Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen
Chapter 10
Jetzt muß ich aber etwas Neues erzählen, denn viel Verwirrendes drängt sich vor mir. Damit ich jedoch nicht vergesse, will ich erwähnen, daß ich an jenem Abend vor meines Vaters Haus den Mittelmann traf (den dünnen Mann mit der roten Krawatte) der mir eine Viertelstunde lang Unsinn vorschwatzte. Er tat so, als sei er wohl Hilperichs Kind, doch enthalte man ihm dies Recht vor. Darüber schwatzte der Arme wie ein Besessener; später erzählte mir mein Vater, daß dies Mittelmanns fixe Idee sei, mit der er seit Jahren durch alle Kneipen hausieren gehe. Oder glaubst du, daß einer, den ich gemacht, so aussieht? fuhr mich mein Vater grob an, stieß mich mit dem Zeigefinger vor die Stirn, lachte aber sogleich in seiner keuchenden Weise.
Es war an einem Oktoberabend, kaum eine Woche nach jenem Brieftag, und ich hatte meine Arbeit eben beendigt, da kam jenes junge Mädchen zur Tür herein, welches mir damals an der Treppe begegnet war. Mit allen Zeichen der Bestürzung und Eile ging sie auf meinen Vater zu und flüsterte etwas. Der alte Mann warf den Kopf zurück und blickte mit einem drohenden Ausdruck ins Leere. Darauf schielte er mich boshaft und finster von der Seite an und befahl mir durch eine Gebärde, zu gehen. Bevor ich aber noch meinen Hut ergriffen, hatte mein Vater eine der Türen geöffnet, die aus seinem verwahrlosten Schlafgemach in ein mir bisher unbekanntes Zimmer führte. Dorthin sah ich nun die beiden gehen, und mein Blick erhaschte zugleich gierig den fremden Raum, den mein Vater nie betreten hatte, während ich zugegen war. Ich gewahrte nun ein kleines Boudoir, das meinen unverwöhnten Augen einen fürstlichen Prunk zeigte. Aber es schien mir zugleich wohnlich und warm drinnen, und als ich auf der Straße war, empfand ich eine Begierde nach diesem Gemach wie nach einem verbotenen, verzauberten Garten.
Die kurze Szene, kaum der Rede wert für einen Unbeteiligten, hatte trotzdem tiefen Eindruck auf mich gemacht. Zu Hause fand ich Bianca Spinola, welche zum Essen blieb und den ganzen Abend bei uns verbrachte; meine Mutter war bei trefflicher Laune; ich blieb schweigsam und nachdenklich. Ich mußte fortwährend an das junge Fräulein denken, und das nicht vielleicht mit den Gedanken von Mann zu Weib. Es war so, daß sie vor meinem inneren Auge nicht entwich und ich mich quälte, zu ergründen, was mir an ihr, seltsam genug, ein für alle mal unergründlich schien. Noch jetzt, wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihren graziösen, müden Gang. (Sie ging, als ob sie wüßte: so wie ich muß man gehen, aber wer wird darauf achten?) Ihre Verachtung der Welt schien groß, aber kindlich. Sie hatte etwas Bemitleidenswertes und zugleich Damenhaftes, etwas Wiegendes und Achtloses. Ihre Augen, voll Trauer und Ironie, zeigten zwei reine Augensterne wie schöne braune Perlen in gefrorener Milch.
So schwebt sie mir vor, und was ich weiterhin erfuhr, erhorchte und herausspionierte, will ich hier gleich sagen. Nicht nur als neugieriger Tor wollte ich wissen, sondern was meinen Vater anging, ich nahm es immer stärker wahr, betraf mich tief. Um seiner würdig zu werden, hatte ich mich in den letzten Monaten mit einem bunten Studieren abgegeben. Auf eigne Faust lernte ich fremde Sprachen, trieb allerlei Wissenschaft, ohne Plan und Kraft, aber mit mehr Erfolg, als man bei einem Menschen wie mir vermuten sollte. Doch die größte Ausdauer zeigte ich bei der Erforschung des Verhältnisses zwischen meinem Vater und Henriette, eben jenem Mädchen, das ich bei ihm und vorher schon im Korridor gesehen hatte. Den leisen Andeutungen entnahm ich Wissenswertes; Ohr und Auge waren geschärft und einmal, gleichsam als Belohnung kam es zwischen mir und meinem Vater zu einer wirklichen Plauderstunde. Er hatte Zutrauen zu mir gefaßt; das wußte ich, oder ich weiß es jetzt; denn damals gab ich mir nicht Rechenschaft über die Dinge, sondern nahm sie nur mit Glut in mich auf.
Eine flüchtige Leidenschaft hatte die Ehe meines Vaters geknüpft. Den damals schon Sechsundfünfzigjährigen hatte eine kühle und elegante Dame rasch entflammt. Doch bald bröckelte aller Schmuck von jener Frau ab wie von einer schlecht getünchten Wand. Sie war zäh in ihrem Dünkel und besaß eine unverwüstliche Einfalt. Ein bösartiges Schaf und doch wollte sie herrschen, sagte mein Vater unverhohlen von ihr. Er selbst war für die Ehe wie Feuer für Stroh; nach drei Jahren führten die Unverträglichkeiten zum Bruch, und die Frau ergab sich den Pfaffen. Mein Vater führte sein Leben weiter, ungestümer noch, als ob ihn der Ehekampf erregt hätte, aber eines war, das ihn sogar der Frau verpflichtete: Henriette. Er liebte diese Tochter mit der ganzen unbeschreiblichen Gewalt seines Temperamentes, und wenn ich es recht bedenke, war es etwa so, daß man sein Gefühl für Henriette und das für seine übrigen Kinder in die zwei Schalen einer Wage legen konnte, und jenes einzige wäre schwerer gewesen als die andern alle. Auch mich liebte der Alte, auch den blonden Ingenieur, den ich kannte, auch die drei Töchter aus Prag, wie er sie hieß, auch den überseeischen Kapitän oder den hübschen lebhaften Studenten, der einer Frühlingsliebe am Meer entstammte, aber wir alle waren gegen Henriette wie blasse Sterne gegen den Mond. Wie wunderlich, daß aus der einzigen Verbindung, die sich in Alltäglichkeit und Haß verlor, sein Liebstes kam.
Da er ihre Erziehung nur bis zum dritten Lebensjahr überwachen konnte und das Kind der Frau verbleiben mußte, hatte in der ersten Trennungszeit seine väterliche Sorge alle andern Interessen vertilgt. Er konnte nicht täglich das Haus einer Verabscheuten betreten, welche ihrerseits das nicht sehr geliebte Kind dem Wüstling, wie sie seinen Vater nannte, entfremden wollte. Der Vater bestach die Dienstboten, ja er wußte es durchzusetzen, daß eine ihm ergebene Person das Mädchen völlig in ihre Obhut bekam. Diese würdige Frau Jakobea führte Tag für Tag Henriette in die Wohnung ihres Vaters.
Tag für Tag also, seit zwölf Jahren, hatte mein Vater eine paradiesische Stunde in dem kleinen Gemach, das nur für ihn und Henriette war, und welches gemütlich und heimlich auszustatten er nicht müde wurde. Kein Kunstgegenstand war ihm zu teuer, um dieses oder jenes Eck zu schmücken, und mit Geschmack und Phantasie begabt, gestaltete er diesen Raum zu einem Werk gleich einem Künstler, der aus Sehnsucht nach Vollkommenheit seine letzte Arbeit bis ans Grab schleppt. In den Kinderjahren Henriettes spielte der alte Mann mit ihr und vergaß Zeit, Arbeit und Vergnügen darüber. Das frühkluge Mädchen fand selbst dem Spiel gegenüber eine Überlegenheit, welche komisch und reizvoll wirkte. Wenn auch nichts Starkes in ihr war, so doch etwas Sanftes, im Sanften Tüchtiges (da sie doch wußte, wie angenehm es war, sanft zu sein). Indem sie das Spiel beiseite schob, spielte sie, aber schon frühe wußte sie aus Klugheit für Ernstes ernst zu bleiben. Ihr Vater wollte sie aus den Reihen des Geschlechts erheben, wollte sie gleichsam mit Weisheit und Voraussicht kränzen, eben mehr zu Schmuck als zu Nutzen. Er selbst, in allen Künsten der Verführung Meister, wollte sie vielleicht auch gegen einen jüngeren Hilperich schützen. Ich erfuhr späterhin, daß er schon in ihrem zehnten Jahr den Storch aus ihrer Phantasie vertrieb, daß er ihr langsam, mit Nachdruck und Würde das Menschlichste nahe brachte. Nichts Verschleiertes also gab es mehr; er gedachte sie zu ehren durch Vertrauen und zu beruhigen durch Wissen. Schon mit dreizehn Jahren kam Henriette allein, und schwer ist es zu sagen, was _sie_ im tiefen Grund des Herzens zum Vater trieb. Er saß stets lange vor ihrem Kommen im Henriettenzimmer und wartete wie auf eine Geliebte. Sie kam, erregt durch die Heimlichkeit ihres Besuches (ach, das hatte mein Vater nicht ermessen!), lächelte, plauderte, fragte und urteilte, war plötzlich müde und verstimmt, kopfhängerisch und von entzückendem Pessimismus. So wuchs sie heran und teilte sich zwischen dem Haus des Vaters und der Mutter. Ihr ganzes Wesen wurde so entzwei geschnitten.
Das Ende des Jahres nahte heran. Zu Weihnachten schenkte mir mein Vater einen wundervollen spanischen Mantel, den er einst in Sevilla gekauft. Er war mit roter Seide gefüttert und aus dem kostbarsten schwarzen Tuch gefertigt, das ich je gesehen; wenn man ihn auf die Erde breitete, war er so groß wie ein Zeltdach. Als ich mit diesem Geschenk freudestrahlend durch das Vorzimmer ging, stürzte Mittelmann auf mich los, der noch immer irgendwo da herumlungerte. Mit kreideweißem Gesicht stellte er atemlose Fragen an mich, ob er etwas geschenkt bekomme, was es sei und wie es aussehe. Ich war sehr unfreundlich gegen ihn, aber ich hätte es vielleicht nicht sein sollen. Der arme Mensch war immer hungrig und machte der alten Bedienerin den Hof, um ein paar Bissen zu ergattern. Dabei ging er mit seinen Sohnesansprüchen an Hilperich umher wie mit einem sicheren Kapital, und was ihn in seinem Glauben so befestigte, war nur das Gewäsch eines Anverwandten, der einst im Hilperichschen Hause Aufwärter gewesen war.
Mein Vater ging in diesen Tagen mit einer festlichen geheimnisvollen Miene herum. Er diktierte mir einen Aufsatz, der den merkwürdigen Titel führte: »Die Erziehung zur Liebe«, und von dem ich nicht das mindeste verstand. Zwei Tage vor Neujahr wurden wir fertig. Es war schon dunkel, mein Vater stand lange Zeit am Fenster und blickte auf die schneeblaue Straße. Plötzlich wandte er sich heftig um und fragte scharf: Na, willst du kommen? Ich wußte nicht, was er meinte, und blieb still. Er stampfte zornig auf den Boden, lachte verächtlich, doch bald wurde er sanft und streichelte mir die Wangen. Ich hatte dabei meist ein schüchternes, fast furchtsames Gefühl; denn wenn er liebevoll tat, war er oft gefährlich. Doch erklärte er mir kichernd, daß es am Sylvesterabend »etwas gäbe«, und damit mußte ich zufrieden sein.
Am folgenden Abend zog ich meine besten Kleider an und war voll Erwartung. Jedenfalls ist Henriette da, dachte ich mir; denn ich wußte, daß ihre Mutter sich seit Wochen in einem Kloster aufhielt und das junge Mädchen die ohnehin gewohnte Freiheit so in noch höherem Maße genoß. Ich sah in Henriette durchaus keine Schwester, eher eine ganz Fremde, aber liebe Fremde.
Als ich hinkam, war Henriette schon da, auch eine alte, vornehme Dame mit glatten, silberweißen Haaren, die in einem Lehnstuhl saß und mich spöttisch anlächelte. Mein Vater schalt mich, weil ich zu spät gekommen. Ich schämte mich, denn ich hatte es für sehr vornehm gehalten. Stolz und vornehm war ich mit meinem spanischen Mantel durch die Straßen geschritten.
Wir saßen im Henriettenzimmer, und ich wagte mich kaum zu bewegen, so sehr gefiel mir alles, was ich erblickte. Herrliche Teller und Gläser schmückten den weißen Tisch; von der Decke hing ein zwölfarmiger Leuchter herab, ganz von Gold, wenigstens schien es mir so. Die Fenster waren mit dunkelblauem Stoff verhängt, und an den Wänden hingen die schönsten Bilder. Henriette trug ein einfaches, blaues Kleid, und ihr Gesicht hatte etwas Geplagtes. Sie sprach wenig, aber immer sehr betont und aufmerksam, und die alte Dame, deren schwarzseidenes Kleid beständig knisterte, weil sie so belebt war, schien voller Liebe gegen sie. Ich glaube, daß sie eine sehr vornehme Person war; weder damals noch später erfuhr ich ihren Namen. Aber was sie auch sein mochte, ihr gewinnendes Wesen ließ mir jedes heimliche Forschen frevelhaft erscheinen. Sie duzte meinen Vater, wie er sie, und eine lange Vertraulichkeit, viel Zusammenerleben mußten es sein, die einen so herzlichen Ton geschaffen hatten, wie er unter ihnen bestand.
Während des Essens erhob sich mein Vater zu einem Trinkspruch. Ich erinnere mich heute nicht mehr an seine Worte. Damals schien es mir hinreißend, ihn so zu hören, und mein Blick, der auf ihn gerichtet war, zitterte förmlich. Er sprach zu uns von seinem Leben, von dem was untergeht und was bleibt, Erinnerungen, die wie Schiffe am Horizont vorbeizogen, – und eines ist mir unvergeßlich. Er sagte: Wenn ich einmal alt sein werde ... Er war im Oktober dreiundsiebzig geworden. Er dachte so wenig an den Tod wie ein Knabe.
Als er geendet hatte, stand Henriette auf, beugte sich zu ihm und küßte ihn auf die Nasenspitze. Das war ihre Art etwas Scherzhaftes mußte dabei sein. Die alte Dame klatschte in die Hände. Mit einem kindlichen, fast mädchenhaften Lachen ergriff sie das Glas und sagte, indem ihre Augen tief und warm strahlten: Mein unsterblicher Hilperich soll leben. Wer sie und Henriette zusammen sah, den mochten wohl sonderbare Gedanken über Jugend und Alter gefangen nehmen.
Mein Vater wurde immer aufgeräumter. Er stieß mich in die Seite, drohte mir mit Prügeln, wenn ich fortführe, so schweigsam zu sein. Henriette antwortete etwas zu meiner Entschuldigung, was mir sehr verständig vorkam. Überhaupt fand ich ihren Verstand immer bewundernswerter. Über alles ringsumher schien sie sich spielerisch klar zu werden. Dennoch sah ich Unruhe in ihren Augen.
Wie lang ist es eigentlich her, daß wir uns schon kennen? fragte die alte Dame in träumerischer Erinnerung.
Mein Vater wiegte den Kopf. Lange, lange, erwiderte er und tat einen tiefen Schluck aus dem Glase.
Ich glaube, es war an dem Tage, da Goethe starb, fuhr sie fort und lächelte. Mich durchzuckte es wunderbar, und ihr Seufzen kam mir lieblich vor, womit sie weiterredete, (indem sie einen Blick auf Henriette heftete): So blühen die Jungen auf und werden den Alten teuer. Was wirst du tun, wenn Henriette heiratet? fragte sie und blinzelte dabei schalkhaft.
Sie heiratet nicht, entgegnete der Greis kurz. Oder nicht sobald, fügte er hinzu, indem er das Ohr bis auf die Schulter senkte; heiraten ist ein Unfug.
Gut. Sie ist ja auch noch jung. Aber schließlich, Weib ist Weib. Nicht wahr? Die alte Dame zeigte ihre weißen Zähne und ließ den Blick naiv fragend von einem zum andern gehen. Dann lachte sie und fuhr heiter fort: Alle schreien wir: nie, und auf einmal sagen wir ganz leise Ja. Gut, Heirat hin oder her, aber – ihr Blick wurde plötzlich versonnen – nimm an, man verführt sie dir. Wie? Nun ja, das ist schon dagewesen. Du, der Freidenkende, was wirst du tun?
Henriette lachte mit gesenkten Augen kurz vor sich hin. Mein Vater kniff die Lippen zusammen und erwiderte mit einem unbestimmt jovialen Ausdruck und mit weinglänzenden Augen: Das ist plausibel; ich sag ihr: Gehe hin, was du verdienst ist dein Gewinn. Nachdem er dies gesagt hatte, stand er so heftig auf, daß der Stuhl hinter ihm zur Erde fiel, schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte oder kreischte: Ich würde sie zum Fenster hinunter werfen.
Henriette erhob sich, gänzlich blaß, ging zum Kamin und hielt wie frierend die Hände dagegen. Mein Vater folgte ihr, klopfte mit der flachen Hand auf ihren Rücken, lachte, setzte sich und nahm sie auf sein Knie. Sie hielt aber die Augen geschlossen.
Da die Glocken zu läuten anfingen, erhob sich auch die alte Dame vom Tisch, öffnete ein Fenster, so daß man nun die Glockenschläge dröhnend und deutlich von allen Seiten vernahm. Der kalte Winter dampfte herein, und Leute schrien auf der Gasse. Die alte Dame blickte andächtig gegen den Himmel, und ich blieb sitzen wie ein Vergessener.
Noch im Traum in der Nacht sah ich die wohlwollende alte Dame, die vielleicht gegen keinen Menschen Böses hegte; meinen Vater, von Lebenskraft und -Größe erfüllt wie einen Gott des Altertums; Henriette, unentschieden, graziös und fatalistisch kühl. Es war mir einen Augenblick im Traum, sonderbar, als übe sie nur Nachsicht mit meinem Vater, ihrem Vater, beuge sich dennoch gütig unter seiner Liebe.
Den Neujahrstag verbrachte ich mit der Mutter, und als ich am nächsten Tag zu meinem Vater kam, fand ich ihn unruhig und finster. Er begrüßte mich kaum, sagte, es sei nichts los heute. Ohne Arges zu denken, ging ich wieder. Am nächsten Tag erklärte mir die Bedienerin, der Herr Rat sei nach Z. gegangen. Mich erstaunte das; er konnte dort nur das Kloster besuchen, in welchem seine Frau war. Vor dem Hause lungerte Mittelmann herum. Ohne weiteres erklärte er mir in seiner singenden, hastigen Redeweise, daß Henriette verschwunden sei. Der einzelnen Ausdrücke erinnere ich mich nicht mehr, die das dünne Männlein gebrauchte, aber mir wurde der Kopf heiß.
Den Tag darauf war ich nicht wenig überrascht, meinen Vater und Mittelmann miteinander Schach spielen zu sehen. Ich wagte nicht zu reden, nicht zu fragen, setzte mich und sah zu. Das Gesicht meines Vaters war verändert wie ein laubreicher Baum nach einer Orkannacht. Aber mit ruhiger Hand schob er die Figuren, ohne den Blick vom Brett zu erheben. Seine weißen Wimpern schienen schwer. Er verlor die Partie; Mittelmann grinste entzückt, als ihm mein Vater verächtlich einen Gulden hinwarf, und ohne von meiner Anwesenheit Notiz zu nehmen, begannen sie eine neue Partie. Plötzlich aber stieß mein Vater das Tischchen mit dem Fuße um, und von dem Getöse erschreckt, flüchtete Mittelmann in eine Ecke. Mit schweren Schritten ging mein Vater auf und ab, dann ergriff er nacheinander die Stehuhr, die Lampe, eine Wasserkaraffe, den Handspiegel und seine Waschschüssel und warf sie mit voller Wucht gegen die Dielen. Sein Gesicht war blau, die Adern an der Stirn und an den Händen wie Stricke geschwollen; so ging er auf mich Zitternden zu, packte mich beim Kragen, schüttelte mich mit riesiger Kraft wie eine Puppe und schrie hohl krächzend: Wo ist sie? Wer hat sie verführt? Wo ist sie? Schaff sie mir her, Lumpenhund! Dann ließ er ab von mir, öffnete das Fenster, wie um Luft zu schöpfen, und stieß einen langen, tiefen Seufzer aus, der wie das Geheul eines Hundes klang. Die Bedienerin war aus der Küche gekommen und betrachtete schweigend und erschrocken das Bild der Verwüstung.
Wie ich heim kam, wie ich die Nacht verbrachte, was in meinen Gedanken vorging, das weiß ich nicht mehr. Ich säumte nicht, am folgenden Tag wieder zu meinem Vater zu gehen; wie gestern fand ich ihn mit Mittelmann Schach spielend. Wie gestern beachtete er mich nicht, und ich sah geduldig zu. Der Abend kam, und es geschah nichts. Fast wäre ich froh gewesen um einen Ausbruch seines Zorns. Aber er saß still und in sich gekehrt. Alle Tage ging ich hin, wartete, trauerte. Immer fand ich ihn mit Mittelmann beim Schach und hie und da beim Domino. Zu arbeiten gab es nichts für mich; ich haßte und verwünschte das Schachspiel und das andere Spiel, verwünschte Mittelmann in meinem Herzen. Was mein Vater auch sagen mochte, Mittelmann wiederholte es wie ein lästiges Echo, auch wenn es eine Beschimpfung war, die ihm selbst galt. Seine Körperhaltung zeigte die tiefste Unterwürfigkeit, aber zugleich die Unruhe eines Kobolds. Wenn eine Partie für ihn schlecht stand, hüpfte er auf seinem Sitz, wiegte sich aufgeregt hin und her, steckte die dünnen Fingerchen in den Mund, murmelte sinnlose Worte, fuhr förmlich wehklagend mit der Hand über die Stirn, und wenn er keine Rettung mehr sah, zeigte sein Gesicht einen Ausdruck geisterhafter Frechheit. Dies schien meinem Vater zu behagen und ihn zu erwärmen.
Die Ungeduld, zu wissen, verzehrte mich. Ich dachte mich an Mittelmann zu halten, der doch beständig um meinen Vater war. Ich hatte erfahren, daß er ein Zeitungsreporter war, und glaubte, einen guten Spion an ihm zu haben. Ich nahm ihn mit in ein Wirtshaus und ließ ihm Speisen, Wein und Bier vorsetzen. Zwei Stunden hindurch aß er, ohne daß in seinem Munde Raum für ein überflüssiges Wort verblieb. Mich erbarmte seiner, wie er mit vollen Backen stammelte oder glückselig auf die heißen Kartoffeln blies. Ich ließ es also dabei bewendet sein und begriff, daß Mittelmann meinem Vater nichts anderes war, denn ein Haustier, ein folgsamer Hund, der sprechende Hund. Er brauchte ihn nur, um für sein düsteres Schweigen ein Ohr zu haben.
Henriette war fort; sie hatte sich einem an den Hals geworfen, und war Gott weiß wohin gegangen, ohne Wort noch Zeichen. Mehr wußte ich nicht und konnte nichts sonst erfahren. Für meinen Vater war ich wie Luft. Warum, das weiß ich selber nicht. Oft stieg es mir bitter auf: hat er ihr das Blut vererbt, so vielleicht auch die Tat; aber es zu sagen, hütete ich mich wohl.
An einem wunderschönen, sonnigen Nachmittag kam ich hin und fand Bianca Spinola in seiner Schlafstube. Das Henriettenzimmer war zugeschlossen, war seit dem Neujahrstag nicht mehr betreten worden. Ja, sogar die leeren Teller und Flaschen standen noch auf dem Tisch, wie mir Bianca später erzählte. Die Bedienerin war am Feiertag über Land gefahren, und schon am Abend war das Unheil geahnt und mein Vater hatte die Türen versperrt.
Bianca war also da. Mein Vater lag auf seinem mageren Bett, und sie saß am Fußende und hielt ein Buch in den Händen, aus welchem sie Verse ihrer Heimatsprache vorlas. Mein Vater sah mich fremd und unwillig an, schloß aber gleich wieder die Augen, um weiter zu lauschen. Nie habe ich ein schöneres Bild gesehen; das schlanke heitere Mädchen mit den tintenschwarzen Haaren und den regungslos hingestreckten Greis und die helle Februarsonne im Zimmer und dazu wie Musik die italienischen Worte. Ich entfernte mich auf Zehen. In dem kühlen Vorzimmer schlief auf einem Stuhl fahl und zusammengesunken der wunderliche Mittelmann.
Am Abend erzählte mir Bianca etwas Schreckliches. Ihrem welschen Gerede entnahm ich nur, daß mein Vater jetzt herumging und sich vor dem Sterben fürchtete. Er! Sie habe ihn beobachtet, sagte Bianca, auch habe er gesprochen. Die Phantasie des jungen Mädchens war wie durch Gespenster erschüttert. Ich glaubte ihr nicht. Meine Mutter lachte sogar darüber.
Mit bangem Sinn trat ich das nächste Mal den mir so vertrauten Weg in die alte Gasse an. Mein Vater war allein. Er saß am Fenster und starrte vor sich hin. Mit schüchternen Worten suchte ich ihn zu einem Spaziergang zu bewegen. Er verzog die Lippen verächtlich und erwiderte nichts. Ich begriff meinen Vater, begriff seine Einsamkeit. Als es dunkelte, wollte ich gehen; jedoch er hielt mich zurück mit einem Gebaren, das ich noch nicht an ihm bemerkt hatte. Er wurde sanft, seine Stimme klang weich und wie zerbrochen; er bat mich, die Lampe anzuzünden, und als dies geschehen war, wurde er sichtlich ruhiger. Er sagte, er wollte nicht mehr diktieren, ihm sei das zu mühsam, er wollte sich überhaupt um all die Geschichten nicht mehr kümmern. Zum erstenmal wagte ich es, von Henriette zu sprechen. Er sah mich groß an und schüttelte den Kopf. Das Frauenzimmer hat jetzt mehr Pläsier von der Welt als von mir, sagte er und kicherte zynisch vor sich hin. Ich wußte keine Antwort, verbarg meine Überraschung. Wieder wollte ich aufbrechen, denn ich fürchtete ihn zu stören. Er nahm meine Hand zwischen seine beiden, hielt sie fest und sagte, ich sollte warten, bis er im Bette sei. Dann nahm er eine Kerze, öffnete die Tür zu dem großen Zimmer, leuchtete hinein, ging mit schlürfenden Schritten dem Licht förmlich nach, spähte in alle Ecken, spähte auch in den Flur hinaus, wobei er kurz auflachte, wie um irgend einen Lauerer aufzustören, und ich saß da, schaudernd und von neuem begreifend.
Man darf es nicht wagen, sagte er zurückkommend und schielte mich von der Seite an. Man ist nirgends sicher. Wenn du die Treppe hinuntergehst, kannst du dir das Genick brechen, mein Söhnchen. Überall wartet etwas auf dich, und was du verlachst, kann dein Verderben sein.
Er entkleidete sich mit Hast, warf sich auf das Bett und seufzte. Jetzt kannst du gehen, brummte er mürrisch, aber sieh zu, daß das Schloß einklappt.
Ich ging. Es war schon späte Nacht. Ich irrte herum und kam bis in die Vorstädte.