit einem Auflachen fügte er hinzu: »Glauben Sie denn, daß eine einzige Nacht genügen wird, sie zu finden?« – »Es sind Wälder hier herum,« entgegnete der Lehrer. »Aber es ist möglich, daß sie noch im Ort ist.« – »Es ist möglich, ja. Was ist nicht alles möglich! Es ist möglich, daß sie verschwunden bleibt, und ich habe nicht ein einziges Mal – –« »Was? –« »Diesen wunderbaren Mund küssen dürfen.« Siebengeist blieb am Flußufer stehen, warf den Kopf ein wenig zurück und drückte die Augen zu. Der Lehrer entgegnete nichts darauf.

Zehntes Kapitel

In derselben Nacht noch, gegen die Morgenstunden, kamen Tauwinde aus dem Süden. Siebengeist und der Lehrer waren heimgekehrt und verbrachten miteinander den schlaflosen Rest der Nacht in des Lehrers Zimmer. Abgerissene Erzählungen überdeckten die suchenden Gedanken. Siebengeist lachte über den Gang mit der Laterne, so wie nur er zu lachen verstand, und der Lehrer dachte wieder: ein Adonis. Jedoch glaubte er sich bevorzugt wie durch unvertilgbare Versprechungen.

Zwischen sechs und sieben Uhr schlief er noch einen kurzen Schlummer der Müdigkeit. Er träumte, daß er sich in den Affen Kümmerlich verwandelt habe, daß er auf dem Dach des alten Turmes stehe und Grimassen schneide, über die die ganze Welt und insbesondere eine Frau mit einer schwarzen Larve unbändig lachen mußte. Doch wunderlicherweise hatte dieser Traum für ihn etwas Quälendes, vielleicht deshalb, weil die Höhe des Turms ihn trotz aller Grimassen mit Angst erfüllte.

Als er um neun Uhr am Schulfenster stand und gleichgültig die Ziegelmauern der Synagoge anstierte, liefen auf der Straße Menschen zusammen. Ein Milchbauer hatte auf seinem Handwägelchen einen großen, dunklen Gegenstand liegen, der sich wie ein menschlicher Körper ausnahm. Der Milchbauer redete eifrig mit den Leuten und zwinkerte dabei erregt mit den Augen. Der Lehrer öffnete das Fenster und rief hinunter, was es denn sei. Man habe ein Mädchen erfroren auf dem Feld gefunden, hieß es, und diejenigen, die das sagten, es war der Schmied, ein Marktweib und der alte Löwy, gebärdeten sich außerordentlich sachkundig. Auch der Bäcker kam aus seinem Laden, indem er den Mehlstaub von den dicken Schenkeln klopfte. Die Kinder im Schulzimmer verließen alle ihre Plätze, drängten sich mit Wildheit an die Fenster, und Philipp Unruh sah sich alsbald seines Aussichtspunktes beraubt, da eine Horde von schwatzenden Mädchen ihn umringt und zurückgeschoben hatte. Er fand kein strafendes Wort, sondern blickte geistesabwesend auf einen der blondhaarigen Kinderköpfe.

Schnell wie Strohfeuer lief das Gerücht umher, daß eine Schauspielerin von Herrn Schmalichs Truppe erfroren in den Feldern gefunden worden sei. »Se woar im Schneei douglegn wier in ihrn Bettla,« sagte der Milchbauer zu Doktor Maspero, der den Leichnam besichtigte. Auch der Bürgermeister und ein gerichtlicher Funktionär stellten sich ein, und die Leute, die den Totenwagen fuhren, zeigten sich verdrießlich über die Arbeit, die nichts trug.

»In diesem begabten Mädchen steckte das Zeug zu einer Ophelia,« sagte Herr Schmalich zu den Mitgliedern seiner Truppe, als er die Gedächtnisrede während der Probe hielt. Dann kam noch etwas vom Pantheon der Kunst, vom Kampf ums Dasein und weiblicher Tugend.

Die wahrhaft vornehmen Kreise nahmen das Ereignis mit Güte und Ruhe hin. Nur die Frau Assessor, welche eine unglückliche Schwärmerei fürs Theater hegte, schickte einen Immortellenkranz mit einer blaßroten Schleife, auf welcher ein nicht weniger blasses Verslein zu lesen war. Die Frau Oberamtmann geriet darüber in eine boshafte Aufregung und erzählte die ganze Geschichte im Kasinohof dem Herrn Adjutanten. »Kann solche Dummheit überboten werden!« rief die bewegte Dame aus. Der Herr Adjutant lächelte verzwickt, und als er zu Hause war, stellte er sich breitbeinig vor seinen Affen hin und redete ihn an: »Was sagst du, mein lieber Kümmerlich: ist es nicht rätselhaft, wie selbst die Dummen merken, daß die Dummen dumm sind?« Das Äffchen grinste höflich.

»Der Tod ist ein Ereignis, mit welchem man rechnen muß,« sagte der Baron Apotheker ernst und poetisch gestimmt zu seiner Frau, welche wie versteinert am Bücherregal lehnte, mit herabhängenden Armen und verschränkten Fingern. Ihr sonderbares Wesen veranlaßte den Dichter kaum zu einem flüchtigen Nachdenken. Solche Naturen sind wie Messer ohne Klingen. Sie gleichen einem Schützen, der in der drohenden Pose des Anschlags steht, aber statt der Flinte ein Spazierstöckchen zwischen den Schultern hält. Sie kriechen herum wie aufgeblasene Regenwürmer und vermeinen einen Adlerflug zu nehmen. Bis zu ihrem Sterbebett werden sie den Tod für ein Ereignis halten, das Beachtung verdient.

Die junge Frau schleppte sich mühsam eine Treppe empor und pochte an Siebengeists Zimmer. Da alles still blieb, drückte sie auf die Klinke, jedoch die Tür war verschlossen. Da pochte sie abermals und rief ein bittendes Wort, allein sie erhielt keine Antwort. Ihr schwindelte. Sie ging herab in die Apotheke und fragte den zweiten Gehilfen, wo das Strychnin sei. Im Grunde wußte sie, daß sie sich des Giftes nicht bedienen würde. Auch sie war angesteckt vom Lügengeist des Herrn. Auch sie hielt sich, wenn nicht für einen Adler, so doch für eine Schwalbe, eine sehnsüchtige, nestsuchende und war nur ein armes Würmchen.

Es war ein träumerischer Tag. Der Himmel, mattblau, grünlichblau, war von schleierdünnen Wolken durchzogen. Allenthalben lief geschäftig murmelndes Tauwasser zu Bächen zusammen. Durch den schwarzgesprenkelten Ackerschnee ragten die Stoppeln vom letzten Herbst. Bis zu den fernsten Waldgrenzen dehnte sich der Horizont, und die Februarsonne füllte das Land mit frühlinghafter Wärme.

Gegen die Zeit der Dämmerung kam Siebengeist zum Lehrer Unruh. »Machen wir einen letzten Gang,« sagte der Provisor, dessen Augäpfel auffallend ruhelos unter den Lidern hin und her irrten. Der Lehrer wußte sich nicht zu erklären, was damit gemeint war, aber er folgte. Für ihn hatte die Gegenwart noch keine Zunge. Wie ein Trunkener vergißt, was ihn trunken gemacht, so hatte er die Ursache dessen, was in ihm wühlte, aus der Empfindung verloren. Er begann nach rückwärts zu leben. Er erkannte sich selbst und das, was aus ihm geworden war, mit der Klarheit einer Halluzination. Ganz anders als früher schien es ihm jetzt seine eigene, angeborene Sprache, wenn er redete, schien ihm sein Gefühl, was er empfunden, und sein Urteil, was er beschlossen. Das Bild der Welt und ihrer Menschen verlor völlig den Anschein der Selbstverständlichkeit und des Unumstößlichen, und aus allen Dingen, aus allen Ereignissen, aus jedem Gesicht, aus jedem Hinschwinden des Tages und der Nacht tauchte etwas ungeheuer Geheimnisvolles auf, das ihn schaudern machte und ihn mit einer noch ganz anderen Trauer erfüllte, als derjenigen, die er in Siebengeist beobachtete. Aber wie sonderbar! Darüber schwebte wie das Licht über einem finstern Wald etwas wie Freiheits- und Einsamkeitsfreude.

Sie waren zum Leichenhaus gewandert, einem Backsteinhäuschen, das verlassen in der Abenddämmerung lag. Siebengeist ging zur Totengräberwohnung und ließ aufsperren. Der Mann, unter dem Druck von Siebengeists Hand willfährig geworden, brachte eine Art Stallämpchen mit einem Blendblech und ließ die beiden allein. Zwei Särge standen inmitten des Raums, halb aufrecht gegen eine Bank gelehnt. In dem einen lag eine Greisin, deren Lider nicht ganz geschlossen waren, so daß sie, was vor sich ging, argwöhnisch zu beblinzeln schien. Ihr Gesicht war gelb wie frisches Baumholz und hatte einen außerordentlich höhnischen und feindseligen Ausdruck. Auf ihrer faltigen Stirne lief gemächlich eine Fliege umher. Der ganze Kopf bekam überdies durch eine hohe weiße Haube mit blauen Bändern ein theatralisches und bizarres Aussehen.

Daneben lag Myra. Auf der einen Wange war ein seltsamer roter Fleck, wie ein Überbleibsel des Lebens. Die Unterlippe war ein wenig herabgesunken, wodurch das Gesicht müde, fast schlaftrunken aussah. Die Stirne sah aus wie geschliffen, und um die Augen lag ein abweisender, kindlich überlegener Zug. Die Hände waren leicht gefaltet. Der Ärmel des Gewands wurde leise von der Abendluft bewegt und erzeugte einen tierähnlichen Schatten über den Fingern.

Siebengeist kniete nieder und legte still den Kopf auf den Sargrand. Sein Rücken begann zu zucken, und die rechte Hand suchte den Boden. Der Lehrer dachte etwas Unbestimmtes, Frommes über den Tod, verwarf aber leidenschaftlich diese Gedanken wieder und zwang seine Blicke, auf dem mißtrauischen Gesicht der alten Frau haften zu bleiben. Er ärgerte sich über die freche Fliege, die wie schlafend auf einem Augenlid saß. Und plötzlich sah er, wie Siebengeist sich ein wenig erhob, seine Lippen langsam dem Antlitz Myras näherte, und wie er lautlos seinen Mund auf ihren toten Mund drückte.

Philipp Unruh stieß einen schwachen Schrei aus und fühlte den Boden unter sich wanken. Ihm brannte die Kehle und das Herz und das Gehirn, als ob er im Feuer stände, aber mit unbegreiflicher und erschreckender Raschheit kehrte eine eisige Ruhe in ihn zurück. Er legte die Hände vor die Augen und kehrte das Gesicht dem Kirchhof zu und dem Stückchen Wald hinter der Mauer. In diesem Augenblick hatte er Tod und Leben gleichzeitig in einem elementaren Bild empfunden.

Beim Heimwärtsgang stand die Mondsichel über den Dächern des Städtchens. Von der Eisenbahn tönte ein langgezogenes Hornsignal herüber. Die Dunkelheit ist lästig und drückend, dachte Philipp Unruh. Er begann den Tag der Nacht vorzuziehen, wo eine bittere und verschwommene Traurigkeit so leicht Nahrung finden konnte. Sie gingen hinter den Gärten am Rand der Äcker und Siebengeist fing an zu reden. Er gefiel sich in Kapriolen des Geistes, in blasphemischen Anklagen, seufzte schwer und war dann wieder still. Alles nahm sich wie beabsichtigter Wahnsinn aus. Von seinem hübschen Gesicht war wie im Rausch jede Besonnenheit verschwunden, und was er tat, trug das Zeichen von überhebendem Schmerz. »Gute Nacht, Schulmeister,« sagte er. »Meine Seele ist leer wie ein ausgebranntes Haus.«

Was er doch für Worte gebraucht, dachte der Lehrer. Er verspürte plötzlich einen nagenden Hunger, denn seit vielen Stunden hatte er nichts gegessen. Er trat neben dem Schulhaus in den Laden des Bäckers und verlangte frisches Schwarzbrot und ein wenig Butter.

»Ach du _mein_ Gott, sieht man den Herrn Lehrer auch einmal,« sagte der Bäcker, und mit halb pfiffigem, halb verlegenem Gesicht schraubte er das blakende Licht tiefer. Er war eigentlich recht bestürzt, denn auf dem Ladentisch vor sich hatte er einen großen Folianten aus des Lehrers Bücherkiste liegen. Er hatte sich eben nach Herzenslust an einer Kriegsbeschreibung ergötzt. Der Lehrer sah sogleich das Buch und schlug erstaunt die Hände zusammen: »Herr Bäckermeister, Sie wissen wohl gar nicht, wessen Eigentum das ist?« sagte er unsicher, wie alle gutmütigen Menschen, wenn sie einem andern auf Schelmenstreiche kommen.

Was nun den Bäcker betrifft, so begann er eine Geschichte zu erzählen, die durchaus kein Ende nehmen wollte. Diese Geschichte wurde allgemach recht verwickelt und bot schließlich selbst dem Erzähler Schwierigkeiten. Sprüche zur Weltweisheit mischten sich darein wie Aniskörnchen in den Brotteig, nur zuletzt kam, einer Apotheose zu vergleichen, der Preis des Handwerks, welches ebenso sein Gutes habe, wie die Gelehrsamkeit.

Philipp Unruh lächelte. Der humoristische Mann, der ihm gegenüber auf dem Backtrog saß, hatte in der Glorie seiner Lügenhaftigkeit etwas seltsam Versöhnendes, und es lag wie eine unwiderstehliche Heiterkeit in jedem dieser Lügenworte, die weder gewogen, noch gezählt waren. Daß er wieder in den Besitz seiner Bücher kam, erfreute ihn, doch in anderm Grade, als er je geglaubt. Es war wie ein Geschenk, und er betrachtete sein Eigentum wie etwas, das er nie besessen. Er wußte, daß es da nur tote Dinge, tote Blätter gab. Die Vergangenheit ist etwas Gestorbenes, dachte er; wer ihren Leichnam küßt, macht das Gesicht des Todes doppelt furchtbar; was er berühren mag, wird dem Leben entfremdet sein.

Es war ein so milder Abend, daß es den Lehrer wieder fort von seiner Behausung trieb, und er beschloß, gegen das Altmühlufer hinunter zu wandern. Als er in die enge Kirchengasse bog, sah er sich gegenüber auf der Schwelle eines beleuchteten, schmalen Hausflurs ein kleines Mädchen sitzen, welches das Gesicht in die Schürze gelegt hatte und weinte. Ein Knabe von vielleicht zwölf Jahren stelzte ernsthaft über die Gasse und fragte mit Würde, beide Hände tief in die Hosentaschen gesenkt: »Warum weinst du denn?« Die Kleine hob das Gesicht, und Philipp Unruh, der im dunklen Schatten stehen blieb, erkannte das Mädchen der Frau Süßmilch. »Ich kann meine Aufgabe nicht lernen, sie ist zu schwer,« schluchzte das Kind. Der Knabe räusperte sich, spreizte die Beine, legte die Hände auf den Rücken und begann: »Du bist meine schlechteste Schülerin, Süßmilch. Aus dir wird im Leben nichts werden. Du hast ja lauter Heu im Kopfe. Pfui!« Philipp Unruh sah, daß ihn der Bursche nachäffte, und errötete in seinem Versteck. Das kleine Mädchen aber trocknete die Augen, stützte den Kopf in das Händchen, schaute wehmütig zum klaren Sternenhimmel auf und sagte aus tiefstem Herzensgrund: »Ach ja! Unser Herr Lehrer ist ein sehr böser Mann.«

Der Lehrer ging langsam über die Gasse, nahm das Mädchen auf die Arme und küßte es lächelnd auf die Stirn.

Treunitz und Aurora

Bekenntnisse eines Offiziers

Die Stille des Gefängnisses ist der Selbsteinkehr günstig. Ich werde also das Papier zu meinem Beichtiger machen und der Wahrheit gemäß berichten, wie sich die Dinge abgespielt haben, und wie ich zu der Tat gelangt bin, durch die ich mein Leben verwirkt habe. Ich bin des Todes schuldig und ich werde aus dieser Erkenntnis alle Folgerungen ziehen, zu denen ich als Mann und Soldat so berechtigt als verpflichtet bin. Immerhin könnte ich beschönigend von einem verhängnisvollen Irrtum sprechen, durch den mein Glück, meine Freiheit, meine Zukunft, meine ganze Existenz der Vernichtung preisgegeben wurde, aber die Schmach würde dadurch um nichts geringer werden, und wenn ich gleich die furchtbare Leidenschaft, die mich ergriffen und ruiniert hat, zu verurteilen imstande bin, so ist es selbst in diesem Augenblick noch unmöglich, sie gänzlich aus meinem Herzen zu reißen.