Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen
Chapter 4
Als er mittags an der Apotheke vorbeiging, sah er drinnen Siebengeist allein, und er trat ein. Der Provisor war mit leidenschaftlichen Gebärden beschäftigt, in einer kolbenartigen Schüssel eine dicke, weißliche Masse zu zerreiben. Philipp Unruh setzte sich auf die geschnitzte Bank und entschuldigte sein Betragen vom gestrigen Abend. Der Provisor lachte, schalt ihn einen kreuzverkehrten Bruder, machte die lustigsten Grimassen, während er aus Leibeskräften zu reiben fortfuhr. Plötzlich verdüsterte sich sein Wesen, und er erzählte andeutend und abgerissen einiges von dem, was er über Myra erfahren hatte. Es schien, als verlangte ihn selbst nach Rat und Klarheit, doch der Lehrer konnte nicht Einblick gewinnen in das Wirrsal der Erzählung. Er schwieg beharrlich, wünschte, nichts gehört zu haben, und Siebengeist fing wieder an, gesichterschneidend seine Salbe zu reiben. Plötzlich beugte er sich zu Unruh herab, flüsterte, den Mund nahe dessen Ohr und den Arm gegen eine Tür im dunkelsten Hintergrund ausstreckend. »Es steht eine dort auf der Schwelle und lauscht. Bin ich jemand verschuldet, der mir die Taschen mit Geschenken vollstopft? Ich nahm von jeder Dirne im Haus, wie es die Nacht gewollt. Darf man sich darum an meine Schuhe klammern und meine Kraft verringern, das zu erobern, woran mein Leben hängt? Wohlgemerkt, nicht jedes Spänchen Holz macht eine warme Stube!« Er hatte den Lehrer unter den Arm gefaßt und den Verschüchterten scheinbar absichtslos in die Ecke geführt. Nun riß er die Türe auf und sagte die letzten Worte laut, fast schreiend. Vor den beiden stand die Baronin, zitternd, linnenweiß im Gesicht und blickte gemartert den Flurgang hinab gegen die Straße. Siebengeist lachte und schlug die Türe wieder zu.
Es kam nun so viel Schwüles, Überraschendes und Neues, daß die Zeit gewissermaßen ihre Abgemessenheit verlor. Ein Umhertaumeln zwischen Wissen und Erraten, zwischen Angst und Mut, zwischen Fülle und Entbehrung, ein Atmen in zitternder Luft, Reden ohne Besinnung, Träumen ohne Schlaf, Bilder, die vom Sturm vorbeigejagt und manche doch dauernder als Stein.
Philipp Unruh saß in der kleinen Schankstube des fränkischen Hofs. Es war wieder kalt geworden, und die Scheiben zeigten Eisfiguren, trotzdem die Sonne vom blauen Himmel schien. Der Wirt und ein Viehhändler aus Nördlingen saßen kartenspielend beim eisernen Öfchen. Aber das Geknister des lustigen Feuers wurde bald übertönt von zornigen und heiseren Männerstimmen aus dem Theatersaal. Es ist eine Schauspielprobe, dachte der Lehrer, jedoch trat alsbald der Bonvivant aus dem Theater in die Schankstube, verlangte grimmig einen Krug Bier und erzählte grimmig in demselben Atem, daß die sentimentale Liebhaberin sich weigere, dem Kritiker ihren Verehrungsbesuch abzustatten. Dergleichen sei noch nicht dagewesen, so lange man Komödie spiele zwischen Himmel und Erde, und sei um so abscheulicher, als der Doktor Maspero ein charmanter Herr sei, welcher vortrefflichen Schnaps vorzusetzen wisse. Der Wirt hieb mit Geräusch die Trumpf-Aß auf den Tisch; der Viehhändler schielte den Schauspieler bösartig an. Im Saale war es still geworden, und auf einmal kam Myra heraus. Philipp Unruh schaute sie eine Sekunde lang mit blinzelnden Augen an, sah dann feig in eine Ecke, und es schien ihm, als sänken seine Schultern schwer gegen den Tisch. Das Mädchen hatte purpurrote Wangen, doch ihre Stirne war bleich, ihr Blick leer, unsicher, stechend, ihr Rücken ein wenig gekrümmt. Sie ging, als suche sie einen Ausgang, und blieb dann stehen wie in eine Falle geraten. Herr Schmalich kam hinter ihr her, und auf seinen Mienen drückte sich Verlegenheit aus. Sie wandte sich gegen den Direktor und sagte leisen Tones und mit erschreckender Schnelligkeit eine Reihe von Worten, welche niemand verstehen konnte. Ihre Stimme wurde immer lauter, doch die Worte verloren alle Artikulation. Aus dem Theaterraum kamen zwei dicke Schauspielerinnen und der Heldenvater und spendeten lachend Beifall, während der Wirt und sein Kartenkumpan aufgeregt näher traten. Jetzt begann Myra selbst zu lachen, und zwar so, daß der Lehrer wie Einhalt gebietend seine bebenden Arme gegen sie ausstreckte. Da stürzte sie auf den Boden, und Schaum quoll von ihren Lippen. Alle waren stumm und blaß geworden und rührten sich nicht. Philipp Unruh, der sich selbst und jede Scheu vergaß, stürzte herzu, kniete auf den Boden, legte den Arm unter ihren Hals, murmelte verstört vor sich hin und beugte suchend sein Gesicht gegen das ihre.
Er konnte es niemals vergessen. Niemals die halbgeschlossenen und halberloschenen Augen, ob haßerfüllt, ob dankbar, er wußte es nicht. Er konnte die nahe Wärme ihres Körpers nicht vergessen, das verwirrte schwarze Haar, das seine Schläfen streifte. Er empfand immerfort den Druck ihres Nackens auf seinem Arm, den Hauch ihres Mundes neben seiner Hand. Als er zitternd in der Schankstube kniete, voll Furcht, daß man sie ihm raube, wollte er an kein Weiterleben denken, welches sich nur die Erinnerung zum Besitz machen konnte.
Andere Dinge kamen. Ihr Name erfüllte die Luft bei allem, was geschah. Der Apotheker schickte in mysteriöser Weise herüber, um Unruh holen zu lassen. Als der Lehrer kam, schritt der blasse Baron in bedeutsamer Gangart im Zimmer auf und ab, erklärte ganz ohne weiteres, daß der künstlerische Geist im Ort gehoben werden müsse, daß er als Gemeinderat bereits in solchem Sinn vorgegangen sei und eine gewisse Summe zur Verfügung gestellt habe, um das treffliche Institut des Herrn Schmalich für die Dauer des Winters zu subventionieren. Ja, dann käme ein neuer Wind, ja, dann käme ein edles Feuer unter die lauen Gemüter. Er selbst habe ein Theaterstück verfertigt; er wolle weiter nichts verraten, aber es suche seinesgleichen. Darauf schob er an beiden Türen die Riegel vor, lud seinen Gast ein, vor dem prachtvoll mit Wein und kalten Speisen gedeckten Tisch Platz zu nehmen, rückte die Lampe zurecht und schlug eine sehr dicke Handschrift auf. Dieses Drama aller Dramen beschäftigte sich ausschließlich mit einer neuen und respektablen Idee, wie man die Wälder vor gänzlicher Ausrottung schützen könne. Aber von alledem hörte der Lehrer nur das eine, daß er nicht zu fürchten brauche, Myra heute oder morgen entschwinden zu sehen, und er liebte dieses stundenlange Trauerspiel, von welchem seine Hoffnungen sich lösten gleich farbigen Abendwolken aus trübem Moor.
Tag und Nacht, Dunkelheit und Sonnenlicht wechselten nach anderen Gesetzen als bisher, wie wenn der Wille, dem der Weltkreis untertan, neue Erscheinungsformen erdacht hätte. Es waren sonderbare Empfindungen, die Philipp Unruhs Herz bestürmten, als er, beim Biere sitzend, in demselben Raum wie wenige Stunden vorher, Myra sich gegenüber sah. Drei Schauspieler befanden sich bei ihr am Tisch, und sie lächelte wie jemand, der alles mit Entschlossenheit abgeworfen hat, was ihn belästigte. Doch war das Lächeln fremd und unerklärbar durch seine Dauer und verursachte, daß man das eigentliche Gesicht nur wie durch eine unendlich dünne Maske erkennen konnte. Die Wangen waren noch ebenso rot, die Stirn noch ebenso bleich, der Hals noch ebenso vorgestreckt, so daß der Rücken gekrümmt erschien. Die verkniffenen Augen blickten mißtrauisch, listig, ziellos, bis plötzlich eine Art Schrecken in sie geriet, der sie aufriß. Sie sah den Lehrer nicht, sah überhaupt nichts. Später lachte sie über alles, was der Komiker sagte, und darnach erhielten ihre Züge einen halb unwilligen, halb trostlosen Ausdruck.
Die Mutter Myras und der Galan kamen zurück. Sie hatten offenbar in der Welt mehr Hunger als Vergnügen gefunden. Die ehedem wohlhabende Witwe hatte schon alles verschleudert, was sie besessen. Mit der einen Hand hatte sie Liebe gegeben, mit der andern Geld; dementsprechend war die eine beschmutzt, die andere leer. Zwischen Trübsinn und überreizter Laune verzehrte sich ihr Gemüt, und viele Stunden lang konnte sie damit zubringen, sich zu schminken, zu putzen, zu verjüngen. Am ersten Tag schon war es so, saß sie bis in den Nachmittag vor dem Spiegel, rechts und links je zwei Kerzen, denn draußen war dicker Nebel. Dann kam der Schauspieler, und Myra mußte gehen. Sie erhob sich vom Kaffeetisch und ließ die volle Tasse unberührt. Der schlanke junge Mann, dessen Gesicht etwas von einem Cäsaren und etwas von einem Schäferhund hatte, sah ihr nach; er wußte genau, was sie bei ihm zurückließ, und sie, förmlich verwundet von seinem Blick, ging die Gasse hinauf und traf Siebengeist unter dem Turmbogen. Sie atmete schwer, hörte kaum die Worte ihres Begleiters und bat, er möchte sie in den Wald führen. Sie wanderten also gegen den Burgstall hinauf (so heißt der Wald), und es war, als schritten sie durch feuchten, bleiernen, grauen Rauch, so dick und lastend lag der Nebel. Siebengeist verstummte bald. Zufällig kam Philipp Unruh von den Holzschuppen herüber und stand mit einem Mal vor dem schweigenden Paar. Ihm war, als habe ihn ein Schuß getroffen, und es rieselte ihm kalt durch Mark und Bein. Jählings deckten sich ihm geheimnisvolle Beziehungen auf, die bisher gleichsam hinter Häusermauern verborgen waren, und ein allgemeiner, aber stürmischer Menschenhaß erwachte in seiner Seele. Doch wie es ihm aus Visionen vertraut war, ging ihm Myra einen Schritt entgegen. Sie stand so nahe bei ihm, daß er ein Schneeflöckchen auf ihren Wimpern gewahren konnte, welches langsam zerschmolz. Schüchtern und freundlich sagte sie: »Sie sind gut gegen mich gewesen, ich weiß es, ich danke Ihnen. Gehen Sie doch ein wenig mit uns.« Er schaute zu Boden und lachte lautlos, stotterte zwei, drei Worte. Dann schaute er vor allem den kindlich schönen Mund an, der dies gesprochen, und ein unbezähmbarer Wunsch erwachte in ihm, der um sich griff wie Feuer im dürren Buschwerk. Er wünschte, jenen Mund küssen zu dürfen, nichts weiter; aber das versetzte sein Wesen in einen Taumel, der ebenso nahe der Verzweiflung wie der Erfüllung war. Mehr als ein Traum und eine äußerliche Begierde; mehr als das bloße Aufwachen zu einem Wertbewußtsein; mehr als die Hoffnung auf ein mittelmäßiges Glück. Es war der elementare Schmerz und Rausch des dumpfen Menschen, der mit Raubtierkraft an Gittern rüttelt, deren Vorhandensein er nicht begreifen will.
Myra hatte plötzlich das Verlangen, Schneeball zu werfen. Alle drei nahmen auf einem freien Stück Feld vor dem Wald Aufstellung. Das junge Mädchen war fröhlich bei der Sache, und der Lehrer sog ihr Wesen in sich auf wie Lebensnahrung. Er sprach nicht, weder bei dem Spiel, noch bei dem Waldgang später. Eine innige, überzeugende Gestalt wandelte an seiner Seite. Er hörte ihre gepreßten Worte, die sie aus allen Winkeln des Raums zusammenzusuchen schien, und die sie unsicher sprach mit milder Stimme und bittender Gebärde. Er sah, wie sie schüchtern Fragen stellte und schüchtern lächelte, wie sie über nichts in der Welt genügende Klarheit erhielt und jeden anstaunte, der mit Sicherheit eine Behauptung aufzustellen wußte; wie vieles ihr gefiel und wie viel sie besitzen mochte und wie sie zugleich darüber unruhig war und die Fülle ihres Wünschens als Vergehungen empfand; wie sie mit Sympathie umgeben war wie der Erdball mit Luft und wie sie gleichwohl fürchtete, von jedermann gehaßt zu sein: ein Wesen aus Fleisch und Blut, eine von denen, die für das Glück geschaffen scheinen.
Achtes Kapitel
Siebengeist war ein großmütiger Lustigmacher, der sich selbst vergessen konnte, um Myra zu erheitern. Wenn er anfing, zu plaudern und Gesichter zu schneiden, blieb sie nicht ernst. Was trieb er doch nicht alles! In derselben Stunde war er Fabulist und Taschenspieler, Schlangenmensch und komischer Musikant, sprang über die Tische und parodierte die Schauspieler, formte Damen aus Schnee und dichtete närrische Sonette über seine Laufbahn als Apotheker. Myra hatte viel Freude an ihm. Sie schenkte ihm einen schmalen Reif mit einem winzigen Rubin, und dafür gab ihr Siebengeist ein goldenes Herz, welches die Inschrift trug: /vers Dieu va./ Philipp Unruh fühlte sich als Zaungast und suchte Einsamkeit. Unsichtbar ging Myra an seiner Seite bei den weiten Spaziergängen, unsichtbar ging sie in seinem Haus umher. Unhörbare Reden wechselte sie mit ihm, schenkte ihm Vertrauen, billigte seine Entschlüsse. So erhielten sein Sehen und Denken, seine Gebärden und Worte eine verzweifelte und verschwiegene Glut. Auf allen Wegen, an allen Mauern stand ihr Name, und wurde er wirklich genannt, so erschrak der Lehrer wie ein Verbrecher, der unerkannt die Früchte seiner Tat genießt. So vor Doktor Maspero, der beim nächtlichen Heimgang von Myra sprach.
Der Provisor sei ein Narr, meinte dieser gescheite Mann, und alle Welt habe recht, ihn zu verdammen wegen seiner Narrheit. Was für eine Bedeutung habe dies törichte Scharmuzieren? Ein bettelarmes Persönchen, das weder hübsch noch klug sei und zweifellos einen wahnsinnigen Zug in den Augen trage. Niemand wisse, was sie dabei wolle.
»Ein altes Wort lautet: was ein Weib will, das will Gott,« murmelte der Lehrer.
»So? Eine jammervolle Sentenz, Schulmeister! Ich glaube, Ihnen sitzen Gespenster im Magen. Sei’s drum! Ich gönne jedem sein Plätzchen an der Sonne. Gute Nacht.«
Der Lehrer fühlte sich verlassen. Er blickte spähend durch die fallenden Schneeflocken, als erwarte er einen Freund, mit dem er die Nacht verbringen könnte. In der Tat tauchte eine schwarze, hagere Gestalt aus der Finsternis auf. Es war der Herr Adjutant. Beim Anblick des Lehrers packte er sofort begeistert seinen Hut, schwenkte ihn gegen das Firmament und schrie den Abendgruß, als ob er seinem Landesfürsten zujauchzte. Gleich darauf ging er wieder stelzengerade und lautlos seines Weges weiter, und sein gravitätischer Schritt machte den Schnee klirren. Philipp Unruh empfand auf einmal eine wunderliche Sympathie für diesen Mann, der seine einsame Wohnung nur mit einem zärtlich geliebten Affen teilte, dem er den aparten Namen Kümmerlich gegeben hatte.
Neben der Post befand sich ein uraltes Gebäude, in welchem Myra mit ihrer Mutter wohnte. Die zwei Fenster waren erleuchtet und durch gelbe Rollvorhänge verdeckt. Der Lehrer stand im Schnee auf der andern Seite der Gasse und lehnte sich an die Türe des Kürschnerladens. Eine Silhouette ward auf dem Vorhang sichtbar: das Profil eines Mannes, das auftauchte und verschwand. Dann erschien derselbe Kopf noch einmal, nahe beim Fenster und deshalb sehr klein und scharf und wurde unter beständigem lebhaften Nicken immer größer. Ein zweites Bild, ein Frauenhaupt erschien daneben, und beide verharrten nun in Ruhe, als ob sie sich unverwandt ansähen, neigten einander zu, wichen von neuem zurück, und gleichzeitig erschien am zweiten Fenster ein anderer Schatten, bei dessen Anblick sich Philipp Unruhs Stirne unwillkürlich verdüsterte. Dieser Schatten, klar begrenzt von Licht, war den beiden übrigen bewegungslos zugewandt, als flösse sein Dasein von ihnen aus. Haare fielen abenteuerlich in die Stirn, deutlich war die feine Nase gezeichnet, deutlich der verschlossene Mund. Das ganze Spiel der drei körperlosen Gestalten hatte etwas so Unwirkliches und Phantastisches, daß der Lauscher bisweilen staunend in die Dunkelheit starrte, auf die friedlichen Häuser im Umkreis, und mit eigentümlicher Gewalt die Ruhe spürte, die in allen schneebedeckten Gassen ausgebreitet war. Aber dies erschien ihm nur als ein täuschendes Kleid, unter dessen unbewegten Falten verheerende Leidenschaften brüteten, um die Erde zu bedrohen und zu erschüttern. Er selber war ergriffen, ja gefoltert und wagte nicht, darüber ins klare zu kommen. Ungeduldigen neuen Lebens voll, sah er millionenfaches Leben um sich in eisiges Schweigen gehüllt durch die stummen Kräfte der Natur.
Nun geschah etwas Sonderbares. Die beiden Schatten erhoben sich gleichzeitig, ohne von einander zu weichen. Der dritte Schatten streckte die Arme aus, flehentlich oder beschwörend. Dann glitt der eine Frauenschatten zum zweiten Fenster. Die ausgestreckten Arme fielen herab, und die ganze Gestalt versank. Die zweite wuchs geisterhaft empor, beugte sich auf und nieder mit beängstigender Hast. Die Silhouette des Mannes stand regungslos, eine Hand gegen das Gesicht gepreßt, – und plötzlich ward alles schwarz und finster.
Der Lehrer seufzte bang. Unschlüssig und erratend stand er da, als ein Tor zugeschlagen wurde und jemand auf die Straße gestürzt kam. Unruh sah, daß es Myra war, in bloßen Kleidern, ohne winterliche Hülle, und mit einem halben Ausruf schritt er ihr entgegen. Mit tastendem Schritt näherte sie sich ihm, und er spürte ihre Hand in seinen Arm sich förmlich einkrallen. Mit einem Blick, der von Angst, Erschöpfung und Verzweiflung stier geworden war, schaute sie gleichsam durch sein Gesicht hindurch. Das alles geschah lautlos. Auch im Hause regte sich nichts, und die Fenster oben blieben schwarz.
Philipp Unruh sah ein Geschöpf vor sich, auf dessen Wort und Aufschluß er nicht rechnen durfte, das nur noch mit einem Schein äußeren Lebens begabt, sich ihm überließ wie ein Gegenstand. Die augenscheinliche Gefahr, die außerordentlichen Umstände verliehen ihm Besinnung und Kraft des Entschlusses. Seine scheuen, dumpf brennenden Gefühle verkrochen sich in der Stunde der Tat. Er nahm Myra auf den Arm und eilte mit ihr durch die Nacht dem Schulhaus zu. Leicht schien ihm seine Last, aber das ungewisse Vibrieren des Körpers in seinen Armen ließ beinahe sein Blut stocken. Die leere, stumme Nacht eilte vor ihm her und verwirrte seinen Blick. Er fragte sich gar nicht, wohin er anders mit der willenlosen Myra gehen könne, als in seine eigene Behausung. Er hörte hinter sich, doch ziemlich ferne schon, Stimmen in der Finsternis, und eine davon schrie in hellem Ton immer wieder dasselbe Wort. Er achtete nicht darauf, sah nur mit Neugierde und Mißtrauen die Straße entlang, denn ihm schien, als sei er in ein bisher unbekanntes Land geraten.
Das Schulhaus, ihm längst vertraut in jedem Winkel, barg heute Gefahren. Unter dem Stiegeneck waren glänzende Augen. Hoch im Gitterfenster leuchtete ein verräterisches Licht. Es war kein Mensch im ganzen Gebäude, denn die Wirtschafterin schlief im Haus des alten Löwy. Bis zur Kraftlosigkeit ermattet, nach Atem keuchend, schleppte er Myra die Treppen empor, stieß die Zimmertüre auf, legte das junge Mädchen auf das Bett und machte Licht.
Sie hatte die Augen geschlossen. Zum erstenmal sah er ihr Gesicht bleich. Er benetzte ihre Schläfe mit Wasser und murmelte ihren Namen vor sich hin. Sie rührte sich nicht. Er legte das Ohr auf ihre Brust, und als er keinen Herzschlag vernahm, wurden vor Schrecken seine Augen feucht. Die verbrecherische Kraft eines kaum geahnten Wunsches habe ihn gezwungen, sie hierherzubringen, so glaubte er jetzt. Er riß das Fenster auf, um jemand zu erspähen, der zum Doktor laufen könne. Aber der Hof lag finster und öde. Er schrie: Johanna! dann: Kunigunde! und noch einige, denen er vielleicht den Schlaf aus den Lidern rufen konnte. Er rannte ins Schulzimmer, schaute dort hinaus, straßauf, straßab, aber er wurde nichts gewahr als eine drückende Verlassenheit, die sich zu regen schien unter dem gleichmäßigen Fall der Schneeflocken.
Jedoch als er zurückkam, von Frost und Angst geschüttelt, saß Myra aufrecht im Bett.
Sie lächelte; ein wunderliches, stumpfes, unveränderliches Lächeln. Die schöne Rundung der Unterlippe, die feine, etwas träumerische Linie der oberen traten in bezaubernder Klarheit hervor. Von einer eigentümlichen, furchtsamen Freude ergriffen, sagte der Lehrer: »Sie sind wach?« und seine Stimme bebte. Sein Beginnen kam ihm frevelhaft vor. Er hatte sich ihrer bemächtigt, das war es. Eine Verantwortung nahte, vor der er zusammenbrechen würde. Er bewunderte und fürchtete zugleich jene Person, die er selbst noch vor einer halben Stunde gewesen war, jene wild und unbekümmert handelnde Person. Sorgenvoll und überlegend stand er auf der Schwelle, der Rechenschaft gewärtig, die man von ihm fordern würde. Aber in seiner innersten Seele ergriff er Besitz von Myra und ging mit sich zu Rate, ob er nicht das Tor vor Eindringlingen schützen solle. Endlose Stunden der Nacht würden folgen, und am Morgen? Das Ende von allem.
Das junge Mädchen schauderte vor der hereinfließenden Kälte, und so schloß er die Türe. Er setzte sich an das Bett und fragte Myra, ob sie krank sei, er wolle gehen und den Arzt holen.
Sie antwortete nicht, sondern blickte aufmerksam ins Licht der Lampe. Mit traurigen Augen sah sie der Lehrer an. In wahrhaft ungestümer Gewalt erwachte der Wunsch in ihm, den so nahen Mund zu küssen. Überlegungen wie Kriegspläne formten sich, und er blickte dabei zurück auf sein Leben wie in eine graue, regnerische Heide. Er lehnte die Stirn an den Bettpfosten und fing unvermittelt zu weinen an wie ein Knabe. Die Erkenntnis seiner Leidenschaft und seines leidenschaftlichen Gemütes machte ihn in hohem Grade bestürzt, wie es oft bei religiösen und einsamen Naturen der Fall ist.
»Ach, du bist es, Wilhelm?« sagte Myra tonlos. »Warum liest du mir nicht vor? Lies mir doch vor aus dem lustigen Stück.« Sie lächelte wie früher und legte ihre Hand auf die seine. Philipp Unruh richtete sich auf und hielt zitternd ihre Hand fest. Er vermeinte seine eigenen Gedanken zu sehen, wie sie auf einmal wirr und schwarz wurden.
»Nimm dasselbe Buch,« fuhr Myra leise fort. »Du weißt, was du auf eine leere Seite geschrieben hast. Es war das Schönste, Seligste. Die Mutter hat es gelesen und kam mit dem Messer gegen mich. /Oh, cela ne fait rien,/ sagt Madam Biraud. Du siehst es ja, ich lache und jetzt lies, lies vor!«
Als Philipp Unruh zögerte, wurde sie ungeduldig, und ihr Mund verzog sich gramvoll. Da griff er mechanisch nach jener Ansbacher Chronik, die ihm allein von seinen Büchern geblieben war, blätterte mit bebenden Fingern und las von alten Ereignissen, vom markgräflichen Leben am Hof, von den Emigranten, von Denkmälern und Baubefugnissen, von Pest und Kriegsplage, kurz, was eben in solch einer Chronik Wichtiges zu stehen pflegt. Inhaltsloser und sinnloser waren ihm niemals Worte vorgekommen. Ihm schien, als grübe er Staub aus finstern Verstecken. Myra lauschte entzückt jeder Silbe und freute sich, als ob es eine amüsante Szene sei, deren Entwicklung sie zu hören bekomme. Allmählich wurden ihre Züge schlaff; sie lehnte sich zurück, ihre Augen schlossen sich, und sie schien zu schlafen, während der Lehrer aufgewühlten Herzens weiter las, den stillen Raum mit seinen monotonen Lauten füllend.
Plötzlich fuhr Myra empor. »Glaubst du es denn nicht,« rief sie aus, mit einer inbrünstigen Hingebung in ihrer Stimme, in ihren Geberden, in ihrem Gesicht, »glaubst du es denn nicht? Für dich könnte ich ja sterben!« Sie lachte glücklich und fiel wieder auf das Kissen zurück.
Philipp Unruh schlug die Chronik zu und stützte den Kopf in die Hand. Ihm war bang und weich zu Mut. Diese Worte, gleichviel ob sie ihm galten oder nicht, waren nun zu ihm gesprochen worden. Er durfte die Vergangenheit vergessen, ohne sie betrauern zu müssen. Diese Worte brachten sein Gemüt in Schwingung, wie der Glockenschall die Luft in einer Kirche bewegt. Er wußte, eine solche Stunde des Zutrauens, eine solche Nacht der Wunder würde nicht wiederkehren in seinem Leben, und unersättlich sog er alle Hoffnungsmöglichkeiten in sich ein, als könne dadurch seine Zukunft beschützt werden. Ringsum war alles Leben lebendig, geschmückt durch Hingabe und Zärtlichkeit, ja selbst durch Gefahr und Tod. Denn der Tod ist es wert, gestorben zu werden, wenn er etwas raubt, das zu besitzen sich lohnt. So wurde sein Geist weitschauend durch die Macht eines Augenblicks, welcher die Ewigkeit enthielt.