Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen
Chapter 2
Der Lehrer wurde blaß und schüttelte unwillig den Kopf. Siebengeist lachte hell wie ein Kind. »Waren Sie je verliebt? Wissen Sie, Onkelchen, man könnte Sie geradezu für einen Eunuchen halten, wenn man nicht wüßte, daß Sie ein deutscher Bücherwurm sind. Sie verachten natürlich die Liebe, sofern sie nicht auf dem Papier verewigt ist. Haben Sie mal von einer gewissen Ninon de l’Enclos gehört? Ein wundersames Frauenzimmer. Sie hat ganze Generationen mit Liebe beschenkt. Ich war damals ein Gascognischer Prinz und in mancher Nacht küßte ich die unsterblichen Lippen. Seitdem ist die Welt bitter geworden. Onkelchen, was heutzutage sich Weib nennt, ist wert, eingesalzen zu werden. Ich habe keines kennen gelernt, in dem nicht die dumme Gans oder die Xantippe steckt. Sie sind schlecht, eitel, feig, anmaßend, sitzen stets auf dem Galanteriestühlchen und sind mit Leidenschaft der Lüge ergeben. Dagegen liest man in den Kunstbüchern von den erlauchtesten Idealgestalten. Davor warne ich Sie, Onkelchen. Durch diese Literatur geht ein Riß. Sehn Sie doch nur, ein Mann wie ich, Prinz von Geblüt, sitzt auf dem Trockenen und weiß nichts anzufangen mit seinen Gefühlen, geht sehnsüchtig in der Welt umher und gafft sich die Augen aus nach dem Bild der Liebe. Nun, ich gebe mir noch eine kurze Frist, dann wähle ich ein angenehmes und schmerzloses Gift.« Er lachte wieder fein kindliches Lachen.
Der Lehrer wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es ist ein Traum, dachte er zweifelnd und betrübt und sah auf das Bahngeleise hinüber, auf dem ein Schnellzug einherraste. Er freute sich auf seine Abendstunden, auf seine Chronik, auf seine stille Abgeschiedenheit. Indessen forderte ihn der Provisor auf, mit ihm in einem Wirtshaus in Altenmuhr zu essen, und noch viel weniger als früher wagte er es abzuschlagen. Doch Siebengeist wurde merkwürdig schweigsam, ballte nur hier und da Schnee zusammen und warf ihn auf die Baumkronen, daß es knisterte. Dann lachte er und freute sich.
In der niedrigen, heißen Wirtsstube saßen Fuhrleute beim Bier. Siebengeist berührte kaum die Speisen. Er stocherte nachdenklich in seinen weißen Zähnen, während der Lehrer tüchtig zugriff. »Gelehrsamkeit stärkt den Magen«, bemerkte Siebengeist sarkastisch. »Wissen Sie, was mir eingefallen ist? Ich forme mir eine Jungfrau aus Schnee: schön, rein und klug. Ich gebe ihr das Herz eines treuen Hundes und die Augen einer edlen Häßlichen, die in Verborgenheit lebte. Das Ganze belebt, wäre ein Wunder an Vollkommenheit.«
Philipp Unruh dachte: wenn dieser Mann Apotheker ist, werden die Kranken seltsame Mixturen erhalten. Sein ordnungsliebendes Gemüt begann sich zu empören. Er betrachtete den Provisor scharf von der Seite und mußte sich gestehen, daß er ein schönes Gesicht habe, ein intelligentes Auge, einen weichen, schwärmerischen Mund.
Auf dem Heimweg stockte jedes Gespräch. Die Ruhe der Natur war ein Befehl zur Ruhe für die Wanderer. Schon begann das beschneite Gelände bläulich zu schimmern. Wie schwärzliche Gestalten standen die Bäume da, streckten die Äste verzweifelt gegen den Himmel. Philipp Unruh empfand seinen Begleiter wie eine schwere Bürde. Er vermochte nicht zu überlegen und nicht zu denken in seiner Gegenwart. Unsichere Schuldgefühle belästigten ihn.
Als sie den Marktplatz des Städtchens entlang schritten, begegnete ihnen der Baron Apotheker und lud sie ein, den Nachmittagskaffee in seinem Hause zu nehmen. »Meine Frau wird sich freuen«, sagte er süßlich und in einem Ton, als spräche er von einer majestätischen Person. Siebengeist nickte zerstreut und nahm des Lehrers Arm, der verschüchtert und abwartend der Einladung folgte.
Es war ein uraltes Haus mit vielen Ecken und Winkeln, breiten, finstern Stiegen, geheimnisvollen Türen und knarrenden Dielen, worin die Apotheke war. Es stammte noch aus der Markgrafenzeit und teilte jedem seiner Bewohner etwas von seinem verschlossenen, düstern, eckigen und altmodischen Wesen mit. Aus der Tiefe des Flurs kam die Baronin und rief den Provisor zu sich hin. Philipp Unruh und der Apotheker gingen daher voran, doch da es schon finster war, bat der Baron seinen Gast, stehenzubleiben und eilte voraus, um ein Licht zu bringen. Der Lehrer lehnte sich aufseufzend an die breite, gotische Brüstung und hörte Stimmengeflüster auf der Stiege, das alsbald wieder verstummte. In diesem Augenblick kam der Baron mit der Lampe den Korridor entlang, und ein Lichtstrahl erhellte das ganze Treppenhaus. Da sah Philipp Unruh, wie sich zwei umschlungen hielten und küßten. Die Frau hing am Halse Siebengeists mit geschlossenen Augen. Er aber hatte die Augen offen, und es war, als sähe er weit über sie hinweg, in eine weite Ferne, und sein Blick war düster und starr. Das dauerte im Schein des Lichts keine Sekunde, aber der Lehrer glaubte, Zeuge eines grauenvollen Verbrechens gewesen zu sein. Als er dem Apotheker folgte, trugen ihn die Füße kaum, und seine Zähne schlugen heftig aufeinander. Der Baron drehte sich um und lachte in seiner Hohomanier. »Armer Teufel,« sagte er, »klapperkalt ist ihm.« Und er brüllte in die Küche, daß es von allen Mauern widerhallte: »Johanna, heißes Wasser zum Grog!« Gleich darauf begann er wieder zu lispeln und lispelte von der Poesie des Winters, während das andere Paar scheinbar harmlos plaudernd die Stube betrat.
Gemütliche Wärme herrschte in dem großen Zimmer, dessen Decke gewölbt war wie in einer Kapelle. Der Ofen für sich war ein kleines Haus. Der Baron las seinen Prolog für das Theater vor, wobei Siebengeist ergeben in seine Tasse blickte. Offenbar waren die Gäste nur dieser Dichtung wegen herbeigeschleppt worden, denn der Baron las mit der studierten und zugleich naiven Wichtigkeit des Dilettanten, der sich ängstlich vorbereitet hat. Es kamen da viele Reime vor, und manche Gedanken, die eines Barons außerordentlich würdig waren, um wieviel mehr eines Apothekers. Die Hippogryphen waren zu diesem Ritt kostbar gesattelt worden, und vom großen Stall der Metaphern war, was Beine hatte, mitgelaufen. Zeit und Ewigkeit, Vaterland und Wissenschaft, Kunst und Natur waren, mit Traratrompetlein bewaffnet, auf einen erbaulichen Kothurn gestiegen und grinsten zum Vergnügen aller Mitbürger aufgeregt herab. Des Dichters Stirn war in Schweiß gebadet und sein blonder, zierlicher Schnurrbart zitterte rhythmisch mit.
Zu anderer Zeit hätte Philipp Unruh hohes Gefallen an der Produktion gefunden. Aber der gemütliche Raum schien jetzt von schwülen Mysterien erfüllt. Er sah Siebengeist gequält und grübelnd sitzen und wagte es endlich, auch die junge Frau anzuschauen. Überrascht und erschreckt senkte er den Blick nieder. Die schwarzen Augen der Baronin waren begeistert auf die Lippen ihres Mannes gerichtet, und sie lächelte begeistert. Zorn und Scham erwachten in dem Lehrer. Er atmete in Lügenluft, aber eine ihm bisher unbekannte Empfindung sinnlicher Neugier ergriff ihn. Als der Apotheker geendet hatte, lief die Frau beglückt auf ihn zu, umarmte und küßte ihn stürmisch. Dem Lehrer graute. Gefährlich, tückisch und verschlagen zeigte sich ihm das Weib, und er sah dem Provisor ins Gesicht, der mit einem dummen Lächeln gegen das Fenster blickte.
Auf einmal schrie jemand auf der Gasse laut und vernehmlich Feuer, und gleichzeitig ertönte die Sturmglocke. Siebengeist öffnete das Fenster und fragte hinunter. Es brenne beim alten Schulhaus, hieß es. Philipp Unruh stürzte davon, nur vom Gedanken an seine Bücher erfüllt.
Viertes Kapitel
Eine der Galerien, morsches, altersschwaches Zeug, stand lichterloh in Brand. Es sah unheilvoll aus, denn was da an Häusergerümpel beisammenstand, war sehr empfänglich für das Feuer. Die Flammen erfüllten den Hof, schlugen über das Dach des Schulhauses, und es gab ein Schock von Kindern, welches mit verbrecherischer Spannung darauf wartete, daß jenes verhaßte Gebäude zur Stunde vom Erdboden verschwinden würde. Diejenigen Leute aber, denen es gleichgültig sein durfte, ob es Schulferien gab oder nicht, zeigten sich aufgeregt, und die Turmglocke, die solche Gelegenheiten gern ergriff, um einen prahlerischen Lärm zu erzielen, vermehrte die Angst der Gemüter. Ihre kurzen Schläge glichen dem Pochen eines schreckenerfüllten Herzens. Es rückte die Feuerwehr an mit mutigen Messinghelmen und verzagten Gesichtern und diese guten Menschen verübten nun ihrerseits wieder solchen Skandal mit Trompeten und Kommandieren und einem rasselnden Spritzenwagen und himmelhohen Leitern, daß der Tumult größer wurde als die Gefahr. Statt zu handeln und sich unterzuordnen, machte sich jeder auf besondere Weise wichtig und benahm sich als eine verdienstvolle Autorität in Gummischläuchen oder im Wassertragen oder im Klettern und Fensterzertrümmern.
Philipp Unruh stürmte in die Küche, nahm eine große Kohlenkiste, die er in seine Studierstube schleifte und warf dort mit erstaunlicher Handfertigkeit seine Bücher hinein. Unheimlich sah es aus, wie er von den düsterroten Flammen beleuchtet in atemloser Geschäftigkeit die schwarze Kiste mit den alten Folianten füllte. Mit einer Kraft, die er als Zuschauer verwundert beobachtet hätte, zerrte er den schweren Kasten zur Stiege, ließ ihn unter großem Gepolter herabgleiten, und erst unten fanden sich zwei Männer, die ihm halfen, seinen Schatz auf die Straße zu tragen. Zwischen zwei Schneehaufen blieb die Kiste stehen. Erleichtert betrat der Lehrer wieder das Haus, um wenn es nötig war, auch die übrigen Habseligkeiten zu bergen. Die Wirtschafterin lief heulend im Flur herum. Da niemand noch an Gefahr für das Schulhaus dachte, klomm Unruh allein empor, sah sich um, fand es merkwürdig still, hörte nur das Geprassel des Feuers und das Zischen der Wasserstrahlen. Schränke und Wände waren blutigrot; die Fensterscheiben zitterten vor Hitze, doch mit jedem Augenblick verminderte sich die Gefahr. Die Holzgalerie brannte ab wie Papier und die Steinmauer wurde schwarz von Ruß. Im Hofe stand die Feuerwehr, eine Schar von Todesverächtern.
Philipp Unruh trat wieder auf die Straße. Er winkte den Gemeindediener herbei, daß er ihm helfe, die Kiste zurückzutragen. Allein die Kiste war verschwunden. Der Raum zwischen den beiden Schneehaufen war leer. In den weichen Schnee war ein tiefes Rechteck eingedrückt, sonst war nichts zu sehen. »Wo sind denn die Bücher?« fragte der Lehrer mechanisch, und blickte sich befremdet um. »Gutmann, wo ist meine Kiste?« schrie er einen vorübergehenden Feuerwehrmann an, und sein Gesicht verzerrte sich. Gutmann zuckte beschäftigt die Achseln. Der Gemeindediener versuchte zu trösten und öffnete nachdenklich sein Schnapsfläschchen. Einen um den andern rief der Lehrer an, aber keiner wußte etwas. Eine Gruppe sammelte sich, die Ratschläge gab und Meinungen austauschte. Der Polizist Grünhut stellte sich ein und schrieb Notizen in ein verschmiertes Buch. Der Lehrer hatte zuerst gejammert, jedem geklagt, einige um Beistand gebeten; jetzt wurde er still. Die Gewißheit, daß man ihm seinen teuersten Besitz entwendet habe, begann als etwas Ungeheures auf ihm zu lasten. Er fühlte sich vom Himmel selbst verwundet; beleidigt und verwundet in seinem innersten Wesen. Die Ungerechtigkeit, unter der er so zu leiden hatte, erstickte seine Überlegungen, raubte jedes Maß, jede Berechnung für das, was ihm zugestoßen. Hier lag ein Verbrechen vor, unerhört und frevelhaft. Wer durfte einen armen Friedlichen auf solche Art zu Schaden bringen? Er war ein Lehrer, nichts weiter, und verrichtete ehrlich sein Geschäft. Er war vor andern um nichts bevorzugt. Oder wurde es so bitter gerächt, daß er dem harten Brot des Berufs etwas Wohlgeschmack und Süßigkeit hinzugefügt?
Breit und mit Würde angestopft, kam der Herr Wachtmeister des Wegs. Er versprach leutselig, sich der Sache anzunehmen. »Wacker,« sagte er, »wacker,« ein Lieblingswort, welches er grundlos bevorzugte. Der Polizist trank aus des Gemeindedieners Flasche und eilte in die Nacht, den Dieb zu verfolgen. Man schickte zum Bäcker und zum Schneider nebenan. Dieser begann zu schimpfen, man bringe ihn um seinen Ruf, jener tat sehr unschuldig und besorgt. Das Verschwinden der Kiste blieb ein finsteres Rätsel. Philipp Unruh ging noch immer auf der Straße hin und her, blickte mit zusammengepreßten Zähnen in die Nacht. Die Leute entfernten sich langsam. Es war neun Uhr und Schlafensstunde nah. Auf dem Brandplatz blieben zwei von den Messingbehelmten, lagerten sich an ein Kohlenfeuer und tranken zahllose Krüge Bier, die aus dem »lustigen Pfeifer« geholt wurden.
Doktor Maspero war der letzte, der vor den trostlosen Beraubten hintrat. Er schaute prüfend zu dem Lehrer empor und sagte übelgelaunt: »Es ist ja gerade so, als ob Sie eine lebendige Familie verloren hätten. Pfui, Unruh, das heißt sich zum Narren stempeln.«
»Lieber Herr Doktor,« entgegnete der Schulmeister unwillig und ohne die Stimme zu erheben, »wer etwas verliert, muß am besten wissen, was er verliert.«
Der Doktor brummte, zog die Augenbrauen in die Höhe, kicherte in sich hinein und wünschte gute Nacht.
Fünftes Kapitel
Doktor Maspero hatte gut lachen; er wußte, wo die Bücher hingeraten waren. Nicht ganz ein Komplott und mehr als ein Einfall trug die Schuld. Das kleine Männchen mit dem Alleswissergesicht versuchte sich gern in der Seelenheilkunde. Auch der Apotheker und der Schulrat hatten Teil daran. Diese behördliche Person billigte das Treiben des Lehrers nicht. Obwohl von Pflichtversäumnissen bislang keine Rede sein konnte, – hinter stummen Bücherdeckeln erhebt sich oft ein unheilvoller Geist. Niemand konnte das gründlicher bestätigen als der Baron. »Verderblich ist das Wort,« lautete sein gebildetes Orakel. Der Doktor seinerseits mischte sich mit Leidenschaft in fremde Angelegenheiten. Er war ein Schnüffler und mißtraute allen Leuten, bei denen er Geheimnisse vermutete. Er haßte die Schweigenden, haßte die Leute, die anspruchslos ihres Weges gehen und in sich verschließen, was sie im Innern beschäftigt. Er haßte jene, die sich für irgend etwas mit wahrem Gefühl einsetzen und hielt sie für Lügner. Jeder Einsame galt ihm als Verräter an einem öffentlichen Wohl. Seine Zwerggestalt war der Grund eines wunderlichen, giftigen Ehrgeizes. War er den andern körperlich unterlegen, so wünschte er doch brennend, sonstwie zu herrschen. Daher sein penetranter Witz, seine angebliche Verachtung der Frauen; daher seine seltsame Eifersucht auf alles Große, was immer in der Welt geschah; daher seine Freude, sogenannte Wahrheiten zu sagen, seine unermüdliche Geschwätzigkeit, seine Gier, zu verurteilen, gehört zu werden, belacht zu werden, zu glänzen. Er war der erste gewesen, der Unternehmungen gegen die Bücherwut des Lehrers geplant hatte. Seine Motive waren menschenfreundlich; er sagte es. Aber es waren Worte geblieben bis zum Tag der Feuersbrunst. Da hatte er das Herausschleppen der Kiste beobachtet und war zum Bäcker geeilt, der für einen guten Spaß alles Brot im Ofen schwarz werden ließ. Alsbald war die Kiste unter dem Ladentisch verschwunden, und der Bäcker drückte sein gründliches Mißfallen an der Studierwut des Lehrers aus, vermutete Schwarzkunst und teuflische Zauberei dahinter. Der Doktor empfahl ihm, die Bücher ordentlich zu bewahren, und verhielt sich so, als ob ein reformatorischer Gedanke jeden Schritt in dieser Angelegenheit vorbestimmt habe.
Auf dem Heimweg empfand Doktor Maspero ein verwickeltes System zu der Tat, die er gegen Philipp Unruh unternommen, ein System, welches zugleich philosophischer und pädagogischer Natur war. Als er sich der letzten Konklusion nahte, bemerkte er die Gestalt des Provisors Siebengeist, die am Zaun des Kasinogartens lehnte, als ob sie steif gefroren wäre, und die Augen des jungen Mannes beobachteten gespannt den Mond am klaren Himmel. Erschrocken blieb der Doktor stehen und sagte mit unsicherer Bosheit: »Sie sind mir ein gespenstischer Herr da.«
Siebengeist senkte den Kopf und blickte den Doktor von der Seite an. »Dieser Kerl ist mein Feind,« erwiderte er langsam, die Faust gegen den Mond ballend. »Ich kann nicht schlafen, so lang er am Himmel steht.«
»Also ein Romantiker,« meinte der Doktor, spöttisch in den Ton des Arztes verfallend, »ein Romantiker mit kalten Füßen also.«
Siebengeist begleitete schweigend den Doktor die Straße hinab. Der Herr Adjutant kam ihnen entgegen, grüßte schreiend und lachend, als ob er eben von einer Amerikareise zurückgekehrt wäre und verschwand lautlos in der Nacht. Selten sind die Schlauen auch im Schweigen schlau. Der Doktor erzählte Siebengeist mit geheimnisvollem Wesen die Geschichte von den geraubten Büchern, und das philosophische System enthüllte sich in Beweiskraft. Siebengeist hatte nichts darauf zu antworten. Er nahm Schnee in die Hand und drückte ihn gegen seine Stirne. »Der Mond ist mein Feind,« murmelte er. »Mich verdrießt sein Grinsen, seine Klarheit, sein erborgtes Licht, seine anspruchsvolle Nutzlosigkeit. Er steht da droben und hat sein Amüsement von der Welt. Und ich, ich muß mir den Kopf im Schnee kühlen, fiebernd vor Überdruß.«
Sie standen vor dem Turmbogen, und der Doktor blickte verdutzt sein Haustor an, wußte nichts zu entgegnen als: »Sie sind verliebt, junger Freund.« Er hatte bei den Redereien des Provisors ein Gefühl wie jemand, den man aus dem ersten Schlaf weckt, um ihm die Anfangsgründe der Eskimosprache beizubringen. Doch tat er verständnisvoll aus Furcht vor einer möglichen Überlegenheit des andern.
»Richtig: eine meisterhafte Vermutung!« rief Siebengeist, mit dem Stock an das morsche Tor schlagend, daß es drinnen dumpf widerhallte.
»O, ich bin ein geriebener Hund, was die Weiber betrifft,« sagte der Doktor. »Ich kenne alle Schliche darin. Wie sieht sie aus, was ist sie, wie ist sie?«
»Wie sie aussieht? Je nun, das ist schwer. Eine gut funktionierende Nase, zwei erfahrene Augen, ein redseliger, lügnerischer Mund. Wie sie ist? Ebenso feig wie dumm, ebenso habgierig wie eitel, ebenso frech wie leer, ebenso gestorben wie die andern Leute hier herum. Aber Sie denken, ich spiele deshalb den Verschmäher? Ei, Doktor, da irren Sie sich. Der Rock ist alles, es lebe der Rock. Genug davon. Zuviel Wucht für die taube Nuß.«
Unter dem Torbogen des Turms schallte ein leichter Schritt. Es ging da ein junges schwarzgekleidetes Mädchen, dessen Kopf mit einem Schal verhüllt war. Es sah nicht aus, als ob sie Eile hätte, denn sie ging mehr für sich hin, verloren und abgekehrt, den Kopf leicht vorgeneigt, und in ihrem Schritt war sowohl Müdigkeit als auch Verträumtheit enthalten. Siebengeist folgte ihr mit den Blicken, als ob sich sein Schatten in Bewegung gesetzt hätte, denn es war schon etwas Ungewöhnliches, daß zur Schlafenszeit in offener Gasse jemand ging, der nicht Eile zeigte, schlafen zu gehen.
Des Doktors Schlüssel kreischte im verrosteten Schloß. Herr Maspero, Siebengeist beobachtend, gab seine liebenswürdige Nachsicht durch ein Lächeln kund, einem Veteranen gleich, der beim Anblick der Spielflinte eines Knaben an die großen Schlachtenkanonen denkt. Dann verabschiedete er sich in der akademischen Steifheit, die ihm eigen war. Er betrat den öden Flur seines Hauses, in dessen Hintergrund bei der Treppe eine nimmermüde Stehuhr ihr schläfriges Ticken seit Jahrzehnten ertönen ließ. Sechstausend Nächte und mehr noch lief das Werk im stummen Pflichtgefühl, und wenn es abends zehn Uhr war, kreischte der Schlüssel im verrosteten Schloß, und der Zwergdoktor sagte irgend einem gute Nacht, der vor dem Tore stand, riegelte sich ab von der Welt, machte die alten Dielen durch seine kleinen Füße knarren, hob an der Treppe das Kerzchen gegen das Zifferblatt, wobei in seinen grauen, unruhigen Augen etwas Fragendes aufblitzte, das unbehaglich und ängstlich den Fortschritt der Zeit wahrnahm. Die akademische Steifheit verlor sich, das leutselige oder sarkastische Lächeln verschwand. Unsichtbare Schatten der Zukunft schienen in dem stillen Haus emporzuwachsen, vom Flur bis in die Bodenkammer, und wehe, wenn sie einmal so weit gelangten, die beiden geschäftigen Zeiger der Doktorsuhr stehen bleiben zu heißen. So wird den Masperos allmählich die ganze Welt zu einer Uhr: die Hausmauern, von denen der Kalk abbröckelt; der Nachtwächter, dessen Stimme zitternder und leiser die Stunden ruft; der Wald, von dessen Bäumen die Blätter fallen; die Erde, die sich mit Schnee bedeckt; die Sonne, die hinter Frühjahrsnebeln blutet; ja, sogar die Kinder, denen der Schuster von Jahr zu Jahr größere Stiefeln machen muß.
Am nächsten Tag wußten die Sechsundsechzig von komischen Sachen zu wispern, die sie in der Schule gehört. Von zehn bis elf war Geschichtsstunde gewesen, ein Fach, das bisher aus einigen Namen und Zahlen bestanden hatte, mühsam und überflüssig zu lernen. Heute war der Lehrer, die Hände auf dem Rücken, hin- und hergegangen und hatte unaufhörlich geredet. Ungerechtigkeit sitze auf dem Thron der Erde. Die Geschichte sei nichts anderes als die Wissenschaft von der Ungerechtigkeit. Was ein Edler unternehme, werde hundert Unwürdigen preisgegeben, und ist es Gott, welcher das Glück eines Einsamen bewacht, so seien seine Augen matt, seine Sinne erschöpft vom Anblick der Zerrüttung und des Übels. So sprach der Unbesonnene zu Kindern: Dinge, die weitab vom Kreis seines Amtes lagen, und sein Mund zitterte unter dem buschigen, herabhängenden Schnurrbart. Als das Schulzimmer leer war, setzte er sich vor den Globus, und so traf ihn Doktor Maspero, der beim Bäcker gewesen war und nun aus freundschaftlicher Besorgtheit auch den Lehrer besuchte. Philipp Unruhs Blicke waren fest auf einen Punkt in der Wüste Saharah gerichtet, dann liefen seine Augen meridianaufwärts über Hellas und den Hellespont, durchsegelten das Schwarze Meer und blieben stumpfsinnig nach rascher Landwanderung in der Nähe Sibiriens liegen. »Sie werden sich erkälten bei solchem Klimawechsel,« scherzte der Doktor.
»Überall da leben Menschen,« erwiderte der Lehrer, mit einem vertieften Ausdruck emporblickend. »Lauter fremde Menschen.«
Der Doktor geriet vor dem grabenden Blick Unruhs in Verlegenheit. Er fragte sich umsonst, was er sagen solle.
Die Pausestunden verflossen, und die kurze Schulzeit des Nachmittags verging. Der Lehrer wandelte betrübt zwischen den Bänken umher, und beruhigte so den ängstlichen Geist der Kinder wieder. Gegen Abend klopfte es an die Türe von Unruhs eigenem Zimmer und Apollonius Siebengeist trat ein, warf den Hut irgendwohin und den Mantel nach, rieb sich am Ofen die Hände wie jemand, der einträgliche Geschäfte gemacht hat, und achtete kaum auf die erstaunten Mienen des Lehrers. »Eine gemütliche Stube haben Sie da,« sagte er, sich fröhlich umschauend. »Ich komme zu Ihnen, weil ich niemand hier weiß, mit dem sichs plaudern läßt. Die meisten Leute, mit denen man redet, hören gar nicht, sondern besinnen sich nur auf die Antwort. Heute brauch ich aber partout einen Zuhörer und ein warmes Öfchen. Aber Schulmeister! Onkelchen! Sie sehen aus wie der selige Griesgram.«
»Alle meine Bücher sind mir gestohlen worden,« murmelte der Lehrer klagend.
Siebengeist kratzte seinen Kopf und pfiff leise in die Ofennische. Dann machte er ein pfiffiges Gesicht, das ihm außerordentlich gut stand, trat dicht vor den Lehrer hin und legte beide Hände auf dessen Schultern. »Und wenn ich Ihnen nun verspreche, daß Sie Ihren Schatz wiederhaben sollen?« fragte er lächelnd.
Philipp Unruh sprang auf. »Sie wissen? Was verlangen Sie dafür?« rief er mit überraschender Leidenschaftlichkeit.