Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen
Chapter 11
In den nächsten acht Tagen suchte ich meinen Vater nicht mehr auf. Eine neue Stellung, die ich erlangt hatte, nahm mich sehr in Anspruch. Aber während dieser Zeit wurde mein Geist so von Unruhe gepeinigt, daß ich für die Arbeit ganz abgestumpft wurde. Dennoch hielt mich etwas Schweres ab, zu ihm zu gehen. Ich war feig, ja, ich fürchtete mich vor seiner Furcht. Es war der letzte Sonntag im Februar, als ich mich meiner Pflicht erinnerte. Still war ich herumgegangen und hatte niemandem etwas davon gesagt; und auch das quälte mein Gewissen, als hätte die Welt helfen können.
Es regnete an diesem Tag. Obgleich so viele Jahre verflossen sind, erinnere ich mich, daß vor meines Vaters Haus ein Betrunkener lag, und daß dies einen fatalen Eindruck auf mich machte; besonders das matte, gedunsene, gleichgültige Gesicht des Mannes und seine halboffenen Augen. Johlende Kinder sprangen um ihn herum.
Oben öffnete mir die Bedienerin. Wieder fand ich meinen Vater allein, und zwar in dem großen, leeren Zimmer. Er saß neben dem Spiegel, vor dem kleinen, runden Schachtisch. Er hatte mich nicht bemerkt, meine Schritte nicht gehört. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und war anscheinend in tiefes Sinnen verloren. Kein Laut störte die Ruhe; nichts Belebtes machte die Einsamkeit vergessen. Es sah aus, als ob er seit vielen Stunden so sitze, mit etwas Unerklärlichem beschäftigt. Endlich wagte ich es, laut den Tagesgruß zu rufen, und er hob langsam den Kopf. Er besann sich, nickte; ich trat näher, und er gab mir die Hand wie er in guten Stimmungen zu tun pflegte, fest, mit festem Druck. Aber sein Aussehen war verstört.
Ich denke über die Toten nach, die hinter mir liegen, sagte er. Ich schaue zurück, und jedes Jahr ist ein Zaunpfahl, an dem eine Leiche hängt.
Es ist das allgemeine Los, Vater, entgegnete ich beengt.
Sein Gesicht verzerrte sich wie vor einer Flamme. Allgemeine Los? Warum? Warum? Antworte, du Zeisig? Warum fühl ich dabei? Warum? Warum weiß ich davon? Warum erst alles und dann nichts? He? Warum? Er stand auf und sah mich gebieterisch an.
Gott will es, flüsterte ich.
Gott? Wer ist Gott? Was kann Gott wollen, was nicht ich will? Muß ich sterben, weil ein Gott will, den ich nicht kenne? Ich glaube nicht an den Tod. Oder wie? Wer könnte mich von meinem eigenen Tod überzeugen? Er blickte gegen das regennasse Fenster und gegen den Himmel; sein Hals war dunkelrot gefärbt, und die rechte Hand war geballt. Und doch, was ist zu tun? fuhr er nun mit feierlicher Stimme fort, ohne seine Stellung zu verändern. Es nützt nichts, daß ich leben will, leben, leben. Es nützt nichts, daß ich weiß, auch ihr werdet tot sein, wenn ich’s bin. Es nützt nichts. Wenn’s auch nur noch zehn Jahre sind, was sind zehn Jahre für mich?
Ich erinnere mich, daß ich etwas sagte von unserer Liebe für ihn. Aber er schwieg und hörte nicht. Langsam wanderte er auf und ab, die Hände auf dem Rücken und wiederholte noch einmal vor sich hin: was sind zehn Jahre für mich? Mir standen plötzlich die hellen Tränen in den Augen, und voll Betrübnis schlich ich davon. Immerfort glaubte ich ihn zu hören, den anklägerischen Ton seiner Stimme, den Trotz seiner Worte; immer sah ich ihn einsam in seiner leeren Stube gehen und konnte nicht die Inbrunst und das Furchtbare seiner Augen vergessen, als er ausrief: Was kann Gott wollen, das nicht ich will? Raum und Zeit verachtend, stand er im Mittelpunkt des Weltalls, allein, aufrührerischen Geistes, ein aufrührerischer Fährmann, die abendliche Flut des Lebens befahrend. Die Jahre konnten ihm nichts sein, denn seine Seele hatte stets den Augenblick besessen – und nun verloren.
Den nächsten Tag verbrachte ich mit meinen Angelegenheiten. In der Nacht, die folgte, fand ich keinen Schlaf. Die Luft schien mir schwül, und kaum daß es Morgen geworden, trieb es mich nach der Wohnung meines Vaters. Als ich in sein Schlafzimmer trat, sah ich ihn ruhig auf dem Bett liegen, und daneben hockte Mittelmann, das Schachbrett vor sich, anscheinend stumpfsinnig in ein Problem vertieft. Mich wunderte das so früh am Tag. Mittelmann gewahrte mich und sagte scheu: Ich war die ganze Nacht hier, es war um zwölf Uhr, solange spielten wir. In dieser Stellung brachen wir ab. Sehr interessante Stellung, sehen Sie nur.
Geschwätzig redete er weiter. Ich blickte unbeweglich auf die geschlossenen Augen des Greises. Sein Gesicht zeigte denselben Ausdruck des Trotzes, wie vor zwei Tagen.
Die Fenster waren geöffnet, und die Sonne strahlte herein. Ich wurde so traurig wie nie zuvor; und doch war es mir, als hätte ich meinen Vater schon tot hingestreckt gesehen damals, als Bianca ihm vorlas.
Am nächsten Tag begrub man ihn. Den armen Mittelmann führte ich darnach in ein Wirtshaus und gab ihm satt zu essen.
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Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane
Dritte Reihe
1. Bd. Th. Fontane, Irrungen Wirrungen 2. Bd. Björnstjerne Björnson, Mary 3. Bd. Gabriele Reuter, Frauenseelen 4. Bd. Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung 5. Bd. Sophie Hoechstetter, Passion 6. Bd. Knut Hamsun, Redakteur Lynge 7. Bd. Hermann Bahr, Theater 8. Bd. Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin 9. Bd. Bernhard Kellermann, Yester und Li 10. Bd. Felix Hollaender, Das letzte Glück 11. Bd. Jonas Lie, Auf Irrwegen 12. Bd. J. Wassermann, Der niegeküßte Mund
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Bisher erschienen unter anderen:
Gabriele d’Annunzio: Lust I/II Hermann Bahr: Theater Herman Bang: Am Wege Björnstjerne Björnson: Mary Laurids Bruun: Van Zantens glückliche Zeit Theodor Fontane: L’Adultera Gustaf af Geijerstam: Thora Knut Hamsun: Redakteur Lynge Hermann Hesse: Unterm Rad Felix Holländer: Das letzte Glück Bernhard Kellermann: Yester und Li E. von Keyserling: Beate und Mareile Jonas Lie: Eine Ehe Peter Nansen: Julies Tagebuch Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann Gabriele Reuter: Liselotte von Reckling Jakob Schaffner: Die Erlhöferin Emil Strauß: Der Engelwirt
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Werke von Jakob Wassermann bei S. Fischer, Verlag, Berlin
Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in Leinen 5 Mark, in Leder 6 Mark 50 Pfg.
Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen, und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere, und zutreffendere Dinge gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen »Vorspiel« des Romans eine glänzende poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der »Juden von Zirndorf«, in denen ein begabter Jüngling Agathon, der das edelste Judentum verkörpert, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch einen Mord an seinem Peiniger rächt. (Neue Zürcher Zeitung)
Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Elfte Auflage. Geheftet 6 Mark, in Leinen 7 Mark 50 Pfg.
Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, ihr Frauenschicksal erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. – Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. (Die Zukunft)
Der Moloch. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. Geheftet 4 Mark, in Leinen 5 Mark, in Leder 6 Mark 50 Pfg.
Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die ernste Idee, die ihm zugrunde liegt, bedeutend durch die psychologische und gestaltende Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, lebensvollen Gemälde gestaltet hat!... Der Verfasser hat dieses psychologische Problem in der Tat auch vollständig, seinem Wesen entsprechend, psychologisch behandelt, und zwar in geradezu bewundernswerter Weise. Mag das Weltbild, das Wassermann hier entwirft, ein einseitiges sein, mögen einzelne weniger interessierende Seiten seines Bildes gar zu breit aufgeführt, mag selbst die ihm zugrunde liegende Idee nicht unbedingt anzuerkennen sein und das Poetische etwas zu kurz kommen –, so viel bleibt gewiß, daß das umfangreiche Werk von Anfang bis zum Ende eine Stimmung ausströmt, die unwiderstehlich fesselt und mit der Macht fast eines Erlebnisses wirkt. (Berner Bund)
Der niegeküßte Mund – Hilperich. Novellistische Studien. Geheftet 2 Mark, in Leinen 3 Mark.
In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten, Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. (Die Zeit, Wien)
Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage. Geheftet 3 Mark 50 Pfg., in Leinen 4 Mark 50 Pfg., in Leder 6 Mark.
Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt. (Neue Freie Presse, Wien)
Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage. Geheftet 2 Mark, in Halbleder 3 Mark, in Leder 4 Mark.
Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. (Literarisches Echo)
Die Masken Erwin Reiners. Roman. Siebente Auflage. Geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark.
Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman, die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten. (Westermanns Monatshefte)
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der 1911 in der Reihe »Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane« erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. Soweit möglich, wurden die Korrekturen der typographischen Fehler anhand der Erstausgabe im Albert Langen Verlag, München, 1903 überprüft (Der niegeküßte Mund und Hilperich). Die Verlagswerbung wurde am Ende des Buchs gesammelt.
p 011: Komma ergänzt: glänzenden, gefährlichen p 013: Freundes empor, der ihm um zwei Kopflängen -> ihn p 017: Drittel Kapitel -> Drittes p 037: erwiderte der Lerhre -> Lehrer p 053: dagegewesen -> dagewesen p 071: Dinkeslbühler -> Dinkelsbühler p 071: Der Lehrer entgegenete nichts darauf. -> entgegnete p 103: Zustand des Zweifelsund -> Zweifels und p 140: Punkt ergänzt: Scherben eines Spiegels. p 157: Gustav af Geijerstam -> Gustaf ]
[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the edition published in 1911 as part of the series "Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane". The table below lists all corrections applied to the original text. Where available, the corrections have been cross-checked with the first print of "Der niegeküßte Mund" and "Hilperich" published at Albert Langen Verlag, München, 1903. The publisher’s advertisements have been collected at the end of the book.
p 011: added comma: glänzenden, gefährlichen p 013: Freundes empor, der ihm um zwei Kopflängen -> ihn p 017: Drittel Kapitel -> Drittes p 037: erwiderte der Lerhre -> Lehrer p 053: dagegewesen -> dagewesen p 071: Dinkeslbühler -> Dinkelsbühler p 071: Der Lehrer entgegenete nichts darauf. -> entgegnete p 103: Zustand des Zweifelsund -> Zweifels und p 140: added period: Scherben eines Spiegels. p 157: Gustav af Geijerstam -> Gustaf ]