Der Neuen Gedichte: Anderer Teil

Part 3

Chapter 33,682 wordsPublic domain

nicht mehr spielend gegen irgendwen, nein: die blutigen Nackenhaken hissend hinter den gefällten Hörnern, wissend und von Ewigkeit her gegen den,

der in Gold und mauver Rosaseide plötzlich umkehrt und, wie einen Schwärm Bienen und als ob er's eben leide, den Bestürzten unter seinem Arm

durchläßt,--während seine Blicke heiß sich noch einmal heben, leichtgelenkt, und als schlüge draußen jener Kreis sich aus ihrem Glanz und Dunkel nieder und aus jedem Schlagen seiner Lider,

ehe er gleichmütig, ungehässig, an sich selbst gelehnt, gelassen, lässig in die wiederhergerollte große Woge über dem verlornen Stoße seinen Degen beinah sanft versenkt.

DON JUANS KINDHEIT

In seiner Schlankheit war, schon fast entscheidend, der Bogen, der an Frauen nicht zerbricht; und manchmal, seine Stirne nicht mehr meidend, ging eine Neigung durch sein Angesicht

zu einer, die vorüberkam, zu einer, die ihm ein fremdes altes Bild verschloß: er lächelte. Er war nicht mehr der Weiner, der sich ins Dunkel trug und sich vergoß.

Und während ein ganz neues Selbstvertrauen ihn öfter tröstete und fast verzog, ertrug er ernst den ganzen Blick der Frauen, der ihn bewunderte und ihn bewog.

DON JUANS AUSWAHL

Und der Engel trat ihn an: Bereite dich mir ganz. Und da ist mein Gebot. Denn daß einer jene überschreite, die die Süßesten an ihrer Seite bitter machen, tut mir not. Zwar auch du kannst wenig besser lieben, (unterbrich mich nicht: du irrst), doch du glühest, und es steht geschrieben, daß du viele führen wirst zu der Einsamkeit, die diesen tiefen Eingang hat. Laß ein die, die ich dir zugewiesen, daß sie wachsend Heloïsen überstehn und Überschrein.

SANKT GEORG

Und sie hatte ihn die ganze Nacht angerufen, hingekniet, die schwache wache Jungfrau: Siehe, dieser Drache, und ich weiß es nicht, warum er wacht.

Und da brach er aus dem Morgengraun auf dem Falben, strahlend Helm und Haubert, und er sah sie, traurig und verzaubert aus dem Knieen aufwärtsschaun

zu dem Glänze, der er war. Und er sprengte glänzend längs der Länder abwärts mit erhobnem Doppelhänder in die offene Gefahr,

viel zu furchtbar, aber doch erfleht. Und sie kniete knieender, die Hände fester faltend, daß er sie bestände; denn sie wußte nicht, daß der besteht,

den ihr Herz, ihr reines und bereites, aus dem Licht des göttlichen Geleites niederreißt. Zu Seiten seines Streites stand, wie Türme stehen, ihr Gebet.

DAME AUF EINEM BALKON

Plötzlich tritt sie, in den Wind gehüllt, licht in Lichtes, wie herausgegriffen, während jetzt die Stube wie geschliffen hinter ihr die Türe füllt

dunkel wie der Grund einer Kamee, die ein Schimmern durchläßt durch die Ränder; und du meinst, der Abend war nicht, ehe sie heraustrat, um auf das Geländer

noch ein wenig von sich fortzulegen, noch die Hände,--um ganz leicht zu sein: wie dem Himmel von den Häuserreihn hingereicht, von allem zu bewegen.

BEGEGNUNG IN DER KASTANIEN-ALLEE

Ihm ward des Eingangs grüne Dunkelheit kühl wie ein Seidenmantel umgegeben, den er noch nahm und ordnete: als eben am andern transparenten Ende, weit,

aus grüner Sonne, wie aus grünen Scheiben, weiß eine einzelne Gestalt aufleuchtete, um lange fern zu bleiben und schließlich, von dem Lichterniedertreiben bei jedem Schritte überwallt,

ein helles Wechseln auf sich herzutragen, das scheu im Blond nach hinten lief. Aber auf einmal war der Schatten tief, und nahe Augen lagen aufgeschlagen

in einem neuen deutlichen Gesicht, das wie in einem Bildnis verweilte in dem Moment, da man sich wieder teilte: erst war es immer, und dann war es nicht.

DIE SCHWESTERN

Sieh, wie sie dieselben Möglichkeiten anders an sich tragen und verstehn, so als sähe man verschiedne Zeiten durch zwei gleiche Zimmer gehn.

Jede meint die andere zu stützen, während sie doch müde an ihr ruht; und sie können nicht einander nützen, denn sie legen Blut auf Blut,

wenn sie sich wie früher sanft berühren und versuchen, die Allee entlang sich geführt zu fühlen und zu führen: ach, sie haben nicht denselben Gang.

ÜBUNG AM KLAVIER

Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde; sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid und legte in die triftige Etüde die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,

die kommen konnte morgen, heute abend, die vielleicht da war, die man nur verbarg; und vor den Fenstern, hoch und alles habend, empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.

Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte die Hände, wünschte sich ein langes Buch und schob auf einmal den Jasmingeruch erzürnt zurück. Sie fand, daß er sie kränkte.

DIE LIEBENDE

Das ist mein Fenster. Eben bin ich so sanft erwacht. Ich dachte, ich würde schweben. Bis wohin reicht mein Leben, und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alles wäre noch ich ringsum; durchsichtig wie eines Kristalles Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sterne fassen in mir; so groß scheint mir mein Herz; so gerne ließ es ihn wieder los,

den ich vielleicht zu lieben, vielleicht zu halten begann. Fremd wie niebeschrieben sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese Unendlichkeit gelegt, duftend wie eine Wiese, hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange, daß einer den Ruf vernimmt, und zum Untergange in einem andern bestimmt.

DAS ROSENINNERE

Wo ist zu diesem Innen ein Außen? Auf welches Weh legt man solches Linnen? Welche Himmel spiegeln sich drinnen in dem Binnensee dieser offenen Rosen, dieser sorglosen, sieh: wie sie lose im Losen liegen, als könnte nie eine zitternde Hand sie verschütten. Sie können sich selber kaum halten; viele ließen sich überfüllen und fließen über von Innenraum in die Tage, die immer voller und voller sich schließen, bis der ganze Sommer ein Zimmer wird, ein Zimmer in einem Traum.

DAMEN-BILDNIS AUS DEN ACHTZIGER JAHREN

Wartend stand sie an den schwergerafften dunklen Atlasdraperien, die ein Aufwand falscher Leidenschaften über ihr zu ballen schien;

seit den noch so nahen Mädchenjahren wie mit einer anderen vertauscht: müde unter den getürmten Haaren, in den Rüschen-Roben unerfahren und von allen Falten wie belauscht

bei dem Heimweh und dem schwachen Planen, wie das Leben weiter werden soll: anders, wirklicher, wie in Romanen, hingerissen und verhängnisvoll,--

daß man etwas erst in die Schatullen legen dürfte, um sich im Geruch von Erinnerungen einzulullen; daß man endlich in dem Tagebuch

einen Anfang fände, der nicht schon unterm Schreiben sinnlos wird und Lüge, und ein Blatt von einer Rose trüge in dem schweren leeren Medaillon,

welches liegt auf jedem Atemzug. Daß man einmal durch das Fenster winkte diese schlanke Hand, die neuberingte, hätte dran für Monate genug.

DAME VOR DEM SPIEGEL

Wie in einem Schlaftrunk Spezerein, löst sie leise in dem flüssigklaren Spiegel ihr ermüdetes Gebaren; und sie tut ihr Lächeln ganz hinein.

Und sie wartet, daß die Flüssigkeit davon steigt; dann gießt sie ihre Haare in den Spiegel und, die wunderbare Schulter hebend aus dem Abendkleid,

trinkt sie still aus ihrem Bild. Sie trinkt, was ein Liebender im Taumel tränke, prüfend, voller Mißtraun; und sie winkt

erst der Zofe, wenn sie auf dem Grunde ihres Spiegels Lichter findet, Schränke und das Trübe einer späten Stunde.

DIE GREISIN

Weiße Freundinnen mitten im Heute lachen und horchen und planen für morgen abseits erwägen gelassene Leute langsam ihre besonderen Sorgen,

das Warum und das Wann und das Wie, und man hört sie sagen: Ich glaube--; aber in ihrer Spitzenhaube ist sie sicher, als wüßte sie,

daß sie sich irren, diese und alle. Und das Kinn, im Niederfalle, lehnt sich an die weiße Koralle, die den Schal zur Stirne stimmt.

Einmal aber, bei einem Gelache, holt sie aus springenden Lidern zwei wache Blicke und zeigt diese harte Sache, wie man aus einem geheimen Fache schöne ererbte Steine nimmt.

DAS BETT

Laß sie meinen, daß sich in privater Wehmut löst, was einer dort bestritt. Nirgend sonst als da ist ein Theater; reiß den hohen Vorhang fort--; da tritt

vor den Chor der Nächte, der begann ein unendlich breites Lied zu sagen, jene Stunde auf, bei der sie lagen, und zerreißt ihr Kleid und klagt sich an,

um der andern, um der Stunde willen, die sich wehrt und wälzt im Hintergrunde; denn sie konnte sie mit sich nicht stillen. Aber da sie zu der fremden Stunde

sich gebeugt: da war auf ihr, was sie am Geliebten einst gefunden, nur so drohend und so groß verbunden und entzogen wie in einem Tier.

DER FREMDE

Ohne Sorgfalt, was die Nächsten dächten, die er müde nicht mehr fragen hieß, ging er wieder fort; verlor, verließ--. Denn er hing an solchen Reisenächten

anders als an jeder Liebesnacht. Wunderbare hatte er durchwacht, die mit starken Sternen überzogen enge Fernen auseinanderbogen und sich wandelten wie eine Schlacht;

andre, die mit in den Mond gestreuten Dörfern, wie mit hingehaltnen Beuten, sich ergaben, oder durch geschonte Parke graue Edelsitze zeigten, die er gerne in dem hingeneigten Haupte einen Augenblick bewohnte, tiefer wissend, daß man nirgends bleibt; und schon sah er bei dem nächsten Biegen wieder Wege, Brücken, Länder liegen bis an Städte, die man übertreibt.

Und dies alles immer unbegehrend hinzulassen, schien ihm mehr als seines Lebens Lust, Besitz und Ruhm. Doch auf fremden Plätzen war ihm eines täglich ausgetretnen Brunnensteines Mulde manchmal wie ein Eigentum.

DIE ANFAHRT

War in des Wagens Wendung dieser Schwung? War er im Blick, mit dem man die barocken Engelfiguren, die bei blauen Glocken im Felde standen voll Erinnerung,

annahm und hielt und wieder ließ, bevor der Schloßpark schließend um die Fahrt sich drängte, an die er streifte, die er überhängte und plötzlich freigab: denn da war das Tor,

das nun, als hätte es sie angerufen, die lange Front zu einer Schwenkung zwang, nach der sie stand. Aufglänzend ging ein Gleiten die Glastür abwärts; und ein Windhund drang aus ihrem Aufgehn, seine nahen Seiten heruntertragend von den flachen Stufen.

DIE SONNENUHR

Selten reicht ein Schauer feuchter Fäule aus dem Gartenschatten, wo einander Tropfen fallen hören und ein Wander- vogel lautet, zu der Säule, die in Majoran und Koriander steht und Sommerstunden zeigt;

nur sobald die Dame (der ein Diener nachfolgt) in dem hellen Florentiner über ihren Rand sich neigt, wird sie schattig und verschweigt--.

Oder wenn ein sommerlicher Regen aufkommt aus dem wogenden Bewegen hoher Kronen, hat sie eine Pause; denn sie weiß die Zeit nicht auszudrücken, die dann in den Frucht- und Blumenstücken plötzlich glüht im weißen Gartenhause.

SCHLAFMOHN

Abseits im Garten blüht der böse Schlaf, in welchem die, die heimlich eingedrungen, die Liebe fanden junger Spiegelungen, die willig waren, offen und konkav,

und Träume, die mit aufgeregten Masken auftraten, riesiger durch die Kothurne--: das alles stockt in diesen oben flasken weichlichen Stengeln, die die Samenurne

(nachdem sie lang, die Knospe abwärts tragend zu welken meinten) festverschlossen heben: gefranste Kelche auseinanderschlagend, die fieberhaft das Mohngefäß umgeben.

DIE FLAMINGOS

PARIS, JARDIN DES PLANTES

In Spiegelbildern wie von Fragonard ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte nicht mehr gegeben, als dir einer böte, wenn er von seiner Freundin sagt: sie war

noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüne und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht, beisammen, blühend, wie in einem Beet, verführen sie verführender als Phryne

sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche hinhalsend bergen in der eignen Weiche, in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.

Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière; sie aber haben sich erstaunt gestreckt und schreiten einzeln ins Imaginäre.

PERSISCHES HELIOTROP

Es könnte sein, daß dir der Rose Lob zu laut erscheint für deine Freundin: nimm das schön gestickte Kraut und überstimm mit dringend flüsterndem Heliotrop

den ßülbül, der an ihren Lieblingsplätzen sie schreiend preist und sie nicht kennt. Denn sieh: wie süße Worte nachts in Sätzen beisammenstehn ganz dicht, durch nichts getrennt, aus der Vokale wachem Violett hindüftend durch das stille Himmelbett--:

so schließen sich vor dem gesteppten Laube deutliche Sterne zu der seidnen Traube und mischen, daß sie fast davon verschwimmt, die Stille mit Vanille und mit Zimt.

SCHLAFLIED

Einmal, wenn ich dich verlier, wirst du schlafen können, ohne daß ich wie eine Lindenkrone mich verflüstre über dir?

Ohne daß ich hier wache und Worte, beinah wie Augenlider, auf deine Brüste, auf deine Glieder niederlege, auf deinen Mund?

Ohne daß ich dich verschließ und dich allein mit Deinem lasse, wie einen Garten mit einer Masse von Melissen und Sternanis?

DER PAVILLON

Aber selbst noch durch die Flügeltüren mit dem grünen, regentrüben Glas ist ein Spiegeln lächelnder Allüren und ein Glanz von jenem Glück zu spüren, das sich dort, wohin sie nicht mehr führen, einst verbarg, verklärte und vergaß.

Aber selbst noch in den Steingirlanden über der nicht mehr berührten Tür ist ein Hang zur Heimlichkeit vorhanden und ein stilles Mitgefühl dafür,

und sie schauern manchmal wie gespiegelt, wenn ein Wind sie schattig überlief; auch das Wappen, wie auf einem Brief viel zu glücklich, überstürzt gesiegelt,

redet noch. Wie wenig man verscheuchte: alles weiß noch, weint noch, tut noch weh. Und im Fortgehn durch die tränenfeuchte, abgelegene Allee

fühlt man lang noch auf dem Rand des Dachs jene Urnen stehen, kalt, zerspalten, doch entschlossen, noch zusammzuhalten um die Asche alter Achs.

DIE ENTFÜHRUNG

Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen entwichen, um die Nacht und den Wind (weil sie drinnen so anders sind) draußen zu sehn an ihrem Beginnen;

doch keine Sturmnacht hatte gewiß den riesigen Park so in Stücke gerissen, wie ihn jetzt ihr Gewissen zerriß,

da er sie nahm von der seidenen Leiter und sie weitertrug, weiter, weiter:

bis der Wagen alles war.

Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen, um den verhalten das Jagen stand und die Gefahr. Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen; und das Schwarze und Kalte war auch in ihr. Sie kroch in ihren Mantelkragen und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier, und hörte fremd einen Fremden sagen: Ichbinbeidir.

ROSA HORTENSIE

Wer nahm das Rosa an? Wer wußte auch, daß es sich sammelte in diesen Dolden? Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden, entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.

Daß sie für solches Rosa nichts verlangen, bleibt es für sie und lächelt aus der Luft? Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen, wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?

Oder vielleicht auch geben sie es preis, damit es nie erführe vom Verblühn. Doch unter diesem Rosa hat ein Grün gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß.

DAS WAPPEN

Wie ein Spiegel, der, von ferne tragend, lautlos in sich aufnahm, ist der Schild; offen einstens, dann zusammenschlagend über einem Spiegelbild

jener Wesen, die in des Geschlechts Weiten wohnen, nicht mehr zu bestreiten, seiner Dinge, seiner Wirklichkeiten (rechte links und linke rechts),

die er eingesteht und sagt und zeigt. Drauf, mit Ruhm und Dunkel ausgeschlagen, ruht der Spangenhelm, verkürzt,

den das Flügelkleinod übersteigt, während seine Decke wie mit Klagen reich und aufgeregt herniederstürzt.

DER JUNGGESELLE

Lampe auf den verlassenen Papieren, und ringsum Nacht bis weit hinein ins Holz der Schränke. Und er konnte sich verlieren an sein Geschlecht, das nun mit ihm zerschmolz; ihm schien, je mehr er las, er hätte ihren, sie aber hatten alle seinen Stolz.

Hochmütig steiften sich die leeren Stühle die Wand entlang, und lauter Selbstgefühle machten sich schläfernd in den Möbeln breit; von oben goß sich Nacht auf die Pendüle, und zitternd rann aus ihrer goldnen Mühle, ganz fein gemahlen, seine Zeit.

Er nahm sie nicht. Um fiebernd unter jenen, als zöge er die Laken ihrer Leiber, andre Zeiten wegzuzerrn. Bis er ins Flüstern kam; (was war ihm fern?) Er lobte einen dieser Briefeschreiber, als sei der Brief an ihn: wie du mich kennst; und klopfte lustig auf die Seitenlehnen. Der Spiegel aber, innen unbegrenzter, ließ leise einen Vorhang aus, ein Fenster--: denn dorten stand, fast fertig, das Gespenst.

DER EINSAME

Nein: ein Turm soll sein aus meinem Herzen und ich selbst an seinen Rand gestellt: wo sonst nichts mehr ist, noch einmal Schmerzen und Unsäglichkeit, noch einmal Welt.

Noch ein Ding allein im Übergroßen, welches dunkel wird und wieder licht, noch ein letztes, sehnendes Gesicht in das Nie-zu-Stillende verstoßen,

noch ein äußerstes Gesicht aus Stein, willig seinen inneren Gewichten, das die Weiten, die es still vernichten, zwingen, immer seliger zu sein.

DER LESER

Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten, das nur das schnelle Wenden voller Seiten manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß, ob er es ist, der da mit seinem Schatten Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten, was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis

er mühsam aufsah: alles auf sich hebend, was unten in dem Buche sich verhielt, mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend anstießen an die fertig-volle Welt: wie stille Kinder, die allein gespielt, auf einmal das Vorhandene erfahren; doch seine Züge, die geordnet waren, blieben für immer umgestellt.

DER APFELGARTEN

BORGEBY-GARD

Komm gleich nach dem Sonnenuntergänge, sieh das Abendgrün des Rasengrunds; ist es nicht, als hätten wir es lange angesammelt und erspart in uns,

um es jetzt aus Fühlen und Erinnern, neuer Hoffnung, halbvergeßnem Freun, noch vermischt mit Dunkel aus dem Innern, in Gedanken vor uns hinzustreun

unter Bäume wie von Dürer, die das Gewicht von hundert Arbeitstagen in den überfüllten Früchten tragen, dienend, voll Geduld, versuchend, wie

das, was alle Maße übersteigt, noch zu heben ist und hinzugeben, wenn man willig, durch ein langes Leben nur das Eine will und wächst und schweigt?

DIE BERUFUNG

Da aber als in sein Versteck der Hohe, sofort Erkennbare: der Engel, trat aufrecht, der lautere und lichterlohe, da tat er allen Anspruch ab und bat,

bleiben zu dürfen, der von seinen Reisen innen verwirrte Kaufmann, der er war; er hatte nie gelesen und nun gar ein solches Wort, zu viel für einen Weisen.

Der Engel aber, herrisch, wies und wies ihm, was geschrieben stand auf seinem Blatte, und gab nicht nach und wollte wieder: lies.

Da las er: so, daß sich der Engel bog, und war schon einer, der gelesen _hatte_ und konnte und gehorchte und vollzog.

DER BERG

Sechsunddreißigmal und hundertmal hat der Maler jenen Berg geschrieben, weggerissen, wieder hingetrieben (sechsunddreißigmal und hundertmal)

zu dem unbegreiflichen Vulkane, selig, voll Versuchung, ohne Rat,-- während der mit Umriß Angetane seiner Herrlichkeit nicht Einhalt tat:

tausendmal aus allen Tagen tauchend, Nächte ohnegleichen von sich ab fallen lassend, alle wie zu knapp; jedes Bild im Augenblick verbrauchend, von Gestalt gesteigert zu Gestalt, teilnahmslos und weit und ohne Meinung--, um auf einmal wissend, wie Erscheinung, sich zu heben hinter jedem Spalt.

DER BALL

Du Runder, der das Warme aus zwei Händen im Fliegen oben fortgibt, sorglos wie sein Eigenes; was in den Gegenständen nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,

zu wenig Ding und doch noch Ding genug, um nicht aus allem draußen Aufgereihten unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten: das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

noch Unentschlossener, der, wenn er steigt, als hätte er ihn mit hinaufgehoben, den Wurf entführt und freiläßt--, und sich neigt und einhält und den Spielenden von oben auf einmal eine neue Stelle zeigt, sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

um dann, erwartet und erwünscht von allen, rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur, dem Becher hoher Hände zuzufallen.

DAS KIND

Unwillkürlich sehn sie seinem Spiel lange zu; zuweilen tritt das runde seiende Gesicht aus dem Profil, klar und ganz wie eine volle Stunde,

welche anhebt und zu Ende schlägt. Doch die andern zählen nicht die Schläge, trüb von Mühsal und vom Leben träge; und sie merken gar nicht, wie es trägt--;

wie es alles trägt, auch dann, noch immer, wenn es müde in dem kleinen Kleid neben ihnen wie im Wartezimmer sitzt und warten will auf seine Zeit.

DER HUND

Da oben wird das Bild von einer Welt aus Blicken immerfort erneut und gilt. Nur manchmal, heimlich, kommt ein Ding und stellt sich neben ihn, wenn er durch dieses Bild

sich drängt, ganz unten, anders, wie er ist; nicht ausgestoßen und nicht eingereiht und wie im Zweifel seine Wirklichkeit weggebend an das Bild, das er vergißt,

um dennoch immer wieder sein Gesicht hineinzuhalten, fast mit einem Flehen, beinah begreifend, nah am Einverstehen und doch verzichtend: denn er wäre nicht.

DER KÄFERSTEIN

Sind nicht Sterne fast in deiner Nähe, und was gibt es, das du nicht umspannst, da du dieser harten Skarabäe Karneolkern gar nicht fassen kannst

ohne jenen Raum, der ihre Schilder niederhält, auf deinem ganzen Blut mitzutragen; niemals war er milder, näher, hingegebener. Er ruht

seit Jahrtausenden auf diesen Käfern, wo ihn keiner braucht und unterbricht; und die Käfer schließen sich und schläfern unter seinem wiegenden Gewicht.

BUDDHA IN DER GLORIE

Mitte aller Mitten, Kern der Kerne, Mandel, die sich einschließt und versüßt,-- dieses alles bis an alle Sterne ist dein Fruchtfleisch: Sei gegrüßt.

Sieh, du fühlst, wie nichts mehr an dir hängt; im Unendlichen ist deine Schale, und dort steht der starke Saft und drängt. Und von außen hilft ihm ein Gestrahle,

denn ganz oben werden deine Sonnen voll und glühend umgedreht. Doch in dir ist schon begonnen, was die Sonnen übersteht.

INHALT

Archaischer Torso Apollos Kretische Artemis Leda Delphine Die Insel der Sirenen Klage um Antinous Der Tod der Geliebten Klage um Jonathan Tröstung des Elia Saul unter den Propheten Samuels Erscheinung vor Saul Ein Prophet Jeremias Eine Sibylle Absaloms Abfall Esther Der aussätzige König Legende von den drei Lebendigen und den drei Toten Der König von Münster Totentanz Das Jüngste Gericht Die Versuchung Der Alchimist Der Reliquienschrein Das Gold Der Stylit Die ägyptische Maria Kreuzigung Der Auferstandene Magnifikat Adam Eva Irre im Garten (Dijon) Die Irren Aus dem Leben eines Heiligen Die Bettler Fremde Familie Leichenwäsche Eine von den Alten (Paris) Der Blinde (Paris) Eine Welke Abendmahl Die Brandstätte Die Gruppe (Paris) Schlangenbeschwörung Schwarze Katze Vor-Ostern (Neapel) Der Balkon (Neapel) Auswanderer-Schiff (Neapel) Landschaft Römische Campagna Lied vom Meer (Capri, Piccola Marina) Nächtliche Fahrt (Sankt Petersburg) Papageienpark (Paris) Die Parke I-VII Bildnis Venezianischer Morgen Spätherbst in Venedig San Marco (Venedig) Ein Doge Die Laute Der Abenteurer I, II Falkenbeize Corrida (In memoriam Montez, 1830) Don Juans Kindheit Don Juans Auswahl Sankt Georg Dame auf einem Balkon Begegnung in der Kastanien-Allee Die Schwestern Übung am Klavier Die Liebende Das Roseninnere Damen-Bildnis aus den achtziger Jahren Dame vor dem Spiegel Die Greisin Das Bett Der Fremde Die Anfahrt Die Sonnenuhr Schlafmohn Die Flamingos (Paris, Jardin des Plantes) Persisches Heliotrop Schlaflied Der Pavillon Die Entführung Rosa Hortensie Das Wappen Der Junggeselle Der Einsame Der Leser Der Apfelgarten (Borgeby-Gard) Die Berufung Der Berg Der Ball Das Kind Der Hund Der Käferstein Buddha in der Glorie